Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Part 4

Chapter 43,886 wordsPublic domain

Haß und Rachedurst hatten mein Herz erfüllt, als sie, in der Absicht, Tankred gegen ihr Reitpferd einzutauschen, zu uns getreten war ... Wie aber soll ich das wiedergeben, was ich bei dieser plötzlichen Herausforderung empfand? Es wurde dunkel vor meinen Augen, als ich den Blick bemerkte, den sie ^M–me^ M. zuwarf. Wie ein Blitz durchzuckte mich die Idee ... ja, in einer Sekunde, in dem Bruchteil einer Sekunde, war die Idee schon Wille geworden ... Ihr Blick wirkte auf mich wie ein Funke auf ein Pulverfaß – oder war das Maß schon so zum Überlaufen voll, daß ich bei diesem letzten Tropfen plötzlich wie mit einem Schlage wieder ich selbst war und alles sich in mir aufbäumte – daß ich mit einer einzigen Tat alle meine Feinde schlagen und mich vor allen Zeugen an ihnen rächen wollte, indem ich zeigte, was für ein Held ich sei? Oder war es vielleicht das, daß jemand mir in diesem Augenblick, von dem ich noch nichts wußte, ein Stück Mittelalter durch irgendein Wunder oder eine Zauberei offenbarte und ich in meinem erhitzten Kopfe Turniere, Paladine, Knappen, schöne Edelfrauen, brechende Lanzen sah und Schwertergeklirr, Geschrei und Beifallruf der Menge hörte und zwischen all dem den schüchternen Schrei eines erschrockenen Herzens, der dem Stolzen auf dem Kampfplatz süßer klingt als alle Siegesfanfaren? ... Nein, ich weiß wirklich nicht, ob dieser Unsinn mir schon damals den Kopf verwirrte, oder ob ich, wie mir scheint, nichts anderes dachte und fühlte, als daß meine Stunde geschlagen hatte! Mein Herz stand still, und dann gab ich mir einen Ruck und mit einem Sprunge war ich von der Treppe und stand neben Tankred.

„Ach, Sie glauben, ich fürchte mich?“ rief ich frech und stolz zugleich, in einer Erregung, die mir die Sinne benahm und das Blut ins Gesicht trieb. „Dann sollen Sie sehen!“ ... Und noch bevor jemand mich zurückhalten konnte, hatte ich schon eine Hand in Tankreds Mähne und einen Fuß im Steigbügel: Tankred bäumte sich, warf wild den Kopf in die Luft, riß sich mit einem Ruck und Satz von den Stallknechten los und raste vom Hof – ein Schrei des Entsetzens entrang sich allen Zuschauern.

Gott weiß, wie es mir gelang, im Fluge noch den anderen Steigbügel zu finden; ebensowenig begreife ich, wie ich nicht den Zaum verlor. Tankred raste mit mir durch das offene Gittertor, bog scharf nach rechts zur Seite und jagte mit hochgestrecktem Kopf blindlings längs dem Gitterzaun weiter. Erst in diesem Augenblick hörte ich hinter mir das Geschrei der fünfzig Stimmen: und dieser Schrei erweckte in meiner Brust soviel Freude und Stolz, daß ich diesen verrückten Augenblick meiner Kindheit nie vergessen werde. Das Blut stieg mir zu Kopf und betäubte, erstickte meine Angst. Ich war mir meiner selbst nicht bewußt. Übrigens hatte das alles, soweit ich mich erinnere, wirklich etwas Ritterliches.

Indessen begann und endete mein Rittertum in kaum einer Minute – anderenfalls wäre es dem Ritter auch sehr schlecht bekommen. Und auch so verdanke ich meine Rettung nur einem Wunder. Zu reiten verstand ich freilich, aber mein gewohnter Klepper erinnerte doch weit eher an ein Lamm als an ein Reitpferd. Selbstverständlich wäre ich von Tankred aus dem Sattel geworfen worden, wenn er dazu nur Zeit gehabt hätte. Am Ende des Hofzaunes scheute er aber vor einem großen Stein am Wege, bäumte sich und warf sich so wild herum, daß es mir noch jetzt ein Rätsel ist, wie ich im Sattel blieb und nicht wie ein Ball drei Klafter weit zu Boden flog, um zerschmettert liegen zu bleiben, und wie Tankred selbst bei dieser plötzlichen wilden Wendung sich nicht einfach überschlug. So aber jagte er zurück zum Gittertor, schüttelte wild den Kopf, warf die Beine scheinbar wie sie wollten in die Luft und schien mit jedem Satz und Seitensprung nur eines zu wollen: mich abzuschütteln, als wäre ich ein Tiger, der ihm auf den Rücken gesprungen und sich mit allen Zähnen und Pranken in sein Fleisch einkrallte. Noch ein Augenblick – und ich wäre geflogen –! Doch schon sprengten mehrere Reiter zu meiner Rettung herbei. Zwei von ihnen versperrten den Weg, zwei andere drängten ihre Tiere so dicht heran, daß sie mir fast die Beine zerdrückten, und schon hielten sie Tankred fest am Zaum. In wenigen Augenblicken waren wir wieder vor der Freitreppe.

Ich wurde aus dem Sattel gehoben, bleich und an allen Gliedern zitternd. Tankred stand unbeweglich mit sich hebenden und senkenden Flanken, mit bebenden roten Nüstern und schnaufendem Atem; dabei zitterten alle seine Nerven wie vor Wut und Empörung über die ungestrafte Frechheit eines Kindes, das ihn so beleidigt hatte! Ringsum ertönten noch immer Ausrufe der Angst und des Schrecks und der Verwunderung.

Da begegnete mein irrender Blick dem der ^M–me^ M., die erregt und bleich aussah, und – nie werde ich diesen Augenblick vergessen! – in dem Augenblick wurde ich feuerrot. Ich weiß nicht, was in mir vorging, aber verwirrt und erschreckt durch eine neue Empfindung senkte ich beschämt den Blick zu Boden. Doch mein Blick war bemerkt, war aufgefangen, war mir wieder gestohlen worden! Aller Augen wandten sich ^M–me^ M. zu, und als diese so plötzlich die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah, erschrak sie und errötete plötzlich selbst wie ein Kind, gleichsam infolge einer Empfindung, die gegen ihren Willen über sie kam, obgleich sie sich ganz unschuldig fühlte. Und in ihrer Verlegenheit zwang sie sich zu einem Lachen ... Doch half ihr auch das nicht, ihr Erröten zu verbergen ...

Alles dies hätte einem unbeteiligten Beobachter natürlich sehr komisch erscheinen müssen – aber da bewahrte mich ein höchst naiver und unerwarteter neuer Ausfall der Ungezogenen vor dem allgemeinen Gelächter, indem er den ganzen Zwischenfall in ein besonderes Licht rückte. Sie, die mich zu meiner Tollkühnheit herausgefordert hatte und die ganze Zeit über mein unversöhnlichster Feind gewesen war, stürzte plötzlich zu mir, umschlang mich mit beiden Armen und bedeckte mich mit Küssen. Sie hatte ihren Augen nicht getraut, als ich ihre Herausforderung annahm und den Handschuh aufhob, den sie mir mit ihrem Blick auf ^M–me^ M. zuwarf. Und als ich auf Tankred dahinjagte, da war sie vor Angst und Gewissensbissen schier ohnmächtig geworden. Jetzt aber, nachdem alles überstanden war und sie wie alle anderen meinen Blick auf ^M–me^ M. bemerkte, dazu meine Verwirrung und mein plötzliches Erröten wahrnahm – jetzt, da sie dem Vorfall mit einer romantischen Deutung einen ganz anderen Sinn beilegen konnte – jetzt geriet sie in solches Entzücken ob meiner „Rittertat“, daß sie zu mir eilte und mich in ihre Arme schloß, gerührt, stolz, begeistert! Einen Augenblick später richtete sie sich schnell auf und wandte den übrigen, die sich um uns drängten, ihr Gesicht mit der ernsthaftesten Miene zu, in der unendlich viel kindlich naiver Stolz lag, und sagte, indes zwei kristallklare Tränen an ihren Wimpern hingen, mit einer so ernsten, wichtigen Stimme, wie ich sie von ihr noch nie gehört hatte:

„^Mais c’est très sérieux, messieurs, ne riez pas!^“ Und sie deutete auf mich, ohne zu gewahren, daß alle wie bezaubert vor ihr standen und nur sie ansahen. Diese ihre unerwartete schnelle Bewegung, ihr ernstes liebes Gesicht, ihre offenherzige Naivität und diese aufrichtigen Tränen in ihren ewig lachenden Augen – alles das erschien ihnen als ein so unerwartetes Wunder, daß alle sie ansahen, wie gebannt durch diesen Zauber ihrer Leidenschaftlichkeit, ihres Blickes und ihrer Stimme. Niemand konnte die Augen von ihr abwenden, so schön war sie in ihrer Rührung und Begeisterung. Sogar unser alter Hausherr wurde rot wie eine Tulpe. Und wie man später behauptete, soll er gesagt haben: „Zu seiner Schande müsse er gestehen, daß er mindestens eine ganze Minute lang in seinen schönen Gast verliebt gewesen sei.“ Ich aber war jetzt natürlich ein Ritter, war ein Held!

„Delorges! Toggenburg!“ ertönte es aus dem Kreise.

Viele applaudierten.

„Ja, ja, die junge Generation!“ bemerkte unser Hausherr.

„Aber jetzt kommt er mit, jetzt muß er unbedingt mit uns mitkommen!“ rief die Blondine schnell, „wir müssen ihm einen Platz verschaffen! Oder er setzt sich zu mir aufs Pferd, auf meinen Schoß ... ach, nein, nein! Das geht ja nicht!“ ... unterbrach sie sich, auflachend, und konnte dabei ihr Lachen nicht bezwingen bei der Erinnerung an unsere erste Bekanntschaft. Doch während sie lachte, streichelte sie zärtlich meine Hand, sichtlich von Herzen bemüht, meine Freundschaft zu gewinnen und die Kränkung vergessen zu machen.

„Unbedingt! Unbedingt!“ riefen gleich mehrere Stimmen, „den Platz hat er sich erobert!“

Und im Augenblick war alles besorgt: jenes selbe ältere Fräulein, das mich mit ihrer schönen Freundin bekannt gemacht hatte, wurde sogleich von der ganzen Jugend mit Bitten bestürmt, ihren Platz mir abzutreten und statt meiner zu Haus zu bleiben. Zu ihrem größten Ärger blieb ihr denn auch nichts anderes übrig, als den Bitten Gehör zu geben und mit sauersüßem Lächeln auszusteigen – innerlich wohl dem Bersten nahe vor Wut über mich. Ihre Beschützerin, meine gewesene Feindin und nun größte Freundin, rief ihr jedoch, als sie an ihr vorüberritt, wie ein Kind lachend zu, daß sie sie beneide und gern mit ihr tauschen wollte, denn es werde gleich regnen und dann würden wir alle naß.

Ihre Prophezeiung traf wirklich ein. Etwa eine Stunde später überraschte uns ein Platzregen und wir mußten mehrere Stunden in den Bauernhäusern warten. Erst gegen zehn Uhr kehrten wir zurück, in feuchter, frisch-kühler Regenluft. Kurz bevor wir aufbrachen, trat ^M–me^ M. zu mir und fragte mich verwundert, warum ich nichts weiter angezogen hätte, als meine leichte Matrosenbluse. Ich sagte, ich hätte keine Zeit gehabt, meinen Mantel mitzunehmen. Da nahm sie eine Nadel und steckte meinen Kragen höher fest und nahm von ihrem Halse ein kleines, seidenes Tuch, das sie mir um den Hals band. Sie beeilte sich dabei aber so sehr, daß ich ihr nicht einmal danken konnte.

Zu Haus angekommen, suchte ich sie und fand sie schließlich im kleinen Salon, im Gespräch mit der Blondine und dem freundlichen jungen Mann, der den Ruf eines guten Reiters damit eingebüßt hatte, daß er Tankred nicht zu reiten wagte. Ich trat an sie heran, bedankte mich und gab ihr das Halstuch zurück. Ich schämte mich jetzt des Vorgefallenen und wollte schnell fortgehen, nach oben auf mein Zimmer, um dort in aller Ruhe und Muße über irgend etwas, was ich im Augenblick selbst nicht zu nennen vermocht hätte, nachzudenken und mir darüber Klarheit zu verschaffen. Ich war so voll von neuen Eindrücken. Indem ich das Tuch zurückgab, errötete ich natürlich wieder bis über die Ohren.

„Ich wette, der Junge hat das Ding behalten wollen,“ bemerkte der junge Mann lachend, „man sieht es ja seinen Augen an, wie leid es ihm tut, sich von Ihrem Tuch trennen zu müssen ...“

„Natürlich, natürlich doch!“ fiel ihm die Blondine ins Wort. „So ein Schlingel! Ach du!“ ... sagte sie scheinbar sehr angehalten und schüttelte mißbilligend den blonden Kopf, verstummte aber sogleich unter dem ernsten Blick der ^M–me^ M., der sie bat, ihre Scherze mit mir nicht wieder zu weit zu treiben.

Ich ging schnell fort.

„Wohin läufst du denn! So lauf doch nicht weg!“ – damit holte sie mich im Nebenzimmer ein und erfaßte freundschaftlich meine beiden Hände – „hättest du es doch einfach nicht zurückgegeben, wenn du’s so gern behalten wolltest! Hättest doch sagen können, daß du es verloren hast oder irgendwohin gelegt, und damit basta! Und das hast du nicht verstanden? Du bist mir mal ein Tor!“

Und sie gab mir mit dem Finger einen leichten Backenstreich und lachte, weil ich wieder feuerrot wurde.

„Jetzt sind wir doch gute Freunde, nicht wahr? Hat unsere Feindschaft ein Ende, sag’!? Ja oder nein?“

Ich lachte und drückte ihr ohne ein Wort die Hand.

„Nun, das ist gut! ... Aber warum bist du so bleich geworden und warum zitterst du? Hast du dich erkältet?“

„Ja, ich fühle mich nicht ganz wohl ...“

„Ach, du Armer! Das kommt von der Aufregung! Weißt du was? Geh jetzt lieber gleich ins Bett, warte nicht erst auf das Abendessen, und wenn du dich gut ausschläfst, wird es vergehen. Komm!“

Sie führte mich nach oben, und wie es schien, konnte sie mir nicht genug Liebes erweisen. Während sie mich zum Auskleiden allein ließ, lief sie nach unten in die Küche und brachte mir heißen Tee, den ich, als ich schon im Bett lag, trinken mußte. Dann brachte sie mir noch eine warme Decke und deckte mich sorgfältig zu. Ihre liebevolle Sorge wunderte und rührte mich nicht wenig, – oder vielleicht waren auch meine Nerven nach allen Erlebnissen an diesem Tage und obendrein noch durch das Fieber besonders empfänglich dafür. Ich schlang plötzlich meine Arme um ihren Hals, als wäre sie mein liebster und bester Freund, und mit einem Male kamen alle Eindrücke des Tages wieder und stürmten auf mein ermattetes Herz: ich war den Tränen nahe und schmiegte mich fest an ihre Brust. Sie erriet meine überwallende Empfindung und ich glaube, mein Wildfang war selbst beinahe gerührt.

„Du bist ein guter Junge,“ flüsterte sie mir zu und sah mich mit stillen Augen an, „so sei mir nun nicht mehr böse, ja? wirst mir nicht mehr böse sein?“

Mit einem Wort: uns verband von nun an die treueste, zärtlichste Freundschaft.

Es war ziemlich früh am Morgen, als ich erwachte, aber die Sonne erfüllte das Zimmer schon mit goldigem Licht. Ich sprang gesund und munter aus dem Bett, von der Erkältung empfand ich nichts mehr, statt dessen aber eine unendliche, unerklärliche Freude. Ich dachte an den ereignisreichen letzten Tag und Abend und ich hätte ein ganzes Glück dafür hingegeben, wenn ich in diesem Augenblick wieder meinen neuen Freund, unsere blondlockige Schönheit hätte umarmen können. Aber es war noch zu früh und sie schliefen wohl noch alle. Ich kleidete mich schnell an, ging in den Garten und von dort in den Wald. Ich schlug die Richtung ein, in der der Wald am dichtesten war, der Duft der Bäume harziger, und wo die Sonnenstrahlen neckisch und nur wie verstohlen hier und da durch das dichte Blattgewirr lugten. Es war ein wundervoller Morgen.

Ich ging weiter und weiter, bis ich schließlich am anderen Waldrande anlangte, auf einem Bergabhange nicht weit vom Fluß. Die Moskwa ist dort keine zweihundert Schritte vom Waldesrande entfernt, wenn man den Abhang hinabgeht. Auf dem anderen Ufer wurde Heu gemäht. Ich blieb stehen und schaute hinüber: ich sah, wie ganze Reihen scharfer Sensen bei jedem Ausholen der Schnitter in der Sonne aufblitzten und dann wieder verschwanden, gleich kleinen glänzenden Schlangen, die schnell immer von neuem ins Gras huschten, als wollten sie sich verstecken, und wie das gemähte Gras in dicken bauschigen Büscheln zur Seite flog und in langen geraden Streifen liegen blieb. Ich erinnere mich nicht, wie lange ich so hinübergeschaut haben mochte, als ich plötzlich aus meinen Träumen zur Besinnung kam: aus dem Walde, ungefähr aus der Richtung des Durchhaus, der sich zwischen dem Fahrweg und dem Herrenhause hinzog, vernahm ich Pferdegeschnauf und ungeduldiges Scharren mit dem Huf. Ich konnte jedoch nicht sagen, ob der Reiter sein Tier gerade erst anhielt, oder ob schon längere Zeit das Stampfen und Schnaufen zu hören gewesen war, das ich – in mich selbst versunken, wie ich, während ich den Schnittern zusah, dagestanden – nur nicht gehört hatte. Neugierig kehrte ich zurück in den Wald und schon nach wenigen Schritten vernahm ich Stimmen, die schnell, aber leise durch die Stille erklangen. Ich ging noch näher und bog die Äste der letzten Büsche zur Seite und – erschrocken wich ich zurück – durch die Zweige schimmerte ein weißes Kleid: eine weiche Frauenstimme schlug an mein Ohr und ließ mein Herz erzittern. Es war ^M–me^ M. Sie stand neben einem Reiter, der vom Pferde herab schnell auf sie einsprach, und zu meiner Verwunderung erkannte ich in ihm N., jenen jungen Mann, der uns tags zuvor verlassen hatte, begleitet von allen jungen Damen und auch von ^M–r^ M. Hatte man nicht gesagt, er müsse irgendwohin, weit nach dem Süden Rußlands reisen? Wahrlich, es war nur zu erklärlich, daß ich mich recht verwunderte, als ich ihn wieder bei uns und noch dazu so früh am Morgen und allein mit ^M–me^ M. im Walde erblickte!

Sie schien geweint zu haben und sah erregt aus, aber so schön hatte ich sie noch nie gesehen. Der junge Mann hielt ihre Hand in der seinen und führte sie, im Sattel sich herabneigend, an seine Lippen. Ich hatte sie beim Abschied überrascht. Ich glaube, sie beeilten sich. Endlich zog er aus der Brusttasche einen Brief, reichte ihn ^M–me^ M., umfing sie mit dem einen Arm, sich wie vorher im Sattel herabbeugend, und küßte sie – fest und lange. Einen Augenblick später wippte die Peitsche und er sprengte schnell an mir vorüber, auf und davon. Sie aber stand noch eine Weile und blickte ihm nach, dann wandte sie sich um und kehrte langsam, nachdenklich und traurig zum Hause zurück. Nach wenigen Schritten schien sie plötzlich zu sich zu kommen, wie aus einem Traum zu erwachen – und sie bog schnell die Zweige der Büsche am Durchhau zur Seite und ging durch den Wald.

Ich folgte ihr, erstaunt und verwirrt durch das, was ich gesehen hatte. Mein Herz pochte laut, wie nach einem großen Schreck. Und dennoch war ich wie erstarrt und betäubt: meine Gedanken waren zerstreut und ich konnte sie nicht sammeln; aber ich erinnere mich, daß ich furchtbar traurig war. Hin und wieder sah ich ihr weißes Kleid durch das Grün schimmern. Ich folgte ihr ganz willenlos, fast mechanisch, und hatte dabei nur den einen Gedanken, sie nicht aus dem Auge zu verlieren und doch selbst nicht von ihr gesehen zu werden. Endlich trat sie auf den Weg, der aus dem Walde in den Garten führte. Ich wartete eine Weile, dann trat ich gleichfalls aus dem Walde. In demselben Augenblick bemerkte ich auf dem gelben Kies des Weges ein geschlossenes Kuvert, das ich auf den ersten Blick erkannte – es war dasselbe, das vor etwa zehn Minuten N. ^M–me^ M. eingehändigt hatte.

Ich hob es auf, betrachtete es von allen Seiten: ein weißes Kuvert ohne Aufschrift, ohne ein Zeichen, dem Format nach nicht sehr groß, aber recht dick und schwer, wie wenn mindestens drei Bogen Postpapier in ihm waren.

Was enthielt dieser Brief? Vielleicht das ganze Geheimnis! Vielleicht war in ihm alles das ausgesprochen, was N. in den wenigen Minuten des kurzen Wiedersehens nicht zu sagen gewagt hatte. Er war ja dem Anscheine nach nicht einmal abgestiegen ... Sollte er sowenig Zeit gehabt haben oder fürchtete er vielleicht bei einem längeren Abschied seinem gegebenen Wort nicht treu bleiben zu können – Gott mag es wissen ...

Ich blieb stehen, legte den Brief mitten auf den Weg, gerade auf die sichtbarste Stelle und versteckte mich hinter einem Baum, so daß ich den Brief im Auge behalten konnte, denn ich dachte, ^M–me^ M. werde bald bemerken, daß sie ihn verloren hatte, und dann, um ihn zu suchen, auf demselben Wege in den Wald zurückkehren. Ich hielt aber das Warten nicht lange aus, hob den Brief wieder auf, steckte ihn in die Tasche und lief ihr nach. Sie war aber schon im Garten und ging in der großen Allee geradeswegs zum Hause, ging schnell, doch mit gesenktem Kopf. Da wußte ich nicht, was ich tun sollte. Sie einholen und ihr den Brief geben? Das hätte verraten, daß ich alles gesehen, daß ich alles wußte. Wie sollte ich ihr dann noch in die Augen blicken? und was würde sie von mir denken? Ich hoffte immer noch, daß sie zu sich kommen, sich des Briefes erinnern und dann bemerken werde, daß sie ihn verloren hatte. In dem Falle hätte ich ihn unbemerkt fallen lassen: und sie würde ihn sogleich gefunden haben. Aber nein, sie dachte offenbar nicht an den Brief! Sie näherte sich schon dem Hause, und auf der Terrasse hatte man sie bereits erblickt.

An diesem Morgen waren alle viel früher aufgestanden, denn am Abend nach der mißlungenen Ausfahrt hatte man sogleich einen neuen Ausflug verabredet, wovon ich noch nichts wußte. Alle hatten sich schon zur Abfahrt bereitgemacht und saßen gerade beim Frühstück auf der Terrasse. Ich wartete gute zehn Minuten, damit man mich nicht zusammen mit ^M–me^ M. aus dem Garten kommen sah, machte einen Umweg und näherte mich von einer anderen Seite dem Hause. Sie ging auf der Terrasse unruhig hin und her, sah bleich und erregt aus und aus allem war zu ersehen, daß sie sich Gewalt antat, um ihre Erregung und Angst nicht zu verraten; dennoch sprach aus ihren Augen, ihrem unruhigen Gang, aus jeder Bewegung soviel Qual und Pein, daß sie wohl jedem, der sie beobachtet hätte, aufgefallen wäre. Sie stieg die Stufen hinab und ging ein paar Schritte auf dem Wege in den Garten; ihre Augen suchten angstvoll und sogar unvorsichtig und auffällig auf dem Kies und dem Fußboden der Terrasse. Da wußte ich: jetzt endlich vermißte sie den Brief und fürchtete wohl, ihn in der Nähe des Hauses verloren zu haben – ja, sie schien davon überzeugt zu sein.

Jemand machte die Bemerkung, und nach ihm wiederholten sie alle anderen, daß sie bleich und nervös aussehe. Es folgten Fragen nach ihrer Gesundheit, lästige Ratschläge. Sie mußte beruhigen, scherzen, lachen, mußte eine heiter gelassene Miene zur Schau tragen. Zuweilen flog ihr Blick zu ihrem Mann hinüber, der am anderen Ende der Terrasse sich mit zwei Damen unterhielt, und dann überlief wieder jenes Zittern ihren Körper und jene große Befangenheit kam über sie, wie an dem Abend, als er unerwartet hier eingetroffen war. Ich stand, die Hand in der Tasche, in der ich den Brief krampfhaft festhielt, etwas abseits auf der Terrasse und flehte das Schicksal an, daß sie mich endlich bemerken möge. Ich wollte sie beruhigen, trösten, und war’s auch nur mit einem Blick, oder ihr, wenn es anging, heimlich ein paar Worte zuflüstern. Doch als sie mich dann zufällig ansah, da zuckte ich zusammen und senkte den Blick.

Ich sah ihre Qual und täuschte mich nicht in meiner Annahme. Auch jetzt weiß ich von ihrem Geheimnis nicht mehr als damals, nichts weiter als das, was ich soeben wiedergegeben. Aber ihr Verhältnis zu N. war vielleicht doch nicht von der Art, wie man es auf den ersten Blick vermuten könnte. Vielleicht war dieser Kuß ein letzter Abschiedskuß, ein dürftiger Lohn für ein Opfer, das er ihrer Ruhe und Ehre brachte? Er verließ sie. Er reiste irgendwohin, weit fort, vielleicht fürs ganze Leben, um sie nie wiederzusehen. Und schließlich, dieser Brief, den ich kampfhaft umklammerte – wer weiß, was er enthielt? Wer konnte da urteilen? Zweifellos wäre die plötzliche Aufdeckung ihres Geheimnisses ein entsetzlicher, ein vernichtender Schlag für sie gewesen. Ich sehe noch heute ihr Gesicht vor mir, wie sie dort ging und stand: nein, mehr konnte man nicht leiden! Fühlen, wissen, überzeugt sein, und wie auf seine Hinrichtung darauf warten, daß in einer Viertelstunde oder schon in der nächsten Minute alles der Öffentlichkeit preisgegeben sein würde – der Brief konnte doch jeden Augenblick von jemandem gefunden werden! Er war ohne Aufschrift, man würde ihn erbrechen und dann ... was dann? Welche Hinrichtung könnte furchtbarer sein, als die, die sie erwartete? Sie stand und ging hier mitten unter ihren zukünftigen Richtern. Nach wenigen Minuten würden alle diese lächelnden, schmeichelnden Gesichter streng und unerbittlich aussehen. Spott, Bosheit und eisige Verachtung würde sie in ihnen lesen und dann würde ewige, hoffnungslos dunkle Nacht ihr Leben abschließen ... Damals freilich begriff ich das alles noch nicht so, wie jetzt. Ich konnte es nur ahnen und Mitleid mit ihr empfinden, tiefes, unsagbares Mitleid mit ihrer Angst, die ich nicht einmal ganz verstand. Doch was auch immer ihr Geheimnis gewesen sein mag – durch jene qualvolle Stunde, deren Zeuge ich war und die ich niemals vergessen werde, hat sie viel gesühnt, wenn hier überhaupt etwas zu sühnen war.