Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held
Part 2
Da versteht es sich wohl von selbst, daß er ihr nichts verbot, und daß sie tun konnte, was ihr gerade einfiel. Freunde und Freundinnen besaß sie eine Menge. Denn erstens gab es überhaupt wenige, die sie nicht liebten, und zweitens war sie gar nicht wählerisch in der Wahl ihrer guten Bekannten, obgleich auch ihrem Charakter viel mehr Ernst zugrunde lag, als man nach dem, was ich soeben erzählt habe, annehmen könnte. Aber von allen ihren Freundinnen liebte sie eigentlich nur eine junge Frau, eine entfernte Verwandte von ihr, die gleichfalls als Gast auf dem Gute weilte. Zwischen ihnen bestand ein ganz eigenes Freundschaftsverhältnis, eines von jenen seltsam zarten, geistig vornehmen, wie es sich zuweilen aus der Begegnung zweier sonst recht verschiedener Charaktere ergibt, die vielleicht sogar einander ganz entgegengesetzt sind, von denen aber der eine strenger und tiefer und reiner ist als der andere, während dieser mit feinem Taktgefühl ehrlicher Selbsteinschätzung und neidloser Liebe sich dem anderen unterordnet, indem er dessen Überlegenheit anerkennt und seine Freundschaft wie ein Glück und einen kostbaren Schatz im Herzen bewahrt. Daraus entwickelt sich dann dieses zarte, innerlich vornehme Verhältnis zueinander, das Güte und Nachsicht auf der einen Seite, auf der anderen Liebe und Verehrung des Höherstehenden kennzeichnen – eine Verehrung, der freilich eine gewisse Furcht nicht fehlt: die Furcht nämlich, sich in den Augen desjenigen, der für einen so hoch steht, etwas zu vergeben, was zugleich den glühenden Wunsch hervorruft, mit jedem Schritt und jeder Tat dem Herzen des Freundes näher zu treten. Sie waren beide in gleichem Alter, aber es war doch in allem ein schier unermeßlicher Unterschied zwischen ihnen, vor allem auch in ihrer äußeren Erscheinung. ^M–me^ M. war gleichfalls sehr schön, aber ihre Schönheit hatte etwas Eigenartiges, was sie auf den ersten Blick von der Schar der hübschen Damen unterschied; und dieses nur schwer erklärbare Etwas wirkte mit einer unwiderstehlichen Anziehungskraft auf Menschen oder richtiger, es erweckte in jedem, der ihr begegnete, ein gutes, reines Gefühl, das einen alsbald wie eine geheime, aber mächtige Sympathie zu ihr hinzog. Es gibt solche Gesichter. In ihrer Nähe fühlt ein jeder sich irgendwie besser, irgendwie freier und wärmer: und doch war der Blick ihrer traurigen großen Augen, aus denen Geist und Kraft sprachen, zugleich schüchtern und unruhig, wie in immerwährender Flucht vor etwas Feindlichem und drohend Grausamem, und diese seltsame Scheu breitete zuweilen solch eine Wehmut über ihre stillen Züge, die an die heiligen Gesichter italienischer Madonnen gemahnten, daß man bald ebenso traurig wurde, als hätte man selbst einen Kummer, vielleicht den gleichen wie sie, deren Leid man so recht nachfühlen konnte. Aus ihrem bleichen, schmalen Gesicht sah, trotz der vollendeten Schönheit seiner reinen, regelmäßigen Züge und der wehmütigen Strenge einer dumpfen, verborgenen Qual, doch noch das ursprüngliche klare Kinderantlitz hervor, das Gesicht der noch nicht vergessenen, vertrauensseligen Jahre – der Jahre eines vielleicht unbewußten Glücks. Und dazu kam dieses stille, etwas scheue, unbestimmte Lächeln und alles das erweckte eine so unerklärliche Teilnahme für diese Frau, daß im Herzen eines jeden unwillkürlich eine süße, innige Sorge um sie erwachte, eine Sorge, die für sie noch aus der Ferne sprach und einen über Zeit und Raum hinweg mit ihr verband. Sie war vielleicht etwas schweigsam und verschlossen, obwohl es zugleich schwerlich ein aufmerksameres und liebevolleres Wesen gab, als sie es zeigen konnte, wenn jemand der Teilnahme bedurfte. Es gibt Frauen, die im Leben geradezu wie barmherzige Schwestern sind. Vor ihnen braucht man nichts zu verbergen, nichts zu verschweigen, wenigstens nichts, was in unserer Seele krank und verwundet ist. Wer leidet, der gehe getrost zu ihnen und fürchte nicht, ihnen zur Last zu fallen, denn nur selten weiß jemand von uns, wieviel unendlich geduldige Liebe, wieviel Mitgefühl und welch ein Allverzeihen in manchem Frauenherzen sein kann. Ganze Schätze an Mitempfinden, Trost und Hoffnung ruhen in diesen reinen Herzen, die so oft selbst verwundet sind – Herzen, die viel trauern, mehr als andere lieben, aber die Wunden behutsam vor jedem neugierigen Blick verbergen, denn tiefes Leiden schweigt und verbirgt sich. Diese Frauen schreckt weder die Tiefe der Wunde noch ihre Fäulnis: wer an sie mit seinem Vertrauen herantritt, ist ihrer schon wert. Sie sind wie zum Helfen geboren ... ^M–me^ M. war von hohem Wuchs, biegsam und schlank, aber ein wenig mager. Ihre Bewegungen waren alle irgendwie ungleichmäßig, bald langsam und sanft und nicht ohne eine gewisse Würde, bald wieder kindlich schnell. Dabei sprach aus ihrer Geste zugleich so etwas wie ein Bangen, wie eine Schutzlosigkeit, die aber doch wieder niemanden um Schutz anflehte oder um Beistand bat.
Ich sagte bereits, daß die bösen Bemerkungen der tückischen Blondine mich beschämten, ärgerten, peinigten, daß mein Herz mir blutete. Aber hierfür gab es noch einen anderen Grund, sogar einen recht seltsamen und dummen, den ich jedoch wie ein Heiligtum vor allen geheimhielt, für den ich wie ein Geizhals für seinen Schatz zitterte und der mir schon beim bloßen Gedanken, auch wenn ich ganz allein mit meinem verwirrten Kopf irgendwo in einer dunkeln Ecke saß, wo der forschende spöttische Blick meines Plagegeistes mich nicht erreichen konnte und ich mich vor allen blauen Augen sicher fühlte – der mir schon bei dem bloßen Gedanken an den Gegenstand dieser Ursache das Herz vor lauter Verwirrung, Scham und Furcht stille stehen machte. Mit einem Wort: ich war in ^M–me^ M. verliebt. Und doch – muß ich nicht annehmen, daß ich soeben den größten Unsinn gesagt habe: denn das war ja ganz undenkbar!? Trotzdem – warum machte von allen Gesichtern, die ich sah, nur ihr Gesicht einen solchen Eindruck auf mich? Weshalb folgte mein Blick nur ihr allein, wo sie ging oder stand, weshalb _liebte_ ich es, sie zu betrachten, obschon doch damals mein Sinn entschieden noch nicht danach stand, Frauen zu entdecken und ihnen nahezutreten? Es geschah das namentlich abends, wenn sich bei trübem oder kühlem Wetter die ganze Gesellschaft in den Sälen versammelte und ich dann aus irgendeiner Saalecke, wo ich einsam und verlassen saß, ziellos nach allen Seiten ausguckte – wohin die Augen selbst gerade wollten, da ich keine andere Beschäftigung für sie zu finden wußte. Außer meiner Verfolgerin sprach selten jemand ein Wort zu mir, so daß ich mich an solchen Abenden gewöhnlich sträflich langweilte. Dann betrachtete ich die Menschen und spitzte die Ohren, wenn ich Gespräche hörte, von denen ich oft kein Wort begriff. Da kam es denn ganz von selbst, daß die traurigen Augen und das stille Lächeln der schönen ^M–me^ M. Gott weiß weshalb meine Aufmerksamkeit fesselten, und dann konnte nichts mehr den seltsamen, unbestimmten und unfaßbar süßen Eindruck verwischen, den sie auf mich machte. Oft saß ich stundenlang und sah sie an und konnte meinen Blick nicht von ihr losreißen. Jede Geste, jede Bewegung, jeder Ausdruck ihres Gesichts prägte sich meinem Gedächtnis ein und ich lauschte auf jede Veränderung ihrer Stimme, die nicht laut war, sondern von einer tieferen, dunkleren, etwas verschleierten Klangfarbe – und merkwürdig! – aus diesen Beobachtungen und ihren seltsamen süßen Eindrücken erwuchs in mir eine ganz unerklärliche Neugier. Es war fast, als ahnte ich ein Geheimnis in ihr, das ich alsbald unbedingt ergründen wollte.
Am quälendsten war mir daher meine Lage in ihrer Gegenwart. Denn alle diese Scherze und Neckereien erniedrigten mich in meinen Augen und waren für mein Gefühl die schrecklichsten Beleidigungen. Und wenn nun gar bei dem allgemeinen Gelächter über mich auch ^M–me^ M. zuweilen unwillkürlich mitlachte, dann kannte meine Verzweiflung keine Grenzen: ich war außer mir vor Schmerz und Scham und riß mich mit der Wut eines Besessenen aus den Händen meiner Verfolgerin – rannte nach oben, in den zweiten Stock, wo ich dann den ganzen Rest des Tages verbrachte, da ich mich nicht mehr im Saal zu zeigen wagte. Übrigens war ich mir damals weder über meine Scham noch über meine Erregung im klaren: der ganze Prozeß spielte sich vollkommen unbewußt ab. Mit ^M–me^ M. hatte ich noch keine zwei Worte gesprochen, und ich hätte natürlich nie den Mut gehabt, sie anzureden. Eines Abends aber, nach einem für mich elend verlaufenen Tage, blieb ich während des Spaziergangs hinter den anderen zurück und da ich schrecklich müde geworden war, ging ich durch den Garten wieder nach Hause. Ich wählte den kürzesten Weg – eine entlegene Allee – und da erblickte ich auf einer Bank plötzlich ^M–me^ M. Sie saß dort ganz allein, als habe sie diese Einsamkeit gesucht, saß zurückgelehnt, mit gesenktem Kopf, und ihre Finger bewegten mechanisch das Taschentuch, das sie in der Hand hielt. Sie war so in Nachdenken versunken, daß sie es gar nicht hörte, wie ich mich ihr näherte.
Als sie mich erblickte, erhob sie sich schnell von der Bank, wandte das Gesicht fort und ich sah, wie sie das Taschentuch an die Augen führte, um die Tränenspuren fortzuwischen. Sie hatte geweint. Dann tat sie, als wäre nichts geschehen, lächelte mir zu und ging mit mir zum Hause. Ich habe vergessen, wovon wir sprachen; nur schickte sie mich unterwegs immer wieder unter verschiedenen Vorwänden von sich fort: bald bat sie mich, eine Blume zu bringen – bald sollte ich ihr sagen, wer dort in der nächsten Allee ritt. Sobald ich mich aber von ihr fortwandte, fuhr sie wieder schnell mit dem Tuch über die Wangen, da die ungehorsamen Tränen nicht versiegen wollten, vielmehr aus dem wehen, kämpfenden Herzen immer wieder in ihre armen Augen traten. Ich begriff sehr wohl, daß ich ihr lästig war, da sie mich so oft fortschickte. Sie aber sah doch, daß ich schon alles bemerkt hatte, und trotzdem konnte sie sich nicht beherrschen – das quälte mich für sie noch viel mehr! Ich ärgerte mich über mich selbst fast bis zur Verzweiflung, ich verwünschte mein Unglück und meine Dummheit, die mich keinen Vorwand finden ließ, unter dem ich mich hätte entfernen können, ohne sie noch obendrein merken zu lassen, daß ich um ihr Leid wußte. So ging ich denn betrübt und unglücklich, mit meinem Zwiespalt im Herzen, neben ihr her und fand trotz aller Anstrengung kein einziges Wort, mit dem ich unsere einsilbige Unterhaltung hätte beleben können.
Diese Begegnung machte einen so tiefen Eindruck auf mich, daß ich ^M–me^ M. den ganzen Abend mit unersättlicher Neugier verstohlen betrachtete. Aber ungeachtet meiner Vorsicht trafen unsere Blicke sich doch ein paarmal, und als sie das zweite Mal diesen meinen Blick bemerkte, da lächelte sie. Es war das an diesem Abend das einzige Mal, daß ich sie lächeln sah. Die Trauer war jedoch noch nicht aus ihrem Gesicht gewichen und sie war sogar noch bleicher als sonst. Die ganze Zeit unterhielt sie sich mit einer alten Dame, die eigentlich, weil sie immer spionierte und Klatschgeschichten verbreitete, niemand ausstehen konnte, die vielmehr von allen gefürchtet wurde, weshalb man sich denn gewissermaßen gezwungen fühlte, im Verkehr mit ihr liebenswürdig und aufmerksam zu sein, ob man wollte oder nicht ...
Gegen zehn Uhr traf plötzlich der Mann von ^M–me^ M. ein. Ich sah, wie sie bei dem unerwarteten Erscheinen ihres Gatten zusammenzuckte und wie ihr ohnehin schon so bleiches Gesicht noch um einen unheimlichen Grad stärker erblaßte. Es war das so auffallend, daß auch andere es bemerkten: wenigstens fing ich von einem leisen Gespräch in meiner Nähe ein paar Bemerkungen auf, aus denen ungefähr hervorging, daß die arme ^M–me^ M. kein gerade beneidenswertes Leben habe. Ihr Mann sei, wie man wisse, eifersüchtig wie ein Mohr, jedoch nicht aus Liebe zu ihr, sondern nur aus Liebe zu sich selbst. Dieser Mensch war nämlich ... in erster Linie ein „Europäer“, und zwar einer der neuzeitlichen, von modernen Ideen angekränkelten, mit denen er gerne großtat. Was sein Äußeres betraf, so war er ein brünetter, großer und sehr stämmiger Herr mit europäisch geschnittenem Backenbart und einem selbstzufriedenen, frischen Gesicht, mit zuckerweißen Zähnen und dem Auftreten eines vollendeten Gentleman. Man nannte ihn einen „klugen Menschen“. So nennt man nämlich in gewissen Kreisen einen besonderen, auf Kosten anderer fett gewordenen Menschenschlag, der so gut wie nichts tut und auch so gut wie nichts tun will, der vielmehr vom ewigen Müßiggang und Nichtstun anstatt des Herzens sozusagen nur ein Stück Speck im Leibe hat. Gerade von diesen Leuten aber hört man jeden Augenblick, daß sie nur infolge gewisser höchst verwickelter und ihnen feindlicher Umstände nichts zu tun hätten, daß sie ihren „Genius ermüdeten“ und daß es deshalb „traurig sei“, sie „unbeschäftigt zu sehen“. Das ist nun einmal ihre schönklingende Phrase, ihr ^Mot d’ordre^, das diese satten Fettwänste überall anbringen – weshalb sie einen denn auch schon längst langweilen, um nicht mehr zu sagen; wie eben jede ausgesprochene Tartüfferie oder jedes leere, alberne Wort. Übrigens scheinen einige dieser spaßigen Käuze, die auf keinerlei Weise eine Arbeit für sich finden können – zumal sie auch nie eine solche ernstlich suchen – gerade danach zu trachten, alle davon zu überzeugen, daß sie an Stelle des Herzens nicht ein Stück Speck, sondern im Gegenteil etwas sehr Tiefgründiges besäßen. Was dies Etwas freilich sei, eigentlich und im letzten Grunde, das würde auch der beste Chirurg nicht sagen können – nur aus Höflichkeit, versteht sich, könnte er es nicht! Diese Herren bringen ihr Leben damit zu, daß sie alle ihre Fähigkeiten zu billigem Spott, kurzsichtigster Kritik und maßlos dünkelhaftem Auftreten verwerten. Da sie aber nichts weiter zu tun haben, als die Fehler und Schwächen anderer zu entdecken und ans Licht zu zerren, und da sie von Güte und Nachsicht genau nur so viel besitzen, wie die Natur etwa einer Auster verliehen hat, so fällt es ihnen auch nicht schwer, unter solchen Umständen ziemlich umsichtig und mit viel Vorsicht unter den Menschen zu leben. Dessen rühmen sie sich denn auch über alle Maßen. So sind sie zum Beispiel fest überzeugt, daß womöglich die ganze Welt ihnen tributpflichtig sei, und sie betrachten diese Welt nahezu als ihre Vorratskammer. Sie sehen in allen anderen Menschen um sich her Dummköpfe und glauben, ein jeder gleiche einer Apfelsine oder einem Schwamm, aus dem sie, sobald sie nur wollen, auch den letzten Tropfen herauspressen können. Sie halten sich in gewissem Sinne für die Herren der Welt und scheinen anzunehmen, daß diese ganze löbliche Ordnung der Dinge einzig davon herrühre, daß sie so kluge und gewichtige Menschen sind. In ihrem maßlosen Eigendünkel werden sie nie eigene Mängel zugeben, sondern sich immer unter allen Umständen und in jeder Beziehung für vollkommen halten. Sie gleichen jenem besonderen Menschentyp, dessen Ahnherren Tartüffe und Falstaff sind, jenen Schelmen, die so viel und so oft betrügen, daß sie selbst schließlich glauben, alles was sie sagen, tun und lassen habe seine Richtigkeit, d. h. es sei von ihnen durchaus richtig, so zu leben und zu betrügen: sie haben eben ihre Beteuerungen, daß sie ehrlich und uneigennützig seien, so oft gehört, daß sie zu guter Letzt selbst glauben, sie seien uneigennützig und ihre Betrügereien zeugten von aufrichtigster Ehrlichkeit. Zu einer unparteiischen Selbstkritik und Selbsterkenntnis langt es bei ihnen nie. Zum Erfassen mancher Dinge sind sie eben viel zu schwerfällig. Im Vordergrunde aller Dinge und Geschehnisse steht ihnen immer die eigene goldene Person, der Moloch, dem sie alles opfern, ihr herrliches „Ich“! Die ganze Natur, die ganze Welt ist für sie nicht mehr als ein großer schöner Spiegel, der nur dazu geschaffen scheint, damit ein kleiner Gott sich ununterbrochen in ihm bewundern kann und außer seiner eigenen Person niemand und nichts zu sehen braucht. Da ist es denn kein Wunder, wenn sie unter solchen Umständen alle übrigen Erscheinungen der Welt immer irgendwie entstellt sehen und nie so, wie sie wirklich sind. Für alles haben sie eine fertige Phrase vorrätig und zwar – was übrigens äußerst geschickt von ihnen ist – immer nur eine der allermodernsten. Ja, man kann sagen, daß hauptsächlich sie es sind, die die Verbreitung der Phrase besorgen, deren Erfolg sie beizeiten wittern. Jawohl, Spürsinn – das ist das einzige, was man ihnen nachrühmen kann, denn in dieser Beziehung haben sie wirklich eine feine Nase; wenigstens ist sie fein genug, um derartige moderne Ausdrücke früher als andere herauszuschnüffeln und sich rechtzeitig anzueignen, so daß es fast den Anschein hat, als stammten sie von ihnen. Namentlich versehen sie sich mit solchen, die ihrer tiefen Liebe zur Menschheit Ausdruck geben sollen und die angeblich einzig richtige und vernunftgemäße Menschenfreundschaft dartun, um dabei gleichzeitig rücksichtslos über die veraltete Romantik herzufallen, mit ihr nicht selten alles Schöne und Erhabene zu verurteilen, ohne zu begreifen, daß jedes kleinste Gefühl derselben wertvoller ist, als ihre ganze Weichtierexistenz. In ihrer geistigen Stumpfheit sind sie unfähig, die Wahrheit in einer noch unfertigen, von der altbekannten abweichenden Form, in einem Übergangsstadium zu erkennen, und so lehnen sie denn alles ab, was noch im Entstehen ist und seine Form erst sucht und deshalb noch nicht ganz feststeht. Diese wohlgenährten satten Menschen haben ihr Leben gewöhnlich gleichsam im Zustande eines fortgesetzten Räuschchens heiter verbracht. Alles ist ihnen von anderen zurecht gemacht worden, selbst aber haben sie noch nie etwas geleistet und wissen natürlich nicht, wie schwer es ist, etwas zu vollbringen. Wehe dem aber, der mit irgendeiner Rauheit ihre satten Gefühle streift: das würde niemals verziehen, noch vergessen werden, Rache üben sie aber dafür mit Wonne. In der Summe ergibt sich, daß ein derartiger Held nichts mehr und nichts weniger ist als ein riesengroßer, bis zur letzten Möglichkeit aufgeblasener Sack, voll von Sentenzen, Modephrasen und Schlagwörtern aller Art.
Übrigens war ^M–r^ M. doch ein etwas bemerkenswerterer Herr, zumal er eine Gabe besaß, die ihn immerhin durch eine gewisse Eigenart auszeichnete: er war nämlich ein guter Erzähler, war witzig und redselig, so daß in der Gesellschaft sich immer ein Kreis um ihn versammelte. An jenem Abend war er besonders gut aufgelegt; er riß die Unterhaltung an sich, war schlagfertig, beinahe geistvoll, gut gelaunt und brachte es so weit, daß alle nur ihm zuhörten und ihn anstaunten. Dagegen war ^M–me^ M. die ganze Zeit schweigsam und litt sichtlich: sie sah so traurig aus, daß ich fürchtete, jeden Augenblick wieder Tränen an ihren Wimpern erglänzen zu sehen. Alles das machte, wie gesagt, einen tiefen Eindruck auf mich. Ich war bestürzt und verwundert und eine seltsame Neugier erfaßte mich. Die ganze Nacht träumte mir von ^M–r^ M., während ich bis dahin selten von so peinigenden und aufregenden Träumen heimgesucht worden war.
Am anderen Morgen wurde ich schon früh nach unten in den Saal gerufen, wo die Proben zu den lebenden Bildern, zu denen auch ich mich hergeben mußte, stattfanden. Diese lebenden Bilder, ferner eine Theateraufführung und ein großer Ball, alles an einem Abend, sollten zur Feier des Geburtstages der jüngsten Tochter unseres verschwenderischen Hausherrn stattfinden. Wir hatten im ganzen nur noch etwa fünf Tage Zeit. Zu diesem Fest waren aus Moskau und von den benachbarten Landgütern nicht viel weniger als hundert Personen eingeladen, so daß große Vorbereitungen getroffen werden mußten, die natürlich den Trubel noch erhöhten. Die Proben oder richtiger die Durchsicht der vorhandenen Kostüme fand zu einer so ungelegenen Zeit statt, weil der bekannte Künstler R., ein Freund und Gast unseres Hausherrn, der aus Gefälligkeit sich bereit erklärt hatte, die Bilder zu stellen, noch nach Moskau fahren wollte, um die fehlenden Requisiten einzukaufen. So hieß es denn: sich beeilen. Mich hatte man für ein lebendes Bild zusammen mit ^M–me^ M. ausersehen. Das Bild stellte eine Szene aus dem mittelalterlichen Leben dar und hieß: „Die Schloßherrin und ihr Page“.
Ich war entsetzlich verwirrt, als ich mit ^M–me^ M. auf der Probe zusammentraf. Natürlich war ich überzeugt, daß sie sogleich alle meine Gedanken, Zweifel und Vermutungen, die mir seit dem letzten Abend durch den Kopf gefahren waren, aus meinen Augen erraten würde. Und überdies bedrückte mich noch so etwas wie ein Schuldgefühl ihr gegenüber, weil ich sie in ihrem Leid überrascht und ihre Tränen bemerkt hatte. Wußte ich denn, ob sie nicht vielleicht sogar sehr ärgerlich über mich war? Aber, Gott sei Dank, es verlief alles ohne irgendwelche Unannehmlichkeiten: ich wurde von ihr ganz einfach – gar nicht bemerkt. Ihre Gedanken waren offenbar mit etwas ganz anderem beschäftigt und sie schien weder mich noch sonst etwas von der Probe zu sehen. Sie machte den Eindruck, als laste eine große quälende Sorge auf ihr. Nach beendeter Probe lief ich schnell fort und kleidete mich um. Etwa zehn Minuten später trat ich auf die Terrasse, um in den Garten zu gehen. In demselben Augenblick trat aus einer anderen Tür auch ^M–me^ M. auf die Terrasse und zugleich erblickten wir beide vor uns ihren selbstzufriedenen Herrn Gemahl, der aus dem Garten heraufkam, wohin er gerade eine Schar junger Damen begleitet hatte. Die Begegnung mit seiner Frau kam auch für ihn ganz unerwartet. ^M–me^ M. errötete plötzlich und in ihrer hastigen Bewegung drückte sich ein gewisser Unmut aus. Der Herr Gemahl, der sorglos eine Arie vor sich hingepfiffen und unausgesetzt mit tiefsinniger Miene seinen schönen Backenbart geglättet hatte, runzelte ein wenig die Stirn, als er seine Frau erblickte und betrachtete sie, wie ich mich jetzt entsinne, mit entschieden inquisitorischem Blick.
„Sie gehen in den Garten?“ fragte er, da er in ihrer Hand einen Sonnenschirm und ein Buch bemerkte.
„Nein, in den Wald,“ sagte sie und errötete leicht.
„Allein?“
„Mit ihm ...“ Sie wies auf mich. „Ich gehe morgens immer allein spazieren,“ fügte sie wie zur Erklärung hinzu, aber mit einer etwas unsicheren Stimme, die wohl gleichgültig klingen sollte, statt dessen aber genau so klang, wie wenn man zum erstenmal im Leben bewußt lügt.
„Hm ... Ich habe soeben eine ganze Gesellschaft hinbegleitet. Sie versammeln sich dort alle bei der Rosenlaube, um N. das Geleit zu geben. Er verläßt uns, wie Sie wissen ... Es ist ihm da irgendwo in Odessa ein Malheur passiert ... Ihre Kusine (das war mein blonder Plagegeist) lacht und weint, beides zugleich, so daß man nicht aus ihr klug werden kann. Übrigens sagte sie mir, daß Sie aus irgendeinem Grunde auf N. böse seien und ihn deshalb nicht begleiten wollten. Natürlich ein Unsinn?“
„Sie scherzt nur,“ sagte ^M–me^ M. und stieg die Stufen der Terrasse hinab.
„Also das ist jetzt Ihr täglicher ^Cavalier servant^?“ fragte er noch beiläufig mit spöttisch zuckenden Mundwinkeln und musterte mich durch sein Monokel.
„Page!“ rief ich, wütend über seinen Blick, über seinen Spott, und dann lachte ich ihm gerade ins Gesicht und sprang mit einem Satz über drei Stufen ...
„Nun, viel Vergnügen,“ brummte ^M–r^ M. und ging weiter.