Part 42
Endlich aber sollte auch ihr Mutterherz eine Freude erleben: Adelaida verlobte sich. »Gott sei Dank, wenigstens eine vom Halse!« sagte Lisaweta Prokofjewna, wenn sie sich laut über dieses Ereignis äußerte. (Im Herzen drückte sie sich unvergleichlich zärtlicher aus.) Und wie gut, wie tadellos sich das alles abgewickelt hatte! Auch in der Gesellschaft war man des Lobes voll: eine bekannte Persönlichkeit, ein Fürst, reich, ein guter Charakter, und außerdem war noch von beiden Seiten Liebe vorhanden. Was wollte man mehr? Doch um Adelaida hatte sie sich stets am wenigsten gesorgt, wenn auch deren künstlerische Neigungen oft genug ihr stets Unheil fürchtendes Herz beunruhigt hatten. »Dafür hat sie ein heiteres Gemüt und ist nicht so unvernünftig wie die anderen, -- die wird nicht untergehen,« beruhigte sie sich schließlich. Am meisten jedoch ängstigte sie sich um Aglaja. Was sie aber von der ältesten, Alexandra, denken sollte, wußte sie selbst nicht: sollte sie sich auch um diese ängstigen oder war das überflüssig? Mitunter schien es ihr, daß sie »schon ganz verloren« sei, -- »fünfundzwanzig Jahre alt -- natürlich bleibt sie unverheiratet! Und das bei ihrer Schönheit!« Lisaweta Prokofjewna weinte sogar ihretwegen nachts, während Alexandra Iwanowna in denselben Nächten den ruhigsten und sorglosesten Schlaf schlief. »Was ist sie eigentlich -- Nihilistin, oder ist sie einfach dumm?« Daß sie in Wirklichkeit _nicht_ dumm war, daran zweifelte Lisaweta Prokofjewna selbst keinen Augenblick: sie schätzte selbst Alexandras Urteil sehr und fragte sie gern um Rat. Doch ebensowenig zweifelte sie daran, daß »diese Alexandra« einfach »jedes Temperamentes entbehrte«. »Sie ist so ruhig, daß man sie überhaupt nicht in Bewegung bringen kann! Ich weiß wirklich nicht, was ich mit ihnen allen anfangen soll!« Lisaweta Prokofjewna empfand für ihre Älteste eine ganz unerklärliche Sympathie, in der vielleicht das Mitleid keine so geringe Rolle spielte, und fühlte sich zu ihr fast noch mehr hingezogen, als zu Aglaja, ihrem Abgott. Doch alle ihre bissigen Bemerkungen -- in denen sich ihre ganze mütterliche Sorge und Sympathie äußerte -- erheiterten nur Alexandra; konnten doch mitunter die nichtigsten Dinge Lisaweta Prokofjewna »einfach rasend machen«! So liebte es z. B. Alexandra Iwanowna sehr, lange zu schlafen, und gewöhnlich hatte sie in der Nacht viele Träume; diese Träume jedoch zeichneten sich alle durch ganz besondere Sinnlosigkeit aus und waren von einer Unschuld und Naivität, daß man sie für Träume eines siebenjährigen Kindes hätte halten können. Diese Naivität der Träume ihrer Ältesten nun begann aber Lisaweta Prokofjewna aus irgendeinem Grunde geradezu zu empören. Einmal hatte Alexandra neun Hühner im Traume gesehen, und das Resultat war, daß die Mutter sich mit ihr ernstlich entzweite, -- weshalb? -- das ließe sich schwer erklären. Nur ein einziges Mal gelang es ihr, »etwas Originelles« im Traum zu sehen, einen Mönch in einer dunklen Zelle, in die einzutreten sie sich gefürchtet hatte. Der Traum ward sogleich von den zwei jüngeren Schwestern lachend und triumphierend der Mutter erzählt, doch diese ärgerte sich wieder und nannte sie alle beide dumm. »Hm!« dachte sie dann später bei sich, »Temperament hat sie nicht, und in Bewegung bringen kann man sie auch nicht, aber es ist doch eine Trauer in ihr, weiß Gott, mitunter hat sie ganz traurige Augen! Was mag sie nur haben, was?« Bald darauf stellte sie diese Frage auch an ihren Gatten Iwan Fedorowitsch, was sie wie gewöhnlich schroff, ungeduldig und beinah wie drohend tat, in offenkundiger Erwartung einer sofortigen entscheidenden Antwort. Iwan Fedorowitsch sagte etliche Male »Hm!« und legte die Stirn in nachdenkliche Falten, bis er dann schließlich die Schultern in die Höhe zog, die Hände auseinanderspreizte und ein etwas lakonisches Urteil sprach:
»Muß heiraten!«
»Nur gebe ihr Gott nicht einen solchen Mann, wie Sie sind, Iwan Fedorowitsch!« platzte Lisaweta Prokofjewna zornig heraus; »nicht einen so unfähigen Menschen, der nicht einmal ein Urteil zu fällen versteht, nicht einen so rohen Grobian wie Sie, Iwan Fedorowitsch ...«
Iwan Fedorowitsch brachte sich schleunigst in Sicherheit, indem er mit durch Übung erlangter Geschicklichkeit einen glänzenden Rückzug ausführte, und Lisaweta Prokofjewna beruhigte sich nach dem Ausbruch wieder sehr schnell. Selbstverständlich wurde sie noch bis zum Abend desselben Tages äußerst aufmerksam, still, freundlich und liebenswürdig zu Iwan Fedorowitsch, zu ihrem »rohen Grobian« Iwan Fedorowitsch, zu ihrem guten und lieben, ihrem vergötterten Iwan Fedorowitsch, denn sie liebte ihn nicht nur ihr ganzes Leben lang, sie war sogar direkt verliebt in ihren Iwan Fedorowitsch, was Iwan Fedorowitsch selbst sehr wohl wußte und wofür er seine Lisaweta Prokofjewna um keinen Deut weniger liebte und weniger hoch hielt.
Doch die größten Sorgen bereitete ihr von jeher Aglaja.
»Ganz, ganz wie ich, mein Ebenbild in jeder Beziehung!« sagte sich Lisaweta Prokofjewna, »ein eigensinniges, schlechtes, vom Teufel besessenes Ding! Eine Nihilistin, sonderbar in allem, was sie tut -- ganz wie ich! -- und böse, böse, böse! O, Gott, wie unglücklich sie sein wird!«
Da sollte sie die Freude erleben, daß Adelaida sich verlobte, und fast einen ganzen Monat verbrachte sie ohne Sorgen. Nach der Verlobung Adelaidas hatte man in der Gesellschaft auch mehr über Aglaja zu sprechen begonnen, doch Aglaja hatte sich überall so vortrefflich aufgeführt, so gleichmäßig und klug, so sicher und ... ein wenig stolz vielleicht, aber das stand ihr doch so vorzüglich! Und zur Mutter war sie den ganzen Monat über so nett und lieb gewesen! (»Nein, diesen Jewgenij Pawlowitsch muß man sich doch noch genauer ansehn ... übrigens scheint ihm Aglaja noch gar nicht so besonders gewogen zu sein.«) Jedenfalls war sie eine ganz prächtige Tochter gewesen -- »und wie schön sie dabei ist, Gott, wie schön sie ist, und mit jedem Tage wird sie noch schöner! Und nun plötzlich ...«
Kaum war nämlich dieser Fürst, dieser »jammervolle Idiot« aufgetaucht, als plötzlich wieder alles im Hause auf dem Kopf stand!
Aber was war denn geschehen?
Nach der Überzeugung aller Unbefangenen war sicher nichts geschehen. Doch dadurch gerade zeichnete sich ja Lisaweta Prokofjewna aus, daß sie infolge ihrer inneren Unruhe auch in den gewöhnlichsten Dingen ein Etwas zu entdecken vermochte, das sie mit der argwöhnischsten, der unerklärlichsten, und das heißt soviel wie furchtbarsten Angst erfüllte. Wie mußte ihr aber nun zumute sein, als sie plötzlich in dem Wirrwarr vollkommen unbegründeter Befürchtungen etwas erblickte, das tatsächlich wichtig zu sein schien und tatsächlich ihrer Zweifel, ihres Mißtrauens und der Beängstigungen wert war?
»Nein, wie hat man sich nur unterstehen können, diesen gemeinen anonymen Brief an mich zu schreiben? -- daß jenes Geschöpf mit Aglaja in Beziehung stehe!« dachte Lisaweta Prokofjewna ununterbrochen, während sie den Fürsten an der Hand zu ihrer Villa zog und dort auf einen der Stühle am runden Tisch, um den sich die ganze Familie versammelt hatte, Platz zu nehmen nötigte. »Wie hat man daran überhaupt nur zu denken gewagt? Ich müßte ja sterben vor Scham, wenn ich auch nur ein Wort geglaubt und den Brief Aglaja gezeigt hätte! Und so etwas erlaubt man sich uns gegenüber! An allem, allem ist doch nur Iwan Fedorowitsch schuld! Ach, warum sind wir in diesem Sommer nicht nach Jelagin gezogen! Ich wollte doch unbedingt dorthin und nicht hierher nach Pawlowsk! Diesen Brief kann vielleicht die Warjka geschrieben haben, oder vielleicht ... nein, an allem, an allem ist doch nur Iwan Fedorowitsch schuld! Nur um ihn zum besten zu haben, hat uns dieses Geschöpf das eingebrockt! -- zum Andenken an ihre frühere Bekanntschaft, als er ihr noch Perlen schenkte ... Aber genau genommen sind wir doch alle hineingezogen, mein bester Iwan Fedorowitsch, sowohl Sie wie Ihre Gattin und Töchter, -- junge Damen der besten Gesellschaft, Bräute! -- und sie standen keine zehn Schritt vom Wagen, alles haben sie gehört, und auch jene schmutzige Geschichte haben sie mit angehört! Sie können sich jetzt freuen, Iwan Fedorowitsch! Niemals, niemals werde ich das diesem elenden Fürsten verzeihen, niemals! Weshalb ist Aglaja seit drei Tagen hysterisch, weshalb hat sie sich mit beiden Schwestern verzankt, sogar mit Alexandra, der sie doch sonst immer die Hand küßte -- so hat sie sie geachtet! Weshalb gibt sie uns seit drei Tagen ein Rätsel nach dem anderen auf? Was hat das mit Gawrila Iwolgin zu bedeuten? Weshalb hat sie ihn gestern und heute so auffallend gelobt, um dann wiederum in Tränen auszubrechen? Weshalb ist auch in dem anonymen Brief von diesem verwünschten >armen Ritter< die Rede? Sie aber hat den Brief des Fürsten nicht einmal ihren Schwestern gezeigt! Und weshalb ... mein Gott, weshalb, weshalb bin ich jetzt zu ihm gelaufen, und weshalb habe ich ihn jetzt wieder zu mir geschleppt? Mein Gott, was habe ich getan, bin ich nicht von Sinnen? Mit einem jungen Herrn über die Geheimnisse der eigenen Tochter zu reden, und noch dazu ... über solche Geheimnisse, die womöglich ihn selbst angehen! Gott, ein Glück noch, daß er ein Idiot ist und ... und ... ein Freund unseres Hauses! Nur ... sollte sich Aglaja denn wirklich in diesen Kranken verliebt haben? Gott, was ist mit mir heute! Pfui! Originale sind wir ... Unter Glas müßte man uns setzen, mich als erste, auf einer Ausstellung, für zehn Kopeken Entree ... Nein, das verzeihe ich Ihnen niemals, Iwan Fedorowitsch, niemals werde ich Ihnen das verzeihen! Weshalb zieht sie ihn jetzt nicht durch die Hechel, wie sie's versprochen? Was versprach sie's denn, wenn sie jetzt ihr Wort nicht hält? -- Da! wie sie ihn ansieht! Weshalb geht sie denn nicht fort, wenn sie ihm selbst verboten hat, herzukommen? Jetzt steht sie, schweigt und sieht ihn an ... Und er ist auch ganz bleich geworden ... O, dieser verwünschte Schwätzer Jewgenij Pawlowitsch -- hat sich des ganzen Gesprächs bemächtigt! Er läßt einen ja überhaupt nicht zu Wort kommen! Ich würde sofort alles erfahren, wenn ich nur endlich sprechen könnte ...«
Der Fürst saß allerdings ganz bleich am Tisch, und wie es schien war er in großer Erregung; doch gleichzeitig befand er sich wie in einem ihm selbst unerklärlichen, fast atemraubenden Rausch des Entzückens. O, wie fürchtete er sich, in jenen Winkel zu schauen, von wo aus ein Paar bekannter dunkler Augen auf ihn gerichtet waren, deren aufmerksamen, forschenden, prüfenden Blick er fast körperlich zu fühlen meinte. Und wie selig war er doch darüber, daß er jetzt wieder hier unter ihnen sitzen konnte, daß er wieder ihre Stimme hören würde, -- selbst nach dem, was sie an ihn geschrieben. »Was wird sie nur jetzt sagen, was wird sie sagen!« Er selbst hatte noch kein Wort gesprochen und bemühte sich krampfhaft, den unaufhaltsam redenden Jewgenij Pawlowitsch zu verstehen, der sich wohl nur selten in einer so zufriedenen und angeregten Stimmung befunden haben mochte, wie an diesem Abend. Der Fürst hörte ihm lange zu, ohne auch nur ein Wort zu begreifen. Außer dem Familienoberhaupt Iwan Fedorowitsch, der noch in der Stadt weilte, waren alle versammelt. Auch Fürst Sch. war zugegen. Wie es schien, hatte man die Absicht, nach einer Weile zu einem Spaziergang aufzubrechen, da am Abend die Militärkapelle spielen sollte. Das Gespräch, in dem man sich befand, mußte bereits vor dem Erscheinen des Fürsten begonnen worden sein. Plötzlich erschien auch noch Koljä auf der Veranda. »Nun, dann hat man ihn hier wieder gut empfangen,« dachte der Fürst bei sich.
Die Villa Jepantschin war im Schweizerstil erbaut, machte einen wohlhabenden Eindruck und war von einem wundervollen, zwar nicht sehr großen, doch dafür um so schöneren Blumengarten umgeben. Man saß auf der verandenartigen Terrasse, die ähnlich der Terrasse der Villa Lebedeffs gebaut war, nur, versteht sich, größer und eleganter.
Das Thema des Gesprächs schien nicht allen sonderlich zuzusagen, doch Jewgenij Pawlowitsch, den ein heftiger Disput mit Fürst Sch. auf dieses Thema gebracht hatte, kümmerte sich nicht um die Wünsche der übrigen, die wohl lieber von etwas anderem gesprochen hätten, sondern fuhr in seinen Widerlegungen fort, wozu ihn das Erscheinen des Fürsten noch mehr anzuregen schien. Lisaweta Prokofjewna ärgerte sich über ihn und seine Reden, wenn sie auch kaum ein Wort von dem ganzen Gespräch verstand. Aglaja, die sich etwas abseits hingesetzt hatte, in einen Winkel, blieb dort, hörte zu und schwieg.
»... Erlauben Sie,« widersprach Jewgenij Pawlowitsch eifrig, »ich habe gegen den Liberalismus nichts einzuwenden. Liberalismus ist keine Sünde, sondern ein notwendiger Teil des Ganzen, das ohne ihn zerfallen oder absterben würde; der Liberalismus hat dieselbe Existenzberechtigung wie der wohlgesittetste Konservatismus; ich greife aber doch nur den russischen Liberalismus an, und, ich wiederhole, greife ihn nur deshalb an, weil der russische Liberale nicht ein _russischer_ Liberaler, sondern eben ein _nichtrussischer_ Liberaler ist. Geben Sie mir einen wirklich russischen Liberalen und ich werde ihm in Ihrer aller Gegenwart sogleich einen Kuß geben.«
»Vorausgesetzt, daß er sich von Ihnen küssen läßt,« versetzte Alexandra Iwanowna, die ungewöhnlich angeregt zu sein schien. Sogar ihre Wangen hatten sich gerötet.
»Seht doch mal!« dachte Lisaweta Prokofjewna bei sich, »sonst versteht sie nur zu schlafen und zu essen, und jetzt plötzlich tut sie auch zum Sprechen den Mund auf!«
Der Fürst bemerkte flüchtig, daß Alexandra Iwanowna Jewgenij Pawlowitschs Heiterkeit, mit der er über ein so ernstes Thema sprach, sehr zu mißfallen schien, denn wenn sich dieser auch scheinbar ereiferte, so konnte man andererseits doch fast glauben, daß er nur scherze.
»Ich behauptete soeben -- kurz bevor Sie kamen, Fürst --« fuhr Jewgenij Pawlowitsch fort, »daß wir bis jetzt nur Liberale aus zwei Gesellschaftsklassen gehabt haben: aus dem Kreise der Intellektuellen, aus dem Stande der ehemaligen Gutsbesitzer und der Klasse der Seminaristen, Popensöhne, Lehrer. Da sich aber nun jeder dieser Stände mit der Zeit zu einer richtigen Kaste ausgebildet hat, zu etwas von der übrigen Nation ganz Abgesondertem, und dieser Zustand sich von Generation zu Generation noch verschärft, so ist folglich auch alles das, was sie getan haben oder noch tun, im höchsten Grade _nicht_ national ...«
»Was? Alles, was getan worden ist, alles das -- sei nicht russisch?« unterbrach ihn Fürst Sch.
»Nicht national; wenn es auch russisch ist, so ist es doch nicht national; die Liberalen sind bei uns nicht russisch und auch die Konservativen sind bei uns nicht russisch. Und Sie können überzeugt sein, daß die Nation nichts von dem anerkennt, was von den Gutsbesitzern und Seminaristen getan worden ist, -- weder tut sie es jetzt, noch wird sie es später tun ...«
»Das ist mal gut! Wie kannst du ein solches Paradox behaupten? wenn du es im Ernst tust! Ich kann solche Angriffe auf den russischen Gutsbesitzer nicht zulassen; du bist doch selbst ein russischer Gutsbesitzer,« widersprach ihm Fürst Sch. eifrig.
»Aber ich rede ja doch nicht in dem Sinne vom russischen Gutsbesitzer, wie du es auffaßt. Es ist ein überaus ehrenwerter Stand, und wenn auch nur, sagen wir, deshalb, weil ich zu ihm gehöre; namentlich jetzt, nachdem er aufgehört hat, Kaste zu sein ...«
»Sollte denn wirklich auch in der Literatur nichts Nationales geschaffen worden sein?« unterbrach ihn Alexandra Iwanowna.
»Ich bin in der Literatur nicht sehr bewandert, aber meiner Meinung nach ist auch unsere ganze Literatur nicht russisch, ausgenommen höchstens Lomonossoff, Puschkin und Gogol.«
»Erstens war das nicht wenig, und zweitens war der eine aus dem Volk und die zwei anderen waren -- Gutsbesitzer!« bemerkte Adelaida lachend.
»Ganz recht, doch triumphieren Sie nicht zu früh. Da es nur diesen dreien von allen russischen Schriftstellern gelungen ist, etwas tatsächlich _Eigenes_, ihr Eigenstes zu sagen, etwas, das sie von keinem anderen entlehnt haben, so sind diese drei sogleich auch national geworden; wer von uns Russen etwas Eigenes, etwas unanfechtbar Eigenes, von keinem Entlehntes sagt, wird unfehlbar sogleich national, und wenn er auch nur schlechtes Russisch spräche. Das ist für mich ein Axiom. Doch wir wollten ja nicht von der Literatur sprechen, wir sprachen von den Sozialisten. Und so behaupte ich denn nochmals, daß wir keinen einzigen russischen Sozialisten haben; weder jetzt noch früher, denn alle unsere sogenannten Sozialisten sind ausnahmslos aus den Gutsbesitzern und Intellektuellen hervorgegangen. Selbst unsere überzeugtesten, verschriensten Sozialisten, sowohl die hiesigen wie die im Auslande lebenden, sind nichts anderes, als liberale Gutsbesitzer aus der Zeit der Leibeigenschaft. Weshalb lachen Sie? Geben Sie mir ihre Bücher, geben Sie mir ihre Theorien, geben Sie mir alle ihre Memoiren, und ich werde, ohne Literaturkritiker zu sein, die überzeugendste literarische Kritik schreiben, in der ich sonnenklar beweisen werde, daß jede Seite ihrer Bücher, Broschüren und Memoiren in erster Linie von dem ehemaligen russischen Gutsbesitzer geschrieben ist. Ihr Unwille, ihre Wut, ihr Esprit -- alles ist gutsbesitzerhaft; ihr Entzücken, ihre Ekstase, ihre Tränen, ihre vielleicht sogar aufrichtigen Tränen -- sind gutsbesitzerhaft! Oder seminaristenhaft ... Sie lachen wieder, und auch Sie lachen, Fürst? Sie sind gleichfalls nicht damit einverstanden?«
Da alle lachten, hatte auch der Fürst gelächelt.
»Das kann ich so direkt noch nicht sagen, ob ich einverstanden bin oder nicht,« sagte der Fürst, indem er sogleich ernst wurde -- er war sogar wie ein ertappter Schüler zusammengezuckt, als sich Jewgenij Pawlowitsch plötzlich an ihn gewandt hatte -- »aber ich versichere, daß ich Ihnen sehr gespannt zuhöre ...« brachte er fast atemlos hervor, und kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Es waren das die ersten Worte, die er hier sprach, und instinktiv wollte er sich umschauen, doch wagte er es nicht. Jewgenij Pawlowitsch erriet es und lächelte.
»Ich werde Ihnen, meine Damen und Herren, eine Tatsache mitteilen,« fuhr er im selben Ton fort, so, als wäre er mit ungeheurem Eifer bei der Sache und mache doch dabei gleichzeitig sich fast lustig, lache womöglich über seine eigenen Worte, »eine Tatsache, deren Beobachtung und sogar Entdeckung ich die Ehre habe, mir, und zwar mir ganz allein, zuschreiben zu dürfen; wenigstens ist davon noch niemals gesprochen oder geschrieben worden. In dieser Tatsache drückt sich das ganze Wesen jenes Liberalismus, jener Art von Liberalismus aus, von der ich rede. Erstens: was ist denn der Liberalismus anderes, im allgemeinen gesprochen, als ein Herfallen -- ob ein vernünftiges oder unvernünftiges ist eine andere Frage --, ein Herfallen über die bestehende Ordnung der Dinge? So ist es doch? Nun, diese meine Beobachtung besteht aber darin, daß der russische Liberalismus kein Herfallen über die bestehende Ordnung der Dinge ist, sondern ein Herfallen über das Wesen unserer Dinge, über die Dinge selbst -- nicht nur über deren Ordnung, nicht über die russischen >Ordnungen<, wenn man sich so ausdrücken darf, sondern über Rußland. Unser Liberaler ist schließlich so weit gekommen, daß er Rußland selbst verneint, also seine eigene Mutter haßt und schlägt; jede mißglückte russische Tat erweckt in ihm Gelächter, wenn nicht gar Entzücken. Er haßt die Volksbräuche, die russische Geschichte, alles. Wenn es eine Rechtfertigung für ihn gibt, so kann es höchstens die sein, daß er selbst nicht weiß, was er tut, und seinen Haß für den fruchtbarsten Liberalismus hält. O, Sie können bei uns oft einen Liberalen sehn, dem die übrigen begeistert Beifall spenden, und der vielleicht im Grunde genommen der unsinnigste, stumpfste und gefährlichste Konservative ist, ohne es selbst auch nur zu ahnen! Dieser Haß auf Rußland wurde vor noch nicht allzu langer Zeit von manchen unserer Liberalen fast für die wirkliche Liebe zum Vaterlande gehalten, und sie taten noch groß damit, daß sie besser sähen, als die anderen, worin diese Liebe bestehen müsse; jetzt jedoch sind sie bereits aufrichtiger geworden, jetzt schämen sie sich des Wortes >Vaterlandsliebe<, ja, sie wollen sogar den Begriff desselben als schädlich und dumm ausrotten und aus der Welt schaffen; diese Tatsache ist an sich vollkommen richtig, dafür komme ich auf und, einmal wenigstens muß man doch die Wahrheit ganz aussprechen, einfach und offen. Gleichzeitig ist aber diese Tatsache in keinem anderen Jahrhundert und bei keinem anderen Volke zu finden, folglich ist sie eine zufällige und vorübergehende, ich gebe es zu. Kann es doch in keinem Lande einen Liberalen geben, der sein eigenes Vaterland haßt. Womit nun läßt sich das bei uns erklären? Ich denke, nur damit, worauf ich bereits vorhin hinwies: daß der russische Liberale vorläufig noch gar kein russischer Liberaler ist. Und zwar ist das die einzige Erklärung, meine ich.«
»Ich fasse alles, was du da gesagt hast, als Scherz auf, Jewgenij Pawlowitsch,« bemerkte der Fürst Sch. sehr ernst.
»Ich habe nicht alle Liberalen gesehen und kann daher auch nicht urteilen,« sagte Alexandra Iwanowna, »aber ich habe mit Unwillen Ihre Auffassung angehört: Sie haben einen einzelnen Fall zur allgemeinen Regel erhoben, folglich haben Sie verleumdet.«
»Einen einzelnen Fall? A--a! Weil das Wort jetzt ausgesprochen ist!« griff sogleich Jewgenij Pawlowitsch auf. »Fürst, wie denken Sie darüber, ist es ein einzelner Fall oder nicht?«
»Ich muß zwar gleichfalls sagen, daß ich wenig ... Liberale gesehen und auch nur wenig mit solchen gesprochen habe,« sagte der Fürst, »doch will es mir trotzdem scheinen, daß Sie vielleicht in gewissem Sinne recht haben ... daß jener russische Liberalismus, von dem Sie sprechen, allerdings geneigt ist, Rußland selbst zu hassen, und nicht nur etwa die staatliche Ordnung der Dinge bei uns. Natürlich ist das nur zum Teil wahr ... selbstverständlich kann man das nicht von allen sagen ...«
Er stockte und verstummte, ohne seinen Gedanken ganz auszusprechen. Man sah es ihm jedoch an, daß das Gespräch sein Interesse in hohem Maße erweckt hatte, ungeachtet seiner sonstigen inneren Erregung. Die ungewöhnliche Naivität der Aufmerksamkeit, mit der der Fürst allem zuhörte, was ihn auch nur einigermaßen interessierte, und mit der er dann auch seine Antworten gab, wenn man sich an ihn wandte, machte mitunter einen ganz eigentümlichen Eindruck. Diese Naivität, dieses blinde Vertrauen, das von Spott und Scherz nichts zu ahnen schien, drückte sich nicht nur in seinem Gesicht, sondern auch in seiner ganzen Körperhaltung aus.
Jewgenij Pawlowitsch hatte sich noch nie anders als mit einem feinen, ganz feinen Spottlächeln an ihn gewandt, doch jetzt, nachdem ihm diese Antwort zuteil geworden, blickte er ihn zum erstenmal mit völlig ernstem Gesicht an, ganz als hätte er nie und nimmer eine solche Antwort von ihm erwartet.
»Also ... wie Sie das doch sonderbar ...« begann er verwundert, »... Und Sie haben mir wirklich im Ernst geantwortet, Fürst?«
»Ja, haben Sie denn nicht auch im Ernst gefragt?« versetzte der Fürst erstaunt.
Alle lachten.
»Glauben Sie das doch nicht,« Adelaida lachte, »Jewgenij Pawlowitsch treibt mit allem und allen nur seinen Spott! Wenn Sie erst wüßten, von was für Dingen er bisweilen wie von etwas durchaus Ernstzunehmendem redet!«
»Ich finde, daß man mit so ernsten Dingen nicht scherzen sollte, lassen wir daher dieses Gespräch,« versetzte Alexandra unwillig. »Wir wollten doch spazieren gehen.«