Part 64
Fürst Lew Nikolajewitsch selbst ließ sich durch nichts verwirren und fuhr fort, ungetrübt selig zu sein. Oh, auch er bemerkte mitunter etwas gleichsam Düsteres und Ungeduldiges in Aglajas Augen, doch nachdem er einmal an sie zu glauben begonnen, konnte diesen Glauben nichts mehr erschüttern. Vielleicht aber war er dennoch etwas gar zu ruhig; wenigstens äußerte sich auch Hippolyt in dem Sinne, als er ihm einmal zufällig im Park begegnete.
»Na, hab' ich damals nicht recht gehabt, als ich Ihnen sagte, daß Sie verliebt seien?« begann er ohne weiteres, indem er auf den Fürsten zutrat und ihn aufhielt.
Der Fürst reichte ihm die Hand und gratulierte zum »guten Aussehen«. Hippolyt sah in der Tat viel wohler aus, was ja bei Schwindsüchtigen bekanntlich oft vorkommt.
Er war eigentlich nur in der Absicht an den Fürsten herangetreten, um ihm wegen seiner glücklichen Stimmung etwas Gehässiges zu sagen, doch wie gewöhnlich begann er schon nach den ersten Worten, von sich selbst zu sprechen. Er hatte über vieles zu klagen, was er denn auch ziemlich lange und ziemlich unzusammenhängend tat.
»Sie glauben nicht,« fuhr er fort, »bis zu welch einem Grade sie dort alle reizbar, kleinlich, egoistisch, ehrgeizig und ordinär sind! Werden Sie es zum Beispiel für möglich halten, daß sie mich nur unter der Voraussetzung genommen haben, daß ich bald sterbe? Und da sind sie jetzt alle wütend darüber, daß ich noch immer nicht sterbe und mich im Gegenteil besser fühle. Die reine Komödie! Ich könnte wetten, daß Sie mir das nicht glauben!«
Der Fürst wollte nicht widersprechen.
»Übrigens denke ich mitunter daran, wieder zu Ihnen zurückzukehren,« fügte Hippolyt nachlässig hinzu. »So halten Sie sie also nicht für fähig dazu, einen Menschen unter der Bedingung aufzunehmen, daß er möglichst bald stirbt?«
»Ich dachte, daß sie Sie aus gewissen anderen Gründen zu sich aufgefordert hätten.«
»He--e! Sie scheinen ja durchaus nicht so einfach zu sein, wie man von Ihnen annimmt! Es ist jetzt nicht die Zeit dazu, sonst könnte ich Ihnen etwas Interessantes über Ganetschka und seine Hoffnungen mitteilen. Man will nämlich Ihr Glück untergraben, Fürst, erbarmungslos untergraben, und ... da tun Sie einem fast leid, weil Sie so ruhig sind. Doch -- Sie können ja gar nicht anders!«
»Um was Sie sich Sorgen machen!« lachte der Fürst. »Wie, wäre ich denn Ihrer Meinung nach glücklicher, wenn ich unruhiger wäre?«
»Lieber unglücklich sein und wissen, als glücklich sein und ... betrogen werden. Sie scheinen es ja überhaupt nicht für möglich zu halten, daß mit Ihnen rivalisiert wird und ... noch dazu von der Seite?«
»Ihre Worte sind ein wenig zynisch, Hippolyt; es tut mir leid, daß ich nicht das Recht habe, Ihnen hierauf zu antworten. Was jedoch Gawrila Ardalionytsch betrifft, so werden Sie wohl selbst zugeben, daß es etwas viel verlangt wäre, wollte man von ihm nach allem, was er verloren hat, noch völlige Ruhe fordern. Ich nehme an, daß Sie wenigstens zum Teil darüber unterrichtet sind, was er durchgemacht hat? Jedenfalls scheint es mir besser, das Verhältnis von diesem Standpunkte aus zu betrachten. Er wird sich noch ändern, ihm steht noch ein langes Leben bevor, und das Leben ist reich ... doch übrigens ... übrigens ... was das Untergraben betrifft ... ich verstehe nicht einmal, wovon Sie reden ... Brechen wir lieber dieses Gespräch ab, Hippolyt.«
»Schön, vorläufig. Zudem können Sie es auch nicht gut mit Ihrem Edelmut vereinigen. Sie, Fürst, Sie müssen alles immer selbst mit den Fingern befühlt haben, bevor Sie etwas glauben, ha--ha! Verachten Sie mich jetzt sehr?«
»Weshalb das? Weil Sie mehr als wir gelitten haben und leiden?«
»Nein, deshalb, weil ich dieses Leidens unwürdig bin.«
»Wer mehr gelitten hat, der ist es auch würdig gewesen, mehr zu leiden. Als Aglaja Iwanowna Ihre Beichte gelesen hatte, wollte sie Sie sehen, aber ...«
»Sie schob es auf ... sie darf nicht, ich verstehe, verstehe ...« unterbrach ihn Hippolyt, als wolle er schnell von diesem Thema ablenken. »Ach, apropos, man sagt, Sie hätten ihr diese ganze Litanei vorgelesen ... Ach was, das Ganze ist doch nur im Fieber geschrieben und ... ausgedacht. Ich begreife wirklich nicht, bis zu welch einem Grade man -- ich will nicht sagen grausam (das wäre erniedrigend für mich), wohl aber kindisch eitel und rachsüchtig sein muß, um mir diese Beichte gewissermaßen zum Vorwurf machen zu können und sie gegen mich, den Verfasser, als Waffe zu benutzen! Beunruhigen Sie sich nicht, das war nicht auf Sie gemünzt ...«
»Es tut mir leid, daß Sie sich von dieser Beichte lossagen, Hippolyt, sie ist aufrichtig geschrieben, und wissen Sie, selbst die lächerlichsten Stellen -- und deren gibt es viele --« (Hippolyt runzelte wütend die Stirn) »sind mit Schmerzen bezahlt ... denn dieses Gestehen ist auch schmerzhaft gewesen und ... vielleicht hat dazu eine große Mannhaftigkeit gehört. Der Gedanke, der Sie dazu bewogen hat, hat zweifellos einen edlen Ursprung gehabt, gleichviel was andere da sagen. Je weiter alles zurücktritt, um so deutlicher sehe ich es jetzt, glauben Sie mir. Ich will Sie nicht richten, ich sage es nur, um mich auszusprechen, und weil ich es bedauere, daß ich damals schwieg ...«
Hippolyt wurde rot. Im Augenblick kam ihm zwar der Gedanke, daß der Fürst sich vielleicht verstelle, um ihn zu fangen, doch ein Blick auf ihn genügte, um jeden Zweifel an seiner Aufrichtigkeit zu verscheuchen. Da erhellte sich Hippolyts Gesicht.
»Was hilft das alles, sterben muß ich jetzt doch!« sagte er, und fast hätte er noch hinzugefügt: »solch ein Mensch wie ich!« -- »Können Sie sich vorstellen, was Ganetschka mir jetzt zumutet: er hat sich gewissermaßen als Entgegnung ausgedacht, daß von jenen, die damals meine >Beichte< hörten, drei oder vier wohl noch früher sterben würden als ich! Wie finden Sie das! Und er glaubt wirklich, daß das ein Trost sei, ha--ha! Erstens sind diese Leute bis jetzt noch nicht gestorben, und zweitens, selbst wenn sie's wären, was hätte ich denn davon? Er urteilt natürlich nach sich selbst. Übrigens geht er jetzt noch weiter, er schimpft einfach und sagt, daß ein anständiger Mensch in einem solchen Falle schweigend sterben würde, und daß das alles von mir nichts als Egoismus gewesen sei! Wie finden Sie das! Oder nein, wie finden Sie hier den Egoismus seinerseits! Wie finden Sie die Raffiniertheit, oder noch besser, die viehische Roheit der Selbstliebe dieser Leute, die sie natürlich niemals an sich selbst bemerken! ... Haben Sie gelesen, Fürst, vom Tode Stepan Gleboffs im achtzehnten Jahrhundert? Ich las zufällig gestern ...«
»Von was für einem Stepan Gleboff?«
»Der unter Peter an den Pfahl gebunden wurde!«
»Ach, mein Gott, gewiß! Er stand fünfzehn Stunden am Pfahl in der großen Kälte und starb heldenhaft; gewiß habe ich es gelesen -- nun und?«
»Gibt doch Gott bisweilen solch einen Tod den Menschen -- weshalb aber nicht auch mir? Sie glauben vielleicht, daß ich nicht fähig wäre, so zu sterben wie Gleboff?«
»Oh, durchaus nicht,« sagte der Fürst verwirrt, »oder vielmehr, ich wollte nur sagen, daß Sie ... das heißt, nicht, daß Sie dem Gleboff unähnlich wären, sondern ... daß Sie ... daß Sie dann eher ...«
»Ich errate: daß ich dann eher Ostermann gewesen wäre? und nicht Gleboff -- wollen Sie das damit sagen?«
»Was für ein Ostermann?« wunderte sich der Fürst.
»Na, Ostermann, der große Diplomat Ostermann, Peters Ostermann,« murmelte Hippolyt, plötzlich etwas verwirrt.
Es folgte eine kleine Pause, in der beide das Mißverständnis fühlten.
»Oh, n--n--nein! Ich wollte nicht das sagen,« fuhr der Fürst langsam fort. »Sie würden, glaube ich ... niemals ein Ostermann gewesen sein.«
Hippolyt ärgerte sich und runzelte wieder die Stirn.
»Übrigens, ich sage das ja doch nur deshalb,« verbesserte sich der Fürst schnell, »nur deshalb, weil die Menschen von damals -- wirklich, es hat mich immer frappiert -- sozusagen gar nicht dieselben Menschen waren, die jetzt leben. Es ist, als wären wir damals ein ganz anderes Volk gewesen, nein, wirklich, als handelte es sich um zwei ganz verschiedene Rassen ... Damals waren die Menschen gewissermaßen Menschen mit nur einer Idee, jetzt aber sind sie viel problematischer, komplizierter, sensitiver, sind Menschen mit zwei, drei Ideen zu gleicher Zeit ... Der jetzige Mensch ist ... geistig breiter -- und ich schwöre Ihnen, gerade das hindert ihn, ein so einheitlicher Mensch zu sein, wie es die Menschen in jenen Jahrhunderten waren ... Ich ... ich habe das nur in dem Sinne gesagt, nicht daß ich ...«
»Ich verstehe schon. Weil Sie so naiv offen nicht mit mir einverstanden waren, wollen Sie mich jetzt trösten, ha--ha! Sie sind ein vollkommenes Kind, Fürst. Indes ... ich bemerke, daß Sie mich alle wie ... wie eine Porzellantasse behandeln. Tut nichts, tut nichts, ich ärgere mich nicht. Jedenfalls haben wir ein sehr lächerliches Gespräch geführt. Sie sind mitunter wirklich ein ganzes Kind. Wissen Sie, daß ich vielleicht auch etwas besseres sein wollte, als ein Ostermann ... für einen Ostermann lohnt es sich nicht, von den Toten aufzuerstehen. Ich sehe, daß ich möglichst bald sterben muß, denn sonst würde ich selbst ... Lassen Sie mich! Auf Wiedersehen! Doch gut, sagen Sie mir selbst, welches wäre für mich die beste Art, zu sterben, was meinen Sie? ... Damit es möglichst ... nun, sagen wir -- heldenhaft geschähe? Nun, was meinen Sie!«
»Gehen Sie an uns vorüber und verzeihen Sie uns unser Glück!« sagte der Fürst leise.
»Ha--ha--ha! Das dachte ich mir! Gerade etwas von der Art erwartete ich! Einstweilen, Sie ... Sie ... Nun ja! Weiß Gott! Schöne Phrasen! Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!«
VI.
Warwara Ardalionownas Mitteilung, daß man in der Villa Jepantschin zum Abend Gäste erwartete, entsprach zwar an sich vollkommen der Wahrheit, nur hatte sie sich wieder so ausgedrückt, daß Ganjä dieser Abendgesellschaft unwillkürlich eine weit größere Bedeutung zuschreiben mußte, als ihr von Rechts wegen zukam. Gewiß sah die Familie Jepantschin mit ganz unnötiger Erregung diesem Abend entgegen, nur geschah das vornehmlich deshalb, weil in dieser Familie nun einmal »alles anders als bei anderen Leuten« geschah. Die vielleicht etwas unverständliche Hast, mit der man die Angelegenheit betrieb, fand jedoch ihre Erklärung in der Stimmung Lisaweta Prokofjewnas, die die Ungewißheit nicht länger ertragen wollte. Ihr Mutterherz zitterte für das Glück ihres Lieblings und auch der General war sehr besorgt. Hinzu kam, daß die Bjelokonskaja Petersburg bald wieder verlassen sollte, und da ihre Protektion, die sie voraussichtlich auch dem Fürsten Lew Nikolajewitsch gnädig gewähren würde, in der »hohen« Gesellschaft viel zu bedeuten hatte, so würde, meinten die Eltern, diese Gesellschaft den etwas seltsamen Bräutigam Aglajas, falls er auch ihr seltsam erscheinen sollte, weit liebenswürdiger und nachsichtiger aufnehmen, wenn er unter dem Schutze der allmächtigen alten Fürstin stand, als wenn er diese unter seinen Gegnern hatte. Insofern war die Berechnung der Eltern sehr richtig, um so mehr, als sie selbst auf keine Weise zu entscheiden vermochten, ob nun an dieser Verlobung etwas Sonderbares war oder nicht. Daher war ihnen in diesen Tagen, in denen sich infolge von Aglajas Verhalten noch immer nichts entschieden hatte, die Meinungsäußerung maßgebender Persönlichkeiten sehr erwünscht. Und schließlich mußte der Fürst doch einmal in diese Gesellschaft, von der er sich bis jetzt überhaupt noch keinen Begriff machte, eingeführt werden. Kurzum, man hatte beschlossen, ihn vorläufig zu »zeigen«, und zu dem Zweck lud man denn zum Abend einige »Freunde des Hauses« ein. Außer der Bjelokonskaja und einigen alten oder älteren Herren erwartete man an Damen nur noch die Gattin eines höchst einflußreichen Würdenträgers, und von jungen Leuten außer dem Fürsten -- Jewgenij Pawlowitsch, den die alte Bjelokonskaja voraussichtlich mitbringen würde.
Von dem bevorstehenden Besuch der Bjelokonskaja hatte der Fürst schon drei Tage vorher gehört; daß man jedoch eine ganze Gesellschaft geben wolle, erfuhr er erst am Abend vor dem festgesetzten Tage. Natürlich war es ihm nicht entgangen, daß die Familienmitglieder ein wenig besorgt dreinschauten und daß hin und wieder kritisierende Blicke auf ihm ruhten, aus denen er sofort erriet, daß man für den Eindruck fürchtete, den er auf die Gesellschaft machen würde. Seltsamerweise war man aber bei Jepantschins ohne weiteres überzeugt, daß er in seiner Einfalt nie und nimmer erraten würde, was man für ihn fürchtete, und deshalb dachte auch niemand weder daran, diese Empfindung zu verbergen, noch ward sich jemand dessen bewußt, daß diese Empfindung überhaupt irgendwie zutage trat. Übrigens schrieb er selbst dem bevorstehenden Ereignis kaum eine Bedeutung zu; er war zu sehr mit anderem beschäftigt: Aglaja wurde von Stunde zu Stunde launischer und düstrer -- das bedrückte ihn. Als er erfuhr, daß auch Jewgenij Pawlowitsch kommen würde, freute er sich sehr darüber und sagte, daß er ihn schon längst habe wiedersehen wollen. Diese Bemerkung mißfiel aus irgendeinem Grunde allen Anwesenden. Aglaja verließ sogar sichtlich geärgert das Zimmer, und erst spät am Abend, als er gegen zwölf aufbrach, wußte sie es so einzurichten, daß sie ihn ein paar Schritte begleitete und ihm bei der Gelegenheit einige Worte unter vier Augen sagen konnte.
»Ich würde wünschen, daß Sie morgen den ganzen Tag nicht zu uns kämen; erst am Abend, wenn diese -- Gäste ... erscheinen, dann können Sie kommen. Sie wissen doch, daß Gäste kommen werden?«
Sie sprach sehr nervös und mit übertriebener Strenge; zum erstenmal hatte sie den Abend erwähnt. Der Gedanke daran war für sie unerträglich. Alle hatten es bemerkt. Sie hätte sich gern mit ihren Eltern darüber ausgesprochen, ihn zu verhindern gesucht, doch Stolz und Scham ließen es nicht zu. Der Fürst begriff sofort, daß sie für ihn fürchtete und selbst nicht zugeben wollte, daß sie sich fürchtete -- und er erschrak sehr darüber.
»Ja, ich bin auch eingeladen,« bemerkte er.
»Kann man denn mit Ihnen überhaupt über irgend etwas ernsthaft sprechen? Auch nur einmal im Leben?« fuhr sie plötzlich gereizt auf, ohne zu wissen, warum, und nicht mehr fähig, länger an sich zu halten.
»Gewiß kann man das, und ich bin gern bereit, Sie anzuhören; es freut mich sehr ...« Der Fürst verstummte.
Aglaja schwieg wieder eine Weile und begann dann mit ersichtlichem Widerwillen:
»Ich will mich mit Ihnen da nicht herumstreiten, es gibt Fälle, in denen Sie keine Vernunft annehmen. Widerwärtig sind mir die Regeln, die Mama beobachtet. Von Papa lohnt es sich überhaupt nicht zu reden, ihn fragt man gar nicht danach. Mama ist natürlich eine ehrenwerte Frau, doch vor diesem ... >Nichts< beugt sie sich! Ich spreche nicht von der Bjelokonskaja: sie ist eine alte Frau mit schlechtem Charakter, doch klug -- sie versteht es vorzüglich, alle Menschen zu lenken, wie sie will, nun, und das ist wenigstens etwas. Oh, welche Niedrigkeit! Und wie lächerlich: wir sind immer Leute mittleren Standes gewesen, des allermittelmäßigsten, den es nur gibt; wozu kriechen wir da in diese >höheren Sphären<? Die Schwestern gleichfalls. Fürst Sch. hat ihnen den Kopf verdreht. Warum sind Sie übrigens froh, daß Jewgenij Pawlowitsch auch da sein wird?«
»Hören Sie mich an, Aglaja,« sagte der Fürst, »ich glaube, Sie fürchten sehr, daß ich mich morgen blamieren werde ... in dieser Gesellschaft?«
»Ich mich fürchten? Um Ihretwillen?« fuhr Aglaja auf. »Warum soll ich mich wohl Ihretwegen fürchten, mögen Sie doch ... mögen Sie sich doch blamieren! Was geht das mich an? Wie können Sie solche Worte überhaupt gebrauchen? Was heißt das: >blamieren<? Das ist ein gemeines Wort.«
»Das ist ein ... Ausdruck von der Schule her.«
»Einerlei, ein Schulausdruck! Ein gemeines Wort ist es! Sie haben wohl die Absicht, morgen nur solche Worte zu gebrauchen? Suchen Sie doch zu Hause in Ihrem Lexikon nach, ob Sie noch solche Worte finden: das wird sicher Effekt machen. Schade, daß Sie verstehen, gut einzutreten. Wo haben Sie das eigentlich gelernt? Ich glaube, Sie verstehen sogar, anständig eine Tasse Tee zu trinken, selbst dann, wenn alle Sie absichtlich beobachten?«
»Ich denke, daß ich es verstehe.«
»Das ist schade: sonst könnte ich Sie sicher auslachen. Zerschlagen Sie doch wenigstens die große chinesische Vase im Salon! Sie kostet sehr viel: bitte, zerschlagen Sie sie doch! Die ist Mama geschenkt worden, und Mama wird den Verstand darüber verlieren und wird vor allen zu weinen anfangen -- so wertvoll ist sie für sie. Machen Sie irgendeine große Geste, so, wie Sie sie immer machen, und zerschlagen Sie sie. Setzen Sie sich doch, bitte, absichtlich neben sie!«
»Im Gegenteil, ich werde mich bemühen, mich so weit wie möglich von ihr hinzusetzen: ich danke Ihnen, daß Sie hier vorgebeugt haben.«
»Es scheint also doch, daß Sie sich schon im voraus fürchten, große Gesten zu machen. Ich möchte wetten, daß Sie wieder über ein >Thema< sprechen werden, über ein ernstes, erhabenes, großes Thema? Was meinen Sie ... würde das angehen?«
»Ich glaube, daß es dumm wäre, wenn es nicht angebracht erschiene ...«
»Hören Sie ein für allemal,« fuhr Aglaja schließlich ungeduldig heraus. »Wenn Sie morgen von der Todesstrafe, oder von dem ökonomischen Zustande Rußlands, oder von >der Erlösung der Welt durch die Schönheit< zu reden anfangen, so werde ich mich natürlich sehr darüber freuen und über Sie lachen, doch ... das sage ich Ihnen im voraus: treten Sie mir dann nicht mehr vor die Augen! Hören Sie: ich sage es Ihnen im Ernst! Dieses Mal verstehe ich keinen Spaß!«
Sie sprach wirklich im Ernst ihre Drohung aus, etwas Sonderbares klang aus ihren Worten und in ihren Augen blitzte etwas auf, das der Fürst früher nie an ihr bemerkt hatte.
»Nun, jetzt haben Sie es so weit gebracht, daß ich sicher davon >reden< ... und sicher ... auch die Vase zerschlagen werde. Ich habe mich vor nichts gefürchtet, jetzt fange auch ich an, mich zu fürchten. Jetzt werde ich mich sicher blamieren.«
»So schweigen Sie. Sitzen Sie und schweigen Sie.«
»Das wird mir unmöglich sein. Ich werde vor Angst sprechen und auch vor Angst die Vase zerschlagen. Vielleicht werde ich auf dem Parkett ausgleiten oder es geschieht sonst etwas ... von der Art, wie es mir schon einmal passiert ist; mir wird die ganze Nacht davon träumen; warum haben Sie es gesagt!«
Aglaja sah ihn finster an.
»Wissen Sie: ich werde morgen überhaupt nicht erscheinen, ich werde mich krank melden, und somit wäre die Geschichte abgemacht!« entschloß er sich zu guter Letzt.
Aglaja stampfte mit dem Fuße auf und erbleichte vor Ärger.
»Mein Gott! Hat man einen solchen Menschen schon erlebt! Er will nicht kommen, während man gerade für ihn den Abend ... Mein Gott! Das ist ein Vergnügen, mit einem solchen Menschen etwas zu tun zu haben ... mit einem so einfältigen Menschen, wie Sie es sind!«
»Nun, ich komme schon, ich komme!« unterbrach sie so schnell wie möglich der Fürst. »Und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich den ganzen Abend still dasitzen werde, ohne ein Wort zu sprechen. Ich werde es schon so einrichten.«
»Nun, Sie werden sehr gut daran tun. Sie sagten soeben: Sie werden sich >krank melden<. Wieder gebrauchen Sie eine sonderbare Form. Macht Ihnen das Vergnügen, sich mir gegenüber so auszudrücken? Wollen Sie sich über mich lustig machen, wie?«
»Entschuldigen Sie; das war wieder ein Schulausdruck; ich werde es nicht mehr tun. Ich verstehe sehr wohl, daß Sie ... für mich fürchten ... (so ärgern Sie sich doch wenigstens nicht!) und ich freue mich darüber. Sie glauben mir nicht, wie sehr ich mich jetzt fürchte und -- wie ich mich über Ihre Worte freue. Doch diese ganze Angst, ich schwöre es Ihnen, ist mir etwas Kleinliches und Nebensächliches. Aber die Freude, die bleibt, Aglaja! Ich habe es so gern, daß Sie noch ein solches Kind sind, so ein gutes, liebes Kind! Ach, wie können Sie reizend sein, Aglaja!«
Auch darüber wollte sich Aglaja schon ärgern, doch überkam ihre Seele im selben Augenblick ein so sonderbares Gefühl.
»Sie werden mir also meine schlechten, rohen Worte nicht nachtragen ... irgendeinmal ... nachher?« fragte sie ihn plötzlich.
»Was sagen Sie, was sagen Sie! Und was haben Sie? Warum sehen Sie so düster drein! Sie sehen jetzt manchmal so düster aus, Aglaja, wie das früher nie der Fall war. Ich weiß, warum Sie ...«
»Schweigen Sie, schweigen Sie!«
»Nein, es ist besser, ich sage es Ihnen. Ich wollte es Ihnen schon lange sagen, doch ... Sie hätten es mir vielleicht nicht geglaubt. Zwischen uns steht noch ein Wesen ...«
»Schweigen Sie, schweigen Sie, schweigen Sie!« unterbrach ihn Aglaja und preßte ihm schmerzhaft die Hand, ihn mit Entsetzen anstarrend.
In diesem Augenblick rief man sie -- augenscheinlich erfreut darüber, lief sie davon.
Der Fürst lag die ganze Nacht hindurch im Fieber. Sonderbarerweise befand er sich schon seit mehreren Nächten in diesem Zustande. Plötzlich kam ihm im Halbschlummer der Gedanke: wie, wenn er morgen in Gegenwart aller einen Anfall bekäme? Er erstarrte bei diesem Gedanken. Die ganze Nacht über befand er sich in einer der wunderbarsten Umgebungen, in Gesellschaft sonderbarer, eigenartiger Menschen. Das für ihn Verhängnisvolle war, daß er »redete« und doch wußte er, daß er nicht reden sollte. Doch er sprach die ganze Zeit und versuchte die Zuhörer von irgend etwas zu überzeugen. Jewgenij Pawlowitsch und Hippolyt waren auch in der Zahl der Gäste und schienen sehr befreundet miteinander.
Er erwachte um neun Uhr morgens mit Kopfschmerzen, wirren Gedanken und sonderbaren Empfindungen. Er hätte gar zu gern Rogoshin gesehen und gesprochen -- warum eigentlich und worüber er mit ihm sprechen wollte, das wußte er selbst nicht. Darauf entschloß er sich, zu Hippolyt zu gehen. Etwas Schweres lag ihm auf dem Herzen und bedrückte ihn so sehr, daß alle darauffolgenden Ereignisse des Tages wenn auch einen großen, so doch unklaren, verschwommenen Eindruck auf ihn machten. Eines dieser Ereignisse war der Besuch Lebedeffs.
Lebedeff erschien schon am Morgen früh, gleich nach neun Uhr, und zwar angetrunken. Obwohl der Fürst in letzter Zeit seiner Umgebung gar keine Aufmerksamkeit schenkte, so fiel es ihm jetzt doch auf, daß bei Lebedeff eine Veränderung zum Schlechten vor sich gegangen war, besonders, seit der General nicht mehr wiederkam. Er war schmutzig und unordentlich angezogen, sein Schlips war schlecht gebunden, der Kragen saß schief, der Rockkragen war nicht gebürstet. Bei sich zu Hause schrie und lärmte er, daß man es bis über den Hof hören konnte; Wjera lief mit verweinten Augen umher. Als er jetzt beim Fürsten erschien, sprach er allerhand sonderbares Zeug, schlug sich vor die Brust, sagte, daß er schuldig sei ...
»Habe ... erhalten habe erhalten die Belohnung für meinen Verrat, für meine Niedertracht ... Habe eine Ohrfeige erhalten!« schloß er plötzlich in tragischem Ton.
»Eine Ohrfeige! Von wem? ... Und so früh am Tage?«
»So früh am Tage?« Lebedeff lächelte sarkastisch. »Die Zeit hat da nichts zu bedeuten ... selbst für eine physische Ohrfeige hat sie nichts zu bedeuten ... ich aber habe eine moralische ... eine moralische Ohrfeige erhalten, und nicht eine physische!«
Er setzte sich plötzlich, ohne Umstände zu machen, und begann zu erzählen. Seine Erzählung war ganz zusammenhanglos; der Fürst runzelte die Stirn und gab es schon auf, ihm zuzuhören, als ihn plötzlich einige Worte aus dem Gespräch stutzig machten. Er erstarrte vor Verwunderung ... Sonderbare Sachen erzählte Herr Lebedeff.