Sämtliche Werke 5-6

Part 52

Chapter 523,709 wordsPublic domain

Ein unbändiges Gebrüll erhob sich von allen Seiten. Ohrenbetäubendes Klatschen und Trampeln erschütterte den Saal. Es applaudierte schon beinahe die Hälfte der Anwesenden. Die Harmlosesten wurden mitgerissen: Rußland wurde öffentlich geschmäht, entehrt, vor dem ganzen Publikum heruntergerissen -- wie sollte man da nicht brüllen vor Entzücken?

»Das ist's! ... Der weiß es! ... Der hat recht! Hurra ... Das ist besser als Ästhetik! ... Hurra!«

Triumphierend fuhr der Maniak in seiner Rede fort: »Seit der Zeit sind zwanzig Jahre vergangen! Die Universitäten haben sich vermehrt! Das Exerzieren in den Hörsälen ist zur Legende geworden! An Offizieren im Heer fehlt's jetzt zu Tausenden! Die Eisenbahnen haben alles Kapital verschlungen und Rußland wie mit einem Spinngewebe überzogen, so daß man in zehn bis fünfzehn Jahren vielleicht auch wirklich wird reisen können. Die Brücken brennen nur selten, aber die Städte dafür um so häufiger. Auf den Gerichten werden salomonische Urteile gefällt, doch die Geschworenen nehmen Schweigegelder an, um nicht Hungers zu sterben! Die befreiten Leibeigenen peitschen sich jetzt gegenseitig, an Stelle der Gutsbesitzer, die es früher taten! Ozeane von Schnaps trinkt man aus, damit das Budget zustande kommt! Und in Nowgorod hat man vor der alten und unnützen Sophienkirche eine kolossale Kugel aufgestellt und feierlich enthüllt, als Denkmal der tausendjährigen Unordnung und Sinnlosigkeit, die wir jetzt glücklich hinter uns haben! Europa aber ärgert sich und fühlt sich von neuem beunruhigt ... Fünfzehn Jahre der Reformen! Indessen ist Rußland noch niemals, nicht einmal in den groteskesten Zeiten seines ganzen unsinnigen Bestehens, zu solch einer ...«

Seine letzten Worte wurden schon vom Gebrüll der Menge verschlungen. Man sah nur noch, wie er wieder die Faust erhob und sie dann wieder niedersausen ließ. Der Jubel überstieg bereits alle Grenzen. Man schrie, man heulte, man klatschte unbändig in die Hände. Sogar einzelne Damen riefen: »Genug! Besseres können Sie nicht mehr sagen!« Man war wie betrunken. Oben auf der Tribüne aber stand der Redner, überschaute alle und schmolz gleichsam in seinem Triumphgefühl.

Ich sah nur noch, wie Lembke in unaussprechlicher Aufregung irgendjemandem irgendetwas befahl. Neben ihm stand Julija Michailowna kreideweiß. Der junge Fürst näherte sich ihnen schnell. Sie flüsterte ihm etwas zu. Doch in diesem Moment sah ich schon mehrere Herren auf der Tribüne, meist offizielle Persönlichkeiten, die sich blitzschnell auf den Redner warfen und ihn hinter die Kulissen schleppten. Irgendwie gelang es aber diesem doch noch, sich loszureißen, und im Augenblick stand er wieder auf der Tribüne, um, mit erhobener Faust, gerade noch schreien zu können:

»Aber noch nie ist Rußland zu solch einer ...«

Doch schon hatte man ihn wieder gepackt, überwältigt und schleppte ihn weg. Sogleich stürmte ein ganzer Haufe von etwa fünfzehn Mann hinter die Kulissen, um ihn zu befreien, stürmte seitlich an der Tribüne vorüber, riß eine Barriere um ...

Ich sah nur noch, daß plötzlich -- ich traute meinen Augen nicht -- die Studentin (Wirginskis Schwester) auf der Tribüne stand. Sie hielt dieselbe Papierrolle in der Hand, war ebenso angezogen, ebenso rundlich, doch hinter ihr standen noch zwei oder drei Gesinnungsgenossinnen und zwei oder drei Genossen, unter diesen auch ihr Todfeind, der Gymnasiast. Ich vernahm sogar noch ihre ersten Worte:

»Ich bin gekommen, um Ihnen von den Leiden der unglücklichen Studenten zu erzählen und alle zu einem Protest aufzurufen!« ...

Doch da lief ich schon hinaus. Mein Festordnerband steckte ich in die Tasche, durch eine Hintertür gelangte ich auf die Straße. Mein erster Weg war natürlich zu Stepan Trophimowitsch.

Siebzehntes Kapitel. Das Ende des Festes

I.

Stepan Trophimowitsch empfing mich nicht. Er hatte sich eingeschlossen und schrieb. Auf mein Klopfen und Rufen hin antwortete er mir nur durch die verschlossene Tür:

»Lieber Freund, ich habe mit allem abgeschlossen, wer kann noch mehr von mir verlangen?«

»Sie haben gar nicht mit allem abgeschlossen! Sie haben nur das Ihre dazu beigetragen, daß alles zusammenbrach! Im Ernst, Stepan Trophimowitsch, machen Sie die Tür auf, man muß Vorkehrungen treffen. Die Bande kann schließlich noch zu Ihnen kommen, um Sie zu beschimpfen ...«

Ich hielt mich für berechtigt, streng mit ihm zu reden. Vor allem fürchtete ich, daß er irgendeine Torheit begehen könnte. Aber zu meinem Erstaunen stieß ich bei ihm auf feste Entschlossenheit.

»Wenn Sie mich nur nicht als erster beleidigen wollten. Ich danke Ihnen für alles Gewesene, aber ich muß Ihnen wiederholen, daß ich mit allem abgeschlossen habe, mit dem Guten, wie mit dem Bösen. Ich schreibe soeben einen Brief an Darja Pawlowna, die ich unverzeihlicherweise bis jetzt ganz vergessen hatte. Morgen bringen Sie ihr dann den Brief, wenn Sie so freundlich sein wollen. Heute aber -- >_Merci_<.«

»Stepan Trophimowitsch, ich versichere Ihnen, daß die Sache ernster ist, als Sie glauben. Oder glauben Sie vielleicht, daß Sie dort jemanden zerschmettert haben? Ach, doch nur sich selbst, wie ein leeres Glas!« (Oh, ich war roh und grausam; heute ist mir das eine schmerzliche Erinnerung!) »An Darja Pawlowna haben Sie jetzt entschieden nichts zu schreiben ... und was wollen Sie jetzt ohne mich anfangen? Was wissen Sie denn von der Wirklichkeit? Sicher haben Sie jetzt irgendeine besondere Absicht! Was haben Sie vor, Stepan Trophimowitsch? Sicher werden Sie sich noch einmal blamieren, wenn Sie wieder etwas unternehmen ...«

Er stand auf und kam zur Tür.

»Sie haben noch nicht lange mit diesen Leuten verkehrt, und doch haben Sie deren Sprache und Ton schon angenommen. _Dieu vous pardonne, mon ami, et Dieu vous garde._{[179]} Aber ich habe in Ihnen immer einen gewissen inneren Anstand wahrgenommen, und so hoffe ich, daß Sie noch zur Besinnung kommen werden -- _après le temps_{[180]} natürlich, wie wir alle, wir russischen Menschen. Was Ihre Bemerkung über meine Unkenntnis der Wirklichkeit betrifft, so möchte ich Sie an einen alten Gedanken von mir erinnern: daß bei uns in Rußland unzählige Menschen sich nur damit beschäftigen, mit größtem Wuteifer und mit einer Unermüdlichkeit, die an Fliegen im Sommer gemahnt, über alle anderen herzufallen, indem sie ihnen Unkenntnis der Wirklichkeit vorwerfen. Jedem Menschen machen sie den Vorwurf, er sei >unpraktisch<, nur sich selbst machen sie ihn nie. _Cher_, bedenken Sie, daß ich erregt bin, und quälen Sie mich nicht. Noch einmal Dank für alles und scheiden wir voneinander, wie Karmasinoff vom Publikum -- das heißt, vergessen wir uns gegenseitig so großmütig wie möglich. Das war von ihm übrigens nur eine Finte, daß er seine alten Leser so inständig bat, ihn zu vergessen. _Quant à moi_,{[181]} so bin ich nicht so selbstsüchtig und verlasse mich vor allem auf die Jugend Ihres unversuchten Herzens: wozu sollten Sie sich lange eines nutzlosen Greises erinnern? Darum, mein Freund, >leben Sie mehr<, wie mir Nastassja zu meinem letzten Namenstage wünschte (_ces pauvres gens ont quelque fois des mots charmants et pleins de philosophie_{[182]}). Nicht zu viel Glück wünsche ich Ihnen, das würde langweilig werden. Aber ich wünsche Ihnen auch kein Unglück, sondern sage nur wie der Volksmund: >Leben Sie mehr<! Und versuchen Sie irgendwie, sich nicht zu grämen. Diesen überflüssigen Wunsch füge ich noch von mir aus hinzu. Und nun leben Sie wohl. Im Ernst gesagt: leben Sie wohl. -- Bleiben Sie nicht an meiner Tür, ich werde nicht aufmachen.«

Er ging auch tatsächlich fort von der Tür und ich konnte nichts weiter von ihm erfahren. Ungeachtet seines Geständnisses, daß er »erregt« sei, hatte er langsam, fließend und eindringlich gesprochen. Natürlich war er mir aus irgendeinem Grunde gram und rächte sich nun auf diese Weise. Vor allem aber brachten ihn die Tränen, die er am Morgen vor dem Publikum geweint, wenn er auch vorher einen halben Sieg errungen hatte, in eine etwas komische Lage, und das fühlte er wohl selbst. Nun war aber gewiß kein Mensch gerade um die Schönheit und die Strenge der äußeren Formen -- selbst im Verkehr mit seinen Freunden -- so besorgt wie Stepan Trophimowitsch. Oh, ich mache ihm keinen Vorwurf! Damals aber war es eben diese Erwägung, daß ein Mensch, der sich trotz aller Erschütterung in dieser gewissen Pedanterie und diesem Sarkasmus treu blieb, doch wohl nicht so erschüttert sein konnte, um nun geneigt zu sein, etwas Tragisches oder Außergewöhnliches zu unternehmen. So dachte ich damals bei mir, aber, o Gott, wie täuschte ich mich! Ich ließ doch gar zu vieles außer acht ...

Hier möchte ich nun, obgleich ich damit den Ereignissen vorgreife, einige Zeilen aus dem Brief mitteilen, den Darja Pawlowna am anderen Tage tatsächlich erhielt.

»_Mon enfant!_{[183]} Meine Hand zittert, aber ich habe mit allem abgeschlossen. Sie waren nicht zugegen bei meinem letzten Zusammenstoß mit den Menschen, bei diesem >Vortrag<, und Sie taten recht. Aber man wird Ihnen erzählen, daß in unserem an Charakteren gänzlich verarmten Rußland ein Mensch sich erhoben und trotz der Gefahren, die er lief, diesen kleinen Dummköpfen die ganze Wahrheit gesagt hat, das heißt: daß sie dumme Närrchen sind. _Oh, ce sont des pauvres petits vauriens et rien de plus, des petits_ Närrchen -- _voilà le mot_!{[184]} Der Würfel ist gefallen. Ich verlasse diese Stadt. Ich kehre niemals wieder. Ich weiß noch nicht, wohin ich meinen Fuß setzen werde. Alle, die ich liebte, haben sich von mir abgewandt. Nur Sie, Sie reines und gutes Geschöpf, Sie Sanfte, deren Schicksal sich beinahe mit dem meinen vereinigt hätte, nach dem Willen eines kapriziösen und herrschsüchtigen Frauenherzens, Sie, die vielleicht mit Verachtung auf mich herabsehen, seit ich am Vorabend unserer nicht zustande gekommenen Heirat meine kleinmütigen Tränen vergossen habe; Sie, die in mir gewiß nichts anderes sehen können, als einen lächerlichen Menschen, nur Sie, oh, nur Sie grüße ich noch! Nur Ihnen noch diesen letzten Schrei meines Herzens, Ihnen meine letzte Pflicht, Ihnen allein! Kann ich Sie doch nicht so auf ewig verlassen! -- mit der Vorstellung von mir als einem undankbaren, unwissenden, selbstsüchtigen Toren, wie mich Ihnen wohl täglich ein undankbares und grausames Herz schildert, ein Herz, das ich -- o Schmerz! -- nicht vergessen kann ...«

Der Brief war auf einem Bogen großen Formats geschrieben und vier Seiten lang ...

... Ich pochte noch dreimal an die Tür, nachdem er mit den Worten, er werde nicht aufmachen, ins Zimmer zurückgegangen war. Dann rief ich ihm zu, daß er heute noch dreimal Nastassja zu mir schicken werde mit der Bitte, zu ihm zu kommen, aber dann werde das gleichfalls vergeblich sein. Damit ging ich fort und begab mich zu Julija Michailowna.

II.

Hier sollte ich Zeuge einer empörenden Szene werden: die arme Frau wurde auf eine geradezu infame Weise betrogen. Ich sah es, aber ich war ja machtlos. Was hätte ich ihr denn sagen sollen? Ich hatte ja selbst nur erst unklare Vorgefühle, doch keinen einzigen Beweis für meinen Verdacht.

Als ich eintrat, lag sie weinend unter Eau de Cologne-Kompressen und Eiswasser auf der Chaiselongue. Vor ihr standen Pjotr Stepanowitsch, der ununterbrochen redete, und der junge Fürst, der ununterbrochen schwieg, als hätte man ihm mit einem Schlüssel den Mund verschlossen.

Unter Tränen warf sie Pjotr Stepanowitsch seine »Abtrünnigkeit« vor. Sonderbar war dabei, daß sie nur ihm allein und seiner Abwesenheit das Mißlingen und den ganzen Zusammenbruch des Festes zuschrieb.

An Pjotr Stepanowitsch selber fiel mir eine merkwürdige Veränderung auf: er war ungewöhnlich ernst und offenbar mit irgendwelchen Gedanken beschäftigt. Sonst war er ja nie ernst gewesen, sondern hatte immer gelacht, selbst dann, wenn er sich ärgerte -- und er ärgerte sich oft. Auch jetzt war er sichtlich geärgert, sprach grob, nachlässig und rücksichtslos, voll Hast und Ungeduld. Er versicherte, daß er die ganze Zeit mit Kopfschmerzen und Übelkeit bei Gaganoff gelegen hätte, zu dem er, wie er sagte, schon am frühen Morgen gegangen wäre: an ein Erscheinen auf der Matinee sei auch nicht einmal zu denken gewesen.

Jetzt drehte sich der ganze Streit hauptsächlich darum, ob die andere Hälfte des Festes, der Ball am Abend, stattfinden sollte oder nicht?

Julija Michailowna wollte unter keiner Bedingung auf ihm erscheinen -- oder vielmehr, sie wollte mit aller Gewalt darum gebeten werden, und zwar gerade von Pjotr Stepanowitsch. Sie hörte noch immer auf ihn wie auf ein Orakel, und da es durchaus in seinen dunklen Plänen lag, daß der Ball heute noch stattfand und Julija Michailowna auf ihm erschien, so bat er denn auch.

»Warum weinen Sie denn? Sie müssen natürlich wieder eine Szene machen! Wir aber müssen jetzt zu einem Entschluß kommen. Was am Morgen verdorben wurde, machen wir am Abend wieder gut! Auch der Fürst ist ganz meiner Meinung. Tja, wenn der Fürst nicht gewesen wäre, womit würde das wohl geendet haben!«

Daß dies auch die Meinung des Fürsten sei, war nun freilich nicht ganz richtig. Dieser war nämlich zunächst nur dafür, daß der Ball stattfand, nicht aber dafür, daß Julija Michailowna auf ihm erschien. Schließlich schien er aber auch dagegen nichts mehr einzuwenden zu haben.

Mich setzte nun vor allem die unglaubliche Frechheit Pjotr Stepanowitschs in Erstaunen. Daß an den gewöhnlichen Klatschgeschichten, die über die Art seines Verhältnisses zu Julija Michailowna umliefen, kein wahres Wort war, wußte ich. Er beherrschte diese Frau einfach dadurch, daß er auf alle ihre gesellschaftlichen Träume und ehrgeizigen Pläne, auf ihre Absicht, im Gouvernement eine besondere Rolle zu spielen und selbst den Petersburgern zu imponieren, in geschickter Weise einging und ihr mit den gröbsten Schmeicheleien um den Mund redete. Aber erstaunlich war es doch, wie rasch er sich jetzt wieder bei ihr in Gunst zu setzen wußte.

Als sie mich eintreten sah, rief sie mit blitzenden Augen:

»Da! fragen Sie ihn, er ist die ganze Zeit nicht von mir gewichen, ganz wie der Fürst! Und Sie, -- erklären Sie ihm doch bitte, daß dieser ganze Skandal nichts als eine Verschwörung gegen mich und Andrei Antonowitsch war! Oh, die hatten sich alle verschworen! Sie hatten einen gemeinsamen Plan! Es war alles im voraus darauf abgesehen!« ...

»Sie irren sich, wie immer! Stets ein Poem im Kopf! Ich bin übrigens froh, den Herrn ...« er tat, als habe er meinen Namen vergessen ... »er wird uns seine Meinung sagen.«

»Ich bin ganz der Ansicht Julija Michailownas,« beeilte ich mich zu erklären. »Daß eine Verabredung vorlag, das sah man doch nur zu deutlich. Ich bringe Ihnen im übrigen hier meine Bänder, Julija Michailowna. Ob der Ball zustande kommt oder nicht, das ist natürlich nicht meine Sache. Doch meine Rolle als Anordner ist zu Ende. Entschuldigen Sie, aber ich kann nicht gegen meine Überzeugung handeln und -- gegen allen gesunden Menschenverstand.«

»Hören Sie, hören Sie!« rief sie und schlug die Hände zusammen.

»Ich höre ja schon ... Aber was ich noch sagen wollte,« wandte sich Pjotr Stepanowitsch zu mir, »ich bin jetzt überzeugt, daß alle irgend etwas gegessen haben müssen, wovon sie krank geworden sind. Meiner Meinung nach ist nichts geschehen, nichts, was nicht auch früher schon bei solchen Festen fast immer geschehen ist. Was für eine Verabredung sollte denn das gewesen sein? Es sind da ein paar scheußliche Dummheiten passiert, aber was hat das mit einer Verschwörung zu tun? Das war nicht gegen Julija Michailowna persönlich, sondern höchstens gegen ihre Günstlinge und Schützlinge gerichtet! Julija Michailowna! Was habe ich Ihnen den ganzen Monat ununterbrochen vorgehalten? Wovor habe ich Sie gewarnt? Nun, sagen Sie mir doch: wozu, wozu brauchten Sie dieses ganze Volk da? -- Wozu mit solch einem Pack sich abgeben? Warum und wozu war das nötig?«

»Wann haben Sie mich gewarnt? Im Gegenteil, Sie begünstigten das, Sie verlangten sogar ... Sie selbst haben mir allerhand sonderbare Menschen zugeführt!«

»Im Gegenteil, ich habe mich mit Ihnen wegen dieser Leute herumgestritten, aber nicht sie begünstigt und eingeführt! Jetzt soll ich es gewesen sein, der dieses Pack hier eingeführt hat, womöglich noch in letzter Zeit, als sie schon zu Dutzenden herbeiströmten, um diese >literarische Quadrille< mitzumachen! Ich könnte wetten, daß es gerade diese Mimen gewesen sind, die alles mögliche Volk ohne Billetts eingeführt haben.«

»Das dürfte stimmen!« bemerkte ich.

»Sehen Sie, schon müssen Sie mir recht geben. Und erinnern Sie sich doch nur, welch ein Ton hier in der letzten Zeit eingerissen war! Das war ja schon die richtige Gemeinheit, das war ja ein Skandal und Lärm, daß einem die Ohren davon weh taten! Und wer begünstigte das? Wer deckte das alles mit seiner Autorität? Wer hat hier alle irre gemacht? Wer hat hier alle Spießer erbittert? Sind doch in Ihrem Album alle hiesigen Familiengeheimnisse karikiert! Und haben nicht Sie, gerade Sie alle unsere Stegreifdichter und Karikaturisten verwöhnt, haben Sie sich nicht sogar von einem Lämschin die Hand küssen lassen? Und hat nicht in Ihrer Gegenwart der Seminarist einen Staatsrat beschimpfen dürfen und der Tochter des Staatsrats mit seinen Schmierstiefeln das Kleid abgetreten? Warum wundern Sie sich nun noch, daß das Publikum Ihnen jetzt nicht gerade freundlich gesinnt ist?«

»Aber das haben doch alles Sie selbst ... O Gott!«

»Ich? ich habe Sie immer nur gewarnt! Worüber hätten wir uns denn sonst die ganze Zeit gestritten?«

»Aber Sie lügen mir ja ins Gesicht!«

»Nun ja, das kostet Ihnen ja weiter nichts, so was zu sagen. Sie haben jetzt ein Opfer nötig, an dem Sie Ihren Ärger auslassen können -- da komme ich Ihnen gerade recht. Ich werde mich lieber an Sie wenden, Herr ...« Er konnte sich offenbar noch immer nicht auf meinen Namen besinnen. »Zählen wir's doch an den Fingern ab: ich behaupte, daß außer der Liputingeschichte keine einzige Verabredung sich nachweisen läßt, kei--ne ein--zige! Das werde ich Ihnen sogleich beweisen; aber nehmen wir zuerst Liputin. Er trat mit dem Gedicht des Dummkopfs Lebädkin auf -- schön! oder vielmehr, das war nicht schön. Aber was soll denn das für eine >Verschwörung< sein? Er kam sich einfach geistreich vor! Im Ernst: geistreich! Er wollte einen Witz machen, uns unterhalten, erheitern, -- verlassen Sie sich darauf! ... und nicht nur uns, sondern vor allen anderen die Protektrice Julija Michailowna erheitern! Und das ist alles! Sie glaubens nicht? Aber war denn das nicht ein Witz in genau demselben Tone, wie er hier schon den ganzen letzten Monat herrschte? Und wenn Sie wollen, daß ich alles sage: bei Gott, unter anderen Umständen wäre er vielleicht auch glatt durchgegangen! Der Scherz war meinethalben roh, na, sagen wir, war vielleicht ein starkes Stück, aber an sich doch schließlich witzig.«

»Wie! Sie halten diese elende Handlungsweise Liputins auch noch für geistreich?« fragte Julija Michailowna empört, »eine solche Dummheit, eine solche Taktlosigkeit, eine solche Niederträchtigkeit und Gemeinheit, dieser Anschlag! Ja, dann gibt es keine andere Erklärung: dann sind Sie selbst mit jenen im Bunde!«

»Na, natürlich doch! Ich saß ja hinter den Kulissen, habe von dort aus die ganze Maschine dirigiert. -- Wenn ich hinter einer Verschwörung gesteckt hätte, dann, glauben Sie mir, dann wäre das nicht bei Liputin allein geblieben! Folglich steckte ich wohl auch, Ihrer Meinung nach, hinter meinem Papachen? damit er absichtlich einen solchen Skandal heraufbeschwört? Ja, sagen Sie doch: wer ist nun _daran_ schuld, daß man auch Papachen zum Lesen aufforderte? Wer hat Ihnen noch gestern davon abgeraten, noch gestern, gestern!!«

»_Oh, hier il avait tant d'esprit_,{[185]} und ich rechnete so auf ihn! Und dann, er hat doch Manieren! Ich dachte: er und Karmasinoff ... und nun statt dessen!« ...

»Tja, und nun statt dessen! Aber ungeachtet des _tant d'esprit_, hat Papachen alles verpfuscht. Doch da ich das voraussah, so hätte ich, als Mitglied der überzeugend nachweisbaren Verschwörung gegen Ihr Fest, Ihnen doch wohl nicht abgeraten, diesen Ziegenbock zum Gärtner zu machen? Ist's nicht so? Indessen habe ich Ihnen tatsächlich abgeraten, habe noch gestern abgeraten, und zwar, weil ich schon so 'ne Vorahnung hatte, wie das enden würde. Natürlich habe ich nicht alle Details vorausgesehen, das wäre ja auch gar nicht möglich gewesen: er hat doch sicher selber nicht gewußt, womit er im nächsten Augenblick herausplatzen wird. So 'n nervöser Alter ist doch überhaupt kein Mensch mehr! Aber man kann da noch manches retten: schicken Sie gleich morgen, zur Genugtuung des Publikums, zwei Ärzte zu ihm, die sich nach seinem Gesundheitszustande erkundigen, oder schon heute, und dann so -- na, auf administrativem Wege in eine Kaltwasserheilanstalt mit ihm. Wenigstens würden dann alle lachen und einsehen, daß man keine Ursache hat, sich gekränkt zu fühlen. Ich kann ja noch heute auf dem Ball unter der Hand ein paar diesbezügliche Erklärungen abgeben, da ich ja der Sohn bin. Eine andere Sache ist es mit Karmasinoff, der hat sich schön als grüner Esel entpuppt und seinen Gallimathias eine ganze Stunde lang geleiert, -- na, mit dem steckte ich Ihrer Ansicht nach doch zweifellos unter einer Decke! Den habe ich wohl ausdrücklich gebeten, mitzutun, um Julija Michailowna zu schaden!«

»Oh, Karmasinoff, _quelle honte_!{[186]} Ich verging, ich verging vor Schande für unser Publikum!«

»Na, ich wäre nicht vergangen, sondern hätte lieber ihm das Gehen beigebracht. Das Publikum war durchaus im Recht. Aber wer ist nun in diesem Fall wieder der Schuldige? Habe etwa ich Ihnen auch diesen aufgebunden? Habe ich bei seiner Vergötterung mitgeholfen? Doch, zum Teufel mit ihm! Aber der dritte, der Maniak, der Politiker! Das war schon eine andere Nummer! An dem haben sich schon alle versehen, aber nicht ich allein etwa!«

»Ach, reden Sie nicht davon, das ist schrecklich, schrecklich! Daran bin ich, ich allein schuld!«

»Tja, freilich, aber nun muß ich Sie doch verteidigen. So etwas kann niemand voraussehen, -- und wer, zum Teufel, kennt sich denn heute unter diesen >Aufrichtigen< überhaupt noch aus? Vor so einem ist man selbst in Petersburg nicht sicher. Er war Ihnen doch empfohlen! und wie noch! Sehen Sie nun nicht ein, daß Sie sogar verpflichtet sind, auf dem Ball zu erscheinen? Man weiß doch, daß Sie es waren, die ihn auf die Tribüne brachte: darum müssen Sie nun öffentlich zu erkennen geben, daß Sie sich mit ihm nicht solidarisch fühlen, daß der Kerl schon in den Händen der Polizei ist und daß man Sie auf unerklärliche Weise betrogen hat. Sie müssen es mit Unwillen kundgeben, daß Sie das Opfer eines Verrückten gewesen sind. Denn daß der Kerl ein Verrückter ist, sieht doch ein jeder! Ich kann diese Beißenden nicht ausstehen. Freilich rede ich selber manchmal noch schärfer, aber ich tu's doch nicht von der Tribüne aus! Und da reden noch die Leute wie absichtlich gerade jetzt von dem Senator!«

»Von was für einem Senator? Wer redet ...?«

»Tja, was weiß ich! Aber wie, haben Sie denn nichts von einem Senator gehört?«

»Einem Senator? Nein!«

»Ja, sehen Sie, man erzählt sich, daß irgendein Senator hierher geschickt werde, und daß man Sie von Petersburg aus absetzen will. Ich habe es von vielen gehört.«

»Ich allerdings auch!« bestätigte ich.

»Wer hat das gesagt?« fuhr Julija Michailowna auf und das Blut schoß ihr ins Gesicht.

»Wer das zuerst gesagt hat? ... Wie soll ich das wissen. Die ganze Stadt redet so. Besonders gestern sprach man davon. Alle tun so ernst dabei, obgleich man gar nicht recht klug daraus werden kann. Natürlich -- die bißchen Klügeren und Kompetenteren, die reden ja nicht davon, aber auch von diesen hören manche aufmerksam zu.«

»Welch eine Niederträchtigkeit! Und ... welch eine Dummheit!«

»Na, wie gesagt, und schon deshalb müssen Sie erscheinen, um diesen Dummköpfen ...«