Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held
Part 3
Ich war natürlich gleich zu ^M–me^ M. getreten, als sie auf mich wies, und hatte mir den Anschein gegeben, als hätten wir uns schon vor einer Stunde verabredet, und ich tat so, als sei ich schon einen ganzen Monat jeden Morgen mit ihr spazierengegangen. Nur konnte ich nicht begreifen, weshalb diese Begegnung sie so verwirrte, und was sie eigentlich im Sinne hatte, als sie sich zu der kleinen Lüge entschloß. Warum hatte sie nicht ganz einfach gesagt, daß sie allein gehe? So aber wußte ich nicht, was ich davon denken sollte. Dennoch begann ich allmählich, trotz meiner Unsicherheit und aller Befürchtungen, mit naiver Neugier verstohlen zu ihr aufzusehen: doch ganz wie vor einer Stunde in der Probe bemerkte sie auch jetzt weder meine Blicke noch meine stumme Frage. Nur dieselbe quälende Sorge spiegelte sich noch deutlicher, noch tiefer in ihren erregten Zügen wieder und sprach aus jeder Bewegung, sprach vor allem aus ihrem schnellen Gang. Sie mußte Eile haben, denn sie beschleunigte ihre Schritte und unruhig blickte sie in jede Allee, in jeden Durchhau im Walde, und zwar immer nach der Seite des Gartens hin. Auch ich begann etwas zu erwarten. Da vernahmen wir Pferdegetrappel hinter uns. Es war eine ganze Kavalkade, Damen und Herren, hoch zu Roß, die alle jenen N., der uns so plötzlich verließ, begleiteten.
Unter den Reiterinnen erblickte ich auch meine Blondine, von der ^M–r^ M. uns erzählt hatte, daß sie gelacht und geweint habe, beides zugleich. Ihrer Gewohnheit gemäß lachte sie nun wieder wie ein Kind und war so mutwillig und lustig wie nur je. Sie ritt einen prächtigen Schimmel. Als die Gesellschaft uns erreichte, zog N. den Hut, hielt aber weder sein Pferd an, noch sagte er ein Wort zu ^M–me^ M. Bald waren sie alle hinter einer Wegbiegung verschwunden. Ich blickte zu ^M–me^ M. auf und – beinahe hätte ich aufgeschrien vor Überraschung: sie war totenbleich und rührte sich nicht, nur große Tränen standen in ihren Augen. Unsere Blicke trafen sich: ^M–me^ M. errötete jäh, wandte sich für einen Augenblick fort und ich las Unruhe und Ärger in ihrem Gesicht, obschon sie sich schnell und mit aller Gewalt zusammennahm. Ich war überflüssig, war lästiger noch als tags zuvor: das war mir klar. Aber wie sollte ich mich entfernen, unter welchem Vorwande?
Da schlug ^M–me^ M. plötzlich, als habe sie meine Gedanken erraten, das Buch auf, das sie mitgenommen hatte, und, indem ihr wieder das Blut in die Wangen stieg, sagte sie – sichtlich bemüht, mich dabei nicht anzusehen – als habe sie es soeben erst bemerkt:
„Ach! Das ist ja der zweite Band, ich habe mich versehen! Bitte, bring mir den ersten!“
Es war nicht mißzuverstehen! Ich hatte meine Rolle ausgespielt und auf einem geraderen Wege hätte man mich schwerlich fortschicken können.
Ich lief mit dem Buche fort und kehrte nicht zurück. Der erste Band blieb an diesem Morgen unberührt auf dem Tische liegen ...
Aber seitdem war ich so verändert, daß ich mir selbst ganz fremd vorkam: mein Herz pochte wie in fortwährender Angst. Ich wandte die größte Vorsicht an, um nicht irgendwie ^M–me^ M. zu begegnen. Dafür aber betrachtete ich von nun an mit einer nahezu wilden Neugier ihren selbstzufriedenen Herrn Gemahl, als wollte ich an ihm etwas Besonderes entdecken. Ich begreife jetzt selbst nicht, wie ich damals zu dieser lächerlichen Neugier kam, doch entsinne ich mich, daß alles, was ich an jenem Morgen erlebt, mich in ein ganz eigenartiges Erstaunen versetzt hatte. Und doch war es nur erst ein Anfang an diesem Tage gewesen, an dem mir noch ganz andere und noch viel größere Erlebnisse bevorstanden.
Es wurde ausnahmsweise früher als sonst zu Mittag gespeist. Am Nachmittage sollten wir eine Ausfahrt nach einem Nachbardorf machen, um einmal ein richtiges Dorffest, das dort gefeiert wurde, kennen zu lernen – deshalb speisten wir früher. Ich hatte mich schon drei Tage auf dieses Fest gefreut, von dem ich Gott weiß wie viel erwartete. Den Kaffee tranken alle auf der Terrasse. Vorsichtig folgte ich den anderen aus dem Speisesaal und verbarg mich hinter mehreren Sesseln. Mich zog wieder meine Neugier dorthin: und die war so groß, daß ich ihr sogar auf die Gefahr hin folgte, von ^M–me^ M. bemerkt zu werden. Der Zufall fügte es jedoch anders: ich geriet in die Nähe meiner blonden Verfolgerin. An dem Tage war mit ihr ein Wunder geschehen, etwas schier Unglaubliches: sie sah plötzlich noch einmal so schön aus, als sie bis dahin ausgesehen hatte. Wie und warum das gekommen war – das weiß ich nicht, aber mit Frauen geschieht dieses Wunder ja recht oft! Unter uns befand sich ein neuer Gast, ein langer, blonder, junger Mann, der gerade aus Moskau eingetroffen war, fast wie um N. zu ersetzen, der uns am Morgen verlassen hatte, und von dem das Gerücht ging, daß er in unsere blonde Schönheit sterblich verliebt gewesen sei. Der neue Gast aber stand schon seit langer Zeit in einem Verhältnis zu ihr, wie Benedikt zu Beatrice in Shakespeares „Viel Lärm um nichts“. Kurz, unsere Schönheit fand an diesem Tage ungeheuren Beifall. Ihre Scherze und ihre Unterhaltung waren so entzückend, so zutraulich naiv, so verzeihlich unvorsichtig, sie war dabei selbst mit einer so graziösen Sicherheit vom allgemeinen Beifall überzeugt, daß sie die ganze Zeit über von allen Anwesenden tatsächlich nur bewundert wurde. Um sie herum bildete sich ein dreifacher Kreis von überraschten, verwunderten und entzückten Zuhörern, denn so bezaubernd hatte man sie noch nie gesehen. Jedes Wort von ihr ward wie ein verführerisches Wunderding erhascht und weitergegeben, jeder Scherz, jede schlagfertige Antwort erregte Begeisterung. Wie es schien, hatte niemand soviel Geschmack, Geist und Verstand an ihr vermutet. Ihre besten Eigenschaften wurden durch ihre täglichen kindischen Tollheiten, die oft fast zu Narrheiten ausarteten, in den Schatten gestellt und selten von jemand bemerkt – oder wer sie zwischen jenen Kindereien bemerkte, der hielt sie für Zufall, so daß ihr plötzlicher Erfolg mit einem allgemein verwunderten Geflüster aufgenommen wurde.
Übrigens trug zu diesem Erfolg noch ein besonderer, etwas kitzliger Umstand bei – kitzlig wenigstens im Hinblick auf die Rolle, die der Herr Gemahl der ^M–me^ M. dabei spielte. Der Wildfang hatte sich nämlich vorgenommen – und wie ich bemerken muß: zu allseitigem Gaudium oder zum mindesten doch zu dem der goldenen Jugend – wahrhaft unbarmherzig ^M–r^ M., immer nur M., anzugreifen, und dies wohl aus verschiedenen Gründen, die in ihren Augen wahrscheinlich alle sehr gewichtig waren. Sie eröffnete im Kampf mit ihm ein richtiges Schnellfeuer von spöttischen Herausforderungen, Seitenhieben und Sarkasmen von der boshaftesten Art, die von allen Seiten so geschlossen, glatt und rund waren, daß man sie nirgends fassen konnte, um sie der gütigen Spenderin zurückzuwerfen, Sarkasmen, denen der Gegner nahezu wehrlos ausgeliefert war, die nie ihr Ziel verfehlten und ihr Opfer, das sich in vergeblichen Anstrengungen erschöpfte, schließlich in die wildeste Wut versetzten und zur komischsten Verzweiflung brachten.
Ich weiß es zwar nicht genau, aber ich glaube doch sagen zu dürfen, daß dieser Zweikampf nicht zufällig entbrannte, sondern von ihr mit Absicht herbeigeführt wurde. Eigentlich begann der verzweifelte Kampf schon bei Tisch. Ich nenne ihn „verzweifelt“, denn M. streckte die Waffen nicht so bald. Er mußte mit Aufbietung seiner ganzen Geistesgegenwart all seinen Scharfsinn und seine allerdings recht geringe Gewandtheit zusammennehmen, um nicht eine Schlappe sondergleichen davonzutragen – um nicht mit Schmach und Schande das Feld räumen zu müssen. Der Kampf verlief unter fast unaufhörlichem Gelächter aller Zeugen und Teilnehmer. Jedenfalls hatte sich das Blatt für ihn an diesem zweiten Tage völlig gewendet und mit dem Beifall, den er am ersten Abend eingeerntet, war es zu Ende. Wie ich und auch andere bemerkten, war ^M–me^ M. mehrmals im Begriff, ihrer unvorsichtigen Freundin ins Wort zu fallen. Diese aber schien ihrerseits dem eifersüchtigen Gatten unbedingt eine Narrenkappe aufsetzen oder ihn wenigstens eine lächerliche Rolle spielen lassen zu wollen – etwa diejenige eines Blaubart, wenigstens nach dem zu urteilen, was ich noch behalten habe, und nach der Rolle, die ich selbst durch einen Zufall in dieser Komödie spielen sollte.
Es geschah ganz plötzlich und so unvorhergesehen, daß ich kaum zur Besinnung kam. Ich stand und hörte zu, ohne etwas Böses zu ahnen, und hatte sogar meine Vorsicht vergessen, als ich mich mit einemmal mitten in den Streit hineingezogen sah: sie stellte mich plötzlich als den Todfeind und natürlichen Gegner des ^M–r^ M. vor, als den sterblich bis zur Verzweiflung verliebten Anbeter seiner Frau. Mit ihrem Ehrenwort verbürgte sich die Schreckliche für die Wahrheit ihrer Behauptungen, und sie beteuerte hoch und heilig, daß sie die sichersten Beweise besitze, z. B. habe sie noch an diesem Morgen im Walde gesehen ... –
Doch sie konnte den Satz nicht beenden: ich unterbrach sie in dem für mich entscheidenden Augenblick. Aber dieser Augenblick wiederum war von ihr so geschickt abgepaßt, der Knoten war so genial geschürzt und die scherzhafte Lösung so wohl vorbereitet, und dabei alles so unnachahmlich wiedergegeben, daß eine schallende Lachsalve diesen letzten Trumpf begrüßte. Und obschon ich damals gleich erriet, daß die lächerlichste Rolle gar nicht mir zufiel, war ich doch so verwirrt, aufgebracht und erschrocken, daß ich mit Tränen in den Augen, mit dem Schmerz und der Erschütterung der Verzweiflung und Scham mich zwischen den Stühlen im Nu durchgedrängt hatte, mitten im Kreise stand und mit vor Tränen stockender Stimme empört meiner Feindin zurief:
„Und Sie schämen sich nicht ... ganz laut ... und vor allen Damen ... eine solche Unwahrheit zu sagen!? ... Sie gebärden sich wie ein dummes Mädchen ... und das noch dazu vor Männern! Was werden die dazu sagen? Sie sind doch schon groß und ... verheiratet! ...“
Ohrenbetäubender Beifall unterbrach meine kindlichen Vorwürfe. Meine Standrede machte Furore. Es war aber nicht meine Geste, es waren auch nicht die Tränen in meinen Augen, die so erheiternd wirkten, sondern es war vor allem das, daß ich quasi als Verteidiger des ^M–r^ M. auftrat, was ein so unbändiges Gelächter hervorrief. In der Erinnerung muß ich jetzt gleichfalls lachen ... Damals aber erstarrte ich beinahe und verlor fast die Besinnung vor Entsetzen über diese Menschen – ich erbebte, bedeckte das Gesicht mit den Händen und stürzte fort, stieß in der Tür mit einem Diener zusammen, dem das Teebrett aus den Händen fiel, und lief wie der Wind nach oben in mein Zimmer. Ich riß den Schlüssel heraus, der von außen in der Tür stak, und schloß mich ein. Das war aber auch mein Glück, denn schon folgte mir eine wilde Jagd: eine halbe Minute später lief eine ganze Bande Sturm gegen meine Tür. Es waren alle unsere jungen Damen: ich hörte ihr Lachen, ihr Geschwätz, tausend Stimmen durcheinander, eine schneller als die andere – wie ein Schwalbenvolk zwitscherten sie durcheinander. Alle, alle ausnahmslos baten sie, flehten sie mich an, die Tür wenigstens auf einen Augenblick zu öffnen; sie schwuren, daß mir nichts Böses widerfahren werde, sie wollten mich nur totküssen, wie sie versicherten. Welche Drohung hätte fürchterlicher sein können? Ich verging vor Scham und preßte das Gesicht in die Kissen und hätte um keinen Preis die Tür geöffnet oder auch nur mit einer Silbe geantwortet. Sie lärmten und bettelten noch lange hinter der Tür, ich aber blieb gefühllos und taub, wie nur ein Elfjähriger sein kann.
Was sollte ich jetzt tun? alles war aufgedeckt, alles verraten, was ich so eifersüchtig geheimgehalten und vor allen Blicken verborgen hatte! ... Ich war für ewig mit Schmach und Schande bedeckt! In Wirklichkeit hätte ich freilich nicht zu sagen gewußt, was ich so ängstlich geheimhalten wollte; immerhin aber hatte ich doch vor der Entdeckung dieses geheimgehaltenen Etwas wie ein Blättchen gezittert. Auch war ich mir bis dahin durchaus nicht klar darüber gewesen, ob es etwas Gutes oder Schlechtes, etwas Rühmliches oder Schmähliches sei. Nun aber kam mir, plötzlich, zu meinem großen Kummer unter Qualen die Erkenntnis, daß dies alles _komisch_ und _beschämend_ war! Mein Instinkt sagte mir zwar gleichzeitig, daß eine solche Auffassung falsch, unnatürlich und roh sei; aber ich war geschlagen, vernichtet; das Denkvermögen, oder vielmehr die Erkenntnisfähigkeit war in mir gleichsam gelähmt und schien sich irgendwie verwickelt und verwirrt zu haben. Es war mir unmöglich, mich gegen dieses Urteil aufzulehnen oder es auch nur gründlich zu untersuchen: ich war wie betäubt und fühlte nur, daß man mein Herz unmenschlich und schamlos verwundet hatte. Ich weinte ohnmächtige Tränen. Zugleich war ich gereizt: machtlose Wut kochte in mir und alsbald stieg sogar Haß auf, den ich zum erstenmal in meinem Leben empfand, denn zum erstenmal in meinem Leben hatte ich ernstes Leid und eine wirkliche Kränkung erfahren. In mir, dem unwissenden Kinde, war das erste noch unbewußte, noch unentwickelte Gefühl mit roher Hand berührt, das erste scheue mädchenhaft zarte Schamgefühl entblößt und entheiligt und der erste und vielleicht sehr ernste ästhetische Eindruck ins Lächerliche gezogen worden. Allerdings konnten die Lacher vieles nicht wissen und meine Qualen nicht voraussehen. Hinzu kam noch ein besonderer Umstand, über den ich mir selbst noch nicht ganz klar geworden war, oder richtiger: den zu untersuchen ich mich bis dahin nicht recht getraut hatte. In Kummer und Verzweiflung blieb ich auf meinem Bett liegen und verbarg das Gesicht in den Kissen. Frostschauer überliefen meinen Körper und ich fieberte. Zwei Fragen quälten mich: was hatte diese nichtsnutzige Blondine am Morgen im Walde zwischen mir und ^M–me^ M. gesehen, was hatte sie sehen können? Und die zweite Frage: wie, auf welche Weise, mit welchen Augen konnte ich jetzt noch ^M–me^ M. ins Gesicht sehen, ohne auf der Stelle in demselben Augenblick vor Scham und Verzweiflung zu vergehen?
Ein ungewohnter Lärm auf dem Hof weckte mich aus der halben Bewußtlosigkeit, in der ich mich befand. Ich stand auf und trat ans Fenster. Der Hof war voll von Equipagen, Reitpferden, Stallknechten und Kutschern: es sah aus, als wollten alle Gäste uns verlassen. Ein paar Reiter saßen schon auf den Pferden, die übrigen Gäste nahmen in den verschiedenen Wagen Platz ... – Da fiel mir ein, daß wir ja nach dem Nachbardorf fahren sollten und eine gewisse Unruhe erfaßte mich: ich begann, mit den Augen meinen Klepper zu suchen, aber der war nicht zu sehen – folglich hatte man mich vergessen. Da hielt ich es nicht aus und lief Hals über Kopf nach unten, ohne an alle unangenehmen Folgen und den ganzen Vorfall noch weiter zu denken ...
Unten erwartete mich eine vernichtende Nachricht: es gab für mich diesmal weder ein Pferd, noch einen Platz in einem Wagen – alle waren bereits besetzt und ich mußte das Vergnügen anderen abtreten.
Von neuem Leid betroffen blieb ich an der Freitreppe stehen und blickte traurig auf die lange Wagenreihe und die Reiter und Reiterinnen, deren Tiere bereits unruhig tänzelten.
Man wartete nur noch auf einen der Herren, der sich wohl etwas verspätet hatte. Unten vor der Freitreppe stand ein Reitpferd, schäumte ins Gebiß, scharrte mit dem Huf und zuckte bei jeder Kleinigkeit zusammen, wobei es große Lust verriet, sich zu bäumen. Zwei Stallknechte hielten das Tier am Zaum und zugleich sich selbst etwas bänglich nach Möglichkeit außer dem Bereich seiner Hufe, wie denn überhaupt alle in achtungsvoller Entfernung von ihm standen.
Es hatte in der Tat seinen Grund, und einen sehr unangenehmen dazu, weshalb ich nicht mitkonnte. Abgesehen davon, daß noch neue Gäste angekommen waren, die die freien Plätze in den Wagen einnahmen, wollte es das Unglück, daß zwei Reitpferde erkrankten, von denen das eine mein Klepper war. Durch dieses Unglück wurde aber nicht ich allein betroffen: auch für unseren neuen Gast, den blassen, jungen Mann, von dem ich bereits gesprochen, stand kein Reitpferd mehr zur Verfügung. Infolgedessen hatte sich unser Hausherr gezwungen gesehen, seinen wilden, noch nicht ganz zugerittenen jungen Hengst dem Gast anzubieten, wobei er freilich zur Beruhigung seines Gewissens hinzufügte, daß es ein Ding der Unmöglichkeit sei, auf dem Tier zu reiten, und daß er schon längst beschlossen habe, den Hengst wegen seiner Wildheit zu verkaufen, sobald er nur einen Käufer finden würde. Doch der junge Mann erklärte trotz der Warnung, daß er sich im Sattel sicher genug fühle, und im übrigen auch völlig bereit sei, sich gleichviel auf was für einen Pferderücken zu setzen, wenn er nur mitreiten könne. Da schwieg denn der Hausherr – doch wie mir schien, spielte ein etwas zweideutiges verschmitztes Lächeln um seine Lippen: er stand in Erwartung des Reiters, der sich im Sattel so sicher wähnte, auf der Treppe, ließ auch sein Pferd noch warten, rieb sich die Hände und blickte immer wieder nach der Tür. Ähnliche Gedanken wie ihr Herr schienen auch die beiden Stallburschen zu haben, die den Hengst hielten und sehr stolz darauf waren, sich vor soviel Zuschauern als die Bändiger eines wilden Tieres zeigen zu können, das jeden Augenblick einen Menschen totzutrampeln vermochte. In ihren Augen aber schien das verschmitzte Lächeln des Herrn sich widerzuspiegeln und sie guckten gleichfalls immer wieder nach der Tür, in der der kühne Reiter doch bald erscheinen mußte. Übrigens verhielt auch das Tier sich nicht anders, als habe es sich mit seinem Besitzer samt den Stallburschen verabredet: es stand stolz und bis auf weiteres ruhig mit hocherhobenem Kopf da, wie wenn es fühle, daß einige Dutzend neugieriger Blicke auf ihm ruhten, und wie wenn es gerade auf seinen schlechten Ruf stolz sei – tat also ganz so wie mancher unverbesserliche Galgenstrick, der mit seinen Galgenstreichen prahlt. Und es war, als wollte das Tier den Kühnen herausfordern, der es wagen würde, ihm seine Freiheit zu nehmen.
Dieser Kühne erschien endlich. Es war ihm peinlich, daß er die Gesellschaft so lange hatte warten lassen, und indem er sich eilig die Handschuh anzog, stieg er die Stufen hinab und sah erst auf, als er schon die Hand nach dem Pferdehals ausstreckte und ein wildes Bäumen des Tieres, begleitet von einem warnenden Schrei der Zuschauer, ihn verblüfften. Der junge Mann trat einen Schritt zurück und betrachtete verwundert den Hengst, der jetzt am ganzen Körper zitterte, wütend schnaufte und wild die blutunterlaufenen Augen rollte, wobei er sich immer wieder auf die Hinterbeine setzte und die Vorderbeine hob, als wäre er im Begriff, sich im nächsten Augenblick loszureißen und in wilden Sätzen davonzujagen – die Stallburschen womöglich hinter sich herschleifend. Der junge Mann betrachtete ihn immer noch mit einem gewissen Befremden: dann errötete er leicht, wie in einer kleinen Verwirrung – sah auf, sah sich im Kreise um und sah die erschreckten Damen ...
„Es ist ein schönes Tier,“ sagte er, wie zu sich selbst, „und meiner Meinung nach muß es prächtig sein, darauf zu reiten, – aber ... aber wissen Sie was? _Ich_ werde es doch nicht versuchen,“ schloß er, sich mit seinem stillen, freundlichen Lächeln, das seinem guten und klugen Gesicht so vortrefflich stand, an unseren Hausherrn wendend.
„Und dennoch halte ich Sie für einen vorzüglichen Reiter, mein Wort darauf,“ versetzte dieser sichtlich erfreut und drückte unwillkürlich und dankbar seinem Gast die Hand, „eben weil Sie auf den ersten Blick erkannt haben, was für ein Tier es ist,“ fügte er stolz hinzu. „Werden Sie es mir glauben, daß ich, der ich dreiundzwanzig Jahre lang Husar gewesen bin, schon dreimal das Vergnügen hatte, dank seiner Gnaden auf der Erde zu liegen, nämlich genau so oft, wie ich mich auf diesen ... nichtsnutzigen Satan gesetzt habe. – Tankred, he! mein Freund, hier ist man dir nicht gewachsen! Dein Reiter muß offenbar ein zweiter Ilja von Murom[1] sein, der vorläufig noch in seinem uns unbekannten Dorf Karatscharowo sitzt und wartet, bis dir die Zähne ausfallen. Na, führt ihn fort! Wir haben genug von ihm! Habt ihn umsonst herausgeführt!“ rief er den Stallburschen zu und rieb sich wieder selbstzufrieden die Hände.
Ich muß hier bemerken, daß Tankred ihm nicht den geringsten Nutzen brachte und ganz umsonst seinen Hafer fraß. Überdies hatte er, der alte Husar, mit dem Ankauf dieses Pferdes seinen Ruhm als Pferdekenner eingebüßt, da er für dieses Tier, das außer seiner Schönheit gar keinen Wert besaß, eine märchenhafte Summe bezahlt hatte ... Nichtsdestoweniger war er jetzt sehr zufrieden mit dem Tier, das seinen schlimmen Ruf bewährte und sich somit immerhin einen gewissen Ruhm erwarb, gleichviel welcher Art dieser auch war.
„Wie, Sie wollen nicht mit uns reiten?“ rief die Blondine, der es sehr darum zu tun war, daß ihr ^Cavalier servant^ gerade diesmal sie begleitete, „haben Sie denn wirklich keinen Mut?“
„Bei Gott, diesmal hab’ ich ihn nicht!“ antwortete der junge Mann lachend.
„Und Sie sagen das im Ernst?“
„So wollen Sie denn wirklich, daß ich mir den Hals breche?“
„So setzen Sie sich schnell auf mein Pferd: fürchten Sie sich nicht, es ist lammfromm. Wir halten nicht auf – im Nu ist umgesattelt! Ich werde es auf Ihrem Pferde versuchen. Tankred kann doch nicht immer so unhöflich sein!“
Gesagt – getan. Sie sprang aus dem Sattel und stand schon vor uns, noch bevor sie zu Ende gesprochen.
„Oh, da kennen Sie meinen Tankred schlecht, wenn Sie glauben, er werde Ihren Damensattel sich auflegen lassen! Und übrigens kann ich auf keinen Fall gestatten, daß Sie sich das Genick brechen – das wäre doch zu jammerschade!“ versetzte unser Hausherr seiner Gewohnheit gemäß mit affektierter Galanterie, die seiner Ansicht nach, gepaart mit einer gewissen Derbheit, wenn nicht mitunter gar verfänglichen Ungeniertheit, den alten Soldaten und „guten Kerl“ markierte, der, wie er sich einbildete, besonders den Damen gefallen müsse. Das war nun einmal eine seiner Marotten, die wir alle kannten.
„Na, du, Schreihals – willst du’s nicht versuchen? Du wolltest doch so gern mitkommen,“ wandte sich die unerschrockene Reiterin plötzlich an mich, auf Tankred deutend. Sie meinte es mit ihrem Vorschlag wohl selber nicht sonderlich ernst, sondern sprach ihn nur aus, um nicht so ganz ohne weiteres das eigene Reitpferd wieder besteigen zu müssen, nachdem sie nun doch schon unnütz abgesprungen war, und ferner, um auch mich nicht „ungerupft“ zu lassen, der ich so vorwitzig gewesen war, mich wieder vor ihr zu zeigen.
„Du bist gewiß nicht so, wie ... na, wozu Namen nennen – wie ein bekannter Held, und wirst dich nicht schämen, den Mut zu verlieren ... noch dazu, wenn ‚man‘ dir zuschaut, schöner Page,“ fügte sie hinzu, mit einem flüchtigen Blick auf ^M–me^ M., deren Wagen der Treppe am nächsten hielt.