Sämtliche Werke 5-6

Part 19

Chapter 193,511 wordsPublic domain

»Gnädige Frau, ich bin gekommen, um für die an der Kirchentür erwiesene Großmut zu danken, so recht auf russische, auf brüderliche Art ...«

»Auf brüderliche --?«

»Das heißt, gnädige Frau, nicht auf brüderliche ... oder nur in dem Sinne auf brüderliche Art, daß ich der Bruder meiner Schwester bin, gnädige Frau, und, glauben Sie mir, gnädige Frau,« begann er wieder schneller zu sprechen, mit hochrotem Kopf, »daß ich gar nicht so ungebildet bin, wie ich auf den ersten Blick in Ihrem Salon erscheinen mag. Wir, meine Schwester und ich, sind überhaupt nichts, im Vergleich mit der Pracht, die wir hier sehen. Dazu haben wir noch Verleumder. Aber auf seinen Ruf hält Lebädkin viel und ist stolz darauf, gnädige Frau, und ... und ich ... ich bin gekommen, um mich zu bedanken ... gnädige Frau, hier ist das Geld!«

Und er riß sein Portefeuille aus der Brusttasche und begann, zitternd vor Ungeduld, mit bebenden Fingern die Papierscheine hervorzuzerren. Man fühlte, daß er so schnell wie möglich irgend etwas aufklären wollte. Andererseits fühlte er wieder, daß diese Geschichte mit dem Gelde ihn noch dümmer erscheinen ließ, und so verlor er denn die letzte Kaltblütigkeit. Die Finger zitterten, die Scheine wollten sich nicht zählen lassen, und zur Erhöhung der peinlichen Situation fiel noch ein grüner Papierschein, im Zickzack niedertaumelnd, auf den Teppich.

»Zwanzig Rubel, gnädige Frau.« Mit den Scheinen in der Hand wollte er auf Warwara Petrowna zutreten. Als er den gefallenen Schein bemerkte, bückte er sich schon, um ihn aufzuheben, bedachte sich aber, schämte sich entsetzlich und winkte schließlich mit der Hand ab.

»Für Ihre Leute, gnädige Frau, für den Diener, wenn er hier aufräumt -- mag er an Lebädkin denken!«

»Aber das kann ich unmöglich zulassen!« sagte Warwara Petrowna schnell.

»In dem Falle ...« er bückte sich, hob den Schein auf, wurde dabei purpurrot im Gesicht und trat schnell ein paar Schritte vor -- die zwanzig Rubel in der Hand Warwara Petrowna hinhaltend.

»Was wollen Sie?!« Warwara Petrowna erschrak nun doch so, daß sie im Schreck sogar den Sessel zurückschob.

Mawrikij Nicolajewitsch, Stepan Trophimowitsch und ich traten unwillkürlich vor ...

»Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, ich bin nicht verrückt, bei Gott, ich bin nicht verrückt!« beteuerte der Hauptmann nach allen Seiten hin.

»Nein, mein Herr, Sie scheinen doch nicht bei vollem Verstande zu sein!«

»Gnädige Frau, das ist ja alles nicht das, was Sie denken! Ich bin selbstverständlich nur ein Nichtswürdiger ... Oh, gnädige Frau, reich sind Ihre Prunkgemächer, aber arm sind sie bei Maria der Unbekannten, meiner Schwester, der geborenen Lebädkin, die wir vorläufig >Maria die Unbekannte< nennen wollen. Aber nur vorläufig, gnädige Frau, nur _zeitweilig_, sintemal Gott selber es nicht zulassen wird, daß wir es ewig tun müssen! Gnädige Frau, Sie haben ihr zehn Rubel gegeben, und sie hat das Geld angenommen, aber nur, weil _Sie_ es waren, gnädige Frau! Hören Sie es wohl, von niemandem in der ganzen Welt würde sie etwas annehmen, diese >unbekannte Maria<, denn sonst müßte sich der Stabsoffizier, ihr Großvater, der im Kaukasus unter den Augen Ermoloffs fiel, noch im Grabe umdrehen! Aber von _Ihnen_ wird sie alles annehmen, gnädige Frau, aber wenn sie mit der einen Hand zehn Rubel nimmt, so wird sie mit der anderen zwanzig zurückgeben, als Gabe an einen der Wohltätigkeitsvereine, deren Mitglied Sie sind, gnädige Frau. Sie haben doch in den >Moskauer Nachrichten< angezeigt, daß sich jeder hier in dem Buche Ihres Wohltätigkeitsvereins einschreiben kann ...«

Der »Hauptmann« stockte wieder und atmete schwer, wie nach einer übergroßen Kraftanstrengung; auf seiner Stirn perlten buchstäblich dicke Schweißtropfen. Die Rede über den Wohltätigkeitsverein schien er schon vorbereitet zu haben und wahrscheinlich gleichfalls unter Liputins Leitung. Warwara Petrowna sah ihn durchdringend an.

»Dieses Buch,« sagte sie streng, »liegt unten bei meinem Portier. Dort können Sie sich zu jeder Zeit einschreiben, wenn Sie wollen. Jetzt aber bitte ich Sie, Ihr Geld wieder einzustecken und nicht so in der Luft damit herumzufuchteln ... So! Auch bitte ich Sie, sich wieder auf Ihren alten Platz zu setzen ... So! Es tut mir leid, mein Herr, daß ich mich im Falle Ihrer Schwester so versehen und ihr ein Almosen gegeben habe, während sie reich ist. Nur eines verstehe ich nicht -- warum sie nur von mir allein und sonst von niemandem etwas annehmen würde. Sie haben das so betont, daß ich darüber gern eine nähere Erklärung hören würde.«

»Gnädige Frau, das ist ein Geheimnis, das erst im Grabe begraben sein wird!« antwortete der »Hauptmann«.

»Was ... wollen Sie damit sagen?« fragte Warwara Petrowna mit nicht mehr ganz so fester Stimme wie bisher.

»Gnädige Frau ... gnädige Frau ...!« er verstummte, blickte finster zu Boden und drückte die rechte Hand aufs Herz. Warwara Petrowna wartete, doch ohne ihn aus den Augen zu lassen.

»Gnädige Frau!« rief er plötzlich aus, »gestatten Sie mir, eine Frage an Sie zu stellen, nur eine einzige, ganz offen, gerade heraus, auf russische Art, also unmittelbar aus der Seele?«

»Bitte.«

»Haben Sie je gelitten im Leben, gnädige Frau?«

»Sie wollen damit wohl sagen, daß Sie durch irgend jemanden gelitten haben oder noch leiden?«

»Gnädige Frau, ach, gnädige Frau!« rief er erregt, sprang wieder auf und schlug sich an die Brust. »Hier in diesem Herzen hat sich so viel aufgehäuft, so viel, sage ich Ihnen, daß Gott selbst sich wundern wird, wenn er es beim jüngsten Gericht erfährt!«

»Hm, stark gesagt!«

»Gnädige Frau, ich ... vielleicht spreche ich -- mit zu großer Dreistigkeit ...«

»Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde schon wissen, wann es nötig sein wird, Sie zu unterbrechen.«

»Kann ich noch eine Frage an Sie stellen, gnädige Frau?«

»Fragen Sie.«

»Kann man vor lauter Seelengröße sterben?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe mir nie diese Frage gestellt.«

»Sie wissen es nicht! Sie haben sich nie diese Frage gestellt!« rief er mit pathetischer Ironie. »Wenn's so ist, wenn's so ist, dann freilich --

>Schweig stille, mein Herze!<«

und er schlug sich von neuem verzweifelt an die Brust.

Schon ging er wieder im Zimmer umher. Die erste Eigenschaft von Menschen seiner Art pflegt die vollständige Unfähigkeit zu sein, sich irgendwie selbst im Zaume zu halten: sie folgen im Gegenteil machtlos dem ununterdrückbaren Bedürfnis, alles, was ihnen gerade einfällt, sofort auch zu äußern. Gerät dann einmal ein derartiger Mensch in eine Gesellschaft, in die er nicht hineingehört, so wird er sich zunächst vielleicht ganz schüchtern geben, dann aber, in demselben Grade, in dem man ihn gewähren läßt, aus sich herausgeben und am Ende zu Unverschämtheiten, wenn nicht gar Tätlichkeiten übergehen.

Der »Hauptmann« war schon in eine bedrohliche Erregung geraten: fuchtelnd ging er auf und ab, überhörte die Fragen, die man an ihn stellte, und sprach so schnell, daß die Zunge bei den Zischlauten sich gleichsam überschlug und er häufig von einem Satz zusammenhanglos auf den andern übersprang. Ganz nüchtern war er wohl wirklich nicht. Lisa schien er gar nicht zu beachten. Und doch war es andererseits klar, daß gerade ihre Anwesenheit ihn maßlos aufregte.

So mußte es denn doch wohl, bedachte man die ganze unglaubliche Situation, einen tieferen Grund haben, warum Warwara Petrowna ihren Widerwillen unterdrückte und diesen Menschen immer noch anhörte. Praskowja Iwanowna zitterte einfach vor Angst, doch begriff sie wohl kaum, um was es sich eigentlich handelte. Stepan Trophimowitsch zitterte gleichfalls, er jedoch, weil er wie gewöhnlich viel mehr zu »begreifen« glaubte, als da überhaupt zu begreifen war. Mawrikij Nicolajewitsch hielt sich so, als fühle er sich für unsere allgemeine Sicherheit verantwortlich, während Lisa blaß und mit großen Augen unablässig den wilden Hauptmann anstarrte. Schatoff saß wie immer mit gesenktem Kopf.

Aber am befremdlichsten war, daß Marja Timofejewna nicht nur zu lachen aufgehört hatte, sondern ganz traurig geworden war: den rechten Arm auf den Tisch gestützt, so folgte sie mit traurigem Blick den Gesten und Deklamationen ihres Bruders. Nur Darja Pawlowna schien mir ruhig zu sein.

»Das sind ja lauter unsinnige Allegorien,« sagte plötzlich Warwara Petrowna geärgert. »Sie haben mir noch immer nicht auf meine Frage geantwortet: warum? Ich will es wissen!«

»Ich habe nicht gesagt, >warum<? Sie wollen eine Antwort auf dieses >Warum<?« wiederholte Lebädkin und zwinkerte. »Ja, gnädige Frau, dieses kleine Wörtchen >warum< ist über das ganze Weltall ergossen, schon seit dem ersten Tage der Schöpfung, und die ganze Schöpfung selber schreit täglich ihrem Schöpfer zu: >warum<? Und nun sind es schon siebentausend Jahre, daß sie keine Antwort darauf erhält! Muß nun wirklich einzig und allein der Hauptmann Lebädkin eine Antwort darauf geben? Ist diese Forderung auch gerecht, gnädige Frau?«

»Aber das ist ja Unsinn, nichts als Unsinn!« Warwara Petrowna ärgerte sich und verlor endlich die Geduld. »Sie kommen wieder mit Allegorien, und reden in einem Tone, mein Herr, den ich mir verbitten möchte.«

»Gnädige Frau!« -- der »Hauptmann« hörte sie wieder gar nicht an -- »vielleicht würde ich gerne Ernest heißen wollen, und während dessen bin ich gezwungen, den einfachen Namen Ignatius zu tragen -- warum das? hä?! Ich möchte vielleicht gerne Prince de Montbar heißen und doch muß ich mich nur Lebädkin nennen -- hä! Warum das? Ich bin ein Poet, gnädige Frau, in meiner Seele ein Poet, und ich könnte von einem Verleger mit Kußhand tausend Rubel bekommen, und doch bin ich gezwungen, in einem elenden Loche zu wohnen -- warum das? hä! Warum das? Gnädige Frau, und meiner Meinung nach ist Rußland überhaupt nur eine Farce der Natur und nichts weiter!«

»Etwas Bestimmteres können Sie wohl auf meine Frage nicht sagen?«

»Ich kann Ihnen ein Gedicht von einer Schabe vortragen, gnädige Frau!«

»Wa--a--as?«

»Nein, übergeschnappt bin ich noch nicht, gnädige Frau! Aber das werde ich später einmal sein, bloß vorläufig bin ich's noch nicht! Gnädige Frau, einer meiner Freunde hat eine Kryloffsche Fabel gedichtet. Das ist die Fabel von der Schabe, und wenn ich sie hersagen soll --?«

»Sie wollen eine Kryloffsche Fabel deklamieren?«

»Nein, keine Kryloffsche Fabel, gnädige Frau, sondern eine von mir verfaßte Lebädkinsche Fabel! Glauben Sie mir doch, gnädige Frau, daß ich gebildet genug bin, um den großen Fabeldichter Kryloff zu kennen, für den der Kultusminister in Petersburg im Sommergarten ein Denkmal errichtet hat, um das jetzt die Kinder herumlaufen. Sie fragen >warum<?, gnädige Frau, >warum<? -- Die Antwort darauf ist auf dem Hintergrunde dieser Fabel mit goldenen Lettern geschrieben!«

»Nun schön, so tragen Sie Ihre Fabel vor.«

Und Lebädkin begann sofort:

»Es war einmal eine Schabe, Eine Schabe von Kindheit an, Die kletterte und fiel Gerade in ein Fliegenglas, Das Fliegengift enthielt ...«

»Mein Gott, was ist denn das wieder!« Warwara Petrowna sah sich um.

»Was das ist, gnädige Frau? Das ist, wenn im Sommer,« -- der »Hauptmann« gestikulierte wieder wie wild und hatte ganz die gereizte Ungeduld eines Redners, den man in seinem Vortrag unterbrochen hat -- »wenn im Sommer viele Fliegen ins Glas kriechen, so daß Fliegensäure entsteht, was doch jeder Esel weiß ... Unterbrechen Sie mich nicht, um Gottes willen, unterbrechen Sie mich nicht ... Sie werden schon sehen, sie werden schon sehen! --

>Die Fliegen riefen: was ist das? Das ist doch wirklich toll! Wir haben selber wenig Naß, Das Glas ist so wie so schon voll! Und schrien wie verrückt Zum Jupiter empor. Da kam der Diener Nikiphor ...<

-- weiter habe ich es eigentlich noch nicht fertig,« brach hier der Hauptmann ab. »Nikiphor nimmt aber das Glas und gießt es aus, die ganze Komödie, die Fliegen, die große Schabe, ohne aufs Geschrei zu achten, was man schon längst hätte tun sollen! Doch passen Sie auf, gnädige Frau, passen Sie auf, die Schabe klagt nicht! Und da haben Sie auch gleich die Antwort auf Ihre Frage -- auf Ihre Frage >warum?<« rief er triumphierend aus. »Die Schabe klagt nicht! ... Der Nikiphor ist natürlich ganz einfach die Natur selbst,« fügte er schnell hinzu und ging zufrieden auf und ab.

Warwara Petrowna war außer sich. »Erlauben Sie, daß nun auch ich Sie etwas frage! Was ist das für ein Geld, das Ihnen Nicolai Wszewolodowitsch übersandt haben soll? Ein Geld, das Sie nicht vollzählig erhalten haben wollen? Weshalb Sie sich erdreisten, eine zu meinem Hause gehörige Person zu verdächtigen, den Rest unterschlagen zu haben?«

»Verleumdung!« brüllte Lebädkin mit tragisch erhobener rechter Hand.

»Nein, das ist keine Verleumdung.«

»Gnädige Frau, es gibt Umstände, die einen zwingen, eher eine Familienschande zu tragen, als laut die Wahrheit zu verkünden! -- Lebädkin wird nichts ausplaudern, gnädige Frau!«

Er war wie geblendet: er schien entzückt zu sein und fühlte seine Bedeutung. Jetzt wollte er bereits beleidigen, Rätsel aufgeben, seine Macht zeigen ...

»Klingeln Sie bitte, Stepan Trophimowitsch,« bat Warwara Petrowna.

»Oh, Lebädkin ist klug, gnädige Frau!« fuhr er fort und zwinkerte ihr mit unangenehmem Lächeln zu. »Lebädkin ist klug, aber auch er hat ein Hindernis, auch er hat eine Vorstufe der Leidenschaften! Und diese Vorstufe -- das ist die alte kriegerische Husarenflasche! Wenn Lebädkin in diesem Vorraum ist, gnädige Frau, so geschieht es wohl auch, daß er einen Brief in Versen abschickt, in pr--r--rachtvollen Versen, aber den er dann mit allen Tränen seines Lebens zurückkaufen möchte, sintemal durch ihn das Maß des Schönen gestört ward. Doch der Vogel ist ausgeflogen -- kannst ihn nicht mehr am Schwänzchen einfangen! Sehen Sie, gnädige Frau, das ist der Vorraum. Lebädkin konnte wohl ein Wort fallen lassen, als er über das edle Mädchen sprach -- in der Form eines edlen Unwillens, einer durch Beleidigungen aufgebrachten edlen Seele, wessen sich jedoch, unedel genug, seine Verleumder sofort bedient haben. Aber Lebädkin ist klug, gnädige Frau, und umsonst sitzt über ihm der unheilbringende Wolf, ewig ihn reizend und auf den Augenblick wartend: Lebädkin wird sich nicht vergessen und ausplaudern! Und auf dem Boden der Flasche erweist sich jedesmal anstatt des Erwarteten -- die Schlauheit Lebädkins! Doch genug, oh, genug, gnädige Frau! Ihre Prunkgemächer könnten dem edelsten aller menschlichen Lebewesen gehören, doch die Schabe klagt nicht! Begreifen Sie, oh, begreifen Sie doch endlich, daß die Schabe nicht klagt, und ehren Sie ihren großen Geist!«

In diesem Augenblick ertönte unten am Portal die Klingel und bald darauf erschien der alte würdige Alexei Jegorowitsch, etwas außer Atem, da er auf das Klingelzeichen nicht sofort erschienen war.

»Nicolai Wszewolodowitsch haben geruht einzutreffen und kommen schon hierher,« sagte er auf Warwara Petrownas fragenden Blick.

Ich erinnere mich noch heute deutlich dieses Augenblicks. Warwara Petrowna erblaßte zuerst, dann aber richtete sie sich mit einem Ausdruck starrer Entschlossenheit in ihrem Sessel auf. Wir waren alle erstaunt, ja beinahe erschreckt, -- nicht nur durch diese plötzliche Ankunft Nicolai Wszewolodowitschs, der erst einen Monat später erwartet wurde, sondern mehr noch durch das geradezu unheimliche Zusammentreffen dieser Zufälle. Selbst der »Hauptmann« blieb wie ein Pfosten mitten im Zimmer stehen und starrte mit offenem Munde und dummem Gesicht auf die Tür.

Doch da hörten wir auch schon vom Nebenzimmer her, einem langen großen Saal, schnelle, kleine Schritte sich nähern, Schritte, die auffallend rasch und kurz klangen. Und auf der Schwelle erschien -- nicht Nicolai Wszewolodowitsch, sondern ein vollkommen unbekannter junger Mann.

V.

Es war ein Mensch von etwa siebenundzwanzig Jahren, ein wenig über mittelgroß, mit dünnem, blondem, ziemlich langem Haar und einem kaum sich abhebenden unscheinbaren Schnurrbart und Bärtchen. Er war sauber und sogar modern gekleidet, aber nicht elegant. Auf den ersten Blick schien er ungelenk und griesgrämig zu sein, obgleich er in Wirklichkeit weder das eine noch das andere, sondern im Gegenteil, äußerst gewandt und unterhaltend war. Einem kurzen, oberflächlichen Eindruck nach hätte man ihn für einen Sonderling halten können, und doch sollte sich hernach sein Benehmen als gut und sein Gespräch als vollkommen sachlich herausstellen.

Niemand hätte im Grunde sagen können, daß er häßlich sei -- und doch gefällt sein Gesicht niemandem. Sein Schädel ist von beiden Seiten gleichsam zusammengedrückt und der Hinterkopf auffallend groß, so daß denn das Gesicht dadurch etwas Spitzes bekommt. Seine Stirne ist hoch und schmal, aber die eigentlichen Gesichtszüge sind klein: ein kleines Näschen, scharfe Augen, dünne und lange Lippen. Dabei sieht er kränklich aus, aber das scheint nur so. In seinen Wangen ist, unter den Backenknochen, eine gewisse trockene Falte, die ihm das Aussehen eines Rekonvaleszenten nach einer schweren Krankheit verleiht. Und doch ist er vollkommen gesund, stark, und ist sogar nie in seinem Leben krank gewesen.

Er geht und bewegt sich immer sehr schnell, doch ohne sich dabei eigentlich zu beeilen. Ich glaube nicht, daß irgend etwas ihn verwirren könnte. In allen Lebenslagen und in jeder Gesellschaft bleibt er immer der gleiche. Es ist eine große Selbstzufriedenheit in ihm, doch er selbst weiß nichts davon. Er spricht schnell und hastend, aber voll Selbstvertrauen, und nie braucht er nach Worten zu suchen. Die Gedanken, die er vorbringt, sind bereits völlig zu Ende gedacht. Seine Aussprache ist ungemein deutlich: jedes Wort fällt wie ein glattes, rundes Körnchen aus einer großen Vorratskammer. Anfänglich gefällt das wohl, aber schon bald werden alle diese gleichsam schon fertigen Worte unangenehm und schließlich geradezu widerlich, und zwar gerade wegen dieser schon allzu deutlichen Aussprache, wegen dieses Perlengesickers ewig bereiter Worte. Und man stellt sich unwillkürlich vor, seine Zunge müsse ganz besonders geformt, ungewöhnlich lang, dünn und rot sein, mit einer dünnen, sich ununterbrochen drehenden Spitze.

Dieser junge Mann also kam in den Salon gleichsam hereingeflogen. Ich glaube wirklich, er begann schon im Vorsaal zu sprechen. Sprechend wenigstens trat er ein, und in einem Augenblick stand er schon vor Warwara Petrowna.

»... Denken Sie doch nur, Warwara Petrowna, ich komme und glaube, daß er schon vor einer Viertelstunde hier angelangt sei. Wir trafen uns bei Kirilloff, er ging vor einer halben Stunde fort und sagte mir, ich solle in einer Viertelstunde herkommen --«

»Wer das? Wer hat Sie beauftragt, herzukommen?« fragte Warwara Petrowna.

»Aber Nicolai Wszewolodowitsch doch! So erfahren Sie es wirklich erst jetzt? Sein Gepäck muß doch schon längst hier eingetroffen sein! Hat man Ihnen denn das nicht gesagt? Übrigens könnte man ihm einen Wagen entgegenschicken, aber ich denke, er wird jeden Augenblick kommen, und zwar, wie's scheint, gerade in einem Augenblick, der seinen Erwartungen und, soweit ich wenigstens beurteilen kann, auch einigen seiner Berechnungen durchaus entspricht.« Bei diesen Worten sah er sich die Anwesenden an und ganz besonders scharf den »Hauptmann«. »Ah, Lisaweta Nicolajewna, wie es mich freut, Ihnen gleich auf meinem ersten Wege zu begegnen ... Gestatten Sie --« und er flog schnell zu ihr, um das ihm lächelnd entgegengestreckte Händchen Lisas zu drücken. »Und auch unsere hochverehrte Praskowja Iwanowna hat ihren >Professor< nicht vergessen, und scheint sich noch nicht einmal über ihn und sein Erscheinen zu ärgern, wie es in der Schweiz immer geschah. Aber wie steht es denn jetzt mit Ihren Füßen? Hatte man recht, als man Ihnen schließlich als bestes Mittel Heimatluft verschrieb? ... Wie? Kompressen? Ja, das mag ganz gut sein! Wie habe ich es nur bedauert, Warwara Petrowna,« -- er drehte sich schnell schon wieder herum -- »daß ich Sie schließlich in der Schweiz nicht mehr antraf, zumal ich Ihnen so vieles mitzuteilen hatte! Ich habe allerdings an meinen Alten geschrieben, aber der wird nach seiner Gewohnheit wohl wieder --«

»Petruscha!« rief da Stepan Trophimowitsch aus, erst jetzt plötzlich aus der Erstarrung erwachend: er warf die Arme in die Luft und stürzte zu seinem Sohn. »_Pierre, mon enfant_,{[93]} ich habe dich nicht einmal erkannt!« und er umarmte ihn krampfhaft, während Tränen ihm über die Wangen liefen.

»Schon gut, schon gut, keine Albernheiten und keine Gesten, wenn ich bitten darf, aber so laß doch!« wehrte Petruscha schnell ab und gab sich alle Mühe, sich aus den Armen des Vaters zu befreien.

»Ich habe dir immer, immer Unrecht getan!«

»Schon gut. Davon später. Konnte mir schon denken, daß du wieder Albernheiten machen würdest! So sei doch ein wenig nüchterner, ich bitte dich.«

»Aber ich habe dich doch zehn Jahre lang nicht gesehen!«

»Um so weniger Grund zu solchem Überschwang ...«

»_Mais, mon enfant!_«{[94]}

»Glaub's schon, glaub's schon, daß du mich liebst, nimm nur, bitte, die Hände weg ... Du störst doch auch die anderen ... Ah, da ist ja auch schon Nicolai Wszewolodowitsch ... aber so höre doch endlich auf mit den Albernheiten, ich bitte dich!«

Nicolai Wszewolodowitsch war in der Tat schon im Salon: er war sehr geräuschlos eingetreten und einen Augenblick in der Tür stehen geblieben, während sein ruhiger Blick die Versammlung überflog.

Genau so wie vor vier Jahren, als ich ihn zum ersten Male sah, war ich auch jetzt wieder erstaunt über seine Erscheinung. Ich hatte ihn durchaus nicht vergessen; aber ich glaube, es gibt Gesichter, die jedesmal, wenn sie auftauchen, wieder etwas Neues mit sich bringen, etwas, das man bis dahin noch nicht an ihnen bemerkt hat. Äußerlich war er anscheinend ganz derselbe wie vor vier Jahren: genau so elegant, genau so unnahbar, beim Eintreten genau so gemessen wie damals, ja, fast war er sogar ebenso jung. Sein leichtes Lächeln war wieder so offiziell freundlich und selbstbewußt, und sein Blick unverändert streng, in sich hineindenkend und doch gleichsam zerstreut. Kurz, es war mir, als hätte ich ihn gestern zuletzt gesehen. Nur eines machte mich stutzig: man hatte ihn zwar immer schön gefunden, aber sein Gesicht glich tatsächlich manchmal einer Maske, wie einzelne gehässige Damen unserer Gesellschaft behaupteten. Jetzt aber -- ich weiß nicht, weshalb -- jetzt erschien er mir schon auf den ersten Blick von vollendeter, unbestreitbarer Schönheit, so daß man unter keinen Umständen noch hätte sagen können, sein Gesicht erinnere an eine Maske. Kam das vielleicht daher, daß er ein wenig bleicher war als früher und, wie mir schien, ein wenig abgenommen hatte? Oder leuchtete jetzt vielleicht ein neuer Gedanke in seinem Blick?

»Nicolai Wszewolodowitsch!« rief Warwara Petrowna, sich steif aufrichtend, doch ohne sich von ihrem Lehnstuhl zu erheben, und indem sie den Eingetretenen mit einer befehlenden Handbewegung zum Stehenbleiben zwang -- »bleibe dort noch einen Augenblick! ...«