Sämtliche Werke 3-4

Part 41

Chapter 413,498 wordsPublic domain

»Merk' dir's. Ich habe dich wie die Vorsehung selbst erwartet -- bist es natürlich nicht wert gewesen! Ich habe mein Kissen in jeder Nacht mit Tränen benetzt -- nicht deinetwegen, mein Täubchen, beunruhige dich nicht, ich habe noch ein ganz anderes, mein eigenes Leid, ewig ein und dasselbe. Nein, da gab es einen anderen Grund, weshalb ich dich mit einer solchen Ungeduld erwartete: ich glaube immer noch, daß dich Gott der Herr selbst zu mir gesandt hat, als Freund und leiblichen Bruder. Ich habe doch keine Menschenseele außer der alten Bjelokonskaja, aber auch die ist jetzt fortgeflogen, und außerdem ist sie vor Alter auch noch dumm geworden. Jetzt antworte mir einfach _ja_ oder nein: Weißt du, weshalb _sie_ an jenem Abend Jewgenij Pawlowitsch das zurief?«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich weder daran irgendwie beteiligt bin, noch sonst etwas von ihren Beweggründen weiß.«

»Genug, ich glaube es dir. Jetzt denke ich auch anders darüber, aber gestern noch, gestern morgen noch beschuldigte ich in allem Jewgenij Pawlowitsch. Die ganzen ersten vierundzwanzig Stunden bis gestern morgen, den Morgen noch mitgerechnet. Jetzt muß ich den anderen natürlich beistimmen: es liegt ja doch auf der Hand, daß man ihn hier aus irgendeinem Grunde und zu irgendeinem Zweck zum Narren gehabt hat. Das allein ist schon verdächtig! -- und kann auch nichts Gutes verheißen! Aber Aglaja bekommt er doch nicht, das sage ich dir! Mag er hundertmal ein guter Mensch sein, aber dabei bleibt es. Früher war ich noch unschlüssig, aber jetzt steht es fest: >Legt mich zuerst in den Sarg und begrabt mich, dann könnt ihr sie verheiraten!< -- sieh, das habe ich heute in kurzen Worten Iwan Fedorowitsch erklärt. Siehst du jetzt, daß ich dir vertraue, siehst du es?«

»Ich sehe es und verstehe es.«

Lisaweta Prokofjewna blickte den Fürsten durchdringend an: vielleicht wollte sie gar zu gern erfahren, welch einen Eindruck diese Mitteilung betreffs Jewgenij Pawlowitsch auf ihn gemacht hatte.

»Von Gawrila Iwolgin weißt du nichts?«

»Doch ... ich weiß sehr vieles.«

»Weißt du oder weißt du es noch nicht, daß er mit Aglaja korrespondiert?«

»Nein, davon wußte ich noch nichts!« Der Fürst war im ersten Augenblick sogar ein wenig zusammengezuckt. »Wie, Sie sagen, Gawrila Ardalionytsch korrespondiere mit Aglaja Iwanowna? Unmöglich!«

»Erst seit kurzem. Hier hat die Schwester ihm den ganzen Winter den Weg gebahnt, wie eine Ratte hat sie gearbeitet und genagt.«

»Ich glaube es nicht,« sagte der Fürst überzeugt nach kurzem Nachdenken, und seine Aufregung legte sich. »Wenn es wahr wäre, würde ich es bestimmt gewußt haben.«

»Du glaubst wohl, daß er dann zu dir gekommen wäre, um an deiner Brust unter Tränen sein Herz auszuschütten! Du bist mir mal eine heilige Unschuld! Alle betrügen dich doch wie ... wie ... Und du schämst dich gar nicht, ihm dein Vertrauen zu schenken? Siehst du denn wirklich nicht, daß er dich wie einen dummen Jungen betrogen hat?«

»Ich weiß es, daß er mich bisweilen betrügt,« gab der Fürst wider Willen halblaut zu, »und er weiß, daß ich es weiß ...« fügte er noch hinzu.

»Wissen, daß man betrogen wird, und dabei doch vertrauen! Das fehlte gerade noch! Übrigens, von dir war auch nichts anderes zu erwarten. Worüber wundere ich mich noch? Großer Gott! Hat man jemals solch einen Menschen gesehen! Pfui! Aber weißt du auch, daß dieser Ganjka oder diese Warjka sie mit Nastassja Filippowna in Beziehungen gebracht haben?«

»Wen?!« stieß der Fürst entsetzt hervor.

»Aglaja.«

»Das glaube ich nicht! Das kann nicht sein! Zu welchem Zweck denn eigentlich?«

Er sprang vom Stuhle auf.

»Auch ich glaube nicht daran, obwohl es Beweise dafür gibt. Sie ist doch ein eigenwilliges Mädchen, ein phantastisches Mädchen, ein verrücktes Mädchen! Und böse, böse, böse ist sie! Tausend Jahre werde ich behaupten, daß sie böse ist! Alle sind sie jetzt bei mir so, selbst diese Alexandra, dieses begossene Huhn, -- doch die ist mir schon entwachsen. Aber auch ich glaube noch nicht daran! Vielleicht weil ich nicht glauben will,« fügte sie wie zu sich selbst hinzu. »Weshalb bist du nicht gekommen?« wandte sie sich plötzlich wieder an den Fürsten. »Weshalb bist du in diesen drei Tagen nicht zu uns gekommen?« wiederholte sie in höchster Ungeduld ihre Frage.

Der Fürst begann seine Gründe aufzuzählen, doch sie unterbrach ihn wieder.

»Alle halten sie dich für dumm und betrügen dich, daß man es nicht mit ansehen kann! Du bist gestern in der Stadt gewesen, -- ich könnte wetten, daß du diesen Spitzbuben auf den Knien gebeten hast, die zehntausend Rubel anzunehmen!«

»Durchaus nicht, ich habe nicht einmal daran gedacht. Ich habe ihn überhaupt nicht gesehen ... und außerdem ist er kein Spitzbube. Ich habe von ihm einen Brief erhalten.«

»Zeig' ihn her!«

Der Fürst zog seine Brieftasche hervor, entnahm ihr den Brief und reichte ihn ihr. Lisaweta Prokofjewna las folgendes:

»Sehr geehrter Herr!

Ich habe natürlich in den Augen der Leute nicht das geringste Recht, Eigenliebe zu besitzen. Nach ihrer Meinung bin ich viel zu gering dazu. Doch das ist die Meinung der Leute, nicht Ihre Meinung. Ich habe mich überzeugt, daß Sie, geehrter Herr, vielleicht besser sind als alle anderen. Ich bin nicht mehr mit Doktorenko einverstanden, in diesem Punkt sind unsere Ansichten jetzt ganz verschieden. Ich werde niemals auch nur eine Kopeke von Ihnen annehmen, doch Sie haben meiner Mutter geholfen, und so muß ich Ihnen dankbar sein, wenn auch nur aus Schwäche. Ich beurteile Sie jetzt anders und habe es für nötig befunden, Sie davon zu benachrichtigen. Ich nehme an, daß es zwischen uns nach dem Vorgefallenen keinerlei Beziehungen mehr geben kann.

Antip Burdowskij.

P. S. Die an den zweihundertfünfzig Rubeln fehlende Summe wird Ihnen mit der Zeit sicher zurückgezahlt werden.«

»Solch ein Blödsinn!« sagte Lisaweta Prokofjewna verächtlich und warf den Brief auf den Tisch. »Nicht der Mühe wert, daß man's liest. Was lachst du?«

»Gestehen Sie es doch nur, daß es Ihnen sehr lieb war, diesen Brief zu lesen.«

»Was! Diesen von Eitelkeit durchtränkten Blödsinn? Ja, siehst du denn nicht, daß sie vor Stolz, Ehrgeiz und Ruhmsucht alle einfach den Verstand verloren haben?«

»Ja, aber er hat doch gewissermaßen um Entschuldigung gebeten, und das ist ihm um so schwerer gefallen, je größer sein Stolz und sein Ehrgeiz sind. Oh, was für ein kleines Kind Sie sind, Lisaweta Prokofjewna!«

»Wa... du willst wohl eine Ohrfeige von mir haben?!«

»Nein, das will ich durchaus nicht. Ich sage es deshalb, weil Sie sich über den Brief freuen und Ihre Freude doch nicht eingestehen wollen. Weshalb schämen Sie sich Ihrer Gefühle? Und das ist doch bei Ihnen in allem so.«

»Daß du deinen Fuß jetzt nicht mehr über meine Schwelle setzt!« Lisaweta Prokofjewna fuhr, bleich vor Zorn, vom Stuhle auf. »Daß du mir nie im Leben mehr unter die Augen kommst!«

»Aber nach drei Tagen werden Sie doch selbst kommen und mich zu sich auffordern ... Nun, schämen Sie sich denn nicht? Das sind doch Ihre besten Gefühle, weshalb verleugnen Sie sie? Damit quälen Sie sich doch nur selbst.«

»Ich sterbe eher -- als daß ich zu dir komme! Auch deinen Namen werde ich vergessen!! Hab' es schon!!!«

Und fast rasend vor Zorn wandte sie sich zur Treppe.

»Mir ist ja ohnehin verboten, Ihr Haus zu besuchen!« rief ihr der Fürst nach.

»Wa--as? Wer hat's dir verboten?«

Wie mit der Nadel gestochen, fuhr sie zusammen und im Augenblick kehrte sie sich zurück.

Der Fürst war etwas unschlüssig: er fühlte, daß er sich unbedacht verraten hatte.

»Wer hat es dir verboten?« fuhr ihn Lisaweta Prokofjewna in höchster Empörung an.

»Aglaja Iwanowna ...«

»Wann? So sprich doch!!!«

»Heute morgen schickte sie mir einen Zettel; ich dürfe es nicht mehr wagen, bei Ihnen zu erscheinen.«

Lisaweta Prokofjewna stand wie erstarrt vor ihm, doch ihre Gedanken arbeiteten.

»Was hat sie geschickt? Durch wen? Den Bengel? Mündlich?« fuhr sie plötzlich wieder auf.

»Ich habe einen Zettel erhalten,« sagte der Fürst.

»Wie? Gib ihn her! Sofort!«

Der Fürst dachte einen Augenblick nach, zog aber dann doch aus seiner Westentasche ein gewöhnliches Stück Papier hervor, auf dem geschrieben stand:

»Fürst Lew Nikolajewitsch!

Wenn Sie nach allem, was geschehen ist, mich noch durch den Besuch unserer Villa in Erstaunen setzen sollten, so werden Sie mich, dessen können Sie sicher sein, nicht unter der Zahl der Erfreuten finden.

Aglaja Jepantschina.«

Lisaweta Prokofjewna überlegte eine Weile. Plötzlich faßte sie den Fürsten bei der Hand und zog ihn mit sich fort.

»Sofort! Du kommst jetzt sofort! Unverzüglich!« befahl sie in ungewöhnlicher Aufregung und Ungeduld.

»Aber Sie setzen mich doch den größten ...«

»Was? Wem setze ich dich aus? Du unschuldige Einfalt! Gott, das soll ein Mann sein! Nun werde ich selbst alles sehen, mit eigenen Augen ...«

»Aber meinen Hut lassen Sie mich doch wenigstens nehmen ...«

»Hier hast du deinen elenden Hut, gehen wir! Nicht mal eine Fasson hast du dir mit Geschmack aussuchen können! ... Das hat sie ... Das hat sie nach jenem Auftritt ... das hat sie in der ersten Wut ...« murmelte Lisaweta Prokofjewna, den Fürsten, dessen Hand sie keinen Augenblick losließ, hinter sich herziehend. »Vorhin trat ich für dich ein, sagte laut, daß du ein Esel seist, weil du nicht kämst ... sonst hätte sie nicht diesen Zettel --! Wie sie als wohlerzogenes, kluges Mädchen überhaupt so etwas fertiggebracht hat! ... Hm!« fuhr sie in ihrem Gedankengang fort, »oder ... vielleicht ... vielleicht hat sie sich selbst darüber geärgert, daß er nicht kam, nur hat sie vergessen, daß man an einen Idioten so nicht schreiben darf; denn der nimmt es ja doch wörtlich, wie er es nun auch getan hat. Was horchst du?« fuhr sie plötzlich zusammen, als sie gewahr wurde, daß sie ihre Gedanken immerhin hörbar ausgesprochen hatte. »Einen Narren braucht sie, gerade solch einen wie du einer bist, hat dich lange nicht gesehen, deshalb schreibt sie! Aber mich freut es, mich freut es, daß sie dich jetzt durch die Hechel ziehen wird, das freut mich! Gerade das hast du verdient! Geschieht dir recht. Und sie versteht es, oh, sie versteht es, das kannst du mir glauben!«

Dritter Teil

I.

Es wird bei uns so oft geklagt, daß wir keine praktischen Leute hätten; Staatsmänner zum Beispiel gäbe es unzählige, Generäle nicht minder; Beamte und alle möglichen Räte könne man sogleich in beliebiger Anzahl zur Stelle schaffen -- aber praktische Leute gäbe es bei uns trotzdem nicht. Wenigstens klagen alle, daß es sie nicht gäbe. Nicht einmal ein anständiges Eisenbahnpersonal hätten wir auf manchen Strecken aufzuweisen, und die Administration irgendeiner Dampfschiffahrtsgesellschaft zustande zu bringen, sei, wenn man sich eine auch nur einigermaßen erträgliche wünsche, bei uns in Rußland ganz unmöglich. Dort, hört man, sind zwei Eisenbahnzüge zusammengestoßen, oder auf einer neueröffneten Strecke ist eine ganze Brücke mitsamt einigen Waggons eingestürzt; hier, heißt es, hat ein Zug auf offenem Felde fast überwintert: die Fahrt sollte nur ein paar Stunden dauern, man blieb aber ganze fünf Tage im Schnee stecken. Dort, wird erzählt, faulen mehrere Tausend Pud Fracht in den Waggons auf ein und derselben Station und warten drei Monate vergeblich auf Weiterbeförderung, und als ein Kaufmann -- es klingt fast unglaublich! -- einem der »Administratoren« oder Oberaufseher mit den Bitten um Zustellung der Waren seines Lieferanten lästig geworden war, da hat ihm dieser statt der lagernden Ware eine administrative Ohrfeige verabfolgt und seine Handlungsweise nachher noch damit zu rechtfertigen gesucht, daß er es »im Eifer« getan habe. Man sollte meinen, daß wir doch nachgerade genügend Amts-, Rats-, Gerichts- und noch andere Personen im Staatsdienst haben -- in Wirklichkeit kann einem geradezu angst und bange werden vor ihrer unabsehbaren Anzahl! -- alle haben im Staatsdienst gestanden, alle stehen darin, und alle haben die Absicht, in Staatsdienste zu treten --, wie sollte man da aus einem solchen Material nicht eine gute Administration zustande bringen, selbst wenn es sich nur um eine Dampfschiffahrtsgesellschaft handelt?!

Auf diese Frage wird uns aber eine so einfache Antwort zuteil, eine so einfache, daß man dieser Antwort überhaupt nicht glauben will.

Freilich, heißt es, freilich stehen bei uns alle im Staatsdienst, oder wenn sie im Augenblick nicht darin stehen, dann haben sie darin gestanden oder werden sie darin stehen, und das geht bei uns schon so seit zweihundert Jahren nach dem schönsten deutschen Vorbild von den Urgroßvätern bis zu den Ururenkeln, -- aber gerade die Staatsbeamten, gerade die sind die unpraktischsten Leute der Welt, und es ist ja bei uns sogar so weit gekommen, daß die »Abstraktheit«, wenn man sich so ausdrücken darf, und die Mangelhaftigkeit des praktischen Wissens unter den Staatsdienern selbst noch vor kurzem fast als größte Tugend und beste Empfehlung betrachtet wurden. Übrigens sind wir da vom Thema etwas abgekommen, wir wollten ja nur von den »praktischen« Leuten reden. Was nun diese betrifft, so wird wohl niemand leugnen wollen, daß Zaghaftigkeit und der absoluteste Mangel an eigener Initiative bei uns stets für das sicherste und beste Anzeichen eines praktischen Menschen gehalten worden sind, -- und sogar jetzt noch gehalten werden. Doch weshalb immer nur sich selbst beschuldigen und sich Vorwürfe machen ... das heißt, wenn diese Ansicht überhaupt einen Vorwurf in sich schließt? Der Mangel an Originalität wird doch von jeher in der ganzen Welt für die beste Eigenschaft und beste Empfehlung eines tüchtigen, brauchbaren und praktischen Menschen gehalten, und wenigstens neunundneunzig Prozent der ganzen Menschheit -- es ist das sogar noch sehr niedrig gegriffen -- sind immer dieser Ansicht gewesen, und höchstens einer vom Hundert hat beständig anders geurteilt, und urteilt auch jetzt noch anders.

Die größten Erfinder und Genies sind fast immer zu Beginn ihrer Laufbahn -- sehr oft aber auch noch zu Ende derselben -- von der Gesellschaft für nichts weniger als ausgesprochene Dummköpfe gehalten worden: dazu bedarf es keiner Beweise. Wenn nun im Laufe von mehreren Jahrzehnten alle Welt ihr Geld auf die Bank schleppte und Milliarden dort zu vier Prozent zusammensparte, so mußte, versteht sich, als es mit der Bank schließlich einmal ein Ende nahm und die guten Leute sich wieder auf ihre eigene Initiative angewiesen sahen, die Mehrzahl dieser Millionen im Aktionärfieber oder in den Händen von Betrügern verloren gehen --, und da hatte man denn, was Anstand und Sittlichkeit verlangen! Gerade die Sittlichkeit: denn, wenn die »sittliche« Zaghaftigkeit und der »anständige« Mangel an Originalität bei uns bis jetzt nach allgemeiner Überzeugung die notwendigsten Eigenschaften eines tüchtigen und brauchbaren Menschen sind, so wäre es doch gar zu unanständig und unsittlich, seine Überzeugung plötzlich zu verändern! Welche zärtlich liebende Mutter wird nicht erschrecken und vor Angst womöglich erkranken, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter auch nur ein wenig aus dem Gleise gerät? »Nein, mag es lieber glücklich sein und ohne Originalität in Zufriedenheit und Wohlstand leben,« denkt eine jede Mutter, wenn sie ihr Kind wiegt. Und unsere Ammen singen doch mit Vorliebe Wiegenlieder, in denen sie die Zukunft des Kindes so schön wie nur möglich ausmalen: »Wirst noch goldene Kleider tragen, wirst einst ein großer General sein!« Wenn aber unseren Kinderfrauen das General-sein als höchstes russisches Glück erscheint, so muß das doch das populärste nationale Ideal ruhiger, ungetrübter Seligkeit sein! Und in der Tat: wer konnte bei uns, wenn er vorschriftsmäßig die Examina bestanden und fünfunddreißig Jahre abgedient hatte, schließlich nicht General werden und sich auf der Bank eine gewisse Summe zusammensparen? So hat sich denn der Russe fast ohne jede Anstrengung seinerseits schließlich den Ruf eines praktischen Menschen erworben. Genau genommen konnte ja bei uns nur der originelle d. h. der unruhige Mensch nicht General werden ... Vielleicht hat sich hier ein kleines Mißverständnis eingeschlichen, im allgemeinen jedoch scheint es mit der Wahrheit übereinzustimmen, und somit kann man unserer Gesellschaft wegen ihres Ideals eines praktischen Menschen keinen Vorwurf machen.

Nichtsdestoweniger haben wir hier viel Überflüssiges gesagt, denn im Grunde sollten es nur ein paar erklärende Worte über die uns bekannte Familie Jepantschin werden. Diese Familie, oder wenigstens die am meisten denkenden Angehörigen derselben, litten beständig unter einem ihnen fast allen mehr oder weniger eigenen Familienfehler, der ungefähr das gerade Gegenteil jener Tugenden war, über die wir soeben philosophiert haben. Ohne die Gründe davon vollkommen zu begreifen -- und das war auch nicht so leicht -- wurden sie von der Empfindung gepeinigt, daß in ihrer Familie alles ganz anders sei, als bei anderen Menschen und in deren Familien. Bei allen ging es glatt, nur bei ihnen ging es holprig; alle anderen fuhren hübsch im Gleise, nur sie entgleisten jeden Augenblick. Alle waren zaghaft, nur sie waren es nicht. Freilich ängstigte sich Lisaweta Prokofjewna mitunter sogar sehr, aber es war bei ihr doch nie jene sittsame Zaghaftigkeit, die Jepantschins so wertvoll fanden. Übrigens war es eigentlich auch nur Lisaweta Prokofjewna, die sich deshalb so beunruhigt fühlte: die Mädchen waren noch zu jung dazu -- wenn auch gewiß nicht zu unintelligent. Der General aber pflegte, wenn er auch manches begriff -- was übrigens nicht immer ohne Mühe ging -- in allen schwierigen Fällen nur »Hm!« zu sagen oder »Gewiß, gewiß, mein Freund!« worauf er dann doch das weitere seiner Lisaweta Prokofjewna überließ. Damit lag dann auf ihr allein die ganze Verantwortung. Und doch sprang diese Familie durchaus nicht etwa aus bewußtem Hang zur Originalität aus dem Gleise, was allerdings höchst unanständig gewesen wäre, o nein! Davon konnte überhaupt nicht die Rede sein, ich meine, von einem mit Bewußtsein gesetzten Ziel! Aber wie dem auch sein mochte, jedenfalls war das Resultat: daß die Familie Jepantschin, wenn sie auch noch so achtbar erscheinen mußte, doch irgendwie nicht so war, wie sonst alle ehrenwerten Familien zu sein pflegen. In der letzten Zeit hatte nun Lisaweta Prokofjewna begonnen, die Schuld daran nur sich allein oder vielmehr nur ihrem »unseligen« Charakter zuzuschreiben, weshalb sich denn auch ihre Gewissensqualen um ein Beträchtliches vergrößerten. Sie nannte sich selbst täglich dumm und hypochondrisch, quälte sich mit ihrem Mißtrauen, fand oft in den einfachsten Dingen keinen Ausweg und hielt jedes Unglück für größer als es war.

Wie bereits früher erwähnt, waren Jepantschins eine überall sehr geachtete Familie. Wenn der General auch nicht vornehmer Herkunft und auch sicherlich nicht sehr geistreich war, so war er doch ein reicher und »durch und durch anständiger« Mann, der als General »durchaus nicht zu den Letzten« zählte. Übrigens scheint eine gewisse geistige Stumpfheit fast ein unvermeidliches Attribut jedes Tatmenschen zu sein. Die Hauptsache war, daß Iwan Fedorowitsch gute Protektion hatte. Im übrigen war wenigstens Lisaweta Prokofjewna eine geborene Fürstin Myschkin, und das war immerhin nicht zu verachten, obschon man bei uns auf vornehme Herkunft nicht viel gibt, wenn die Herkunft nicht von Protektion unterstützt wird. Lisaweta Prokofjewna aber war schließlich von so hochstehenden Personen liebgewonnen worden, daß deren ganzer Bekanntenkreis sie gleichfalls zu achten und hochzuschätzen begonnen hatte. Selbstverständlich quälte sie sich ihres Mannes und ihrer Töchter wegen ganz grundlos; die kleinsten Dinge konnte sie bis zur Lächerlichkeit vergrößern. Doch das ist ja gewöhnlich so: hat man eine Warze auf der Stirn oder auf der Nase, so scheint es einem unwillkürlich, daß alle Menschen nichts weiter in der Welt zu tun haben, als diese Warze anzusehen, über sie zu lachen und einen ihretwegen zu verachten, selbst wenn man dabei Amerika entdeckt hätte. Zweifellos wurde Lisaweta Prokofjewna auch in der Gesellschaft als etwas wunderliche Dame betrachtet, doch, wie gesagt, nichtsdestoweniger sehr geachtet. Das Unglück war nur, daß Lisaweta Prokofjewna schließlich an diese Achtung nicht mehr glauben wollte. Und wenn sie ihre Töchter ansah, quälte sie sich mit der Angst, daß sie deren Lebenslauf verderbe, weil ihr Charakter »lächerlich, unanständig und unerträglich« sei, was sie wiederum täglich diesen ihren Töchtern und ihrem treuen Gatten Iwan Fedorowitsch zum Vorwurf machte, oder weshalb sie tagelang mit ihnen stritt, während sie sie gleichzeitig doch bis zur völligen Selbstverleugnung, wenn nicht bis zur Leidenschaft, liebte.

Am meisten quälte sie die Angst, daß ihre Töchter ebenso werden könnten, wie sie, ihre Mutter, und daß es solche jungen Mädchen, wie ihre drei, in der ganzen Welt nicht gäbe und auch gar nicht geben könne. »Nihilistinnen sind sie, weiter nichts!« Dieser traurige Gedanke, der sie schon ein ganzes Jahr gefoltert hatte, ließ ihr namentlich in der letzten Zeit keine Ruhe mehr. »Erstens: weshalb heiraten sie nicht?« fragte sie sich fortwährend. »Um ihre Mutter zu quälen, -- darin sehen sie doch alle drei ihren Lebenszweck, und das kommt natürlich nur daher, weil sie sich alle diese neuen Ideen in den Kopf gesetzt haben! Schuld ist nichts anderes, als diese verwünschte Frauenfrage! Fiel es denn Aglaja nicht vor einem halben Jahre ein, sich ihr wundervolles Haar abzuschneiden? Großer Gott, selbst ich habe zu meiner Zeit nicht solches Haar gehabt! -- Hatte sie doch die Schere schon in der Hand, mußte ich sie doch auf den Knien anflehen, um sie davon abzubringen! ... Nun, Aglaja tat es natürlich nur aus Bosheit, um ihre Mutter zu martern, denn sie ist böse, eigensinnig, verwöhnt und vor allem böse, böse, böse! Aber wollte denn diese Alexandra es ihr nicht schon nachmachen? Die aber wollte es sicher nicht aus Bosheit; nicht aus Launenhaftigkeit, sondern in aufrichtiger Einfalt, wie eine dumme Gans, die sich von Aglaja einreden läßt, daß sie mit kurzem Haar besser werde schlafen können und daß der Kopf ihr nicht mehr weh tun würde? Und wie oft, wie oft, wie oft, -- nun schon seit fünf Jahren --, wie oft hätten sie heiraten können! Und es waren doch alles wirklich tadellose Partien, und einzelne doch wirklich reizende Menschen! Worauf warten sie denn, wenn sie nicht heiraten? Was wollen sie eigentlich? Warum wollen sie nicht heiraten? Nur um ihre Mutter zu ärgern -- einen anderen Grund haben sie doch nicht! Das ist es! Nur das ist es!«