Sämtliche Werke 3-4

Part 65

Chapter 653,335 wordsPublic domain

Aller Wahrscheinlichkeit nach war zuerst die Rede von einem Briefe, den Aglaja geschrieben haben sollte. Plötzlich beschuldigte Lebedeff voll Bitterkeit den Fürsten: der Fürst hätte ihn, Lebedeff, zuerst seines Vertrauens für würdig gehalten in Sachen einer gewissen »Person« (Nastassja Filippowna); darauf hätte er alle Beziehungen zu ihm (Lebedeff) abgebrochen, ihn mit Schimpf und Schande davongejagt -- und noch dazu in einer so beleidigenden Art und Weise! Mit Tränen in den Augen fuhr Lebedeff fort und klagte, daß er es nicht mehr habe ertragen können, um so weniger, als er alles wüßte und sehr vieles erfahren habe ... Durch Rogoshin, durch Nastassja Filippowna, und durch die Freundin Nastassja Filippownas. Er wußte alles von Warwara Ardalionowna ... von ihr ... und von ... Aglaja Iwanowna durch Wjera, durch seine geliebte Tochter Wjera, sein eingeborenes Kind ... ja--a--a, oder nicht eigentlich sein eingeborenes, denn er habe ja deren vier. Und er habe durch Briefe Lisaweta Prokofjewna von allen Geheimnissen unterrichtet, he, he! Wer habe sie in alle Beziehungen eingeweiht und ... ihr über Nastassja Filippowna he, he, he! alles mitgeteilt -- wer sei dieser Anonyme, wenn der Fürst ihm zu fragen gestattete?

»Etwa Sie?« rief der Fürst erstaunt aus.

»Wer denn sonst,« antwortete ihm Lebedeff voll Würde, »und heute noch, um halb neun Uhr, im ganzen vor einer halben Stunde ... nein, vor einer dreiviertel Stunde, habe ich die ehrenwerteste Mutter benachrichtigt, daß ich ihr etwas mitzuteilen habe ... etwas sehr Wichtiges. Durch einen Brief teilte ich es ihr mit, schickte das Mädchen durch die Hintertreppe zu ihr hinauf ... und sie nahm ihn an, empfing mich ...«

»Sie haben soeben Lisaweta Prokofjewna gesehen?« fragte der Fürst und schien kaum seinen Ohren zu trauen.

»Habe sie soeben gesehen und eine Ohrfeige von ihr bekommen ... eine moralische. Sie warf mir den Brief uneröffnet ins Gesicht ... und jagte mich hinaus ... übrigens, auch hier nur moralisch, wie gesagt, nicht physisch ... das heißt, fast auch physisch, es fehlte nicht viel!«

»Was für einen Brief warf sie Ihnen uneröffnet ins Gesicht?«

»Wie ... he, he, he! Habe ich es Ihnen denn noch nicht gesagt! Und ich dachte, ich hätte es Ihnen schon gesagt ... Ich habe so ein Briefchen bekommen, zur Übergabe ...«

»An wen? Von wem?«

Die Erklärungen Lebedeffs, die jetzt folgten, waren überhaupt nicht zu verstehen. Der Fürst konnte nur so viel daraus entnehmen, daß der Brief früh am Morgen durch eine Magd Wjera Lebedeff eingehändigt worden war, an eine bestimmte Adresse ... »wie auch schon früher ... ganz wie früher«, an eine bekannte »Person« und von einer »Dame« ... (denn die eine von ihnen nenne er »Dame«, die andere nur »Person«, zur Unterscheidung der Rangstufen, weil nämlich ein großer Unterschied zwischen einer unschuldigen, wohlgeborenen Generalstochter und ... einer Kameliendame bestehe) ... »Und so war denn der Brief von der >Dame<, deren Name mit dem Buchstaben A beginnt ...«

»Wie ist das möglich? An Nastassja Filippowna? Unsinn!« rief der Fürst aus.

»Na, wenn nicht an sie, so an Rogoshin, das ist ganz gleich. An Rogoshin, auch an Herrn Terentjeff hat es Briefe zur Übergabe gegeben, auch von der Dame mit dem Buchstaben A,« blinzelte und lächelte Lebedeff.

Da er oft von einer Sache auf die andere übersprang und dabei vergaß, wovon er eigentlich zu sprechen angefangen hatte, so schwieg der Fürst, um ihn nicht noch mehr zu verwirren: unklar war vor allem, ob die Briefe ihm oder Wjera anvertraut wurden? Es war wohl eher anzunehmen, daß Wjera sie beförderte, und daß Lebedeff ihr diesen entwendet hatte! So mochte er auch diesen Brief von ihr heimlich gestohlen haben, um ihn der Generalin mit einer besonderen Absicht zu überreichen. In dieser Weise dachte es sich der Fürst.

»Sie haben den Verstand verloren, Lebedeff!« rief er in außerordentlicher Erregung.

»Jedoch nicht ganz, Euer Hochwohlgeboren,« antwortete ihm Lebedeff nicht ohne Bosheit. »Zuerst wollte ich das Briefchen in Ihre eigenen Hände legen, um Ihnen zu dienen ... doch entschloß ich mich lieber, dort einen Dienst zu leisten, und vor allem, der Hochwohlgeborenen Frau Mutter ... Denn auch früher schon einmal hatte ich sie durch einen geheimen Brief benachrichtigt; und als ich sie jetzt in einem Briefchen um acht Uhr zwanzig Minuten um eine Unterredung bat, da unterschrieb ich mich: >Ihr geheimer Korrespondent<. Man empfing mich sofort, sogar in großer Eile, über die Hintertreppe ... bei der gnädigen Frau.«

»Nun, und? ...«

»Und dort kam ich, wie gesagt, sehr schlecht an, beinah wurde ich verprügelt, es fehlte nicht viel ... jawohl, verprügelt ... Den Brief warf sie mir ins Gesicht ... Sie hätte ihn gerne behalten, ich bemerkte es wohl, doch bezwang sie sich und warf ihn mir ins Gesicht: >wenn man ihn dir anvertraut hat, ihn zu übergeben, so tue es auch ...< Sie war außer sich. Wenn sie sich doch schon vor mir nicht beherrschen konnte ... Oh, ein heftiger Charakter!«

»Wo ist denn der Brief jetzt?«

»Ich habe ihn doch: hier ist er.«

Und er reichte dem Fürsten das Briefchen Aglajas an Gawrila Ardalionytsch, dasselbe, das dieser an demselben Morgen, zwei Stunden nachher, triumphierend seiner Schwester zeigte.

»Dieser Brief kann nicht bei Ihnen bleiben.«

»Ich gebe den Brief Ihnen, Ihnen! Ihnen bringe ich ihn,« betonte Lebedeff eifrig und voll Feuer. »Ich bin jetzt wieder ganz der Ihre, der Ihre, vom Kopf bis zum Herzen, Ihr treuer Diener -- nach diesem einmaligen und letzten, übrigens nur minutenlangen Verrat! Richten Sie über mein Herz, aber schonen Sie mir meinen Bart, wie jener Thomas Morus ... in England und in Großbritannien sagte. _Mea culpa, mea culpa_, wie die römische Päpstin sagte ... das heißt der römische Papst, ich aber nenne ihn: >römische Päpstin<.«

»Dieser Brief muß sofort überbracht werden!« sagte der Fürst in bestimmtem Tone. »Ich werde es tun.«

»Würde es nicht besser sein, besser sein, wohlerzogenster Fürst, besser sein, wenn ...«

Lebedeff schnitt eine sonderbare, sauersüße Grimasse; er sprang hin und her, als hätte man ihn mit einer Nadel gestochen, zwinkerte mit den Augen, zappelte mit den Händen.

»Was soll das bedeuten?« fragte ihn mit strenger Miene der Fürst.

»Man könnte ihn vorsichtig öffnen!« flüsterte der andere ihm in vertraulichem Tone zu.

Der Fürst sprang so wütend auf, daß Lebedeff schnell zur Tür lief; dort blieb er stehen, um das Weitere abzuwarten.

»Ach, Lebedeff! Wie kann man nur so tief sinken?« rief der Fürst bitter aus.

Das Gesicht Lebedeffs erhellte sich.

»Jawohl, ich bin gemein, gemein!« er näherte sich sogleich wieder dem Fürsten und schlug sich, mit Tränen in den Augen, vor die Brust.

»Das ist doch mehr als eine Gemeinheit!«

»Mehr als eine Gemeinheit. Das ist es!«

»Und was treibt Sie denn, so zu handeln? Sie sind ja doch einfach ... ein Spion! Warum haben Sie denn diese anonymen Briefe geschrieben und diese gute und edle Frau beunruhigt? Warum sollte Aglaja Iwanowna nicht das Recht haben, jedem zu schreiben, wie es ihr gefällt? Wie kamen Sie denn darauf, das ihrer Mutter zu hinterbringen? Sie wollten sich wohl über sie beklagen? Und was hofften Sie damit zu erreichen? Was hat Sie denn dazu getrieben?«

»Nur aus einem gewissen Interesse und ... um der ehrenwerten Mutter gefällig zu sein, ja--a --! Doch jetzt bin ich wieder ganz der Ihre, wenn Sie wollen, hängen Sie mich auf!«

»Und in solchem Zustande erschienen Sie vor Lisaweta Prokofjewna?« fragte der Fürst voll Widerwillen und zugleich Neugier.

»Nein--n ... frischer und sogar anständiger; erst nach der erlittenen Niederlage ... mache ich so einen Eindruck.«

»Nun wohl, verlassen Sie mich jetzt.«

Diese Bitte mußte der Fürst übrigens einigemal an seinen Gast richten, ehe der sich entschließen konnte, wirklich fortzugehen. Als er schon hinter der Tür verschwunden war, kehrte er nochmals zurück, kam auf den Fußspitzen wieder herangeschlichen, bis in die Mitte des Zimmers, und machte mit den Händen von neuem seine Zeichen, den Brief doch zu öffnen. Seinen Rat in Worten auszudrücken, durfte er nicht mehr wagen. Darauf ging er dann hinaus, mit süßem Lächeln auf den Lippen.

Es war dem Fürsten nicht leicht gefallen, diese Mitteilungen Lebedeffs anzuhören. Aus ihnen konnte er zunächst nur die eine Tatsache entnehmen, daß Aglaja sich in großer Unruhe und Unentschlossenheit befand und sich sehr quälen mußte (vielleicht aus »Eifersucht«, dachte der Fürst bei sich). Ferner schien es ihm, daß böse Menschen sie beeinflußten, und sonderbar war es, daß sie ihnen zu glauben schien. In diesem eigenwilligen, heißen, doch stolzen Köpfchen schienen Pläne zu reifen, die sie vielleicht ins Verderben stürzen konnten -- ganz unmögliche Pläne! Der Fürst war sehr beunruhigt und wußte nicht, wozu er sich entschließen sollte. Hier mußte irgendwie vorgebeugt werden, das fühlte er. Er blickte noch einmal nach der Adresse des Briefes; was ihn beunruhigte, war, daß er wohl Aglaja, nicht aber Gawrila Ardalionytsch vertrauen konnte! Und doch befand er sich schon auf dem Wege, um ihm persönlich den Brief zu übergeben. Fast am Hause Ptizyns angelangt, traf er jedoch zufällig Koljä. Er übergab den Brief also diesem mit dem Auftrage, ihn so zu übergeben, als ob er ihn von Aglaja selbst erhalten hätte. Koljä tat es auch, ohne weiter den Fürsten auszuforschen; infolgedessen hatte Ganjä dann keine Ahnung davon, durch wessen Hände der Brief gegangen war. Als der Fürst zu Hause ankam, rief er Wjera Lukjanowna zu sich und erzählte ihr alles und beruhigte sie, denn sie hatte die ganze Zeit über geweint und den Brief gesucht. Sie erschrak furchtbar, als sie erfuhr, daß der Vater den Brief Lisaweta Prokofjewna hinterbracht hatte. (Später erfuhr der Fürst noch von ihr, daß sie niemals eine geheime Korrespondenz zwischen Rogoshin und Aglaja vermittelt hatte; auch wäre es ihr nie eingefallen, daß sie damit zum Schaden des Fürsten gehandelt hätte.)

Als zwei Stunden nachher der Fürst von der plötzlichen Erkrankung des Generals Iwolgin benachrichtigt wurde, war er so zerstreut, daß er anfangs diese Nachricht gar nicht verstand. Doch ließ ihn das Ereignis, als er es endlich begriffen hatte, wieder zu sich kommen. Er ging sogleich zu Nina Alexandrowna, zu der man den Kranken natürlich sofort gebracht hatte, und blieb bis zum Abend bei ihr. Er konnte ihr freilich von keinem Nutzen sein, aber es gibt Menschen, die man gern in einer schweren Minute bei sich sieht. Koljä weinte, ganz aufgelöst vor Schmerz, dabei lief er die ganze Zeit umher, war bei drei Doktoren, in der Apotheke usw. Man brachte den General wieder zu sich, doch kam er nicht mehr zu vollem Bewußtsein. Die Ärzte meinten, daß »der Patient in Lebensgefahr schwebe«. Warjä und Nina Alexandrowna verließen den Kranken nicht; Ganjä war erschüttert und betroffen, doch fürchtete er sich, den Kranken zu sehen, er kam nicht nach oben und rang nur in stummer Verzweiflung seine Hände. Von seinen zusammenhangslosen Klagen behielt der Fürst nur die Worte: »Welch ein Unglück, und das gerade in diesem Augenblick!« Der Fürst glaubte ihn zu verstehen und wußte, von welchem Augenblick die Rede war. Hippolyt traf der Fürst schon nicht mehr im Hause Ptizyns an. Gegen Abend kam Lebedeff angelaufen. Er hatte seit seiner »morgendlichen Erklärung« geschlafen. Jetzt war er nüchtern und weinte am Bette des Kranken heiße Tränen, als ob er sein leiblicher Bruder gewesen wäre. Ohne nähere Erklärungen zu geben, schrieb er sich die Schuld am Unglück zu und wich nicht von Nina Alexandrowna, ihr immer und immer wieder versichernd, daß er, er allein der Grund zu allem gewesen sei, nur er allein und seine Neugier ... und daß der »Selige« (er nannte den General so, obgleich dieser noch lebte) ein genialer Mensch gewesen sei! Er bestand besonders auf dessen Genialität, als ob das in diesem Augenblick von großem Nutzen hätte sein können. Als Nina Alexandrowna sein aufrichtiges Leid bemerkte, machte sie ihm keinen einzigen Vorwurf und versuchte sogar, ihn zu trösten: »Nun, weinen Sie doch nicht, Gott wird Ihnen verzeihen!« Lebedeff war durch diese Worte und vor allem durch den Ton dieser Worte so gerührt, daß er sich den ganzen Abend nicht mehr von Nina Alexandrowna trennte und während der ganzen drei Tage bis zum Tode des Generals Tag und Nacht im Hause verblieb. Im Laufe des Tages kam von Lisaweta Prokofjewna ein Bote zu Nina Alexandrowna, um sich nach dem Zustande des Kranken zu erkundigen. Als der Fürst am Abend um neun Uhr im Salon bei Jepantschins erschien, der schon ganz mit Gästen angefüllt war, erkundigte sich Lisaweta Prokofjewna sofort bei ihm teilnehmend und ausführlich nach dem Kranken, und beantwortete die Fragen der Bjelokonskaja, »wer der Kranke und wer Nina Alexandrowna sei«, mit großer Teilnahme und Achtung für die Familie Iwolgin. Dem Fürsten gefiel das sehr. Er selbst führte sich im Gespräch mit Lisaweta Prokofjewna »vorzüglich« auf, wie sich später die Schwestern Aglajas äußerten; »bescheiden, einfach, ohne Gesten, würdevoll; trat gut auf, war vorzüglich angezogen« und »glitt durchaus nicht auf dem Parkett aus«, sondern machte auf alle Anwesenden einen sehr angenehmen Eindruck.

Der Fürst bemerkte seinerseits, als er Platz genommen hatte, daß die Gesellschaft durchaus nicht den Gespenstern glich, mit denen Aglaja ihn geschreckt, noch den Alpdrücken, die er in der Nacht ihretwegen gehabt hatte. Zum erstenmal im Leben sah er etwas davon, was man unter dem schrecklichen Namen »die große Welt« versteht. Schon lange hatte er den geheimen, auf bestimmten Absichten beruhenden Wunsch gehabt, in diesen Zauberkreis von Menschen einzudringen, und war daher sehr gespannt auf den ersten Eindruck, den er von ihr empfangen würde. Dieser erste Eindruck nun entzückte ihn über alle Maßen. Es schien ihm sofort, daß alle diese Menschen geboren waren, um zusammen zu sein, daß hier bei Jepantschins durchaus keine »Abendgesellschaft« stattfand und die Menschen keine »geladenen Gäste« waren, sondern alles »Hausgenossen«, daß er selbst ein ihnen ergebener Freund und Gesinnungsgenosse, und daß er nach langer Trennung jetzt wieder zu ihnen zurückgekehrt sei. Die eleganten Manieren, das ungezwungene, fast herzliche Benehmen wirkten einfach bezaubernd auf ihn. Ihm kam auch nicht im entferntesten der Gedanke, daß diese Offenherzigkeit und Vornehmheit, dieser Scharfsinn und das hohe Selbstbewußtsein eine angenommene und völlig künstliche Form waren. Die Mehrzahl der Gäste waren ungeachtet ihres einnehmenden Äußeren leere Menschen und hohle Köpfe, die in ihrer Selbstgefälligkeit nicht einmal wußten, daß ihre ganze Vortrefflichkeit ein Kunstprodukt war, zu dem sie selbst nichts beigetragen hatten, sondern das ihnen als Erbschaft unbewußt zugefallen war. Daran wollte der Fürst bei dem ersten glänzenden Eindruck, unter dem er stand, überhaupt nicht denken. Er sah nur, wie zum Beispiel dieser Greis, dieser vornehme Würdenträger, der den Jahren nach sein Großvater hätte sein können, sein Gespräch mit dem Nachbar unterbrach, um ihm zuzuhören, ihm, einem so jungen und unerfahrenen Menschen; und nicht nur, daß er ihm zuhörte, sondern daß er auch seine Meinung zu schätzen schien, und sich zu ihm so aufrichtig und offenherzig verhielt, als wären sie einander gar nicht fremd. Auf die Empfänglichkeit des Fürsten wirkte wohl am meisten gerade die Feinheit dieser Höflichkeit. Außerdem war er vielleicht selbst in besonders glücklicher Stimmung und geneigt, alles im besten Lichte zu sehen.

Diese Menschen waren indessen, wenn auch »Freunde des Hauses« und untereinander bekannt, doch durchaus nicht so befreundet, wie es dem Fürsten zuerst erschien. Dort gab es Leute, die es niemals zugelassen hätten, Jepantschins zu ihresgleichen zu zählen. Dort gab es Leute, die sich gegenseitig nicht ertragen konnten. Die alte Bjelokonskaja »verachtete« ihr ganzes Leben lang die Frau des »alten Würdenträgers« und diese liebte wiederum Lisaweta Prokofjewna durchaus nicht. Ihr Mann, »der Würdenträger« selbst, der aus irgendeinem Grunde von jeher als Protektor der Jepantschins galt, war wiederum in den Augen Iwan Fedorowitschs ein so erhabenes Wesen, daß dieser aus Ehrfurcht und Angst in seiner Gegenwart nichts zu äußern wagte und sich selbst aufrichtig verachtet hätte, wenn es ihm eingefallen wäre, sich mit diesem Olympischen Zeus gleichzustellen. Auch gab es dort Leute, die sich seit einigen Jahren nicht mehr gesehen hatten und füreinander nichts empfanden als Gleichgültigkeit, wenn nicht Widerwillen, und die sich doch jetzt so freundschaftlich begrüßten, als wären sie noch gestern in angenehmster Gesellschaft zusammen gewesen. -- Im übrigen war die »Gesellschaft« gar nicht so zahlreich vertreten. Außer der Bjelokonskaja und dem »alten Würdenträger« nebst Gemahlin gab es nur noch eine wichtige Persönlichkeit: einen sehr soliden aktiven General, Baron oder Graf, mit deutschem Namen. Es war das ein außergewöhnlich schweigsamer Mensch mit dem Ruf außerordentlicher Gelehrsamkeit, und ein bewundernswerter Kenner seines Ressorts -- einer dieser Halbgötter von Administratoren, die alles kennen »außer Rußland selbst«, einer dieser hochgestellten Beamten, die gewöhnlich nach langem Dienst (bis zur Verwunderung lang) im höchsten Rang und mit großem Vermögen sterben, ohne irgendeinen Fortschritt herbeigeführt zu haben, ja, die sogar jedem Fortschritt im Prinzip feindlich gegenüber gestanden haben. Dieser General war der unmittelbare Vorgesetzte Iwan Fedorowitschs, der ihn gleichfalls aus Dankbarkeit seines Herzens für seinen Wohltäter hielt, während dieser seinerseits sich durchaus nicht für einen Wohltäter Iwan Fedorowitschs hielt, sich vielmehr ruhig und kaltblütig zu ihm stellte. Obgleich er die verschiedenen Gefälligkeitsdienste Iwan Fedorowitschs gerne entgegennahm, hätte er doch an dessen Stelle sofort einen anderen Beamten eingesetzt, wenn es irgendwelche höhere Vorteile verlangten. Auch befand sich dort ein vornehmer Kavalier, ein älterer Lebemann, der für einen Verwandten von Lisaweta Prokofjewna angesehen wurde, was er aber durchaus nicht war. Ein Mann von hohem Rang, ein reicher Aristokrat, von erprobter Gesundheit, ein großer Schwätzer, der im Rufe eines unbefriedigten Menschen stand (unbefriedigt natürlich im höheren und erlaubten Sinne des Wortes). Ein Durchgänger (was an ihm sogar noch das Sympathischste war), der die Gewohnheiten eines englischen Aristokraten hatte, englischen Appetit und Geschmack (besonders was die blutigen Roastbeefs anbelangte), sowie englische Pferde, Lakaien usw. hielt. Er war ein großer Freund des »Würdenträgers«, zerstreute und beschäftigte denselben und -- außerdem auch Lisaweta Prokofjewna, die den sonderbaren Gedanken gefaßt hatte, daß dieser schon etwas ältliche Lebemann, außerdem ein leichtsinniger Mensch und Liebhaber des weiblichen Geschlechts, ihre Alexandra mit einem Antrag beehren würde. Dieser höheren und solideren Schicht der Gesellschaft folgte eine Schicht jüngerer Leute: auch sie durchaus glänzend mit eleganten, blendenden Eigenschaften. Außer dem Fürsten Sch. und Jewgenij Pawlowitsch gehörte zu ihr der bekannte und bezaubernde Fürst N., ein Besieger aller Frauenherzen in ganz Europa, ein Mann von jetzt schon fünfundvierzig Jahren, doch immer noch eine bestechende Erscheinung mit glänzender Rednergabe, ein Mann von Vermögen, wenn auch etwas zerrütteten Geldverhältnissen, der meist im Auslande lebte. Es gab aber dort schließlich auch noch Leute, die schon eine dritte Schicht bildeten, die genau genommen nicht zu diesem »höheren Kreise« gehörten, doch die man, ganz wie Jepantschins selbst, in diesem »höheren Kreise« antreffen konnte. Aus einem gewissen Taktgefühl hatten Jepantschins es sich ein für allemal zur Regel gemacht, in den seltenen Fällen, in denen bei ihnen großer Besuch stattfand, in ihre höhere Gesellschaft auch Leute mittleren Standes einzuladen. Man lobte Jepantschins sehr, daß sie es verstanden, ihren Platz einzunehmen, und so viel Takt bewiesen, worauf Jepantschins ihrerseits wiederum sehr stolz waren. Einer dieser Vertreter mittleren Standes war ein Techniker, ein guter Freund des Fürsten Sch., der von ihm bei Jepantschins eingeführt worden war. Er war in Gesellschaft ungewöhnlich schweigsam und trug am Zeigefinger der rechten Hand einen großen Siegelring, der ihm wohl höheren Ortes verliehen worden war. Es war außerdem ein Literat erschienen, von deutscher Herkunft, doch dichtete er russisch: eine durchaus anständige Erscheinung, die man ohne Gefahr in die Gesellschaft einführen konnte. Er hatte ein gefälliges Äußere, stand in den Dreißigern, war tadellos gekleidet und gehörte einer deutschen Familie an, die im höchsten Grade bürgerlich, doch auch im höchsten Grade anständig und von gutem Rufe war; auch verstand er es, jede günstige Gelegenheit auszunutzen und die Protektion einflußreicher Leute zu erwerben. Er hatte eine berühmte deutsche Dichtung in Versen ins Russische übersetzt und sie einer hochgestellten Persönlichkeit gewidmet; er konnte sich der Freundschaft eines großen verstorbenen russischen Dichters rühmen (es gibt eine ganze Schicht Schriftsteller, die vom Ruhm der Freundschaft eines großen, doch verstorbenen Dichters leben) und war unlängst durch die Frau des »Würdenträgers« bei Jepantschins eingeführt worden. Diese Frau war als Gönnerin von Schriftstellern und Gelehrten bekannt, und sie hatte auch wirklich durch höhere Protektion, die sie genoß, zwei Schriftstellern eine Pension verschaffen können. Eine Bedeutung geistiger Art besaß sie dabei durchaus nicht. Sie war eine Dame von fünfundvierzig Jahren (also eine junge Frau im Vergleich zu ihrem Gemahl), eine gewesene Schönheit, die sich auch jetzt noch, wie es mancher Dame in diesem Alter eigen ist, sehr auffallend zu kleiden liebte. Ihr Verstand war nicht sehr umfassend und ihre literarischen Kenntnisse waren es nicht minder. Man widmete ihr Aufsätze und Übersetzungen: zwei oder drei Schriftsteller hatten mit ihrer Erlaubnis einen Briefwechsel über sehr wichtige Dinge, den sie mit ihr gehabt, veröffentlicht ...