Sämtliche Werke 5-6

Part 50

Chapter 503,554 wordsPublic domain

Jetzt sahen alle in ihrem Gesicht eitel Glück. Mit offener Miene, in einer prachtvollen Toilette schritt sie am Arm ihres Gemahls durch den mittleren Gang. Offenbar war sie auf der Höhe ihrer Wünsche: das Fest, das Ziel und die Krönung ihrer ganzen Politik, war verwirklicht. Bei ihren Plätzen -- in der ersten Reihe vor der Tribüne -- angelangt, blieben beide Lembkes stehen, grüßten und erwiderten die Grüße nach allen Seiten. Sie wurden sofort umringt. Die Adelsmarschallin schritt auf sie zu ... Doch da passierte ein garstiges Mißverständnis: das Orchester, das bisher geschwiegen hatte, schmetterte plötzlich mir nichts, dir nichts einen Tusch in den Saal, -- nicht etwa irgendeinen Marsch oder sonst ein Stück, sondern einfach einen Tusch, wie im Klub, wenn dort bei einem offiziellen Diner ein Hoch ausgebracht wurde. Heute weiß ich, daß Lämschin dahintersteckte, der gleichfalls zu den Festordnern gehörte und als solcher diesen Tusch angeblich zu Ehren der erschienenen Lembkes anbefohlen hatte. Natürlich konnte er sich immer noch damit entschuldigen, daß er es aus Dummheit oder aus Übereifer getan habe ... Doch ach, damals wußte ich noch nicht, daß jene an Entschuldigungen schon gar nicht mehr dachten und mit diesem Tage alles zu beenden glaubten. Zur Erhöhung der Peinlichkeit der Situation, die im Publikum teils Befremden, teils ein gewisses Lächeln hervorrief, wurde plötzlich im Hintergrunde des Saales, oben auf dem Chor, Hurra! geschrien, gleichfalls wie Lembkes zu Ehren. Der Stimmen waren zwar nur wenige, aber ich muß gestehen, sie hörten doch nicht so bald auf. Julija Michailowna schoß das Blut in die Wangen, ihre Augen flammten. Lembke blieb vor seinem Platz kerzengerade stehen und übersah, sich zu den Ruhestörern umwendend, mit majestätischem und strengem Blick den Saal ... Man redete ihm aber schnell zu, sich doch nur zu setzen. Mit Schrecken bemerkte ich auf seinem Gesicht dasselbe gefährliche Lächeln, mit dem er tags zuvor im Salon seiner Gemahlin Stepan Trophimowitsch angesehen hatte, bevor er auf ihn zutrat. Wie mir schien, nahm sein Gesicht auch jetzt einen gewissermaßen unheilvollen Ausdruck an und, was das schlimmste dabei war, einen gleichzeitig lächerlichen: den Ausdruck eines Gatten, der sich schließlich -- also sei es denn! -- zum Opfer bringt, nur um den höheren Zielen und Zwecken seiner Gattin zu dienen ... Julija Michailowna winkte mich schnell zu sich heran und flüsterte mir zu, ich solle sofort zu Karmasinoff eilen und ihn beschwören, unverzüglich zu beginnen, doch kaum hatte ich mich umgewandt, um hinauszueilen, da geschah schon eine zweite Schändlichkeit, eine noch viel größere als die erste. Auf der Tribüne, auf der leeren Tribüne, wohin alle Blicke und alle Erwartungen sich wandten und auf der man zunächst nur einen Stuhl und einen Tisch und auf letzterem ein Glas Wasser auf silbernem Tablett sah -- auf dieser selben leeren Tribüne erschien plötzlich die kolossale Gestalt des »Hauptmanns« Lebädkin in Frack und weißer Binde. Ich war so bestürzt, daß ich meinen Augen nicht traute. Augenscheinlich wurde der Hauptmann selbst etwas verlegen und blieb hinten auf der Tribüne stehen. Da ertönte plötzlich aus dem Publikum ein erstaunter Ausruf: »Lebädkin! du?« -- und die dumme, rote Fratze des Hauptmanns (er war vollkommen betrunken) verzog sich zu einem breiten, stumpfsinnigen Grinsen. Er hob die Hand, rieb sich die Stirn, schüttelte plötzlich seinen struppigen Kopf und trat, wie auf einmal zu allem entschlossen, zwei Schritte vor und -- platzte plötzlich in Lachen aus, nicht in ein lautes, aber gallertiges, langes, glückliches Lachen, von dem die ganze schwere Masse seines Körpers ins Schaukeln geriet und die Äuglein im Fett nahezu verschwanden. Bei diesem Anblick begann fast die Hälfte des Publikums zu lachen, in den hinteren Reihen klatschte man Beifall. In dem ernsten Publikum dagegen sah man sich befremdet an und wechselte finstere Blicke; aber das währte alles kaum länger als eine halbe Minute. Da eilten schon Liputin (mit der Festordnerschleife) und zwei Diener herbei; sie faßten behutsam den Hauptmann unter den Armen und Liputin flüsterte ihm etwas zu. Lebädkin sah ihn unwirsch an, brummte aber schließlich: »Nun denn, wenn's so besser ist!« und schlug einmal mit der Hand durch die Luft, worauf er dem Publikum seine riesige Rückseite zuwandte und mitsamt seinen Begleitern verschwand. Doch einen Augenblick später erschien Liputin wieder auf der Tribüne. Auf seinen Lippen lag das süßeste Lächeln, wenn es auch immer noch, wie stets bei ihm, an eine Mischung von Essig und Zucker gemahnte, und in der Hand hielt er ein Blatt Papier. Mit kleinen, schnellen Schritten trat er an den vorderen Rand der Tribüne.

»Meine Damen und Herren!« begann er, sich an das Publikum wendend. »Durch Unachtsamkeit ist ein komisches Mißverständnis entstanden, das jetzt aber schon beseitigt ist. Hoffnungsvoll habe nunmehr ich den Auftrag übernommen und zugleich die ehrerbietigste Bitte eines unserer hiesigen Dichter ... Durchdrungen, wie er ist, von dem humanen und hohen Ziele ... ungeachtet seines äußeren Zustandes ... von demselben Ziele, das uns alle hier vereinigt hat ... die Tränen der armen gebildeten Mädchen unseres Gouvernements hinfüro abzuwischen, ... will dieser Herr, das heißt, ich meine, dieser unser einheimischer Dichter ... obzwar er sein Inkognito gewahrt zu sehen wünscht ... würde er, wie gesagt, dennoch sehr wünschen, daß seine Dichtung vor Beginn des Balles vorgetragen werde ... das heißt, ich wollte vielmehr sagen: vor Beginn der literarischen Vorträge. Obzwar nun besagtes Gedicht im Programm nicht vorgesehen ist ... sintemal es uns erst vor einer halben Stunde zugestellt wurde ... aber es will _uns_ (wen meinte er damit? Ich gebe diese zerhackte und unklare Rede wortwörtlich wieder) dennoch scheinen, daß es, im Hinblick auf die Naivität des Gefühls, die mit Humor verbunden ist, daß ... wie gesagt, daß das Gedicht dennoch vorgetragen zu werden verdiente, das heißt, nicht als etwas Ernstzunehmendes, sondern bloß als etwas zum Feste Passendes ... ich meine, zu der Idee ... Um so mehr, als es ja nur ein paar Zeilen sind ... wozu ich nunmehr um die Erlaubnis des hochverehrten Publikums gebeten haben wollte.«

»Lesen Sie!« dröhnte eine Stimme aus den letzten Reihen.

»So soll ich es vorlesen?«

»Jawohl! Lesen! Vorlesen! Lesen!« riefen jetzt schon viele Stimmen.

»Also denn -- mit Erlaubnis des verehrten Publikums ...« Liputin verbeugte sich und wand sich mit demselben süßen Lächeln.

Aber es war doch, als könne er sich trotzdem nicht entschließen, und wie mir schien, war er merklich aufgeregt. Bei aller Frechheit, die solche Leute wie Liputin besitzen, werden sie manchmal doch unsicher. Übrigens wäre ein Seminarist von heute gewiß nicht unsicher geworden, aber Liputin gehörte ja schließlich doch noch zur alten Generation.

»Ich schicke voraus, oder vielmehr, ich habe die Ehre, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß dieses Gedicht keine Ode ist, wie sie früher zu Festen verfaßt wurden, sondern es ist sozusagen eher ein Scherz, jedoch unstreitig ein gefühlvoller, der überdies mit spielerischer Heiterkeit verbunden ist und dabei sozusagen die realste Wirklichkeit zum Gegenstande hat ...«

»Lesen! Lies doch! Nur los!«

Liputin faltete sein Papier auseinander. Natürlich kam niemand mehr dazu, den Vortrag zu verhindern. Zudem trug auch Liputin das Band eines Festordners an der Schulter, und so deklamierte er denn mit heller Stimme darauf los.

»Unserer einheimischen Gouvernante zum Gouvernantenfest von einem Dichter gewidmet:

Lebe hoch! o Gouvernante! Freue dich und jubiliere, Denn jetzt bleibst du nicht mehr Tante, Oh, sei stolz und triumphiere!«

»Das hat ja Lebädkin gemacht!« »Das ist ja ein echter Lebädkin!« ertönten aus den hinteren Reihen des Saales mehrere Stimmen. Viele lachten, manche klatschten sogar Beifall.

»Feministin oder sonst was! -- Schrecklich ist's, wenn man bedenkt, Wie du früher dich gequält hast, Und dich nutzlos angestrengt!«

»Hurra! Hurra!« unterbrach man wieder in den letzten Reihen.

»Lehren, hieß es, dumme Göhren Manch französisches Gedicht, Doch die wollten dich nie hören, Wie das nun mal Kindespflicht.

Ja, so war's, so ist's gewesen, Doch das laß begraben sein. Der Reformen großer Besen Führt 'ne andre Wertung ein ...«

»Bra--avoooo!«

»Also hör': seit dem Betriebe Der Reformen -- jetzt gib acht! -- Wird die Freiheit und die Liebe Einzig noch vom Geld gemacht ...«

»Stimmt! Bravooo! Hurra!«

»Ja, mein Fräulein, sie ist bitter, Diese Wahrheit, -- nämelich: Auch der allergrößte Ritter Nimmt nicht ohne Mitgift dich!«

»Stimmt! stimmt! Das ist der wahre Realismus! Ohne Mitgift keinen Schritt!«

»Drum, -- da wir nun tanzend spenden Eine Mitgift für das Weib, Die wir dir dann übersenden Zu 'nem bessren Zeitvertreib -- Feministin oder sonst was: (Bleibst doch stets vom selben Holz) Mit 'ner Mitgift bist du etwas, Spuck auf alles und sei stolz!«

Ich muß gestehen, ich traute meinen Ohren nicht. Das war eine so erklärte Gemeinheit, daß die Möglichkeit, Liputin etwa mit Dummheit zu entschuldigen, von vornherein ganz ausgeschlossen erschien. Und gerade Liputin war doch alles andere eher als dumm. Die Absicht, die dahinter steckte, war mir denn auch sofort klar: hier sollte Unordnung geschaffen werden, und dazu war allerdings keiner geeigneter, als Liputin.

Übrigens schien Liputin selbst zu fühlen, daß er doch ein zu starkes Stück auf sich genommen hatte. Er stand noch immer auf der Tribüne und war sich offenbar nicht klar darüber, ob er noch etwas hinzusetzen sollte oder nicht. Ein Teil des Publikums hatte das Gedicht übrigens ganz ernst genommen. Die andere Hälfte war freilich um so gekränkter. Julija Michailowna erzählte später, sie sei einer Ohnmacht nahe gewesen. Einer der ehrwürdigsten alten Herren unserer Stadt erhob sich sogar und verließ mit seiner Frau am Arm den Saal. Und wer weiß, vielleicht hätte dieses Beispiel auch noch andere nach sich gezogen, wenn nicht gerade jetzt Karmasinoff auf der Tribüne erschienen wäre. Sein kleines Figürchen war tadellos gekleidet, selbstredend in Frack und weißer Binde. In der Hand hielt er ein Heftchen. Julija Michailowna sah ihn wie erlöst an, als wäre er ihr Retter ...

Doch ich war schon hinter den Kulissen: ich mußte unter allen Umständen mit Liputin sprechen.

»Das haben Sie absichtlich getan!« rief ich empört und packte ihn am Arm.

»Bei Gott, ich habe gar nicht daran gedacht,« log er und spielte den Unglücklichen. »Die Verse hatte man mir soeben erst gegeben, ich dachte, es wäre ein lustiger Scherz ...«

»Das haben Sie durchaus nicht gedacht! Halten Sie denn wirklich diesen Blödsinn in Knüttelversen für einen Scherz?!«

»Ja, gewiß, jawohl.«

»Das lügen Sie einfach! Und man hat Ihnen diese Verse durchaus nicht erst vorhin gebracht. Sie, Sie selbst haben diese Reime zusammen mit Lebädkin geschmiedet, vielleicht noch gestern abend, damit es nur ja zum Skandal kommt! Die letzte Strophe war schon sicher von Ihnen. Und warum erschien denn Lebädkin im Frack? Schon daraus geht hervor, daß alles von Ihnen vorbereitet war: das Gedicht sollte er wohl selber vortragen, nach Ihrer Absicht! Wenn er sich nur nicht wieder betrunken hätte!«

»Was geht das Sie an?« fragte mich da Liputin plötzlich mit sonderbarer Ruhe.

»Wie soll mich das nichts angehen? Sie tragen doch gleichfalls das Festordnerband ... Wo ist Pjotr Stepanowitsch?«

»Ich weiß nicht, hier irgendwo. Was soll das alles?«

»Was das soll? Daß ich Sie jetzt durchschaue! Es ist einfach eine Intrige gegen Julija Michailowna -- damit Sie's wissen!«

Liputin sah mich von der Seite an.

»Ja, und was geht das Sie an?« fragte er nochmals, lächelte, zuckte mit den Achseln und ging davon.

Mich überlief es kalt. So gingen denn alle meine Vorahnungen schon in Erfüllung. Und ich hatte immer noch gehofft, mich getäuscht zu haben! Was sollte ich tun? Ich hätte mich gern mit Stepan Trophimowitsch beraten, aber der stand vor dem Spiegel und probierte auf verschiedene Arten zu lächeln; zwischendurch blickte er immer wieder auf ein Blatt Papier, auf dem er sich seine Notizen gemacht hatte. Er sollte gleich nach Karmasinoff an die Reihe kommen und war jetzt nicht imstande, mit mir auch nur ein Wort zu sprechen. Sollte ich zu Julija Michailowna eilen? Doch dazu war es noch zu früh: sie mußte eine noch viel nachhaltigere Lehre bekommen, um von der Überzeugung, alle Welt sei ihr »fanatisch ergeben«, geheilt zu werden. Sie hätte mir doch nicht geglaubt und mich nur für einen »Gespensterseher« gehalten. Ja, und was konnte sie jetzt noch tun? »Ach,« dachte ich, »was geht denn das schließlich mich an, ich nehme meine Schleife von der Schulter und gehe nach Hause, _sobald es anfängt_.« (Ich gebrauchte wirklich diesen Ausdruck: »sobald es anfängt«, ich erinnere mich noch genau.)

Aber jetzt mußte ich doch vor allen Dingen Karmasinoff hören! Als ich noch ein letztes Mal hinter die Kulissen sah, bemerkte ich, daß da eine Menge mir ganz unbekannter Leute sich angesammelt hatte, darunter sogar Frauen. Dieses »hinter den Kulissen« war ein recht enger Raum, eigentlich ein Korridor, der den Saal mit den anderen Räumen verband und zum Publikum hin mit einem Vorhang abgeschlossen war. In diesem Korridor warteten die Vortragenden, bis sie an die Reihe kamen. Besonders setzte mich einer in Erstaunen: der Nächstfolgende nach Stepan Trophimowitsch. Das war auch so etwas wie ein Professor, der sich freiwillig aus irgendeiner Lehranstalt wegen irgendwelcher Studentengeschichten entfernt hatte und aus irgendeinem Grunde erst ein paar Tage vorher in unserer Stadt aufgetaucht war. Auch ihn hatte man Julija Michailowna empfohlen und sie hatte ihn fast mit Ehrfurcht empfangen. Er war bei ihr den Abend vorher eingeladen gewesen, hatte während des ganzen Essens geschwiegen und nur hin und wieder mokant zum Tone und zu den Scherzen der anderen Gäste, Julija Michailownas Suite, gelächelt, und auf alle durch sein beleidigendes Aussehen und Benehmen einen unangenehmen Eindruck gemacht. Julija Michailowna hatte ihn selbst darum gebeten, auf dem Fest zum Besten der Gouvernanten irgend etwas vorzutragen. In diesem Augenblick ging er aus einer Ecke in die andere, ganz wie Stepan Trophimowitsch, flüsterte auch vor sich hin, sah aber dabei zu Boden und nicht in den Spiegel. Zwar studierte und probierte er nicht zu lächeln, aber er lachte von Zeit zu Zeit grimmig in sich hinein. Es war klar, daß man auch mit ihm nicht sprechen durfte. Er war klein von Wuchs, etwa vierzig Jahre alt, kahlköpfig, mit einem ergrauenden Bärtchen. Gekleidet war er anständig. Am merkwürdigsten an ihm war, daß er bei jeder Wendung, die er machte, seine rechte Faust erhob, sie über seinem Haupte schüttelte und dann plötzlich niederfallen ließ, als wollte er einen Gegner kurz und klein schlagen. Und diese Bewegung machte er fast jede Minute einmal. Mir wurde angst und bange. Ich machte mich davon, um, wie gesagt, Karmasinoff zu hören.

III.

Im Saale war wieder etwas nicht ganz in Ordnung. Jedes Genie in Ehren! Und volles Verständnis für seine Eigentümlichkeiten im voraus! Aber warum müssen sich Genies, wenn sie älter werden, so oft wie -- nun, einfach wie kleine Knaben benehmen? Selbst wenn man ein Karmasinoff war und mit der Würde von fünf Kammerherren auftrat, wie konnte er nur ein solches Publikum eine ganze Stunde mit einem solchen Aufsatz langweilen? Nicht mehr als zwanzig Minuten hätte man es mit einem leicht verständlichen literarischen Vortrag ungestraft unterhalten dürfen. Dabei war man ihm, als er zuerst auftrat, äußerst ehrerbietig begegnet: selbst die allergesetztesten Herren hatten Wohlgefallen und Neugier, die Damen sogar Entzücken bekundet. Der Begrüßungsapplaus war indessen nur kurz und abgerissen gewesen. Dafür war aber in den letzten Reihen auch kein einziger Ausfall erfolgt. Und auch dann, als Karmasinoff zu sprechen angefangen hatte, geschah zunächst nichts eigentlich Störendes: lediglich Verwunderung griff allmählich um sich. Nur ganz am Anfang hatte sich ein kleiner Zwischenfall zugetragen: als Karmasinoffs piepsendes und quäkendes Stimmchen ertönte, lachte im Publikum jemand einfach laut auf. Ich habe schon früher erzählt, daß Karmasinoff eine hohe, schreiende Stimme hatte, die einer Frauenstimme glich, ein Eindruck, der noch dadurch verstärkt wurde, daß er fein und vornehm lispelte. Die Umsitzenden wiesen den Störer übrigens sofort durch Zischen zur Ruhe, und so konnte denn Karmasinoff ungestört seine Rede beginnen. Zunächst erklärte er, daß er »ursprünglich überhaupt nicht habe lesen wollen« (was zu erklären eigentlich gar nicht nötig war), denn es gebe Zeilen, die »so unmittelbar aus dem Herzen fließen«, daß man sie gar nicht an die Öffentlichkeit tragen dürfe (ja warum trug er sie denn?). Aber da man ihn nun einmal so gebeten habe, so tue er es doch, und da er jetzt seine Feder für immer hingelegt und sich geschworen habe, nichts mehr zu schreiben, und weil das nun einmal beschlossene Sache sei, so habe er dieses Abschiedsopus doch noch geschrieben; und da er sich gelobt, nie etwas öffentlich vorzulesen, niemals und unter keiner Bedingung, so werde er denn jetzt einmal eine Ausnahme machen und, also sei es, dieses letzte Opus einem Publikum persönlich vorlesen, usw. usw. -- noch allerhand in diesem Sinne.

Doch das wäre alles noch nicht so schlimm gewesen, und wer kennt denn schließlich nicht die Vorreden der Autoren? Ich will aber zugeben, daß bei der geringen literarischen Bildung unseres Publikums und der Reizbarkeit der hinteren Reihen auch das schon aufreizend mitwirken konnte. Nun wohl: wäre es unter diesen Umständen nicht weit besser gewesen, er hätte eine kurze Novelle vorgetragen oder ein kleines Geschichtchen von der Art, wie er sie früher manchmal schrieb -- zwar gedrechselt und geziert, aber mitunter doch ganz witzig? Damit wäre alles gerettet gewesen. Aber es sollte nun einmal nicht sein. Und so begann denn die Litanei! Oh Gott, was hatte er da alles zusammengetragen! Ich bin überzeugt, daß selbst ein Großstadtpublikum schließlich einen Starrkrampf bekommen hätte, nicht bloß ein Publikum wie unseres. Man denke sich das gezierteste und müßigste Geschwätz in einer Länge von fast zwei Druckbogen; und das trug dieser Herr zum Überfluß mit einer gewissen wehmütigen Herablassung vor, als wenn er eine Gnade erwiese, und schon darin allein lag etwas nahezu Beleidigendes für unser Publikum. Das Thema ... Aber wer konnte denn daraus klug werden, aus diesem Thema! Das war gewissermaßen ein Bericht über irgendwelche Eindrücke, untermischt mit irgendwelchen Erinnerungen. Doch Eindrücke wovon? Erinnerungen an was? -- Wie sehr unsere Gouvernementsköpfe während der ganzen ersten Hälfte des Vortrags auch die Stirn in Falten legten, -- sie konntens doch nicht bewältigen, so daß sie die zweite Hälfte bloß aus Höflichkeit anhörten. Nun ja, es war da viel von Liebe die Rede, von der Liebe des Genies zu einer Person, aber ich muß gestehen, das wirkte einigermaßen peinlich. Es paßte irgendwie nicht recht zu dem kleinen, dicken Figürchen des genialen Schriftstellers (wenigstens für mein Empfinden), daß er von seinem ersten Kuß sprach ... Und zudem sollten diese Küsse, was wiederum verletzend wirkte, durchaus ganz anders geküßt worden sein, als von der ganzen übrigen Menschheit, und dazu noch unter ganz besonderen Nebenumständen. Bei Karmasinoffs erstem Kuß wuchs ringsum Ginster (unbedingt gerade Ginster, oder wenigstens irgend so ein Kraut, von dem man sich erst nach einem botanischen Handbuch eine Vorstellung machen kann). Der Himmel aber hatte derweil unbedingt einen violetten Farbenton, den natürlich noch nie zuvor ein Sterblicher bemerkt hat, obschon ihn alle zwar gesehen haben, sogar schon mehrfach, doch ihn wahrzunehmen hat eben bisher noch kein einziger verstanden. »Nun aber seht,« -- so ungefähr wirkte Karmasinoffs Art -- »ich allein habe diesen Farbenton zum erstenmal wahrgenommen und beschreibe ihn jetzt euch Tölpeln wie eine ganz bekannte Sache!« Der Baum dagegen, unter dem das interessante Paar Platz genommen, war durchaus orangefarben. Der Ort, wo sie saßen, lag irgendwo in Deutschland. Plötzlich sahen sie Pompejus oder Kassius am Abend vor einer Schlacht und die Kälte der Begeisterung durchdrang sie sofort alle beide. Dann begann eine Nixe im Gebüsch zu zirpen und im Schilf spielte plötzlich Gluck auf der Geige. Das Stück, das er vortrug, wurde _en toutes lettres_{[174]} genannt, doch blieb es trotzdem uns allen unbekannt, so daß man in einem Musiklexikon nachschlagen müßte. Währenddessen aber stieg ein Nebel auf und ballte sich und ballte sich, und ballte sich so, daß er alsbald eher Millionen von Kissen glich, als einem Nebel. Plötzlich aber verschwand alles und das große Genie begibt sich an einem Wintertage, jedoch bei Tauwetter, über das Eis der Wolga. Zweieinhalb Seiten Übergang; und dennoch kommt er nicht hinüber, sondern fällt in ein Loch im Eise. Das Genie sinkt, versinkt, -- Sie meinen, es ertrinkt? Nein, es denkt auch nicht einmal daran: es fiel überhaupt nur deshalb in das Loch, um in dem Augenblick, als es schon bis über die Nase im Wasser versank und bereits zu schlucken begann, plötzlich ein Eisstückchen zu erblicken, ein winziges Eiskörnchen von der Größe einer kleinen Erbse, aber so rein und klar »wie eine gefrorene Träne«. In diesem Eisperlchen spiegelte sich dann Deutschland oder richtiger der Himmel Deutschlands, und das Spiel der Regenbogenfarben in diesem Eisperlchen erinnerte ihn an just die Träne, die, »weißt du noch, aus deinem Auge rann, als wir unter dem smaragdenen Baume saßen und du freudig ausriefst: >Es gibt kein Verbrechen!< -- >Ja<, sagte ich unter Tränen, >doch wenn es so ist, dann gibt es auch keine Gerechten<. Wir schluchzten auf und nahmen Abschied voneinander.« Sie ging an einen Meeresstrand und er begab sich in eine Höhle tief unter der Erde: er sinkt also hinab und hinab, drei Jahre lang sinkt er genau unter dem Moskauer Ssuchareffturm hinab, bis er plötzlich mitten im Innern der Erde ein Lämpchen findet und vor diesem Lämpchen einen Asketen. Der Asket betet. Das Genie drückt die Stirn an ein kleines vergittertes Fensterchen. Und plötzlich vernimmt es einen Seufzer. Sie glauben, der Asket habe geseufzt? Weit gefehlt! Das Genie wird doch nicht einen Asketen beachten! Nein, das war nur so ein Seufzer, doch dieser Seufzer erinnerte ihn an _ihren_ ersten Seufzer vor siebenunddreißig Jahren, »als wir, weißt du noch, in Deutschland unter dem achatenen Baume saßen und du zu mir sprachst: >Wozu lieben? Sieh, ringsum blüht es ockergelb und ich liebe, doch das Gelb wird aufhören zu blühen und ich werde aufhören zu lieben<. -- Dann ballte sich wieder ein Nebel zusammen, Ernst Amadeus Hoffmann erschien, eine Nixe flötete eine Melodie von Chopin und plötzlich tauchte aus dem Nebel über den Dächern Roms, einen Lorbeerkranz im Haar, Ancus Marcius auf. Ein Schauer der Ekstase lief uns über den Rücken und wir trennten uns auf ewig« usw. usw.