Part 41
»Wie es geht? Wie man es sich leichter gar nicht wünschen kann. Warten Sie, ich werde Sie zum Lachen bringen! Also, das erste, das ungeheuer wirkt -- das ist die Montur. Es gibt nichts, das eine größere Zugkraft hätte, als diese. Ich denke mir absichtlich Titel und Posten aus: habe da Sekretäre, Geheime Kundschafter, Vorsitzende, Registratoren, deren Gehilfen -- das gefällt ungemein und wirkt vorzüglich. Darauf, die zweite Kraft, das ist die Sentimentalität, versteht sich. Wissen Sie, der Sozialismus verbreitet sich ja bei uns hauptsächlich infolge der Sentimentalität der Leute. Nur eines ist hier ein wahrer Jammer -- das sind diese beißenden Leutnants. Da ist man nie sicher. Dann kommen die echten Spitzbuben. Nun, das ist ein guter Schlag, zuweilen ungemein vorteilhaft, doch muß man viel Zeit auf sie vergeuden: verlangen ununterbrochene Aufsicht. Na, und dann natürlich die Hauptkraft -- der Zement, der alles zusammenhält -- das ist die Schande, eine eigene Meinung zu haben. Ich sag' Ihnen, das ist mir mal eine Kraft! Wer das nur so eingerichtet haben mag? und welcher >liebe Kerl< uns da wohl so nett vorgearbeitet hat, daß auch wirklich keine einzige eigene Idee in irgendeinem Kopf geblieben ist! Halten so was geradezu für eine Schande.«
»Aber wenn es so ist, wozu mühen Sie sich dann noch?«
»Ja aber, wenn es doch so einfach ist, öffnet sich ja der Mund von selber -- wie soll man sie da nicht schlucken! Als ob Sie im Ernst nicht glaubten, daß ein Erfolg möglich ist? He, der Glaube ist ja da, aber das Wollen fehlt. Aber gerade mit solchen ist der Erfolg nur möglich. Ich sage Ihnen, sie gehen mir durchs Feuer -- man braucht ihnen nur zu sagen, daß sie nicht genügend liberal sind. Die Esel werfen mir übrigens vor, daß ich sie alle mit einem >Zentralkomitee< und >zahllosen Verzweigungen< beschwindelt haben soll. Sie selbst haben es mir ja auch einmal vorgeworfen -- aber wie kann denn hier von Beschwindeln die Rede sein? Das Zentralkomitee sind doch -- ich und Sie, und an Verzweigungen werden alsbald so viele vorhanden sein, wie man sich nur wünscht.«
»Und durchweg solches Pack?«
»Nur Material. Auch dies wird zustatten kommen.«
»Sie rechnen noch immer auf mich?«
»Sie sind der Führer, Sie sind die Kraft; ich werde nur seitlich neben Ihnen stehen als Sekretär. Und dann, wissen Sie, setzen wir uns >in eine Barke und die Ruder sind aus Eichenholz und die Segel sind aus Seidenzeug, und außerdem sitzt da die schöne Braut, die lichte Lisaweta Nicolajewna< ... oder weiß der Teufel wie es da im alten Volkslied heißt ...«
»Und stocken schon,« lachte Stawrogin. »Nein, ich werde Ihnen einen besseren Zusatz sagen. Sie zählen da an den Fingern her, aus welchen Kräften sich die Gruppen zusammensetzen? Das ist doch alles Beamtengeist und Sentimentalität -- meinetwegen auch ein guter Kleister, aber es gibt doch einen noch weit besseren: bereden Sie mal vier Mitglieder, dem fünften den Garaus zu machen, unter dem Vorwand, daß er denunzieren wird, und Sie binden sie alle mit dem vergossenen Blut wie mit einem Strick zusammen. Dann werden sie zu Ihren Sklaven und werden nie mehr wagen, widerspenstig zu sein oder Abrechnungen zu verlangen. Ha--ha--ha!«
»Also so bist du ... na warte ... diese Worte wirst du mir bezahlen müssen,« dachte Pjotr Stepanowitsch bei sich -- »und zwar noch heute abend.«
So, oder fast so mußte Pjotr Stepanowitsch bei sich denken.
Inzwischen hatten sie den Weg zum Wirginskischen Hause schon zurückgelegt -- das Haus war schon zu sehen.
»Sie haben mich natürlich als irgendein großes Tier hingestellt -- mit Beziehungen zur _Internationale_, oder als Revisor?« fragte plötzlich Stawrogin.
»Nein, nicht als Revisor; der Revisor wird ein anderer sein. Aber Sie sind der Gründer, der Anordner aus dem Auslande, der die wichtigsten Geheimnisse kennt -- das ist Ihre Rolle. Sie werden natürlich reden?«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Sie sind jetzt verpflichtet zu reden.«
Stawrogin blieb vor Verwunderung sogar mitten auf der Straße stehen, nicht weit von einer Laterne. Pjotr Stepanowitsch hielt frech und ruhig seinen Blick aus. Stawrogin spie aus und ging weiter.
»Werden Sie denn reden?« fragte er plötzlich Pjotr Stepanowitsch.
»Nein, ich werde lieber zuhören, wenn Sie reden.«
»Der Teufel hole Sie! ... Aber Sie geben mir wirklich eine Idee!«
»Was für eine?« Pjotr Stepanowitsch horchte sofort auf.
»Ich werde dort meinetwegen reden, aber dafür werde ich Sie dann nachher durchprügeln, aber gründlich.«
»Bei der Gelegenheit: ich habe vorhin Karmasinoff gesagt, Sie hätten einmal über ihn geäußert, daß man ihm kräftig Ruten geben müßte, und zwar nicht um der Ehre willen, sondern einfach, wie man einen Burschen drischt, schmerzhaft.«
»Aber das habe ich doch nie gesagt, ha--ha!«
»Macht nichts. _Se non è vero._«
»Nun, danke, besten Dank.«
»Aber wissen Sie, was dieser Karmasinoff noch sagte: daß unsere Lehre im Grunde genommen die Verneinung der Ehre ist, und daß man mit dem öffentlichen Recht auf Ehrlosigkeit einen Russen am leichtesten ködern kann.«
»Aber das ist ja eine ausgezeichnete Bemerkung! Ganz wunderbar!« rief Stawrogin. »Da hat er wirklich den Nagel gerade auf den Kopf getroffen! Das Recht auf Ehrlosigkeit -- aber dann laufen ja alle zu uns über, kein einziger bleibt dort! Übrigens hören Sie, Werchowenski, sind Sie nicht von der höheren Polizei?«
»Wer solche Fragen im Sinne hat, der spricht sie nicht aus.«
»Verstehe, aber wir sind ja jetzt unter uns.«
»Nein, vorläufig noch nicht von der höheren Polizei. Genug davon, wir sind schon angekommen. Komponieren Sie mal Ihre Physiognomie, Stawrogin. Ich tue das jedesmal, wenn ich bei diesen erscheine. Nur etwas mehr Finsterheit, und das ist alles, weiter braucht man nichts; sehr einfache Sache.«
Zwölftes Kapitel. Bei den Unsrigen
I.
Wirginski wohnte in seinem eigenen Hause, oder richtiger, in dem seiner Frau. Es war ein einstöckiges Holzgebäude, das keine anderen Mieter hatte. Unter dem Vorwande, daß der Hausherr seinen Namenstag feiern wolle, versammelten sich an diesem Abend bei ihm ungefähr fünfzehn Gäste, doch glich die kleine Abendgesellschaft sehr wenig den bei uns in der Provinz üblichen »Geburtstagsgesellschaften«. Das Ehepaar Wirginski war schon gleich zu Anfang seiner Ehe darin übereingekommen, daß »Geburtstage feiern« furchtbar dumm sei: es sei doch durchaus kein Grund vorhanden, sich an solchen Tagen besonders zu freuen! Und da sie diesen Grundsatz schließlich auch auf alle anderen Festtage übertrugen, so war es ihnen schon in ein paar Jahren gelungen, ohne jeden Verkehr zu leben. Wirginski kam zudem den Leuten wirklich nur wie ein Sonderling vor, der bloß die Einsamkeit liebte und zum Überfluß noch »anmaßend« erschien -- warum »anmaßend«, das weiß ich allerdings nicht. Frau Wirginski aber stand, da sie Hebamme war, gesellschaftlich sowieso sehr niedrig -- und hinzu kam dann noch ihr dummes und unverzeihlich offenes Verhältnis zu dem »Hauptmann« Lebädkin, das sie eigentlich nur »aus Prinzip« begonnen hatte. Nachdem dieses Verhältnis bekannt geworden war, wandten sich selbst unsere nachsichtigsten Damen mit deutlicher Verachtung von ihr ab. Frau Wirginskaja aber tat noch, als hätte sie gerade das nötig und wünsche es selber so. Bemerkenswert ist jedoch, daß dieselben strengdenkenden Damen sich in gewissen Fällen nur und ausschließlich an sie wandten, obgleich wir noch drei andere Hebammen in der Stadt hatten. Man schickte sogar aus den Kreisstädten nach Arina Prochorowna: so anerkannt und allgemein bekannt waren ihre Kenntnisse, war ihr Glück und ihre Geschicktheit in ihrem Beruf. Daher kam es denn ganz von selbst, daß sie ihre Praxis nur in den reichsten Häusern hatte: denn Geld liebte sie bis zur Habgier. Nachdem sie erst einmal ihre Macht erkannt hatte, tat sie auch ihrem Charakter keinen Zwang mehr an. Unser Stabsarzt Rosanoff beteuerte, daß Arina Prochorowna gerade in den Augenblicken, wenn ihre schwachnervigen Patientinnen alles Heilige anzurufen pflegen, plötzlich »wie ein Flintenschuß« mit einer unerhörten Blasphemie herausfahre, die dann gewöhnlich entscheidend auf die armen Frauen wirke. Übrigens vergaß Arina Prochorowna, wenn sie sonst auch Nihilistin war, doch nie gewisse alte Bräuche, die ihr etwas einbrachten. So hätte sie zum Beispiel für keinen Preis die Taufe des von ihr empfangenen Erdenbürgers versäumt: dann erschien sie stets in einem grünen Seidenkleide, das sogar eine Schleppe hatte, und mit eingelegten Locken, während sie sich sonst unglaublich nachlässig kleidete. Und wenn sie auch sonst unentwegt, ja sogar während der Erfüllung des Wunders der Geburt, ihre Frechheit zum Entsetzen aller Anverwandten bewahrte, so trug sie doch nach der Taufe sehr sittsam und eigenhändig den Champagner herein (nur zu dem Zweck erschien sie und putzte sie sich heraus) und dann hätte es einer nur versuchen sollen, ihr, nachdem er einen Pokal genommen, nicht das übliche Taufschmausgeld auf den Teller zu legen!
Die Gesellschaft -- fast nur Herren --, die sich diesmal bei Wirginski versammelt hatte, nahm sich eigentlich recht sonderbar aus. Es gab weder Imbiß noch Karten. Im großen Gastzimmer, das schon seit undenklich langer Zeit immer ein und dieselben alten blauen Tapeten hatte, waren zwei Tische zusammengerückt und mit einem großen, nicht einmal ganz sauberen Tischtuch bedeckt. Auf ihnen kochten zwei Samoware und stand ein riesiges Teebrett mit fünfundzwanzig Gläsern, sowie ein flacher Korb mit gewöhnlichem Weißbrot, das wie in Pensionen für junge Mädchen oder Knaben in viele, viele gleiche Stücke geschnitten war. Den Tee goß die Schwester der Hausfrau ein -- ein dreißigjähriges, hochblondes Fräulein, ohne Augenbrauen, sonst schweigsam, aber tödlich boshaft --, eine Dame, die gleichfalls die »neuesten Anschauungen« teilte und vor der Wirginski in seinem eigenen Hause zitterte. Außer der Hausfrau und ihrer augenbrauenlosen Schwester war noch ihre Schwägerin anwesend: Fräulein Wirginskaja, die gerade aus Petersburg eingetroffen war. Arina Prochorowna (Wirginskis Frau), an sich eine nicht häßliche Frau von siebenundzwanzig Jahren, saß, in einem wollenen Alltagskleide von grünlicher Farbe, am oberen Tischende und betrachtete die Gäste mit einem Blick, als wollte sie sagen: »Seht, wie ich mich vor nichts fürchte!« Wirginskis Schwester, die gleichfalls nicht häßlich aussah, dabei Studentin und Nihilistin, war rotwangig und rundlich wie ein kleiner Ball: sie saß halbwegs noch in ihren Reisekleidern neben Arina Prochorowna, mit irgendeiner Papierrolle in der Hand, und sah sich mit ungeduldigen, springenden Blicken die Gäste an. Wirginski fühlte sich an diesem Abend nicht ganz wohl, doch hatte er sich trotzdem in einem Lehnstuhl an den Teetisch gesetzt. Die Gäste saßen auf Stühlen um den ganzen Tisch herum, und in dieser steifen Gruppierung lag etwas, was nicht an ein Fest, sondern an eine Sitzung erinnerte. Ganz ersichtlich erwarteten alle irgend etwas, und wenn sie auch über alles mögliche laut miteinander sprachen, so merkte man doch sofort, daß es Nebensachen waren, die eigentlich niemanden interessierten: es war ein künstliches, gezwungenes Gespräch.
Als Stawrogin und Werchowenski eintraten, verstummten plötzlich alle.
Zur besseren Übersicht werde ich wohl einige weitläufigere Erklärungen geben müssen.
Ich glaube, wie gesagt, daß sich damals alle in der angenehmen Hoffnung, etwas ganz besonders Interessantes zu erfahren, eingefunden hatten. Sie gehörten sämtlich zu den knallrotesten Liberalen unserer Stadt und waren von Wirginski zu dieser »Sitzung« sorgfältigst ausgesucht worden. Einige von ihnen waren noch nie bei Wirginski gewesen und hätten ihn auch sonst bestimmt nicht mit ihrem Besuche beehrt. Natürlich hatte die Mehrzahl der Gäste keine rechte Vorstellung davon, was eigentlich geschehen sollte: sie alle hielten damals Pjotr Stepanowitsch für einen vom ausländischen Verbande geschickten Auskundschafter, dem bestimmte Vollmachten gegeben worden waren -- eine Ansicht, die sich sofort und ganz plötzlich festgesetzt hatte und ihnen ungeheuer schmeichelte. Währenddessen aber gab es auch unter den versammelten Gästen einige, denen bereits ganz bestimmte Vorschläge gemacht worden waren. Pjotr Werchowenski war es inzwischen schon gelungen, bei uns eine ähnliche »Fünf« zu gründen, wie er es in Moskau getan hatte -- und außerdem noch eine, wie es sich jetzt erwiesen hat, in der Kreisstadt, unter den Offizieren. Es heißt sogar, daß er noch eine dritte im H--schen Gouvernement zustande gebracht habe. Die fünf Auserwählten saßen jetzt am großen Tisch und verstanden es vorzüglich, sich den Anschein der harmlosesten Leute zu geben. Es waren das -- da es heute kein Geheimnis mehr ist -- erstens: Liputin und Wirginski, dann dessen Schwager mit den trauernden Ohren, Schigaleff, ferner Lämschin und ein gewisser Tolkatschenko, ein sonderbarer Mensch, etwa vierzig Jahre alt, und bekannt wegen seiner Studien, die er am Volk, hauptsächlich an Spitzbuben und Banditen machte, und der absichtlich zu diesem Zweck (das heißt, nicht gerade ausschließlich zu diesem Zweck) in den schmutzigsten Schenken verkehrte und auch unter uns sich in schlechten Kleidern, Schmierstiefeln und Kernausdrücken am besten gefiel. Ein oder zweimal hatte ihn Lämschin auch zu Stepan Trophimowitsch mitgebracht, wo er jedoch nicht besonders gut abschnitt. In der Stadt erschien er gewöhnlich nur zeitweilig, meistens dann, wenn er wieder einmal ohne Stellung war. Diese fünf nun befanden sich in dem festen Glauben, eine »Fünf« zu bilden -- eine unter hunderten, tausenden gleicher »Fünfer-Gruppen«, die angeblich über ganz Rußland verstreut und alle von irgendeiner mächtigen »Zentrale« abhängig waren, welche wiederum ihrerseits mit der europäischen Revolutionsbewegung verbunden sein sollte. Nur muß ich zu meinem Bedauern hinzufügen, daß sogar schon damals Uneinigkeit zwischen ihnen herrschte. Die Sache war nämlich die, daß sie, die schon seit dem Frühling Pjotr Werchowenski erwarteten, der ihnen zuerst von Tolkatschenko und dann von Schigaleff angekündigt worden war, nun, als er endlich erschien, sofort auf seinen ersten Wink hin den von ihm geplanten Kreis oder die »Gruppe« gebildet hatten: kaum aber hatten sie sich zu ihrer »Fünf« zusammengeschlossen, als sie sich auch alle ohne Ausnahme irgendwie dadurch gekränkt fühlten, daß sie es getan hatten -- so schnell und ohne weitere Erwägung, im Grunde wohl nur deshalb, damit man von ihnen nicht sagen könne, sie hätten es nicht gewagt! Vor allem, so empfanden sie, hätte Pjotr Werchowenski ihre edle Heldentat doch auch wirklich schätzen und ihnen nun zur Belohnung wenigstens irgendein Hauptgeheimnis mitteilen müssen. Werchowenski aber dachte nicht einmal daran, ihre gerechte Neugier zu befriedigen, und erzählte so gut wie gar nichts, behandelte sie im Gegenteil mit Strenge und andererseits wiederum fast mit Nachlässigkeit. Das aber reizte natürlich die »Fünf«, und einer von ihnen, Schigaleff, stachelte denn auch schon die anderen auf, von ihm einen »Rechenschaftsbericht« zu fordern, allerdings nicht gleich heute bei Wirginski, denn dort gab es zu viele Fremde ...
Was aber diese Fremden betrifft, so glaube ich, daß die vorhin genannten Glieder der ersten »Fünf« geneigt waren, an jenem Abend bei Wirginski unter den Gästen noch andere Mitglieder anderer »Gruppen«, von denen sie nichts wußten und die derselbe Werchowenski vielleicht geheimnisvoll organisiert hatte, zu vermuten. So kam es denn, daß zu guter Letzt sich alle Gäste gegenseitig verdächtigten und ein jeder eine ganz besondere Haltung annahm, was denn der ganzen Versammlung etwas Irreführendes, ja zum Teil sogar Romantisches verlieh. Außerdem gab es da einen Major, einen vollkommen unschuldigen Menschen und nahen Verwandten Wirginskis, der uneingeladen zum Namenstage erschienen war. Der Hausherr beunruhigte sich nun freilich weiter nicht, denn der Major hätte »auf keine Weise denunzieren können«: trotz seiner Dummheit liebte es dieser Verwandte Wirginskis, dorthin zu gehen, wo es Liberale gab, doch nicht etwa, weil er deren Anschauungen teilte, sondern einfach, weil er ihnen gerne zuhörte. Und dazu war er selbst, von früher her, noch ein wenig kompromittiert: in seiner Jugend waren einmal ganze Lager revolutionärer Schriften durch seine Hände gegangen, und wenn er für seine Person sich auch gefürchtet hatte, sie auch nur aufzubinden, so würde er doch die Weigerung, die Gefälligkeit zu erweisen und sie zu verbreiten, für eine grenzenlose Gemeinheit gehalten haben -- solche Russen gibt es nun einmal und sogar heute noch. Die übrigen Gäste gehörten entweder zu dem Typ der »zu Galle gewordenen gekränkten Eigenliebe«, oder zu dem des »ersten edlen Ausbruchs feuriger Jugend«. Da waren auch zwei oder drei Lehrer, von denen der eine -- ein Lehrer am Gymnasium -- lahm und schon fünfundvierzig Jahre alt war, ein ungewöhnlich boshafter und eitler Mensch, und zwei oder drei Offiziere. Zu den letzteren gehörte ein ganz junger Artillerist, ein Fähnrich, der erst vor ein paar Tagen aus einer Kriegsschule gekommen war, ein netter, schweigsamer Jüngling. Noch hatte er in der Stadt keine einzige Bekanntschaft gemacht, und schon saß er bei Wirginski im Kreise der Eingeladenen mit einem Bleistift in der Hand und machte sich von Zeit zu Zeit in sein Taschenbuch irgendwelche Notizen. Alle sahen das, doch alle taten aus irgendeinem Grunde, als bemerkten sie es nicht. Außerdem war ein herumbummelnder Seminarist anwesend, der Lämschin geholfen hatte, jene schändlichen Photographien in den Sack der Bibelverkäuferin zu stecken, ein großer Bursche mit ungezwungenem Benehmen, jedoch immer etwas argwöhnisch, und mit einem ewig alles besser wissenden Lächeln, dabei aber von dem ruhigen Gehaben der siegenden Vollkommenheit, die für ihn in seiner Person verkörpert war. Ferner war, ich weiß nicht, weshalb, noch der Sohn unseres Stadthauptes zugegen, ein schändlicher, früh verlebter junger Mann. Der schwieg aber fast nur. Und schließlich war da noch ein achtzehnjähriger Gymnasiast, der mit der finsteren Miene eines in seiner Würde gekränkten jungen Mannes da saß und augenscheinlich unter seinen achtzehn Jahren litt. Dieser Bengel war schon der »Chef« einer Verschwörung der Oberprimaner, die sich, wie sich später zum allgemeinen Erstaunen herausstellte, im Gymnasium gebildet hatte, und zwar vollkommen selbständig. Beinahe hätte ich Schatoff vergessen, der am unteren Tischende saß, seinen Stuhl ein wenig aus der Reihe zurückgeschoben hatte, die ganze Zeit schwieg, auch für den Tee dankte, beständig zu Boden sah und seine Mütze nicht aus der Hand legte, als hätte er damit zu verstehen geben wollen, daß er nicht als Gast, sondern nur aus irgendwelchen sachlichen Gründen gekommen war, und, wenn es ihm einfiel, einfach aufstehen und fortgehen könne. Nicht weit von ihm hatte sich dann noch Kirilloff hingesetzt: dieser schwieg gleichfalls, doch sah er nicht zu Boden, sondern blickte im Gegenteil jedem, der da sprach, gerade ins Gesicht, mit seinem unbeweglichen, glanzlosen Blick, und hörte allen ohne die geringste Verwunderung vollkommen ruhig zu. Einige von den Gästen, die ihn noch nicht gesehen hatten, beobachteten ihn verstohlen. Es ist bis heute ungewiß, ob eigentlich Frau Wirginskaja etwas von der bestehenden »Fünf« wußte. Ich nehme an, daß sie durch ihren Mann über alles unterrichtet war. Die Studentin hatte natürlich von nichts eine Ahnung, doch dafür war sie mit ihrer eigenen Sorge beschäftigt: sie beabsichtigte, nur einen oder zwei Tage bei Wirginskis zu bleiben und dann weiter und weiter zu reisen, durch alle Universitätsstädte, um »Teilnahme an den Leiden der armen Studierenden zu erwecken und sie zum Protest aufzurufen«. Sie führte einige hundert Exemplare eines lithographierten, wenn ich mich nicht täusche, von ihr selbst verfaßten Aufrufs mit sich. Merkwürdigerweise begann der Gymnasiast die Studentin schon vom ersten Blick an zu hassen, und zwar gleich bis aufs Blut, ungeachtet dessen, daß er sie zum erstenmal im Leben sah, und sie erwiderte diesen Haß in genau demselben Maße. Der Major war ihr leiblicher Onkel, der sie vor gut zehn Jahren zum letztenmal gesehen hatte. Als Stawrogin und Werchowenski eintraten, waren ihre Wangen rot wie Preißelbeeren: sie hatte mit dem Onkel gerade über die Frauenfrage aufs heftigste gestritten.
II.
Werchowenski warf sich auffallend nachlässig auf einen Stuhl am oberen Tischende, fast ohne jemanden zu grüßen. Er sah mißgestimmt und sogar hochmütig aus. Stawrogin dagegen grüßte höflich die Anwesenden. Obgleich man nur auf diese beiden gewartet hatte, taten doch alle wie auf ein Kommando, als ob sie sie überhaupt nicht bemerkten. Kaum hatte Stawrogin sich gesetzt, als Frau Wirginskaja sich in strengem Ton an ihn wandte:
»Stawrogin, wollen Sie Tee?«
»Sehr gern,« antwortete dieser.
»Reiche Herrn Stawrogin ein Glas Tee,« befahl sie der Schwester, »-- und Sie?« fragte sie Werchowenski.
»Selbstverständlich, nur her damit, wer fragt denn die Gäste noch danach? Und geben Sie auch Sahne diesmal, sonst wird ja hier immer solch eine Abscheulichkeit anstatt Tee gereicht -- und dabei gibt's heute noch ein >Geburtstagskind< im Hause!«
»Wie, auch Sie erkennen das >Geburtstagefeiern< an?« fragte die Studentin auflachend. »Wir haben soeben darüber gesprochen.«
»Abgedroschen!« bemerkte sogleich am anderen Tischende der Gymnasiast mit überlegener Miene.
»Was ist abgedroschen? Vorurteile vergessen ist durchaus nicht abgedroschen, und wenn es auch die unschuldigsten von der Welt sind, sondern ist, im Gegenteil, zur allgemeinen Schande noch heute neu,« gab die Studentin sofort empfindlich zurück. »Und zudem gibt es überhaupt keine unschuldigen Vorurteile,« fügte sie geradezu erbittert hinzu.
»Ich wollte nur bemerken,« regte sich der Gymnasiast furchtbar auf, »daß Vorurteile, wenn sie auch eine alte Sache sind, und man sie ausrotten muß ... was aber Namenstag- und Geburtstagfeiern anbetrifft ... so wissen schon alle längst, daß das Dummheiten sind und das Gerede darüber viel zu alt und abgedroschen ist, um darauf noch die kostbare Zeit zu vergeuden, die ohnehin schon von aller Welt vergeudet worden ist, so daß man seine Worte lieber einem bedürftigeren ...«
»Was ist das für ein Satz! Ich kann nichts verstehen!« unterbrach ihn die Studentin.
»Ich glaube, daß ein jeder gleich anderen das Recht des Wortes hat, und wenn ich meine Meinung sagen will, wie jeder andere, so ...«
»Ihnen nimmt niemand das Recht des Wortes,« unterbrach ihn die Hausfrau, »Sie sind nur gebeten worden, nicht so undeutlich zu sprechen, denn so kann Sie ja kein Mensch verstehen.«
»Aber, erlauben Sie mir, zu bemerken, daß Sie mich gar nicht achten: wenn ich vorhin meinen Gedanken nicht zu Ende sprechen konnte, so kam das nicht daher, daß ich keinen Gedanken hatte, sondern eher vom Überfluß von Gedanken ...« stotterte der Gymnasiast fast verzweifelt und verwickelte sich endgültig.
»Wenn Sie nicht zu sprechen verstehen, so schweigen Sie lieber,« platzte die Studentin heraus.
Der Gymnasiast sprang jetzt sogar vom Stuhl auf.
»Ich wollte nur sagen,« rief er laut und brennend rot vor Schande, doch fürchtete er sich, jemanden anzusehen, »daß Sie sich nur deswegen mit Ihrem Verstande breitmachen wollen, weil Herr Stawrogin gekommen ist -- da haben Sie's!«
»Ihr Gedanke ist schmutzig und unsittlich und beweist nur die ganze Nichtigkeit Ihrer geistigen Entwickelung. Ich bitte Sie, sich weiter nicht an mich zu wenden!« knatterte sofort die Antwort der Studentin.
»Stawrogin,« begann die Hausfrau, »bevor Sie kamen, regten sie sich hier über Familienrechte auf -- besonders der Herr Major,« sie wies auf ihren Verwandten. »Aber ich werde Sie mit diesen alten Streitfragen, die doch schon längst erledigt sind, nicht weiter belästigen. Ich frage mich nur, woher sind nun diese Rechte und Pflichten der Familie gekommen, ich meine, im Sinne dieses Vorurteils, wie es jetzt besteht? Das ist die Frage. Was meinen Sie?«