Part 40
Kirilloff setzte sich wieder auf seinen Stuhl und blickte von neuem in die Ecke.
»In der Gesellschaft entstand der Gedanke,« fuhr er mit derselben Stimme fort, »daß ich damit nützlich sein kann, wenn ich mich töte und daß, wenn Sie hier vieles gemacht haben und man die Schuldigen sucht, so erschieße ich mich plötzlich und hinterlasse einen Brief, daß ich alles getan habe, so daß man Sie ein Jahr lang nicht verdächtigen wird.«
»Wenn auch nur ein paar Tage lang nicht. Auch ein Tag ist schon kostbar!«
»Gut. So sagte man mir, daß ich, wenn ich will, warten soll. Ich sagte, ich werde warten, bis man mir die Frist von der Gesellschaft aus sagt, weil mir doch alles einerlei ist.«
»Ja, aber vergessen Sie nicht, Sie verpflichteten sich noch, diesen letzten Brief vor dem Tode nicht anders als mit mir zusammen zu schreiben -- und, daß Sie, wenn Sie in Rußland angekommen sein würden, in meiner, ... na, mit einem Worte, zu meiner Verfügung stehen, das heißt, versteht sich, nur in dieser einen Beziehung ... In allen anderen sind Sie natürlich vollkommen frei,« fügte Pjotr Stepanowitsch fast liebenswürdig hinzu.
»Ich habe mich nicht verpflichtet, war nur einverstanden, weil es mir einerlei ist.«
»Vorzüglich, vorzüglich, ich habe nicht die geringste Absicht, Ihre Eigenliebe zu verletzen, aber ...«
»Hier ist gar keine Eigenliebe.«
»Aber vergessen Sie nicht, daß man Ihnen hundertundzwanzig Taler zur Reise gegeben hat, also haben Sie Geld genommen.«
»Gar nicht,« fuhr Kirilloff auf, »das Geld war gar nicht dafür! Das tut man nicht für Geld.«
»Zuweilen tut man es doch.«
»Sie lügen! Ich habe brieflich aus Petersburg alles erklärt, und in Petersburg habe ich Ihnen hundertundzwanzig Taler zurückgezahlt, Ihnen in die Hand ... und die sind dorthin zurückgeschickt, wenn Sie sie nicht bei sich behalten haben.«
»Gut, gut, ich will nicht widersprechen, sie sind zurückgeschickt. Die Hauptsache ist ja nur, daß Sie noch dieselben Gedanken haben, wie früher.«
»Dieselben. Wenn Sie kommen und sagen: >jetzt<, dann werde ich alles erfüllen. Wie -- wird es sehr bald sein?«
»Nicht mehr viele Tage ... Aber vergessen Sie nicht: den Brief schreiben wir zusammen, in derselben Nacht.«
»Meinetwegen auch am Tage. Sie sagten, ich muß die Proklamationen auf mich nehmen?«
»Und noch einiges.«
»Ich nehme nicht alles auf mich.«
»Was werden Sie denn nicht auf sich nehmen?« Pjotr Stepanowitsch erschrak wieder.
»Das, was ich nicht will. Genug jetzt. Ich mag nicht mehr davon sprechen.«
Pjotr Stepanowitsch bezwang sich und änderte das Gespräch.
»Ich rede jetzt von etwas anderem,« schickte er voraus, »werden Sie heute Abend zu den Unsrigen kommen? Wirginski feiert seinen Namenstag, und unter diesem Vorwande versammelt man sich.«
»Nein, ich will nicht.«
»Nun, seien Sie schon so liebenswürdig und kommen Sie. Es ist unbedingt nötig. Man muß Eindruck machen mit der Zahl wie mit dem Gesicht ... Sie aber haben so ein Gesicht ... nun, mit einem Wort, Sie haben ein fatales Gesicht.«
»Sie finden?« Kirilloff lachte. »Gut, ich komme; aber nicht wegen des Gesichtes. Wann?«
»O, vielleicht schon etwas früher, um halb sieben. Und wissen Sie, Sie können hereinkommen, sich setzen und mit keinem einzigen ein Wort sprechen, wie viele da auch sein mögen. Doch noch eines! Hören Sie: vergessen Sie nicht, ein Blatt Papier und einen Bleistift mitzunehmen.«
»Wozu das?«
»Aber Ihnen ist doch alles einerlei, und das ist nun einmal meine besondere Bitte. Sie werden also nur sitzen, mit niemandem sprechen, zuhören und hin und wieder so was wie Notizen machen, na -- zeichnen Sie meinetwegen.«
»Welch ein Unsinn. Wozu?«
»Aber wenn Ihnen doch alles ganz egal ist? Sie sagen doch selbst immer, daß Ihnen alles egal ist.«
»Nein, wozu?«
»Na, weil ein bestimmtes Mitglied des Bundes, der Revisor, sich in Moskau niedergelassen hat, und ich habe da einigen gesagt, daß er vielleicht erscheinen wird. Sie werden dann denken, daß Sie dieser Revisor sind. Und da Sie schon drei Wochen hier sind, so wird man sich noch mehr wundern.«
»Albernheiten. Sie haben ja überhaupt keinen Revisor in Moskau ...«
»Na, meinetwegen nicht, hol ihn der Teufel, aber was macht denn Ihnen das aus? Sie sind doch immerhin auch ein Glied des Bundes.«
»Sagen Sie ihnen meinetwegen, daß ich der Revisor bin, ich werde sitzen und schweigen, aber Papier und Bleistift will ich nicht.«
»Ja, warum denn nicht?«
»Ich will nicht.«
Pjotr Stepanowitsch ärgerte sich dermaßen, daß er ganz fahl im Gesicht wurde, bezwang sich aber wieder; er stand auf und nahm seinen Hut.
»Und _jener_ -- ist bei Ihnen?« fragte er plötzlich halblaut.
»Ja, bei mir.«
»Das ist gut. Ich werde ihn bald wieder fortschaffen, beunruhigen Sie sich nicht.«
»Ich beunruhige mich gar nicht. Er schläft nur hier. Die Alte ist im Krankenhaus. Die Schwiegertochter ist gestorben; ich bin zwei Tage allein. Ich habe ihm eine Stelle im Zaun gezeigt, wo er ein Brett herausnehmen kann; er kriecht durch, niemand sieht ihn.«
»Ich werde ihn schon bald nehmen.«
»Er sagte, daß er viele Stellen hat, wo er übernachten kann.«
»Das lügt er, man sucht ihn, hier aber ist es noch unverdächtig. Lassen Sie sich denn mit ihm in Gespräche ein?«
»Ja, die ganze Nacht. Er schimpft sehr auf Sie. Ich lese ihm in der Nacht die Apokalypse vor. Und Tee. Er hört aufmerksam zu, sogar sehr, die ganze Nacht.«
»Zum Teufel, Sie bekehren ihn mir noch zum Christentum!«
»Er ist auch so schon Christ. Seien Sie unbesorgt, er wird schon erstechen. Wen wollen Sie ermorden lassen?«
»Nein, ich habe ihn nicht zu dem Zweck ... ich brauche ihn zu etwas anderem ... Aber Schatoff, weiß der etwas von Fedjka?«
»Ich spreche nicht mit Schatoff, ja, und sehe ihn auch gar nicht.«
»Ärgert sich wohl über Sie, was?«
»Nein, wir ärgern uns nicht, wir wenden uns nur ab. Haben zu lange in Amerika zusammen auf dem Stroh gelegen.«
»Ich werde jetzt gleich zu ihm gehen.«
»Wie Sie wollen.«
»Vielleicht komme ich mit Stawrogin auf einen Augenblick auch zu Ihnen, auf dem Rückwege von _dort_, so um zehn Uhr.«
»Kommen Sie.«
»Ich muß über Wichtiges mit ihm sprechen. Wissen Sie was, schenken Sie mir Ihren Ball -- wozu brauchen Sie ihn jetzt noch? Ich will ihn gleichfalls zur Gymnastik. Übrigens kann ich Ihnen ja auch Geld für ihn zahlen, wenn Sie wollen.«
»Nehmen Sie ihn so.«
Pjotr Stepanowitsch steckte den Ball in die hintere Rocktasche.
»Aber ich gebe Ihnen nichts gegen Stawrogin,« sagte Kirilloff plötzlich leise, während er den Gast hinausließ.
Der sah ihn erstaunt an, doch sagte er nichts.
Die letzten Worte Kirilloffs verwirrten Pjotr Stepanowitsch nicht wenig, aber er begriff sie noch nicht ganz. Doch jedenfalls strengte er sich an, auf dem Wege zu Schatoff sein unzufriedenes Gesicht in ein freundliches zu verwandeln. Schatoff war zu Hause und lag, da er sich nicht wohlfühlte, auf dem Bett, war aber vollkommen angekleidet.
»Das ist aber ein Pech!« rief Pjotr Stepanowitsch von der Tür aus. »Sind Sie ernstlich krank?«
Der liebenswürdige Ausdruck seines Gesichts verschwand plötzlich: etwas Böses blitzte in seinen Augen.
»Durchaus nicht,« rief Schatoff, nervös aufspringend. »Ich bin keineswegs krank, habe nur ein wenig Kopfschmerzen.«
Er war sogar sichtlich befangen, denn das plötzliche Erscheinen gerade dieses Menschen erschreckte ihn.
»Ich bin in einer Angelegenheit zu Ihnen gekommen, zu der Kranksein nicht paßt,« begann Pjotr Stepanowitsch schnell und gewissermaßen gebieterisch. »Erlauben Sie, daß ich mich setze,« -- er setzte sich auf einen Stuhl -- »und Sie, legen Sie sich mal wieder auf Ihre Pritsche. Heute werden sich die Unsrigen bei Wirginski versammeln, er feiert seinen Namenstag, und das dient als Vorwand. Aber es ist schon alles vorgesehen, damit es keine andere Nuance annimmt. Ich werde mit Nicolai Stawrogin hinkommen. Selbstverständlich würde ich Sie jetzt nicht dorthin ziehen, da ich ja Ihre jetzigen Anschauungen kenne ... das heißt, ich meine -- um Sie nicht zu reizen, und nicht etwa, weil wir von Ihnen angezeigt zu werden fürchten. Aber leider hat es sich so gemacht, daß Sie hinkommen müssen. Sie werden dort diejenigen treffen, mit denen wir dann endgültig beraten können, wie es für Sie möglich ist, aus dem Verbande auszuscheiden, und wem Sie das abgeben sollen, was Sie von uns besitzen. Wir machen es ganz unauffällig: ich werde Sie in eine Ecke führen, denn es sind dort viele Menschen, die nichts davon zu wissen brauchen. Ich muß gestehen, ich habe Ihretwegen meine Zunge gehörig anstrengen müssen, glaube aber, daß sie jetzt vollkommen einverstanden sind, Sie frei zu geben, versteht sich, unter der Bedingung, daß Sie die Druckmaschine und alle Papiere abliefern. Dann sind Sie frei und können gehen, wohin Sie wollen, nach allen vier Himmelsrichtungen.«
Schatoff hörte ihm finster und böse zu. Seine erste nervöse Aufregung war vollständig vergangen.
»Ich erkenne diese Pflicht, weiß der Teufel wem da Rechenschaft geben zu müssen, nicht an,« sagte er schroff. »Niemand kann mich >frei geben<.«
»Das ist doch wohl nicht ganz so. Man hat Ihnen vieles anvertraut. Sie hatten nicht das Recht, so abzubrechen. Und schließlich haben Sie sich niemals klar darüber ausgedrückt.«
»Als ich hierher kam, habe ich es Ihnen klar und deutlich geschrieben.«
»Nein, nicht klar und deutlich,« bestritt Pjotr Stepanowitsch ruhig. »Ich schickte Ihnen zum Beispiel >Die helle Persönlichkeit<, damit Sie das Gedicht drucken und die Exemplare hier irgendwo bei sich aufbewahren, bis sie abverlangt werden würden. Dazu noch zwei Proklamationen. Sie schickten alles mit einem zweideutigen Brief zurück, der eigentlich nichts sagte.«
»Ich habe mich offen und ehrlich geweigert, es zu drucken.«
»Nein, nicht offen. Sie schrieben: >ich kann nicht<, aber Sie sagten nicht, warum Sie nicht können. >Ich kann nicht< heißt nicht >ich will nicht<. Man konnte also denken, daß Sie einfach aus materiellen Gründen nicht können. So hat man es denn auch aufgefaßt, -- daß Sie immerhin einverstanden sind, in dem Verbande zu bleiben und man Ihnen wieder etwas anvertrauen, also sich gegebenenfalls bloßstellen kann. Einige sagen, daß Sie uns offenbar haben betrügen wollen, um zu denunzieren, sobald Sie irgendeine wichtigere Mitteilung erhielten. Ich habe Sie natürlich verteidigt, wie ich nur konnte, und zeigte Ihre briefliche Antwort vor, jene zwei Zeilen, als ein Dokument zu Ihrer Rechtfertigung. Aber ich mußte selbst zugeben, als ich den Brief dann nochmals las, daß er wirklich nicht eindeutig ist und leicht irreführen kann.«
»Sie haben diesen Brief so sorgfältig verwahrt?«
»Das hat weiter nichts zu sagen, daß er sich noch erhalten hat. Ich habe ihn auch jetzt bei mir.«
»Eh, machen Sie doch damit, was Sie wollen, zum Teufel! ...« schrie Schatoff zornig auf. »Mögen doch Ihre Dummköpfe meinetwegen glauben, daß ich denunziert habe, was geht das mich an! Ich möchte bloß sehen, was Sie mir anhaben können!«
»Man würde Sie sich notieren und beim ersten Erfolg der Revolution aufknüpfen.«
»Das heißt, dann, wenn Ihr die Macht ergriffen und Rußland besiegt habt?«
»Lachen Sie nicht. Ich wiederhole, daß ich Sie verteidigt habe. Aber wie dem auch sei, ich würde Ihnen doch raten, heute hinzukommen. Wozu so viele unnütze Worte aus irgendeinem falschen Stolz? Ist es nicht besser, friedlich auseinander zu gehen? Jedenfalls werden Sie doch das Gestell, die alten Buchstaben und das Papier abgeben müssen, und gerade darüber wollen wir ja sprechen.«
»Ich werde kommen,« brummte Schatoff endlich, nachdenklich den Kopf gesenkt.
Pjotr Stepanowitsch beobachtete ihn heimlich von seinem Platze aus.
»Wird Stawrogin dort sein?« fragte Schatoff plötzlich und erhob den Kopf.
»Unbedingt.«
»Ha--ha!«
Wieder schwiegen sie. Schatoff lächelte verächtlich und gereizt.
»Und diese Ihre erbärmliche >helle Persönlichkeit<, die ich hier nicht drucken wollte -- ist die jetzt gedruckt?«
»Ja, sie ist gedruckt.«
»Gymnasistoff versichert, daß Herzen sie Ihnen persönlich ins Album geschrieben haben soll?«
»Ja, Herzen persönlich.«
Wieder schwiegen sie eine lange Zeit. Endlich stand Schatoff von seinem Bette auf.
»Gehen Sie fort von mir, ich will nicht mit Ihnen zusammensitzen.«
»Ich gehe schon,« sagte Pjotr Stepanowitsch gleichsam lustig und erhob sich schnell. »Nur noch ein Wort: Kirilloff scheint jetzt ganz allein im Flügel zu wohnen, ohne Aufwartefrau?«
»Ja, ganz allein. Gehen Sie, ich kann nicht mit Ihnen in einem Zimmer sein.«
»Na, du bist ja jetzt vorzüglich!« dachte Pjotr Stepanowitsch heiter, als er auf der Straße war. »Wirst ja heute abend gut sein, und so brauch ich dich gerade, besser könnte ich's gar nicht wünschen, gar nicht wünschen! Der russische Gott scheint ja selber noch zu helfen!«
VII.
Es ist anzunehmen, daß ihm an diesem vielgeschäftigen Tage alles gut gelang, denn als er am Abend um sechs Uhr bei Nicolai Stawrogin erschien, drückte sich auf seinem Gesicht volle Selbstzufriedenheit aus. Man ließ ihn jedoch nicht sofort vor: Stawrogin hatte gerade Besuch: Mawrikij Nicolajewitsch war bei ihm, in seinem Arbeitszimmer. Das gefiel nun Pjotr Stepanowitsch äußerst wenig und bereitete ihm sogleich Sorge. Er setzte sich dicht neben die Tür hin, um den Gast, wenn dieser das Zimmer verließ, sehen zu können. Die Stimmen der beiden konnte er hören, doch die Worte ließen sich nicht unterscheiden. Der Besuch Drosdoffs dauerte nicht lange: alsbald vernahm er das Geräusch von fortgeschobenen Stühlen, eine laute, erregte Stimme, und dann öffnete sich auch schon die Türe. Mawrikij Nicolajewitsch trat mit bleichem Gesicht heraus und ging schnell an Pjotr Stepanowitsch vorüber, ohne ihn zu bemerken. Dieser lief sofort ins Arbeitszimmer.
Doch zunächst muß ich jetzt berichten, was während dieses äußerst kurzen Zusammenseins der beiden »Nebenbuhler« vorging -- während dieses Besuches, den man aus gewissen Gründen, im Hinblick auf die besonderen Verhältnisse, für unmöglich halten mußte, und der doch stattfand.
Nicolai Wszewolodowitsch hatte sich nach dem Essen in seinem Arbeitszimmer auf dem Diwan ausgestreckt und war halb eingeschlummert, als plötzlich der alte Diener Alexei Jegorowitsch eintrat und den unerwarteten Besuch Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoffs meldete. Als Stawrogin diesen Namen hörte, sprang er sogar auf und wollte es zuerst gar nicht glauben. Doch alsbald legte sich ein Lächeln um seine Lippen -- ein Lächeln hochmütigen Triumphes und zu gleicher Zeit wie einer gewissen stumpfen, mißtrauischen Verwunderung. Den eintretenden Mawrikij Nicolajewitsch machte dieses Lächeln, wie es schien, stutzig, wenigstens blieb er plötzlich mitten im Zimmer stehen, als sei er unentschlossen -- sollte er weitergehen, oder umkehren? Doch Stawrogins Miene hatte sich bereits wieder verändert und er trat dem Gast sogar entgegen. Mawrikij Nicolajewitsch übersah freilich die entgegengestreckte Hand, zog einen Stuhl heran und setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, noch bevor ihn Stawrogin dazu aufgefordert hatte. Dieser setzte sich darauf ihm gegenüber auf den Diwan, und während er seinen Gast aufmerksam betrachtete, schwieg er und wartete.
»Wenn es Ihnen möglich ist, so heiraten Sie Lisaweta Nicolajewna,« sagte plötzlich Mawrikij Nicolajewitsch, und zwar so, daß man, was das Merkwürdigste war, aus der Stimme, der Intonation überhaupt nicht heraushören konnte, was das nun war: eine Bitte, eine Empfehlung, eine Abtretung, oder ein Befehl.
Stawrogin fuhr fort zu schweigen. Doch Drosdoff schien bereits alles gesagt zu haben, was er sagen wollte, und sah jetzt, in Erwartung einer Antwort, starr vor sich hin.
»Wenn ich mich nicht irre, was mir jetzt ausgeschlossen erscheint, so ist Lisaweta Nicolajewna schon mit _Ihnen_ verlobt,« sagte Stawrogin endlich.
»Ja, sie hat sich mit mir verlobt,« bestätigte fest und deutlich Mawrikij Nicolajewitsch.
»Sie ... haben sich entzweit ... Verzeihen Sie, Mawrikij Nicolajewitsch --«
»Nein, sie >liebt und achtet< mich, nach ihren eigenen Worten. Und ihre Worte gehen mir über alles.«
»Daran ist selbstredend nicht zu zweifeln.«
»Aber wenn sie mit mir schon in der Kirche vor dem Altar stünde und Sie sie riefen, so würde sie doch mich und alle verlassen und zu Ihnen gehen.«
»Vom Altar?«
»Ja, vom Altar.«
»Täuschen Sie sich nicht?«
»Nein. Unter ihrem Haß, dem aufrichtigsten und stärksten Haß, den sie für Sie empfindet, lodert doch jeden Augenblick ihre Liebe hervor, und ... ihr Wahnsinn ... die größte, die grenzenloseste Liebe und -- wie gesagt: ihr Wahnsinn! Andererseits aber, aus _der_ Liebe, die sie für mich empfindet, gleichfalls aufrichtig empfindet, bricht immer und immer wieder der Haß -- der allergrößte Haß hervor. Ich hätte früher alle diese ... Metamorphosen nie für möglich gehalten.«
»Mich wundert nur, wie Sie so einfach über Lisaweta Nicolajewnas Hand verfügen können? Haben Sie ein Recht dazu? Oder sind Sie von ihr bevollmächtigt?«
Mawrikij Nicolajewitschs Gesicht verfinsterte sich und er senkte auf einen Augenblick den Kopf.
»Wozu diese Phrasen?« fragte er plötzlich. »Das sind doch nur rachsüchtige Worte von Ihnen. Ich bin überzeugt, daß Sie das Nichtausgesprochene sehr wohl verstehen. Und ist denn hier Platz für kleinliche Eitelkeit? Ist das noch zu wenig Genugtuung für Sie? Soll man denn noch den Punkt aufs i setzen? Nun gut, dann werde ich auch noch den Punkt aufs i setzen, wenn Sie meine Erniedrigung so wünschen. Also: Ein Recht dazu habe ich nicht; eine Bevollmächtigung ist doch ausgeschlossen. Lisaweta Nicolajewna weiß nichts davon, ihr Verlobter aber hat den letzten Verstand verloren und ist fürs Irrenhaus reif und obendrein -- obendrein kommt er noch selbst und teilt Ihnen das mit. In der ganzen Welt sind es nur Sie allein, der Lisa wirklich glücklich machen kann! Und nur ich allein, der sie unglücklich machen kann! Sie wollen sie niemandem abtreten, Sie verfolgen sie, aber Sie heiraten sie nicht. Ich weiß nicht, warum Sie das nicht tun. Liegt hier ein Mißverständnis vor, das vielleicht schon im Auslande entstanden ist, oder ein Liebesstreit, und muß man, um ihn beilegen zu können, etwa -- mich ausstreichen ... so tun Sie es. Sie ist zu unglücklich, und das kann ich nicht mehr ertragen. Was ich sage, soll Ihnen nichts vorschreiben, und darum kann auch Ihre Eigenliebe gar nicht verletzt sein. Wenn Sie meinen Platz am Altar einnehmen wollten, so könnten Sie das ohne jegliche >Erlaubnis< meinerseits tun, und ich hätte es mir sparen können, so zu Ihnen zu kommen. Um so mehr, als unsere Hochzeit nach meiner jetzigen Handlungsweise sowieso unmöglich geworden ist. Ich kann sie doch nicht mehr zum Altar führen, nachdem ich hier so gehandelt, so gemein gehandelt habe. Denn das, was ich hier tue, daß ich sie Ihnen, vielleicht ihrem schlimmsten Feinde, einfach übergebe, ist meiner Meinung nach eine solche Gemeinheit, daß ich sie selbstverständlich nicht werde überleben können.«
»Sie werden sich erschießen, wenn man uns traut?«
»Nein, erst viel später. Warum soll ich mit meinem Blut ihr Hochzeitskleid beflecken? Vielleicht werde ich mich auch nicht erschießen, weder jetzt, noch später.«
»Mit diesem Nachsatz wollen Sie mich wohl beruhigen?«
»Sie beruhigen? Was macht Ihnen denn ein Tropfen mehr verspritzten Blutes aus?«
Er erbleichte und seine Augen begannen zu brennen. Sie schwiegen beide eine Zeitlang.
»Verzeihen Sie mir, bitte, die an Sie gestellten Fragen,« begann Stawrogin von neuem. »Zu einigen hatte ich durchaus kein Recht, doch um so mehr habe ich das, glaube ich, zu einer anderen Frage: sagen Sie mir, was Sie eigentlich veranlaßt hat, in mir solche Gefühle zu Lisaweta Nicolajewna vorauszusetzen? Ich meine, daß Sie so überzeugt waren, um zu mir kommen zu können ... und solch einen Antrag zu wagen?«
»Wie?« Mawrikij Nicolajewitsch zuckte zusammen. »-- Haben Sie denn nicht bei ihr angehalten? Werben Sie denn jetzt nicht um sie und wollen Sie es auch später nicht tun?«
»Über meine Gefühle zu dieser oder jener Frau vermag ich nicht laut zu einem Dritten zu sprechen, zu wem es auch sei, außer zu dieser Frau selbst. Verzeihen Sie, aber das ist nun einmal meine Eigenart. Doch dafür werde ich Ihnen die ganze übrige Wahrheit sagen: ich bin bereits verheiratet, und so ist mir ein Heiraten oder >Werben< schon nicht mehr möglich.«[45]
Mawrikij Nicolajewitsch fuhr förmlich zurück vor Bestürzung, und starrte Stawrogin eine Weile unbeweglich ins Gesicht.
»Denken Sie sich ... das habe ich wirklich nicht gedacht,« murmelte er endlich. »Sie sagten an jenem Morgen, daß Sie nicht verheiratet seien ... und so glaubte ich, Sie wären wirklich unverheiratet.«
Er erblaßte unheimlich. Plötzlich schlug er aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.
»Wenn Sie nach solch einem Bekenntnis Lisaweta Nicolajewna nicht in Ruhe lassen und sie ins Unglück bringen, so schlage ich Sie tot, wie einen Hund hinterm Zaun!«
Damit sprang er auf und verließ das Zimmer. Pjotr Stepanowitsch lief schnell hinein -- fand aber den Hausherrn in einer von ihm völlig unerwarteten Gemütsverfassung.
»Ah, das sind Sie!« rief Stawrogin und lachte laut auf --, lachte, wie es schien, nur über die Erscheinung Pjotr Stepanowitschs, der mit so maßlos neugierigem Gesicht hereingeeilt kam.
»Haben Sie an der Tür gehorcht? Warten Sie, warum sind Sie doch jetzt gekommen? Habe ich Ihnen nicht irgend etwas versprochen ... Ach, richtig! ich weiß schon: zu den >Unsrigen<! -- Gehen wir! Freut mich sehr, Sie hätten sich wirklich nichts Besseres für diesen Augenblick ausdenken können.«
Er nahm seinen Hut und sie verließen sogleich das Haus.
»Sie lachen schon im voraus über die >Unsrigen<?« fragte Pjotr Stepanowitsch lustig scharwenzelnd, indem er bald versuchte, neben seinem Begleiter auf dem schmalen Fußsteig zu gehen, bald wiederum auf der schmutzigen Fahrstraße lief, denn Stawrogin bemerkte es nicht, daß er in der Mitte des Fußsteiges ging und folglich den ganzen Platz mit seiner Person einnahm.
»Ich lache durchaus nicht,« antwortete Nicolai Wszewolodowitsch laut und heiter. »Ich bin im Gegenteil überzeugt, daß Sie dort die ernstesten Leute haben.«
»>Die ernsten Dummköpfe<, wie Sie sich einmal auszudrücken beliebten.«
»Es gibt nichts Lustigeres, als manch einen ernsten Dummkopf.«
»Ah, Sie denken an Mawrikij Nicolajewitsch! Bin überzeugt, daß er zu Ihnen gekommen war, um seine Braut abzutreten -- wie? Das habe ich ihm indirekt eingeblasen, wenn Sie es wissen wollen! Und wenn er sie nicht abtreten will, so nehmen wir sie eigenmächtig -- wie?«
Pjotr Stepanowitsch wußte natürlich, was er wagte, wenn er sich solche Reden erlaubte; doch lieber wagte er schon alles, als daß er die Ungewißheit noch länger ertrug. Nicolai Wszewolodowitsch aber lachte nur.
»Und Sie beabsichtigen immer noch, mir zu helfen?« fragte er.
»Sobald Sie rufen. Aber wissen Sie auch, daß es einen anderen, noch viel besseren Weg gibt?«
»Ich kenne Ihren Weg.«
»Nun, nein, der ist vorläufig noch ein Geheimnis. Nur vergessen Sie nicht, daß das Geheimnis Geld kostet.«
»Ich weiß auch, wieviel es kostet,« brummte Stawrogin vor sich hin, bezwang sich aber sofort und verstummte.
»Wie viel? Wie? Was sagten Sie?« fuhr Pjotr Stepanowitsch auf.
»Ich sagte: zum Teufel mit Ihnen samt dem Geheimnis. Sagen Sie mir lieber, wer dort sein wird. Ich weiß, daß wir zum Namensfest gehen, aber wen wird man dort eigentlich antreffen?«
»Oh, alle möglichen Leute! Sogar Kirilloff wird dort sein.«
»Alles Mitglieder von Gruppen?«
»Teufel noch eins, Sie beeilen sich aber! Hier hat sich noch nicht einmal eine einzige Gruppe gebildet.«
»Wie haben Sie denn so viele Proklamationen verbreiten können?«
»Dort werden im ganzen nur vier Mitglieder der Gruppe sein. Die übrigen bespionieren sich mittlerweile um die Wette, und teilen mir alles mit. Wirklich vielversprechendes Volk! Alles Material, das man organisieren muß und dann kann man sich aus dem Staube machen. Aber Sie haben ja selbst unser Gesetzbuch geschrieben. Da braucht man Ihnen doch nichts mehr zu erklären.«
»Nun wie, es geht wohl schwer? Ist es mißglückt?«