Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held
Part 6
Da ertönten laute Stimmen an der Tür und Julian Mastakowitschs gewichtiger Oberkörper schnellte empor. Er war sichtlich erschrocken. Doch der kleine Knabe erschrak noch mehr als Julian Mastakowitsch, gab das kleine Mädchen frei und schlich geduckt längs der Wand ins Eßzimmer zurück. Auch Julian Mastakowitsch ging ins Eßzimmer, ganz als wäre nichts vorgefallen. Er war purpurrot im Gesicht, und als er im Vorübergehen einen Blick in den Spiegel warf, schien sein Aussehen ihn selbst zu verwirren. Vielleicht ärgerte er sich darüber, daß er so erregt war, und daß er so unvorsichtig gesprochen hatte. Offenbar hatte ihn seine Berechnung selbst so bestrickt und begeistert, daß er trotz seiner ganzen Würde und Klugheit recht wie ein Knabe handelte und schon jetzt und unbedacht genug auf sein Ziel geradeswegs loszusteuern begann. Ich folgte ihm alsbald in das andere Zimmer – und wahrlich, was ich dort erblickte, war ein seltsames Schauspiel! Ich sah nämlich, wie Julian Mastakowitsch, der hochangesehene würdevolle Julian Mastakowitsch, den kleinen Knaben einschüchterte, der immer weiter vor ihm zurückwich und nicht wußte, wo er sich vor Angst lassen sollte.
„Marsch, wirst du wohl! Was tust du hier, Taugenichts? Geh! Geh! Du stiehlst hier Früchte, wie? Du willst hier Früchte stehlen? Marsch, mach’, daß du fortkommst, wirst du wohl, ich werd’ dir zeigen!“
Der eingeschüchterte Knabe entschloß sich schließlich zu einem verzweifelten Rettungsversuch: er kroch unter den Tisch. Das rief aber in seinem Verfolger noch größere Wut hervor. Zornig riß er sein langes Batisttaschentuch aus der Tasche und begann damit den Kleinen unter dem Tisch zu peitschen, damit er von dort hervorkrieche. Doch der Kleine war mäuschenstill vor Angst und rührte sich nicht. Ich muß bemerken, daß Julian Mastakowitsch ein wenig korpulent war. Er war, was man so nennt, ein satter Mensch, mit roten Wänglein, einem kleinen Schmerbäuchlein, untersetzt und mit dicken Schenkeln, – kurz, ein stämmiger Bursche, an dem alles so rund war wie an einer Nuß. Schweißtropfen standen ihm schon auf der Stirn, er atmete schwer und fast röchelnd. Das Blut drang ihm vom Bücken rot und heiß zu Kopf. Er wurde jähzornig, so groß war sein Unwille oder – wer kann es wissen? – seine Eifersucht. Ich lachte schallend auf. Julian Mastakowitsch wandte sich blitzschnell nach mir um und wurde ungeachtet seines gesellschaftlichen Ansehens, seiner einflußreichen Stellung und seiner Jahre geradezu fassungslos verlegen. In dem Augenblick trat durch die gegenüberliegende Tür der Hausherr ins Zimmer. Der kleine Junge kroch unter dem Tisch hervor und rieb sich den Staub von den Knien und Ellenbogen. Julian Mastakowitsch kam zu sich und führte schnell das Taschentuch, das er noch an einem Zipfel hielt, an die Nase und schnaubte sich.
Der Hausherr blickte uns drei etwas verwundert an, doch als lebenskluger Mensch, der das Leben ernst auffaßte, wußte er sogleich die Gelegenheit, mit seinem Gast unter vier Augen sprechen zu können, auszunutzen.
„Ach, sehen Sie, das ist jener Knabe, für den ich die Ehre hatte, zu bitten ...“ begann er, auf den armen Kleinen weisend.
„Ah!“ versetzte Julian Mastakowitsch, noch immer nicht ganz auf der Höhe der Situation.
„Er ist der Sohn der Gouvernante meiner Kinder,“ fuhr der Hausherr erklärend und in verbindlichem Tone fort, „einer armen Frau. Sie ist die Witwe eines ehrlichen Beamten. Ginge es nicht irgendwie, Julian Mastakowitsch ...“
„Ach, ich entsinne mich! Nein, nein!“ unterbrach dieser ihn eilig. „Nehmen Sie es mir nicht übel, mein bester Philipp Alexejewitsch, aber es geht ganz und gar nicht. Ich habe mich erkundigt: Vakanzen gibt es nicht und selbst wenn eine bestünde, so kämen doch zehn Kandidaten eher in Betracht als dieser, da sie eben ein größeres Anrecht darauf hätten ... Es tut mir sehr leid, aber ...“
„Schade,“ sagte der Hausherr nachdenklich, „es ist ein stiller, bescheidener Knabe ...“
„Scheint mir eher ein richtiger Bengel zu sein, soweit ich sehe,“ bemerkte Julian Mastakowitsch mit verzogenem Lächeln. „Geh, was stehst du hier, mach’ dich fort! Geh zu deinen Spielkameraden,“ wandte er sich an den Kleinen.
Dann konnte er offenbar der Versuchung nicht widerstehen, auch mir einen Blick zuzuwerfen. Ich aber hielt nicht an mich, sondern lachte ihm offen ins Gesicht. Julian Mastakowitsch wandte sich sogleich ab und fragte sehr vernehmlich den Hausherrn, wer dieser sonderbare junge Mann eigentlich sei. Sie begannen miteinander zu flüstern und verließen das Zimmer. Ich sah nur noch durch die offene Tür wie Julian Mastakowitsch, der dem Hausherrn aufmerksam zuhörte, verwundert und mißtrauisch den Kopf schüttelte.
Als ich genügend gelacht hatte, begab ich mich gleichfalls in den Saal. Dort stand jetzt der einflußreiche Mann, umringt von Vätern, Müttern und den Festgebern und sprach lebhaft auf eine Dame ein, der man ihn soeben vorgestellt hatte. Die Dame hielt das kleine Mädchen an der Hand, das Julian Mastakowitsch vor zehn Minuten geküßt hatte. Er lobte die Kleine bis in den siebenten Himmel, pries ihre Schönheit, ihre Grazie, ihre Wohlerzogenheit, und die Mutter hörte ihm fast mit Tränen in den Augen zu. Die Lippen des Vaters lächelten. Der Hausherr nahm mit sichtlichem Wohlgefallen teil an der allgemeinen Freude. Die übrigen Gäste waren gleichfalls angenehm berührt und selbst die Spiele der Kinder wurden unterbrochen, damit sie durch ihr Geschrei nicht störten. Die ganze Luft war voll von gehobener Stimmung. Später hörte ich, wie die tiefgerührte Mutter der Kleinen in ausgesucht höflichen Redewendungen Julian Mastakowitsch bat, ihrem Hause die besondere Ehre zu erweisen und sie zu besuchen, und ich hörte weiter, mit wie ungefälschtem Entzücken Julian Mastakowitsch der liebenswürdigen Aufforderung unfehlbar nachzukommen versprach, und wie die Gäste, als sie darauf, so wie es der gesellschaftliche Brauch verlangte, nach allen Seiten auseinandergingen, sich in geradezu gerührten Lobpreisungen ergingen, die den Kaufmann, dessen Frau und Töchterchen, namentlich aber Julian Mastakowitsch hoch über sie selbst erhoben.
„Ist dieser Herr verheiratet?“ fragte ich hörbar laut einen meiner Bekannten, der neben Julian Mastakowitsch stand.
Julian Mastakowitsch warf mir einen zornigen Blick zu, der wohl seinen Gefühlen entsprach.
„Nein!“ antwortete mein Bekannter, offenbar höchst peinlich berührt durch meine ungeschickte Frage, die ich absichtlich so laut an ihn gerichtet hatte ...
* * * * *
Vor ein paar Tagen ging ich an der –schen Kirche vorüber. Die Menschenmenge, die sich vor dem Portal drängte, und der reiche Schmuck desselben fielen mir auf. Ringsum sprach man von einer Hochzeit. Es war ein trüber Herbsttag und es begann zu frieren. Ich drängte mich mit den anderen in die Kirche und erblickte den Bräutigam. Es war das ein kleiner, rundlicher Herr mit einem Schmerbauch und vielen Orden auf der Brust. Er war überaus beschäftigt, eilte hin und her, traf Anordnungen und schien sehr aufgeregt zu sein. Endlich verbreitete sich von der Tür her lautes Gemurmel: die Braut war erschienen. Ich drängte mich weiter durch die Menge und erblickte eine wunderbare Schönheit, für die kaum der erste Lenz angebrochen war. Sie war aber bleich und traurig. Ihre Augen blickten zerstreut. Es schien mir sogar, daß diese Augen noch gerötet waren von vergossenen Tränen. Die strenge Schönheit ihrer Gesichtszüge verlieh ihrer ganzen jungen Erscheinung eine gewisse hoheitsvolle Würde und Feierlichkeit. Und doch schimmerte durch diese Strenge und Würde und diese Trauer noch das unschuldige unberührte Kindergemüt – und es verriet sich darin etwas unsäglich Unerfahrenes, Unbewußtes, Kindliches, das, wie es schien, ohne eine Bitte wortlos für sich um Schonung flehte.
Man sagte, sie sei kaum erst sechzehn Jahre alt geworden. Ich blickte aufmerksamer auf den Bräutigam und plötzlich erkannte ich in ihm Julian Mastakowitsch, den ich seit fünf Jahren nicht wiedergesehen hatte. Ich blickte nochmals auf die Braut ... Mein Gott! Ich drängte mich durch die Gaffenden zum Ausgang, um schneller aus der Kirche zu kommen. In der Menge erzählte man sich, daß die Braut reich sei: sie bekäme allein an barem Kapital eine halbe Million Rubel mit und eine Aussteuer im Werte von soundsoviel ...
„Dann stimmte also die Berechnung!“ dachte ich bei mir und trat auf die Straße hinaus ...
Njetotschka Neswanowa
I.
Meinen Vater habe ich nicht gekannt. Er starb, als ich zwei Jahre alt war. Dann heiratete meine Mutter zum zweitenmal. Diese zweite Ehe brachte ihr viel Leid, obgleich es eine Liebesheirat war. Mein Stiefvater war Musiker. Er hatte ein sehr merkwürdiges Schicksal, und überhaupt war er der seltsamste und wunderlichste Mensch, den ich bisher kennen gelernt habe. Sein Einfluß auf mich war groß und die Eindrücke, die ich von ihm empfing, waren so stark, daß ich sie mein Leben lang nicht vergessen werde. Doch muß ich zunächst, damit meine Erzählung verständlicher sei, seine Lebensgeschichte wiedergeben. Alles was sich auf dieselbe bezieht, habe ich von dem berühmten Geigenvirtuosen B. erfahren, der in seiner Jugend ein guter Freund meines Stiefvaters gewesen ist.
Der Familienname meines Stiefvaters lautete Jefimoff. Geboren wurde er auf dem Gute eines reichen Großgrundbesitzers als Sohn eines armen Musikers, der nach langen Irrfahrten sich dort niedergelassen hatte und in das Orchester des Gutsherrn eingetreten war. Sein Brotherr lebte auf großem Fuß und liebte Musik bis zur Leidenschaft. Man erzählte von ihm, daß er, der sich nie von seinem Gute rührte und nicht einmal nach Moskau fuhr, sich plötzlich aufgemacht habe und ins Ausland gereist sei, in irgendeinen Kurort, nur um einen berühmten Geigenvirtuosen zu hören, der dort, wie die Zeitungen berichteten, drei Konzerte geben sollte. Auf seinem Gut unterhielt er ein großes Orchester und gab fast seine ganzen Einkünfte für die Besoldung und den Unterhalt der Musiker aus. In dieses Orchester nun trat mein Stiefvater als Klarinettist ein. Als er zweiundzwanzig Jahre alt war, machte er die Bekanntschaft eines eigenartigen Menschen. In demselben Gouvernementskreise lebte ein reicher Graf, der sich durch den Unterhalt eines Haustheaters ruinierte. Dieser Graf hatte den Kapellmeister seines Orchesters, einen Italiener, wegen seiner schlechten Aufführung entlassen. Der Kapellmeister war in der Tat ein schlechter Mensch. Als er seine Stellung verloren, kam er bald ganz herunter, trieb sich in den Dorfschenken umher, betrank sich, ja er bettelte sogar, und da hatte natürlich niemand mehr Lust, ihm eine Anstellung zu geben. Mit diesem Menschen befreundete sich nun mein Stiefvater. Ihre Freundschaft war aber von einer ganz besonderen Art, denn niemand konnte behaupten, daß der Jüngere sich durch diesen Umgang irgendwie zu seinem Nachteil veränderte, und selbst der Gutsbesitzer, der ihm anfangs verboten hatte, mit dem Italiener zu verkehren, ließ schließlich diese sonderbare Freundschaft gewähren. Da starb plötzlich der Italiener. Bauern fanden ihn eines Morgens im Graben an einem Zaun liegen. Eine Untersuchung wurde eingeleitet und ergab, daß er am Herzschlage gestorben war. Sein ganzes Hab und Gut befand sich bei meinem Stiefvater, der sogleich an der Hand von Dokumenten nachwies, daß er das volle Recht hatte, die Sachen zu behalten: er besaß ein eigenhändiges Schreiben des Verstorbenen, in dem dieser Jefimoff zu seinem Erben erklärte, falls er, der Italiener, früher sterben sollte, als Jefimoff. Die Hinterlassenschaft bestand aus einem schwarzen Frack, den er sorgfältig aufbewahrt hatte, in der Hoffnung, doch noch einmal eine Anstellung zu finden, und einer Geige, an der nichts Sonderliches auffiel. Dieses Erbe machte denn auch niemand dem Klarinettisten streitig. Da erschien nach einiger Zeit ein Musiker, der im Orchester des Grafen die erste Geige spielte, bei dem Gutsbesitzer und überreichte ihm einen Brief vom Grafen. In diesem Brief bat der Graf den Gutsbesitzer, seinen Klarinettisten Jefimoff zu bereden, ihm, dem Grafen, die Geige des verstorbenen Italieners zu verkaufen. Er bot für dieselbe dreitausend Rubel und schrieb, daß er den Jegor Jefimoff schon mehrmals zu sich habe bitten lassen, um den Kauf persönlich abzuschließen, doch dieser Mensch sei leider zu nichts zu bewegen. Der Graf schloß seinen Brief mit der Bemerkung, daß er für die Geige das biete, was sie wert sei: deshalb sehe er in der hartnäckigen Weigerung Jefimoffs, sie ihm dafür abzutreten, den beleidigenden Verdacht, er, der Graf, wolle bei diesem Kauf die Unkenntnis des Klarinettisten ausnutzen. Aus diesem Grunde bäte er jetzt um seine, des Gutsbesitzers, Vermittelung.
Dieser ließ Jefimoff sogleich zu sich rufen.
„Weshalb willst du die Geige nicht verkaufen?“ fragte er ihn, „du brauchst sie doch nicht. Man bietet dir dreitausend Rubel, gerade so viel, wie sie wert ist, und du irrst dich, wenn du glaubst, daß dir jemand mehr für sie zahlen wird. Der Graf will dich doch nicht übervorteilen.“
Jefimoff erwiderte, daß er aus freien Stücken zu dem Grafen nicht gehen werde, doch wenn man ihn zwingen wolle, so müsse er sich eben dem Willen seines Herrn fügen. Dem Grafen werde er aber die Geige nicht verkaufen, und wenn man sie ihm mit Gewalt nehmen werde, so hinge auch das wiederum nur von dem Willen seines Herrn ab.
Natürlich verletzte er mit einer solchen Antwort die empfindlichste Charakterseite des Gutsbesitzers. Dieser pflegte nämlich immer mit Stolz von sich zu sagen, daß er wisse, wie er mit seinen Musikern umzugehen habe, denn sie seien alle bis auf den letzten wirkliche Künstler, und deshalb sei sein Orchester nicht nur besser als dasjenige des Grafen, sondern besser sogar als eines in der Hauptstadt!
„Nun, schön,“ entgegnete der Gutsbesitzer, „ich werde dem Grafen schreiben, daß du die Geige nicht verkaufen willst, weil du eben nicht – willst ... basta! weil du das volle Recht hast, sie zu verkaufen oder nicht zu verkaufen, wie es dir beliebt, hast du mich verstanden? Aber ich frage dich jetzt selber: was machst du mit der Geige? Dein Instrument ist die Klarinette, die du leider noch recht mittelmäßig spielst. Verkauf’ die Geige mir. Ich gebe dir dreitausend.“ (Wer wußte denn, daß es ein solches Instrument war!)
Jefimoff lächelte.
„Nein, Herr, ich werde sie Ihnen nicht verkaufen,“ sagte er, „aber versteht sich, wenn Sie mit Gewalt ...“
„Ja, zwinge ich dich denn, will ich dir denn Gewalt antun!“ rief der Gutsbesitzer empört – um so mehr empört, als es sich in Gegenwart des gräflichen Musikers zutrug und dieser nach solchen Antworten eine recht unvorteilhafte Vorstellung von der Stellung der Musiker des Gutsbesitzers gewinnen mußte. „Mach’, daß du fortkommst, du Undankbarer! Geh mir aus den Augen! Was würdest du ohne mich überhaupt anfangen mit deiner Klarinette, auf der du nicht einmal zu spielen verstehst? Bei mir aber wirst du satt, wirst du bekleidet und erhältst dein Gehalt; du lebst hier in einem vornehmen Hause, spielst nur hier die Rolle eines Künstlers, aber du willst das nicht einsehen! Geh mir aus den Augen und reiz’ mich nicht durch deine Anwesenheit!“
Der Gutsbesitzer pflegte denjenigen immer fortzuschicken, über den er sich ärgerte, denn er fürchtete seine eigene Heftigkeit. Mit einem „Künstler“, wie er seine Musiker nannte, wollte er aber unter keinen Umständen streng ins Gericht gehen.
Der Kauf kam nicht zustande und damit schien die Sache abgetan zu sein – als plötzlich, etwa einen Monat nach jener Auseinandersetzung, der erste Violinist des Grafen etwas Unerhörtes angab: auf eigene Verantwortung nämlich reichte er eine Anzeige ein, nach der Jefimoff die Schuld am Tode des Italieners trug, den er umgebracht habe, um in den Besitz der Hinterlassenschaft zu gelangen. Ferner beschuldigte er ihn, jenes Schriftstück, in dem der Italiener Jefimoff zu seinem Erben einsetzte, mit List und Gewalt dem Verstorbenen abgerungen zu haben, was er durch Zeugen beweisen zu können vorgab. Weder die Bitten des Gutsbesitzers, der für Jefimoff eintrat, noch die Vorhaltungen des Grafen konnten ihn von seinem Vorhaben abbringen. Man gab ihm zu bedenken, daß gegen die ärztliche Untersuchung der Leiche sich nichts einwenden lasse, daß er gegen sein Gewissen handle, vielleicht aus persönlicher Rache, weil jener ihm das kostbare Instrument nicht abgetreten hatte. Der Musiker blieb aber bei seiner Behauptung, schwur sogar, daß er im Recht sei und der Herzschlag nicht infolge des Trunkes eingetreten wäre, sondern als Folge einer Vergiftung, weshalb er eine nochmalige Untersuchung der Leiche verlangte. Auf den ersten Blick konnte man seine Beweise sehr wohl ernst nehmen. Natürlich wurde das Verfahren sogleich eingeleitet. Jefimoff wurde verhaftet und nach dem Stadtgefängnis abgeführt. Die Gerichtsverhandlungen, die das ganze Gouvernement mit Spannung verfolgte, nahmen einen sehr schnellen Verlauf und endeten damit, daß der Musiker der falschen Anklage überführt wurde. Man verurteilte ihn zu einer gerechten Strafe, ungeachtet dessen, daß er bei seiner Behauptung beharrte. Endlich gestand er, daß er zwar keine positiven Beweise besaß und die angeführten selbst erfunden hatte, jedoch habe er sich dabei von seinen Vermutungen leiten lassen, die schließlich zu seiner festen Überzeugung geworden seien, und deshalb bliebe er auch jetzt – nachdem die Unschuld Jefimoffs vom Gericht bereits unzweifelhaft festgestellt worden war – bei seiner Überzeugung, daß die Ursache des Todes jenes italienischen Kapellmeisters einzig und allein Jefimoff gewesen, der ihn, wenn nicht gerade vergiftet, dann eben auf irgendeine andere Weise umgebracht habe. Es blieb ihm übrigens erspart, seine Strafe abzubüßen: er erkrankte plötzlich an einer Gehirnentzündung, verfiel in Wahnsinn und starb im Krankenhause.
Während dieser ganzen Zeit sorgte der Gutsbesitzer für Jefimoff wie ein Vater für seinen Sohn. Er, der sonst nie sein Gut verließ, fuhr mehrmals in die Stadt, um den Armen im Gefängnis zu besuchen und ihn zu trösten; er schenkte ihm Geld, und als er erfuhr, daß Jefimoff gern rauchte, brachte er ihm die besten Zigaretten; und als dann mein Stiefvater endlich freigesprochen wurde, veranstaltete er für sein ganzes Orchester ein großes Freudenfest. Er betrachtete die gegen Jefimoff erhobene Anklage als etwas, was sein gesamtes Orchester anging, denn auf die gute Aufführung seiner Musiker legte er wenn nicht mehr, so doch ebensoviel Wert, wie auf ihr musikalisches Können.
Es verging ein Jahr, als man eines Tages auf dem Gute erfuhr, daß in der Gouvernementsstadt ein bekannter französischer Violinvirtuose eingetroffen sei und daselbst konzertieren werde. Als der Gutsbesitzer dies hörte, bot er sogleich alles auf, um diesen Künstler als Gast bei sich auf dem Gute zu sehen. Zu seiner Freude nahm der Franzose die Einladung an. Schon war alles zu seinem Empfang bereit, die ganze Gesellschaft der Umgegend eingeladen, als plötzlich etwas Überraschendes geschah.
Eines Morgens wurde dem Gutsbesitzer gemeldet, Jefimoff sei nirgends zu finden. Man suchte, forschte, schickte Boten aus – er war und blieb spurlos verschwunden. Das Orchester befand sich in einer verzweifelten Lage: der Klarinettist fehlte, was tun? Da erhielt der Gutsbesitzer am dritten Tage nach der Flucht Jefimoffs einen Brief von dem Franzosen, in dem dieser mit verletzendem Hochmut absagte und hinzufügte, er werde hinfort sehr vorsichtig sein müssen mit solchen Herren, die ein eigenes Orchester hielten: es sei so „deprimierend“, ein großes Talent im Dienst eines Menschen zu sehen, der es nicht zu schätzen wisse. Er brauche als Beispiel nur Jefimoff zu nennen, den genialsten Künstler und besten Violinisten, den er in Rußland gehört habe!
Der Gutsbesitzer las den Brief mit wachsender Verwunderung. Wie? Jefimoff, derselbe Jefimoff, um den er sich so gesorgt hatte, dem er soviel Gutes erwiesen, derselbe Jefimoff hatte es fertiggebracht, ihn so gewissenlos, so unverschämt zu verleumden, und das noch bei einem berühmten Künstler, auf dessen gute Meinung von seinem Orchester er soviel Wert legte! Und dann – der Brief enthielt noch ein anderes Rätsel: der Franzose nannte Jefimoff den genialsten Künstler und besten Violinisten, den er in Rußland gehört, und aus seiner Schlußbemerkung ging hervor, daß er dachte, man wolle Jefimoffs Talent nicht anerkennen, und zwinge ihn, ein anderes Instrument zu spielen, als dasjenige, welches ihm zukam. Dies überraschte den Gutsbesitzer dermaßen, daß er beschloß, sogleich in die Stadt zu fahren, um mündlich mit dem Franzosen zu sprechen. Da traf kurz vor seiner Abfahrt ein Schreiben vom Grafen ein, in dem dieser ihn zu sich aufforderte und ihm mitteilte, daß der französische Künstler und Jefimoff beide bei ihm seien und der Franzose ihm den Fall erzählt habe. Er, der Graf, sei über die Frechheit der Verleumdung Jefimoffs so empört, daß er ihn vorläufig nicht aus dem Hause lasse, und außerdem sei die Anwesenheit des Gutsbesitzers auch deshalb notwendig, weil die Verleumdungen Jefimoffs auch ihn, den Grafen selbst, beträfen. Kurz, man müsse in der Sache Klarheit schaffen, und zwar je eher, desto besser.
Da begab sich denn der Gutsbesitzer unverzüglich zum Grafen, ließ sich dem Franzosen vorstellen und erklärte ihm den Sachverhalt. Er sagte, er habe es nicht geahnt, daß in Jefimoff ein so großes Talent stecke: er kenne ihn nur als einen recht mittelmäßigen Klarinettisten – daß der Mensch auch die Geige spiele, habe er erst aus dem Brief erfahren. Außerdem, fügte er hinzu, sei Jefimoff ein freier Mensch gewesen und hätte ihn zu jeder Zeit verlassen können, wenn er wirklich so unzulässig behandelt worden wäre. Der Franzose war sehr verwundert. Man ließ Jefimoff kommen. Der war aber in seinem Benehmen kaum wiederzuerkennen: hochmütig trat er ein, antwortete spöttisch und hatte die Frechheit, zu behaupten, daß alles wahr sei, was er dem Franzosen gesagt. Diese Unverschämtheit ärgerte den Grafen dermaßen, daß er meinem Stiefvater ins Gesicht sagte, er sei ein Lump und Lügner und habe verdient, daß man ihn schonungslos bestrafe.
„Beunruhigen Sie sich nicht, Herr Graf,“ versetzte mein Stiefvater höhnisch, „dank Ew. Gnaden bin ich nur mit genauer Not der Strafe für ein Kriminalverbrechen entgangen. Ich weiß ja doch nur zu gut, auf wessen Veranlassung hin Alexei Nikiforytsch, Ihr ehemaliger Musiker, die Anzeige gegen mich erstattet hat.“
Das war zu viel für den Grafen. Er geriet außer sich vor Wut über diese empörende Beschuldigung. Nur mit Mühe konnte er sich beherrschen. Und ein Polizeibeamter, der sich gleichfalls im Saal befand und wegen einer Rücksprache mit dem Grafen kurz zuvor eingetroffen war, erklärte hierauf, daß die beleidigende Frechheit Jefimoffs eine böswillige Verleumdung sei, weshalb er höflichst um die Erlaubnis bäte, ihn sogleich und ohne weiteres hier im Hause des Grafen arretieren zu dürfen. Auch der Franzose äußerte seinen größten Unwillen und sagte, eine solche Undankbarkeit hätte er nie für möglich gehalten. Da brauste mein Stiefvater jähzornig auf und rief aus, selbst Gefängnishaft unter dem Verdacht eines Kriminalverbrechens und alle Gerichtsverhandlungen der Welt ziehe er jenem Leben vor, das er bisher erduldet, da er als Musiker im Orchester des Gutsbesitzers sein Brot habe verdienen müssen und in seiner Armut keine Mittel und folglich keine Möglichkeit gehabt habe, sich früher freizumachen. Er wurde aus dem Saal geführt. Man schloß ihn in einem entlegenen Zimmer ein und sagte ihm, daß man ihn am nächsten Tage nach der Stadt bringen werde.