Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held
Part 5
Plötzlich erscholl der fröhliche Ruf zur Abfahrt. Ein lautes Stimmengewirr war die Antwort, und unter Scherzen und Lachen brach man auf. In wenigen Minuten hatten alle die Terrasse verlassen. ^M–me^ M. weigerte sich, mitzufahren und gestand schließlich, daß sie sich nicht wohl fühle. Doch Gott sei Dank, alle beeilten sich und niemand belästigte sie weiter mit Fragen oder Ratschlägen: dazu hatten sie jetzt keine Zeit. Nur wenige blieben zu Haus. Ihr Mann war zu ihr getreten und sagte ihr irgend etwas: sie erwiderte, daß ihr Unwohlsein schnell vergehen werde, er solle sich deshalb nicht beunruhigen; hinlegen wolle sie sich nicht, sie werde in den Garten gehen, allein ... oder mit mir ... Dabei sah sie sich nach mir um. Ich errötete vor Freude: das war ja die beste Gelegenheit, die sie mir damit bot! Einen Augenblick später machten wir uns auf den Weg.
Sie ging denselben Weg, den sie gekommen war, sie schien sich unwillkürlich jeder Allee, jedes Umweges im Garten, jedes Fußsteiges zu erinnern, und sie ging, ohne den Blick vom Boden zu erheben, ohne mich zu beachten – vielleicht hatte sie es schon vergessen, daß ich mit ihr ging.
Als wir an den Waldrand kamen, wo ich den Brief gefunden hatte und wo der Kiesweg aufhörte, blieb sie plötzlich müde stehen und sagte mit einer Stimme, die mir ins Herz schnitt, so verzweifelt und hoffnungslos traurig klang sie, daß sie sich schlecht fühle und zurückkehren wolle. Doch kaum waren wir wieder beim Gartenzaun angelangt, da blieb sie von neuem stehen und starrte vor sich hin. Ein wehes, qualvolles Lächeln zuckte um ihre Lippen und wie erschöpft und wie aus Erschöpfung sich allem ergebend, sich in alles fügend, was auch über sie hereinbrechen sollte, kehrte sie stumm zum Walde zurück, diesmal ohne mir ein Wort zu sagen, ohne mich zu beachten ...
Ich hätte mich selbst zerreißen mögen, und doch verfiel ich nicht auf einen Ausweg ...
Wir gingen, oder richtiger, ich führte sie an jene Stelle, wo ich vor etwa einer Stunde gestanden und plötzlich den Hufschlag gehört hatte. Nicht weit von dort war am Fuß einer alten Ulme ein bankartig gehauener großer Feldstein, von Hagebutten, wildem Jasmin und Efeu umgeben. (Der Wald hatte eine Menge solcher „Überraschungen“, wie Bänke, Grotten, kleine Brücken und ähnliches.) Sie setzte sich auf die Bank und sah geistesabwesend auf das entzückende Landschaftsbild, das sich uns bot. Nach einer Weile schlug sie das Buch auf und tat, als läse sie, aber sie saß reglos, wandte weder ein Blatt, noch las sie: sie wußte wohl selbst nicht, was sie tat. Es war gegen halb zehn Uhr. Die Sonne stand schon hoch am klaren, endlos hohen blauen Sonnenhimmel und schien in ihrem eigenen Feuer zu verbrennen. Die Schnitter waren bereits weit, man konnte sie von unserem Ufer kaum noch sehen. Ununterbrochen folgten ihnen die langen Streifen des gemähten Grases und wenn die Luft sich ab und zu wie in einem leisen Wehen regte, dann trug sie frischen Heuduft. Ringsum aber ertönte unermüdlich das Zwitschern jener, die „weder säen, noch ernten“ und frei sind wie die Luft, in der sie fliegen. Es lag solch ein seliges Wohlsein in der ganzen Natur!
Ich blickte scheu auf die arme Frau, die allein wie eine Tote inmitten dieses frohen Lebens war: an ihren Wimpern hingen Tränen, die ihr das Leid aus den Augen gepreßt. In meiner Macht war es, diese arme, traurige Seele aufzurichten und zu beglücken, und doch wußte ich nicht, wie ich es anfangen sollte, und ich quälte mich entsetzlich. Hundertmal war ich schon im Begriff, zu ihr zu treten, um ihr den Brief zu übergeben, und jedesmal stieg mir dann die Röte wie Feuer ins Gesicht.
Plötzlich erleuchtete mich ein guter Gedanke: ich war auf ein Mittel verfallen und wie erlöst!
„Ich werde Ihnen Blumen pflücken! Wollen Sie?“ fragte ich sie so froh, daß sie aufsah und mich anblickte.
„Gut,“ sagte sie endlich mit müder Stimme, kaum merkbar lächelnd, und wieder sah sie ins Buch.
„Sonst wird hier auch das Gras gemäht und dann mähen sie alle Blumen nieder!“ rief ich fröhlich und sprang davon.
Bald hatte ich schon eine ganze Menge gepflückt, wenn es auch nur ein Strauß einfacher, unscheinbarer Feldblumen war, die man wohl kaum in einer Vase ins Zimmer stellen würde. Und doch, wie froh schlug mein Herz, als ich die Blumen suchte und zum Strauße zusammenband! Heckenrosen und wilden Jasmin brach ich. Dann lief ich zu einem nahen Kornfeld. Dort, das wußte ich, blühten Kornblumen. Die pflückte ich, und dazu lange goldgelbe Ähren, die schönsten suchte ich aus. Am Wegrande fand ich auch ein ganzes Büschel Vergißmeinnicht und mein Strauß konnte sich eigentlich schon sehr wohl sehen lassen. Weiter im Felde fand ich hellblaue Glockenblumen und wilde Nelken und unten am Flußufer gelbe Wasserrosen. Endlich, schon auf dem Rückwege, als ich noch auf einen Augenblick in den Wald trat, um einige Silberahornzweige zu brechen und sie unten kranzartig um die Blumen zu legen, fand ich wilde Stiefmütterchen und in ihrer Nähe, durch ihren Geruch aufmerksam gemacht, im Grase ganz versteckt, süß duftende Veilchen, die vom Tau noch feucht waren. Mein Strauß war fertig. Mit dünnen langen Gräsern umwand ich die Stiele und zwischen die Blumen, ganz vorsichtig, steckte ich den Brief, so daß man ihn deutlich sehen konnte, wenn man dem Bukett nur einige Beachtung schenkte.
So brachte ich es ^M–me^ M.
Unterwegs schien es mir, daß der Brief doch gar zu auffallend hervorragte: deshalb verdeckte ich ihn etwas mehr mit den Blüten. Als ich mich ihr schon näherte, schob ich ihn noch etwas tiefer hinein, und als ich schon ganz nahe bei ihr war, stieß ich ihn so tief in den Strauß, daß man von ihm nichts mehr sehen konnte. Das Blut schoß mir wieder ins Gesicht, ich wollte es mit den Händen bedecken und sogleich fortlaufen, aber sie sah nur so zerstreut auf meine Blumen, als habe sie ganz vergessen, daß ich sie für sie gepflückt hatte. Mechanisch hob sie die Hand, nahm, fast ohne aufzusehen, mein Geschenk in Empfang und legte es achtlos auf die Bank – und wieder sah sie ins Buch, wie in Gedanken verloren. Ich hätte weinen mögen vor lauter Ärger über den Mißerfolg meines Planes. „Wenn der Strauß nur bei ihr bleibt,“ dachte ich, „wenn sie ihn nur nicht vergißt!“ Ich legte mich in der Nähe der Bank ins Gras, schob die rechte Hand unter den Kopf und schloß die Augen, als wollte ich schlafen. Dabei aber beobachtete ich sie heimlich unausgesetzt.
Es verging eine geraume Zeit, vielleicht zehn Minuten; wie mir schien, wurde ihr Gesicht immer bleicher ... Plötzlich kam ein glücklicher Zufall mir zu Hilfe.
Es war das eine große goldbraune Hummel, die ein freundliches Lüftchen zu uns führte. Sie summte zuerst über meinem Kopf, dann flog sie zu ^M–me^ M. Diese schlug mit der Hand nach ihr, schlug noch einmal, aber die Hummel wurde wie zum Trotz nur noch zudringlicher. Da griff ^M–me^ M. nach meinem Strauß, um mit ihm das Tier zu verscheuchen. In dem Augenblick löste sich aus den Blumen der Brief und fiel gerade auf das aufgeschlagene Buch. Ich zuckte zusammen. Sie blickte, stumm vor Verwunderung, bald auf den Brief, bald auf die Blumen und schien ihren Augen nicht zu trauen. Plötzlich wurde sie feuerrot, erhob schnell den Blick und sah sich nach mir um. Doch schon hatte ich die Augen geschlossen und tat, als schliefe ich fest: für keinen Preis hätte ich ihr jetzt offen in die Augen geschaut. Mein Herz pochte laut und schien doch stillstehen zu wollen – ich hielt den Atem an. Ich weiß nicht, wie lange ich so lag: zwei bis drei Minuten vielleicht. Endlich wagte ich es, ganz, ganz vorsichtig die Augen zu öffnen. Sie saß und las den Brief, und an ihren glühenden Wangen und glänzenden Augen, die tränenfeucht waren, ihrem verklärten Gesicht, in dem jeder Zug vor freudiger Erregung zu beben schien, erriet ich, daß der Brief ihr Glück gab und ihr Kummer wie eine trübe Wolke verscheucht wurde. Ein schmerzlich süßes Gefühl schlich in mein Herz und es fiel mir schwer, mich noch weiter schlafend zu stellen ...
Niemals werde ich diese Stunde vergessen!
Plötzlich hörte ich rufen, nicht weit von uns erklangen Stimmen:
„^M–me^ M.! ^Natalie! Natalie!^“
Sie antwortete nicht, stand aber schnell auf, trat zu mir und beugte sich über mich. Ich fühlte es, daß sie mir gerade ins Gesicht sah. Meine Lider wollten schon zucken, aber ich nahm mich krampfhaft zusammen und rührte mich nicht. Ich versuchte, möglichst gleichmäßig und ruhig zu atmen, aber das Herz wollte mich ersticken mit seinen ungestümen Schlägen. Da brannten plötzlich Tränen und ein Kuß auf meiner Hand, die auf meiner Brust lag. Und noch einmal, zweimal küßte sie mir die Hand.
„^Natalie! Natalie!^ Wo bist du?“ klang es wieder.
„Gleich!“ sagte ^M–me^ M. mit ihrer weichen, dunklen, von Tränen durchzitterten Stimme, und so leise, daß nur ich es hören konnte.
Da stockte mein Herz und verriet mich: heiß trieb es mir all mein Blut ins Gesicht. Im nächsten Augenblick glühte ein schneller heißer Kuß auf meinen Lippen. Ich schlug vor Schreck mit einem schwachen Schrei die Augen auf, doch da fiel auf sie etwas seidig Weiches – es war jenes kleine Tuch –, als sollte es meine Augen vor der Sonne schützen. Einen Augenblick später war sie schon fort. Ich vernahm nur noch das Geräusch eilig sich entfernender Schritte. Dann war ich allein ...
Ich riß das Tuch vom Gesicht und küßte es außer mir vor Entzücken. Ich war wie fassungslos! ... Lange lag ich im Grase, hatte die Ellbogen aufgestützt und schaute sinnverloren und ohne mich zu rühren geradeaus auf die Hügel, die Felder und Wiesen, den Fluß, der sich zwischen ihnen in großen Biegungen hinwand und weit, soweit das Auge nur folgen konnte, sich hinschlängelte, zwischen neuen Bergen und Gütern und Dörfern, deren Häuser in der sonnenhellen Ferne wie kleine Punkte vom Grün sich abhoben, schaute auf die blauen kaum sichtbaren Wälder, die wie in Rauch gehüllt am Horizonte sich hinzogen: und eine seltsam süße Stille, die aus der feierlichen Ruhe der Landschaft hervorzugehen schien, beruhigte allmählich mit einer unendlichen Sanftheit mein erregtes Herz. Wie eine Erleichterung war es, ich atmete freier ... Aber meine ganze Seele begann, sich seltsam dumpf und süß zu sehnen, als sähe sie etwas, was sie noch nie gesehen, als wäre plötzlich ein Ahnen in ihr erwacht. Furchtsam und doch voll Freude begann mein Herz etwas Geheimnisvolles zu erraten, leicht bebend vor Erwartung ... Und plötzlich weitete sich meine Brust, und in ihr wogte und schmerzte es, als wäre sie durchbohrt – und Tränen, selige Tränen entströmten meinen Augen. Ich bedeckte das Gesicht mit den Händen und zitternd wie ein Grashalm gab ich mich wehrlos der ersten Erkenntnis und Offenbarung des Herzens hin, dem ersten noch unklaren Einblick in meine Menschennatur. Mit diesem Augenblick endete meine Kindheit. – – – – – – – – – – – – – – –
* * * * *
Als ich zwei Stunden später ins Haus zurückkehrte, befand ^M–me^ M. sich nicht mehr unter den Gästen. Sie war mit ihrem Mann nach Moskau gefahren, wie es hieß, auf irgendeine plötzlich eingetroffene Nachricht hin. Ich habe sie nie wiedergesehen.
Weihnacht und Hochzeit
Vor ein paar Tagen sah ich einer Trauung zu ... oder nein! Ich werde Ihnen zuerst von einer Weihnachtsfeier erzählen. Eine Trauung ist ja an sich sehr schön und auch diese gefiel mir sehr ... aber das andere Erlebnis ergriff mich doch noch mehr. Als ich der Trauung zusah, wurde ich an jene Weihnachtsfeier erinnert. Doch ich will erzählen, wie das zuging.
Vor etwa fünf Jahren erhielt ich eines Tages zwischen Weihnacht und Neujahr eine Einladung zu einem Kinderball, der in dem Hause einer mir bekannten, angesehenen Familie stattfinden sollte. Der Hausherr war eine einflußreiche Persönlichkeit, die gute Verbindungen besaß, einen großen Bekanntenkreis hatte, eine gewichtige Rolle in der Gesellschaft spielte und alle möglichen Intrigen zu spinnen pflegte, so daß man ohne weiteres annehmen konnte, dieser Kinderball sei nur ein Vorwand für die Eltern, namentlich für die Herren Väter, einmal ganz harmlos in größerer Anzahl zusammenzukommen und bei der Gelegenheit ganz zufällig über allerlei bemerkenswerte Dinge und Ereignisse zu reden. Da mich aber besagte Dinge und Ereignisse nichts angingen und ich unter den Anwesenden so gut wie gar keine Bekannten vorfand, verbrachte ich den Abend in der Gesellschaft ziemlich ungestört und mir selbst überlassen. Dasselbe tat auch noch ein anderer Herr, der, wie mir schien, sich weder durch Rang noch Namen auszeichnete und wohl gleich mir nur durch einen Zufall auf diesen Kinderball geraten war ... Er fiel mir sofort auf. Sein Äußeres machte einen guten Eindruck: er war groß von Wuchs, hager, auffallend ernst und sehr gut gekleidet. Man sah ihm deutlich an, daß es ihn nicht nach Zerstreuung und fröhlicher Unterhaltung verlangte. Wenn er sich in einen stilleren Winkel zurückzog, nahm sein Gesicht, dessen dichte schwarze Brauen sich zusammenzogen, einen harten, fast finsteren Ausdruck an. Bekannt war er offenbar, außer mit dem Hausherrn, mit keinem einzigen Anwesenden. Und es war wohl unschwer zu erraten, daß das ganze Fest ihn entsetzlich langweilte. Gleichwohl spielte er bis zum Schluß mutig die Rolle eines angenehm unterhaltenen, glücklichen Menschen. Nachher erfuhr ich, daß er aus der Provinz stammte und nur auf kurze Zeit nach Petersburg gekommen war, wo sich ein verwickelter Prozeß, von dem für ihn alles abhing, in den nächsten Tagen entscheiden sollte. Zu unserem Hausherrn hatte ihn ein Empfehlungsschreiben gebracht, infolgedessen er von diesem höflichkeitshalber zu dem Abend eingeladen worden war – doch durfte er, wie es hieß, durchaus nicht darauf rechnen, daß sich der einflußreiche Mann deshalb für ihn verwenden werde. Und da man nicht Karten spielte, dem unbekannten Fremden keine Zigarren anbot und auch sonst niemand ein Gespräch mit ihm anknüpfte – wahrscheinlich erkannte man den Vogel schon von weitem an den Federn –, so war der Mann gezwungen, um doch irgendwo seine Hände zu lassen, sich den ganzen Abend über den Backenbart zu streichen. Freilich war dieser Bart sehr schön, nur strich er ihn doch etwas gar zu viel, so daß man tatsächlich glauben konnte, zuerst sei der Backenbart erschaffen worden und dann erst zu diesem Bart, und auch nur, um ihn zu streichen, der ganze Mann.
Außer diesem Herrn, der sich um das Fest der fünf dicken kleinen Söhne des Hausherrn wenig kümmerte, fiel mir noch ein zweiter Herr auf. Doch der war eine ganz andere Erscheinung. Der war nämlich eine Persönlichkeit!
Er hieß Julian Mastakowitsch. Auf den ersten Blick erriet man, daß er ein Ehrengast war und zum Hausherrn in ungefähr demselben Verhältnis stand, wie dieser zu jenem Unbekannten, der sich den Backenbart strich. Der Hausherr und die Hausfrau sagten ihm unendlich viele Liebenswürdigkeiten, machten ihm geradezu den Hof, führten alle ihre Gäste zu ihm, um sie ihm vorzustellen, ihn selbst aber stellten sie keinem vor. Wie ich bemerkte, erglänzte im Auge des Hausherrn sogar eine Träne der Rührung, als Julian Mastakowitsch zum Lobe des Festes versicherte, er habe selten so angenehm die Zeit verbracht. Mir ward ordentlich unheimlich in der Gegenwart eines solchen Menschen: und so zog ich mich denn, als ich mich am Anblick der Kinder genugsam ergötzt hatte, in ein kleines Boudoir zurück, in dem zufällig kein Mensch war, und setzte mich dort in die Blumenlaube der Hausherrin, die fast das halbe Zimmer einnahm.
Die Kinder waren alle unglaublich nett und lieb und echt kindlich und wollten unter keiner Bedingung den „Großen“ gleichen, ungeachtet aller Ermahnungen der Gouvernanten und Mütter. Im Nu hatten sie den ganzen Weihnachtsbaum bis auf das letzte Anhängsel geplündert und auch schon Zeit gehabt, die Hälfte der Spielsachen zu zerbrechen, noch bevor sie festgestellt hatten, für wen ein jedes Spielzeug überhaupt bestimmt war. Ein kleiner Knabe mit dunklen Augen und braunen Locken gefiel mir ganz besonders: er wollte mich unbedingt erschießen, denn er hatte ein hölzernes Gewehr bekommen. Doch am meisten lenkte seine kleine Schwester die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich. Sie war etwa elf Jahre alt, zart und bleich, mit großen, nachdenklichen Augen. Die anderen Kinder hatten sie irgendwie gekränkt, und da kam sie denn in das Zimmer, in dem ich saß, setzte sich in einen Winkel und beschäftigte sich mit ihrer Puppe. Die Gäste deuteten unter sich respektvoll auf einen reichen Kaufmann, den Vater der Kleinen, und jemand wußte flüsternd mitzuteilen, daß an barem Gelde bereits jetzt dreihunderttausend Rubel für sie als Mitgift beiseite gelegt seien. Ich sah mich unwillkürlich nach der Gruppe um, die ein so interessantes Gespräch führte, und mein Blick fiel auf Julian Mastakowitsch, der, die Hände auf dem Rücken gekreuzt und den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, sehr aufmerksam dem müßigen Gespräch zuzuhören schien. Gleichzeitig mußte ich mich über die Weisheit der Gastgeber, die diese in der Verteilung der Geschenke zu bezeugen gewußt hatten, nicht wenig wundern. Das kleine Mädchen z. B., das bereits dreihunderttausend Rubel besaß, hatte die schönste und teuerste Puppe erhalten. Der Wert der anderen Geschenke dagegen sank von Stufe zu Stufe herab, je nach dem Range der Eltern dieser Kinder. Das letzte Kind, ein kleiner Knabe von etwa zehn Jahren, ein mageres, rötlichblondes Kerlchen mit Sommersprossen, bekam nur ein Buch, das belehrende Geschichten enthielt und von der Größe der Natur, von Tränen der Rührung und ähnlichem handelte, ein nüchternes Buch, ohne Bild, ohne eine Verzierung.
Er war der Sohn einer armen Witwe, die die Kinder des Hausherrn unterrichtete und kurzweg die Gouvernante hieß. Er selbst war ein ängstlicher, verschüchterter Knabe. Er trug eine kleine russische Bluse aus billigem Nanking. Nachdem ihm sein Buch eingehändigt worden war, ging er lange Zeit um die Spielsachen der anderen Kinder herum; er hätte wohl furchtbar gern mit diesen anderen gespielt, aber er wagte es nicht – man sah es ihm an, daß er seine gesellschaftliche Stellung bereits vollkommen begriff. Ich beobachte gern Kinder beim Spiel. Ungeheuer interessant ist ihre erste selbständige Äußerung im Leben. Es fiel mir auf, daß der kleine arme Knabe sich von den reichen Geschenken der anderen so hinreißen ließ, namentlich von einem Puppentheater, in dem er gewiß gern eine Rolle übernommen hätte, daß er sich zu einer Schmeichelei entschloß. Er lächelte und suchte sich angenehm zu machen, er gab seinen Apfel einem kleinen pausbackigen Jungen, der bereits einen ganzen Sack voll Naschwerk hatte, und er entschloß sich sogar, einen von ihnen huckepack zu tragen, nur damit man ihn nicht vom Theater fortjage. Doch im nächsten Augenblick wurde er von einem Erwachsenen, der gewissermaßen den Oberaufseher spielte, mit Püffen und Stößen fortgetrieben. Der Junge wagte nicht, zu weinen. Sogleich erschien auch schon die Gouvernante, seine Mutter, und sagte ihm, er solle die anderen nicht stören. Da kam denn der Kleine in jenes Zimmer, in dem das Mädchen saß. Sie ließ ihn zu sich kommen und beide begannen eifrig, die schöne Puppe anzukleiden.
Ich hatte schon über eine halbe Stunde in der Efeulaube gesessen und war fast eingeschlummert, unbewußt eingelullt durch das Kindergespräch des kleinen rotblonden Jungen und der zukünftigen Schönheit mit der Mitgift von dreihunderttausend Rubeln, als plötzlich Julian Mastakowitsch ins Zimmer trat. Er benutzte die Gelegenheit, die ihm ein großer Streit unter den Kindern im Saale bot, unbemerkt zu verschwinden. Vor wenigen Minuten hatte ich ihn noch an der Seite des reichen Kaufmannes, des Vaters der Kleinen, in lebhaftem Gespräch gesehen, und aus einzelnen Worten, die ich auffing, erriet ich, daß er die Vorzüge der einen Stellung im Vergleich mit einer anderen pries. Jetzt stand er nachdenklich an der Efeulaube, ohne mich zu sehen, und schien zu überlegen.
„Dreihundert ... dreihundert ...“ murmelte er. „Elf ... zwölf, dreizehn – sechzehn. Fünf Jahre! Nehmen wir an, zu vier Prozent – zwölf mal fünf ... das macht sechzig. Ja, von diesen sechzig ... nun, sagen wir, im ganzen nach fünf Jahren – vierhundert. Ja! ... tja! ... Aber der wird doch nicht bloß vier Prozent nehmen, dieser Hund! Mindestens acht, wenn nicht sogar zehn. Na, sagen wir – fünfhunderttausend! Hm! eine halbe Million Rubel, das ist schon besser – nun, und dann noch die Aussteuer ... hm ...“
Sein Entschluß stand fest. Er räusperte sich und wollte das Zimmer bereits verlassen – da sah er plötzlich die Kleine im Winkel mit ihrer Puppe neben dem armen Jungen, und blieb stehen. Mich bemerkte er hinter dem dichten Efeu nicht. Wie mir schien, war er sehr erregt. Ob diese Erregung nun auf die Berechnung, die er soeben angestellt hatte, oder auf etwas anderes zurückzuführen war, das ist schwer zu sagen, doch rieb er sich lächelnd die Hände und schien kaum ruhig stehen zu können. Die Erregung wuchs noch bis ins ganz Unbegreifliche, als er einen zweiten entschlossenen Blick auf die reiche Erbin warf. Er wollte einen Schritt vortreten, blieb aber wieder stehen und blickte sich zuerst nach allen Seiten um. Dann näherte er sich auf den Fußspitzen, als sei er sich einer Schuld bewußt, langsam und ganz leise dem Kinde. Er lächelte. Als er dicht hinter der Kleinen stand, beugte er sich zu ihr nieder und küßte sie auf den Kopf. Die Kleine schrie vor Schreck auf, denn sie hatte ihn bis dahin nicht bemerkt.
„Was tust du denn hier, mein liebes Kind?“ fragte er leise, blickte sich um und klopfte ihr dann die Wange.
„Wir spielen ...“
„Ah? Mit ihm?“ Julian Mastakowitsch warf einen Blick auf den Knaben.
„Du könntest, mein Lieber, in den Saal gehen,“ riet er ihm.
Der Knabe schwieg und blickte ihn groß an. Julian Mastakowitsch sah sich wieder schnell nach allen Seiten um und beugte sich von neuem zu der Kleinen.
„Was hast du denn da, mein liebes Kind? Ein Püppchen?“ fragte er.
„Ein Püppchen ...“ antwortete die Kleine etwas zaghaft und runzelte leicht die Stirn.
„Ein Püppchen ... Aber weißt du auch, mein liebes Kind, woraus diese Puppe gemacht ist?“
„N–nein ...“ antwortete die Kleine flüsternd und senkte das Köpfchen noch tiefer.
„Nun, aus alten Läppchen, mein Herzchen. Aber du könntest doch in den Saal gehen, Junge, zu den anderen Kindern,“ wandte sich Julian Mastakowitsch mit einem strengen Blick abermals an den Knaben. Doch das Mädchen und der Kleine runzelten die Stirn und faßten sich gegenseitig an. Sie wollten sich offenbar nicht voneinander trennen.
„Aber weißt du auch, wofür man dir dieses Püppchen geschenkt hat? ...“ fragte Julian Mastakowitsch, dessen Stimme immer einschmeichelnder wurde.
„N–nein ...“
„Nun, dafür, daß du ein liebes und artiges Kind gewesen bist.“
Hier blickte sich Julian Mastakowitsch wieder nach der Tür um und fragte dann mit kaum hörbarer, vor Erregung und Ungeduld zitternder Stimme:
„Aber wirst du mich auch lieben, kleines Mädchen, wenn ich zu deinen Eltern zum Besuch komme?“
Bei diesen Worten wollte Julian Mastakowitsch noch einmal das Mädchen küssen, doch als der kleine Knabe sah, daß sie dem Weinen schon ganz nahe war, umklammerte er sie plötzlich angstvoll und begann vor lauter Teilnahme und Mitleid mit ihr selbst laut zu weinen. Julian Mastakowitsch wurde ernstlich böse.
„Geh, geh fort, geh fort von hier!“ sagte er ärgerlich. „Geh in den Saal! Geh zu deinen Kameraden!“
„Nein, nicht, nicht! Er soll nicht gehn! Gehen Sie fort,“ sagte das kleine Mädchen, „er aber soll hier bleiben, lassen Sie ihn hier!“ fügte sie fast weinend hinzu.