Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held
Part 7
Gegen Mitternacht öffnete sich die Tür des Zimmers, in dem Jefimoff gefangen saß. Es war der Gutsbesitzer. Er war im Schlafrock und in Morgenschuhen und hielt eine brennende Laterne in der Hand. Offenbar hatte er nicht einschlafen können, hatte wach gelegen, bis er schließlich, um den quälenden Gedanken ein Ende zu machen, trotz der späten Stunde wieder aufgestanden war. Jefimoff schlief nicht: mit Verwunderung sah er den späten Gast eintreten. Der stellte die Laterne auf den Tisch und setzte sich in schwerer Erregung ihm gegenüber auf einen Stuhl.
„Jegor,“ sagte er, „warum hast du mir das angetan?“
Jefimoff antwortete nicht. Der Gutsbesitzer wiederholte die Frage und ein seltsam tiefes Gefühl, ein seltsamer Kummer klang aus seinen Worten.
„Ja, das mag Gott wissen, warum!“ entgegnete endlich mein Stiefvater und wandte das Gesicht fort. „Da muß schon der Teufel seine Hand im Spiel gehabt haben! Ich weiß es selber nicht, wer mich zu all dem treibt! Nun ja, ich kann nicht mehr bei Ihnen bleiben, ich kann nicht ... Der Teufel sitzt mir auf dem Halse!“
„Jegor!“ hub der Gutsbesitzer an, „komm zu mir zurück! Ich werde alles vergessen, werde dir alles verzeihen. Höre: du wirst der Erste unter meinen Musikern sein, ich werde dich unvergleichlich besser stellen ...“
„Nein, Herr, nein, reden Sie nicht weiter – ich gehöre nicht mehr zu Ihnen! Ich sagte Ihnen schon, der Teufel sitzt mir auf dem Halse. Ich würde Ihr Haus anzünden, wenn ich bliebe. Es kommt so über mich – und zuweilen ist es solch eine Qual, daß es besser wäre, ich wär’ nicht geboren! Jetzt kann ich nicht mehr für mich einstehen, also lassen Sie mich schon lieber in Ruh, Herr. Das ist alles über mich gekommen, seitdem dieser Teufel mit mir Freundschaft schloß ...“
„Wer das?“ fragte der Gutsbesitzer.
„Nun, jener doch, der dort wie ein Hund am Zaun krepierte, von dem keiner mehr was wissen wollte, der Italiener!“
„Hat _er_ dich, Jegoruschka, im Geigenspiel unterrichtet?“
„Ja. Er. Vieles habe ich von ihm gelernt – zu meinem Verderben. Hätt’ ich ihn doch lieber nie gesehn!“
„Aber spielte er denn auch so meisterhaft die Geige, Jegoruschka?“
„Nein, er selbst spielte schlecht, aber er unterrichtete gut. Gelernt habe ich allein, er hat mich nur geleitet – und eher könnte mir die Hand verdorren, als daß ich diese Kunst verlernte! Ich weiß jetzt selbst nicht, was ich will. Versuchen Sie es, fragen Sie mich: ‚Jegorka! was willst du? Ich kann dir alles geben!‘ – Ich würde gewiß, so wahr ich lebe, Ihnen kein Wort zu antworten wissen, denn ich weiß selbst nicht, was ich will. Nein, Herr, lassen Sie mich lieber in Ruh. Ich werde doch unbedingt so etwas mit mir anstellen, daß man mich ... etwas weiter fortschickt, und damit Punktum!“
„Jegor!“ begann der Gutsbesitzer nach einer Weile wieder, „so ohne weiteres werde ich dich nicht verlassen. Willst du nicht bei mir bleiben, dann geh; du bist ein freier Mensch, halten kann ich dich nicht. So einfach aber werde ich jetzt doch nicht von dir fortgehen, Jegor. Spiel’ mir etwas vor, auf deiner Geige, tu mir den Gefallen, Jegor. Ich bitte dich, spiel’! – um Christi willen! Ich befehle dir nicht, verstehe mich nicht falsch, ich will dich nicht zwingen; aber ich bitte dich von Herzen: spiel’ mir, Jegoruschka, spiel’ mir das vor, was du dem Franzosen vorgespielt hast! Erleichtere mein Herz! Du bist halsstarrig – gut, ich bin’s auch. Du siehst, ich habe gleichfalls meinen Dickschädel, Jegoruschka. Ich kann dir nachfühlen, so fühl’ auch du, wie ich fühle. Ich will nicht leben, wenn du mir nicht aus eigenem freiem Willen das vorspielst, was du dem Franzosen vorgespielt hast!“
„Nun gut, es sei!“ sagte Jefimoff. „Ich hatte mir wohl geschworen, Ihnen niemals vorzuspielen, gerade Ihnen nicht, aber mein Herz entbindet mich jetzt von meinem Schwur. Ich werde Ihnen vorspielen, doch, damit Sie’s wissen, zum ersten und zum letzten Mal, Herr, Sie sollen mich nie wieder hören, niemals, und sollten Sie mir auch – tausend Rubel bieten.“
Er nahm seine Geige und begann, seine Variationen russischer Lieder zu spielen. B. sagte mir, nichts habe er mit solcher Leidenschaft und so wundervoll gespielt, wie diese Variationen – sie wären sein erstes und bestes Können gewesen. Dem Gutsbesitzer, der ohnehin Musik nicht gleichmütig anhören konnte, rannen die hellen Tränen über die Wangen. Als das Spiel zu Ende war, stand er auf, nahm dreihundert Rubel aus seiner Brieftasche, reichte sie meinem Stiefvater und sagte:
„Jetzt geh, Jegor. Ich werde dich von hier hinauslassen, und deine Beleidigung des Grafen – auch das laß meine Sorge sein: ich werde alles beilegen. Aber nun höre: komme mir nie wieder in den Weg. Die Welt steht dir offen, und wenn wir uns begegnen sollten, so wird es sowohl mir wie dir peinlich sein. Nun, leb’ wohl! ... Wart’! Noch einen Rat gebe ich dir auf den Weg, nur einen: trink nicht und lerne, lerne unermüdlich. Auch bilde dir nicht zu viel ein! Das sage ich dir, sage es dir wie dein leiblicher Vater es dir sagen würde. Also gib acht, ich wiederhole es: lerne und rühre das Glas nicht an, greifst du aber einmal nach ihm und trinkst einen Schluck aus Kummer (und den wirst du reichlich kennen lernen!) – dann ist alles verloren, das wisse, dann geht dir alles zum Teufel und dann wirst auch du vielleicht genau so, wie dein Italiener, irgendwo in einem Graben verrecken. Jetzt lebe wohl! ... wart’, küss’ mich.“
Sie küßten sich, und darauf erhielt er seine Freiheit.
Doch kaum war er frei, da begann er damit, daß er in der nächsten Kreisstadt seine dreihundert Rubel verjubelte, und zwar in Gesellschaft heruntergekommener, ganz verwahrloster Menschen, worauf er sich gezwungen sah, in das jämmerliche Orchester einer wandernden Theatertruppe einzutreten, wo er die erste und wahrscheinlich einzige Geige spielte. Das stimmte nun freilich nicht ganz überein mit seinen anfänglichen Absichten: so bald als möglich nach Petersburg zu fahren, dort in ein gutes Orchester einzutreten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und die übrige Zeit des Tages ausschließlich dazu zu benutzen, um sich zu einem vollendeten Künstler auszubilden. In jener kleinen Musikkapelle hielt er es denn auch nicht lange aus: er geriet mit dem Unternehmer in Streit, kündigte ihm und verließ die Gesellschaft. Dann brach für ihn eine Zeit an, in der er schließlich seinen Mut so weit verlor, daß er sich zu einer verzweifelten Tat entschloß, die seinen Stolz tief erniedrigte. Er schrieb an den Gutsbesitzer, seinen früheren Brotherrn, schilderte seine Lage und bat um Geld. Der Brief war noch in ziemlich selbstbewußtem Tone geschrieben, eine Antwort aber erhielt er auf ihn nicht. Dann schrieb er einen zweiten, diesmal einen erniedrigend schmeichelhaften Brief, in dem er den Gutsbesitzer seinen Wohltäter und einen wirklichen Kunstkenner nannte, um ihn zum Schluß wieder um eine Unterstützung zu bitten. Auf diesen Brief erhielt er endlich eine Antwort. Der Gutsbesitzer sandte ihm hundert Rubel mit ein paar von der Hand seines Kammerdieners geschriebenen Zeilen, in denen er erklärte, daß er hinfort mit Ähnlichem verschont zu bleiben wünsche. Nach Empfang dieses Geldes wollte mein Stiefvater sogleich nach Petersburg reisen, als er aber seine Schulden bezahlt hatte, blieb ihm nur noch so wenig von dem Gelde übrig, daß er an die Ausführung der geplanten Reise nicht mehr denken konnte. Er blieb also in der Provinz, trat wieder in irgendeine Musikkapelle ein, geriet dort wieder in Streit mit den anderen, und indem er sich so durchschlug, immer in der Hoffnung, bald nach Petersburg reisen zu können, verlebte er ganze sechs Jahre in der Provinz – bis ihn eines Tages Entsetzen erfaßte. Mit Verzweiflung sah er ein, wie viel seine Kunst durch dieses bedrückende und ungeordnete Bettlerleben bereits eingebüßt hatte. So ließ er eines Morgens seine Kapelle im Stich, nahm seine Geige und machte sich auf den Weg nach Petersburg, wo er nahezu als Strolch ankam. Er mietete sich irgendwo in einer elenden Dachkammer ein: und dort traf er zum erstenmal mit B. zusammen, der damals gerade erst aus Deutschland herübergekommen war und gleichfalls hier Karriere machen wollte. Sie schlossen bald Freundschaft miteinander. B. denkt jetzt noch mit tiefer Rührung an jene Zeit. Sie waren beide jung, beide hatten sie dieselben Hoffnungen und dasselbe Ziel, dem sie zustrebten. Nur war B. noch jünger und hatte von Armut und Leid und Künstlerelend erst wenig erfahren: überdies war er vor allen Dingen Deutscher und strebte zu seinem Ziel gewissermaßen systematisch und starrköpfig hin, mit ganz objektiver Einschätzung seiner Begabung, nachdem er schon im voraus genau berechnet hatte, wie weit er es bringen würde. Sein neuer Freund dagegen war immerhin schon dreißig Jahre alt, hatte sich durch das Elend bereits ermüden lassen, hatte schon an Geduld und Spannkraft verloren und seine ersten Kräfte eingebüßt, da er ganze sieben Jahre für sein täglich Brot in Provinztheatern und kleinen Orchestern auf verschiedenen Gütern hatte fiedeln müssen. Was ihn in dieser Zeit aufrechterhalten, war der ewige unverrückbare Gedanke, sich endlich aus seiner Misere herauszuarbeiten, Geld zu sparen und dann nach Petersburg zu reisen. Aber der Gedanke war unklar, dunkel, fast nur wie ein innerliches „Sich zu etwas berufen fühlen“, so daß er denn auch mit den Jahren viel von der anfänglichen Klarheit verlor. Als er nun endlich in Petersburg eintraf, da war eigentlich alles gleichsam unbewußt geschehen, wie aus einer alten Gewohnheit an einen ewigen Wunsch und ein ewiges Sichausmalen dieser Reise, so daß er beinahe selbst nicht mehr wußte, was er hier eigentlich suchte. Sein Enthusiasmus war konvulsivisch, sprunghaft, oft mit geradezu galliger Bitterkeit gepaart, oft sinnverwirrend, als wollte er mit diesem Enthusiasmus sich selbst betrügen und glauben machen, daß seine Kraft noch ungebrochen, daß seine erste Glut, seine erste Begeisterung noch ungeschwächt seien. Diese immerwährende Begeisterung machte auf den kühlen, mehr wissenschaftlich veranlagten B. den größten Eindruck. Sie blendete ihn und er sah in meinem Stiefvater geradezu ein zukünftiges Weltgenie. Anders konnte er sich die Zukunft seines Gefährten gar nicht vorstellen. Doch bald wurden ihm die Augen geöffnet und er erkannte, mit wem er es zu tun hatte. Er sah und begriff, daß diese ganze gewaltsame Begeisterung, diese Hitze und Ungeduld nichts anderes waren, als eine unbewußte Verzweiflung in der Erinnerung an die verlorene Zeit, in der er seine Begabung nicht auszuentwickeln vermocht hatte, begriff, daß schließlich sogar das Talent an sich, vielleicht sogar auch in den Anfangsjahren, gar nicht so groß gewesen war, fühlte heraus, daß da viel Verblendung mitspielte, unnützes Selbstgefühl, ursprünglicher Ehrgeiz und eine unausgesetzt arbeitende Phantasie, die sich immer nur mit dem eigenen Genie beschäftigt hatte.
„Aber trotzdem,“ erzählte B., „muß ich die eigenartige Natur meines Freundes immer wieder bewundern. Vor meinen Augen spielte sich ein steter Kampf ab – der verzweifelte, fieberhafte Kampf eines krampfhaft angespannten Willens mit einer inneren Kraftlosigkeit. Der Unglückliche hatte sich bis dahin ganze sieben Jahre mit den bloßen Gedanken an seinen zukünftigen Ruhm begnügt und über diesen Zukunftsträumen gar nicht bemerkt, wie ihm mit der Zeit die Grundlage der Kunst immer mehr abhanden kam, wie er nach und nach seine Technik verlor und damit das Werkzeug seiner Kunst. Währenddessen aber entstanden in seiner wirren Phantasie jeden Augenblick die großartigsten Zukunftspläne. Er wollte nicht etwa nur ein erstklassiges Genie sein, der größte aller Violinvirtuosen der Welt, für den er sich bereits allen Ernstes hielt, – nein, er wollte überdies noch Komponist werden, – ohne vom Kontrapunkt auch nur eine Ahnung zu haben. Am meisten jedoch wunderte mich,“ fuhr B. fort, „daß dieser Mensch bei seinen geringen Kenntnissen von der Theorie der Kunst ein so tiefes, klares und man kann wohl sagen instinktives Kunstverständnis hatte. Er erfaßte und fühlte die Kunst so tief, daß es schließlich kein Wunder war, wenn er sich in seiner Selbsterkenntnis verirrte und sich, anstatt für einen tief nachempfindenden Kunstkritiker zu halten, für einen Kunstschöpfer, für ein Genie hielt. Zuweilen konnte er in seiner ungeschliffenen einfachen Ausdrucksweise, ohne, wie gesagt, etwas von einer Theorie oder Musikwissenschaft zu ahnen, so tiefe Wahrheiten sagen, daß ich ihn ganz verblüfft ansah und nicht begriff, wie er das alles erraten hatte, er, der nie etwas las, nie etwas lernte! Ich verdanke ihm viel,“ gestand B. freimütig, „denn er hat mit seinen Ratschlägen mir nicht wenig bei meiner Selbstvervollkommnung geholfen. Was nun mich betrifft,“ fuhr B. fort, „so war ich über meine Zukunft ganz ruhig. Auch ich liebte meine Kunst leidenschaftlich, obwohl ich von Anfang an wußte, was aus mir werden konnte, eben, daß ich im Grunde doch nur so etwas wie ein Handwerker in der Kunst bleiben würde.
Ich bin aber doch stolz darauf, daß ich das, was die Natur mir gegeben, nicht wie ein fauler Knecht verscharrt, sondern hundertfältig vergrößert habe. Und wenn man jetzt die Reinheit meines Spiels hervorhebt und meine ausgearbeitete Technik bewundert, so verdanke ich das nur meiner ununterbrochenen, unermüdlichen Arbeit, der vollen Erkenntnis, d. h. der sachlichen Einschätzung meiner Kräfte, meiner freiwilligen Selbstverleugnung und meinem ewigen Kampf gegen Eigendünkel, gegen Zufriedenheit mit dem eigenen Können, gegen die Faulheit, der natürlichen Folge dieser Zufriedenheit.“
B. hatte dann versucht, auch seinerseits auf den Gefährten einzuwirken, nachdem er sich ihm anfangs ganz untergeordnet, aber sein gutgemeinter Rat hatte den anderen nur geärgert. Die Folge davon war eine langsam zunehmende Entfremdung. Bald bemerkte B., daß sein Genosse sich immer häufiger einer gewissen Apathie hingab, verstimmt und gelangweilt war, daß die Ausbrüche seiner Begeisterung immer seltener wurden, und sich statt dessen eine trostlose Mutlosigkeit bemerkbar machte. Zu guter Letzt schien Jefimoff auch seine Geige zu vergessen und rührte sie oft wochenlang nicht an. Da war es denn nicht mehr weit bis zum endgültigen Verkommen – und bald gab der Arme sich allen Lastern hin. Wovor ihn der Gutsbesitzer gewarnt hatte, gerade das geschah: er ergab sich dem Trunk. B. beobachtete ihn mit Entsetzen. Raterteilen und Zureden half nichts, das wußte er, und übrigens getraute er sich kaum noch, dem anderen ein Wort zu sagen. Allmählich verfiel Jefimoff in den größten Zynismus und verlor offenbar jedes Ehrgefühl. So, zum Beispiel, schämte er sich nicht im geringsten, auf B.s Kosten zu leben, und zwar tat er das in einer Art, als habe er das volle Recht dazu. Dabei waren die Mittel knapp. B. schlug sich noch irgendwie durch, erteilte Unterricht, spielte bei Kaufleuten, Deutschen und geringeren Beamten, wenn diese ihre Kränzchen und Tanzabende hatten, bekam dafür zwar nicht viel, aber immerhin genug, nun, um sich eben durchzuschlagen. Jefimoff dagegen wollte, wie es schien, die Notlage seines Freundes überhaupt nicht bemerken. Er nahm nicht die geringste Rücksicht auf ihn, sprach mit ihm in strengem Tone oder würdigte ihn mehrere Tage lang keines Wortes. Einmal äußerte B. mit aller Rücksicht und Vorsicht zugleich, daß es nicht schlecht wäre, wenn er sein Geigenspiel nicht gar zu sehr vernachlässigte, da er sonst ganz aus der Übung kommen könnte. Darüber ärgerte sich Jefimoff sehr und erklärte, er werde seine Geige hinfort überhaupt nicht mehr anrühren, – ganz als erwartete er, daß jemand ihn kniefällig darum bitte. Ein anderes Mal forderte B. ihn auf, mit ihm auf einem jener Bälle zu spielen: es sei ein größeres Fest, eine Geige genüge nicht. Diese Aufforderung versetzte Jefimoff in helle Wut. Empört erklärte er, er sei kein Straßenfiedler und könne nicht so gemein sein wie B. und die edle Kunst dermaßen erniedrigen, daß er simplen Spießbürgern, die von seinem Spiel und Talent doch nichts begriffen, zum Tanze aufspielte. B. erwiderte darauf kein Wort, Jefimoff aber begann in der Abwesenheit des Genossen, der fortgegangen war, um zu spielen, über den Zwischenfall nachzudenken und kam zu dem Schluß, B. habe ihm damit nur sagen wollen, daß er, Jefimoff, auf seine Rechnung lebe, und mit dieser Andeutung habe er ihm den Gedanken nahelegen wollen, gleichfalls Geld zu verdienen. Als B. zurückkehrte, begann Jefimoff plötzlich, ihm wegen seiner gemeinen Handlungsweise Vorwürfe zu machen, und schloß damit, daß er keine Minute länger mit ihm unter einem Dach bleiben werde. Er verschwand auch wirklich auf zwei Tage, am dritten aber erschien er wieder bei B., als wäre nichts geschehen, und setzte ruhig seine alte Lebensweise bei ihm fort.
Nur die frühere Freundschaft und die alte Gewohnheit, und überdies wohl auch noch das Mitleid, das B. mit dem verlorenen Menschen empfand, hielten ihn davon ab, dieser schmählichen Lebensweise ein Ende zu machen und sich endgültig von seinem Stubengenossen loszusagen. Schließlich trennten sie sich aber doch. B. hatte Glück: er gewann die Protektion eines hohen Würdenträgers und bald darauf gab er sein erstes Konzert, das glänzend ausfiel. Damals war er schon ein vorzüglicher Künstler und bald verschaffte ihm seine schnell zunehmende Berühmtheit eine Stellung im Orchester der Kaiserlichen Oper, wo er vollauf verdienten Erfolg errang. Beim Abschied gab er Jefimoff noch Geld und beschwor ihn, doch wieder auf den rechten Weg zurückzukehren. Auch jetzt kann B. nicht ohne ein inniges Mitgefühl an ihn zurückdenken. Seine Bekanntschaft mit Jefimoff ist eben eines der größten Erlebnisse seiner Jugend gewesen und hat den tiefsten Eindruck in ihm hinterlassen. Gemeinsam hatten sie das gleiche Ziel erreichen wollen, wie sollten sie sich da nicht einander anschließen. Einerseits kam es, wie es nicht anders kommen konnte; anderseits waren es vielleicht gerade die Seltsamkeiten und die gröbsten, unangenehmsten Mängel Jefimoffs, die B. noch mehr an ihn fesselten. B. begriff ihn vollkommen. Er durchschaute ihn völlig und ahnte, wie das ganze enden mußte. Beim Abschied umarmten sie sich und ihre Augen wurden feucht. Da sagte Jefimoff unter Tränen mit versagender Stimme, daß er ein verlorener Mensch sei, er wisse es ja schon längst, aber jetzt erst habe er die ganze Größe seines Elends erfaßt.
„Ich habe kein Talent!“ stieß er hervor, totenblaß.
B. war erschüttert.
„Höre, Jegor Petrowitsch,“ begann er, „was machst du aus dir? Du richtest dich mit deiner Verzweiflung nur zugrunde, hab’ doch nur ein bißchen Ausdauer und Mannhaftigkeit! Jetzt sagst du in einer Anwandlung von Mutlosigkeit, du hättest kein Talent. Das ist aber doch nicht wahr! Du hast Talent, ich versichere dich! Gerade _du_ hast es! Ich ersehe das schon daraus, wie du Kunst fühlst und begreifst. Und ein Beweis dafür ist auch schon dein ganzes früheres Leben. Du hast mir doch alles erzählt, und auch damals schon hat dich unbewußt dieselbe Verzweiflung ergriffen. Damals hat dein erster Lehrer, jener seltsame Mensch, von dem du mir so oft gesprochen hast, deine Liebe zur Kunst geweckt und dein Talent erraten. Du fühltest das damals ebenso stark und schwer, wie du es auch jetzt wieder fühlst. Damals wußtest du selbst nicht, was in dir vorging. Du hieltest es nicht aus bei deinem Gutsbesitzer und du wolltest fort von ihm, du wolltest etwas anderes, – aber was eigentlich, das wußtest du nicht. Dein Lehrer starb viel zu früh. Er ließ dich mit einem unklaren Streben zurück und vor allen Dingen erklärte er dir nicht dich selbst. Du fühltest, daß jener Weg nichts für dich war, du brauchtest einen anderen, einen breiteren, du fühltest, daß dir anderes zu erreichen bestimmt war, aber du begriffst nicht, wie dieses andere zu erreichen sei, und in deiner Sehnsucht und Qual ward dir deine ganze Umgebung zuwider und verhaßt. Deine sechs Jahre Armut und Elend hast du nicht umsonst durchgemacht: du hast in der Zeit gelernt, du hast gedacht, du hast dich selbst, hast deine Kraft erkannt. Jetzt kennst du die Kunst und zugleich deine Bestimmung. Mein Freund, glaub’ mir, jetzt tut dir nur noch Ausdauer und Mannhaftigkeit not. Dir steht Größeres bevor, als mir: du bist hundertmal mehr Künstler, als ich, doch gäbe Gott dir wenigstens ein Zehntel von meiner Ausdauer. Lerne und trink nicht, wie dir dein prächtiger alter Gutsbesitzer bereits sagte, und die Hauptsache – fange von neuem an, fang von Anfang an, fang mit dem Alphabet an, wenn du willst. Was quält dich denn jetzt? Armut? Hunger? Aber Armut und Hunger entwickeln doch den Künstler. Sie gehören zum Anfang, sind sogar untrennbar mit ihm verbunden. Vorläufig kennt dich noch niemand, und es will dich auch niemand kennen, so ist nun einmal die Welt. Das wird anders werden, sobald man erfährt, daß du Talent hast. Dann werden dich wieder Neid, kleinliche Gemeinheit, vor allem aber Dummheit viel mehr bedrücken, als Armut es je vermag. Ein Talent bedarf der Teilnahme, es will verstanden sein. Du aber wirst dann erst sehen, wie die Leute sind, die dich umgeben, sobald du nur annähernd etwas erreicht hast. Was sich in dir durch mühevolle Arbeit, Entbehrungen, Hunger und schlaflose Nächte herausgearbeitet hat, das werden sie geringschätzen, verachten oder überhaupt nicht beachten. Sie werden dich nicht ermutigen, dich nicht trösten, diese deine zukünftigen Freunde. Sie werden dir auch nicht sagen, was in dir gut und echt ist, wohl aber werden sie mit boshafter Freude deine Fehler hervorheben, werden gerade darauf hinweisen, was an dir schlecht ist, und darauf, worin du irrst, und unter dem äußeren Anschein der Kaltblütigkeit und der Gleichgültigkeit oder gar Verachtung deiner Person werden sie über jeden deiner Fehler frohlocken, als hätten sie ein Fest zu feiern – und Fehler hat doch wohl ein jeder! Du aber bist hochmütig, bist oft am unrechten Platz stolz, du könntest leicht einen dünkelhaften Wicht kränken, und dann wehe dir! Du bist allein und ein einziger, sie aber sind viele – sie werden dich mit Stecknadeln zu Tode quälen. Sogar ich fange schon an, das kennen zu lernen. So nimm dich doch jetzt endlich zusammen! Du bist noch längst nicht so arm, daß du nicht leben könntest, nur mißachte die Arbeit nicht, säge Holz, wie ich Holz gesägt habe bei den Bürgern und Beamten, wenn sie tanzten. Aber du bist ungeduldig, du bist krank vor Ungeduld, es ist zu wenig Einfachheit in dir, du verstellst dich zu viel, du denkst zu viel, du gibst deinem Kopf zu viel Arbeit. In Worten bist du dreist, sobald du aber den Violinbogen in die Hand nehmen mußt, wirst du mutlos. Du bist eigenliebig und es steckt in dir wenig Tapferkeit. So sei doch mutiger, warte ab, lerne, und wenn du auch deinen Kräften nicht traust, so arbeite nur. Es steckt Glut in dir, du hast etwas Elementares! Vielleicht erreichst du dein Ziel, oder wenn nicht, so laß es doch immerhin auf das Vielleicht ankommen. Verlieren kannst du dabei auf keinen Fall etwas, um so größer aber ist der mögliche Gewinn. Hier, Freund, ist euer russisches ‚Vielleicht‘ eine große Sache!“