Sämtliche Werke 5-6

Part 43

Chapter 433,667 wordsPublic domain

»Wieso, warum soll denn das ein Unsinn sein?« griff sofort der lahme Lehrer die Bemerkung auf, als hätte er nur auf das erste Wort von Werchowenski gewartet, um ihn angreifen zu können. »Warum denn gerade ein Unsinn? Herr Schigaleff ist zum Teil ein Fanatiker der Menschenliebe; und erinnern Sie sich nur, daß selbst Fourier, Cabet ganz besonders, und sogar Proudhon eine Menge der allerdespotischsten und allerfanatischsten theoretischen Lösungen der Frage gegeben haben. Herr Schigaleff hat vielleicht noch am nüchternsten von ihnen allen die Sache angefaßt. Ich versichere Sie, daß es nach der Lektüre seines Buches fast unmöglich ist, mit einigen seiner Behauptungen nicht übereinzustimmen. Er hat sich vielleicht am allerwenigsten von der Realität entfernt, und sein Erdenparadies ist beinahe das wirkliche Paradies, dasselbe, über dessen Verlust die ganze Menschheit seufzt -- vorausgesetzt natürlich, daß es wirklich einmal existiert hat.«

»Ich konnte mir ja denken, daß ich mir da was auf den Hals lade,« murmelte Werchowenski wieder nachlässig.

»Erlauben Sie,« regte sich der Lahme mehr und mehr auf, »Gespräche und Betrachtungen über die zukünftige soziale Einrichtung sind fast die dringendste Pflicht aller denkenden Menschen der Gegenwart. Alexander Herzen hat sich sein Leben lang einzig und allein darum gesorgt, und Belinski hat, wie ich aus der sichersten Quelle weiß, ganze Abende mit seinen Freunden verbracht, indem er mit ihnen im voraus über die kleinsten Einzelheiten der zukünftigen sozialen Welteinrichtung debattierte, ja, sozusagen über deren Küchenfragen stritt.«[46]

»Und einige werden darüber gar vollends verrückt,« bemerkte der Major.

»Immerhin kann man sich so doch zu irgendeinem Ergebnis durchsprechen, und das ist, denke ich, jedenfalls besser, als wie die Diktatoren dazusitzen und zu schweigen,« rief Liputin gehässig, der es jetzt endlich zu wagen schien, Werchowenski anzugreifen.

»Ich habe nicht zu Schigaleffs Ideen >Unsinn< gesagt,« murmelte Werchowenski nachlässig, fast kaum verständlich seine Worte. »Sehen Sie, meine Herrschaften,« er blickte kurz auf -- »meiner Meinung nach sind alle diese Bücher Fouriers, Cabets, alle diese >Arbeitsrechte<, der Schigalewismus -- alles das erinnert an Romane, die man ja zu Hunderttausenden schreiben kann. Ästhetischer Zeitvertreib. Ich begreife ja, daß Sie es hier im Städtchen langweilig haben und sich eben darum aufs Schreibpapier stürzen.«

»Erlauben Sie,« der Lahme rückte ungeduldig auf dem Stuhl, »wenn wir auch Provinzler sind und natürlich schon deswegen allein Mitleid verdienen, so wissen wir doch, daß inzwischen in der Welt nichts so Besonderes oder Neues geschehen ist, als daß wir Grund hätten, darüber zu klagen, daß wir es nicht mit unseren Augen gesehen haben. Da fordert man uns nun auf, durch verschiedene Schandblätter ausländischen Fabrikats, die hier verbreitet werden, uns zusammenzutun und Geheimbünde zu gründen, einzig zu dem Zweck der allgemeinen Zerstörung -- unter dem Vorwande: wie man an der Welt auch herumdoktern wollte, ganz gesund könne man sie doch nicht machen; schneidet man aber radikal hundert Millionen Köpfe ab, so könne man nach dieser Erleichterung besser über den Graben springen. Ein herrlicher Gedanke, zweifellos, aber -- mit der Wirklichkeit mindestens ebenso unvereinbar wie der Schigalewismus, über den Sie sich noch im Augenblick so verächtlich äußerten.«

»Na, ja, ich bin aber nicht zu dem Zweck hergekommen, um hier Betrachtungen anzustellen,« versprach sich Werchowenski gleichsam mit einem bedeutsamen Wort, tat aber dabei, als hätte er das selbst gar nicht bemerkt, und zog ruhig ein Licht zu sich heran, damit er es heller habe.

»Schade, wirklich sehr schade, daß Sie nicht zu dem Zweck hergekommen sind, und desgleichen, daß Sie jetzt mit Ihrer Toilette beschäftigt sind!«

»Was hat das mit meiner Toilette zu tun?«

»Die Idee, die Menschheit um hundert Millionen Köpfe zu verringern, ist ebenso schwer zu verwirklichen, wie die Welt mittels Propaganda umzuändern. Vielleicht sogar noch schwerer, besonders in Rußland,« wagte sich Liputin wieder vor.

»Man scheint jetzt allgemein auf Rußland zu hoffen,« bemerkte einer von den Offizieren.

»Ja, auch wir haben davon gehört, daß man auf Rußland hofft,« griff der lahme Lehrer die Bemerkung auf. »Wir wissen, daß auf unser herrliches Vaterland ein geheimnisvoller Inder weist, wie auf ein Land, das am meisten zur Ausführung der großen Aufgabe befähigt ist. Nur eines muß man dabei nicht außer acht lassen: im Falle einer allmählichen Lösung der Aufgabe durch Propaganda kann ich persönlich doch immerhin etwas dabei gewinnen, nun, wenn auch meinetwegen nur dies, daß ich angenehm habe plaudern können, oder ich erhalte von den Vorgesetzten gar einen Orden für meine Dienste für die soziale Sache. Aber im zweiten Falle, bei der schnellen Entscheidung durch das Abhauen von hundert Millionen Köpfen -- was hätte ich da für eine Belohnung zu erwarten? Fange ich an dafür Propaganda zu machen, so schneidet man mir womöglich noch die Zunge ab.«

»Ihnen wird sie bestimmt abgeschnitten,« sagte Werchowenski.

»Sehen Sie wohl. Da man aber selbst unter den günstigsten Umständen eine solche Metzelei vor fünfzig Jahren, oder meinetwegen auch nur dreißig, nicht beenden kann, -- denn das sind doch keine Lämmer, die sich protestlos den Hals abschneiden lassen --, so meine ich: sollte es da nicht ratsamer sein, Hab und Gut aufzupacken und irgend wohin auf eine stille Insel im Stillen Ozean zu gehen und dort in Frieden seine Augen zu schließen? Glauben Sie mir,« rief er lauter und klopfte dabei mit dem Finger an den Tischrand, »mit solch einer Propaganda rufen Sie nur allgemeine Auswanderung hervor und sonst nichts weiter!«

Er schloß sichtlich triumphierend. Er war bei uns bekannt als kluger Kopf. Liputin lächelte schadenfroh, Wirginski hörte ein wenig wehmütig zu, die anderen aber folgten ungewöhnlich aufmerksam dem ganzen Streit, besonders die Offiziere und die Damen. Alle begriffen, daß der Agent der hundert Millionen abgeschnittener Köpfe an die Wand gedrückt war und warteten nun, was aus all dem werden würde.

»Das haben Sie übrigens ganz gut gesagt,« bemerkte womöglich noch gleichgültiger als vorher, ja, beinahe schon gelangweilt, Werchowenski. »Auswandern ist ein guter Gedanke. Aber da sich trotz all der augenscheinlichen Nachteile, die Sie ja vorausfühlen, doch von Tag zu Tag immer mehr Anhänger oder Soldaten für die neue Sache melden, so wird man auch ohne Sie auskommen. Hier ist, mein Bester, eben die neue Religion dabei, die die alte ersetzt, darum finden sich auch so viele Jünger ein. Also Sie wandern aus! Hm, wissen Sie, da würde ich Ihnen aber raten, doch lieber nach Dresden zu gehen, und nicht auf eine stille Insel. Erstens ist das eine Stadt, die noch nie eine Epidemie gesehen hat, und da Sie ja ein vernünftiger Mensch sind, so fürchten Sie doch bestimmt den Tod. Zweitens ist Dresden nicht sehr weit von der russischen Grenze, so daß man denn sehr schnell die Renten aus dem liebenswürdigen Vaterlande erhalten kann. Drittens hat es in seinen Mauern sogenannte Kunstschätze, Sie aber sind ein ästhetischer Mensch, gewesener Lehrer der Literatur, wenn ich mich nicht täusche. Na, und endlich hat es noch seine eigene kleine Schweiz, eine in der Taschenausgabe -- so etwas aber ist doch für die poetische Inspiration unumgänglich nötig, zumal Sie doch gewiß Gedichte schreiben. Mit einem Wort, ein Schatz in einer Tabaksdose!«

Die Gäste wurden unruhig; besonders die Offiziere. Noch ein Augenblick, so schien es, und alle hätten plötzlich gesprochen. Der lahme Lehrer jedoch biß sofort nach dem Köder:

»Erlauben Sie, ich habe durchaus noch nicht gesagt, daß ich die allgemeine Sache im Stich lassen will! Das sollte man auseinanderhalten ...«

»Wieso, würden Sie denn in eine >Fünf< eintreten, wenn ich Ihnen das vorschlüge?« warf plötzlich Werchowenski die Frage hin und legte die Schere auf den Tisch.

Die ganze Versammlung zuckte gleichsam zusammen. Der rätselhafte Mensch hatte sich etwas zu plötzlich aufgedeckt. Sogar das Wort »die Fünf« hatte er ausgesprochen.

»Jeder, der sich für einen ehrlichen Menschen hält, zieht sich nicht von der allgemeinen Sache zurück,« versuchte der Lehrer die offene Antwort zu umgehen, »aber ...«

»Nein, bitte, hier kann man mir nicht mit einem >aber< kommen,« unterbrach ihn Werchowenski schroff und gebieterisch. »Ich erkläre hiermit, meine Herrschaften, daß ich eine offene, gerade Antwort verlange. Ich weiß nur zu gut, daß ich, der ich nicht grundlos hierher gekommen bin und Sie alle selbst versammelt habe, Ihnen Erklärungen schuldig bin.« (Wieder ein unerwarteter Aufschluß.) »Wie aber soll ich Erklärungen geben, wenn ich nicht weiß, welcher Art Ihre Gedanken sind? Gespräche vermeide ich, -- denn wozu soll man wieder dreißig Jahre lang schwatzen, wie man bisher schon dreißig Jahre geschwatzt hat -- und frage Sie deshalb einfach, was Sie lieber wollen: den langsamen Weg, der im Schreiben sozialer Romane besteht und der kanzleimäßigen Vorausbestimmung der menschlichen Schicksale auf tausend Jahre, jedoch nur auf dem Schreibpapier, während der Despotismus in dieser Zeit die gebratenen Stücke schluckt, die eigentlich Ihnen in den Mund fliegen sollten und das bloß nicht können, weil Sie den Mund geschlossen halten? Oder sind Sie für die schnelle Entscheidung, worin diese auch bestehen sollte, die aber auf jeden Fall endlich die Hände befreit und der Menschheit erlaubt, sich frei ihr eigenes Schicksal zu schaffen, und zwar in der Wirklichkeit und nicht nur auf dem Papier? Da schreit man nun: >Aber hundert Millionen Köpfe!< Das ist vielleicht nur eine Metapher, aber wozu denn davor zurückschrecken, wenn der Despotismus bei der langsamen Papierlösung schon in irgend welchen hundert Jahren nicht nur hundert Millionen, sondern fünfhundert Millionen Köpfe verschlingen wird? Und vergessen Sie nicht, daß ein unheilbarer Kranker so wie so nicht gesund werden kann, was für Rezepte Sie ihm auch verschreiben mögen, -- daß seine Krankheit sich, im Gegenteil, nur verschlimmert, je länger man sie hinzieht, bis er schließlich bei lebendigem Leibe verfault, derart, daß er auch uns ansteckt und alle frischen Kräfte, auf die wir jetzt rechnen, verdirbt -- so daß wir dann womöglich überhaupt nichts mehr zustande bringen können. Ich gebe ja gern zu, daß >liberal< und schön zu reden, sehr angenehm ist, handeln aber -- etwas >angreift< ... Nun ja, übrigens verstehe ich nicht zu reden. Ich bin mit Nachrichten hierher gekommen, und darum bitte ich jetzt die ganze verehrte Gesellschaft, nicht etwa abzustimmen, nein, sondern einfach und ohne Umschweife zu sagen, was Sie lustiger fänden: einen Schildkrötengang im Sumpf, oder mit Volldampf durch den Sumpf hindurch?«

»Ich erkläre mich positiv für den Volldampf!« rief der Gymnasiast begeistert.

»Ich auch!« rief Lämschin.

»Bei solcher Wahl bleibt natürlich kein Zweifel ...« meinte einer der Offiziere. Nach ihm stimmte noch jemand bei und dann noch jemand.

Am meisten frappierte es alle, daß Werchowenski mit »Nachrichten« hergekommen war und offenbar sofort reden würde.

»Meine Herrschaften, ich sehe, daß fast alle im Sinne der Proklamationen entscheiden,« sagte er, während sein Blick alle Anwesenden überflog.

»Alle, alle!« riefen die meisten.

»Ich muß gestehen, daß ich eigentlich mehr für eine humane Lösung bin,« sagte der Major, »da aber schon alle dafür stimmen, so halte auch ich mit.«

»Es scheint also, daß auch Sie nicht widersprechen?« wandte sich Werchowenski an den lahmen Lehrer.

»Ich kann nicht sagen, daß ich gerade ...« erwiderte dieser zögernd und wurde ein wenig rot, »aber wenn ich mich jetzt den anderen anschließe, so tue ich es nur, um nicht zu stören ...«

»Na ja, so seid ihr ja alle! Seid bereit, ein halbes Jahr lang um der liberalen Redekunst willen zu streiten, und endet dann damit, daß ihr euch bloß >den anderen anschließt<! Meine Herren, denken Sie erst einmal nach, ob Sie wirklich bereit sind?«

(Wozu bereit? -- eine unbestimmte, doch furchtbar verlockende Frage.)

»Gewiß doch! natürlich, alle ...« ertönten Stimmen.

Übrigens sahen sich dabei alle etwas scheu gegenseitig an.

»Aber vielleicht werdet ihr euch dann dadurch gekränkt fühlen, daß ihr so schnell einverstanden wart? Das ist doch gewöhnlich mit euch so.«

Man geriet in Erregung; aus verschiedenen Gründen; man geriet schon in Aufregung. Der Lahme stieß von neuem auf Werchowenski vor.

»Erlauben Sie einstweilen zu bemerken, daß die Antworten auf solche Fragen gewissermaßen bedingt sind. Wenn wir auch den Entschluß gefaßt haben, so bitte ich, doch nicht vergessen zu wollen, daß eine Frage, die in so sonderbarer Weise gestellt ...«

»Inwiefern in sonderbarer Weise?«

»Solche Fragen werden nicht so gestellt.«

»Dann sagen Sie mir gefälligst, wie. Im übrigen war ich von vornherein überzeugt, daß gerade _Sie_ sich als erster gekränkt fühlen würden.«

»Sie haben unser Einverständnis zu sofortigem Handeln uns gewissermaßen entrissen. Aber was für ein Recht hatten Sie dazu? Was für Bevollmächtigungen besitzen Sie, um solche Fragen stellen zu können?«

»Das zu fragen, hätte Ihnen früher einfallen sollen! Warum haben Sie denn geantwortet? Sie haben sich einverstanden erklärt, und damit basta! Nun ist es zu spät, auf so etwas zurückzukommen.«

»Mir scheint, daß die leichtsinnige Aufrichtigkeit Ihrer Hauptfrage einen auf die Idee bringen kann, daß Sie weder Vollmacht, noch sonst ein Recht haben, diese Frage zu stellen, sondern einfach nur von sich aus -- neugierig waren.«

»Wovon reden Sie? Was wollen Sie damit sagen?« rief da plötzlich Werchowenski gleichsam erschrocken und tat, als werde er plötzlich unmutig.

»Ich meine, daß eine Aufnahme, was für eine es auch sei, wenigstens unter vier Augen gemacht wird, und nicht in unbekannter Gesellschaft von zwanzig Menschen!« platzte der Lahme mit dem verhängnisvollen Wort heraus.

Werchowenski wandte sich sofort mit vorzüglich gespielter Aufregung an die Anwesenden.

»Meine Herren, ich halte es für meine Pflicht, allen mitzuteilen, daß das nur Dummheiten waren und unser Gespräch etwas zu weit gegangen ist. Ich habe noch so gut wie keinen aufgenommen, und niemand hat das Recht, von mir zu sagen, daß ich es hier getan hätte: wir haben einfach über verschiedene Meinungen gesprochen. Nicht wahr? Aber wie dem auch sei, jedenfalls regen Sie mich nicht wenig auf,« wandte er sich wieder zu dem Lahmen, »ich hätte nie gedacht, daß man hier über solche fast unschuldigen Dinge nur unter vier Augen sprechen darf. Oder fürchten Sie, daß jemand uns anzeigen könnte? Kann denn wirklich jetzt ein Verräter unter uns sein?«

Die allgemeine Aufregung war ungeheuer. Alle begannen zu sprechen.

»Meine Herren, wenn das der Fall wäre,« fuhr Werchowenski fort, »so bin ich es doch, den ich am meisten kompromittiert habe, und darum schlage ich vor, noch auf eine Frage zu antworten, versteht sich, nur wenn Sie wollen. Sie haben den freien Willen ...«

»Was für eine Frage? Welch eine Frage?« riefen alle durcheinander.

»Eine Frage, nach deren Beantwortung wir entscheiden können, ob wir alle zusammen bleiben sollen, oder ob wir besser tun, wenn wir schweigend unsere Hüte nehmen und jeder seinen eigenen Weg geht.«

»Stellen Sie die Frage, stellen Sie die Frage!«

»Wenn einer von Ihnen von einem beabsichtigten politischen Morde erführe -- würde er dann, wenn er alle Folgen voraussieht, hingehen und Anzeige erstatten, oder würde er zu Hause bleiben und den Dingen ruhig ihren Lauf lassen. Darüber kann man verschiedener Meinung sein. Die Antwort auf meine Frage wird uns sagen, ob wir auseinandergehen oder zusammenbleiben sollen, und wenn das letztere, dann nicht nur für heute abend. Gestatten Sie, daß ich mich mit dieser Frage an Sie als ersten wende,« wandte er sich an den Lahmen.

»Warum denn gerade an mich als ersten?«

»Weil doch nur von Ihnen diese ganze Auseinandersetzung heraufbeschworen worden ist. Haben Sie die Güte, die Antwort nicht umgehen zu wollen. Ausflüchte sind hier nicht am Platz. Doch übrigens, wie Sie wollen. Ihr freier Wille, wie gesagt.«

»Erlauben Sie, eine solche Frage ist einfach beleidigend.«

»Ich muß schon bitten, etwas deutlicher zu sein.«

»Ich bin noch nie Agent der Geheimpolizei gewesen.«

»Haben Sie die Güte, mich nicht aufzuhalten. Etwas bestimmter, wenn ich bitten darf.«

Der Lahme ärgerte sich dermaßen, daß er überhaupt aufhörte, zu antworten. Schweigend, mit bösem Blick, sah er, ohne seine Augen abzuwenden, hinter der Brille hervor auf seinen Peiniger.

»Ja oder nein? Würden Sie anzeigen, oder würden Sie nicht anzeigen?« schrie plötzlich Werchowenski.

»Selbstverständlich zeige ich _nicht_ an!« schrie noch zweimal lauter der Lahme.

»Und keiner wird anzeigen, kein einziger! ... Ist doch wirklich lächerlich! ... so etwas! ...« ertönten mehrere Stimmen.

»Gestatten Sie, daß ich mich jetzt an Sie wende, Herr Major: würden Sie anzeigen, ja oder nein?« fuhr Werchowenski fort. »Bitte zu beachten, daß ich mich absichtlich an Sie wende.«

»Ich zeige nicht an.«

»Nun, aber wenn Sie wüßten, daß irgend jemand einen anderen erschlagen und berauben will, einen gewöhnlichen Sterblichen, so würden Sie es doch melden, nicht wahr?«

»Natürlich, aber das wäre doch ein ziviler Fall, hier aber handelt es sich um eine politische Anzeige. Bin kein Agent der Geheimpolizei.«

»Ja aber, das ist hier doch keiner!« hörte man wieder ein paar Stimmen. »Unnütze Frage. Alle haben dieselbe Antwort. Hier gibt es doch keine Verräter!«

»Warum steht dieser Herr dort auf?« rief plötzlich die Studentin.

»Das ist Schatoff! Warum sind Sie aufgestanden, Schatoff?« rief die Hausfrau erregt.

Schatoff hatte sich tatsächlich erhoben, stand, die Mütze in der Hand, und sah auf Werchowenski. Es war, als wolle er ihm etwas sagen, doch schien er noch unentschlossen zu sein. Sein Gesicht war blaß und zornig, aber er bezwang sich, sagte kein Wort und verließ stumm das Zimmer.

»Schatoff, das ist doch für Sie selbst unvorteilhaft!« rief ihm Werchowenski rätselhaft nach.

»Dafür ist es aber für dich vorteilhaft, für dich Spion und Schurken!« rief Schatoff von der Tür zurück und trat hinaus.

Wieder Ausrufe, Lärm.

»Da haben wir ja jetzt die Probe!« rief eine Stimme.

»Hat genützt!« rief eine andere.

»Hat sie nicht vielleicht zu spät genützt?« fragte eine dritte.

»Wer hat ihn eingeladen? -- Wer hat ihn empfangen? -- Wer ist es? -- Was ist dieser Schatoff? -- Wird er denunzieren? ... wird er nicht? ...« schwirrten die Fragen durcheinander.

»Wenn er denunzieren wollte, so würde er sich verstellt haben, so aber hat er gleichsam auf die ganze Sache einfach gespuckt und ist fortgegangen,« bemerkte jemand.

»Da steht auch schon Stawrogin auf! Stawrogin hat auch nicht auf die Frage geantwortet!« rief wieder die Studentin.

Stawrogin war tatsächlich aufgestanden und sogleich hatte sich auch Kirilloff am anderen Tischende von seinem Platz erhoben.

»Verzeihen Sie, Herr Stawrogin,« wandte sich die Hausfrau nervös an ihn, »wir haben hier alle auf die Frage geantwortet, während Sie nun allein schweigend fortgehen wollen?«

»Ich fühle mich nicht verpflichtet, auf eine Frage zu antworten, die Sie interessiert,« sagte Stawrogin.

»Aber wir haben uns kompromittiert und Sie nicht!« riefen die Stimmen wieder.

»Was geht das mich an, daß Sie sich kompromittiert haben,« lachte Stawrogin auf, doch seine Augen funkelten.

»Wieso -- geht das Sie nichts an? Wieso -- geht das Sie nichts an?« fragte man sofort.

Einige sprangen von ihren Plätzen auf.

»Erlauben Sie, meine Herren, erlauben Sie!« rief der Lahme. »Herr Werchowenski hat ja auch noch nicht auf die Frage geantwortet, sondern sie bloß gestellt!«

Diese Bemerkung machte einen geradezu lähmenden Eindruck. Alle sahen sich erstaunt an. Stawrogin lachte laut dem Lahmen ins Gesicht und ging aus dem Zimmer. Kirilloff folgte ihm. Werchowenski lief beiden sofort ins Vorzimmer nach.

»Was machen Sie aus mir!« flüsterte er erregt, Stawrogins Hand fassend, die er mit aller Kraft in der seinigen preßte.

Der entriß sie ihm schweigend.

»Seien Sie sofort bei Kirilloff, ich werde kommen ... Ich muß, ich muß Sie unbedingt sprechen!«

»Für mich gibt es kein Muß!« schnitt ihm Stawrogin das Wort ab.

»Stawrogin wird bei mir sein,« beendete Kirilloff das Gespräch. »Stawrogin, es gibt für Sie doch ein Muß. Ich werde es Ihnen dort zeigen.«

Sie gingen hinaus.

Dreizehntes Kapitel. Zarewitsch Iwan

Sie traten hinaus. Pjotr Stepanowitsch kehrte zuerst in das Gastzimmer zurück, um das Chaos zu besänftigen, doch er sah bald ein, daß hier jede Mühe vergeblich war, und so lief er denn schon nach zwei Minuten den Fortgegangenen nach. Unterwegs fiel ihm eine Querstraße ein, durch die er ein gutes Stück Weges abschneiden konnte. Er bog in sie ein -- es war eine Winkelgasse, in der er im Schlamm fast bis über die Knöchel versank -- und erreichte auf diese Weise das Filippoffsche Haus fast in demselben Augenblick, als Stawrogin und Kirilloff durch die Hofpforte traten.

»Schon hier? -- Das ist gut.« sagte Kirilloff. »Kommen Sie.«

»Wie, Sie sagten doch, daß Sie ganz allein leben?« fragte Stawrogin, als er im Flur den schon aufgesetzten Samowar bemerkte, der schon zu summen begann.

»Werden gleich sehen, mit wem ich lebe,« murmelte Kirilloff. »Treten Sie ein.«

Kaum hatten sie sich gesetzt, als Werchowenski den anonymen Brief, den er sich von Herrn von Lembke ausgebeten hatte, aus der Tasche zog und ihn vor Stawrogin auf den Tisch legte. Stawrogin las ihn schweigend durch.

»Nun?« fragte er.

»Dieser Schuft wird bestimmt das tun, wozu er sich erboten hat,« erklärte Werchowenski. »Da er in Ihrer Hand ist, so sagen Sie bitte, wie man mit ihm umgehen soll. Ich versichere Ihnen, daß er vielleicht schon morgen zu Lembke geht.«

»Nun, mag er doch gehen.«

»Wieso, mag er doch? Wenn man das verhindern kann!«

»Sie irren sich, er hängt durchaus nicht von mir ab. Und übrigens ist es mir wirklich gleichgültig. Mir droht er doch mit nichts, bloß Ihnen.«

»Auch Ihnen.«

»Ich glaube nicht.«

»Aber andere könnten Sie vielleicht nicht schonen. Sollten Sie das wirklich nicht begreifen? Hören Sie, Stawrogin, das ist doch nur ein Spiel mit Worten. Tut Ihnen wirklich das Geld leid?«

»Ist dazu überhaupt Geld nötig?«

»Unbedingt. Zweitausend oder _minimum_ tausend fünfhundert Rubel. Geben Sie mir die Summe morgen oder meinetwegen heute noch, und morgen abend schaffe ich ihn nach Petersburg. Das will er ja selbst! Wenn Sie wollen, mitsamt Marja Timofejewna -- beachten Sie das!«

Es war etwas vollkommen Irres in Werchowenski, er sprach unvorsichtig, hastig, die Worte entfuhren ihm unbedacht.

Stawrogin betrachtete ihn mit Verwunderung.

»Ich habe gar keinen Grund, Marja Timofejewna fortzuschicken,« sagte er.

»Vielleicht _wollen_ Sie es nicht einmal?« fragte Pjotr Stepanowitsch mit ironischem Lächeln.

»Vielleicht will ich es nicht einmal.«

»Kurzum: wird das Geld zur Stelle sein, oder wird es nicht zur Stelle sein?« fuhr er plötzlich, in geärgerter Ungeduld und fast herrisch, Stawrogin an.

Dieser besah ihn sich mit ernstem Gesicht.

»Es wird nicht zur Stelle sein.«

»Ei, Stawrogin! Sie wissen offenbar irgend etwas, oder haben schon irgend etwas getan! Sie führen ein wildes Leben!«

Sein Gesicht verzog sich dabei. Seine Mundwinkel zuckten, und plötzlich lachte er ein ganz grundloses, unvermitteltes Lachen, das gar nicht hierher paßte.

»Sie haben erst kürzlich von Ihrem Vater Geld für das Gut erhalten,« bemerkte Stawrogin ruhig. »Meine Mutter hat Ihnen die sechs- oder achttausend Rubel, die Sie von Stepan Trophimowitsch verlangten, für das Gut ausgezahlt. Davon können Sie doch, wenn das für Sie so nötig ist, sehr wohl tausendfünfhundert aus Ihrer Tasche bezahlen. Ich habe es satt, immer für andere zu zahlen, und habe schon so viel ausgegeben, daß es für mich beinahe kränkend ist ...« Er mußte selbst über seine letzten Worte lächeln.

»Ah, Sie beginnen zu scherzen ...«