Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Part 8

Chapter 83,749 wordsPublic domain

Jefimoff hörte seinen einstigen Genossen mit tief aufgewühlten Gefühlen an. Während jener noch sprach, trat allmählich wieder Farbe in seine bleichen Wangen, seine Augen leuchteten auf und Mut und Hoffnung erglänzte in ihnen. Aber der gute Mut wurde schnell zum Selbstgefühl und dann zu der bei ihm üblichen Anmaßung: als B. sich dem Schluß seiner Standrede näherte, da hörte Jefimoff nur noch zerstreut und schon ungeduldig zu. Trotzdem drückte er ihm zum Schluß kräftig die Hand, dankte und – schnell wie immer in seinen Übergängen von tiefster Mutlosigkeit und Selbstverurteilung zum größten Hochmut, wenn nicht gar zur frechsten Vermessenheit – erklärte er selbstbewußt, der Freund möge sich nicht um ihn sorgen, er wisse, wie er seine Zukunft zu gestalten habe. Er hoffe, bald gleichfalls Protektion zu finden, dann werde er ein Konzert geben und mit einem Schlage Ruhm und Geld erwerben. – B. zuckte mit den Achseln, erwiderte nichts darauf und sie schieden voneinander, natürlich nicht auf lange. Jefimoff verjubelte sogleich das empfangene Geld und suchte ihn dann auf, um ihn wieder um Geld anzugehen. Dasselbe tat er zum dritten-, vierten- und bald zum zehntenmal, bis endlich die Geduld B.s erschöpft war und er ihm sagen ließ, er sei nicht zu Hause. Von da an verlor er ihn ganz aus den Augen ...

Es vergingen ein paar Jahre. Da stieß B. eines Tages auf dem Heimwege aus der Probe in einer Gasse vor einer schmutzigen Trinkstube mit einem schlecht gekleideten, betrunkenen Menschen zusammen, der ihn plötzlich beim Namen nannte. Es war Jefimoff. Er hatte sich sehr verändert, sein Gesicht war gelb und aufgedunsen. Man sah es ihm auf den ersten Blick an, daß das liederliche Leben bereits seinen Zügen einen unverwischbaren Stempel aufgedrückt hatte. B. war trotzdem sehr erfreut, ihn wiederzusehen, und folgte ihm in die Trinkstube, wohin Jefimoff ihn schon nach den ersten zwei Worten zog. Dort, in einer abgelegenen kleinen verräucherten Stube, musterte er etwas eingehender seinen ehemaligen Stubengenossen. Da erst sah er, daß jener ganz zerlumpt war und daß seine Stiefel zerrissen waren. Die zerknüllte Hemdbrust hatte Weinflecke. Sein Haar fing schon an zu ergrauen und sich zu lichten.

„Wie geht es dir jetzt? Wo lebst du?“ fragte B.

Jefimoff schaute etwas betreten darein, im ersten Augenblick sogar beinahe eingeschüchtert, und antwortete so unzusammenhängend und stockend, daß B. nahe daran war, ihn für halbwegs verrückt zu halten. Endlich gestand Jefimoff, er könne nicht sprechen, bevor er nicht einen Schnaps getrunken, hier aber habe er schon lange keinen Kredit mehr. Er errötete, als er das sagte, wollte sich aber mit einem gewissen flotten Gehaben darüber hinweghelfen, was ihm jedoch mißlang: es wurde daraus etwas aufdringlich Gemeines, Unnatürliches, so daß der ganze Eindruck ein recht trauriger war und in dem gutmütigen B. aufrichtiges Mitleid erweckte. Er sah, daß alle seine Befürchtungen eingetroffen waren. Er bestellte also Schnaps. Jefimoffs Gesicht veränderte sich vor Dankbarkeit und er geriet so aus dem Gleichgewicht, daß er mit Tränen in den Augen fast im Begriffe war, B. die Hand zu küssen. Während des Essens erfuhr dann B. zu seiner größten Verwunderung, daß der Unglückliche inzwischen geheiratet hatte. Aber seine Verwunderung nahm noch zu, als er gleich darauf hören mußte, daß die Frau an seinem ganzen Unglück und Elend schuld sei, daß die Heirat sein ganzes Können vernichtet habe.

„Aber wie denn das?“ fragte B.

„Ja, Freund, seit zwei Jahren nehme ich meine Geige nicht mehr in die Hand,“ antwortete Jefimoff. „Sie ist eben ein ungebildetes, rohes Weib, eine richtige Köchin. Daß sie der ...! Na ja. Wir liegen uns nur in den Haaren, das ist alles, was wir tun.“

„Aber warum hast du sie denn geheiratet, wenn sie so ist?“

„Hatte nichts zu essen. Da machte ich ihre Bekanntschaft. Sie besaß etwa tausend Rubel ... da heiratete ich sie denn. Sie aber hatte sich in mich verliebt. Hat sich selbst mir an den Hals gehängt. Wer hatte sie drum gebeten! Das Geld ist verlebt, vertrunken, Freund, und – was Kunst! Es ist alles zum Teufel gegangen!“

B. hatte die Empfindung, als wolle Jefimoff sich gewissermaßen rechtfertigen, und zwar schien er sich damit sehr zu beeilen, wie um einer Bemerkung oder einer Frage zuvorzukommen.

„Habe alles an den Nagel gehängt, alles,“ fuhr er fort und erzählte dann, daß er es in der letzten Zeit im Spiel fast bis zur Vollendung gebracht habe, so daß ... nun ja, B. sei zwar einer der ersten Violinspieler in Petersburg, aber ihm, Jefimoff, könne er doch nicht einmal das Wasser reichen, wenn er, Jefimoff, mal spielen wollte.

„Ja, aber wie steht es denn jetzt mit dir?“ fragte B., dem der ganze Sachverhalt noch unklar war. „Warum suchst du dir dann nicht einen Verdienst?“

„Äh! – lohnt nicht!“ bemerkte Jefimoff mit wegwerfender Gebärde. „Wer versteht denn bei euch etwas von wirklicher Kunst! Was wißt ihr überhaupt? Nicht so viel, gar nichts wißt ihr! Irgend so einen Hopserwalzer den Ballettspringern vorzufiedeln – das könnt ihr allenfalls noch. Aber das ist auch alles. Wirkliche Künstler habt ihr ja überhaupt noch nicht gesehn, noch viel weniger gehört. Wozu euch aufrütteln! Bleibt, was ihr seid!“

Hierbei machte Jefimoff wieder eine geringschätzige Bewegung – geriet aber ins Wanken, da er schon ziemlich viel getrunken hatte. Dann forderte er B. auf, zu ihm zu kommen. Dieser lehnte das vorläufig ab, fragte ihn aber nach seiner Adresse und versprach, ihn am nächsten Tage aufzusuchen. Jefimoff, der nun schon genug gegessen und getrunken hatte, blickte spöttisch seinen früheren Genossen an und schien die größte Lust zu verspüren, ihn irgendwie zu verletzen. Als sie aufbrachen, griff er schnell nach B.s kostbarem Pelz und hielt ihn, wie ein Geringerer einem Höherstehenden, dem er beim Anziehen behilflich sein will. Und als sie durch das vordere Zimmer, die eigentliche Schenkstube, gingen, blieb er stehen und stellte B. den Wirtsleuten und dem Publikum als den ersten und einzigen Violinvirtuosen der ganzen Hauptstadt vor. Kurz, er benahm sich schmutzig.

Nichtsdestoweniger suchte B. ihn am anderen Morgen in der Dachkammer auf, wo wir in größter Armut lebten. Ich war damals vier Jahre alt und meine Mutter war schon seit zwei Jahren mit Jefimoff verheiratet. Meine arme Mutter! Als völlig unbemittelte Gouvernante hatte sie, die eine vortreffliche Bildung besaß und schön war, einen älteren Bekannten geheiratet, meinen Vater, um aus der Armut herauszukommen. Aber die Ehe dauerte kaum drei Jahre. Mein Vater starb ganz plötzlich. Und als sein geringer Nachlaß unter seinen Erben verteilt wurde, blieb meine Mutter mit mir und einer nur kleinen Summe zurück, die von der Hinterlassenschaft ihres Mannes ihr zufiel. Wieder eine Gouvernantenstelle anzunehmen, wäre kaum möglich gewesen, jetzt, wo sie ein kleines Kind hatte. In dieser Zeit machte sie durch einen Zufall die Bekanntschaft Jefimoffs und verliebte sich tatsächlich in ihn. Auch sie war eine Enthusiastin, eine phantastische Träumerin. Auch sie sah in ihm ein großes Genie und glaubte seinen stolzen Worten, wenn er von seiner glänzenden Zukunft sprach. Ihrer Phantasie schmeichelte die Vorstellung von dem beneidenswerten Los, die Stütze und Gefährtin eines genialen Künstlers zu sein, und so heiratete sie ihn. Schon im ersten Monat schwanden alle ihre Hoffnungen und Träume: vor ihr blieb nichts, als die armselige Wirklichkeit. Jefimoff, der sie vielleicht nur aus dem Grunde geheiratet hatte, weil sie etwa tausend Rubel besaß, legte, als das Geld zu Ende war, sogleich die Hände in den Schoß und erklärte allen und jedem – es war geradezu, als hätte er sich über den Vorwand gefreut –, daß die Heirat sein Talent vernichtet habe, daß er in einer dumpfen Stube nicht arbeiten könne, unter den Augen einer hungrigen Familie ... da könne der Verstand weder Noten noch Melodien fassen, und schließlich: dieses Unglück sei ihm eben offenbar von Anfang an bestimmt gewesen. Wie es scheint, hat er bald selbst an die Richtigkeit seiner Klagen geglaubt und sich vermutlich über diese neue Rechtfertigungsmöglichkeit wirklich gefreut. Dieser unselige, trotz aller Begabung verlorene Mensch hatte wohl schon lange nach einem äußeren Vorwand gesucht, dem er alles Unglück und alle Mißerfolge zuschreiben konnte. An den furchtbaren Gedanken, daß er für die Kunst schon längst und unrettbar verloren war, an den konnte er sich natürlich nicht gewöhnen. Er kämpfte krampfhaft gegen diese unheimliche Erkenntnis an, kämpfte wie mit einem Alb, der auf ihm lastete, und als die Wirklichkeit ihn endlich zu besiegen begann und seine Augen für Sekunden öffnete, da war es ihm, als müßte er vor Entsetzen den Verstand verlieren. Wie sollte er auch auf das verzichten, was so lange Ziel und Zweck seines Lebens gewesen war, und so glaubte er bis zur letzten Minute, oder redete es sich wenigstens ein, daß noch nichts verloren sei. Kamen aber Stunden des Zweifels, dann gab er sich wieder dem Trunk hin, um vom Rausch die Qual verdrängen zu lassen. Zu guter Letzt wußte er vielleicht selbst nicht, wie unentbehrlich ihm die Frau in dieser Zeit war. Sie war ja für ihn eine lebendige Rechtfertigung, wie es denn fast zu seiner fixen Idee wurde, daß erst dann alles wieder gut werden würde, wenn er seine Frau, _die an allem Schuldige_, begraben habe. Meine arme Mutter verstand ihn aber nicht. Als geborene Träumerin ertrug sie nicht einmal den ersten Schritt in der feindlichen Wirklichkeit. Sie wurde heftig, böse, zänkisch, geriet jeden Augenblick in Streit mit dem Mann, dem es geradezu ein Vergnügen zu sein schien, sie zu quälen, und immer wieder sagte sie ihm, er solle doch arbeiten, sonst verlerne er ja alles. Aber die Verblendung und die fixe Idee meines Stiefvaters, überhaupt seine ganze Überspanntheit machten ihn gefühllos und fast unmenschlich grausam gegen sie. Er lachte nur und schwor, die Geige vor ihrem Tode nicht wieder in die Hand zu nehmen, ohne sich über seine grausame Rücksichtslosigkeit auch nur Gedanken zu machen, wenn er ihr dies ganz unumwunden ins Gesicht sagte. Meine Mutter, die ihn trotz allem bis zu ihrem Tode leidenschaftlich liebte, war einem solchen Leben nicht gewachsen. Sie wurde kränklich und zuletzt wirklich krank, und da sie sich nie erholen konnte, lebte sie, leidend wie sie war, nur unter ewigen Qualen. Und überdies mußte sie ganz allein für den Unterhalt der Familie sorgen. Sie begann zu kochen und richtete einen Mittagstisch für Fremde ein, aber ihr Mann entwand ihr heimlich alles Geld, und da kam es denn nicht selten vor, daß sie diejenigen, die das Essen abholen wollten, mit leerem Geschirr zurückschicken mußte. Als B. uns aufsuchte, hatte sie das Kochen schon aufgegeben; sie beschäftigte sich damals mit dem Färben alter Kleider und wusch außerdem Wäsche. So fristeten wir unser Leben dort oben in der Dachstube.

Unsere Armut überraschte B.

„Hör’ mal, was redest du denn da von deiner vernichteten Kunst?“ wandte er sich an meinen Stiefvater. „Sie ernährt dich doch, und was tust du?“

„Nichts!“ versetzte mein Stiefvater.

Doch B. kannte noch nicht das ganze Unglück meiner Mutter. Ihr Mann brachte oft, wenn er nach Hause kam, eine ganze Bande der verschiedensten Kumpane mit und dann – was gab es dann nicht alles!

B. redete lange Zeit auf seinen früheren Genossen ein. Er sagte ihm auch, daß er ihm in keiner Beziehung helfen werde, wenn er sich nicht besserte, auch Geld werde er ihm nicht geben, da er es doch nur vertrinke. Zum Schluß bat er ihn, ihm etwas vorzuspielen, damit er beurteilen könne, was sich für ihn tun ließ. Während mein Stiefvater die Geige hervorholte, wollte B. meiner Mutter heimlich Geld zustecken, aber sie nahm es nicht. Zum erstenmal sollte sie Almosen annehmen! Da gab B. das Geld mir, und die arme Frau brach in Tränen aus. Mein Stiefvater nahm die Geige aus dem Kasten, besah sie, sagte aber dann, daß er zuerst Schnaps trinken müsse, ohne den könne er nicht spielen. Der Schnaps wurde geholt. Er trank und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.

„Ich werde dir aus alter Freundschaft etwas von meinen eigenen Kompositionen vorspielen,“ sagte er B. und zog unter der Kommode ein dickes, verstaubtes Heft hervor.

„Alles dies habe ich selbst geschrieben,“ sagte er, auf das Heft deutend. „Nun, du wirst ja sehen ... Das, Freund, ist etwas anderes als eure Ballettstückchen!“

B. blätterte schweigend ein paar Seiten um; dann schlug er die Noten auf, die er bei sich hatte, und bat ihn, daraus etwas vorzuspielen.

Es kränkte Jefimoff, daß seine Kompositionen so zur Seite geschoben wurden, aber er kam doch der Aufforderung nach, wohl in der Furcht, B.s Gunst und Anteilnahme zu verlieren.

Er spielte. B. erkannte, daß er in der Zeit nach ihrer Trennung viel zugelernt, also auch viel gearbeitet haben mußte, obgleich er damit geprahlt, daß er die Geige seit seiner Heirat nicht mehr angerührt habe. Da hätte man die Freude meiner armen Mutter sehen sollen! Sie sah ihren Mann an und war wieder stolz auf ihn. Der gute B. war aufrichtig erfreut und wollte unbedingt meinem Stiefvater helfen. Er hatte schon damals gute Beziehungen und so tat er denn auch alles mögliche für seinen armen Studiengenossen, nachdem er von diesem das ehrenwörtliche Versprechen gefordert und erhalten hatte, daß er sich gut aufführen werde. Zunächst kleidete er ihn besser ein, natürlich auf seine Rechnung, dann ging er mit ihm zu ein paar bekannten Persönlichkeiten, von denen es abhing, ob Jefimoff in dem Orchester ankam, wo B. ihn unterbringen wollte. Was nun die Annahme einer Stellung betraf, so hatte Jefimoff natürlich nur großgetan, wie gewöhnlich, wenn es sich bloß um Worte handelte. Wenigstens nahm er das Anerbieten seines alten Freundes mit der größten Bereitwilligkeit an. B. erzählte mir, er habe sich für ihn geschämt wegen der Schmeicheleien und der geheuchelten Bewunderung, mit denen mein Stiefvater seine Dankbarkeit habe bezeugen wollen, wahrscheinlich in der Absicht, sich dadurch B.s Wohlwollen zu sichern. Er begriff endlich, daß man ihn auf den rechten Weg stellen wollte und er hörte sogar auf, zu trinken. Schließlich erhielt er auch wirklich eine Anstellung im Orchester eines Theaters. Die Prüfung bestand er gut, denn in einem Monat hatte er sich durch Fleiß und guten Willen alles wieder angeeignet, was er in anderthalb Jahren des Nichtstuns verlernt hatte. Er versprach, auch hinfort gut zu üben, seinen neuen Pflichten getreu nachzukommen und pünktlich und nüchtern zu sein. Unsere Verhältnisse besserten sich jedoch deshalb noch keineswegs. Mein Stiefvater gab nämlich von seinem Monatsgehalt meiner Mutter nicht einen Kopeken, er verlebte alles allein, vertrank und verjubelte das Geld mit seinen neuen Freunden, von denen er sich sogleich eine ganze Schar anlegte. Es waren das größtenteils am Theater Angestellte, Choristen, Statisten, mit einem Wort Leute, unter denen er der Erste sein konnte, während er alle Talentvolleren geflissentlich mied. Diesen dagegen konnte er imponieren und eine ganz besondere Achtung einflößen, was ihm schon gleich zu Anfang gelungen war, indem er ihnen sofort erklärt und sie durch seine Überzeugung gleichfalls überzeugt hatte, daß er eine verkannte Größe, ein Genie sei, daß seine Frau ihn zugrunde gerichtet und daß ihr Kapellmeister von der ganzen Musik keine Ahnung habe. Er machte sich über alle Solisten des Orchesters lustig, ebenso über die Wahl der Stücke, die gespielt wurden, wie auch über die Komponisten der Opern. Schließlich fing er an, eine ganz neue Theorie der Musik zu erklären. Kurz, er wurde dem ganzen Orchester lästig, geriet mit allen in Streit, nicht zuletzt auch mit dem Kapellmeister, wurde seinen Vorgesetzten gegenüber grob, erwarb sich den Ruf, der unruhigste, verdrehteste und zugleich der nichtsnutzigste Mensch zu sein, und brachte es so weit, daß er allen unerträglich wurde.

Und in der Tat, es war doch recht seltsam anzusehen, daß ein so unansehnlicher Mensch, ein so schlechter und fahrlässiger Musiker so riesige Ansprüche stellte und in einem so selbstbewußten Ton prahlte.

Es endete damit, daß er sich mit B. verfeindete: er erfand eine häßliche Klatschgeschichte, eine ganz niederträchtige Verleumdung seines Wohltäters und gab sie als selbsterlebte Wirklichkeit zum besten. Nach einem halben Jahr wurde er aus diesem Orchester wegen Nachlässigkeit und unzulässiger Aufführung in nicht nüchternem Zustande ausgeschlossen. Doch damit hatte man ihn noch nicht abgeschüttelt. Bald sah man ihn wieder in zerlumpten Kleidern, denn die guten waren verkauft oder versetzt, und in diesen Kleidern suchte er seine gewesenen Kollegen vom Orchester auf, ohne darauf zu achten, ob diese davon erbaut waren oder nicht, erzählte Klatschgeschichten, schwätzte Unsinn, klagte über sein Leben und forderte alle auf, zu ihm zu kommen, um seinen Hausdrachen zu sehen. Natürlich fanden sich Zuhörer, es fanden sich auch solche, denen es Spaß machte, dem an die Luft gesetzten Kollegen mittels Alkohol die Zunge zu lösen und sich durch sein Geschwätz erheitern zu lassen. Übrigens sprach er dann immer mit Geist und Witz, untermischte seine Reden mit beißendem Spott und diversen Zynismen, die namentlich bei gewissen Zuhörern stets des Beifalls sicher sind. Man nahm ihn für einen etwas verschrobenen Narren, den plaudern zu hören in müßigen Stunden ganz amüsant war. Auch zogen die Kollegen ihn gern auf, indem sie in seiner Gegenwart von einem neuen großen Violinvirtuosen zu sprechen anfingen, der sich angeblich auf einer Konzertreise in Rußland befinden sollte und auch nach Petersburg kommen werde. Sobald er das hörte, veränderte sich sein Gesicht, er wurde kleinlauter, erkundigte sich, wie der Künstler hieß, wo er konzertierte, wie groß denn sein Talent sei, und war offenbar eifersüchtig auf den Ruhm der ihm unbekannten Größe. Es scheint, daß erst in dieser Zeit sein systematischer Wahnsinn, sein Größenwahnsinn begann, diese fixe Idee, daß er der erste Geigenvirtuose, mindestens in Petersburg sei, daß aber das Schicksal ihn verfolge und er dank verschiedenen Intrigen natürlich nicht verstanden werde und deshalb in seiner Unbekanntheit verbleibe. Letzteres schmeichelte ihm sogar, denn es gibt solche Charaktere, die sich mit Vorliebe für verfolgt und unverstanden halten und sich laut darüber beschweren, oder im stillen zur Sättigung ihres Ehrgeizes wenigstens selber ihre nicht anerkannte Größe anbeten. Jefimoff kannte alle Petersburger Violinvirtuosen und konnte sie an den Fingern herzählen, doch war von ihnen allen, nach seiner Ansicht, kein einziger ihm gewachsen. Seine Kollegen aber und andere Sachverständige, auch manche Laien, die seinen Größenwahn kannten, brachten das Gespräch gerade deshalb auf die angebliche neue Größe, um ihn zu veranlassen, den vermeintlichen Rivalen im voraus zu kritisieren. Ihnen gefiel sein Grimm, seine boshaften Einfälle, es gefielen vor allen Dingen die sachlichen, klugen Bemerkungen, die er machte, wenn er das Spiel der anderen kritisierte. Oft verstanden sie ihn nicht, doch dafür waren sie überzeugt, daß kein zweiter auf der Welt so geschickt und in so packenden Karikaturen die Größen unter den zeitgenössischen Musikern darzustellen und herunterzureißen wußte. Und sogar diese Künstler, über die er so schonungslos spottete, fürchteten ihn ein wenig, denn sie kannten nicht nur seinen beißenden Witz, sondern erkannten auch die Richtigkeit seiner Angriffe und Urteile. Man hatte sich gewissermaßen schon daran gewöhnt, ihn in den Korridoren und hinter den Kulissen des Theaters zu sehen. Die Bedienten gewährten ihm widerspruchslos den Zutritt, wie einer unentbehrlichen Person. So wurde er im Theater zu einer Figur, etwa von der Art eines musikalischen Thersites. Das dauerte etwa zwei bis drei Jahre. Endlich aber fiel er allen auch in dieser seiner letzten Rolle lästig. Man setzte ihn formell vor die Tür und in den zwei letzten Jahren seines Lebens war mein Stiefvater für diese Leute wie verschollen, keiner von ihnen sah ihn je wieder. Übrigens – B. ist ihm doch noch zweimal begegnet, und zwar sah er ihn in einer so elenden Verfassung, daß noch einmal das Mitleid seinen Ekel besiegte. Er rief ihn an, aber das kränkte Jefimoff und er tat, als hätte er nichts gehört, zog seinen alten verbeulten Filz noch mehr über die Augen und ging vorüber. Es verging einige Zeit, da wurde B. am Morgen eines großen Festtages gemeldet, daß sein ehemaliger Kollege Jefimoff ihm zum Fest zu gratulieren wünsche. B. ging ihm entgegen. Jefimoff stand berauscht im Vorzimmer, verbeugte sich äußerst tief, fast bis zur Erde, seine Lippen murmelten etwas Unverständliches, doch weigerte er sich hartnäckig, näherzutreten. Der Sinn seines Besuches war ungefähr der: „Wie können wir unbegabten Leute mit so großen und vornehmen Berühmtheiten wie Euer Wohlgeboren Umgang pflegen? Für uns Geringe genügt auch ein Dienerplatz, wenn wir zum Fest gratulieren kommen: wir machen unseren Bückling und gehen wieder.“ Mit einem Wort, er war schmutzig, dumm und widerlich gemein. Seit jenem Morgen sah ihn B. lange Zeit nicht mehr, bis – bis zu der Katastrophe, mit der dieses ganze traurige, erstickend trostlose, kranke Leben endete. Es geschah das auf eine furchtbare Weise. Diese Katastrophe ist nicht nur das erschütterndste Erlebnis meiner Kindheit, sie ist sogar für mein ganzes Leben entscheidend gewesen. Doch zuvor muß ich noch erzählen, wie meine Kindheit war, und erklären, welche Bedeutung dieser Mensch für mich hatte, dieser Mensch, der einen so qualvollen Eindruck auf mein Kindergemüt machte und der die Ursache des Todes meiner armen Mutter gewesen.

II.

Meine Erinnerung an meine Kindheit reicht nicht sehr weit zurück, eigentlich nur bis zu meinem zehnten Jahr. Ich weiß nicht, wie es zu erklären ist, daß alles, was ich bis dahin erlebt habe, keinen einzigen klaren Eindruck in mir hinterlassen hat, an den ich mich jetzt noch erinnern könnte. Aber ungefähr von der Mitte meines neunten Jahres an, da erinnere ich mich des Erlebten fast Tag für Tag: es ist wie eine laufende Kette von Erinnerungen, ganz als wäre das alles erst gestern geschehen ... Allerdings kann ich mich auch noch einiger früherer Erlebnisse entsinnen, aber doch nur wie im Traum. So erinnere ich mich z. B. des immer brennenden Lämpchens in der dunklen Ecke vor einem altertümlichen Heiligenbilde; dann, wie ich einmal auf der Straße einem Pferde unter die Beine geriet, worauf ich, wie man mir später erzählt hat, drei Monate lang krank gelegen habe; ferner, wie ich während dieser Krankheit einmal in der Nacht neben meiner Mutter, in deren Bett ich schlief, plötzlich im Traum aufschrak und vom Schreck erwachte, und wie ich mich dann vor der nächtlichen Stille und Dunkelheit und den in der Ecke raschelnden und knabbernden Mäusen fürchtete; Ich zitterte die ganze Nacht vor Angst, ich zog mir sogar die Decke über den Kopf, aber ich wagte trotzdem nicht, meine Mutter zu wecken, woraus ich schließe, daß meine Furcht vor ihr noch größer war als vor den Mäusen und der Dunkelheit. Aber von der Stunde an, wo plötzlich das Bewußtsein in mir erwachte, entwickelte ich mich schnell, wider Erwarten schnell, und viele nichts weniger als kindliche Geschehnisse wurden mir mit einemmal in geradezu unheimlicher Weise faßbar. Alles klärte sich vor mir auf, alles wurde mir in kürzester Zeit verständlich. Und diese Zeit, in der ich bewußt zu leben anfing, an die ich mich, im Gegensatz zu den vorhergegangenen Jahren, mit ungewöhnlicher Deutlichkeit erinnere, hat in mir einen tiefen und traurigen Eindruck hinterlassen. Dieser Eindruck wiederholte sich dann jeden Tag und wuchs mit jedem Tag; er verlieh der ganzen Zeit meines Zusammenlebens mit meinen Eltern und somit meiner ganzen Kindheit eine dunkle und eigenartige Farbe.