Sämtliche Werke 5-6

Part 18

Chapter 183,678 wordsPublic domain

Für Praskowja Iwanowna konnte in einem solchen Empfang nichts Unerwartetes liegen. Warwara Petrowna hatte sie von Kindheit an unter dem Anschein der Freundschaft von oben herab, ja, in der Pensionszeit sogar mit Verachtung behandelt. In den letzten Tagen hatte sich ihr Verhältnis jedoch noch in einer ganz neuen und bedenklichen Weise zugespitzt. Die Gründe des drohenden Bruches waren Warwara Petrowna noch völlig unklar und daher um so beleidigender für sie. Vor allem mußte es sie kränken, daß Praskowja Iwanowna ihr gegenüber mit einem Male einen so unglaublich hochmütigen Ton anschlug. Hinzu kamen die sonderbaren Gerüchte, die ihr zu Ohren gedrungen waren, und die sie nun, eben infolge ihrer Unklarheit und Unbestimmtheit, so aufregten. Warwara Petrownas ganzes Wesen war gerade, offen und stolz, nichts haßte sie daher mehr, als versteckte Anschuldigungen. Jeglichem Ränkespiel hätte sie stets einen ehrlichen Krieg vorgezogen. Doch wie dem auch war, jedenfalls hatten sich die beiden Damen jetzt schon seit fünf Tagen nicht mehr gesehen. Warwara Petrowna war die letzte gewesen, die der anderen einen Besuch gemacht hatte -- einen Besuch, von dem sie gekränkt und geärgert zurückgekehrt war. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, daß Praskowja Iwanowna mit der naiven Überzeugung eintrat, Warwara Petrowna müsse und werde aus irgendeinem Grunde vor ihr Angst bekommen. Andererseits richtete sich in Warwara Petrowna sofort ihr ganzer Stolz auf, als sie an dem Gesichte Praskowja Iwanownas wahrnahm, daß diese sie als irgendwie unterlegen behandeln wollte. Praskowja Iwanowna wiederum war, wie so viele unbedeutende Menschen, die sich sonst im allgemeinen ruhig tyrannisieren lassen, eines jähen und frechen Angriffes fähig, mit dem sie dann plump bei irgendeiner Gelegenheit herausplatzte. Zudem war sie noch krank und daher doppelt reizbar.

Daß noch andere zugegen waren, konnte in diesem Falle den Ausbruch eines Streites zwischen den beiden Jugendfreundinnen nicht verhindern: denn Stepan Trophimowitsch, Schatoff und ich galten einfach als Hausfreunde, auf deren Gegenwart man weiter nicht Rücksicht zu nehmen brauchte. Stepan Trophimowitsch hatte übrigens seit dem Eintritt seiner _chère amie_ noch immer gestanden: jetzt, als auch noch Praskowja Iwanowna auf der Türschwelle kreischend erschien, sank er ganz erschöpft in einen Sessel und warf mir nur noch einen verzweifelten Blick zu. Schatoff dagegen drehte sich brüsk und brummend auf seinem Stuhle um: und es schien beinahe, als wolle er aufstehen und fortgehen. Lisa hatte sich zuerst halb erhoben, aber sich gleich wieder gesetzt; sie schenkte der Gegenwart ihrer Mutter überhaupt keine Beachtung, doch tat sie das nicht aus »Widerspenstigkeit« oder »Trotz«, sondern weil sie augenscheinlich ganz unter der Macht ihrer eigenen Gedanken stand -- sie starrte zerstreut in die Luft und hatte sogar für Marja Timofejewna nicht mehr die frühere Aufmerksamkeit übrig.

III.

»Ach, hierher!« Praskowja Iwanowna zeigte auf den Lehnstuhl am Tisch, und ließ sich mit Mawrikij Nicolajewitschs Hilfe schwer auf ihn nieder. »Würde mich sonst nicht bei Ihnen hinsetzen, meine Liebe, wenn es nicht die Füße wären --«

Warwara Petrowna erhob ein wenig den Kopf, und legte die Hand an die rechte Schläfe, in der sie augenscheinlich einen stechenden Schmerz empfand -- »_le tic douloureux_«,{[90]} wie ihn Stepan Trophimowitsch nannte.

»Warum denn nicht, Praskowja Iwanowna? Warum solltest du dich bei mir nicht setzen? Dein Mann war mir sein Lebelang freundschaftlich zugetan. Und mit dir habe ich noch als Kind in der Pension Puppen gespielt.«

Praskowja Iwanowna winkte nur mit der Hand ab: »Ich konnte es mir ja schon denken, daß Sie wieder von der Pension anfangen würden! Das tun Sie ja stets, wenn Sie Vorwürfe machen wollen.«

»Es scheint, daß du schon in schlechter Laune hergekommen bist. Wie geht es mit deinen Füßen? Da wird dir Kaffee gebracht! Nimm bitte ein Täßchen, trink und ärgere dich nicht.«

»Meine Liebe, Sie gehen ja mit mir um, als ob ich ein kleines Mädchen wäre! Ich will keinen Kaffee, danke!« und sie winkte eigensinnig dem Diener ab, der mit dem Tablett zu ihr getreten war. Für Kaffee dankten übrigens auch die anderen, außer Mawrikij Nicolajewitsch und mir. Stepan Trophimowitsch nahm zwar ein Täßchen, stellte es aber gleich wieder auf den Tisch. Marja Timofejewna hätte ersichtlich allzu gern auch eines, ihr zweites, genommen. Sie streckte schon die Hand aus, bedachte sich aber noch im letzten Augenblick und dankte -- worauf sie sich, offenbar sehr zufrieden mit sich selbst, wieder zurücklehnte.

Warwara Petrowna lächelte verzogen.

»Weißt du, meine Liebe, du hast dir wohl wieder einmal etwas eingebildet. Wäre nichts Neues! Du hast ja von jeher nur von Einbildungen gelebt. Wenn ich von der Pension anfange, so ärgerst du dich. Aber weißt du noch, wie du ankamst? Wie du der ganzen Klasse erzähltest, der Husarenleutnant Schablykin hätte um dich angehalten, und wie Madame Lefebure dich sofort der Lüge zieh? Dabei hattest du ja gar nicht gelogen. Du hattest dir die ganze Geschichte eben einfach eingebildet. Und so war's immer und so wird's wohl auch jetzt wieder sein. Also erzähle nur, womit du diesmal hergekommen bist, was du dir jetzt wieder einbildest?«

»Dabei hat sie sich in der Pension in den Popen verliebt -- hahaha!« rief Praskowja Iwanowna mit gehässigem Lachen, das bald in Husten überging.

»Ah! das hast du also nicht vergessen?« Warwara Petrowna sah sie durchdringend an und ihr Gesicht wurde farblos vor Ärger.

Praskowja Iwanowna wurde plötzlich ernst. Dann aber fuhr es aus ihr heraus: »Warum ... warum haben Sie meine Tochter in Gegenwart der ganzen Stadt in Ihren Skandal verwickelt?«

»In meinen Skandal?« Warwara Petrowna richtete sich drohend auf.

»Mama, ich möchte Sie doch sehr bitten, sich etwas zu mäßigen,« sagte Lisaweta Nicolajewna plötzlich zu ihr.

»Wie! Was ... was sagtest du da?« Aber gleich darauf schwieg sie vor dem aufblitzenden Blick ihrer Tochter.

»Was reden Sie von einem Skandal, Mama? Ich bin freiwillig hierhergekommen, mit Julija Michailownas Erlaubnis, weil ich die Geschichte dieser Unglücklichen da erfahren wollte, um ihr helfen zu können.«

»Geschichte dieser Unglücklichen?« wiederholte Praskowja Iwanowna langsam, mit bösem Lachen. »Was mischst du dich in solche Geschichten? Ach, meine Liebe, wir haben jetzt genug von Ihrer Herrschsucht!« fuhr sie darauf wieder Warwara Petrowna an. »Bisher haben _Sie_ die ganze Stadt kritisiert, jetzt aber kommt die Reihe auch einmal an uns!«

Warwara Petrowna saß in einer Haltung da, als wolle sie sich sofort auf Praskowja Iwanowna stürzen; dabei war aber ihr Blick kalt und unbeweglich auf die Gegnerin geheftet.

»Sei froh, meine Liebe,« sagte sie mit eisiger Ruhe, »daß wir hier unter uns sind. Du hast viel Überflüssiges gesagt.«

»Ich, meine Liebe, ich fürchte die öffentliche Meinung nicht so sehr, wie gewisse andere Leute. Die Furcht haben _Sie_ vielmehr! Und daß wir hier >unter uns< sind -- nun, um so besser für Sie, wenn wir hier nicht unter Fremden sind!«

»Du bist wohl etwas klüger geworden? In der letzten Woche?«

»O nein, ich bin nicht klüger geworden in der letzten Woche, aber die Wahrheit ist ans Licht gekommen in der letzten Woche.«

»Was für eine Wahrheit ist ans Licht gekommen? In der letzten Woche? Was soll das heißen? Was willst du damit sagen?«

»Da, da ... da sitzt sie ja, die ganze Wahrheit!« Und Praskowja Iwanowna wies plötzlich auf Marja Timofejewna mit jener verzweifelten Entschlossenheit, die nicht mehr an die Folgen denkt, sondern nur im Augenblick treffen will.

Marja Timofejewna, die inzwischen mit einer fröhlichen Neugierde die alte Dame betrachtet hatte, lachte lustig auf, als sie jetzt deren Finger auf sich gerichtet sah, und bewegte sich vergnügt auf ihrem Sessel.

»Herr Jesus Christus, sind denn heute alle von Sinnen!« murmelte Warwara Petrowna und lehnte sich zurück.

Und plötzlich wurde sie so blaß, daß wir alle erschrocken auf sie zutraten. Stepan Trophimowitsch war als erster bei ihr. Ich folgte ihm. Auch Lisa stand auf. Am erschrockensten war aber Praskowja Iwanowna selbst: sie stieß einen kurzen Schrei aus, erhob sich, so weit sie es konnte, und rief bittend mit weinerlicher Stimme:

»Meine Liebe, verzeihen Sie, das war ja nur so gesagt! -- Aber so geben Sie ihr doch wenigstens Wasser!«

»Bitte, rege dich nicht auf. Und Sie, meine Herren, bitte, setzen Sie sich wieder.« Warwara Petrowna suchte sich zu fassen.

»Meine Liebe,« begann Praskowja Iwanowna von neuem, nachdem sie sich ein bißchen beruhigt hatte, »es war ja töricht, es war ja häßlich von mir ... Aber man hat mich mit all diesen anonymen Briefen, die mir weiß der Himmel was für Leute zuschicken, dermaßen gereizt ... wenn sie sie doch wenigstens _Ihnen_ zuschicken würden, da sie doch von _Ihnen_ handeln ... aber ich, meine Liebe, ich habe eine Tochter!«

Warwara Petrowna, die inzwischen wieder vollständig Herrin ihrer selbst geworden war, hatte ihr erstaunt zugehört und sah sie noch stumm mit großen Augen an, als sich eine Seitentür öffnete und Darja Pawlowna eintrat. Sie blieb stehen und sah sich um -- wahrscheinlich ohne zunächst Marja Timofejewna zu erblicken, von deren Anwesenheit man ihr nichts gesagt hatte. Unsere Aufregung schien sie zu erschrecken. Stepan Trophimowitsch hatte sie zuerst bemerkt, er machte eine schnelle Bewegung, errötete und sagte plötzlich laut: »Darja Pawlowna!« -- so daß aller Augen sich der Eintretenden zuwandten.

»Das also ist eure Darja Pawlowna!« rief Marja Timofejewna. »Ach, Schatuschka, deine Schwester gleicht dir aber gar nicht! Wie kann nur meiner solch ein schönes Wesen die Leibeigene Daschka nennen!«

Darja Pawlowna war schon an Marja Timofejewna vorübergegangen und auf Warwara Petrowna zugeschritten, als der Ausruf sie traf. Sie kehrte sich jäh um und blieb wie versteinert stehen, mit langem, entsetztem Blick auf die Lahme starrend.

»Setze dich, Dascha,« sagte Warwara Petrowna mit unheimlicher Ruhe. »Auch sitzend wirst du sie sehen können. Kennst du sie?«

»Ich habe sie nie gesehen,« antwortete Dascha leise, nach kurzem Schweigen. Und dann fügte sie schneller hinzu: »Ich glaube, es ist die kranke Schwester eines Herrn Lebädkin.«

»Und auch ich sehe Sie zum ersten Male, aber ich wollte Sie schon lange kennen lernen, denn in jeder Ihrer Bewegungen sehe ich die gute Erziehung!« rief Marja Timofejewna entzückt. »Und was da mein Diener schimpft, -- oh, wie wäre es wohl möglich, daß _Sie_ Geld entwendet hätten!? Sie, die Sie so wohlerzogen und lieb sind? Denn Sie sind lieb und lieb und lieb! Das sage ich Ihnen von mir aus!« schloß sie ganz begeistert und mit einer heftigen Handbewegung.

»Verstehst du etwas davon?« fragte Warwara Petrowna Darja Pawlowna mit stolzer Würde.

»Ich verstehe ...«

»Das von dem Gelde hast du auch gehört?«

»Damit meint sie gewiß jenes Geld, das ich, auf Nicolai Wszewolodowitschs Bitte in der Schweiz einem gewissen Herrn Lebädkin, ihrem Bruder jedenfalls, zu übergeben übernahm.«

Ein Schweigen entstand.

»Hat Nicolai Wszewolodowitsch dich selbst darum gebeten?«

»Ja, ihm lag sehr viel daran, dieses Geld zu übersenden -- es waren dreihundert Rubel. Da er aber Herrn Lebädkins Adresse nicht kannte und nur wußte, daß er hierher ziehen werde, so bat er mich, ich möge ihm das Geld bei seiner Ankunft zustellen.«

»Und was für ein Geld ist da ... abhanden gekommen? Sie sagte soeben --«

»Das weiß ich nicht. Ich habe auch schon gehört, daß Herr Lebädkin von mir gesagt haben soll, ich hätte ihm nicht das ganze Geld übersandt, aber das verstehe ich nicht. Es waren genau dreihundert Rubel und genau dreihundert Rubel habe ich eingezahlt.«

Darja Pawlowna hatte sich wieder beruhigt. Es war überhaupt schwer, dieses Mädchen irgendwie aus der Fassung zu bringen -- mochte sie innerlich noch so stark bewegt sein. Jetzt antwortete sie auf jede Frage leise, aber ruhig und bestimmt und ohne die geringste Verwirrung, die doch das Bewußtsein von einer, wenn auch noch so kleinen Schuld immer hervorruft.

Warwara Petrowna ließ während der ganzen Zeit, in der Darja Pawlowna sprach, auch nicht ein einziges Mal den Blick von ihr.

»Wenn Nicolai Wszewolodowitsch sich in dieser Angelegenheit nicht einmal an mich, seine Mutter, gewandt hat,« sagte sie ernst und offenbar sich an alle Anwesenden wendend, obwohl sie dabei Darja Pawlowna allein ansah -- »wenn er vielmehr dich um diese Gefälligkeit gebeten hat, so wird er auch bestimmt seine Gründe dazu gehabt haben. Ich halte mich also gar nicht für berechtigt, weiter nach ihnen zu forschen. Und schon, daß du dabei beteiligt bist, das beruhigt mich vollkommen. Das sollst du vor allem einmal wissen, Dascha. Aber sieh, meine Liebe, du hast vielleicht doch eine Unvorsichtigkeit begangen. Mit reinem Gewissen. Einfach aus Lebensunkenntnis. Ich meine: allein schon, daß du mit diesem Menschen in Berührung gekommen bist. Und was er jetzt über dich herumerzählt, bestätigt es ja. Doch ich bin nicht umsonst deine Beschützerin. Ich werde dich schon zu verteidigen wissen. -- Aber jetzt muß man alledem ein Ende machen ...«

»Am besten ist,« fiel Marja Timofejewna ihr ins Wort, »Sie schicken ihn, wenn er selbst zu Ihnen kommt, einfach in die Dienerstube, dort kann er dann Karten spielen und wir können hier sitzen und Kaffee trinken. Ein Täßchen kann man ja auch ihm schicken, aber sonst verachte ich ihn tief!« und sie nickte ausdrucksvoll mit dem Kopf.

»Dem muß man ein Ende machen,« wiederholte Warwara Petrowna, nachdem sie ihr aufmerksam zugehört hatte. »Stepan Trophimowitsch, bitte klingeln Sie.«

Stepan Trophimowitsch klingelte, trat aber plötzlich erregt vor.

»Wenn ... wenn ich ... wenn ich auch die widerlichste Novelle, oder besser -- schändlichste Verleumdung gehört habe ... mit dem allergrößten Unwillen ... _enfin, c'est un homme perdu et quelque chose comme un forçat évadé_.«{[91]}

Er brach ab. Warwara Petrowna maß ihn mit zugekniffenen Augen vom Kopf bis zu den Füßen. Doch schon gleich darauf trat ihr würdevoller Diener, Alexei Jegorowitsch, ein.

»Die Equipage!« befahl Warwara Petrowna. »Du wirst Fräulein Lebädkina nach Hause begleiten.«

»Herr Lebädkin wartet unten bereits seit einiger Zeit auf sie und hat sehr gebeten, ihn anzumelden.«

»Das ist unmöglich, Warwara Petrowna,« sagte, plötzlich vortretend, Mawrikij Nicolajewitsch, der bis dahin unerschütterlich geschwiegen hatte. »Sie erlauben, aber das ist kein Mensch, den man in der Gesellschaft empfangen kann. Das ... das ist ... mit einem Wort, das ist unmöglich, Warwara Petrowna.«

»Warten, er soll warten!« wandte sich diese an den Diener, der sofort verschwand.

»_C'est un homme malhonnête et je crois même que c'est un forçat évadé ou quelque chose dans ce genre_,«{[92]} sagte wieder Stepan Trophimowitsch erregt.

»Lisa, es ist Zeit, daß wir fahren!« rief jetzt auch Praskowja Iwanowna und erhob sich von ihrem Lehnstuhl. Sie schien bereits zu bereuen, daß sie vorhin im ersten Schreck alles zurückgenommen hatte. Schon als Darja Pawlowna sprach, hatte sie wieder mit hochmütiger Miene zugehört. Doch am meisten wunderte ich mich über Lisaweta Nicolajewna, die, als Darja Pawlowna eintrat, das junge Mädchen schon mit gar zu offenem Haß und unverhohlener Verachtung angesehen hatte.

»Bitte, gedulde dich noch einen Augenblick!« hielt Warwara Petrowna sie auf. »Sei so gut und setze dich wieder. Ich habe die Absicht, alles zu sagen, und du hast kranke Füße. So, danke. Ich habe dir vorhin, als mir die Geduld riß, ein paar unangenehme Worte gesagt. Sei so freundlich und verzeih sie mir. Es war überflüssig und töricht von mir. Ich sehe das selbst ein. Und da ich immer Gerechtigkeit liebe, so sage ich's. Natürlich hast auch du allerlei Überflüssiges gesagt, wie zum Beispiel das von den anonymen Briefen. Anonyme Briefe sind schon deshalb verächtlich, weil der Schreiber ein Feigling ist. Faßt du es anders auf, so beneide ich dich nicht. Jedenfalls würde ich mit so etwas in der Tasche nicht zu meiner Freundin gehen und mich damit breit machen. Übrigens, da du nun einmal davon angefangen hast, so laß dir sagen, daß auch ich einen Brief bekommen habe. Vor sechs Tagen. Gleichfalls ohne Unterschrift. Darin teilt mir der Absender mit, daß mein Sohn den Verstand verloren habe. Ferner, daß ich mich vor einem hinkenden Frauenzimmer hüten soll, >das in Ihrem Leben eine große Rolle spielen wird<, hieß es wörtlich. Ich dachte nach, und da ich wußte, daß Nicolai Wszewolodowitsch unzählige Feinde hat, schickte ich sofort nach einem Menschen, dem rachsüchtigsten und verächtlichsten von allen seinen Feinden. Im Gespräch mit ihm erriet ich denn auch sofort, woher der Brief stammte. Wenn man auch dich, Praskowja Iwanowna, mit solchen Briefen behelligt hat, _meinetwegen_ behelligt hat, so bin ich die erste, der es leid tut. Verzeih, daß ich die unschuldige Ursache gewesen bin. -- Übrigens habe ich mich entschlossen, diesen verdächtigen Menschen da unten sofort _hereinzulassen_. Mawrikij Nicolajewitsch hat wohl kein ganz richtiges Wort gebraucht, als er sagte, daß man ihn nicht _empfangen_ könne. Besonders Lisa wird hier nichts zu tun haben. Komm her, Lisa, mein Liebling. Laß mich dich noch einmal küssen.«

Lisa stand auf und ging stumm zu Warwara Petrowna. Diese küßte sie, faßte ihre Hände, beugte sich etwas zurück, um sie besser sehen zu können, und blickte sie liebevoll an. Darauf bekreuzte sie sie und küßte sie nochmals. »Nun, leb wohl, Lisa,« (in ihrer Stimme zitterten fast Tränen). »Glaub mir, daß ich nie aufhören werde, dich zu lieben. Was dir das Schicksal auch bringen mag! Gott sei mit dir, mein Kind, ich habe immer Seinen Willen gesegnet ...« Wie es schien, wollte sie noch etwas hinzufügen, aber sie nahm sich zusammen und schwieg.

Lisa ging wie in tiefen Gedanken zu ihrem Platz zurück, doch plötzlich blieb sie vor ihrer Mutter stehen.

»Mama, ich werde jetzt noch nicht nach Hause fahren, ich möchte noch bei Tante bleiben,« sagte sie mit leiser Stimme, doch in diesen leisen Worten lag trotzdem eine unerschütterliche Entschlossenheit.

»Großer Gott, was hast du nur wieder?« Und ganz erschöpft ließ ihre Mutter die schon erhobenen Hände sinken.

Doch Lisa antwortete ihr nicht; sie setzte sich still wieder auf ihren Platz in der Ecke, um von neuem ins Leere zu starren.

In Warwara Petrownas Augen leuchtete etwas Sieghaftes und Stolzes auf.

»Mawrikij Nicolajewitsch, ich habe eine große Bitte an Sie. Würden Sie so gütig sein und nach unten gehn, um dort nach jenem Menschen zu sehen, und, wenn es irgend geht, ihn hereinzulassen?«

Mawrikij Nicolajewitsch verbeugte sich und verließ das Zimmer. Eine Minute später trat er mit Lebädkin wieder ein.

IV.

Ich habe schon einmal von der äußeren Erscheinung dieses Herrn gesprochen: ein großer, krausköpfiger, stämmiger Mann von ungefähr vierzig Jahren, mit einem roten, ein wenig gedunsenen Gesicht, fleischigen Wangen, die bei jeder Kopfbewegung erzitterten, kleinen, vom Blutandrang geröteten Augen, die zuweilen einen recht schlauen Ausdruck annehmen konnten, mit einem Schnurrbart und Backenbart und der Anlage zu einem fleischigen Doppelkinn, das schon ziemlich unangenehm aussah. Doch am meisten überraschte an ihm, daß er jetzt in einem Frack und in sauberer Wäsche erschien. »Es gibt Menschen, zu denen saubere Wäsche nicht paßt, ja, für die sie sich einfach nicht schickt,« hatte Liputin einmal auf Stepan Trophimowitschs scherzhaft gemachten Vorwurf, daß er, Liputin, in seiner Kleidung nachlässig sei, nicht unrichtig erwidert. Der »Hauptmann« aber hatte plötzlich auch neue schwarze Handschuhe, von denen er den rechten in der Hand hielt, während der linke -- den er wohl nur mit großer Mühe so weit bekommen hatte -- seine fleischige linke Tatze nur bis zur Hälfte bedeckte, geschweige denn sich zuknöpfen ließ. Und in dieser linken Hand hielt er einen nagelneuen, offenbar gleichfalls zum erstenmal benutzten runden Hut. So hatte es denn doch seine Richtigkeit mit dem »Frack der Liebe«, von dem er gestern Abend Schatoff berichtet hatte. Alle diese Kleidungsstücke waren schon früher auf Liputins Rat gekauft worden (wie ich später erfuhr), und jedenfalls zu einem bestimmten geheimnisvollen Zweck. Zweifellos war er auch jetzt nicht aus eigenem Antriebe hierhergekommen: selbst wenn er die Szene an der Kirchentür sofort erfahren hätte, würde er doch niemals in einer dreiviertel Stunde allein einen solchen Entschluß haben fassen und gar ausführen können. Betrunken war er dabei nicht, befand sich aber in jenem stumpfen, nebligen Zustande eines Menschen, der plötzlich nach langer Betrunkenheit wieder zu sich gekommen ist. Doch ich glaube, man hätte ihn nur zu schütteln brauchen und er wäre sofort wieder betrunken gewesen.

Allem Anscheine nach wollte er mit Temperament ins Zimmer treten, doch stolperte er zum Unglück sofort über eine Teppichecke an der Tür, worüber dann Marja Timofejewna vor Lachen fast verging. Er warf der Schwester einen wütenden Blick zu und näherte sich mit ein paar Schritten Warwara Petrowna.

»Gnädige Frau, ich bin gekommen ...« begann er dröhnend laut, wie durch eine Trompete.

»Seien Sie so freundlich, mein Herr, sich dort -- auf jenen Stuhl dort zu setzen,« sagte Warwara Petrowna, die steif aufgerichtet dasaß. »Ich werde Sie auch von dort aus hören und so kann ich Sie besser sehen.«

Der »Hauptmann« blieb stehen, sah blöde vor sich hin, kehrte dann aber doch zurück und setzte sich auf den bezeichneten Stuhl an der Tür. Der gänzliche Mangel an Zutrauen zu sich selbst und zu gleicher Zeit unendliche Gereiztheit drückten sich auf seinem Gesicht aus. Er hatte furchtbare Angst, das sah man, aber auch seine Eigenliebe schien stark zu leiden, und so konnte man nicht sicher sein, ob er sich nicht im gegebenen Moment plötzlich, trotz der Feigheit, zu irgend etwas, zur größten Gemeinheit vielleicht, aufraffen würde. Augenscheinlich scheute er jede Bewegung seines vierschrötigen Körpers. Bekanntlich ist der größte Schmerz solcher Wesen, wenn sie irgend einmal in Gesellschaft erscheinen, der Gedanke an ihre Hände: das ununterbrochen wache Bewußtsein, sie nirgendwohin auf anständige Weise verschwinden lassen zu können. Der »Hauptmann« nun saß wie betäubt da, hielt krampfhaft Hut und Handschuh fest und konnte seinen zunächst völlig blöden Blick nicht von Warwara Petrownas strengem Gesicht losreißen. Er hätte sich gewiß gern umgesehen, aber er wagte es einfach nicht. Marja Timofejewna, die wohl wieder etwas an ihm äußerst komisch fand, lachte laut auf, aber auch jetzt rührte er sich noch nicht. So hielt ihn Warwara Petrowna unbarmherzig in diesem Schweigen und betrachtete ihn wohl eine geschlagene Minute lang schonungslos vom Scheitel bis zur Sohle.

»Zuerst gestatten Sie, von Ihnen selbst Ihren Namen zu erfahren,« sagte sie endlich gemessen und vollkommen ruhig.

»Hauptmann Lebädkin,« dröhnte sofort die Antwort. »Ich bin gekommen, gnädige Frau ...« Und schon war er wieder im Begriff, sich zu erheben.

»Erlauben Sie!« hielt ihn Warwara Petrowna auf. »Dieses bemitleidenswerte Geschöpf, das ich in der Kirche angetroffen habe und das mein Interesse erregt, ist Ihre Schwester?«

»Jawohl, gnädige Frau, meine Schwester, die meiner Aufsicht entschlüpft ist, denn da sie sich in solchen Umständen befindet ...« er verstummte plötzlich und wurde feuerrot.

»Das heißt, mißverstehen Sie das nicht, gnädige Frau,« verwickelte er sich noch mehr, »der leibliche Bruder würde so was nicht sagen ... In solchen Umständen, das heißt nicht etwa in _solchen_ Umständen, im Sinne von -- in einem Sinne, der die Ehre befleckt ... ich meine, den Ruf ...«

Er brach ab.

»Mein Herr!« Warwara Petrowna hob den Kopf.

»Das heißt in _solchem_ Zustande!« schloß er plötzlich und unvermutet, mit dem steifen Finger sich vor die Stirn tippend.

Alle schwiegen eine Zeitlang.

»Leidet sie schon lange daran?« fragte Warwara Petrowna endlich.