Part 40
»Aber das ist doch bestimmt nicht so gewesen, das eine ist nur ganz zufällig zum anderen gekommen, zwei Gedanken sind sich begegnet, wie das sehr oft geschieht. Bei mir geschieht das fortwährend. Übrigens glaube ich, daß das nicht gut ist, und offen gestanden, gerade wegen dieser Doppelgedanken mache ich mir die größten Vorwürfe. Es ist mir fast, als hätten Sie mir von mir selbst erzählt. Ich habe sogar mitunter gedacht,« fuhr der Fürst sehr ernst und aufrichtig interessiert fort, »daß alle Menschen so seien, so daß ich schließlich aufhörte, mich deshalb zu quälen; denn es ist sehr schwer, gegen diese Doppelgedanken anzukämpfen; ich weiß es ... Gott weiß, woher sie kommen, wie sie entstehen ... Da kommen Sie aber jetzt und nennen es doch einfach eine Gemeinheit! Nun fange auch ich wieder an, diese Gedanken zu fürchten. Jedenfalls kann ich nicht Ihr Richter sein. Aber immerhin finde ich, daß man es doch nicht so ohne weiteres eine Gemeinheit nennen kann, was meinen Sie? Sie haben auf schlaue Weise durch Tränen Geld herauslocken wollen; aber Sie schwören doch selbst, daß Ihre Beichte für Sie auch einen anderen Zweck hatte, einen geistigen, edlen, und nicht nur materiellen. Und was das Geld betrifft, so brauchen Sie es doch zum Verzechen, nicht wahr? Das aber ist freilich nach solch einer Beichte zum mindesten kleinmütig. Aber andererseits: wie soll man so plötzlich von seinen bisherigen Gewohnheiten lassen? Das geht doch nicht. Also was tun? Am besten ist, man überläßt das Ihrem eigenen Gewissen, was meinen Sie?«
Der Fürst blickte Keller mit ungeheurem Interesse an. Das Problem der »Doppelgedanken« hatte ihn offenbar schon lange beschäftigt.
»Jetzt sagen Sie mir nur gefälligst, weshalb man Sie nach alledem noch einen Idioten nennt! -- das verstehe ich nicht! -- da hört doch alles auf!« rief Keller ganz begeistert aus.
Der Fürst errötete ein wenig.
»Selbst der gerechte Mann Gottes, Bourdaloue, hätte einen Menschen nicht so geschont wie Sie! Und Sie haben mich noch menschlich mir selbst näher gebracht! Nun gut, um mich zu bestrafen und zu beweisen, daß ich gerührt bin, will ich jetzt nicht mehr hundertundfünfzig Rubel -- geben Sie mir nur fünfundzwanzig, und damit basta! Das ist alles, was ich brauche, wenigstens für zwei Wochen. Vor zwei Wochen werde ich bestimmt nicht wiederkommen mit dieser Bitte. Ich wollte mal meine Agaschka etwas verwöhnen, aber was! -- sie ist es ja doch nicht wert! O nein, gütigster Fürst, ich danke Ihnen, Gott segne Sie dafür!«
Lebedeff, der soeben aus der Stadt zurückgekehrt war und gerade eintrat, machte, als er Keller die Banknote von fünfundzwanzig Rubeln in Empfang nehmen sah, ein finsteres Gesicht; doch Keller drückte sich schleunigst. Da begann Lebedeff sofort über ihn herzuziehen.
»Sie sind ungerecht,« bemerkte schließlich der Fürst, »er hat tatsächlich aufrichtig bereut.«
»Ja, aber was will das sagen! Das ist ja doch ebenso wie ich gestern: >gemein, gemein bin ich< -- wunderschön, aber das sind doch alles nur kurze Worte!«
»So waren es also nur Worte von Ihnen? Und ich dachte bereits ...«
»Na, ich will Ihnen, aber auch nur Ihnen allein, die Wahrheit sagen; denn Sie durchschauen ja doch jeden Menschen: leere Worte und Aufrichtigkeit, Lüge und Wahrheit -- alles zusammen war's, und jedes war echt, war wirklich echt! >Wahrheit und Aufrichtigkeit< bestehen bei mir in der aufrichtigen Reue -- glauben Sie es oder glauben Sie es nicht, ich schwöre es jedenfalls -- >leere Worte und Lüge< bestehen in dem teuflischen und immer gegenwärtigen Gedanken, wie ich auch hier den Menschen übers Ohr hauen, wie ich auch hier aus den Tränen der Reue Vorteil ziehen könnte! Bei Gott, so ist es! Einem anderen würde ich es nicht sagen -- er würde mich auslachen; Sie aber Fürst, Sie denken menschlich.«
»Nun, sehen Sie: genau dasselbe, fast mit denselben Worten, hat mir auch Keller soeben gesagt, -- und beide scheinen Sie sich damit gleichsam brüsten zu wollen! Sie setzen mich sogar damit wirklich in Erstaunen ... nur hat er aufrichtiger gesprochen als Sie; denn bei Ihnen ist es schon entschieden zu einer Art Handwerk geworden. Nun, genug, reden wir nicht davon, und machen Sie schnell ein anderes Gesicht, Lebedeff, und pressen Sie doch nicht immer so die Hand aufs Herz! Haben Sie mir nicht etwas zu sagen? Sie pflegen doch nie grundlos zu mir zu kommen ...«
Lebedeff begann sich zu krümmen, zu wenden und zu drehen und hinterm Ohr zu kratzen, sagte aber kein Wort.
»Ich habe Sie den ganzen Tag erwartet, um eine Frage an Sie stellen zu können; antworten Sie mir jetzt und sagen Sie mir doch wenigstens einmal im Leben sogleich die Wahrheit: Sind Sie an dem Vorfall mit dem Wagen gestern abend beteiligt oder nicht?«
Lebedeff begann sich wieder zu winden, fuhr sich mit dem Finger in den Kragen und zweimal unter der Gurgel hin und her, räusperte sich, kicherte, räusperte sich wieder, rieb sich die Hände, nieste sogar; doch zu sprechen entschloß er sich noch immer nicht.
»Ich sehe schon, daß Sie mitgewirkt haben.«
»Aber indirekt, einzig nur indirekt! Ich sage die reinste Wahrheit! Nur insoweit mitgewirkt, als ich die gewisse Dame rechtzeitig benachrichtigt habe, daß bei ... bei mir sich so eine Gesellschaft versammelt habe, und daß auch gewisse Personen darunter seien.«
»Ich weiß, daß Sie Ihren Sohn _dorthin_ geschickt haben, er hat es mir vorhin selbst gesagt; aber was soll denn diese Intrige wieder bedeuten!« rief der Fürst ungeduldig aus.
»Das ist nicht meine Intrige, nicht meine Intrige, bei Gott nicht!« wehrte Lebedeff mit beiden Händen ab. »Hier handelte es sich um andere, ganz andere, und das Ganze ist mehr ein phantastischer Einfall, als eine Intrige zu nennen.«
»Aber um _was_ handelt es sich denn, so erklären Sie mir doch wenigstens _das_, um Christi willen! Begreifen Sie denn nicht, daß mich das diesmal direkt angeht? Hier wird doch Jewgenij Pawlowitsch angeschwärzt!«
»Fürst! Durchlauchtigster Fürst!« begann Lebedeff wieder sich zu verneigen und dabei die Hand aufs Herz zu pressen, »Sie erlauben mir doch nicht, die ganze Wahrheit zu sagen! Ich habe doch schon oft davon angefangen, nicht nur einmal, Sie aber haben mir immer sofort verboten, weiterzusprechen ...«
Der Fürst schwieg eine Weile und dachte nach.
»Nun gut; sprechen Sie die Wahrheit,« sagte er endlich gepreßt, augenscheinlich nach einem schweren Kampfe.
»Aglaja Iwanowna ...« begann Lebedeff sofort bereitwillig.
»Schweigen Sie, schweigen Sie!« schrie ihn der Fürst sogleich beschwörend an, und er wurde rot vor Unwillen, -- vielleicht auch vor Scham. »Das ist doch unmöglich, das kann doch nie und nimmer sein, das ist doch Unsinn! Sie haben sich das alles selbst ausgedacht, oder ebenso Wahnsinnige wie Sie! Und hören Sie: daß ich nie mehr auch nur ein Wort davon aus Ihrem Munde vernehme!«
Spät am Abend, bereits gegen elf Uhr, erschien endlich Koljä mit einem ganzen Sack voll Neuigkeiten. Zuerst erzählte er schnell in ein paar Worten das Wichtigste aus der Stadt, das sich hauptsächlich auf Hippolyt und den vorhergegangenen Abend bezog, und ging dann, um später wieder darauf zurückzukommen, schnell zu den Pawlowsker Neuigkeiten über.
Vor etwa drei Stunden war er aus Petersburg zurückgekehrt und, ohne beim Fürsten vorzusprechen, direkt zu Jepantschins gegangen. »Dort ist einfach alles auf den Kopf gestellt! Natürlich steht in erster Linie und obenan der Vorfall mit dem Wagen,« berichtete Koljä; doch müsse unbedingt noch etwas geschehen sein, was ihm und dem Fürsten noch unbekannt war.
»Ich wollte natürlich nicht spionieren oder ausforschen. Übrigens wurde ich sehr gut empfangen, sogar so gut, wie ich es gar nicht erwartet hatte; doch von Ihnen, Fürst, -- kein Wort!«
Die Hauptsache und das interessanteste jedoch sei, daß Aglaja sich mit allen anderen Ganjäs wegen »verrissen« habe. »Wie und weshalb -- das weiß ich nicht, nur ist es tatsächlich Ganjäs wegen geschehen -- können Sie sich das denken? Und nicht etwa im Scherz, sondern vollkommen ernst, also muß es doch etwas Wichtiges sein.« Der General sei erst spät aus der Stadt ziemlich »brummig« heimgekehrt, zusammen mit Jewgenij Pawlowitsch, der gleichfalls vorzüglich empfangen worden sei. Jewgenij Pawlowitsch sei selbst erstaunlich guter Laune, heiter und liebenswürdig gewesen. Die kapitalste Nachricht war aber die, daß die Generalin Lisaweta Prokofjewna ohne viel Wesens und Aufsehen Warwara Ardalionowna, Koljäs Schwester, die bei den jungen Mädchen gesessen, zu sich gerufen und sie ein für allemal ersucht habe, ihr Haus fernerhin nicht mehr zu betreten -- »übrigens in der höflichsten Weise -- Warjä selbst hat's mir erzählt,« fügte Koljä hinzu. Als Warjä dann noch zu den jungen Mädchen gegangen war, um sich von ihnen zu verabschieden, hatten diese ihr alle ganz unbefangen die Hand gereicht und offenbar keine Ahnung davon gehabt, daß die Mutter der Freundin die Tür gewiesen hatte und diese sich nun zum letztenmal von ihnen verabschiedete.
»Aber Warwara Ardalionowna -- war noch um sieben Uhr bei mir,« bemerkte der Fürst verwundert, »und ...«
»Und hinausgeworfen worden ist sie erst um acht oder kurz vor acht! Warjä tut mir sehr leid und ebenso Ganjä ... Sie haben natürlich immer etwas vor, ewig spinnen sie ihre Intrigen, ohne die können sie, wie's scheint, nicht auskommen. Was sie aber eigentlich wollen, was sie im Schilde führen, was sie beabsichtigen -- das habe ich nie begreifen können ... und will's auch nicht. Aber ich versichere Ihnen, lieber, guter Fürst, Ganjä hat wirklich Herz! Er ist in vielen Dingen natürlich ein verlorener Mensch, aber in anderen Dingen hat er doch gewisse Züge, die zu entdecken sich wirklich lohnt, und ich werde es mir nie verzeihen, daß ich ihn früher nicht begriffen habe ... Ich weiß nicht, soll ich dort noch weiter verkehren, nach der Geschichte mit Warjä? Ich habe mich ja wohl von Anfang an ganz unabhängig gestellt, aber man muß es sich doch noch überlegen.«
»Sie haben keine Ursache, Ihren Bruder zu bedauern,« bemerkte der Fürst. »Wenn es schon dazu gekommen ist, daß Lisaweta Prokofjewna Ihrer Schwester den Verkehr mit ihren Töchtern verboten hat, so muß Gawrila Ardalionytsch in ihren Augen gefährlich geworden sein; folglich aber müssen sich doch einzelne seiner Hoffnungen bestätigen.«
»Wie, was für Hoffnungen?« fragte Koljä erstaunt. »Oder glauben Sie etwa, daß Aglaja Iwanowna ... das ist doch unmöglich!«
Der Fürst schwieg eine Weile.
»Sie sind ein furchtbarer Skeptiker, Fürst,« sagte Koljä endlich, nach vielleicht ganzen zwei Minuten. »Es fällt mir auf, daß Sie seit einiger Zeit immer skeptischer werden; Sie fangen an, an nichts mehr zu glauben und alles zu vermuten ... Habe ich in diesem Fall das Wort >Skeptiker< nicht richtig gebraucht?«
»Ich glaube, daß es richtig ist, doch übrigens -- weiß ich es selbst nicht genau.«
»Nein, nein! -- ich sage mich selbst vom >Skeptiker< los; denn ich habe eine andere Erklärung gefunden!« rief plötzlich Koljä laut auflachend, »Sie sind nicht skeptisch, sondern einfach eifersüchtig! Sie sind wegen eines gewissen stolzen Mädchens höllisch eifersüchtig auf Ganjä!«
Koljä sprang auf und lachte, lachte, -- lachte, wie er vielleicht noch nie im Leben gelacht hatte. Und als er sah, daß der Fürst plötzlich ganz rot geworden war, lachte er noch unbändiger. Ihm gefiel der Gedanke, daß der Fürst Aglajas wegen auf Ganjä eifersüchtig sei »ganz furchtbar!« Doch kaum bemerkte er, daß der Fürst aufrichtig darunter litt, als er auch sofort zu lachen aufhörte. Dann sprachen sie noch eine oder anderthalb Stunden sehr ernst und besorgt miteinander.
Am nächsten Tage mußte der Fürst in einer unaufschiebbaren Angelegenheit nach Petersburg fahren, wo er den ganzen Vormittag verblieb. Als er gegen fünf Uhr auf den Bahnhof kam, um nach Pawlowsk zurückzufahren, stieß er dort mit General Jepantschin zusammen. Dieser erschrak zuerst, ergriff dann schnell seine Hand, und nachdem er sich fast ängstlich umgeblickt, zog er ihn schnell mit sich in ein Coupé erster Klasse, um mit ihm zusammen zurückzufahren. Er brannte vor Verlangen, mit ihm über alle die wichtigen Ereignisse zu reden.
»Vor allen Dingen, mein lieber Fürst, sei mir nicht böse, und wenn meinerseits etwas nicht so war, wie es hätte sein sollen -- so vergiß es. Ich wäre selbst gestern zu dir gekommen, ich war aber nicht sicher, wie Lisaweta Prokofjewna es ... Bei mir zu Hause ist einfach ... die Hölle los! Eine rätselhafte Sphinx hat sich dort niedergelassen, und ich gehe umher und verstehe nichts. Was dich betrifft, so bist du meiner Meinung nach von uns allen am wenigsten an der Sache schuld, wenn auch nur durch dich allein fast alles gekommen ist. Sieh, mein lieber Fürst, Philanthrop zu sein, ist angenehm, aber an sich sehr schwer. Wirst vielleicht auch schon selbst in die Früchte gebissen haben. Ich, versteht sich, ich liebe Güte und achte Lisaweta Prokofjewna, aber ...«
Der General sprach noch lange in dieser Art, doch seine Sätze waren seltsam unzusammenhängend. Jedenfalls sah man es ihm an, daß er durch etwas für ihn absolut Unbegreifliches vor den Kopf gestoßen und verwirrt, wenn nicht erschüttert war.
»Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß du an diesem ganzen Zwischenfall nicht im geringsten beteiligt bist,« sprach er sich endlich etwas deutlicher aus; »aber ich bitte dich als Freund von ganzem Herzen: besuch' uns vorläufig nicht, warte ab, bis sich der Wind gedreht hat. Und was Jewgenij Pawlowitsch betrifft,« fuhr er mit ungewöhnlichem Eifer fort, »so war das die sinnloseste Verleumdung, die man sich nur denken kann! Es liegt doch auf der Hand, daß einfach eine Intrige dahintersteckt! Die Absicht, uns mit ihm zu entzweien, schaut doch nur zu deutlich hervor! Sieh, Fürst, ich werde dir etwas ins Ohr sagen: zwischen uns und Jewgenij Pawlowitsch ist noch kein Wort gefallen, du weißt -- du verstehst doch? Wir sind noch durch nichts gebunden, -- aber dieses Wort kann vielleicht bald gesprochen werden, vielleicht sogar sehr bald! Also galt es, das zu verhindern! Weshalb aber das, wozu, warum -- das mag ein anderer wissen! Sie ist ja doch ein un--be--_rechen_--bares Frauenzimmer! Ich fürchte sie so, daß ich kaum noch schlafen kann. Und was für Pferde sie hat, was für einen Wagen! Das ist doch einfach schick, genau das, was der Franzose unter schick versteht! Und wer hat ihr das geschenkt? Bei Gott, ich habe gesündigt, noch vorgestern verdächtigte ich Jewgenij Pawlowitsch. Jetzt aber hat es sich herausgestellt, daß das ganz ausgeschlossen ist ... Wenn es aber ausgeschlossen ist, was will sie dann eigentlich, weshalb kommt sie uns dann in den Weg, weshalb will sie dann die Sache aus dem Leim bringen? _Das, das_ ist ja das Rätsel! Um Jewgenij Pawlowitsch zu behalten? Aber ich versichere dir, und hier hast du ein Kreuz, daß er mit ihr überhaupt nicht bekannt und die Wechselgeschichte nichts als ihre eigene Erfindung ist! Und mit welch einer Frechheit sie ihn noch öffentlich mit >du< anredet! Das ist ja eine reine Verschwörung! Es ist doch klar, daß man das Ganze nur mit Verachtung zurückweisen kann und die Hochachtung für Jewgenij Pawlowitsch verdoppeln muß. Das habe ich auch Lisaweta Prokofjewna gesagt. Doch jetzt werde ich dir meinen intimsten Gedanken mitteilen -- was ich so bei mir selbst denke: ich bin _fest überzeugt_, daß sie das nur deshalb getan hat, um sich an mir persönlich zu rächen; du weißt doch, für das Frühere, obgleich ich mir doch ihr gegenüber nie etwas habe zuschulden kommen lassen! Ich erröte wirklich schon bei der bloßen Erinnerung daran. Jetzt, sieh, ist sie wieder aufgetaucht, und ich glaubte bereits, sie sei für immer verschwunden. Wo sitzt denn dieser Rogoshin eigentlich, sag' mir das doch wenigstens! Ich glaubte, sie sei schon längst Madame Rogoshina!«
Mit einem Wort, man sah es dem Manne an, daß er tatsächlich durch dieses Ereignis wie vor den Kopf gestoßen war. Während der ganzen Fahrt sprach fast nur er allein; er stellte Fragen, die er selbst beantwortete, drückte dem Fürsten die Hand, und wenn er diesen von etwas schließlich überzeugt hatte, so war es nur das, daß er, der General, in bezug auf ihn, den Fürsten, nicht den geringsten Verdacht in irgendeiner, gleichviel welch einer Beziehung, ja nicht einmal ein leises Ahnen von einem möglichen Verdacht hegte. Das aber war für den Fürsten von außerordentlicher Wichtigkeit. Zum Schluß erzählte er noch von einem leiblichen Onkel Jewgenij Pawlowitschs, der in irgendeiner Kanzlei so etwas wie ein Präsident war -- »jedenfalls ein großes Tier, stark in den Siebzigern, _viveur_,{[26]} Gastronom, überhaupt, wie gesagt, ein verlockender Greis ... haha! Wie ich weiß, hat er sich auch um Nastassja Filippownas Gunst bemüht. Ich war heute zu ihm hingefahren; leider ist er krank, empfängt nicht. Aber reich ist er, schwer reich, nicht ohne Einfluß und ... gebe Gott ihm langes Leben, aber wenn er stirbt, fällt sein ganzes Vermögen wiederum Jewgenij Pawlowitsch zu ... Ja, ja ... aber ich habe doch Angst! Ich weiß selbst nicht, was ich fürchte, aber ich fürchte mich ... Es muß etwas in der Luft sein, etwas Dunkles, wie eine Fledermaus ... irgendein Unheil ist in der Luft ... Ich fürchte mich, weiß Gott, ich fürchte mich wirklich! ...«
Und erst am dritten Tage, wie bereits oben erwähnt, erfolgte schließlich die formelle Aussöhnung der ganzen Familie Jepantschin mit dem Fürsten Lew Nikolajewitsch.
XII.
Es war sieben Uhr nachmittags; der Fürst schickte sich an, in den Park zu gehen. Plötzlich erschien Lisaweta Prokofjewna ganz allein bei ihm auf der Terrasse.
»_Erstens_: Daß du mir nicht zu denken wagst,« begann sie, »ich sei hergekommen, um dich um Verzeihung zu bitten. Unsinn! Du allein bist der Schuldige.«
Der Fürst schwieg.
»Bist du der Schuldige oder nicht?«
»In demselben Maße wie auch Sie. Übrigens bin weder ich es, noch sind Sie es. Wir sind beide in nichts bewußt die Schuldigen. Vor drei Tagen hielt ich mich allerdings für schuldig, doch jetzt habe ich nachgedacht und eingesehen, daß das nicht richtig ist.«
»Also _so_ bist du! Nun gut; jetzt höre und setz' dich, denn ich habe nicht die Absicht, noch lange so zu stehen.«
Sie setzten sich.
»_Zweitens_: Kein Wort über die Bengel. Ich werde hier sitzen und zehn Minuten mit dir sprechen; ich bin gekommen, um mich bei dir nach etwas zu erkundigen (du dachtest wohl schon weiß Gott was?), aber wenn du auch nur mit einer Silbe die frechen Bengel erwähnst, stehe ich auf und gehe, und dann ist es ein für allemal aus zwischen uns, damit du's weißt.«
»Gut, ich werde sie nicht erwähnen,« sagte der Fürst.
»Jetzt erlaube die Frage: Hast du vor zwei oder zweieinhalb Monaten, so um Ostern herum, an Aglaja einen Brief zu schreiben versucht?«
»J--j--ja.«
»Zu welchem Zweck? Was stand im Brief? Zeig' ihn mir!«
Lisaweta Prokofjewnas Augen glühten, sie zitterte beinahe vor Ungeduld.
»Ich habe den Brief nicht,« sagte der Fürst verwundert, und ihm ward entsetzlich angst und bange zumute; »wenn er noch existiert und ganz ist, so befindet er sich im Besitze Aglaja Iwanownas.«
»Mach' keine Flausen! Was hast du in diesem Brief geschrieben?«
»Ich mache durchaus keine Flausen und ich brauche mich vor nichts zu fürchten. Nur kann ich durchaus keinen Grund sehen, weshalb ich nicht hätte schreiben sollen ...«
»Schweig! Später kannst du reden. Was stand in dem Brief? Weshalb bist du rot geworden?«
Der Fürst dachte eine Weile nach.
»Ich kenne Ihre Gedanken nicht, Lisaweta Prokofjewna. Ich sehe nur, daß dieser Brief Ihnen sehr mißfällt. Sie werden aber doch einsehen, daß ich mich sehr wohl weigern könnte, auf diese Frage zu antworten. Doch um Ihnen zu beweisen, daß ich nichts fürchte und durchaus nicht bereue, den Brief geschrieben zu haben, und auch keineswegs deshalb erröte,« -- der Fürst wurde fast noch einmal so rot -- »werde ich Ihnen Wort für Wort den ganzen Brief hersagen, -- ich glaube, daß ich den Inhalt behalten habe.«
Und der Fürst sagte tatsächlich aus dem Gedächtnis den ganzen Wortlaut des Briefes her.
»Solch ein Blödsinn! Was soll denn das alles bedeuten, deiner Meinung nach?« fragte Lisaweta Prokofjewna schroff, nachdem sie ungeheuer aufmerksam die Wiedergabe des Briefes angehört hatte.
»Das weiß ich selbst nicht genau; ich weiß nur, daß ich gerade das empfand, was ich schrieb. Ich hatte dort bisweilen Augenblicke, in denen ich so voll Leben und voll ungeheurer Hoffnungen war ...«
»Was waren denn das für Hoffnungen?«
»Das ist schwer zu erklären, jedenfalls aber nicht eine solche, wie Sie jetzt vielleicht annehmen. Eine Hoffnung ... nun, mit einem Wort, Hoffnung auf die Zukunft und Freude darüber, daß ich in Rußland vielleicht kein Fremder bin, kein Ausländer. Es gefiel mir plötzlich ganz unsäglich im Vaterland. Und an einem sonnigen Morgen setzte ich mich hin und schrieb an sie diesen Brief; weshalb gerade an sie -- das weiß ich nicht. Mitunter sehnt man sich doch nach einem Freunde ... so werde ich mich damals wohl auch nach einem Freunde gesehnt haben ...« fügte der Fürst nach kurzem Schweigen hinzu.
»Sag' mal: bist du etwa in sie verliebt?«
»N--nein. Ich ... ich habe an sie wie meine Schwester geschrieben; ich unterschrieb mich ja auch >Ihr Bruder<.«
»Hmhm! absichtlich; ich verstehe.«
»Es fällt mir sehr schwer, Ihnen auf diese Fragen zu antworten, Lisaweta Prokofjewna.«
»Ich weiß, daß es dir schwerfällt, aber was geht das mich an, ob es dir schwerfällt. Höre, sag' mir die Wahrheit, antworte mir wie deinem Gott: lügst du mir da was vor oder lügst du nicht?«
»Ich lüge nicht.«
»Ist es wirklich wahr, daß du nicht verliebt bist?«
»Ich ... ich glaube, daß es wahr ist.«
»Sieh mal an! -- >ich glaube<! Der Bengel hat ihn übergeben?«
»Ich hatte Nikolai Ardalionytsch gebeten ...«
»Der Bengel! Der Bengel!« unterbrach ihn Lisaweta Prokofjewna zornig. »Einen Nikolai Ardalionytsch kenne ich überhaupt nicht! Der Bengel heißt er!«
»Nikolai Ardalionytsch ...«
»Der Bengel, sag' ich dir!«
»Nein, er heißt nicht der Bengel, sondern Nikolai Ardalionytsch,« widersprach fest, wenn auch ziemlich leise, der Fürst.
»Nun gut, mein Täubchen, gut! Das werde ich dir nicht vergessen!«
Sie kämpfte ihre Erregung nieder und erholte sich ein Weilchen.
»Aber was ist das mit dem >armen Ritter<?«
»Das weiß ich nicht; davon habe ich keine Ahnung; wohl ein Scherz, denke ich.«
»Sehr angenehm, das plötzlich zu erfahren! Sollte sie es wirklich fertiggebracht haben, sich für dich zu interessieren? Hat dich doch selbst noch einen >Narren< und >Idioten< genannt.«
»Das hätten Sie mir auch nicht zu sagen brauchen,« bemerkte der Fürst vorwurfsvoll, wenn auch sehr leise.
»Sei nicht bös. Sie ist ein eigenwilliges, verrücktes, verzogenes Mädchen, -- liebt sie, so wird sie unbedingt vor den anderen über ihn herziehen und ihn verspotten; ich war genau so. Nur, bitte, triumphier' deshalb noch nicht, mein Täubchen, noch ist sie nicht dein! Niemals werde ich das glauben! Ich sage es dir, damit du jetzt gleich deine Maßregeln ergreifen kannst. Hör' mal, schwöre mir, daß du nicht mit _jener_ verheiratet bist.«
»Lisaweta Prokofjewna! Was fällt Ihnen ein? Erbarmen Sie sich!« Der Fürst sprang fast vom Stuhl auf.
»Aber fast hättest du sie doch geheiratet?«
»Fast hätte ich sie geheiratet,« murmelte der Fürst, zu Boden blickend, und er senkte den Kopf tiefer.
»Was, bist du dann etwa in _sie_ verliebt, wenn es so ist? Bist du jetzt _ihretwegen_ hergekommen? Wegen _jener_?«
»Ich bin nicht deshalb hergekommen, um zu heiraten,« antwortete der Fürst.
»Gibt es für dich etwas in der Welt, was dir heilig ist?«
»Ja.«
»Schwöre mir, daß du nicht deshalb gekommen bist, um _jene_ zu heiraten.«
»Ich schwöre es!«
»Ich glaube dir; komm, gib mir einen Kuß. So, endlich kann man freier aufatmen. Doch wisse: Aglaja liebt dich nicht, richte dich danach, und solange ich lebe, wird sie nicht die Deine werden! Hast du gehört?«
»Ich habe gehört.«
Der Fürst errötete dermaßen, daß er Lisaweta Prokofjewna überhaupt nicht anzusehen wagte.