Sämtliche Werke 5-6

Part 17

Chapter 173,343 wordsPublic domain

An eben diesem Sonntage war der Adel und die ganze Gesellschaft der Stadt fast vollzählig zum Morgengottesdienst erschienen. Man wußte, daß die neue Gouverneurin zum erstenmal nach ihrer Ankunft bei uns in die Kirche gehen werde. Es hatte sich schon herumgesprochen, daß sie eine Freidenkerin sei und die »neuesten Anschauungen« teile. Und überdies wußten schon alle Damen, daß sie in einer prächtigen, sehr eleganten Toilette erscheinen werde, weshalb sich denn alle gleichfalls auf das sorgfältigste geputzt hatten. Nur Warwara Petrowna war wieder schlicht und ganz in Schwarz erschienen, genau so, wie sie sich in den letzten vier Jahren immer kleidete. Während des Gottesdienstes stand sie auf ihrem alten Platz, links, in der ersten Reihe, und vor ihr hatte ihr Diener in Livree ein Samtkissen hingelegt, kurz, alles war so, wie es immer gewesen war. Manche Leute wollten zwar bemerkt haben, daß Warwara Petrowna an diesem Morgen ganz besonders lange und inbrünstig gebetet habe; ja, später, als man sich alles wieder vergegenwärtigte, versicherte man sogar, sie habe Tränen in den Augen gehabt. Die Messe war schließlich zu Ende und unser Oberpriester, der Vater Pawel, trat aus der Sakristei, um eine feierliche Predigt zu halten. Seine Predigten wurden bei uns sehr geschätzt und man hatte ihm schon oft zugeredet, sie doch drucken zu lassen, wozu er sich aber nie entschließen konnte. An diesem Sonntage nun fiel die Predigt jedoch besonders lang aus.

Da kam, nachdem die Predigt schon begonnen hatte, noch eine Dame in einer leichten Mietdroschke angefahren, in einem von jenen altmodischen Vehikeln, auf denen Herren rittlings, Damen nur seitlich sitzen konnten, weshalb sie sich an dem Gürtel des Kutschers festhalten mußten, da sie bei jedem Stoß des Wagens wie ein Wiesengräschen im Winde schaukelten. Diese Droschken gibt es auch heute noch in unserer Stadt. Der Kutscher hielt an der Kirchenecke, da er wegen der vielen Equipagen und sogar Gendarmen vor dem Portal nicht weiterzufahren wagte. Die Dame sprang ab und gab dem Kutscher vier Kopeken.

»Was, ist es zu wenig, Wanjä?«[31] fragte sie erschrocken, als sie sah, daß der Kutscher ein Gesicht schnitt. »Das ist aber alles, was ich habe,« fügte sie traurig hinzu.

»Nun, schon gut ... hab nicht an Verdienst gedacht ...« Der Wanjka winkte mit der Hand und sah sie an, als dächte er: »Wäre ja auch Sünde, dich zu kränken ...«

Er steckte seinen Lederbeutel unter die Bluse und fuhr, begleitet vom Spott der anderen wartenden Kutscher, wieder davon. Spötteleien und Verwunderung begleiteten auch die Dame, so lange sie sich durch die Volksmenge und die wartenden Diener bis zur Kirchentür drängte. Aber es war auch wirklich etwas Ungewöhnliches und Überraschendes in dem Erscheinen einer solchen Person so plötzlich irgendwoher und am Sonntagmorgen mitten unter dem Volk.

Sie war krankhaft mager und hinkte; ihr Gesicht war stark gepudert und geschminkt und der lange Hals war unbedeckt. Sie hatte weder ein Tuch noch einen Umwurf, war nur in einem alten dunklen Kattunkleide, trotz des kühlen, windigen, wenn auch sonnigen Septembertages. Ihr Kopf war gleichfalls unbedeckt und in den kleinen Haarknoten im Nacken hatte sie an der rechten Seite eine Rose aus Seidenpapier gesteckt, eine von solchen, mit denen die Ostercherubim geschmückt werden. So einen Ostercherub in einem Kranz aus Papierrosen hatte ich gerade am Abend vorher unter den Heiligenbildern bemerkt, als ich bei Marja Timofejewna saß. Hinzu kam, daß die Dame, wenn auch mit niedergeschlagenen Augen, doch mit einem beinahe mehr als heiteren, fast verschmitzten Lächeln durch das Volk ging. Vielleicht hätte man sie, wenn sie noch einen Augenblick länger in der Menge geblieben wäre, überhaupt nicht in die Kirche eintreten lassen. So aber gelang es ihr noch, durch das Portal zu schlüpfen, und unauffällig schob sie sich dann weiter nach vorn.

Obgleich die Predigt noch nicht zu Ende war und die ganze Kirche andächtig zuhörte, wandten sich manche Augen doch interessiert und verwundert heimlich der Neueingetretenen zu. Diese kniete zunächst nieder, beugte ihr gepudertes Gesicht auf den Fußboden, und berührte ihn mit der Stirn; so kniete sie lange, und wie es schien, weinte sie; nachdem sie sich aber wieder aufgerichtet und von den Knien erhoben hatte, begann sie alsbald fast heiter und mit sichtlichem Vergnügen die Menschen und die Kirchenwände zu betrachten. Einzelne Damen schienen sie besonders zu interessieren, und sie stellte sich sogar auf die Fußspitzen, um besser sehen zu können, und zweimal kicherte sie dabei ganz eigentümlich. Doch schließlich erreichte auch die Predigt ihr Ende und man trug das Kreuz vor den Altar. Die Gouverneurin trat sofort vor, doch schon nach ein paar Schritten blieb sie stehen, um Warwara Petrowna den Vortritt zu geben, die gleichfalls gerade auf das Kreuz zuschritt und dabei tat, als sei ihr niemand im Wege. Die ungewöhnliche Bescheidenheit der Gouverneurin sollte natürlich ein feiner Stich für Warwara Petrowna sein -- so faßten es wenigstens die Damen der Gesellschaft auf. Auch Warwara Petrowna hatte den Stich wohl verstanden, übersah ihn jedoch und küßte mit unerschütterlicher Vornehmheit das Kreuz, worauf sie dann sofort dem Ausgange der Kirche zuschritt. Ihr Diener in Livree bemühte sich ganz unnützerweise, einen Weg durch die Anwesenden zu bahnen, da alle schon von selbst höflich vor ihr zur Seite traten. Da geschah es aber, daß in der Vorhalle, wo das Volk dicht gedrängt stand, Warwara Petrowna dennoch einen Augenblick stehen bleiben und warten mußte. Und hier nun drängte sich plötzlich das sonderbare Geschöpf, mit der Papierrose im Haar, durch das Volk zu ihr hin -- und fiel vor ihr auf die Kniee. Warwara Petrowna, die man nicht leicht erschrecken konnte, besonders nicht in der Öffentlichkeit, sah ruhig, streng und erhaben auf die Kniende herab.

Ich muß hier bemerken, daß Warwara Petrowna, wenn sie auch sparsamer, ja, wie manche behaupteten, sogar ein bißchen geizig geworden war, zu wohltätigen Zwecken doch immer noch viel Geld ausgab. Noch vor einem Jahr, als in einzelnen Gegenden unseres Gouvernements Hungersnot herrschte, hatte sie an das Hilfskomitee fünfhundert Rubel gesandt. Und schließlich hatte sie noch in der letzten Zeit, kurz vor der Ernennung des neuen Gouverneurs, bereits ein Damenkomitee zustandegebracht, das den ärmsten Wöchnerinnen in der Stadt und im Gouvernement Unterstützungen zukommen lassen sollte. Man warf ihr bei uns Ehrgeiz vor, doch ihr fester, durchsetziger Wille hatte die Hindernisse fast schon beseitigt, das Komitee war bereits so gut wie gegründet, und Warwara Petrowna dachte schon mit Begeisterung daran, ein ähnliches Komitee auch in Moskau zu gründen, und wie dieser Gedanke schließlich in jedem Gouvernement fruchtbar gemacht werden könnte. Da kam aber der Wechsel des Gouverneurs, und alles geriet ins Stocken; die neue Gouverneurin aber hatte, wie es hieß, schon Zeit gehabt, in der Gesellschaft einige spitze und schließlich nicht ganz unsachliche Bemerkungen über die Unzweckmäßigkeit des Grundgedankens solcher Komitees zu äußern. Diese Bemerkungen aber waren -- selbstredend mit Ausschmückungen -- Warwara Petrowna sofort hinterbracht worden. Zwar kann nur Gott allein wissen, was in der Tiefe eines Menschenherzens vorgeht, aber in diesem Fall glaube ich doch, annehmen zu dürfen, daß Warwara Petrowna in diesem Augenblick nicht ungern vor der Knienden stehen blieb, zumal sie ja wußte, daß sogleich die Gouverneurin und dann die ganze höhere Gesellschaft an ihr vorübergehen mußte. -- »So mag sie jetzt doch sehen, wie gleichgültig mir das ist, was sie da über meinen Ehrgeiz in meinen Wohltätigkeitsplänen spöttelt. Was geht sie mich an!«

»Was haben Sie, meine Liebe, um was bitten Sie?« fragte Warwara Petrowna und musterte aufmerksam die vor ihr kniende Bittstellerin.

Diese sah mit entsetzlich zaghaftem, verschämtem und fast andächtigem Blick zu ihr auf, und plötzlich lachte sie wieder mit jenem absonderlichen Kichern.

»Was hat sie? Wer ist sie?« Warwara Petrowna sah mit befehlendem und fragendem Blick die Umstehenden an.

Alles schwieg.

»Sie sind wohl unglücklich? Sie brauchen eine Unterstützung?«

»Ich kam ... ich wollte ...« stammelte die Kniende mit einer Stimme, die vor Aufregung versagte. »Ich bin nur gekommen, um Ihnen die Hand zu küssen« ... und wieder kicherte sie. Und mit einem schmeichelnden Ausdruck im Gesicht, wie kleine Kinder ihn haben, wenn sie etwas erbitten möchten, wollte sie schon Warwara Petrownas Hand ergreifen, doch plötzlich, als hätte irgend etwas sie erschreckt, zog sie ihre Hände bang zurück.

»Nur deshalb sind Sie gekommen?« Warwara Petrowna lächelte mitleidig, zog schnell ihr Perlmutterportemonnaie hervor, entnahm ihm einen Zehnrubelschein und gab ihn der Unbekannten.

Diese nahm ihn an. Warwara Petrowna war sichtlich sehr interessiert und hielt die Unbekannte offenbar nicht für eine gewöhnliche Bittstellerin.

»Sieh, volle zehn Rubel hat sie gegeben!« flüsterte jemand in der Volksmenge.

»Ihre Hand, bitte,« stammelte wieder die Kniende, die mit den Fingern der linken Hand den Schein nur an einem Eckchen krampfhaft festhielt, während der Windzug ihn bewegte.

Warwara Petrowna runzelte aus einem unbekannten Grunde ein wenig die Stirn, reichte jedoch mit ernster, strenger Miene ihre Hand hin: die Unglückliche küßte sie andächtig. Ihr dankbarer Blick leuchtete jetzt geradezu wie in Seligkeit auf.

Und gerade in diesem Augenblick kam die Gouverneurin, strömte die ganze Schar unserer Damen und höheren Würdenträger dem Ausgang zu. Die Gouverneurin mußte vor dem Gedränge am Portal stehen bleiben und ein wenig warten, und die anderen folgten ihrem Beispiel.

»Sie zittern ja, Sie haben wohl kalt?« fragte plötzlich Warwara Petrowna, warf sofort ihren Mantel ab, den der Diener auffing, und zog von ihren Schultern einen schwarzen (keineswegs billigen) Schal, den sie eigenhändig um den entblößten Hals der immer noch vor ihr Knienden schlang.

»Aber so stehen Sie doch auf, stehen Sie auf, ich bitte Sie!«

Diese erhob sich.

»Wo wohnen Sie? Weiß denn hier wirklich niemand, wo sie wohnt?« wandte sich Warwara Petrowna wieder ungeduldig an die Umstehenden.

»Ich glaube, das ist die Lebädkin,« meinte schließlich jemand -- es war das unser ehrenwerter Kaufmann Andrejeff: ein Mann mit langem Bart, einer in Silber gefaßten Brille und in russischer Tracht. Seinen runden Filzhut hielt er jetzt in der Hand. »Die wohnen bei Filippoff in der Bogojawlenskstraße,« fügte er hinzu.

»Lebädkin? Bei Filippoff? Ich habe den Namen gehört ... Ich danke Ihnen, Nikon Semjonytsch, aber wer ist dieser Lebädkin?«

»Nennt sich >Hauptmann< ... ein Mensch, der sozusagen ... keinen Halt hat. Die hier ist wohl seine Schwester. Sie muß aber, denke ich, seiner Aufsicht entlaufen sein,« bemerkte er leiser und blickte dabei Warwara Petrowna bedeutsam an.

»Ich verstehe schon, danke, Nikon Semjonytsch. Meine Liebe, Sie sind Fräulein Lebädkin?«

»Nein, ich heiße nicht Lebädkin.«

»Aber vielleicht heißt Ihr Bruder Lebädkin?«

»Mein Bruder heißt Lebädkin.«

»Also, hören Sie, meine Liebe, ich werde Sie jetzt zu mir bringen und von mir aus wird man Sie dann zu Ihnen nach Hause fahren. Wollen Sie mit mir kommen?«

»Ach ja, ach ja, ich will, ich will!« und Fräulein Lebädkin klatschte in die Hände vor Vergnügen.

»Tante, Tante! Nehmen Sie auch mich mit!« ertönte plötzlich Lisaweta Nicolajewnas Stimme.

Lisa war an diesem Sonntage mit der Gouverneurin, ihrer Verwandten, zum Gottesdienst erschienen, während Praskowja Iwanowna auf den Rat des Arztes hin eine Spazierfahrt unternommen und Mawrikij Nicolajewitsch gebeten hatte, sie zu begleiten. Lisa, die mit der Gouverneurin die Kirche verlassen wollte, ließ nun plötzlich ihre Verwandte einfach stehen und drängte sich ungestüm zu Warwara Petrowna.

»Liebling, du weißt doch, daß ich dich immer gern bei mir sehe, aber was wird deine Mutter dazu sagen?« begann Warwara Petrowna würdevoll, doch plötzlich gewahrte sie Lisas ungewöhnliche Aufregung und wurde unsicher.

»Tante, Tante, ich muß jetzt unbedingt mit Ihnen fahren!« flehte Lisa und küßte Warwara Petrowna ungestüm.

»_Mais qu'avez-vous donc, Lise?_«{[87]} fragte die Gouverneurin mit ausdrucksvoller Verwunderung.

»Ach, verzeihen Sie, Liebste, _chère cousine_!{[88]} Ich fahre zu Tante!« Lisa hatte sich schon im Fluge zu ihrer unangenehm berührten _chère cousine_ herumgewandt und küßte sie schnell zweimal. »Bitte, sagen Sie _maman_, daß sie gleich zu Tante kommen soll, um mich abzuholen. _Maman_ wollte heute unbedingt zu Tante fahren, sie hat es gestern selbst gesagt, ich vergaß nur, Ihnen das vorhin schon zu sagen!« beteuerte Lisa, zitternd vor Aufregung. »Verzeihen Sie mir, _Julie_, seien Sie mir nicht böse ... _chère cousine_! ... Tante, ich bin bereit!«

»Tante,« flüsterte sie dieser zu, »wenn Sie mich jetzt nicht mitnehmen, laufe ich zu Fuß Ihrer Equipage nach!«

Zum Glück hörte das niemand. Warwara Petrowna trat vor Schreck sogar einen Schritt zurück und sah entsetzt das anscheinend wahnsinnige Mädchen an. Dieser Blick entschied: sie beschloß, Lisa auf jeden Fall mitzunehmen.

»Dem muß ein Ende gemacht werden!« entfuhr es ihr unwillkürlich. »Ich nehme dich mit Vergnügen mit, Lisa,« fügte sie laut hinzu, »aber natürlich nur, wenn Julija Michailowna damit einverstanden ist,« wandte sich Warwara Petrowna mit offenem Blick und freundlicher Würde unmittelbar an die Gouverneurin.

»Oh, gewiß! Ich werde sie doch nicht um dieses Vergnügen bringen wollen,« zwitscherte mit erstaunlicher Liebenswürdigkeit die Gouverneurin Julija Michailowna, »zumal ich ja schon weiß, was für ein phantastisches, eigenwilliges Köpfchen auf diesem Hälschen sitzt!« -- und sie lächelte geradezu bezaubernd.

»Ich danke Ihnen aufrichtig,« dankte Warwara Petrowna mit sehr höflichem Gruß, aber wie immer noch voll Würde.

»Und es ist mir um so angenehmer, diesen Wunsch Lisas zu erfüllen,« fuhr Julija Michailowna in ihrer plappernden Redeweise fort und errötete sogar vor angenehmer Erregung, »als Lisa jetzt nicht nur das Vergnügen haben wird, zu Ihnen zu fahren, sondern mit diesem Vergnügen noch einer so schönen Regung nachgeben kann, wie es das Mitgefühl mit dieser ...« (sie blickte bezeichnend auf die »Unglückliche«) »... wie es die Barmherzigkeit ist ... und ... und das noch gewissermaßen an der Schwelle der Kirche ...«

»Eine solche Auffassung macht Ihnen unbedingt Ehre,« äußerte Warwara Petrowna in bewundernder Weise ihren Beifall.

Und Julija Michailowna streckte sofort mit liebenswürdigem Eifer die Hand aus und Warwara Petrowna drückte sie mit aufrichtiger Bereitwilligkeit. Der allgemeine Eindruck war vorzüglich. Die Gesichter der Anwesenden erstrahlten vor Vergnügen und viele lächelten süß und wohlgefällig.

Kurz, die ganze Stadt sah plötzlich ein, daß nicht die Gouverneurin aus angeblicher Mißachtung Warwara Petrowna bisher noch nicht ihren Besuch gemacht hatte, sondern daß, im Gegenteil, Warwara Petrowna es war, die zu Julija Michailowna »Distance wahrte,« während diese, wie man jetzt meinte, wohl schon zu Fuß zu Warwara Petrowna geeilt wäre, wenn sie nur gewußt hätte, ob sie überhaupt empfangen werden würde. Und so stieg denn Warwara Petrownas Ansehen plötzlich wieder aufs höchste.

»Steigen Sie ein, meine Liebe,« sagte Warwara Petrowna zu der Lebädkin und wies auf die vorgefahrene Equipage.

Und die Unglückliche eilte fröhlich zum Wagenschlag, wo der Diener schon bereitstand und sie hineinhob.

»Wie! Sie hinken!« rief plötzlich Warwara Petrowna entsetzt und erbleichte. (Alle haben es damals bemerkt, jedoch nicht verstanden, warum.) ...

Die Equipage rollte davon. Warwara Petrownas Stadthaus lag ganz in der Nähe der Kirche. Lisa erzählte mir später, die Lebädkin habe während der ganzen drei Minuten der Fahrt hysterisch gelacht, Warwara Petrowna aber habe dagesessen »wie in einem hypnotischen Schlaf« -- das waren Lisas Worte.

Fünftes Kapitel. Die »allwissende Schlange«

I.

Warwara Petrowna klingelte sofort nach einem Diener und warf sich dann in der Nähe des Fensters erschöpft in einen Sessel.

»Setzen Sie sich dorthin, meine Liebe,« wies sie Marja Timofejewna an dem großen runden Tisch, der in der Mitte des Salons stand, einen Platz an. Darauf wandte sie sich zu uns: »Stepan Trophimowitsch, wer ist das? Sehen Sie sie an, wer ... was ist sie?«

»Ich ... ich ...« stammelte Stepan Trophimowitsch.

In diesem Augenblick trat der Diener ein.

»So schnell wie möglich ein Tasse Kaffee! Und die Equipage soll warten!«

»_Mais chère et excellente amie ... dans quelle inquiétude!_{[89]} ...« rief Stepan Trophimowitsch unsicher aus.

»Ach, französisch, französisch!« Marja Timofejewna klatschte in die Hände vor Vergnügen. »Gleich merkt man, daß man in vornehmer Gesellschaft ist!« Und sie schickte sich mit Entzücken an, dem französischen Gespräche zuzuhören.

Warwara Petrownas Augen ruhten auf ihr mit Befremden, ja, mit Entsetzen.

Wir schwiegen alle und warteten ungewiß auf irgendeine Lösung oder Erklärung. Schatoff erhob kein einziges Mal seinen gesenkten Kopf und Stepan Trophimowitsch schaute so erschrocken drein, als trüge er die Schuld an allem. Ich selbst blickte auf Lisa, die fast neben Schatoff saß. Lisa wiederum sah gespannt bald auf Warwara Petrowna, bald auf die Lahme: um ihre Lippen zuckte ein Lächeln, kein gutes Lächeln, -- und Warwara Petrowna bemerkte es wohl. Währenddessen ließ Marja Timofejewna es sich gut gefallen: sie betrachtete entzückt und ohne jede Befangenheit die Möbel, die Teppiche, die Bilder an den Wänden, die alte gemalte Decke, die große Bronzestatue in der Ecke, die Porzellanlampe, die Albums und die Nippsachen auf dem Tisch.

»Ach, auch du bist hier, Schatuschka!« rief sie plötzlich, lustig lachend, aus. »Denk nur, ich seh' dich schon lange und sag' mir: das kann er doch nicht sein! Wie soll der wohl hierher kommen?«

»Sie kennen diese Dame?« fragte Warwara Petrowna sofort, sich zu Schatoff wendend.

»Ja,« sagte Schatoff leise und brummig wie immer -- rückte dabei auf seinem Stuhle einmal hin und her, blieb aber sitzen.

»Was wissen Sie denn von ihr? Etwas schneller, wenn ich bitten darf!«

»Ja, was denn ...« er stockte und lächelte unnötigerweise. »Sie sehen doch selbst ...«

»Was sehe ich? Aber so reden Sie doch!«

»Sie wohnt in demselben Hause, in dem ich wohne ... mit ihrem Bruder ... einem Offizier.«

»Nun, und?«

Schatoff stockte wieder. »Wozu davon sprechen,« knurrte er schließlich und verstummte endgültig -- und wurde sogar rot.

»Natürlich, von Ihnen kann man ja auch nicht mehr erwarten!« Warwara Petrowna wandte sich unwillig von ihm ab. Sie begriff, daß hier alle etwas Bestimmtes wußten und nur deshalb nicht auf ihre Fragen antworteten, weil sie es ihr verheimlichen wollten.

Der Diener trat wieder ein, mit der bestellten Tasse Kaffee auf silbernem Teebrett, und präsentierte sie auf Warwara Petrownas Wink Marja Timofejewna.

»Meine Liebe, Sie werden kalt gehabt haben! Trinken Sie etwas Heißes, das wird Sie erwärmen.«

»_Merci._« Marja Timofejewna nahm die Tasse -- platzte aber plötzlich laut darüber aus, daß sie dem Diener »_merci_« gesagt hatte. Da sie jedoch gleichzeitig einen wütenden Blick Warwara Petrownas auffing, erschrak sie und stellte schnell die Tasse auf den Tisch.

»Tante,« fragte sie darauf mit einem leichtsinnigen Ausdruck von Koketterie, »Tante, sind Sie mir vielleicht böse?«

»Wa--as?« Warwara Petrowna richtete sich kerzengrade in ihrem Sessel auf. »Was für eine Tante --? Wie meinten Sie das?«

Marja Timofejewna hatte offenbar einen solchen Zorn nicht erwartet: ein Zittern erschütterte sie förmlich und sie drückte sich angstvoll an die Stuhllehne. »Ich ... ich dachte ..., daß man so -- muß,« flüsterte sie, den Blick starr auf Warwara Petrowna gerichtet. »Lisa hat Sie auch so genannt.«

»Was für eine Lisa?«

»Da, dort, dieses Fräulein!« sagte Marja Timofejewna und wies mit dem Zeigefinger auf Lisaweta Nicolajewna.

»So ist die für Sie schon zur Lisa geworden?«

»Sie haben sie doch vorhin selbst so genannt.« Marja Timofejewna faßte Mut. »Und im Traume habe ich genau solch eine Schönheit gesehen,« und sie lachte gleichsam unwillkürlich.

Warwara Petrowna dachte einen Augenblick nach und wurde ersichtlich ruhiger: ja, sie lächelte sogar über Marja Timofejewnas letzte Bemerkung. Als diese aber das Lächeln bemerkte, stand sie auf und trat mit schüchternem Ausdruck hinkend auf sie zu.

»Bitte, nehmen Sie, ich vergaß ganz, das Tuch Ihnen zurückzugeben, seien Sie mir nicht böse --« und sie nahm den Schal, den ihr Warwara Petrowna in der Kirche umgelegt hatte, von den Schultern.

»Nehmen Sie ihn sofort wieder um und behalten Sie ihn ganz. Setzen Sie sich! Trinken Sie Ihren Kaffee, und fürchten Sie sich bitte nicht vor mir, meine Liebe! Ich fange schon an, Sie zu verstehen.«

»_Chère amie_ ...« erlaubte sich Stepan Trophimowitsch wieder anzufangen ...

»Ach, Stepan Trophimowitsch, hier verliert man auch ohne Sie schon den Verstand! Verschonen Sie mich wenigstens ... Ziehen Sie bitte an der Klingel fürs Mädchenzimmer, dort!«

Neues Schweigen entstand. Warwara Petrownas Blick glitt mißtrauisch über die Gesichter der Anwesenden. Da erschien Agascha, ihre bevorzugte Kammerzofe.

»Mein kariertes Tuch. Das ausländische. Was macht Darja Pawlowna?«

»Sie fühlen sich nicht ganz wohl.«

»Geh', und sag' ihr, ich lasse sie herbitten. Sage ihr, ich ließe sie sehr darum bitten. Auch wenn sie krank ist.«

In diesem Augenblick ertönte aus dem Vorzimmer Geräusch von Schritten und Stimmen und plötzlich erschien in der Tür rot und atemlos Praskowja Iwanowna, von Mawrikij Nicolajewitsch fürsorglich gestützt.

»Ach Gott, endlich da! Lisa, du Wahnsinnige! Was tust du deiner Mutter an!« rief sie mit ihrer kreischenden Stimme, in die sie nach Art aller reizbaren Menschen ihren ganzen Ärger legte, schon von der Tür aus ins Zimmer.

»Warwara Petrowna, meine Liebe, ich bin nur deshalb zu Ihnen gekommen, um meine Tochter abzuholen!«

Warwara Petrowna sah sie unmutig an, erhob sich aber, um sie zu begrüßen, und sagte mit kaum verhehltem Verdruß: »Guten Tag, Praskowja Iwanowna. Setze dich, bitte. Ich wußte ja, daß du kommen würdest.«

II.