Sämtliche Werke 5-6

Part 42

Chapter 423,557 wordsPublic domain

»Wieso -- woher gekommen?« fragte Stawrogin zurück.

»Das heißt, wir wissen zum Beispiel, daß das Vorurteil, daß es einen Gott geben müsse, durch den Donner und Blitz hervorgerufen worden ist,« ereiferte sich sofort wieder die Studentin, die mit den Augen förmlich auf Stawrogin lossprang. »Man weiß jetzt ganz genau, daß die Urmenschen, die sich vor Donner und Blitz fürchteten, den unsichtbaren Feind zum Gott erhoben, da sie ihre eigene Machtlosigkeit vor ihm fühlten. Aber wie ist nun das Vorurteil der Familie entstanden? Und wie ist überhaupt die Familie entstanden?«

»Das ist doch wohl nicht dasselbe ...« versuchte die Hausfrau einzuwenden.

»Ich denke, die Antwort auf diese Frage dürfte nicht ganz -- sagen wir, sittsam sein,« antwortete Stawrogin.

»Wie das?« rückte die Studentin wieder vor.

Aber schon hörte man aus der Lehrergruppe leises Lachen, das sofort am anderen Ende des Tisches, bei Lämschin und dem Gymnasiasten, ein Echo fand, worauf der Major plötzlich hell und laut loslachte.

»Sie sollten Vaudevilles schreiben,« sagte die Hausfrau zu Stawrogin.

»Das macht Ihnen wirklich keine Ehre, -- ich weiß nicht, wie Sie heißen,« sagte die Studentin mit entschiedenem Unwillen zu Stawrogin.

»Du aber solltest nicht so vorwitzig sein!« tadelte der Major. »Bist ein Fräulein, mußt dich sittsam halten, du aber bist ja ganz, als hättest du dich auf eine Nadel gesetzt.«

»Könnten Sie nicht lieber schweigen? Zum mindesten möchte ich Sie bitten, sich im Gespräch mit mir nicht so familiär auszudrücken. Und diese widerlichen Vergleiche verbitte ich mir einfach. Ich sehe Sie heute zum erstenmal und will nichts von Ihrer Verwandtschaft wissen.«

»Aber ich bin doch dein Onkel! Ich habe dich doch als Säugling auf meinen Armen geschleppt!«

»Was geht das mich an, was Sie da alles geschleppt haben! Ich habe Sie damals nicht darum gebeten, mein unhöflicher Herr Major, also muß es Ihnen wohl selbst Spaß gemacht haben, mich zu tragen. Und gestatten Sie mir noch zu bemerken, daß Sie sich nicht unterstehen dürfen, mich zu duzen, es sei denn als Bürgerin, sonst aber untersage ich es Ihnen ein für allemal.«

»So sind sie nun alle!« Der Major schlug mit der Faust auf den Tisch und wandte sich an Stawrogin, der ihm gegenüber saß. »Nein, erlauben Sie, ich liebe Liberalismus und alles Zeitgemäße. Ich liebe auch klugen Gesprächen zuzuhören, aber -- wohlgemerkt: von Männern! Doch von Frauen, von diesen da, von diesen Flattervögeln -- nein, Verzeihung, aber das ist schon mein wunder Punkt! Du, dreh dich nicht so viel!« fuhr er die Studentin an, die vor Ungeduld schon wieder fast vom Stuhl sprang. »Ich will auch einmal zu Wort kommen! Jetzt bin ich der Gekränkte!«

»Sie stören nur die anderen und selbst verstehen Sie doch nichts zu sagen,« bemerkte die Hausfrau unwirsch.

»Nein, ich werde schon zu sagen verstehen, was ich sagen will,« ereiferte sich der Major, und wandte sich an Stawrogin. »Ich rechne auf Sie, Herr Stawrogin, da Sie ein Neueingetretener sind, obgleich ich nicht die Ehre habe, Sie zu kennen. Ich hoffe, daß Sie mir beipflichten werden. Ohne Männer wären die Frauen einfach verloren, wie die Fliegen, -- das ist meine Meinung. Die ganze Frauenfrage ist nichts weiter als Mangel an Originalität. Ich sage Ihnen; diese Frauenfrage haben ihnen nur die Männer ausgedacht, einfach aus purer Dummheit sich selbst auf den Hals geladen, -- ich danke bloß Gott, daß ich nicht verheiratet bin! Nicht die geringste Verschiedenheit ist in den Frauen, nicht einmal ein einfaches Stickmuster können sie sich ausdenken, auch das müssen die Männer für sie tun! Sehen Sie, da habe ich sie als Kind auf den Händen getragen, habe mit ihr, als sie zehn Jahre alt war, Mazurka getanzt, -- heute kommt sie an und wie ich ihr entgegenfliege, um sie abzuküssen, da erklärt sie mir schon nach dem zweiten Wort, daß es einen Gott überhaupt nicht gibt. Wenn sie es doch wenigstens nach dem dritten getan hätte, aber nein, sie muß es schon nach dem zweiten tun -- so eilig hat sie's! Nun schön, angenommen, kluge Leute glauben nicht an Gott, das soll ja bloß vom Verstande abhängen, aber du, sage ich ihr, was verstehst du denn unter Gott? Dich hat das doch wieder nur der Student gelehrt, hätte er dich aber die Lämpchen vor den Heiligenbildern anzünden gelehrt, so würdest du eben Lämpchen anzünden!«

»Das ist alles nicht wahr, was Sie da sagen. Sie sind ein sehr boshafter Mensch. Ich aber habe Ihnen vorhin bloß Ihre Dummheit beweisen wollen,« sagte die Studentin nachlässig, als verachtete sie es im Grunde, sich mit solch einem Menschen noch weiter zu streiten. »Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß man uns nach dem Katechismus lehrt: >Ehre Vater und Mutter, damit es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden<. Das steht in den zehn Geboten. Wenn nun Gott es für nötig hielt, für Liebe eine Belohnung zu versprechen, so ist meines Erachtens dieser euer Gott einfach unmoralisch. Das war es, was ich Ihnen vorhin auseinandersetzte, und durchaus nicht nach dem zweiten Wort, sondern einfach, weil Sie auf Ihre Verwandtenrechte pochten. Was kann ich dafür, daß Sie stumpfsinnig sind und mich bis jetzt noch nicht begriffen haben? Das kränkt Sie und Sie ärgern sich: das ist die ganze Lösung des Rätsels von Ihnen und Ihresgleichen.«

»Närrin!« nannte sie der Major.

»Sie sind selbst ein Narr.«

»Schimpf nur!«

»Aber erlauben Sie, Kapiton Maximowitsch, Sie haben mir doch selbst gesagt, daß Sie an Gott nicht glauben,« rief Liputin mit seiner unangenehmen Stimme vom anderen Tischende.

»Was hat das damit zu tun, was ich gesagt habe, ich -- ich bin eine ganz andere Sache! Ich -- nun, vielleicht glaube ich doch, nur glaube ich nicht so ganz. Wenn ich aber auch nicht ganz glaube, so sage ich doch noch nicht, daß man Gott gleich totschießen soll. Ich habe schon, als ich noch Husar war, über Gott nachgedacht. Es heißt sonst wohl in allen Gedichten, daß ein Husar bloß trinkt und durchgeht, schön, ich habe vielleicht auch getrunken, aber, glauben Sie mir, wenn es manchmal in der Nacht so dunkel ist, da springt man wohl plötzlich auf und kniet vor dem Heiligenbild nieder und schlägt ein Kreuz über das andere, damit Gott einem Glauben schicke, denn selbst damals konnte ich mich über diese Frage nicht beruhigen: gibt es einen Gott, oder gibt es keinen? Dermaßen bitter ist mir das geworden! Morgens, natürlich, da zerstreut man sich und wieder geht der Glaube gleichsam flöten, ja und überhaupt ist mir eigentlich aufgefallen, daß man am Tage den Glauben viel weniger nötig hat.«

»Haben Sie vielleicht Karten?« fragte Werchowenski, sich zur Hausfrau wendend, und gähnte ungeniert.

»Ich kann Ihnen diese Frage nur zu sehr, nur zu sehr nachfühlen!« beteuerte die Studentin eifrig.

»Man verliert bloß die goldene Zeit, wenn man so leerem Geschwätz zuhört,« sagte die Hausfrau und blickte ihren Mann bedeutsam an.

Die Studentin raffte sich auf.

»Ich wollte der Versammlung von den Leiden und dem Protest der Studenten Mitteilung machen, und da die Zeit über unmoralischen Gesprächen vergeudet wird ...«

»Es gibt überhaupt weder Moralisches noch Unmoralisches!« fiel ihr der Gymnasiast sogleich ins Wort, kaum daß er sah, daß die Studentin mit einer Rede beginnen wollte.

»Das habe ich, mein Herr Gymnasiast, schon viel früher gewußt, als Sie das aufgeschnappt haben!«

»Und ich behaupte,« raste der Gymnasiast geradezu, »Sie sind -- ein aus Petersburg angekommenes Kind, das uns bilden will! Daß das vierte Gebot, das Sie nicht einmal richtig aufzusagen verstanden, unmoralisch ist, das weiß schon seit Belinski ganz Rußland!«

»Wird das jemals ein Ende nehmen?« fragte Frau Wirginskaja gereizt ihren Mann.

Als Hausfrau errötete sie wegen der nichtigen Gespräche, besonders nachdem sie einige fragende Blicke der Gäste untereinander bemerkt hatte.

»Meine Herren!« Wirginski erhob plötzlich die Stimme, »falls jemand von Ihnen etwas, was mehr zur Sache paßt, zu sagen hat, so bitte ich, ohne Zeitverlust damit beginnen zu wollen.«

»Gestatten Sie mir eine Frage,« sagte plötzlich der lahme Lehrer, der bis dahin nur geschwiegen und sehr zurückhaltend dagesessen hatte, »ich würde doch gern wissen, ob wir hier eine Sitzung halten sollen, oder ob wir uns wie gewöhnliche Sterbliche zu einer Geburtstagsfeier versammelt haben? Ich frage es mehr der Ordnung wegen.«

Die Frage machte nicht geringen Eindruck: man sah sich an, als ob ein jeder vom anderen die Antwort erwartete, und plötzlich wandten sich aller Augen, wie auf ein Kommando, auf Stawrogin und Werchowenski.

»Ich schlage vor, über die Antwort einfach abzustimmen. Die Frage ist: >Halten wir eine Sitzung oder nicht?<« sagte Frau Wirginskaja.

»Ich stimme ganz Ihrem Vorschlage bei,« rief Liputin, »wenn er auch ein wenig unbestimmt ist.«

»Ich gleichfalls!« »Ich auch!« riefen noch andere Stimmen.

»Ich denke gleichfalls, daß das mehr Ordnung schaffen wird,« meinte Wirginski.

»Also bitte die Stimmen abzugeben!« rief die Hausfrau. »Lämschin, seien Sie so freundlich und setzen Sie sich so lange ans Klavier. Sie werden auch von dort aus Ihre Stimme abgeben können, wenn wir so weit sind.«

»Schon wieder!« rief Lämschin. »Ich dächte, ich hätte Ihnen nachgerade genug vorgetrommelt!«

»Ich bitte Sie ausdrücklich darum: Wollen Sie denn der Sache nicht nützlich sein?«

»Aber ich versichere Sie, Arina Prochorowna, daß draußen niemand horcht. Das ist nur Ihre Phantasie. Die Fenster sind außerdem viel zu hoch; und wer würde denn hier überhaupt etwas verstehen, selbst wenn er alles hörte?«

»Wir verstehen uns ja selbst nicht,« murmelte eine Stimme.

»Und ich behaupte, daß Vorsicht immer angebracht ist. Für den Fall, daß es Spione gibt,« wandte sie sich darauf zu Werchowenski, »-- mögen sie dann auf der Straße hören, daß es bei uns Musik und lustige Gäste gibt.«

»Zum Teufel!« schimpfte Lämschin, setzte sich aber doch ans Klavier und begann irgendwie, fast mit den Fäusten, einen Walzer zu spielen.

»Ich schlage vor, daß alle, die eine Sitzung wünschen, die rechte Hand erheben,« beantragte Frau Wirginskaja.

Einige erhoben die rechte Hand, einige wiederum nicht; andere erhoben sie und senkten sie wieder oder senkten sie und erhoben sie von neuem.

»Pfui, Teufel! Hab nichts kapiert!« rief ein Offizier geärgert.

»Und ich verstehe auch nichts!« rief ein anderer.

»Nein, ich verstehe wohl!« rief ein dritter. »Wenn >ja<, so hebt man die Hand auf.«

»Aber was bedeutet denn das >ja<?«

»>Ja< bedeutet: Sitzung!«

»Nein, umgekehrt!«

»Ich habe für die Sitzung gestimmt!« rief der Gymnasiast Frau Wirginskaja zu.

»Warum haben Sie dann die Hand nicht erhoben?«

»Ich habe die ganze Zeit auf Sie gesehen: Sie hoben sie nicht, und so hob ich sie auch nicht.«

»Wie dumm das ist! Ich habe sie doch nur deswegen nicht erhoben, weil ich das Abstimmen vorgeschlagen hatte. Meine Herren, ich schlage nochmals vor: wer eine Sitzung will, der soll ruhig sitzen bleiben und keine Hand erheben, wer aber keine Sitzung will, der soll die rechte Hand aufheben.«

»Wer _nicht_ will?« fragte der Gymnasiast.

»Ach, Sie stellen sich wohl mit Absicht so stupid?« rief Frau Wirginskaja zornig.

»Nein, erlauben Sie mal, wer _nicht_ will, oder wer da will, das muß schon genauer festgestellt werden,« ertönten zwei, drei Stimmen.

»Wer nicht will, _nicht_ will!«

»Nun schön, aber was soll man denn jetzt tun, aufheben oder nicht aufheben, wenn man _nicht_ will?« rief ein Offizier.

»Ach ja, an eine Konstitution ist bei uns noch nicht zu denken!« bemerkte der Major.

»Herr Lämschin, haben Sie die Güte, Sie hämmern ja dermaßen, daß niemand etwas verstehen kann,« bemerkte der lahme Lehrer.

»Ja, bei Gott, Arina Prochorowna, es horcht doch wirklich kein Spion an den Türen!« rief Lämschin aufspringend. »Und ich will auch nicht mehr spielen! Ich bin zu Ihnen zu Besuch gekommen, aber nicht, um hier das Klavier zu bearbeiten!«

»Meine Herren,« begann Wirginski, »antworten Sie alle laut: halten wir Sitzung oder nicht?«

»Sitzung, Sitzung!« ertönte es von allen Seiten.

»Gut, dann brauchen wir nicht mehr abzustimmen. Sind Sie einverstanden, meine Herren, oder sollen wir doch noch abstimmen?«

»Nicht nötig, genug, haben schon verstanden!«

»Vielleicht will aber irgend jemand doch nicht?«

»Nein, nein, alle wollen!«

»Ja, aber was ist denn das für eine Sitzung?« erhob sich eine Stimme, die jedoch keine Antwort erhielt.

»Man muß einen Präsidenten wählen!« riefen mehrere zugleich.

»Den Hausherrn, selbstverständlich, den Hausherrn!«

»Meine Herren, wenn es so ist,« begann der erwählte Wirginski, »-- dann mache ich nochmals meinen Vorschlag: falls jemand von Ihnen etwas, was mehr zur Sache paßt, zu sagen hat, so bitte ich, damit zu beginnen.«

Allgemeines Schweigen. Wieder wandten sich alle Blicke Stawrogin und Werchowenski zu.

»Werchowenski, hätten Sie nichts zu sagen?« fragte ihn die Hausfrau.

»Nicht, daß ich wüßte,« sagte der gähnend und lehnte sich nachlässig auf seinem Stuhl zurück. »Übrigens, ich würde gern einen Kognak trinken.«

»Stawrogin, wollen Sie nicht?«

»Nein, danke, ich trinke nicht.«

»Ich meinte, ob Sie nicht reden wollen, und nicht, ob Sie einen Kognak wünschen!«

»Reden, worüber? Nein, ich will nicht.«

»Sie werden sofort Ihren Kognak bekommen,« sagte sie zu Werchowenski.

Die Studentin erhob sich wieder, was sie mittlerweile schon mehrmals halbwegs getan hatte.

»Ich bin gekommen, um von den Leiden der unglücklichen Studenten zu berichten und sie allerorten zum Protest aufzufordern ...«

Sie kam nicht weiter: am anderen Tischende erhob sich ein neuer Konkurrent und alle Blicke flogen ihm sofort zu. Schigaleff, der Mann mit den langen Ohren, erhob sich mit finsterem, geärgertem Gesicht bedächtig vom Stuhl und legte mit melancholischer Miene ein dickes, unendlich klein und eng beschriebenes Heft vor sich auf den Tisch. Die meisten sahen bestürzt auf das dicke Heft, doch Liputin, Wirginski und der lahme Lehrer waren augenscheinlich mit irgend etwas sehr zufrieden.

»Ich bitte ums Wort,« sagte Schigaleff endlich finster, doch bestimmt.

»Herr Schigaleff hat das Wort,« verkündete Wirginski.

Der Redner setzte sich, schwieg wieder und begann darauf feierlichst:

»Meine Herrschaften! ...«

»Hier haben Sie den Kognak!« sagte die Verwandte, die den Tee eingegossen hatte und die inzwischen nach dem Kognak gegangen war, mit sichtlicher Verachtung. Sie stellte die Flasche und das Glas, die sie in der Hand ohne Untersetzer brachte, ärgerlich auf den Tisch vor Werchowenski hin.

Der unterbrochene Redner verstummte würdevoll.

»Fahren Sie nur fort, ich höre nicht zu!« rief Werchowenski, der sich den Kognak eingoß.

»Meine Herren, indem ich Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehme,« begann Schigaleff von neuem, »und wie Sie später sehen werden, Ihre Hilfe in einem Punkte von erstklassiger Wichtigkeit erbitte, muß ich vorher einige Worte zur Einleitung sagen.«

»Arina Prochorowna, haben Sie vielleicht eine Schere?« fragte plötzlich Pjotr Stepanowitsch.

»Wozu brauchen Sie eine Schere?« Sie sah ihn verwundert mit großen Augen an.

»Hab mir die Nägel zu schneiden vergessen, obgleich ich's mir schon drei Tage immer wieder vorgenommen habe,« sagte er, gelassen seine langen und ungeputzten Nägel betrachtend.

Arina Prochorowna wurde rot vor Ärger, doch die Studentin schien daran Gefallen zu finden.

»Ich glaube, ich habe vorhin hier auf einem Fenster eine Schere gesehen,« sagte sie, erhob sich, suchte die Schere und kam sofort wieder zurück.

Pjotr Stepanowitsch sah sie nicht einmal an, als er die Schere nahm. Arina Prochorowna sagte sich, daß das wohl unter freien Menschen so sein müsse, und schämte sich ihrer Empfindlichkeit. Die Gäste sahen sich stumm untereinander an. Der lahme Lehrer lächelte boshaft und beobachtete Werchowenski mit gehässigem Ausdruck.

Schigaleff fuhr fort:

»Nachdem ich meine Energie dem Studium des Problems der sozialen Verfassung der zukünftigen Gesellschaft, mit dem sich alle Gegenwartsmenschen beschäftigen, gewidmet, bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß alle Gründer sozialer Systeme, seit den ältesten Zeiten bis zu unserem 187...sten Jahre, bloß Grübler, Märchenerzähler, Dummköpfe gewesen sind, die sich selbst widersprochen und so gut wie nichts von der Naturwissenschaft und diesem sonderbaren Tiere, das wir Mensch nennen, gewußt haben. Plato, Rousseau, Fourier sind Säulen aus Aluminium, alles das taugt vielleicht für Spatzen, aber nicht für die menschliche Gesellschaft. Da aber die zukünftige Gesellschaftsform gerade jetzt festzusetzen unumgänglich nötig ist, gerade in diesem Augenblick, da wir uns endlich zu handeln anschicken, um dann nicht mehr nachdenken zu müssen, so schlage ich denn mein eigenes System der Welteinrichtung vor. Hier ist es!« und er schlug mit der Hand auf sein dickes Heft. »Zuerst wollte ich der Versammlung mein Buch in gekürzter Form vorlegen, aber ich sah ein, daß ein derartiges Verfahren noch viele mündliche Erklärungen nötig machen würde. Daher habe ich mich denn entschlossen, es Ihnen an mindestens zehn Abenden -- da es in zehn Kapitel eingeteilt ist -- vorzutragen. (Leises Gelächter.) Ich muß Sie jedoch im voraus darauf aufmerksam machen, daß mein System noch nicht beendet, das heißt, noch nicht ganz ausgearbeitet ist. (Lauteres Gelächter.) Ich habe mich nämlich in meinen eigenen Argumenten verwickelt: meine schließliche Folgerung steht in geradem Widerspruch zu der anfänglichen Idee. Nachdem ich von unbeschränkter Freiheit ausgegangen bin, komme ich zum Schluß zu unbeschränktem Despotismus. Jedenfalls aber füge ich hinzu, daß es außer meiner Lösung der Gesellschaftsformel eine andere Lösung überhaupt nicht geben kann.«

Das Gelächter war lauter und immer lauter geworden, doch waren es eigentlich nur die jüngeren, die gewissermaßen nicht ganz eingeweihten Gäste, die da lachten. Auf dem Gesicht der Hausfrau, Liputins und des lahmen Lehrers drückte sich einiger Unwille aus.

»Wenn Sie selbst es nicht einmal verstanden haben, Ihr eigenes System zu vollenden, und darüber in Verzweiflung geraten sind, so sagen Sie doch bitte, was wir noch machen sollen?« bemerkte vorsichtig einer der Offiziere.

»Sie haben recht, mein Herr aktiver Offizier,« wandte sich Schigaleff schroff an ihn, »und vor allen Dingen darin, daß Sie das Wort >Verzweiflung< gebrauchten. Ja, ich geriet in Verzweiflung; doch nichtsdestoweniger ist alles, was in meinem Buche steht, unersetzlich, und einen anderen Ausweg gibt es nicht; einen solchen wird keiner finden. Und darum beeile ich mich, ohne Zeit zu verlieren, die ganze Gesellschaft aufzufordern, später, also nachdem ich mein System an zehn Abenden vorgetragen habe, ihre Meinung über dasselbe zu äußern. Wollen aber die Mitglieder mir nicht zuhören, so ist es besser, wir gehen sofort alle auseinander, -- die Männer, um sich mit Verwaltungsarbeiten abzugeben, und die Frauen -- in ihre Küchen, aus dem Grunde, weil sie, wenn sie mein System ablehnen, einen anderen Ausweg doch nicht mehr finden können. Kei--nen einzigen! Lassen sie aber die Zeit sich entgehen, so schaden sie sich damit nur, da sie dann doch unfehlbar zum ewig Alten zurückkehren werden.«

Man wurde ein wenig unruhig: »Was soll das ...? Wie ...? Etwa übergeschnappt ...?« hörte man flüstern.

»Das heißt also, daß die Hauptsache jetzt bloß in Schigaleffs Verzweiflung besteht,« folgerte Lämschin, »und die Tagesfrage nur lauten kann: hat er nun das Recht, verzweifelt zu sein, oder hat er es nicht?«

»Schigaleffs Verzweiflung ist eine vollkommen persönliche Frage,« verkündete der Gymnasiast.

»Ich schlage vor, abzustimmen, inwieweit die Verzweiflung Schigaleffs die allgemeine Sache angeht, und ferner, ob es sich überhaupt lohnt, sein System anzuhören oder nicht?« schlug heiter einer von den Offizieren vor.

»Hier handelt es sich nicht darum,« mischte sich endlich der lahme Lehrer ins Gespräch. Er sprach gewöhnlich mit einem gewissen gleichsam spöttischen Lächeln, so daß es eigentlich schwer war, festzustellen, ob er im Ernst sprach oder nur scherzte. »Hier, meine Herrschaften, handelt es sich um etwas ganz anderes. Herr Schigaleff hat sich seiner Aufgabe gar zu gewissenhaft gewidmet und ist dabei allzu bescheiden. Ich kenne sein Buch. Er schlägt darin vor, und zwar als endgültige Lösung des Problems, die Teilung der Menschheit in zwei ungleiche Teile. Der kleinere Teil, ungefähr nur ein Zehntel der Menschheit, erhält allein persönliche Freiheit und das unbeschränkte Recht über die übrigen neun Zehntel. Diese neun Zehntel der Menschheit aber sollen ihre Persönlichkeit vollkommen einbüßen und zu einer Art Herde werden, um bei grenzenlosem Gehorsam mittels einer Reihe von Wiedergeburten die uranfängliche Unschuld wiederzugewinnen, etwa in der Form des alten Paradieses, wenn sie auch, nebenbei bemerkt, arbeiten müssen. Die Maßregeln, die der Autor vorschlägt, um den neun Zehnteln der Menschheit den persönlichen Willen zu nehmen, sowie um sie mittels einer neuen Erziehung ganzer Generationen in eine Herde umzubilden, -- diese Maßregeln sind ungemein bemerkenswert, stützen sich zudem auf naturwissenschaftliche Tatsachen und sind sehr logisch. Man kann sich vielleicht mit einigen seiner Folgerungen nicht einverstanden erklären und ihm widersprechen, doch deshalb kann man noch nicht den Verstand und das Wissen des Autors anzweifeln. Das wäre auch unsinnig. Schade, daß seine Absicht, den Inhalt seines Buches an zehn Abenden vorzutragen mit den Umständen so unvereinbar ist, sonst bekämen wir viel Interessantes zu hören.«

»Meinen Sie das wirklich im Ernst?« fragte Frau Wirginskaja fast beunruhigt den lahmen Lehrer. »Weil dieser Mensch nicht weiß, wohin er mit den Menschen soll, verlangt er, daß man neun Zehntel zu Sklaven macht? Ich habe ihn schon längst im Verdacht gehabt ... --«

»Sprechen Sie von Ihrem Bruder?« fragte der Lahme.

»Wie, Sie erkennen Verwandtschaft an? Oder wollen Sie sich über mich lustig machen?«

»Und dazu noch für die Aristokraten arbeiten und ihnen wie Göttern gehorchen -- das ist eine Gemeinheit!« rief die Studentin empört.

»Ich schlage keine Gemeinheit vor, sondern ein Paradies, das irdische Paradies, und ein anderes kann es hier auf Erden überhaupt nicht geben,« schloß Schigaleff mit Nachdruck.

»Ich aber würde anstatt des Paradieses,« schrie Lämschin, »diese ganzen neun Zehntel der Menschheit nehmen und sie, da man mit ihnen doch nichts anzufangen weiß, einfach in die Luft sprengen, und würde nur ein Häufchen gebildeter Leute übriglassen, die dann nach der Wissenschaft herrlich und in Freuden leben könnten.«

»So etwas kann nur ein Narr sagen!« fuhr die Studentin auf.

»Er ist ein Narr, aber er ist nützlich,« flüsterte ihr Frau Wirginskaja zu.

»Und vielleicht wäre das die beste Lösung der Aufgabe!« wandte sich Schigaleff lebhaft zu Lämschin. »Sie wissen natürlich nicht mal, welch einen tiefen Gedanken Sie da ausgesprochen haben, mein lustiger Herr. Da aber Ihr Vorschlag kaum erfüllbar ist, so muß man sich eben mit dem sogenannten Erdenparadies begnügen.«

»Einstweilen ist das schon genügender Unsinn!« bemerkte plötzlich Werchowenski, anscheinend ganz unwillkürlich als Betrachtung, die einem mal so entschlüpft. Übrigens fuhr er dabei gelassen und ohne aufzublicken fort, seine Nägel zu beschneiden.