Sämtliche Werke 3-4

Part 66

Chapter 663,584 wordsPublic domain

Diese ganze Gesellschaft nun nahm der Fürst für bare Münze, für reines, unlegiertes Gold. Im übrigen schienen die Leute an diesem Abend in besonders guter Stimmung und sehr mit sich selbst zufrieden zu sein. Alle wußten sie, bis auf den letzten, daß sie Jepantschins mit ihrem Erscheinen eine große Ehre erwiesen. Doch -- o weh! Der Fürst ahnte nichts von den Feinheiten, die es da gab. Er ahnte zum Beispiel nichts davon, daß Jepantschins bei einem so wichtigen Schritt, wie die Entscheidung des Schicksals ihrer Tochter, es gar nicht gewagt hätten, ihn, den Fürsten Lew Nikolajewitsch, dem »Würdenträger« und Beschützer ihrer Familie _nicht_ vorzustellen. Der Würdenträger, der seinerseits ruhig die Nachricht von einem großen Unglück, das Jepantschins betroffen, hingenommen hätte, wäre tief beleidigt gewesen, wenn Jepantschins ihre Tochter ohne seinen Rat, das heißt, ohne seine Erlaubnis, verlobt hätten. Der Fürst N. wiederum, dieser liebenswürdige und fraglos geistreiche, großzügige Mensch, war fest davon überzeugt, daß er wie eine Art Sonne den Salon der Jepantschins erhellte. Er betrachtete die letzteren als tief unter sich stehend, und dieser treuherzige und edle Gedanke erzeugte in ihm dann seine Leutseligkeit und Zuvorkommenheit Jepantschins gegenüber. Er wußte sehr gut, daß er noch an diesem Abend eine Probe seines Erzählertalents geben würde, um die Gesellschaft zu entzücken, und bereitete sich fast mit Begeisterung auf den großen Augenblick vor. Als Fürst Lew Nikolajewitsch die Erzählung gehört hatte, glaubte er, noch niemals einen so glänzenden Humor und eine so wunderbare Naivität erlebt zu haben, die einen fast rühren mußte von den Lippen eines solchen Don Juans, wie Fürst N. einer war. Wenn er dabei bloß geahnt hätte, wie alt und abgetragen diese Erzählung war, wie auswendig gelernt und wie bekannt in allen Salons! Nur bei den unschuldigen Jepantschins tauchte sie wieder als Neuheit auf, als improvisierte, echte und glänzende Gabe eines Gastes, dargebracht von einem so eleganten und schönen Menschen! Sogar der deutsche Dichterling, der sich bescheiden und außerordentlich liebenswürdig zeigte, glaubte mit seinem Besuch diesem Hause eine Ehre anzutun. Doch der Fürst sah von alledem nichts. Selbst Aglaja hatte das nicht vorausgesehen. Sie war wunderschön an diesem Abend. Alle drei Schwestern waren, wenn auch nicht auffallend, so doch sehr geschmackvoll gekleidet; dazu trugen sie eine Haartracht, die ganz besonders war. Aglaja saß neben Jewgenij Pawlowitsch und unterhielt sich sehr freundschaftlich mit ihm, scherzte und lachte. Jewgenij Pawlowitsch benahm sich etwas gemessener, als er es sonst getan hatte, wohl aus Hochachtung vor den Würdenträgern. Ihn kannte man übrigens schon lange in dieser Welt, zu der er so recht gehörte. Jetzt trug er einen Trauerflor am Arm, und die Bjelokonskaja hatte ihn deswegen bereits sehr gelobt. Auch Lisaweta Prokofjewna war damit zufrieden, doch schien sie an diesem Abend recht zerstreut und zerfahren. Der Fürst bemerkte es, wie Aglaja ihn zweimal aufmerksam ansah, und es schien ihm, daß sie mit ihm zufrieden war. Seine Stimmung wurde immer gehobener und glücklicher. Alle seine früheren »phantastischen« Gedanken und Befürchtungen erschienen ihm jetzt plötzlich, bei näherer Betrachtung, als ein wesenloses, und lächerliches Hirngespinst! (Und sein erster, wenn auch unbewußter Wunsch war schon den ganzen Tag über, alles zu tun, um nicht mehr an diesen Traum zu denken!) Er sprach wenig und beantwortete nur die Fragen, die man an ihn richtete, und verstummte zuletzt ganz, doch hörte und sah er alles wie in großer Verzückung. Und langsam bereitete sich in seinem Innern eine mächtige Begeisterung vor, die bereit war, sich Luft zu machen ... Und ganz zufällig begann er denn auch, zu sprechen, ... zufällig, als er wieder eine Frage beantwortete ... von ungefähr, ohne jede Absicht, es zu tun ...

VII.

Während der Fürst keinen Blick von Aglaja abwendete, die sich mit Fürst N. und Jewgenij Pawlowitsch unterhielt, nannte plötzlich der ältliche Anglomane, der nicht weit vom Fürsten dem »Würdenträger« irgend etwas offenbar recht Interessantes erzählte, den Namen Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff. Der Fürst zuckte zusammen und wandte sich rasch nach den beiden um.

Es war die Rede von irgendwelchen Zuständen auf irgendwelchen Gütern im --schen Gouvernement. Die Erzählung des Anglomanen schien nicht ohne Witz zu sein, denn der alte Würdenträger begann stillvergnügt zu lächeln und schließlich zu lachen, während der andere gleichmäßig fließend weitererzählte -- er sprach geradezu geckenhaft langsam und formte fast zärtlich jeden Vokal --, erzählte, wie er einzig dank der bestehenden Gesetze gezwungen gewesen wäre, sein schönstes Gut im --schen Gouvernement für den halben Preis zu verkaufen, ohne eigentlich in Geldverlegenheit zu sein, und gleichzeitig ein verschuldetes Gut, um das er noch einen Prozeß führen mußte und das ihm nichts einbrachte, ja für das er sogar noch zuzuzahlen hatte, zu behalten.

»... Und um dann nicht noch wegen der Hinterlassenschaft Pawlischtscheffs Prozesse zu führen, machte ich mich einfach auf und lief ihnen davon. Ich bitte Sie, noch einige solcher Erbschaften und ich bin bankerott! Übrigens waren mir da dreitausend Deßjätinen[32] vorzügliches Land zugefallen.«

»Weißt du nicht ... Iwan Petrowitsch ist doch ein Verwandter des verstorbenen Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff ... Du hast doch, glaube ich, nach seinen Verwandten geforscht,« sagte halblaut General Jepantschin, der die außergewöhnliche Aufmerksamkeit des Fürsten bemerkt hatte.

Der General hatte sich bis dahin mit seinem Vorgesetzten unterhalten, doch plötzlich war ihm die Einsamkeit des Fürsten beunruhigend aufgefallen, worauf er sich diesem sogleich genähert hatte. Nun machte er den Versuch, ihn in das allgemeine Gespräch hineinzuziehen.

»Lew Nikolajewitsch ist ja doch ein Pflegesohn Nikolai Andrejewitschs,« bemerkte er erklärend, als er sah, daß Iwan Petrowitschs Blick fragend auf ihm ruhte.

»Se--ehr angenehm,« sagte dieser, »ich erinnere mich Ihrer sogar noch ganz deutlich. Vorhin, als Iwan Fedorowitsch uns bekannt machte, erkannte ich Sie sogleich, allein schon am Gesicht. Sie haben sich wirklich im Aussehen se--ehr wenig verändert, finde ich, obschon ich Sie nur als Kind gesehen habe, als zehn- oder elfjährigen Knaben. Es ist so ein gewisses Etwas in den Zügen, ich weiß selbst nicht ...«

»Sie haben mich als Kind gesehen?« fragte der Fürst nicht wenig erregt.

»Oh, es ist jetzt nur schon se--ehr lange her,« fuhr Iwan Petrowitsch ruhig fort. »Es war in Slatowerchowo, wo Sie damals bei meinen Cousinen untergebracht waren. Ich kam früher ziemlich oft nach Slatowerchowo -- Sie entsinnen sich meiner nicht mehr? Das ist se--ehr möglich ... Sie waren damals ... Sie hatten irgendeine Krankheit, glaube ich, so daß ich mich einmal sogar se--ehr über Sie wunderte ...«

»Nein, ich weiß nichts mehr aus dieser Zeit!« sagte der Fürst eifrig.

Es folgten einige Erklärungen, die von seiten des Anglomanen Iwan Petrowitsch unendlich ruhig, von seiten des Fürsten in ungewöhnlicher Erregung gegeben wurden. Es erwies sich, daß die beiden alten Fräulein, die die Erziehung des kleinen Fürsten übernommen und damals, als Verwandte Pawlischtscheffs, auf dessen Gut Slatowerchowo gelebt hatten, die leiblichen Cousinen des Anglomanen waren. Doch leider vermochte auch Iwan Petrowitsch keine Auskunft darüber zu geben, weshalb Pawlischtscheff den kleinen Fürsten so liebgewonnen hatte. »Ja und ich vergaß es auch, offen gestanden, mich dafür zu interessieren.« Doch abgesehen davon hatte er ein gutes Gedächtnis: so entsann er sich noch genau, wie streng seine ältere Cousine, Marfa Nikititschna, ihren kleinen Zögling behandelt hatte, »so daß ich damals noch mit ihr wegen ihrer Erziehungsmethode in Streit geriet, denn ewig Ruten und Ruten für ein krankes Kind -- das ist doch ... nicht wahr, das geht doch nicht ...« und er fügte hinzu, wie zärtlich dagegen seine jüngere Cousine, Natalja Nikititschna, zum Knaben gewesen sei. »Beide leben jetzt im --schen Gouvernement,« berichtete er weiter, »-- nur weiß ich im Augenblick nicht, ob sie überhaupt noch leben -- sie haben dort ein äußerst, äußerst annehmbares Gut von Pawlischtscheff geerbt. Marfa Nikititschna wollte, glaube ich, in ein Kloster gehen; übrigens, ich will es nicht positiv behaupten -- vielleicht war es auch eine andere, von der ich es hörte ... ganz recht, das erzählte man mir vor nicht langer Zeit von unserer Frau Doktor ...«

Der Fürst vernahm alle diese Mitteilungen mit glänzenden Augen, aus denen deutlich seine Freude und Rührung sprach. Mit überschwenglichem Gefühl erklärte er seinerseits, daß er es sich niemals werde verzeihen können, während dieser ganzen sechs Monate, die er nun schon in Rußland war, seine ehemaligen Erzieherinnen nicht aufgesucht zu haben. Täglich habe er sich vorgenommen, sobald wie möglich hinzureisen, doch sei immer wieder etwas dazwischen gekommen, das ihn verhindert habe, die Reise anzutreten ... jetzt aber gebe er sich das Wort ... unbedingt ... und wenn auch bis ins --sche Gouvernement ... »So kennen Sie also Natalja Nikititschna? Was für eine prächtige, reizende, gütige Seele sie war! Aber auch Marfa Nikititschna ... verzeihen Sie, aber es will mir scheinen, daß Sie sie etwas ungerecht beurteilen. Allerdings war sie sehr streng, aber ... wer würde denn nicht die Geduld verlieren ... mit solch einem Idioten, wie ich damals einer war ... Ich war doch damals ein vollständiger Idiot, Sie glauben es nicht ... Übrigens ... Sie haben mich damals gesehen und ... Aber wie sonderbar, sagen Sie doch, bitte, daß ich mich Ihrer gar nicht mehr entsinne? So sind Sie ... ach, mein Gott, so sind Sie also wirklich ein Verwandter von Andrei Petrowitsch?«

»Wie ge--sagt!« antwortete Iwan Petrowitsch und er lächelte, indem er den Fürsten betrachtete.

»Oh, so war es nicht gemeint, ich fragte nicht, weil ich etwa gezweifelt hätte ... und ... kann man denn überhaupt daran zweifeln ... auch nur einen Augenblick? ... Nein, wirklich, auch nur einen Augenblick? ... Ich ... dachte nur gerade daran, daß der verstorbene Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff ein so prächtiger Mensch war, der hochherzigste Mensch, wirklich, ich versichere Sie!«

Der Fürst »ertrank förmlich in der Freude seines guten Herzens«, wie sich Adelaida am nächsten Tage im Gespräch mit ihrem Bräutigam, dem Fürsten Sch., ausdrückte.

»_Mais, mon Dieu!_«{[41]} lachte Iwan Petrowitsch, »weshalb sollte ich denn nicht auch mit einem hoch--her--zigen Menschen verwandt sein können?«

»Ach, mein Gott!« rief der Fürst ganz verwirrt und seine Erregung wuchs mit jedem Wort. »Ich ... da habe ich wieder eine Dummheit gesagt, aber ... so mußte es ja auch unfehlbar kommen, denn ich ... ich ... ich, übrigens, das gehört wieder nicht zur Sache! Und was ist jetzt eigentlich mit mir, sagen Sie doch, bitte, bei so interessanten ... so ungeheuer interessanten Mitteilungen! Und im Vergleich mit einem so hochherzigen Menschen! -- Denn er war doch, bei Gott, der hochherzigste Mensch, den es je gegeben hat, nicht? Nicht wahr?«

Der Fürst bebte geradezu am ganzen Körper. Weshalb er sich aber plötzlich so aufregte, so ohne alle Veranlassung, ist schwer zu sagen. Es war nun einmal seine Stimmung, wie es schien, und fast empfand er in diesem Augenblick für irgend etwas und irgendwen die glühendste Dankbarkeit -- vielleicht galt diese Dankbarkeit sogar Iwan Petrowitsch oder gar allen Anwesenden zusammen! Er war aber doch etwas gar zu »glückselig«. Iwan Petrowitsch begann ihn schließlich aufmerksamer zu betrachten und dasselbe tat auch der »Würdenträger«. Die Bjelokonskaja sah ihn unverwandt mit zornigem Blick an und preßte die Lippen zusammen. Fürst N., Jewgenij Pawlowitsch, Fürst Sch. und die jungen Mädchen unterbrachen ihr Gespräch und hörten zu. Aglaja schien nur erschrocken zu sein, Lisaweta Prokofjewna aber wurde einfach bange. Es waren doch seltsame Menschen, diese Mutter und diese Töchter: sie hatten selbst gewünscht, daß der Fürst den ganzen Abend schweigend verbringen sollte, als sie ihn dann aber nach Wunsch schweigend, doch mit seinem Los vollkommen zufrieden, einsam etwas abseits sitzen sahen, da war es ihnen auch nicht recht gewesen. Alexandra hatte bereits den Entschluß gefaßt, zu ihm zu gehen und ihn zur Gruppe des Fürsten N. zu führen, damit er sich an der Unterhaltung beteiligen könne. Und nun -- kaum hatte er zu sprechen begonnen, da erschraken sie plötzlich alle und sahen dem Kommenden angstvoll entgegen.

»Daß er ein vortrefflicher Mensch war, darin haben Sie vollkommen recht,« sagte Iwan Petrowitsch, doch lächelte er diesmal nicht mehr, »ja, ja ... das war ein vortrefflicher Mensch! Vortrefflich und ehrenwert,« fügte er langsam nach einer kurzen Pause hinzu. »Ehrenwert und man kann sogar sagen aller Achtung wert,« fuhr er nach einer dritten Pause fort, »und ... es ist se--ehr angenehm zu sehen, daß Sie Ihrerseits ...«

»War es nicht derselbe Pawlischtscheff,« unterbrach ihn der »Würdenträger«, »von dem man sich einmal etwas ... Seltsames erzählte, irgendeine Geschichte mit einem Abbé ... Abbé ... der Name fällt mir im Augenblick nicht ein, nur war einmal von ihm die Rede, von ihm und einem Abbé ...« Der »Würdenträger« runzelte nachdenkend die Stirn.

»Abbé Gourot, den Jesuiten meinen Sie?« half ihm Iwan Petrowitsch, und fuhr dann langsam fort:

»Tja! Das ist nun die Kehrseite unserer ehren- und aller Achtung werten Landsleute! Denn Pawlischtscheff war doch immerhin ein geborener A--ris--tokrat, wohlhabend, Kammerherr, und wenn er ... im Dienst geblieben wäre ... Aber da muß er plötzlich austreten und alles an den Nagel hängen, um zum Katholizismus überzutreten und Jesuit zu werden, und das noch so gut wie offiziell! In einem Anfall von Begeisterung, wie's scheint. Nein, er starb doch sehr zur rechten Zeit ... ja, damals, da wurde viel davon gesprochen ...«

Fürst Myschkin war außer sich.

»Pawlischtscheff ... Pawlischtscheff soll zum Katholizismus übergetreten sein! Das ist nicht möglich!« rief er geradezu entsetzt.

»>Nicht mö--glich<?« fragte Iwan Petrowitsch gedehnt. »Das ist zum mindesten etwas viel gesagt, mein lieber Fürst, das werden Sie wohl selbst einsehen ... Freilich, Sie schätzen den Verstorbenen so hoch ... Er war allerdings ein selten guter Mensch, doch gerade diesem Umstande schreibe ich hauptsächlich den Erfolg dieses geriebenen Jesuiten zu. Aber fragen Sie erst mich, mich, wieviel Scherereien ich später wegen dieser Geschichte gehabt habe, wieviel Unannehmlichkeiten ... und gerade mit diesem Gourot! Können Sie sich denken,« wandte er sich plötzlich an den »Würdenträger«, »sie erhoben sogar Ansprüche auf seine Hinterlassenschaft, behaupteten, ein Testament von ihm zu besitzen, und so weiter, so daß ich gezwungen war, di--ie ... energischsten Maßregeln zu ergreifen ... denn sie sind ja Meister, wahre Meister darin! Un--übertrefflich! Doch Gott sei Dank, es geschah in Moskau, ich begab mich sogleich zum Grafen und wir ... brachten sie wieder zur Vernunft ...«

»Sie glauben nicht, wie sehr Sie mich durch diese Mitteilung erschüttert haben!« rief der Fürst.

»Tut mir leid. Doch im Grunde war das doch alles nicht ernst zu nehmen. Die Sache wäre wohl, wie gewöhnlich in solchen Fällen, im Sande verlaufen, davon bin ich überzeugt. Im vorigen Sommer,« wandte er sich wieder an den »Würdenträger«, »soll ja auch die Gräfin K., wie man hört, in ein katholisches Kloster eingetreten sein, irgendwo dort im Auslande. Wie man sieht, haben wir Russen keine Widerstandskraft, wenn wir diesen ... Intriganten in die Finger geraten ... namentlich im Auslande.«

»Das kommt alles, denke ich, von unserer Müdigkeit,« meinte der »Würdenträger« in überlegenem Tone, wenn er auch die Worte nach Greisenart mehr kaute, als sprach. »Nun und dann haben sie auch eine besondere Art zu predigen ... elegant, geschult ... und verstehen es vorzüglich, einem Angst zu machen. Auch mich versuchten sie im Jahre zweiunddreißig, machten mir schon die Hölle heiß -- in Wien war's, ich versichere Sie! Nur ergab ich mich nicht, sondern lief ihnen einfach davon, ha--ha! Ich lief ihnen in der Tat davon!«

»Na, ich habe gehört, daß du damals nicht dem Jesuitenpater davongelaufen, sondern mit der schönen Gräfin Lewitzkij von Wien nach Paris durchgegangen bist. Es war also wohl nicht die geheizte Hölle, die dich zur Reise veranlaßte,« bemerkte plötzlich die Bjelokonskaja.

»Nun, gleichviel, es kommt aber doch auf eins heraus!« griff der Alte sofort auf, lächelnd bei der angenehmen Erinnerung. »Sie scheinen ja sehr religiös zu sein,« wandte er sich freundlich an den Fürsten Lew Nikolajewitsch, der ihn mit halb offenem Munde anstarrte. Der Alte wollte ihn offenbar etwas näher kennen lernen, denn aus gewissen Gründen begann er sich sehr für ihn zu interessieren.

»Pawlischtscheff war ein klarer Kopf und ein bewußter Christ, ein wirklicher Christ,« sagte plötzlich der Fürst, »wie konnte er dann einen ... unchristlichen Glauben annehmen? Der Katholizismus -- ist ebensogut wie ein unchristlicher Glaube!« fügte er mit plötzlich aufblitzenden Augen hinzu und sein Blick heftete sich, nachdem er flüchtig über alle Anwesenden geschweift war, geradeaus auf etwas Unsichtbares.

»Nun, das ist denn doch etwas stark,« brummte der Alte und sah verwundert den Hausherrn an.

»Wie das? Inwiefern ist der Katholizismus kein christlicher Glaube?« fragte Iwan Petrowitsch, indem er sich in seinem Sessel interessiert dem Fürsten zuwandte. »Was wäre er denn sonst, Ihrer Meinung nach?«

»Vor allen Dingen kein christlicher Glaube!« versetzte der Fürst sehr erregt und übermäßig schroff. »Das erstens, und zweitens ist der römische Katholizismus sogar schlimmer als der Atheismus, das ist meine Überzeugung! Ja, davon bin ich überzeugt! Der Atheismus ist gleich Null, der Katholizismus geht aber noch viel weiter: er predigt die entstellte Lehre eines Christus, den Rom belogen und beschimpft hat! Er verkündet den Antichrist, glauben Sie mir, ich schwöre es Ihnen! Es ist das meine ganz persönliche Meinung, die mich selbst schon lange gequält hat ... Der römische Katholizismus glaubt, daß die Kirche ohne staatliche Weltmacht auf Erden nicht bestehen könne. Meiner Ansicht nach ist der römische Katholizismus nicht einmal ein religiöser Glaube, sondern nur die Fortsetzung des weströmischen Reichsgedankens, dem alles im Katholizismus untergeordnet ist, angefangen vom Glauben. Der Papst eroberte das Land und den irdischen Thron und nahm das Schwert der Cäsaren, und so geht es jetzt weiter, nur daß sie mit der Zeit zum Schwerte noch die Lüge hinzugefügt haben, und zur Lüge Betrug, Fanatismus, Aberglauben und Freveltaten, und daß sie mit den heiligsten, aufrichtigsten, glühendsten Gefühlen des Volkes gespielt und alles, alles gegen Geld eingetauscht haben, gegen niedrige, irdische Macht! Und das sollte nicht die Lehre des Antichrist sein?! Und wie sollte daraus nicht der Atheismus entstehen? Der Atheismus ist aus nichts anderem als dem römischen Katholizismus hervorgegangen. Die römischen Kirchenväter sind die ersten Atheisten gewesen: konnten sie denn an sich selbst glauben? Und den Boden für ein weiteres Wachstum fand der Atheismus in der Abneigung des Volkes zu ihnen: er ist eine Folge ihrer Lüge und ihrer geistigen Kraftlosigkeit! Atheismus! Bei uns glauben nur gewisse Stände nicht: diejenigen, die, wie sich Jewgenij Pawlowitsch einmal vorzüglich ausgedrückt hat, >nicht mehr im Boden wurzeln<. Dort aber, in Europa sind es schon die Volksmassen, die zu glauben aufhören -- zu Anfang taten sie es noch infolge der Finsternis, in der sie befangen waren, und der Lüge, jetzt aber tun sie es schon aus Fanatismus und aus Haß gegen die Kirche und das Christentum.«

Der Fürst hielt inne, um Atem zu schöpfen. Er hatte sehr schnell gesprochen und war bleich und atemlos. Die Gäste tauschten untereinander Blicke aus und der Alte begann schließlich ganz unverhohlen zu lachen. Fürst N. zog eine Lorgnette hervor, um den Fürsten unverwandt zu betrachten. Und der deutsche Dichter verließ seinen Winkel und näherte sich dem Tisch, mit einem beißend ironischen Lächeln.

»Sie über--trei--ben die Sache se--ehr,« bemerkte Iwan Petrowitsch langsam mit einer gewissermaßen gelangweilten Miene, und es war, als hätte er dabei ein peinliches Gefühl. »Die römisch-katholische Kirche hat auch Repräsentanten aufzuweisen, die durchaus Achtung verdienen und sogar sehr tugendhaft sind ...«

»Ich habe durchaus nicht von einzelnen Repräsentanten der Kirche gesprochen. Ich habe nur vom Wesen, vom Geist des römischen Katholizismus gesprochen. Ich rede von Rom. Wird denn die Kirche überhaupt jemals ganz verschwinden? Nein, das habe ich nie gesagt!«

»Einverstanden, aber alles das ist doch schon bekannt und sogar -- übermäßig breitgetreten und ... gehört der Theologie an.«

»O nein, o, das gehört durchaus nicht nur der Theologie an, ich versichere Sie! Das geht uns alle weit mehr an, als Sie glauben! Darin besteht eben unser ganzer Fehler, daß wir nicht zu erkennen vermögen, daß es sich hier durchaus nicht nur um eine Frage der Theologie handelt. Ist doch auch der Sozialismus nichts anderes, als eine Ausgeburt des Katholizismus und der katholischen Wirklichkeit! Auch er ist, ganz wie sein Bruder, der Atheismus, aus der Verzweiflung hervorgegangen, als Gegensatz zum Katholizismus im sittlichen Sinne, um durch sich die verlorene seelische Macht der Religion zu ersetzen und somit den geistigen Durst der lechzenden Menschheit zu stillen und sie zu retten, jedoch nicht mit dem Worte Christi, sondern gleichfalls mit geistiger Vergewaltigung, ganz wie der Katholizismus es wollte! Das wäre nur eine Freiheit durch Gewalt, und eine Vereinigung durch das Schwert! >Du sollst nicht glauben an Gott, du sollst kein Eigentum besitzen, du sollst keine Individualität sein -- _fraternité ou la mort!_{[42]} -- koste es auch zwei Millionen Köpfe!< An ihren Taten, an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, so steht es geschrieben. Und glauben Sie nur nicht, daß das alles so unwichtig und gefahrlos für uns sei! Oh, wir brauchen eine Gegenwehr, und so schnell wie möglich! Und diese Gegenwehr des Ostens gegen den Westen soll unser Christus sein, den wir in seiner wahren Gestalt in uns bewahrt und den sie dort überhaupt nicht gekannt haben! Nicht indem wir uns sklavisch von den Jesuiten fangen lassen, sondern indem wir ihnen unsere russische Auffassung entgegensetzen, müssen wir jetzt vor sie hintreten, und deshalb sollte man bei uns lieber nicht sagen, daß ihre Predigt >elegant< sei, wie es hier soeben jemand getan hat ...«

»Aber erlau--ben Sie, erlau--ben Sie,« unterbrach ihn höchst beunruhigt Iwan Petrowitsch und blickte sich fast ängstlich im Kreise um, »Ihre Gedanken sind ja alle se--ehr lobenswert und patriotisch, aber im ganzen großen ist es doch recht übertrieben und ... es wäre wirklich besser, wir ließen dieses Thema fallen ...«

»Nein, es ist nicht übertrieben, eher ist es noch verkleinert, -- ja --, gerade verkleinert ... ich bin unfähig, mich auszudrücken, doch ...«

»Er--lauben Sie!«

Der Fürst schwieg. Er saß in aufrechter Haltung im Sessel und sah unbeweglich mit flammendem Blick Iwan Petrowitsch an.

»Es will mir scheinen, daß Ihnen die Mitteilung über Ihren Wohltäter gar zu nahe gegangen ist,« meinte freundlich und ohne sich aus seiner Ruhe bringen zu lassen, der alte »Würdenträger«. »Sie sind ... vielleicht durch Ihre Einsamkeit etwas zu idealistisch geworden. Wenn Sie mehr unter Menschen gelebt hätten, in der Gesellschaft, die Sie, wie ich hoffe, als bemerkenswerten jungen Mann mit Vergnügen aufnehmen wird, so werden Sie ganz von selbst Ihren Feuereifer dämpfen lernen, denn Sie werden einsehen, daß alles das viel einfacher ist ... und zudem kommen solche Ausnahmefälle, wie dieser, meiner Ansicht nach zum Teil von unserer Übersättigung und zum Teil von unserer ... Langeweile ...«