Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Part 11

Chapter 113,750 wordsPublic domain

In der Dämmerung, um die Zeit, wo der Vater gewöhnlich zurückkehrte, erwartete ich ihn wie immer auf dem Flur. Ich war in großer Verwirrung. Meine Gefühle waren aufgepeitscht durch etwas, das auch mein Gewissen geradezu krankhaft peinigte. Endlich kam der Vater und ich war sehr froh über sein Kommen, ganz als hätte ich gehofft, daß es mir dadurch leichter werden würde. Er war heiterer Laune, aber als er mich erblickte, nahm sein Gesicht sofort einen geheimnisvollen, ein wenig verzerrten Ausdruck an. Er blickte ängstlich nach unserer Tür und zog mich in den verstecktesten Winkel, blickte wieder scheu nach der Tür, nahm dann aus der Tasche einen von ihm gekauften Pfefferkuchen und begann nun flüsternd, jedoch in ermahnendem Tone mir zu erklären, daß ich der Mutter niemals mehr Geld entwenden und es ihr verheimlichen dürfe: das sei häßlich und eine Schande und überhaupt sehr schlecht. Diesmal sei es nur deshalb so gekommen, weil er das Geld gerade sehr notwendig gebraucht habe, aber er werde es zurückgeben und dann könne ich sagen, ich hätte das Geld wiedergefunden; es der Mutter abzunehmen sei jedoch eine Schande, und ich solle in Zukunft nicht einmal mehr daran denken, so etwas wieder zu tun, er aber werde mir, wenn ich auf ihn hörte, noch mehr solcher Pfefferkuchen kaufen. Zum Schluß sagte er sogar, ich möchte mit der Mutter Mitleid haben, sie sei so krank, die Arme, und sie allein arbeite für uns alle und ernähre uns. Ich hörte in großer Angst zu, ja ich zitterte am ganzen Körper und die Tränen wollten mich fast überwältigen. Ich war so bestürzt, daß ich kein Wort zu sagen wußte und mich nicht von der Stelle rührte. Endlich ging er ins Zimmer, nachdem er mir vorher noch verboten hatte, zu weinen oder der Mutter etwas davon zu sagen – letzteres schärfte er mir ganz besonders ein. Wie ich bemerkte, war auch er sehr verwirrt. Den ganzen Abend verbrachte ich wie unter einem entsetzlichen Bann und zum erstenmal wagte ich nicht, ihn anzusehen oder zu ihm zu gehen. Und auch er mied sichtlich meinen Blick. Die Mutter ging im Zimmer auf und ab und sprach vor sich hin, wie sie es gewöhnlich in ihrer Gedankenversunkenheit tat. An jenem Tage fühlte sie sich bedeutend schlechter und hatte auch schon die Anzeichen von einem Anfall zu überstehen gehabt. Kurz, infolge dieser ganzen inneren Qual stellte sich bei mir Fieber ein. Krankhafte, wirre Träume peinigten mich – bis ich es schließlich nicht mehr aushielt und zu weinen anfing. Mein Weinen weckte die Mutter; sie rief mich leise an und fragte, ob mir etwas fehle. Ich antwortete nicht, weinte aber noch verzweifelter. Da zündete sie das Licht an, kam zu mir und versuchte mich zu beruhigen, im Glauben, ein Traum habe mich erschreckt.

„Ach, du kleines, dummes Kind!“ sagte sie, „immer noch weinst du, wenn dir etwas träumt. Nun, schon gut, sei ruhig!“ Und sie küßte mich und sagte, ich solle in ihr Bett kommen und bei ihr schlafen. Aber ich wollte nicht, denn ich wagte nicht, sie zu umarmen und zu ihr zu gehen. Ich wand mich innerlich vor Qual. Ich wollte ihr alles erzählen. Ich war schon im Begriff anzufangen, aber da fiel mir wieder der Vater ein und sein Verbot, und ich sagte nichts.

„Mein armes Kindchen ... Njetotschka ...“ hörte ich die Mutter leise sprechen, während sie mich noch mit ihrer alten Jacke zudeckte, da sie bemerkt hatte, daß ich wie von Schüttelfrost am ganzen Körper zitterte, „du wirst wohl ebenso krank werden wie ich.“ Und sie sah mich dabei so traurig an, daß ich ihren Blick nicht ertragen konnte, krampfhaft die Augen schloß und mich fortwandte. Ich erinnere mich nicht mehr, daß ich einschlief, aber noch lange hörte ich im Halbschlaf, wie die arme Mutter mich leise beruhigte, um mich in den Schlaf zu lullen. Noch nie hatte ich eine schwerere Qual zu erdulden gehabt. Mein Herz krampfte sich bis zum körperlichen Schmerz zusammen. Am nächsten Tage ward mir etwas leichter zumut. Ich fing wieder an mit dem Vater zu sprechen, aber ohne des Vorgefallenen zu erwähnen, denn ich erriet, daß ihm das sehr unangenehm sein müsse. Ich täuschte mich nicht: er war sogleich zur Unterhaltung bereit und sofort guter Dinge, denn auch er schien die Spannung zwischen uns als ungemütlich empfunden zu haben, wenigstens hatte er immer ein finsteres Gesicht gemacht, wenn unsere Blicke sich trafen. Jetzt bemächtigte sich seiner eine seltsame Freude, eine fast kindliche Zufriedenheit, als er mich wieder ganz arglos und munter sah. Die Mutter ging wie gewöhnlich bald fort und dann tat er sich keinen Zwang mehr an. Er küßte mich so, daß ich in ein nahezu übertriebenes Entzücken geriet und weinte und lachte – beides zugleich. Schließlich sagte er, er wolle mir etwas Schönes zeigen, das zu sehen mich sehr freuen werde – als Belohnung dafür, daß ich ein so kluges und gutes kleines Mädchen bin. Damit knöpfte er seine Weste auf und nahm einen Schlüssel, den er an einer schwarzen Schnur am Halse trug, sah mich geheimnisvoll bedeutsam an, als wolle er in meinen Augen das ganze Vergnügen sehen, das ich seiner Meinung nach empfinden mußte, öffnete unseren großen Koffer und entnahm ihm behutsam einen länglichen schwarzen Kasten, den ich bis dahin noch niemals gesehen hatte. Diesen Kasten berührte er mit einer gewissen Zaghaftigkeit – überhaupt war er plötzlich ganz verändert: das Lachen war aus seinem Gesicht verschwunden, das nun einen wahrhaft feierlichen Ausdruck annahm. Diesen geheimnisvollen Kasten also öffnete er ganz behutsam und entnahm ihm einen absonderlichen Gegenstand, den ich bis dahin auch noch nicht gesehen hatte – ein Ding von äußerlich recht seltsamer Form. Er nahm es gleichfalls mit großer Vorsicht und nahezu mit Andacht in die Hand und sagte, das sei seine Geige, sein Instrument. Hierauf fing er an mit leiser, feierlicher Stimme zu mir zu sprechen – und er redete sehr lange, aber ich verstand ihn nicht. Ich behielt nur die mir bereits bekannten Ausdrücke, daß er ein Künstler sei, daß er Talent habe, daß er einmal auf dieser Geige spielen werde und zu guter Letzt, daß wir dann alle reich sein werden und daß uns schließlich irgendein großes Glück blühen werde. Tränen traten ihm in die Augen und rollten über seine Wangen. Ich war sehr ergriffen. Zum Schluß küßte er seine Geige und ließ auch mich sie küssen. Als er sah, daß ich sie gern näher betrachtet hätte, führte er mich zum Bett der Mutter und gab mir die Geige in die Hand; aber ich sah wohl, daß er zitterte vor Angst, ich könnte sie vielleicht irgendwie zerschlagen oder zerbrechen. Ich nahm die Geige und berührte die Saiten, die in einem leisen schwingenden Ton erklangen.

„Das ist Musik!“ sagte ich, indem ich zu ihm aufsah.

„Ja, ja, das ist Musik,“ wiederholte er, sich freudig die Hände reibend, „du bist ein kluges Kind, bist ein gutes Kind!“

Aber trotz seines Lobes und Entzückens sah ich doch, daß er sich um seine Geige ängstigte, und da ergriff mich gleichfalls eine Angst, – ich gab sie ihm schnell zurück. Sie wurde mit derselben Behutsamkeit wieder eingepackt, der Kasten verschlossen und in den Koffer zurückgelegt; der Vater aber, der nochmals meinen Kopf streichelte, versprach, mir jedesmal die Geige zu zeigen, wenn ich wieder so klug, brav und gehorsam sein würde wie jetzt. So hatte die Geige unseren gemeinsamen Kummer vertrieben. Erst am Abend flüsterte er mir im Fortgehen heimlich zu, ich solle nicht vergessen, was er mir tags zuvor auf dem Treppenflur gesagt habe.

So wuchs ich in unserer Dachstube auf, und allmählich steigerte sich meine Liebe, – nein, richtiger gesagt, meine Leidenschaft, denn ich kenne kein anderes Wort, das ein so unbezwingbares, mich selbst quälendes Gefühl, wie ich es für den Vater empfand, ausdrücken könnte – steigerte sich bis zu einer krankhaft ausgearteten Empfindsamkeit. Ich kannte nur noch eine einzige Lust: an ihn zu denken, von ihm zu träumen, nur noch einen Wunsch und Willen – alles zu tun, nur um ihm eine Freude oder sei es auch ein noch so kleines Vergnügen zu bereiten. Wie oft erwartete ich ihn, zitternd und blau vor Kälte, auf der zugigen Treppe, nur um wenigstens ein paar Augenblicke früher sein Kommen zu hören und ihn zu sehen. Streichelte er mich, wenn er bisweilen zärtlich zu mir war, so wurde ich ganz wirr vor Freude. Und doch peinigte es mich oft bis zum körperlichen Schmerz, daß ich in meinem Verhalten zu meiner armen Mutter so hartnäckig kühl blieb. Es gab Augenblicke, wo ich hätte vergehen mögen vor Qual und Mitleid, wenn ich sie ansah. Bei dem ewigen Streit der Eltern konnte ich nicht gleichmütig bleiben und unparteiisch zusehen, ich mußte zwischen ihnen wählen und mich für einen von ihnen entscheiden. Und so stellte ich mich denn auf die Seite dieses halb wahnsinnigen Menschen, nur weil er in meinen Augen so mitleiderregend, so erniedrigt war und ganz zu Anfang einen so unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht, meine Phantasie entfesselt hatte. Doch schließlich – wer könnte das so genau sagen, weshalb ich gerade seine Partei ergriff? Vielleicht fühlte ich mich gerade deshalb so zu ihm hingezogen, weil er so eigenartig war, sogar in seiner äußeren Erscheinung eigenartig, und nicht so ernst und unwirsch wie die Mutter, weil er fast wahnsinnig, weil an ihm hin und wieder so etwas von Gauklerart war, und schließlich, weil ich ihn weniger fürchtete und sogar weniger achtete als die Mutter. Er war irgendwie – mehr meinesgleichen. Ja allmählich bemächtigte sich meiner das Gefühl, daß ich ihm sogar überlegen sei, daß ich ihn mir unmerklich unterwarf, und daß ich ihm unentbehrlich wurde, ja zuweilen kokettierte ich geradezu mit ihm. In der Tat, diese wunderliche Anhänglichkeit meinerseits erinnerte in etwas an einen Roman ... Doch dieser Roman sollte nicht von langer Dauer sein: ich verlor bald meine Mutter und meinen Vater. Ihr Leben fand ein schreckliches Ende, das sich schwer und qualvoll meiner Erinnerung eingeprägt hat. Wie sich das zutrug, will ich jetzt erzählen.

III.

Zu jener Zeit wurde ganz Petersburg alarmiert durch eine große Neuigkeit: es verbreitete sich das Gerücht von der bevorstehenden Ankunft des berühmten S–z. Alles, was musikalisch war in Petersburg, geriet in Aufregung. Sänger, Schauspieler, Dichter, Maler, sämtliche Musiknarren, aber auch solche, die niemals Musiknarren gewesen waren und mit bescheidenem Stolz gestanden, daß sie keinen Ton von der ganzen Musik begriffen, jagten nun alle mit wahrer Gier nach den Billetten zu diesem Konzert. Der Saal konnte kaum den zehnten Teil der Enthusiasten fassen, die die Möglichkeit hatten oder sich schufen, fünfundzwanzig Rubel Eintrittsgeld zu zahlen. Doch die europäische Berühmtheit dieses S–z, sein lorbeerumkränztes hohes Alter, dabei die unverwüstliche Frische seines Talentes, sowie die Tatsache, daß er in letzter Zeit nur noch äußerst selten öffentlich spielte, und ferner die Versicherung, daß er zum letztenmal eine europäische Konzertreise unternehme, dann aber das Spielen endgültig aufgeben werde, erregten die Gemüter und die Neugier der Menschen. Mit einem Wort, die Spannung war eine ungeheuere.

Ich erzählte bereits, daß die Ankunft jedes neuen Violinvirtuosen, jeder auch noch so kleinen „Berühmtheit“, auf meinen Stiefvater stets den unangenehmsten Eindruck machte. Er war dann immer einer der ersten, die sich beeilten, den angereisten Künstler zu hören, um möglichst bald die Größe seiner Kunst beurteilen zu können. Nicht selten wurde er geradezu krank, nur dadurch, daß er das Lob anhören mußte, das irgendeinem neuen Stern gespendet wurde, und er beruhigte sich nicht eher, als bis er an dem Spiel des Gelobten irgend etwas auszusetzen fand, was er dann als seine „unmaßgebliche Meinung“ mit beißendem Spott überall, wo er nur konnte, zum besten gab. Der arme Wahnsinnige glaubte, daß es nur ein einziges Genie in der ganzen Welt gäbe, nur einen einzigen Künstler, und dieser Künstler war natürlich er selbst. Das Gerücht nun, und alsbald die Gewißheit, daß das Weltgenie S–z in Petersburg konzertieren werde, wirkte auf ihn geradezu wie eine Erschütterung. Übrigens muß ich bemerken, daß Petersburg in den letzten zehn Jahren kein einziges größeres Talent gehört hatte, geschweige denn ein Genie gleich S–z. Deshalb hatte auch mein Stiefvater von dem Spiel wirklich erstrangiger europäischer Künstler noch gar keine richtige Vorstellung.

Man hat mir erzählt, mein Vater habe sich damals schon nach dem ersten unsicheren Gerücht wieder hinter den Kulissen eingefunden. Er sei sehr aufgeregt gewesen und habe sich mit größter Unruhe nach S–z und dessen bevorstehendem Konzert erkundigt. Da man ihn lange nicht gesehen, soll sein plötzliches Wiederauftauchen sogar einen gewissen Effekt gemacht haben. Jemand habe ihn reizen wollen und herausfordernd gemeint: „Ja, mein lieber Jegor Petrowitsch, jetzt werden Sie nicht mehr Ballettmusik zu hören bekommen, sondern eine, die Sie nicht mehr leben lassen wird auf Erden!“ Er soll erbleicht sein, als er diesen Spott hörte, habe aber doch noch ruhig geantwortet, wenn auch mit verzerrtem Lächeln:

„Warten wir ab. Aus der Ferne hält man oft für einen Berg, was sich in der Nähe als ein Kamel entpuppt. Dieser S–z ist ja doch nur in Paris gewesen, da haben eben die Franzosen seinen Ruhm ausgeschrien, aber – nun ja, man weiß doch, was Franzosen sind!“ usw.

Alles lachte. Der Arme fühlte sich gekränkt, aber er bezwang sich und fügte nur hinzu, daß er übrigens gar nichts sagen wolle, man werde es ja bald erleben, vorläufig müsse man abwarten, bis übermorgen sei nicht lange, die Wunder würden schon an den Tag kommen.

B. erzählte mir, an demselben Tage, kurz vor der Dämmerung, sei ihm auf der Straße Fürst H. begegnet – ein Dilettant als ausübender Künstler, als Mensch jedoch ein unvergleichlicher Kunstkenner und Kunstliebhaber. Sie setzten gemeinsam ihren Weg fort, sprachen natürlich auch von dem bereits eingetroffenen großen Virtuosen, als B. plötzlich meinen Vater erblickte, der vor dem Fenster einer Musikalienhandlung stand und aufmerksam ein Konzertprogramm studierte, das in großen Lettern das Konzert des berühmten Geigenvirtuosen S–z ankündigte.

„Sehen Sie dort diesen Menschen, der vor dem Fenster steht?“ wandte sich B. schnell an den Fürsten.

„Wer ist das?“ fragte der Fürst.

„Sie haben von ihm schon gehört. Das ist derselbe Jefimoff, von dem ich Ihnen mehrmals erzählt habe, und der einmal durch Ihre Protektion eine Anstellung erhielt.“

„Ach ja, ich entsinne mich!“ sagte der Fürst. „Sie haben mir viel von ihm erzählt. Er soll ja sehr interessant sein, sagt man. Könnte ich ihn nicht mal spielen hören?“

„Lohnt nicht,“ versetzte B. kurz. „Und es ist auch so niederdrückend. Das heißt, ich weiß nicht, wie es auf Sie wirkt, aber auf mich macht es immer einen schrecklichen Eindruck. Sein Leben ist – eine einzige entsetzliche Tragödie. Eine Hölle. Ich habe tiefes Mitgefühl mit ihm, wie schmutzig er auch sein mag, immer wieder nehme ich Anteil an ihm. Sie sagten, er müsse interessant sein. Das ist er wirklich, aber der Eindruck, den er in einem hinterläßt, ist gar zu schmerzhaft und schwer. Erstens ist er ein Wahnsinniger, und zweitens hat dieser Wahnsinnige drei Verbrechen auf dem Gewissen, denn außer seinem eigenen Leben hat er noch zwei andere Menschenleben zugrunde gerichtet: das seiner Frau und seiner Tochter. Wie ich ihn kenne, würde es ihn auf der Stelle töten, wenn er sich von seinem Verbrechen überzeugte. Aber das ganze Entsetzen besteht ja gerade darin, daß er es sich nun schon acht Jahre lang _fast_ eingesteht und daß er acht Jahre lang mit seinem Gewissen ringt, um es sich nicht nur ‚fast‘, sondern vollkommen einzugestehen.“

„Sie sagten, er sei arm?“ fragte der Fürst.

„Ja; aber die Armut ist für ihn jetzt eher ein Glück, denn sie ist in seinen Augen seine Rechtfertigung. Solange er arm ist, kann er einem jeden versichern, daß nur die Armut ihn zurückhalte und daß er, wenn er reich wäre, dann auch genügend Zeit hätte, und vor allem keine Sorgen, um zeigen zu können, was für ein Künstler er sei. Er hat mit der sonderbaren Hoffnung geheiratet, daß tausend Rubel, die seine Frau damals besaß, ihm helfen würden, sein Ziel zu erreichen. Er handelte wie ein Phantast, wie ein Dichter, und so hat er stets gehandelt. Wissen Sie, was er in diesen acht Jahren immer behauptet hat und auch jetzt noch zu behaupten nicht müde wird? – Daß die Ursache seines ganzen Elends seine Frau sei: die hindere ihn an allem. Und er selbst tut dabei nichts: denkt nicht einmal daran, zu arbeiten. Nehmen Sie ihm aber diese Frau – da wäre er der unglücklichste Mensch der Welt. Jetzt hat er schon mehrere Jahre lang die Geige nicht angerührt – und wissen Sie, warum nicht? Weil er jedesmal, sobald er den Bogen in die Hand nimmt, sich innerlich doch gestehen muß, daß er nichts ist, eine Null, aber kein Künstler. So dagegen, wenn er den Bogen nicht anrührt, kann er sich noch dem schönen Glauben hingeben, daß es doch wieder nicht wahr sei. Er ist ein Träumer. Er glaubt, daß er mit einemmal, wie durch ein Wunder, plötzlich der berühmteste Mensch der Welt sein werde. Sein Wahlspruch ist: ^aut Caesar, aut nihil^, als könnte man so einfach und in einem Augenblick ein Cäsar werden. Sein ganzes Verlangen, seine einzige Begierde ist – Ruhm. Wenn aber ein solches Gefühl zum ersten und einzigen Antrieb eines Künstlers wird, so ist der Betreffende schon nicht mehr Künstler, da er dann den Grundtrieb des Künstlers eingebüßt hat, nämlich die Liebe zur Kunst einzig um der Kunst willen, und nicht aus anderen Gründen, wie etwa, weil sie Ruhm verschafft. Da nehmen Sie zum Beispiel diesen S–z: wenn er den Bogen in die Hand nimmt, dann gibt es für ihn in der ganzen Welt nichts mehr außer seiner Musik. Nach der Musik ist für ihn das Geld die Hauptsache, und erst an dritter Stelle, glaube ich, steht für ihn der Ruhm. Aber er hat sich wenig um ihn gesorgt ... Wissen Sie, was dagegen diesen Unglücklichen jetzt am meisten beschäftigt,“ fuhr B. fort, mit einer Kopfbewegung auf Jefimoff deutend. „Ihn beschäftigt jetzt nur eine allerdümmste, nichtigste, ja sogar erbärmlichste und lächerlichste Sorge, und zwar die: ist er, Jefimoff, größer als S–z oder ist S–z größer als er – und nichts weiter, denn er ist auch jetzt noch überzeugt, daß er der erste Künstler der Welt sei. Versuchen Sie ihn zu überzeugen, daß er kein Künstler ist, und ich versichere Sie, er wird tot hinfallen – es wäre zu schwer, zu schrecklich für ihn, auf seine fixe Idee zu verzichten, der er schon sein ganzes Leben geopfert hat und deren Grundlage immerhin tief und ernst war, denn anfangs gehörte er wirklich zu den Berufenen.“

„Dann kann das ja interessant werden, wenn er jetzt S–z zu hören bekommt,“ bemerkte der Fürst.

„Ja,“ sagte B. nachdenklich. „Doch nein: er wird sich auch dann wieder mit sich zurechtfinden. Seine Einbildung ist stärker als die Wahrheit, die er erfahren könnte: deshalb würde er auch sicherlich gleich irgendeine neue Erklärung für sie finden.“

„Meinen Sie?“ fragte der Fürst.

Sie hatten sich inzwischen meinem Vater genähert. Dieser wollte, als er sie erblickte, unbemerkt an ihnen vorübergehen, doch B. hielt ihn auf und redete ihn an. Er fragte ihn, ob er das Konzert des berühmten S–z besuchen werde. Jefimoff antwortete gleichmütig, er wisse das noch nicht, er habe da etwas vor, was wichtiger sei als Konzerte und alle angereisten Virtuosen: doch übrigens, er werde sehen, bestimmt könne er es noch nicht sagen, aber wenn sich gerade ein freies Stündchen erübrigen sollte – warum dann schließlich nicht? – vielleicht, wie gesagt, werde er sich die Mühe nehmen. Ein schneller, etwas unruhiger Blick streifte B. und den Fürsten, ein mißtrauisches, flüchtiges Lächeln, dann hob er den Hut, nickte B. zu und ging weiter, unter dem Vorwand, daß er keine Zeit habe.

Doch ich wußte schon seit einem Tage um die Sorge des Vaters. Was es nun gerade war, was ihn quälte, das wußte ich freilich nicht, aber meiner Beobachtung war natürlich nicht entgangen, daß er in der letzten Zeit etwas auf dem Herzen hatte. Sogar die Mutter schien dies bemerkt zu haben. Sie war in diesen Tagen sehr krank und konnte kaum die Füße bewegen, was ihr das Gehen fast unmöglich machte. Der Vater kam bald nach Haus, bald ging er wieder fort. Am Morgen erschienen bei uns drei oder vier Gäste, seine ehemaligen Freunde, worüber ich mich sehr wunderte, da sonst außer Karl Fedorytsch so gut wie kein Mensch zu uns kam. Die anderen hatten ja alle schon längst ihre Besuche bei uns eingestellt, eben seitdem der Vater nicht mehr am Theater angestellt war. Schließlich erschien auch noch Karl Fedorytsch ganz außer Atem und in höchster Eile und brachte ein Konzertprogramm. Ich hörte ihren Gesprächen zu und beobachtete sie aufmerksam: alles das peinigte mich so, daß ich mich gewissermaßen schuld fühlte an dieser ganzen Aufregung und Unruhe, die ich im Gesicht des Vaters las. Ich wollte unbedingt wissen, wollte verstehen, wovon sie sprachen: und da hörte ich denn zum erstenmal den Namen S–z. Aus den weiteren Gesprächen erfuhr ich, daß man mindestens fünfzehn Rubel zahlen mußte, wenn man diesen S–z hören wollte. Ferner entsinne ich mich noch, wie der Vater plötzlich irgendwie die Geduld verlor, mit der Hand geringschätzig durch die Luft schlug und halb spöttisch sagte, er kenne diese fremdländischen Wunder, die angeblich unerreichbaren Größen mit ihren fabelhaften Talenten, kenne auch diesen S–z. Das seien alles Juden, die auf russisches Geld Jagd machten, was ihnen hier besonders leicht fiele, da die Russen in ihrer Einfalt sowieso schon jeden Unsinn bewunderten, um wieviel mehr noch das, was der Franzose aus Chauvinismus in den Himmel höbe, ohne beurteilen zu können, was Talent sei und was nicht. Damals wußte ich bereits, was das bedeutete: kein Talent haben. Die Gäste lachten und bald gingen sie alle wieder fort, während der Vater ganz verstimmt zurückblieb. Ich erriet, daß er aus irgendeinem Grunde auf diesen S–z böse war, und so trat ich, um ihm zu gefallen und seinen Kummer zu zerstreuen, an den Tisch, nahm das Programm, versuchte das Gedruckte zu buchstabieren und las laut den Namen S–z. Dann lachte ich, sah den Vater an, der in Nachdenken versunken auf dem Stuhl saß, und sagte: „Ach, das ist gewiß auch so einer wie Karl Fedorytsch, der wird’s auch nie zu etwas bringen!“ Der Vater zuckte zusammen, als hätte ich ihn erschreckt, entriß mir das Programm, schrie mich an und trampelte mit den Füßen, ergriff seinen Hut und wollte schon aus dem Zimmer gehen, kehrte aber sogleich zurück und rief mich auf den Flur hinaus. Dort küßte er mich, sagte mir, ich sei ein gutes Kind, ein kluges Kind, und ich würde ihn deshalb bestimmt nicht betrüben wollen, er erwarte von mir einen großen Dienst – worin dieser aber bestehen sollte, das sagte er nicht. Zudem bedrückte es mich, ihn anzuhören: ich sah und fühlte, daß seine Freundlichkeit nicht aufrichtig war – und das erschütterte mich geradezu. Ich fing an, mich um seinetwillen zu quälen.