Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Part 9

Chapter 93,659 wordsPublic domain

Jetzt scheint es mir, daß ich damals ganz plötzlich wie aus einem tiefen Traum erwachte (obschon dies mir, als es geschah, natürlich gar nicht weiter auffiel). Ich fand mich in einem großen Zimmer mit einer niedrigen Decke. Es war unsauber und die Luft darin dumpf. Die getünchten Wände waren von schmutziggrüner Farbe, in einer Ecke stand ein riesiger russischer Ofen. Durch die Fenster sah man auf die Straße, oder richtiger auf das Dach des gegenüberliegenden Hauses, und diese Fenster waren breit und niedrig, fast nur wie horizontale Spalten in der Wand. Die Fensterbretter waren so hoch vom Fußboden, daß ich auf einen Stuhl und eine Fußbank klettern mußte, um mich, und auch noch immer mit Mühe, auf meinen Lieblingsplatz hinaufschwingen zu können – wenn niemand zu Hause war, der es mir verbot. Aus unserer Wohnung konnte man fast die halbe Stadt sehen, denn wir wohnten unter dem Dach in einem sechsstöckigen, sehr, sehr großen Hause. Unsere ganze Einrichtung bestand aus der Ruine eines alten zerrissenen Ledersofas, das ganz verstaubt war und aus dem überall der Bast der Polsterung hervorsah, ferner einem einfachen, ungestrichenen Tisch, zwei Stühlen, einem Bett, in dem meine Mutter schlief, einem Schränkchen in der Ecke, einer Kommode, die immer schief stand, und einem zerrissenen papierenen Wandschirm.

Ich erinnere mich, es war einmal in der Dämmerung: das ganze Zimmer befand sich in Unordnung, auf der Diele lag alles durcheinander, Bürsten und Lappen, unser hölzernes Eßgeschirr, eine zerschlagene Flasche und ich weiß nicht was noch. Ich erinnere mich, meine Mutter war sehr aufgeregt und aus irgendeinem Grunde weinte sie. Mein Stiefvater saß in der Ecke, wie immer in einem zerrissenen Rock. Er antwortete ihr irgend etwas, antwortete unter einem höhnischen Auflachen, was meine Mutter noch mehr ärgerte, und dann flogen wieder Bürsten und Teller auf den Boden. Ich begann zu weinen und zu schreien und stürzte zu ihnen beiden. Ich war entsetzlich erschrocken und umklammerte wie verzweifelt meinen Vater, um ihn mit meinem Körper zu schützen. Gott mag wissen, weshalb es mir schien, daß der Ärger meiner Mutter grundlos und mein Vater unschuldig sei. Ich wollte für ihn um Verzeihung bitten, gleichviel was für eine Strafe an seiner Stelle auf mich nehmen. Ich fürchtete mich entsetzlich vor meiner Mutter und glaubte, daß alle sie ebenso fürchteten. Meine Mutter sah mich im ersten Augenblick ganz verwundert an, dann faßte sie mich an der Hand und zog mich hinter den Schirm. Ich beschädigte meine Hand am Bett – es schmerzte sehr –, aber der Schreck war doch größer als der Schmerz, und ich wagte nicht mal zu mucksen. Ich weiß noch, meine Mutter machte darauf meinem Vater bittere Vorwürfe, indem sie auf mich deutete. (Übrigens nenne ich ihn hier meinen Vater, obgleich er doch nur mein Stiefvater war, aber ich habe es erst viel später erfahren, daß zwischen uns überhaupt keine Verwandtschaft bestand.) Diese ganze Szene dauerte etwa zwei Stunden und zitternd vor Spannung bemühte ich mich, zu erraten, womit das alles enden werde. Endlich verstummte der Streit und die Mutter ging irgendwohin fort. Da rief mich der Vater zu sich, küßte mich, streichelte mein Haar, nahm mich auf den Schoß und ich schmiegte mich fest und süß an seine Brust. Es war die erste väterliche Zärtlichkeit, die ich empfand, und vielleicht kann ich mich deshalb von der Zeit an so gut alles Erlebten erinnern. Auch begriff ich, daß ich mir diese Liebe des Vaters durch meine Parteinahme für ihn verdient hatte, und da kam mir, ich glaube, zum erstenmal der Gedanke, daß er von der Mutter viel zu erdulden und viel Leid zu ertragen habe. Seit der Zeit konnte ich mich von dieser Vorstellung nicht mehr befreien und mit jedem Tag erregte und empörte sie mich mehr.

In jener Stunde erwachte in mir eine grenzenlose Liebe zum Vater, aber es war eine wunderliche, gleichsam gar nicht kindliche Liebe. Ich würde sagen, daß es eher ein gewisses mitleidvolles _mütterliches_ Gefühl war, wenn eine solche Bezeichnung nicht komisch wäre – für ein Kind! Der Vater erschien mir immer dermaßen bedauernswert, so ungerecht verfolgt, so tyrannisiert, kurz, ich sah in ihm einen solchen Märtyrer, daß es für mich etwas ganz Unmögliches gewesen wäre, ihn nicht bis zur Besinnungslosigkeit zu lieben, zu trösten, nicht zärtlich zu ihm zu sein, mich nicht aus allen Kräften zu bemühen, für ihn zu sorgen und ihm Gutes zu tun. Ich verstehe bis jetzt noch nicht, woher mir gerade das in den Kopf gekommen sein mag, daß er ein solcher Märtyrer, ein so unglücklicher Mensch sei! Wer hat mir das eingegeben? Wie konnte ich, ein Kind, von seinen persönlichen Mißerfolgen und Enttäuschungen überhaupt etwas verstehen? Und doch verstand ich sie, wenn ich mir auch alles nach meiner Art zurechtlegte. Aber vorzustellen vermag ich mir trotzdem nicht, wie ich zu einer solchen Auffassung gelangen konnte. Vielleicht kam das daher, daß meine Mutter gar zu streng mit mir umging, weshalb ich mich denn an den Vater hielt, als an einen Menschen, der, wie ich glaubte, ebenso ungerecht von ihr behandelt wurde und in dem ich deshalb meinen Leidensgenossen sah.

Ich erzählte bereits von meinem ersten Erwachen aus dem Kindheitsschlaf, von meiner ersten Regung in einem bewußten Leben. Mein Herz war von dem Augenblick an verwundet, meine Entwicklung setzte ein und vollzog sich mit unglaublicher, sich überhastender, ermüdender Schnelligkeit. Jetzt konnte ich mich nicht mehr mit bloßen äußeren Eindrücken zufriedengeben. Ich begann nachzudenken, zu überlegen, zu beobachten; aber dieses Beobachten geschah meinerseits so unnatürlich früh, daß mein Verstand nicht umhin konnte, alles nach eigenen Begriffen und Vorstellungen sich zurechtzulegen, und so befand ich mich denn plötzlich in einer anderen nur mir eigenen Welt. Alles um mich herum wurde immer ähnlicher jenem Wundermärchen, das der Vater mir oft erzählt hatte und das ich damals natürlich für lauterste Wahrheit hielt. So entstanden in mir seltsame Vorstellungen. Ich begriff sehr gut – aber wie das geschah, vermag ich nicht zu sagen –, daß ich in einer sonderbaren Familie lebte und daß meine Eltern irgendwie ganz und gar nicht den anderen Menschen glichen, die ich in dieser Zeit kennen lernte. Ich fragte mich, weshalb sind die anderen Menschen, die ich sehe, meinen Eltern auch äußerlich so unähnlich? Weshalb sah ich andere lachen und warum fiel es mir plötzlich auf, daß in unserem Winkel niemals gelacht wurde und niemand sich freute? Welche Macht zwang mich, das neunjährige Kind, so aufmerksam meine Umgebung zu beobachten und auf jedes Wort zu achten, das ich zufällig von den Leuten vernahm, die mir auf der Treppe oder auf der Straße begegneten, wenn ich abends meine Lumpen mit der alten Jacke meiner Mutter bedeckte, um in den nächsten Krämerladen zu gehen und für einige wenige Kupferlinge Zucker, Tee oder Brot zu kaufen? Ich begriff, und ich weiß nicht wie, daß in unserem Winkel irgendein ewiger Kummer, ein unerträgliches Leid herrschte. Ich zerbrach mir den Kopf, um zu erraten, warum das so war, und ich weiß nicht, wer mir dabei half, das Rätsel auf meine Art zu deuten: ich beschuldigte meine Mutter, ich hielt sie für die Todfeindin meines Vaters, aber ich wiederhole – ich verstehe es selber nicht, wie eine so ungeheuerliche Auffassung in meiner Phantasie entstehen konnte. Und je mehr ich mich dem Vater anschloß, um so mehr mußte ich meine arme Mutter hassen. Die Erinnerung an all das quält mich noch jetzt schmerzlich. Doch da gab es noch einen anderen Zwischenfall, der noch mehr als jener erste meine seltsame Annäherung an den Vater bewirkte.

Einmal, es war gegen zehn Uhr abends, schickte mich meine Mutter in den Laden nach Hefe. Der Vater war nicht zu Hause. Auf dem Rückwege stolperte ich versehentlich und fiel hin, mitten auf dem Trottoir, und verschüttete den ganzen Inhalt der Tasse. Mein erster Gedanke war, wie sehr sich die Mutter ärgern werde. Da fühlte ich einen schrecklichen Schmerz im linken Arm, und zugleich merkte ich, daß ich mich nicht aufrichten konnte. Die Menschen blieben stehen. Ein altes Frauchen versuchte, mich aufzuheben, ein Knabe aber, der vorüberlief, schlug mit einem Schlüssel auf meinen Kopf. Endlich wurde ich wieder auf die Füße gestellt, ich hob die Scherben der zerschlagenen Tasse auf und ging wankend weiter, kaum fähig, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Plötzlich sah ich den Vater. Er stand in der Volksmenge vor einem schönen Hause, das dem unsrigen gegenüberlag. Dieses Haus gehörte irgendwelchen vornehmen Leuten und war an jenem Abend herrlich erleuchtet. Vor dem Portal standen viele Equipagen und aus dem Inneren hörte man Orchestermusik. Ich faßte den Vater am Rockschoß, zeigte ihm die zerschlagene Tasse und sagte unter Tränen, daß ich vor Angst nicht wagte, zur Mutter zu gehen. Ich war plötzlich ohne weiteres überzeugt, daß er mich beschützen werde. Aber weshalb ich davon überzeugt war und wer es mir gesagt oder mich sonst irgendwie darauf gebracht hatte, daß ich von ihm mehr geliebt wurde, als von meiner Mutter, das weiß ich nicht. Warum ging ich zu ihm ganz furchtlos, während ich mich vor der Mutter aus lauter Furcht nicht zu zeigen wagte? Er nahm mich an der Hand, tröstete mich, und dann sagte er, er wolle mir etwas Schönes zeigen, und er hob mich auf und nahm mich auf den Arm. Ich konnte freilich nichts sehen vor Schmerz, denn er hatte meinen Arm gerade an der Stelle angefaßt, wo ich ihn mir beim Fall verletzt hatte, und das tat entsetzlich weh, aber ich schrie nicht, nur um ihn nicht zu beunruhigen. Er fragte mich mehrmals, ob ich etwas sähe. Und ich bemühte mich mit allen Fibern, ihm so zu antworten, daß es ihm recht wäre, und ich sagte, ich sähe rote Vorhänge hinter den Fenstern. Als er mich aber über die Straße auf das andere Trottoir tragen wollte, näher zum Hause, da fing ich plötzlich an zu weinen – ich weiß nicht, weshalb – umarmte seinen Hals und bat ihn, schneller nach Haus zur Mutter zu gehen. Ich weiß noch, seine Zärtlichkeit bedrückte mich und ich konnte es nicht mehr ertragen, daß der eine von ihnen, der Vater, – während ich doch beide so lieben wollte – gut und lieb zu mir war, und ich zur anderen, zur Mutter nicht zu gehen mich getraute und mich vor ihr nur fürchtete. Sie war übrigens fast gar nicht böse und sagte nur, ich solle schlafen gehen. Ich weiß noch, der Schmerz im Arm wurde immer heftiger, ich begann zu fiebern, doch war ich trotzdem ganz besonders glücklich und froh darüber, daß alles so gut verlaufen, und die ganze Nacht träumte mir von dem Hause gegenüber und von den schönen roten Vorhängen.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war mein erster Gedanke, meine erste Sorge das Haus mit den roten Vorhängen. Kaum hatte die Mutter das Zimmer verlassen, da kletterte ich gleich auf das Fensterbrett, um das schöne Haus zu betrachten. Eigentlich hatte dieses Haus auch früher schon meine kindliche Neugier erregt. Am besten gefiel es mir abends, wenn auf der Straße die Laternen angezündet wurden und wenn dann aus dem Hause und in einem nahezu blutigen Licht die purpurroten Gardinen hinter den großen Scheiben zu leuchten begannen. Vor dem Portal hielten meist vornehme Equipagen, oder die Leute kamen gerade mit schönen, stolzen Pferden angefahren, und alles das fesselte mich sehr: das Geräusch und das Rufen der Kutscher und Diener, das ganze Hin und Her vor dem Hause und die farbigen Laternen an den Wagen und die geputzten Damen, die dann ausstiegen. Das ganze wurde in meiner kindlichen Phantasie zu etwas kaiserlich Großartigem und märchenhaft Wundervollem. Und gar nach meiner Begegnung mit dem Vater vor diesem reichen Hause, da wurde es in meinen Augen noch einmal so schon und beachtenswert. Nun entstanden in meiner erwachten Phantasie seltsame Vorstellungen und Vermutungen. Es ist wohl auch kein Wunder, daß ich unter so eigentümlichen Menschen, wie meine Eltern waren, gleichfalls zu einem eigentümlichen, zu einem leidenschaftlich phantastischen Kinde wurde. Was mich ganz besonders betroffen machte, war der Kontrast der Charaktere meiner Eltern. So z. B. wunderte es mich, daß die Mutter sich beständig um unsere armselige Wirtschaft sorgte und mühte und fortwährend dem Vater darüber Vorwürfe machte, daß sie allein für alle arbeiten und alle ernähren müsse, – ich fragte mich deshalb unwillkürlich, warum denn der Vater ihr gar nicht half, warum er fast wie ein Fremder bei uns wohnte? Einzelne Worte meiner Mutter gaben mir hierüber eine gewisse Aufklärung. So vernahm ich mit Verwunderung, daß Papa ein Künstler sei (dieses Wort merkte ich mir sogleich), ein Mensch mit einem großen Talent. Meine Vorstellungskraft schuf nun sofort den Begriff für das neue Wort, eben daß ein „Künstler“ etwas ganz Besonderes, jedenfalls ein außergewöhnlicher Mensch, also etwas ganz anderes als die übrigen Menschen sein müsse. Vielleicht war es zum Teil auch das Verhalten meines Vaters, das gerade diese Auffassung begünstigte; oder vielleicht hatte ich auch vorher schon das eine oder das andere gehört, was ich jetzt vergessen habe. Seltsam verständlich war mir der Sinn der Worte, die der Vater einmal in meiner Gegenwart mit einem ganz besonderen Gefühl sagte: „Es werde eine Zeit kommen, wo auch er nicht mehr arm, sondern gleichfalls ein reicher Herr sein werde, und erst wenn die Mutter gestorben sei, würde er endlich aufleben.“

Ich weiß noch, ich erschrak entsetzlich, als ich diese Worte hörte. Mein Schreck und Entsetzen waren so groß, daß ich nicht im Zimmer bleiben konnte und auf unseren kalten Flur hinauslief, wo ich in Tränen ausbrach: und ich weinte dort herzbrechend, die Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt, das Gesicht in den Händen vergraben. Dann aber, als ich fortwährend darüber nachdachte und mich allmählich an diese schreckliche Hoffnung des Vaters gewöhnte – kam mir bald meine eigene Phantasie zu Hilfe. Wenigstens ertrug ich diese Qual der Ungewißheit nicht lange und mußte wohl naturgemäß zu irgendeiner Vermutung gekommen sein. Und da – ich weiß nicht, wie es anfing, aber zu guter Letzt glaubte ich wirklich, daß der Vater, wenn erst die Mutter gestorben sei, alsbald diese langweilige Wohnung verlassen und mit mir irgendwohin fortziehen werde. Aber wohin? – das konnte ich mir auch bis zuletzt nicht klar vorstellen. Ich erinnere mich nur, daß alles, womit ich jenen Ort, wohin wir beide gehen würden (daß wir zwei unbedingt zusammen gehen würden, stand für mich außer Frage), schmücken konnte, daß alles, was ich mir an Schönheit und Glanz und Großartigkeit vorzustellen vermochte – daß all das Verwendung in meinen Träumen von jener Zukunft fand. Ich glaubte, wir würden dann sofort reich sein und ich brauchte nicht mehr in den kleinen Laden zu gehen, um für die Mutter etwas zu besorgen, was mir immer sehr schwer fiel, da die Kinder aus dem Nachbarhause mich nie in Ruhe ließen, sobald ich aus dem Hause trat – und davor fürchtete ich mich sehr, namentlich wenn ich Milch trug oder Eier, denn ich wußte, daß ich fürs Verschütten oder Zerschlagen strenge Strafe zu erwarten hatte. Und dann malte ich mir aus, wie der Vater sich sogleich schöne Kleider bestellen und wir in ein glänzendes Haus ziehen würden, und da – da kam nun jenes reiche Haus mit den roten Vorhängen, meine Begegnung mit dem Vater vor demselben und der Umstand, daß er mir dort etwas zeigen wollte, meiner Phantasie sehr zu Hilfe. In meinen Zukunftsträumen war es ganz selbstverständlich, daß wir gerade in dieses Haus zogen, um dort wie in ewiger Seligkeit zu leben. Seit der Zeit sah ich täglich, namentlich abends, mit angespannter Neugier und Teilnahme aus unserem Fenster nach diesem für mich gleichsam verzauberten Hause, dachte an die Vorfahrt der Equipagen an jenem Abend und an die Gäste in den festlichen Gewändern, wie ich sie vorher noch nie gesehen. Und dann bildete ich mir ein, wieder die weichen Töne der Musik zu hören, die gedämpft aus dem Hause drang, und ich beobachtete die Schattenbilder der Gestalten, die sich auf den Vorhängen bewegten, und ich bemühte mich, zu erraten, was dort hinter den Fenstern vorging, – und immer schien es mir, daß dort das Paradies sei und ein ewiger Feiertag. Ich fing an, unsere armselige Dachstube und die zerlumpten Kleider, die ich trug, zu hassen. Und als einmal die Mutter mich schalt und mir befahl, vom Fensterbrett herabzuklettern, wo ich gerade wie gewöhnlich saß, da kam mir sogleich der Gedanke, sie sei eifersüchtig und wünsche nicht, daß ich dieses Haus betrachtete oder an dasselbe auch nur dachte, unser Glück sei ihr unangenehm und deshalb wolle sie es hintertreiben, wenigstens so lange, wie sie noch lebte ... Und den ganzen Abend beobachtete ich sie mißtrauisch.

Wie konnte mein Herz sich nur so verstocken gegen ein so armes, unglückliches Wesen, wie es meine Mutter war! Jetzt erst begreife ich die ganze Qual ihres Lebens und kann nicht ohne stechenden Schmerz im Herzen an ihr Martyrium denken. Ja selbst damals schon, in jener dunkeln Zeit meiner wunderlichen Kindheit, während meiner unnatürlich schnellen Entwicklung, krampfte sich mein Herz oft zusammen vor Schmerz und Mitleid – und Unruhe, Verwirrung und Zweifel drängten sich in meine Seele. Auch damals schon lehnte sich mein Gewissen gegen mich selbst auf und ich empfand es sehr wohl, daß ich ungerecht gegen sie war. Aber es war, als scheuten und mieden wir einander. Ich entsinne mich nicht, jemals zärtlich zu ihr gewesen zu sein. Jetzt sind es oft die geringfügigsten Erinnerungen, die meine Seele nachträglich erschüttern und martern. Einmal, ich weiß noch (natürlich ist das, was ich jetzt erzählen werde, nichtig, fast belanglos, aber gerade solche Erinnerungen quälen mich nun am meisten und haben sich am tiefsten meinem Gedächtnis eingeprägt), – einmal, an einem Abend, als der Vater nicht zu Hause war, wollte die Mutter mich in den kleinen Laden schicken, um für sie etwas Tee und Zucker zu kaufen. Aber sie dachte lange nach und konnte sich immer nicht entschließen und zählte halblaut die Kupferstücke – ein Bettelsümmchen, über das sie noch verfügen konnte. Sie zählte und rechnete, wenn ich nicht irre, wohl eine halbe Stunde lang und konnte doch nicht die Rechnung beenden. Zudem verfiel sie in manchen Augenblicken, wahrscheinlich vom Leid, gleichsam in einen Zustand vollkommener Gedankenversunkenheit. Als sähe ich sie vor mir, so deutlich erinnere ich mich, wie sie vor sich hin sprach, langsam, dazu die Geldstücke einzeln zählend, als wäre jedes Wort ein wichtiges Ding. Ihre Wangen und Lippen waren blaß, ihre Hände zitterten beständig und wenn sie allein dasaß und nachdachte, dann bewegte sie immer den Kopf dazu.

„Nein, nicht nötig,“ sagte sie endlich mit einem Blick auf mich, „ich werde lieber zu Bett gehen und schlafen. Wie? Willst du schlafen, Njetotschka?“ Ich schwieg; da hob sie ein wenig mein Kinn und sah mich so still und freundlich an, und ihr trauriges Antlitz klärte sich auf und verklärte sich in einem so mütterlichen und stillen Lächeln, daß mein Herz weich wurde und zu pochen begann. Überdies hatte sie mich „Njetotschka“ genannt, was bedeutete, daß sie mich in diesem Augenblick besonders lieb hatte. Diese Koseform meines Namens hatte sie selbst erfunden, indem sie meinen eigentlichen Namen Anna in ihn umwandelte. Wenn sie mich so nannte, „Njetotschka“, dann wußte ich, daß sie damit zärtlich zu mir sein wollte. Das rührte mich: ich hätte sie umarmen, mich an sie schmiegen, zusammen mit ihr weinen mögen. Sie, die Arme, streichelte dann lange meinen Kopf – vielleicht schon ganz mechanisch, ohne daran zu denken, daß sie mich streichelte, und dazu sagte sie immer: „Mein Kind, Annjeta, Njetotschka!“ Tränen wollten mir über die Wangen rollen, aber ich nahm mich krampfhaft zusammen und beherrschte mich. Ich widersetzte mich gewissermaßen sogar ihrer Zärtlichkeit, indem ich ihr gegenüber nicht das geringste Empfinden äußerte, obschon ich mich damit selber quälte. Nein, diese Verstocktheit konnte nichts Natürliches sein! Der Mutter Strenge allein hätte mich nicht so gegen sie einnehmen können. Aber ich weiß, was es war: es war diese meine phantastische Liebe zu meinem Vater, die mich in ihrer Ausschließlichkeit verdarb. Zuweilen, wenn ich nachts auf meiner harten Unterlage in meinem Schlafwinkel unter der dünnen Decke erwachte, dann wandelte mich immer eine gewisse Furcht an. Halb im Schlaf erinnerte ich mich, wie ich bis vor kurzem, als ich noch etwas jünger und kleiner war, mit der Mutter in einem Bett geschlafen und mich dann nachts beim Erwachen weniger gefürchtet hatte: da brauchte ich mich nur fest an sie zu schmiegen, die Augen zu schließen und ich schlief sofort wieder ein. Ich fühlte, daß ich sie, ob ich nun wollte oder nicht, im geheimen doch lieben mußte. In meinem späteren Leben habe ich die Beobachtung gemacht, daß viele Kinder oft entsetzlich gefühllos sind, und daß sie, wenn sie jemand liebgewinnen, diesen einen Menschen ganz ausschließlich lieben, und selbstverständlich auf Kosten anderer. So war’s auch mit mir.

Bisweilen herrschte in unserer Dachstube ganze Wochen lang Totenstille. Der Vater und die Mutter waren dann müde vom Streiten und ich lebte zwischen ihnen wie gewöhnlich, immer schweigend, immer denkend, träumend, mich sehnend, und stets in meinem Denken irgendwie bestrebt, irgend etwas mir Unbekanntes zu enträtseln. Indem ich sie beide beobachtete, begriff ich vollkommen, wie sie zueinander standen: ich begriff diese ihre dumpfe ewige Feindschaft, begriff das ganze Leid und diesen beklemmenden Druck des unordentlichen Lebens, das sich in unserer Dachstube eingenistet hatte, – begriff sie natürlich ohne ihre Ursachen und ihre ganze Tragweite, begriff sie eben nur so weit, wie ich sie damals begreifen konnte. An langen, stillen Winterabenden beobachtete ich sie aus meinem Winkel oft ganze Stunden ungestört, verfolgte jede Bewegung, studierte förmlich das Gesicht des Vaters, und gab mir die größte Mühe, zu erraten, woran er wohl denken mochte, und was ihn geistig so beschäftigte. Und dann war es wieder die Mutter, die mich betroffen machte und ängstigte. Sie konnte unermüdlich im Zimmer hin und her gehen, stundenlang, oft ging sie sogar mitten in der Nacht, wenn sie nicht schlafen konnte – sie litt überhaupt an Schlaflosigkeit – dabei flüsterte sie vor sich hin, als wäre außer ihr niemand im Zimmer, bald streckte sie die Arme aus, bald kreuzte sie sie über der Brust, bald rang sie die Hände wie in Verzweiflung oder unendlichem Weh und Kummer. Bisweilen rollten ihr Tränen aus den Augen, Tränen, die sie vielleicht selbst nicht verstand, denn es kam vor, daß sie zeitweilig wie in ein vollständiges Sich-selbst-vergessen versank. Sie hatte, zudem, außer ihren Sorgen, irgendein sehr schweres körperliches Leiden, das sie aber gar nicht beachtete.