Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Part 1

Chapter 12,972 wordsPublic domain

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke

Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski, Dmitri Philossophoff und anderen herausgegeben von Moeller van den Bruck

Übertragen von E. K. Rahsin

Zweite Abteilung: Zweiundzwanzigster Band

F. M. Dostojewski

Ein kleiner Held

Vier Novellen

München und Leipzig R. Piper & Co. 1912

R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1912

Druck von Mänicke u. Jahn in Rudolstadt

Inhalt

Vorwort VII Ein kleiner Held 1 Weihnacht und Hochzeit 67 Njetotschka Neswanowa 83 Der Bettelknabe 373

Vorwort

Der Band bringt, als der letzte der Ausgabe, vier Geschichten, die dadurch in einer gewissen abschließenden und versöhnenden Weise verbunden sind, daß sie, wenn auch mehr oder weniger tragisch, von Kindern und Kinderseelen handeln. Die drei ersten dieser Geschichten – „Kleiner Held“, „Weihnacht und Hochzeit“, „Njetotschka Neswanowa“ – stammen aus der frühesten Zeit Dostojewskis und gehören den Jahren 1848 und 1849 an. Die größte von ihnen, „Njetotschka Neswanowa“, ist das Bruchstück eines Romanes, in der Wirkung ein liegengebliebenes Manuskript, ein unausgearbeiteter Entwurf, doch eben deshalb von einer Größe der psychologischen Anlage und übrigens auch von einer Großartigkeit der künstlerischen Erfassung, die ihn zu den tiefsten und gewaltigsten Dingen zählen lassen, die wir von Dostojewski besitzen. Die Dichtung erschien in den „Vaterländischen Annalen“, ihre Fortsetzung wurde durch Dostojewskis Verhaftung im Jahre 1848 unterbrochen, und nach der Rückkehr aus Sibirien ist das Fragment dann unausgeführt und unvollendet geblieben. – Die vierte Geschichte des Bandes, der „Bettelknabe“, gehört zu jenen „letzten Novellen“ von der Art der „Kleinen“ in Band XX der Ausgabe, die dem „Tagebuch eines Schriftstellers aus dem Jahre 1876“ entnommen sind und wohl von unmittelbaren Tagesereignissen angeregt waren, wie Dostojewski sie in den Zeitungen aufgezeichnet fand, oder selbst auf der Straße erlebte.

E. K. R.

Ein kleiner Held

Damals war ich noch nicht volle elf Jahre alt. Im Juli schickte man mich zum Besuch auf ein Gut in der Nähe von Moskau, zu meinem Verwandten T–off. Bei diesem hatten sich zu der Zeit einige fünfzig Gäste eingefunden, vielleicht sogar noch mehr ... genau weiß ich nicht, wie viele es ihrer waren – gezählt habe ich sie nicht. Es ging hoch her und man vergnügte sich nach Kräften. Fast hatte es den Anschein, als habe man die Feste zu feiern begonnen, damit sie nie wieder aufhören sollten, und der Hausherr schien sich geradezu geschworen zu haben, so schnell wie möglich sein ganzes Riesenvermögen zu vergeuden, ein Ziel, das er denn auch vor kurzem glücklich erreicht hat: er ist tatsächlich alles, auch den letzten Quadratfuß Land losgeworden.

Jeden Augenblick trafen neue Gäste ein. Moskau war ja so nahe, daß man die Stadt vom Gute aus sehen konnte. Infolgedessen traten die aufbrechenden Gäste den zuletzt eingetroffenen meist nur den Platz ab und die Feste konnten schier endlos fortgesetzt werden. Vergnügungen aller Art folgten einander ununterbrochen und ein Ende dieser Reihenfolge war nicht abzusehen. Bald machte man hoch zu Roß Ausflüge in die Umgegend, bald weite Spaziergänge längs dem Fluß oder in den Wald; Picknicks und Diners im Freien gehörten zur Tagesordnung, und an schönen Abenden wurde regelmäßig auf der großen Terrasse des Herrenhauses gespeist. Diese war mit seltenen Blumen überreich geschmückt. Ihre duftende Blütenfülle ließ, vereint mit der glänzenden Beleuchtung der Tafel, unsere fast ausnahmslos hübschen jungen Damen noch viel schöner erscheinen, wenn sie in ihren frischen Farben nach den Ausflügen am Tage mit belebten Gesichtern und glänzenden schalkhaften Augen an der Tafel saßen und ein keckes Wortgeplänkel hin und her mutwillig und geschickt zu führen wußten, indes zwischen Scherz und Scherz ihr silberhelles Lachen erklang. Es wurde getanzt, musiziert, gesungen; bei schlechtem Wetter stellte man lebende Bilder, erfand Gesellschaftsspiele, bei denen es allerlei zu raten gab, und natürlich wurde auch Theater gespielt. Außerdem gab es manchmal Vorträge, die merkwürdigsten Erlebnisse wurden erzählt, Anekdoten herumgetragen usw.

Aus der Gästeschar traten einige wenige von persönlicherem Gepräge ziemlich scharf hervor: und die waren denn auch anerkanntermaßen die Hauptpersonen. Selbstverständlich fehlte es auch hier nicht an Neid, Klatsch und den üblichen kleinen Verleumdungen, ohne die die Welt nun einmal nicht bestehen kann und ohne die wohl Millionen von Personen an ihrem Stumpfsinn sterben würden, wie die Fliegen im Herbst umkommen. Da ich aber damals erst elf Jahre zählte, fehlte mir noch das Verständnis für diese Menschensorte, und da meine Gedanken überdies mit ganz anderem beschäftigt waren, so blieb nur ein Teil von dem, was ich hin und wieder zufällig hörte, in meinem Gedächtnis haften. Später ist mir dann allerdings manches wieder eingefallen, was ich damals überhört oder nicht begriffen hatte. Sonst konnte sich nur das glänzende Äußere des Bildes meinen Kinderaugen dauernd einprägen. Und die allgemeine festliche Stimmung, die sorglose Fröhlichkeit, das heitere, glanzvolle Leben – alles das, was ich bis dahin noch nie gesehen und gehört hatte, konnte denn auch allerdings einen solchen Eindruck auf mich machen, daß ich mich in den ersten Tagen förmlich verlor und mir mein junger Kopf schwindlig wurde.

Ich war natürlich noch ein Kind, nicht mehr als ein Kind, und die schönen Damen, die mich liebkosten, machten sich weiter keine Gedanken über mein Alter. Aber – merkwürdig! – trotz meiner elf Jahre bemächtigte sich meiner zuweilen doch schon eine seltsame Empfindung, die ich freilich selbst vorläufig noch nicht begreifen konnte: es war, als streiche irgend etwas ganz leise und zart über mein Herz, etwas Unbekanntes und Ungeahntes, wovon dann mein Herz wie nach einem heftigen Schreck zu brennen und zu pochen begann und mir oft ganz plötzlich das Blut heiß ins Gesicht trieb. Es kamen Augenblicke, in denen ich mich der verschiedenen kindlichen Vorrechte, die ich genoß, geradezu schämte und sie fast als persönliche Beleidigung empfand. Zuweilen aber bemächtigte sich meiner wiederum so etwas wie Verwunderung und ich schlich mich dann fort, irgendwohin, wo mich niemand sehen konnte, gleichsam nur, um einmal Atem zu schöpfen und mich an etwas zu erinnern, an irgend etwas, das da, wie mir schien, noch vor kurzem gewesen war ... wovon aber gleichwohl und ganz plötzlich jede Spur in meinem Gedächtnis wie ausgelöscht war ... – und ohne das ich doch, wie ich glaubte, nicht mehr auskommen konnte, wenn ich es auch keinem Menschen zeigen durfte.

Zu guter Letzt schien es mir, daß ich den Menschen allen irgend etwas verheimlichte, wovon ich aber um keinen Preis auch nur ein Wort jemandem gesagt hätte, da ich kleiner Bursche mich dessen bis zu Tränen schämte. Bald aber begann ich in dem Trubel, der mich hier umgab, eine gewisse Einsamkeit zu empfinden. Es waren wohl noch andere Kinder da, aber sie waren alle entweder viel jünger oder viel älter als ich, und übrigens war es mir auch gar nicht um Spielgefährten zu tun. Freilich wäre mit mir nichts Besonderes geschehen, wenn ich nicht in der Gesellschaft eine Ausnahmestellung eingenommen hätte. In den Augen aller dieser reizenden Damen war ich noch das kleine unbestimmte Lebewesen, das sie liebkosten und mit dem sie wie mit einer Puppe spielen zu dürfen glaubten. Namentlich eine von ihnen, eine entzückende junge Blondine mit dem schönsten und reichsten Haar, das ich je gesehen habe und sehen werde, schien sich geradezu geschworen zu haben, mich nicht in Ruhe zu lassen. Während mich das Lachen, das sie unter den Gästen durch ihre ausgelassenen Scherze, die sie mit mir trieb, hervorrief, entschieden verwirrte und ärgerte, schien es ihr im Gegenteil und ganz fraglos ein riesiges Vergnügen zu bereiten. Sie benahm sich oft wie ein richtiges Pensionsmädel, doch sah sie dafür entzückend aus und in ihrer Schönheit war etwas, das sogleich in die Augen stach und einen einfach bestrickte. Natürlich glich sie nicht jenen kleinen verschämten blonden Mädelchen, die so zart und rosig sind und zutunlich wie weiße Mäuschen, oder die so lieblich aussehen wie Pastorentöchterchen. Sie war nicht sehr groß von Wuchs und ihre Gestalt ein wenig voll, ihr Gesicht aber hatte zarte, feine Züge, die entzückend gezeichnet waren. Es lag eine Elektrizität in diesem Gesicht, so daß es in ihm oft wie ein Blitz aufleuchten konnte, und überhaupt war sie – ganz Feuer, wie man zu sagen pflegt, lebendig, lebhaft, leicht. Aus ihren großen offenen Augen sprühten förmlich Funken, als wären sie Edelsteine. Nie würde ich solche blauen, strahlenden Augen gegen die schwarzen des Südens eintauschen, und sollten sie auch noch hundertmal dunkler sein, als der dunkelste andalusische Blick, denn meine Blondine war wirklich jener Schwarzäugigen ebenbürtig, die ein berühmter Dichter in so schönen Versen besingt, daß er zum Schluß dem ganzen Kastilien schwören konnte, sein Leben freudig hingeben zu wollen, wenn man ihm dafür erlaube, nur mit der Fingerspitze die Mantilla seiner Schönen zu berühren. Jetzt füge man noch hinzu, daß _meine_ Schöne die lustigste aller Schönen war und dazu das unvernünftigste, lachlustigste, unartigste Kind, und das alles, obwohl sie schon seit etwa fünf Jahren verheiratet war. Das Lachen wich fast nie von ihren Lippen, die so frisch und jung aussahen, wie die zarten Blätter einer Rose, wenn sie unter den Strahlen der Morgensonne kaum erst ihren duftenden Blütenkelch geöffnet und ihr die Sonne noch nicht die kühlen glitzernden Tautropfen abgetrunken hat.

Ich weiß noch, am zweiten Tage nach meiner Ankunft wurde Theater gespielt. Der Saal war buchstäblich überfüllt: es gab keinen einzigen freien Platz, und da ich mich zufällig etwas verspätet hatte, mußte ich stehend der Aufführung zusehen. Aber das lustige Spiel zog mich immer mehr nach vorn und bald hatte ich mich ganz unbemerkt bis zu den ersten Reihen durchgearbeitet, wo ich dann endlich stehen blieb und mich auf die Lehne eines Stuhles stützte, auf dem eine Dame saß. Diese Dame war meine schöne Blondine. Ich muß aber hinzufügen, daß wir damals noch nicht bekannt miteinander waren. Und da nun – ich weiß nicht, wie es kam – begann ich ihre märchenhaft schönen Schultern zu betrachten, die so zart und weiß aussahen wie Milchschaum: obgleich es mir damals gewiß noch ganz gleichgültig war, ob ich die schönsten Frauenschultern sah oder den Kopfputz mit feuerfarbenen Bändern, der das graue Haar einer ehrwürdigen Dame in der ersten Reihe vor mir verdeckte. Neben der blonden Schönheit saß aber ein älteres Fräulein, eine von jenen, die, wie ich später beobachtet habe, sich immer möglichst in der Nähe junger und hübscher Damen aufhalten, und in der Regel gerade diejenigen wählen, die die männliche Jugend nicht zu verscheuchen pflegen. Doch dies nur nebenbei; ich erwähnte es bloß deshalb, weil dieses ältere Fräulein meine betrachtenden Blicke bemerkte, sich sogleich zu ihrer schönen Nachbarin beugte und ihr mit maliziösem Lächeln etwas ins Ohr flüsterte. Plötzlich sah sich diese nach mir um und ihr flammender Blick traf mich im Halbdunkel, so daß ich, der ich darauf nicht vorbereitet war, erschrocken zusammenfuhr. Da lächelte sie.

„Gefällt dir das Stück?“ fragte sie mich und sah mir spöttisch mit zuzwinkerndem Blick in die Augen.

„Ja–a,“ antwortete ich und sah sie immer noch mit einer gewissen Verwunderung an, an der wiederum sie Gefallen zu finden schien.

„Warum stehst du denn? So wirst du doch müde. Oder sind alle Stühle besetzt?“

„Ja, alle, es ist kein Platz mehr frei,“ sagte ich, diesmal mehr mit meiner Sorge um einen Stuhl beschäftigt, als mit dem blitzenden Blick der schönen Dame, und dabei herzlich froh darüber, daß sich endlich ein gutes Herz fand, dem ich mein Leid mitteilen konnte. „Ich habe bereits gesucht, aber auf jedem Stuhl sitzt schon jemand,“ fügte ich hinzu, als wollte ich mich bei ihr darüber beklagen, daß alle Stühle besetzt waren.

„Komm her!“ sagte sie schnell entschlossen, wie sie sich zu allem immer blitzschnell entschloß, gleichviel was für eine tolle Idee ihr in den Kopf kam. „Komm her zu mir, schnell, und setz’ dich auf meinen Schoß.“

„Auf den Schoß? ...“ wiederholte ich einigermaßen verwundert, und ich wußte nicht recht, was ich tun sollte.

Wie ich bereits sagte, fingen meine Kindervorrechte nachgerade an, mich zu kränken und zu beschämen. Diese Blondine aber trieb es weit ärger als alle anderen. Überdies begann ich, der ich schon von jeher ein etwas schüchterner und verschämter Knabe war, mich gerade zu jener Zeit vor Damen ganz besonders zu fürchten, und deshalb machte mich ihre Aufforderung vollends unsicher.

„Nun ja, auf den Schoß! Warum willst du denn nicht auf meinem Schoß sitzen?“ Und sie lachte, lachte immer übermütiger, lachte Gott weiß worüber – vielleicht über ihren eigenen Einfall oder vielleicht auch vor Freude darüber, daß sie mich so verlegen gemacht hatte.

Ich errötete und sah mich in meiner Verwirrung verstohlen um – wie um eine Möglichkeit zu erspähen, irgendwohin zu entschlüpfen. Aber sie kam mir zuvor, erwischte meine Hand, zog mich geschwind zu sich und plötzlich – ganz unvermutet und zu meiner größten Verwunderung – preßte sie meine Hand mit ihren heißen Fingern wie in einen Schraubstock. Es tat schrecklich weh und ich mußte meine ganze Kraft zusammennehmen, um nicht aufzuschreien. Da war es denn wohl kein Wunder, daß ich die seltsamsten Gesichter schnitt. Hinzu kam noch, daß ich nicht nur verwundert und erschrocken war, sondern einfach entsetzt, und zwar über die Tatsache, die ich nun plötzlich am eigenen Körper erfahren mußte: daß so schöne Damen zugleich so böse sein und sich so schlimm an kleinen Jungen vergreifen konnten, die ihnen doch nichts getan hatten, und das noch dazu vor so vielen fremden Menschen! Wahrscheinlich spiegelte aber mein unglückliches Gesicht alle meine Seelenregungen wieder, denn die unartige Dame lachte unbändig und preßte dabei meine armen Finger, als wollte sie sie zerquetschen. Es schien ihr ein rasendes Vergnügen zu bereiten, etwas recht Tolles anzustellen und einen armen Jungen recht bis zur Verzweiflung zu peinigen und zum besten zu haben. Ich war in der Tat der Verzweiflung nahe. Erstens verging ich fast vor Scham, da alle, die in der Nähe saßen, sich nach uns umsahen, die einen erstaunt und verständnislos, die anderen lachend, da sie sogleich begriffen, daß die schöne Blondine wieder jemandem einen Streich spielte. Und zweitens wollte ich schreien vor Schmerz, denn die Schöne schien ihren ganzen Ehrgeiz darein zu setzen, meine Finger mit wahrem Ingrimm, gerade weil ich nicht schrie, zusammenzupressen. Ich aber hielt wie ein kleiner Spartaner stand und schrie nicht. Ich fürchtete, mit meinem Schrei das Publikum zu erschrecken und die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken: was aber dann mit mir geschehen wäre, das vermochte ich nicht einmal auszudenken! In meiner Verzweiflung begann ich einen erbitterten Kampf mit ihr, um meine Hand aus ihren Fingern zu reißen, aber die Grausame war ja viel, viel stärker als ich. Endlich hielt ich den Schmerz nicht länger aus und schrie auf – aber nur darauf hatte sie gewartet! Im Nu ließ sie meine Hand fahren und saß da, als wäre gar nichts geschehen, als wäre sie das unschuldigste Geschöpf der Welt, das nichts damit zu schaffen hat, wenn ein anderer unartig ist: kurz, wie es ein echter Schulbube tut, der, kaum daß der Lehrer ihm den Rücken kehrt, im Handumdrehen etwas anrichtet – und wäre es auch nur, daß er einem kleinen Schwächling einen Rippenstoß versetzt oder ähnliches mit dem Erfolg verbricht, daß der andere aufschreit – in der nächsten Sekunde aber wieder stramm und artig auf seinem Platz sitzt und fromm die Augen niederschlägt oder mit ungeteilter Aufmerksamkeit in seinem Buch liest und somit den Herrn Lehrer, der auf den Lärm hin wie ein Habicht auf ihn losschießt, mit einer langen Nase wieder abziehen läßt.

Zu meinem Glück jedoch wurde gerade in diesem Augenblick die Aufmerksamkeit der übrigen durch das meisterhafte Spiel unseres Hausherrn in Anspruch genommen – er spielte nämlich in der Komödie die Hauptrolle. Stürmischer Beifall erscholl und ich benutzte schnell die Gelegenheit zur Flucht, drängte mich durch ein paar Reihen und lief in die entgegengesetzte Ecke, von wo aus ich halbversteckt hinter einer Säule mit Grauen dorthin spähte, wo mein grausamer Quälgeist saß. Sie lachte so, daß sie das Taschentuch an die Lippen pressen mußte. Und lange noch sah sie sich immer wieder nach mir um, jedoch ohne mich zu entdecken. Allem Anscheine nach tat es ihr sehr leid, daß unsere verrückte Balgerei so schnell ein Ende gefunden hatte, ja vielleicht heckte sie schon einen neuen Streich aus.

Damit begann also unsere Bekanntschaft, und seit jenem Abend war ich meines Lebens nicht mehr sicher vor ihr. Sie verfolgte mich ohne Maß und Gewissen. Sie wurde einfach zu meinem Schreckgespenst. Das Groteske ihrer Scherze mit mir bestand hauptsächlich darin, daß sie beteuerte, bis über die Ohren in mich verliebt zu sein – und zwar sagte sie das ganz ungeniert in Gegenwart aller Gäste. Natürlich war das für mich, dem ohnehin mehr als nötig verschämten Knaben, ungefähr das Fürchterlichste, was ich mir denken konnte, und es ärgerte mich fast bis zu Tränen; ja ein paarmal brachte sie mich in eine so unangenehme und bedenkliche Lage, daß ich nahe daran war, mit dieser heimtückischen Anbeterin einen regelrechten Faustkampf zu eröffnen. Aber meine naive Verwirrung, meine Verzweiflung und Wut schienen sie nur anzustacheln, mich noch lebhafter zu verfolgen. Sie kannte kein Erbarmen, ich aber wußte nicht, wo ich mich vor ihr verbergen sollte, und zum Unglück wirkte noch das Gelächter der anderen, das sie durch ihre Scherze mit mir hervorzurufen verstand, anfeuernd auf sie, so daß man zu guter Letzt fand, sie gehe mit ihren Scherzen denn doch zu weit. Und wirklich muß auch ich zugeben – ich meine heute, denn damals konnte ich das noch nicht beurteilen –, daß sie sich zu viel mit einem solchen Kinde erlaubte, wie ich es damals war.

Aber so war nun einmal ihr Wesen, das ja deshalb noch nicht schlecht zu sein brauchte: sie war eben auch noch ein richtiges verwöhntes Kind. Wie ich nachher erfuhr, soll gerade ihr Mann sie am meisten verwöhnt haben – ein dicker kleiner Herr mit einem frischen Gesicht, sehr reich und sehr beschäftigt, letzteres wenigstens nach seiner Lebensweise zu urteilen: ewig hatte er etwas vor, und keine zwei Stunden hielt er es an einem Ort aus, jeden Tag fuhr er vom Gut nach Moskau, oft sogar zweimal am Tage, und zwar, wie er behauptete, wegen geschäftlicher Angelegenheiten. Etwas Lustigeres und Gutmütigeres als es seine komische, aber dabei doch immer gesetzte Miene und Haltung war, hätte man schwerlich irgendwo finden können. Seine Frau liebte er nicht nur bis zur Schwäche – nein, er betete sie geradezu an wie seinen Abgott.