Part 63
Lisaweta Prokofjewna war wie betäubt. Doch im Grunde genommen: was war denn schließlich so Ungeheuerliches geschehen? Nichtsdestoweniger erreichte ihre Unruhe die äußerste Grenze. Die Hauptsache war -- der Igel! Was bedeutet ein Igel? Was sollte dieses Geschenk? Was sollte das, was hieß das, was war darunter zu verstehen?! Zum Unglück mußte Iwan Fedorowitsch, der gerade zugegen war, durch seine Antwort die Sache noch beängstigend verschlimmern. Seiner Meinung nach war hier »gar nichts darunter zu verstehen, ein Igel ist ein Igel und weiter nichts -- höchstens, daß er noch Freundschaft bedeutet, vergessene Kränkung, Versöhnung und so weiter, kurz und gut, das Ganze ist doch nur ein Scherz, jedenfalls aber ein unschuldiger und verzeihlicher.«
Nebenbei bemerkt -- er hatte alles vollkommen richtig erraten. Der Fürst war, nachdem er von Aglaja verspottet und beschimpft und fast hinausgeworfen worden, nach Hause zurückgekehrt, und hatte wohl über eine halbe Stunde in einer düsteren, fast verzweifelten Stimmung verbracht -- als plötzlich Koljä mit dem Igel im Körbchen erschien. Da klärte sich der Himmel im Augenblick auf: der Fürst schien förmlich von den Toten aufzuerstehen, überschüttete Koljä mit Fragen, hing an seinen Lippen, fragte wieder und nochmals, so daß Koljä dem Inhalte nach wohl zehnmal ein und dasselbe erzählte. Der Fürst war selig wie ein Kind und blickte mit sonnigen Augen die Knaben an, die auch ihn mit lachenden Blicken betrachteten und die seinen Händedruck -- er dankte unzählige Male -- ebenso froh und von Herzen erwiderten. Aglaja hatte ihm also verziehen! und nun konnte er wieder zu ihr gehen! konnte noch an diesem Abend hingehen! das aber war doch die Hauptsache -- mehr verlangte er ja gar nicht!
»Was für Kinder wir doch noch sind, Koljä! und ... und ... wie gut das doch ist, daß wir solche Kinder sind!« rief er zu guter Letzt ganz begeistert aus.
»Ach, ganz einfach, sie ist in Sie verliebt, Fürst, und das ist alles!« versetzte Koljä überzeugt.
Der Fürst wurde feuerrot, sagte aber diesmal kein Wort, während Koljä schallend auflachte und vor Freude in die Hände klatschte. Nach einer Weile lachte auch der Fürst, dann aber blickte er alle fünf Minuten nach der Uhr, um zu sehen, ob noch viel Zeit bis zum Abend sei und ob er nicht schon hingehen könne.
Bei Jepantschins aber war es zu Ende mit der Kaltblütigkeit: Lisaweta Prokofjewna war mehr als nervös, war geradezu hysterisch erregt und ließ, ungeachtet der Einwendungen ihres Gatten und der beiden älteren Schwestern, Aglaja sogleich zu sich rufen, um von ihr eine »endgültige, klare Antwort zu erhalten, damit das endlich einmal aufhört und man die Geschichte ein für allemal vom Halse hat, denn sonst -- bin ich noch vor dem Abend tot, einfach tot!«
Wie groß aber war ihre Verwunderung, von Aglaja nichts anderes zu hören, als -- nach scheinbarem Erstaunen -- Ausdrücke des Unwillens, sowie spöttische Bemerkungen und Gelächter über den Fürsten und über »dieses ganze Verhör«. Lisaweta Prokofjewna legte sich halb krank zu Bett und stand erst zum Tee wieder auf, da sie den Fürsten erwartete. Als dieser dann auch endlich erschien, konnte sie sich kaum noch beherrschen vor innerer Unruhe.
Schüchtern, fast ganz verzagt, trat der Fürst ein, mit einem seltsamen Lächeln im Gesicht und einem noch seltsameren Blick, mit dem er jedem in die Augen sah, und der fragen zu wollen schien, weshalb denn -- Aglaja nicht im Zimmer war. Das hatte ihn sogleich erschreckt. Es war an diesem Abend niemand außer der Familie anwesend. Fürst Sch. weilte in Petersburg, da ihm und Jewgenij Pawlowitsch der Skandal, den der Tod von dessen Onkel hervorgerufen, immer noch viel zu schaffen machte. »Wenn doch Fürst Sch. jetzt hier wäre, der könnte wenigstens ein Gespräch anknüpfen!« dachte Lisaweta Prokofjewna ganz verzweifelt. Iwan Fedorowitsch saß mit einer äußerst besorgten Miene da und wußte offenbar nichts zu reden; zum Unglück schwiegen auch die Schwestern und machten ernste Gesichter. »Mein Gott, wovon soll man sprechen!« dachte Lisaweta Prokofjewna, ohne einen rettenden Gedanken zu finden. Schließlich nahm sie sich energisch zusammen, erzählte kurz, daß sie in Petersburg gewesen sei, und sprach dann sehr abfällig über die Eisenbahn, worauf sie mit entschiedener Herausforderung den Fürsten anblickte.
Doch wehe, Aglaja kam noch immer nicht, und der Fürst verlor seinen letzten Mut. Kaum verständlich, fast stotternd äußerte er »auch seine Meinung«, daß eine Verbesserung der Bahn sicherlich sehr nützlich wäre, doch plötzlich hielt es Adelaida nicht aus und lachte hell auf. Da war der Fürst wieder wie vernichtet. In diesem Augenblick erschien Aglaja. Ruhig und vornehm und etwas zeremoniell erwiderte sie den Gruß des Fürsten, nahm feierlich den sichtbarsten Platz am runden Tisch ein und blickte fragend den Fürsten an. Alle begriffen, daß jetzt der Augenblick der Entscheidung gekommen war.
»Haben Sie meinen Igel erhalten?« fragte sie mit fester Stimme, fast böse.
»Ja, ich habe ihn erhalten,« antwortete der Fürst, indem er errötete und kaum zu atmen wagte.
»Haben Sie dann die Güte, mir sofort zu erklären, was Sie darüber denken. Das ist zur Beruhigung meiner Mutter und der ganzen Familie unbedingt erforderlich.«
»Hör' mal, Aglaja ...« stotterte der General beunruhigt.
»Das, das geht ja über alle Grenzen!« rief Lisaweta Prokofjewna erschrocken.
»Hier handelt es sich nicht um Grenzen, Mama,« versetzte das Töchterchen sogleich in strengem Tone. »Ich habe -- und das ist alles -- heute dem Fürsten einen Igel gesandt und will nun die Ansicht des Fürsten hören. Also bitte, Fürst, reden Sie jetzt.«
»Das heißt, was für eine Ansicht, Aglaja Iwanowna?«
»Über den Igel.«
»Das heißt, ich denke, Aglaja Iwanowna, Sie wollen erfahren wie ich ... den Igel empfangen ... oder ... ich wollte sagen, wie ich diese Zusendung ... des Igels ... aufgefaßt habe ... In dem Fall muß ich gestehen, daß ich ... mit einem Wort, daß ich ...«
Er verwirrte sich rettungslos und verstummte.
»Nun, viel haben Sie nicht gesagt,« meinte Aglaja, nachdem sie noch eine Weile gewartet hatte. »Aber gut, ich gebe mich damit zufrieden, lassen wir den Igel. Es freut mich sehr, daß ich endlich Gelegenheit habe, alle diese Mißverständnisse, die sich hier aufgehäuft haben, beseitigen zu können. Gestatten Sie also, endlich von Ihnen persönlich zu erfahren: bewerben Sie sich um meine Hand oder nicht?«
»Großer Gott!« entfuhr es der Generalin.
Der Fürst zuckte zurück, wie von einem Schlage getroffen; Iwan Fedorowitsch erstarrte; die Schwestern zogen mißbilligend die Brauen zusammen.
»Lügen Sie nicht, Fürst, sagen Sie die volle Wahrheit. Ich muß mir Ihretwegen die seltsamsten Verhöre gefallen lassen. Haben diese Verhöre nun irgendeine Berechtigung: das ist es, was ich wissen will. Nun!«
»Ich habe nicht um Ihre Hand geworben, Aglaja Iwanowna,« sagte der Fürst, plötzlich wieder zu sich kommend. »Aber ... Sie wissen, wie ich Sie liebe und an Sie glaube ... sogar jetzt ...«
»Ich frage Sie: werben Sie um mich oder nicht?«
»Ich ... werbe um Sie,« sagte der Fürst leise.
Es folgte eine allgemeine Bewegung.
»Aber, mein Freund, das geht doch nicht so!« stammelte Iwan Fedorowitsch, nicht wenig erregt. »Das ... das ist fast unmöglich, wenn es so ist, Aglaja ... Verzeihen Sie, Fürst, verzeihen Sie, mein Lieber! ... Lisaweta Prokofjewna!« wandte er sich hilfesuchend an seine Gattin, »hier müßte man doch vor allen Dingen versuchen, dachte ich, den Sachverhalt zu ... begreifen ...«
»Ich weigere, ich weigere mich, zu begreifen!« rief Lisaweta Prokofjewna, mit beiden Händen abwehrend.
»Erlauben Sie, _maman_, daß auch ich zu Wort komme. Habe ich doch in dieser Angelegenheit wohl auch etwas zu bedeuten! Der entscheidende Augenblick meines Schicksals naht heran« (Aglaja drückte sich buchstäblich so aus) »und daher will ich alles vorher genau feststellen. Es freut mich, daß es in Gegenwart aller geschieht ... Gestatten Sie also, Fürst, die Frage: wenn Sie solche Absichten hegen, womit gedenken Sie dann mein Glück zu begründen?«
»Ich weiß nicht, wirklich ... ich weiß nicht, Aglaja Iwanowna, was ich Ihnen sagen soll; hier ... hier ... Was soll man denn darauf antworten? Ja und ... ist es denn überhaupt nötig?«
»Sie scheinen verwirrt, befangen, außer Atem zu sein, erholen Sie sich ein wenig, und sammeln Sie Ihre Kräfte; trinken Sie ein Glas Wasser; übrigens wird man Ihnen sogleich Tee reichen.«
»Ich liebe Sie, Aglaja Iwanowna, ich liebe Sie sehr, ich liebe nur Sie allein und ... scherzen Sie, bitte, nicht, ich habe Sie sehr, sehr lieb.«
»Aber, einstweilen, -- es ist das doch eine wichtige Sache, wir sind keine Kinder, und man muß ernstlich ... nun, ich meine: einstweilen haben Sie die Güte, sich jetzt die Mühe zu nehmen, mir Ihre Vermögensverhältnisse zu erklären.«
»Aber ... aber, Aglaja! Was fällt dir ein! Das geht doch nicht so, das geht doch nicht ...« stotterte Iwan Fedorowitsch geradezu angstvoll.
»Diese Schmach!« stieß Lisaweta Prokofjewna hervor.
»Sie ist verrückt!« sagte Alexandra Iwanowna laut.
»Vermögen ... das heißt Geld, wieviel Geld ich besitze?« fragte der Fürst verwundert.
»Genau das.«
»Ich ... ich habe ... ich besitze noch hundertfünfunddreißigtausend Rubel,« sagte der Fürst leise, indem er errötete.
»Nu--ur?« wunderte sich Aglaja ganz offen, ohne ihrerseits auch nur im geringsten zu erröten. »Übrigens, tut nichts; wenn man ökonomisch lebt ... Beabsichtigen Sie, in den Staatsdienst zu treten?«
»Ich hatte die Absicht, ein Examen als Lehrer abzulegen ...«
»Sehr vernünftig; das würde unsere Mittel natürlich um ein Bedeutendes vermehren. Sie beabsichtigen also nicht, Kammerjunker zu werden?«
»Kammerjunker? Das habe ich mir noch nie vorgestellt, aber ... aber ...«
Doch hier konnten sich die Schwestern nicht mehr bezwingen und brachen in schallendes Gelächter aus. Adelaida hatte am Zucken der Mundwinkel Aglajas erraten, daß sie selbst kaum noch ernst zu bleiben vermochte.
Aglaja blickte die Lachenden im ersten Augenblick drohend an, doch schon nach einer Sekunde brach sie selbst in das unbändigste, in ein krankhaft unbezwingbares Lachen aus, sprang dann plötzlich auf und lief aus dem Zimmer.
»Ich wußte ja, daß es von ihr nichts als Scherz war!« rief Adelaida immer noch lachend, »schon vom Igel an!«
»Nein, das ist aber doch empörend, nein, das dulde ich nicht, das dulde ich auf keinen Fall!« fuhr Lisaweta Prokofjewna zornig auf und ging eilig ihrer Tochter nach.
Ihr folgten sogleich auch die Schwestern. Im Zimmer blieben nur der Fürst und Iwan Fedorowitsch zurück.
»Das, das ... hättest du dir so etwas denken können, Lew Nikolajewitsch?« rief der General, offenbar ohne selbst zu wissen, was er sagen wollte. »Nein, im Ernst, sag' vollkommen im Ernst?«
»Ich sehe, daß Aglaja Iwanowna sich über mich lustig gemacht hat,« sagte der Fürst tief niedergeschlagen.
»Wart, mein Freund, ich werde sogleich hingehen, du aber, bleib hier ... denn ... -- So erklär' doch du mir wenigstens, Lew Nikolajewitsch: wie ist denn das alles gekommen und was hat das alles zu bedeuten? Du siehst doch ein, mein Bester, ich bin doch -- der Vater. Und als Vater muß ich doch auch etwas wissen, daher erkläre du mir doch wenigstens -- denn, nicht wahr, das geht doch nicht so!«
»Ich liebe Aglaja Iwanowna. Ich weiß es und ... ich glaube, sie weiß es schon lange.«
Der General zog die Schultern in die Höhe.
»Sonderbar, höchst sonderbar! ... Und du liebst sie sehr?«
»Ich liebe sie ... sehr.«
»Hm, sonderbar ... tja, aber was ist da zu machen? Ich gestehe, das ist mir eine solche Überraschung, solch ein Schlag geradezu, daß ... Sieh mal, mein Lieber, ich rede nicht vom Vermögen, -- obschon ich, wenn ich ehrlich sein soll, gedacht hätte, daß dir mehr übriggeblieben sei -- aber ... es handelt sich für mich hier nur um das Glück meiner Tochter ... und deshalb ... bist du nun auch fähig, sozusagen, dieses Glück ... zu begründen -- das möcht' ich nur wissen? Und ... und ... was ist das schließlich: Scherz oder Ernst? Das heißt, nicht deinerseits, sondern, versteht sich, nur ihrerseits?«
Aus dem Nebenzimmer ertönte Alexandras Stimme: sie rief den Papa.
»Wart', mein Freund, wart'! Bleib hier und überleg' dir die Sache, ich werde im Augenblick ...« sagte er in aller Eile, indem er fast erschrocken dem Ruf Alexandras folgte.
Doch was er im Nebenzimmer vorfand, hatte er eigentlich nicht erwartet: seine Frau und seine Tochter Aglaja saßen eng umschlungen und vergossen beide Tränen. Es waren Tränen der Freude, der Rührung und der Versöhnung. Aglaja küßte der Mutter die Hände, die Wangen, die Lippen, und beide preßten sie sich eng, eng aneinander.
»Nun sieh, da hast du sie, Iwan Fedorowitsch, so ist sie jetzt!« sagte Lisaweta Prokofjewna.
Aglaja wandte ihr glückliches, ganz verweintes Gesichtchen, das sie an der Brust der Mutter verborgen hatte, dem Papa zu, schaute ihn an und lachte laut auf. Im nächsten Augenblick war sie schon aufgesprungen, lag an seiner Brust, umarmte ihn krampfhaft und küßte ihn mehrmals. Und im allernächsten Augenblick saß sie wieder auf dem Schoß der Mutter, und verbarg an deren Brust ihr Gesicht, damit niemand sie sähe, und wieder weinte sie herzbrechend. Lisaweta Prokofjewna streichelte sie zärtlich und bedeckte sie mit dem einen Ende ihres Schals.
»Nun, was, was tust du jetzt mit uns, du grausames Mädchen, das du nach alldem bist, pfui!« sagte sie mit mütterlichem Vorwurf, doch klang es bereits wie aus innerer Freude gesprochen, als sei ihr eine wahre Last vom Herzen gefallen und als könne sie leichter atmen.
»Grausam! Ja! Grausam!« griff plötzlich Aglaja heftig das Wort auf. »Einfach ein Scheusal! Verzogen! Eigensinnig! Sagen Sie das Papa. Ach, er ist ja hier. Papa, sind Sie noch hier? Hören Sie?« lachte sie wieder unter Tränen.
»Mein kleiner Liebling, mein Herzenskind!« Der General strahlte vor Glück und küßte ihre Hand, die Aglaja, nebenbei bemerkt, nicht fortzog. »Dann liebst du also diesen jungen Mann? ...«
»O pfui, gar nicht! Ich kann ihn nicht ausstehen ... euren jungen Mann, ich hasse ihn einfach!« brauste Aglaja plötzlich wild auf, und sie erhob wieder den Kopf. »Und wenn Sie, Papa, noch einmal wagen ... Ich sage es im Ernst, hören Sie: im Ernst!«
Und sie sprach es auch wirklich vollkommen im Ernst: sie wurde ganz rot dabei, und ihre Augen blitzten auf. Der Papa schwieg erschrocken, doch Lisaweta Prokofjewna gab ihm über Aglajas Köpfchen hinweg einen Wink, den er als »Nicht ausfragen!« ganz richtig verstand.
»Wenn es so ist, mein Engel, dann natürlich -- wie du willst ... das hängt nur von dir ab. Aber er wartet jetzt dort allein -- sollte man ihm nicht andeutungsweise zu verstehen geben, daß er sich verabschieden könnte?«
Der General gab nun wiederum seinerseits Lisaweta Prokofjewna einen Wink.
»Nein, nein, das ist gar nicht nötig, und erst recht nicht so ... andeutungsweise. Geht nur zu ihm hinein, alle, alle, ich komme dann nach, gleich nach euch. Ich will diesen ... jungen Mann um Verzeihung bitten, ich habe ihn gekränkt.«
»Und unverzeihlich gekränkt!« bekräftigte Iwan Fedorowitsch sehr ernst.
»Nun dann ... bleibt lieber alle hier, und ich werde zuerst allein zu ihm gehen, ihr aber müßt dann sogleich nachkommen, in derselben Sekunde noch, so wird es besser sein.«
Sie ging zur Tür, hatte den Griff bereits in der Hand, doch plötzlich wandte sie sich wie hilflos wieder zurück.
»Ich werde lachen! Ich werde sterben vor Lachen!« klagte sie traurig.
Doch im selben Augenblick klinkte sie auch schon plötzlich die Tür auf und lief hinein -- zum Fürsten.
»Nun, was hat das zu bedeuten? Was meinst du?« flüsterte Iwan Fedorowitsch hastig seiner Gattin zu.
»Ich fürchte, es auch nur auszusprechen,« antwortete Lisaweta Prokofjewna ebenso, »aber meiner Ansicht nach ist es doch klar ...«
»Auch meiner Ansicht nach ist es klar. Klar wie der Tag. Sie liebt.«
»Sie liebt nicht nur, sie ist sogar verliebt!« äußerte sich Alexandra Iwanowna. »Nur in wen, fragt es sich?«
»Gott segne sie, wenn das ihr Schicksal sein sollte!« sagte Lisaweta Prokofjewna und bekreuzte sich andächtig.
»Dann ist nichts mehr zu wollen,« meinte der General, »seinem Schicksal entgeht keiner.«
Und alle begaben sich ins Empfangszimmer, um den Fürsten und Aglaja nicht allein zu lassen. Doch siehe, dort harrte ihrer eine neue Überraschung.
Aglaja hatte nicht etwa zu lachen begonnen, als sie sich dem Fürsten genähert, sondern hatte ihm fast schüchtern die Hand gereicht und gesagt:
»Verzeihen Sie dem dummen, schlechten, verzogenen Mädchen, und seien Sie überzeugt, daß wir Sie alle unendlich achten. Und wenn ich gewagt habe, Ihre prächtige ... gute Treuherzigkeit zu verspotten, so verzeihen Sie es mir, wie man einem Kinde eine Unart verzeiht. Verzeihen Sie, daß ich auf einer Unmöglichkeit bestand, die natürlich nicht die geringsten Folgen haben kann ...«
Die letzten Worte sprach Aglaja dabei mit besonderem Nachdruck.
Der Vater, die Mutter und die Schwestern waren noch rechtzeitig eingetreten, um diese letzten Worte zu hören, und sowohl deren Bedeutung wie die ernste Miene Aglajas kamen ihnen so unerwartet, daß sie sich erstaunt und fragend ansahen. Nur der Fürst schien den Sinn der Worte nicht begriffen zu haben.
»Weshalb reden Sie so,« stammelte er überglücklich, »weshalb ... bitten Sie um Verzeihung ...«
Er wollte noch sagen, daß er gar nicht wert sei, um Verzeihung gebeten zu werden. Doch -- wer kann es wissen -- vielleicht hatte er den Sinn der letzten Worte sehr wohl begriffen, als sonderbarer Mensch aber sich vielleicht sogar auch über diesen Sinn gefreut? Zweifellos war es für ihn schon der Gipfel der Glückseligkeit, daß er jetzt unbehindert Aglaja würde besuchen können, daß man ihm erlauben würde, mit ihr zu reden, bei ihr zu sitzen, mit ihr spazieren zu gehen, und vielleicht hätte ihm das auch sein Leben lang genügt! (Diese Genügsamkeit war es aber gerade, die Lisaweta Prokofjewna im stillen fürchtete: sie war die einzige, die ihn erkannte. Oh, vieles fürchtete sie im geheimen, was sie vielleicht selbst kaum auszusprechen verstanden hätte!)
Es ist schwer, sich vorzustellen, in welch einem Maße sich der Fürst an diesem Abend belebte. Er sprühte förmlich und war von einem Feuer erfüllt, daß man, ob man wollte oder nicht, sich gleichfalls begeistert fühlte -- wie später Aglajas Schwestern erzählten. Er kam zum erstenmal nach jenem Vormittag, den er vor sechs Monaten bei Jepantschins verbracht hatte, wieder ins Reden, denn seit seiner Rückkehr nach Petersburg war er ersichtlich schweigsam und zurückhaltend gewesen. Zu Fürst Sch. hatte er einst gesagt -- es war an jenem Abend, an dem sie nachher zum Konzert gegangen waren --, daß er sich bezwingen und schweigen müsse, weil er nicht das Recht habe, seine Gedanken zu erniedrigen, indem er dieselben ungeschickt ausspräche. Heute aber war er es allein, der den ganzen Abend über sprach; er erzählte viel, und wenn hin und wieder Fragen an ihn gestellt wurden, dann antwortete er klar und ausführlich und mit sichtlicher Freude. Doch von Liebe war mit keinem Wort mehr die Rede, wie auch sonst nichts an ihm Verliebtheit verriet. Es waren alles so ernste Dinge, von denen er sprach, mitunter äußerte er sogar so tiefe Gedanken, und legte einige seiner Anschauungen, seiner eigenen geheimen Beobachtungen dar, daß das Ganze vielleicht lächerlich gewirkt hätte, wenn es von ihm aus nicht so »vorzüglich klar gemacht« worden wäre, wie sich später seine Zuhörer äußerten. Der General hatte zwar sonst ernste Unterhaltungen sehr gern, doch diesmal fand im geheimsten Innern auch er, ganz wie die Generalin, daß es denn doch etwas »zu viel des Ernstes und der Philosophie« war, so daß sie zum Schluß beide ganz traurig und nachdenklich wurden. Übrigens war der Fürst zu guter Letzt so animiert, daß er noch ein paar köstliche Anekdoten zum besten gab, über die er selbst so ausgelassen lachen konnte, daß die anderen schon bei seinem Anblick mitlachen mußten. Aglaja dagegen sprach fast den ganzen Abend über kein Wort, dafür aber hing sie förmlich an den Lippen des Fürsten, keine Silbe entging ihr, die er sprach, und keinen Blick wandte sie von ihm ab.
»Und wie sie ihn ansah! Sie verschlang ihn ja förmlich mit den Augen, als ob ihr kein Buchstabe entgehen dürfte,« sagte Lisaweta Prokofjewna später zu ihrem Gatten. »Sagst du ihr aber, daß sie liebt, dann trage nur schnell alle Heiligen hinaus!«
»Tja, da läßt sich nichts ändern -- Schicksal!« meinte der General achselzuckend. Und das war nicht das letztemal, daß er dieses Wort gebrauchte. Es muß hier bemerkt werden, daß ihm als General und Geschäftsmann sehr vieles an dem vorläufigen Stand der Dinge mißfiel, so vor allem die Unklarheit. Doch beschloß er trotzdem, »bis dahin« noch zu schweigen und ... lieber seiner Lisaweta Prokofjewna in die Augen zu schauen.
Leider hielt die frohe Stimmung der Familie nicht lange an. Schon am nächsten Tage verfeindete sich Aglaja mit dem Fürsten, versöhnte sich dann zwar wieder mit ihm, doch -- auf wie lange? Am anderen Tage begann sie von neuem zu streiten. Oft machte sie sich stundenlang über ihn lustig und stellte ihn fast als Narren hin, oft aber saßen sie wiederum stundenlang in der Laube des Blumengartens ihrer Villa, doch konnten die anderen dann immer nur sehen, daß der Fürst ihr fast die ganze Zeit aus irgendeinem Buch oder einer Zeitung vorlas.
»Wissen Sie,« unterbrach ihn Aglaja einmal beim Zeitunglesen, »es ist mir aufgefallen, daß Sie entsetzlich ungebildet sind: nichts wissen Sie genau, wenn man Sie etwas fragt, weder wer es gerade war, noch genau in welchem Jahre, noch nach welchem Vertrag oder Friedensschluß. Sie sind ein sehr kläglicher Mensch.«
»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich nicht gelehrt bin,« antwortete der Fürst einfach.
»Was ist denn eigentlich an Ihnen? Wie kann ich Sie dann noch achten? Lesen Sie weiter. Doch nein, nicht nötig, hören Sie auf!«
Am Abend dieses Tages geschah ihrerseits wiederum etwas sehr Sonderbares, daß allen ein Rätsel aufgab. Fürst Sch. war aus Petersburg gekommen und Aglaja war sehr freundlich zu ihm, sie fragte ihn sogar nach Jewgenij Pawlowitsch. (Fürst Lew Nikolajewitsch war noch nicht erschienen.) Da machte Fürst Sch. ganz harmlos die Bemerkung, daß »im Hinblick auf das Bevorstehende« Adelaidas Hochzeit wohl wieder hinausgeschoben werden müsse, damit beide Trauungen an einem Tage stattfänden. Kaum aber hatte er es ausgesprochen, als plötzlich Aglaja purpurrot wurde und sich heftig »alle diese dummen Vermutungen« verbat, sie habe durchaus nicht die Absicht, irgendwelche Mätressen durch ihre Person zu ersetzen.
Diese Bemerkung stieß natürlich alle Anwesenden furchtbar vor den Kopf. Lisaweta Prokofjewna war zuerst sprachlos, bestand aber dann später, als sie sich mit ihrem Mann unter vier Augen befand, bedingungslos auf einer ernsten Aussprache mit dem Fürsten betreffs Nastassja Filippowna, was Iwan Fedorowitsch als Vater einfach für seine Pflicht ansehen müsse.
Iwan Fedorowitsch schwor bei allem, was ihm heilig war, daß es wohl nur ein »unbegründeter Ausfall Aglajas gewesen und einzig auf ihre Verlegenheit zurückzuführen« sei; daß sie, wenn Fürst Sch. nicht diese Anspielung gemacht hätte, nie und nimmer so etwas gesagt haben würde, denn sie wisse es selbst nur zu gut, daß dieses ganze Gerücht nichts als eine Verleumdung von seiten ihnen übelwollender Leute sei und daß Nastassja Filippowna Rogoshin heiraten werde; daß der Fürst in der Beziehung nichts mit ihr zu schaffen habe -- derlei könne man ihm weder jetzt nachsagen, noch habe man es früher jemals sagen können: »von diesen Dingen liegt nichts, aber auch nichts zwischen ihnen vor, wenn du nun schon einmal die ganze Wahrheit wissen willst.«