Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held
Part 10
Die Einsamkeit und das Schweigen, das ich nicht zu brechen wagte, fingen an, immer schwerer auf mir zu lasten. Schon ein ganzes Jahr hatte ich mit erwachtem Geiste gelebt, immer gedacht, gegrübelt, geträumt und im geheimen mich mit unbekannten, unklaren Wünschen gequält, die plötzlich auftauchten. Ich war wie in einem Walde verirrt. Da war es der Vater, der mich zuerst bemerkte, mich zu sich rief und mich fragte, warum ich ihn so unverwandt ansähe. Ich weiß nicht mehr, was ich ihm antwortete: ich weiß nur noch, daß er nachdenklich wurde und zum Schluß sagte, er werde ein Abc-Buch bringen und mich im Lesen unterrichten. Mit Ungeduld erwartete ich nun dieses sonderbare Buch und baute die ganze Nacht phantastische Träume auf – denn meine Vorstellung von einem Abc war nichts weniger als klar. Endlich, d. h. am nächsten Tage, begann der Vater auch wirklich mit dem Unterricht. Ich begriff sogleich, was von mir verlangt wurde, und lernte schnell und gut, denn ich wußte, daß ich ihm damit etwas zu Gefallen tat. Das war die glücklichste Zeit meines damaligen Lebens. Wenn er mich lobte, meinen Kopf streichelte und mich küßte, traten mir vor Freude sogleich Tränen in die Augen. So gewann mich der Vater allmählich lieb. Bald wagte ich denn auch schon, ihn anzureden, und dann sprachen wir oft ganze Stunden unermüdlich miteinander, obschon ich mitunter kaum ein Wort von dem, was er mir da erzählte, verstand. Aber ich fürchtete ihn doch noch irgendwie, fürchtete vor allem, er könnte denken, daß ich mich mit ihm langweilte, und deshalb bemühte ich mich nach Kräften, so zu tun, als verstünde ich alles. Zu guter Letzt wurde es ihm zur Gewohnheit, abends mit mir zu sitzen und zu sprechen. Sobald er mit sinkender Dämmerung nach Haus zurückkehrte, kam ich unverzüglich mit meinem Abc-Buch. Er setzte mich sich gegenüber auf die Bank und nach der Stunde las er mir gewöhnlich noch aus einem Buch irgend etwas vor. Davon verstand ich in der Regel fast nichts, aber ich lachte soviel ich konnte, denn ich glaubte, ihm damit Vergnügen zu bereiten. Und in der Tat, ich unterhielt ihn und mein Lachen schien ihn zu belustigen. Einmal aber erzählte er mir nach der Stunde ein Märchen. Es war das erste Märchen, das ich hörte. Ich saß wie verzaubert, fieberte vor Spannung, fühlte mich wie in ein Paradies versetzt, während ich ihm zuhörte, und zum Schluß wußte ich kaum noch, wo ich mich lassen sollte vor Begeisterung. Nicht, daß das Märchen an sich mir dermaßen gefallen hätte – nein, das war es nicht; aber das Unmöglichste war nun plötzlich möglich geworden, denn ich nahm doch alles für bare Münze. Natürlich ließ ich sogleich meiner eigenen Phantasie die Zügel schießen und im Nu waren alle meine phantastischen Träume für mich ebensogut wie bereits verwirklicht. Da stand natürlich gleich an erster Stelle das Haus mit den roten Vorhängen, die handelnde Person aber war – aus unbekannten Gründen – der Vater, obwohl er selbst das Märchen erzählte; dann kam die Mutter, die uns hinderte, ich weiß nicht wohin fortzuziehen; ferner – oder richtiger – ganz zuerst ich selbst mit meinen wunderschönen Träumen, mit allen meinen phantastischen, meinen tollen, meinen ganz unmöglichen Zukunftsbildern: alles das verwirrte sich dermaßen in meinem Kopf, daß es bald ein unentwirrbares Chaos bildete und mir für eine Zeitlang den Eltern gegenüber jedes Zartgefühl, sowie den Dingen gegenüber jedes Unterscheidungsvermögen für das, was Wirklichkeit und das, was Einbildung war, abhanden kam und ich Gott weiß wo lebte. In dieser Zeit verging ich fast vor Verlangen, mit dem Vater darüber zu sprechen, was uns bevorstand, was er selber erwartete und wohin er mich führen werde, wenn wir endlich unsere Dachstube verließen. Ich war meinerseits überzeugt, daß alles dies irgendwie sehr schnell in Erfüllung gehen werde, wie aber und in welcher Art – das wußte ich nicht, und gerade damit quälte ich mich so, daß ich mir beständig den Kopf darüber zerbrach. Bisweilen – und zwar vornehmlich abends – schien es mir, daß der Vater mir nun gleich heimlich zuzwinkern und mich auf den Flur hinausrufen werde, und ich nahm schon heimlich, so daß die Mutter es nicht sah, mein Abc-Buch und dann noch unser Bild, das seit undenklichen Zeiten uneingerahmt an der Wand hing und das unbedingt mitzunehmen ich in meinem Sinn fest beschlossen hatte – und dann liefen wir heimlich irgendwohin fort und kehrten nie wieder zur Mutter zurück. Und eines Tages, als die Mutter nicht zu Haus und der Vater gerade bei besonders guter Laune war – das aber war er regelmäßig, wenn er etwas getrunken hatte – da faßte ich mir ein Herz und ging zu ihm und fing an, von irgend etwas zu sprechen, in der Absicht, bei der ersten Gelegenheit auf mein geliebtes Thema überzugehen. Endlich erreichte ich es auch, daß er belustigt auflachte und da – da umschlang ich ihn fest und begann mit bebendem Herzen ganz angstvoll, als wäre ich im Begriff, von etwas Geheimnisvollem und Furchtbarem zu sprechen, verwirrt und zusammenhanglos und stockend ihn auszufragen: wohin wir denn eigentlich gehen sollten und wann denn und was wir mitnehmen und wo wir wohnen wollten und schließlich, ob wir denn nicht in das Haus mit den roten Vorhängen einziehen würden?
„Was für ein Haus? Rote Vorhänge? Was soll das? Was phantasierst du, dummes Kind?“
Ich erschrak und versuchte angstvoll, ihm zu erklären, daß wir beide, wenn die Mutter einmal gestorben sei, doch nicht mehr hier auf dem Dachboden bleiben würden, daß er mich dann doch irgendwohin fortführen müsse, wo wir zwei reich und glücklich leben könnten. Und zu guter Letzt versicherte ich ihm noch, daß er selbst mir das alles versprochen habe. Dabei war ich vollkommen überzeugt, daß er mir wirklich früher einmal so etwas gesagt hatte, wenigstens schien es mir in dem Augenblick so.
„Die Mutter? Gestorben? Wenn sie gestorben sein wird? ...“ wiederholte er und er sah mich verwundert an, während sich zwischen seinen buschigen, graumelierten Brauen eine Falte bildete und sein Gesicht sich ein wenig veränderte. „Was phantasierst du, Kind, dummes, armes Ding ...“
Und dann schalt er mich, und schalt mich sogar sehr und sagte, ich sei ein dummes Kind, ich könne nichts begreifen ... und ich weiß nicht, was er noch alles sagte, – sicher war er sehr betrübt.
Ich begriff allerdings kein Wort von seinen Vorwürfen, begriff vor allem nicht, wie schmerzlich es für ihn sein mußte, daß ich seine Worte, die er der Mutter im Zorn und unter dem Druck des Elends gesagt, aufgefangen und behalten, sie womöglich auswendig gelernt und schon viel über sie nachgedacht hatte. Aber was es auch sein mochte und so groß auch seine eigene Überspanntheit war, dieser Zwischenfall mußte ihm doch zu denken geben. Ich aber konnte gar nicht verstehen, weshalb er sich über mich ärgerte, und ich fühlte eine gewisse Bitterkeit und Trauer in mir aufsteigen, immer höher und höher, bis ich zu weinen anfing. Dann dachte ich, daß alles, was uns dort in dem schönen Leben erwartete, wohl so wichtig sei, daß ich dummes Kind weder davon sprechen noch daran denken durfte. Nebenbei aber fühlte ich doch, obwohl ich ihn nicht sogleich verstand, daß ich die Mutter gekränkt hatte. Darob erfaßten mich Angst und Entsetzen und dann schlichen sich auch leise Zweifel in meine Seele und machten dort alles in mir unsicher. Als er jedoch sah, daß ich weinte und mich quälte, versuchte er mich wieder zu trösten, wischte mir mit dem Ärmel die Tränen ab und bat mich, ich solle nicht mehr weinen. So saßen wir denn eine Zeitlang schweigend. Er machte ein finsteres Gesicht und schien nachzudenken; dann fing er von neuem zu sprechen an; aber wie sehr ich mich auch anstrengte, es war mir doch alles, was er da sagte, zum mindesten unklar. Ich schließe aus einzelnen Worten, die ich noch behalten habe, daß er mir damals erklärte, wer er sei, was für ein großer Künstler er wäre; ferner, wie ihn niemand verstehe, und zuletzt, daß er ein ungeheures Talent habe. Ich weiß noch, daß er mich dann fragte, ob ich auch alles verstanden und daß er nach meiner selbstverständlich bejahenden Antwort die Frage wiederholte: „Also hat er Talent?“ Und ich antwortete: „Ja, er hat Talent,“ worüber er leise auflachen mußte, wahrscheinlich weil es ihm selbst zuletzt lächerlich erschien, daß er über einen für ihn so ernsten Gegenstand mit einem Kinde sprach. Unsere Unterhaltung unterbrach Karl Fedorytsch, der ganz unerwartet bei uns eintrat, und der Vater wies auf ihn und sagte:
„Dieser dagegen, der Karl Fedorytsch, der hat zum Beispiel für keine fünf Kopeken Talent.“
Darüber mußte ich lachen, denn das kam mir, Gott weiß weshalb, sehr komisch vor und ich war wieder ganz froh und glücklich.
Dieser Karl Fedorytsch war eine äußerst merkwürdige Erscheinung. Ich sah damals so wenige Menschen, daß ich mich seiner noch lebhaft erinnere. Ja: als stände er hier, so deutlich sehe ich ihn vor mir. Er war ein Deutscher, Meyer mit Namen, der nach Rußland gekommen war, weil er nur den einen Wunsch hatte: zum Petersburger kaiserlichen Ballett zu gehören. Leider war er aber ein so schlechter Tänzer, daß man ihn nicht einmal unter die Chortänzer, die den Hintergrund der Bühne ausfüllen mußten, aufnehmen konnte und ihn nur als Statisten verwandte. So spielte er stumme Rollen, etwa in der Suite des Fortinbras oder als einer der Ritter von Verona, die alle zwanzig mit einem Male ihre gepappten Klingen ziehen und ^unisono^ ausrufen: „Wir sterben für den König!“
Nichtsdestoweniger gab es wohl keinen einzigen Künstler auf Erden, der an seinen Rollen so leidenschaftlich hing wie Karl Fedorytsch. Sein größtes Unglück und Lebensleid war, daß er nicht ins Ballettkorps aufgenommen wurde. Die Tanzkunst stellte er über jede andere Kunst und in seiner Art hing er an ihr ebensosehr, wie der Vater an seiner Geige. Sie waren beide an demselben Theater angestellt gewesen, dort hatten sie sich kennen gelernt, und seit der Zeit besuchte der Statist, der nun auch schon außer Diensten war, seinen ehemaligen Kollegen vom Orchester und blieb ihm als einziger von allen bis zuletzt treu. Sie sahen sich sogar recht oft und beklagten dann beide ihr trauriges Los, das ihnen den Fluch auferlegt hatte, von den Menschen nicht verstanden zu werden. Der Deutsche war der gefühlvollste, der liebevollste Mensch der Welt und meinem Stiefvater in glühendster, uneigennützigster Freundschaft zugetan. Der Vater dagegen hatte, glaube ich, keine gerade besondere Zuneigung zu ihm, er duldete ihn eben nur als seinen Bekannten in Ermangelung anderer. Leider konnte der Vater in seiner Einseitigkeit durchaus nicht begreifen, daß die Tanzkunst auch eine Kunst sei, womit er den armen Deutschen bis zu Tränen kränkte. Da er nun diese schwache Seite des anderen kannte, machte es ihm Spaß, sie immer wieder wie von ungefähr zu berühren, um sich dann an dem Eifer des armen Karl Fedorytsch zu ergötzen, der fast aus der Haut fuhr vor Empörung und Leidenschaft in seinem Bemühen, für seine geliebte Tanzkunst das Gegenteil zu beweisen. Von diesem Karl Fedorytsch und seiner Freundschaft mit meinem Stiefvater hat mir nachher noch manches derselbe B. erzählt, der diesen begeisterten Ballettänzer immer den Nürnberger Springkäfer nannte. Unter anderem entsinne ich mich noch lebhaft ihrer Zusammenkünfte, wenn sie beide etwas getrunken hatten und dann als verkannte Größen ihr Schicksal betrauerten. Auch ich, die ich diese beiden Sonderlinge still für mich betrachtete, trauerte mit ihnen, und wenn sie Tränen vergossen, so heulte ich mit, wenn ich auch selber nicht wußte, worüber und warum. Das trug sich aber immer in der Abwesenheit der Mutter zu, denn der Deutsche fürchtete sie sehr und wartete deshalb, wenn er kam, gewöhnlich so lange auf dem Treppenflur, bis jemand aus dem Zimmer trat: erfuhr er dann, daß die Mutter zu Hause war, so machte er schleunigst kehrt und lief die Treppe hinunter. Jedesmal brachte er deutsche Gedichte mit, begeisterte sich an ihnen, indem er sie uns laut vorlas, und dann deklamierte er mit Gesten, wobei er zwischendurch die Sätze mit Müh und Not in ein zum mindesten eigenartiges Russisch übersetzte, damit auch wir den Sinn verstanden. Das belustigte den Vater, ich aber lachte oft Tränen. Einmal hatten sie sich irgendein russisches Werk verschafft, das sie beide ungeheuer begeisterte, in einem solchen Maße begeisterte, daß sie es nachher fast bei jeder Zusammenkunft immer wieder von neuem lasen. Ich erinnere mich, es war ein Drama in Versen von irgendeinem vorübergehend berühmten russischen Schriftsteller. Die ersten Strophen hatte ich so gut behalten, daß ich später nach mehreren Jahren dieses Drama gleich wiedererkannte, als ich das Buch einmal zufällig in die Hände bekam. Es handelte von dem Unglück eines großen Künstlers, irgendeines Jacopo, der auf der einen Seite ausruft: „Ich bin verkannt!“ und auf der folgenden: „Ich bin erkannt!“ – oder war es: „Ich bin talentlos!“ und dann: „Ich habe Talent!“? Kurz, etwas Ähnliches war es jedenfalls. Es endete natürlich höchst tragisch. Das Drama war freilich an sich ganz wertlos. Nur auf diese beiden Leser, die in dem Helden viel Ähnlichkeit mit sich selbst entdeckten, wirkte es in der naivsten und zugleich tragischsten Weise. Ich weiß noch, Karl Fedorytsch geriet dann zuweilen in solche Ekstase, daß er aufsprang, zur anderen Wand des Zimmers eilte und den Vater und mich, die er „Madmuasell“ nannte, unabweisbar beschwörend, mit Tränen in den Augen und im heiligen Verlangen nach ausgleichender Gerechtigkeit bat, „sogleich hierselbst“ zwischen ihm, seinem Schicksal und dem Publikum die Schiedsrichter zu sein. Darauf begann er zu tanzen, und während der verschiedenen Pas, die er uns nun vortanzte, schrie er uns zu, wir sollten ihm sogleich sagen, was er sei, ein Künstler oder nicht, und ob man wohl das Gegenteil sagen könne, d. h. daß er etwa kein Talent habe? Der Vater war dann sofort höchst aufgeräumt, gab mir heimlich Winke, als wollte er sagen, ich solle nur aufpassen, wie vorzüglich er sich gleich über den Armen lustig machen werde. Mich wandelte die Lachlust an, aber der Vater drohte heimlich mit dem Finger und ich nahm mich aus allen Kräften zusammen, um mir das Lachen zu verbeißen. Auch jetzt noch, bei der bloßen Vorstellung jenes Bildes, ist es mir unmöglich, nicht zu lachen. Ich sehe ihn so deutlich vor mir, diesen armen Karl Fedorytsch! Er war äußerst klein von Wuchs, dazu spindeldünn, das Haar schon grau, die Nase gebogen und rot und immer mit Tabakspuren geschmückt. Seine Beine hatten eine ganz absonderlich krumme Form; trotzdem schien er auf ihren Bau noch stolz zu sein und trug Beinkleider, die so eng wie Trikot anlagen. Wenn er dann endlich nach dem letzten Sprunge stehen blieb, mit zu uns ausgestreckten Armen und uns zulächelnd – in der Pose und mit dem Lächeln der Ballettänzer auf der Bühne – da wahrte der Vater noch eine gute Weile das Schweigen, als könne er sich nicht entschließen, das Urteil zu fällen, und ließ absichtlich den verkannten Tänzer in dieser schwierigen Pose verharren, bis jener auf seinem einen dünnen Bein schon zu schwanken begann, trotz seiner krampfhaften Anstrengung, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Schließlich erbarmte sich der Vater: zunächst sah er nur mit ernster Miene mich an, als wolle er mich fragen: „Was sagen wir ihm nun?“ – und gleichzeitig richtete sich auch der furchtsam flehende Blick des Tänzers auf mich.
„Nein, Karl Fedorytsch, man sieht, es ist verlorene Liebesmüh, du triffst doch nicht das Richtige!“ sagte der Vater dann endlich in einem Ton, als fiele es ihm schwer, die bittere Wahrheit sagen zu müssen. Dann entrang sich der Brust Karl Fedorytschs ein richtiges Stöhnen, aber im Nu faßte er wieder Mut, erbat mit beschleunigten Gesten von neuem unsere Aufmerksamkeit, versicherte, er habe nicht nach dem betreffenden System getanzt, und flehte uns an, nochmals die Schiedsrichter zu sein. Und wieder eilte er zur anderen Wand und sprang dann zuweilen mit solchem Eifer umher, daß er mit dem Kopf an die Stubendecke stieß, und zwar schmerzhaft stark – aber er verwand den Schmerz wie ein Spartaner, stand dann wieder in der schwierigen Pose, streckte wieder mit einem Lächeln die zitternden Arme aus und erwartete wieder unser Urteil. Doch der Vater war unerbittlich und wiederholte nur ebenso düster:
„Nein, Karl Fedorytsch, das scheint nun einmal dein Schicksal zu sein: du triffst es nicht!“
Dann versagte gewöhnlich meine letzte Selbstbeherrschung und ich brach in erlösendes Lachen aus, und der Vater desgleichen. Karl Fedorytsch, der nun endlich den Scherz begriff, wurde rot vor Zorn und sagte mit Tränen in den Augen und mit einem tiefen, wenn auch komischen Gefühl, das mich später quälte, weil es mein aufrichtiges Mitleid mit diesem armen Unglücklichen erweckte, zum Vater gewandt:
„Du bist ein treuloser Freund!“
Und er griff nach seinem Hut und lief von uns fort, mit allen Schwüren schwörend, daß er nie wieder zu uns kommen werde.
Aber der Schatten dieses Streites pflegte nie lang zu sein. Nach ein paar Tagen erschien er wieder bei uns, wieder wurde das berühmte Drama gelesen, wieder wurden Tränen vergossen und zum Schluß bat uns der naive Karl Fedorytsch abermals, die Schiedsrichter zwischen ihm, den Menschen und dem Schicksal zu sein, bat flehentlich, diesmal aber wirklich im Ernst über ihn zu urteilen, wie es sich wahren Freunden gezieme, und nicht wieder unseren Spott mit ihm zu treiben.
Einmal schickte mich die Mutter in den kleinen Laden, wo ich etwas Notwendiges kaufen sollte, und als ich zurückkehrte, hielt ich hübsch achtsam das silberne Kleingeld in der Hand, das man mir herausgegeben hatte. Auf der Treppe traf ich den Vater, der im Begriff war, auszugehen. Ich lachte ihn an, denn ich konnte mein Gefühl der Freude nicht verbergen, wenn ich ihn sah. Als er sich zu mir herabbeugte, um mich zu küssen, bemerkte er das silberne Geldstück in meiner Hand ... Ich habe noch nicht erwähnt, daß ich jeden Ausdruck seines Gesichts so gut kannte, daß ich seine Wünsche gewöhnlich auf den ersten Blick erriet. Sah ich ihn bedrückt und traurig, so hätte ich vergehen mögen vor Leid. Am niedergeschlagensten war er, wenn er gar kein Geld hatte und sich nichts zu trinken kaufen konnte – denn das Trinken hatte er sich schon zur Gewohnheit gemacht. In jenem Augenblick nun, als wir einander auf der Treppe begegneten, schien es mir, daß in ihm etwas Besonderes vorgehe. Seine trüben Augen irrten eigentümlich unruhig umher, ja, ich glaube, im ersten Augenblick sah er mich gar nicht. Als er aber dann das Geld in meiner Hand bemerkte, da wurde er plötzlich rot und gleich darauf sehr bleich, dann streckte er die Hand aus, wie um das Geld von mir zu nehmen, zog sie aber sofort wieder zurück. Offenbar kämpfte er mit sich. Endlich war es, als habe er sich überwunden und er sagte, ich solle nur zur Mutter hinaufgehen; er selbst aber ging schnell ein paar Stufen hinab – bis er plötzlich von neuem stehen blieb und mich zurückrief.
Er sah sehr verlegen aus.
„Hör mal, Njetotschka,“ sagte er hastig, „gib mir dieses Geld, ich werde es dir zurückgeben. Nicht? Du gibst es doch deinem Papa? Du bist doch ein gutes Kindchen, Njetotschka?“
Ich hatte das fast vorausgefühlt. Aber im ersten Augenblick ließen mich doch der Gedanke, wie böse die Mutter sein werde, meine Ängstlichkeit und vor allem die instinktive Scham für mich und für den Vater unwillkürlich zögern und hielten mich davon ab, ihm das Geld zu geben. Er bemerkte es sofort und sagte rasch:
„Nein, nein, nicht nötig, ist nicht nötig! ...“
„Nein, nein, Papa, da, nimm! Ich werde sagen, ich habe es verloren oder die Nachbarkinder haben es mir fortgenommen.“
„Nun gut, gut; ich wußte doch, daß du ein kluges Mädchen bist,“ sagte er. Und er lächelte mit zitternden Lippen, ohne sein Entzücken zu verbergen, als er das Geld in seiner Hand fühlte. „Du bist ein gutes Mädchen, bist ja mein Engelchen! Gib her, ich werde dir dein Händchen küssen!“
Und er griff nach meiner Hand, aber ich zog sie schnell zurück. Ein gewisses Mitleid mit ihm bemächtigte sich meiner und die Scham stieg in mir immer höher und wurde qualvoll. Ich hielt es nicht aus und lief in meinem Schreck nach oben, ohne mich nach dem Vater weiter umzusehen, den ich stehen ließ, wo er stand. Als ich ins Zimmer trat, glühten meine Wangen und mein Herz schlug laut in einer quälenden, mir bis dahin noch unbekannten Empfindung. Dennoch sagte ich der Mutter ganz furchtlos, ich hätte das Geld im Schnee verloren und lange gesucht, trotzdem aber nicht wiederfinden können. Ich hatte mindestens Schläge erwartet, doch die bekam ich nicht. Die Mutter war anfangs allerdings außer sich, denn wir waren damals furchtbar arm. Sie schrie mich an, aber schon im nächsten Augenblick schien sie sich zu besinnen und hörte auf, mich zu schelten; sie sagte nur, ich sei ein ungeschicktes, nachlässiges Mädchen und offenbar liebte ich sie nicht, da ich mit ihrem schwer erworbenen Gelde so unachtsam umginge. Diese Bemerkung betrübte mich mehr, als Schläge es vermocht hätten. Denn meine Mutter kannte mich bereits: meine Empfindsamkeit, die oft schon an eine krankhafte Reizbarkeit grenzte, war von ihr nicht unbemerkt geblieben, und so glaubte sie gerade mit diesen bitteren Vorwürfen – wie dem, daß ich sie wohl nicht liebte – mich mehr zu strafen und eher zu größerer Achtsamkeit erziehen zu können, als mit den sonst üblichen Strafmitteln.