Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Part 12

Chapter 123,960 wordsPublic domain

Am folgenden Tage beim Mittagessen – d. h. am Tage vor dem Konzert – war der Vater wie zerschlagen. Er war so ganz anders und sah immer wieder nach der Mutter hin. Schließlich – ich wunderte mich nicht wenig – fing er sogar an, mit ihr zu sprechen (ich wunderte mich deshalb, weil er sonst fast nie mit ihr sprach). Nach dem Essen aber ließ er es sich plötzlich angelegen sein, um meine Gunst zu werben: jeden Augenblick rief er mich, bald unter diesem, bald unter jenem Vorwand auf den Treppenflur und nachdem er sich vorher umgesehen, als hätte er gefürchtet, daß jemand kommen könnte, streichelte und küßte er mich, nannte mich ein gutes Kind und ein folgsames Kind, ganz gewiß, sagte er, liebte ich meinen Papa und deshalb würde ich auch bestimmt das tun, worum er mich bitten werde. Alles das versetzte mich in eine höchste Spannung, die schließlich unerträglich wurde. Endlich, als er mich zum zehntenmal auf den Treppenflur gerufen hatte, fand die Sache ihre Erklärung. Mit schuldbewußter, gequälter Miene, sich fortwährend unruhig nach allen Seiten umsehend, fragte er mich, ob ich wisse, wo die Mutter jene fünfundzwanzig Rubel aufbewahrte, die sie vor einem Tage nach Haus gebracht. Ich erstarrte vor Schreck, als ich diese Frage vernahm. Da hörten wir plötzlich ein Geräusch auf der Treppe, der Vater erschrak, ließ mich stehen und eilte fort. Er kam erst gegen Abend zurück, verwirrt, betreten, niedergeschlagen und besorgt, setzte sich schweigend auf einen Stuhl und seine Blicke suchten nun wieder mich, ja er sah mich geradezu frohen Mutes an. Da erfaßte mich wieder eine sonderbare Angst und ich wich absichtlich seinem Blick aus. Als es schon ganz dunkel geworden war, rief mich die Mutter, die den ganzen Tag im Bett gelegen, zu sich und gab mir etwas Kupfergeld, für das ich ihr aus dem kleinen Laden ein wenig Tee und Zucker kaufen sollte. Tee wurde bei uns sehr selten getrunken. Die Mutter erlaubte sich diesen Luxus – denn das war er bei unseren beschränkten Mitteln – nur dann, wenn sie sich krank fühlte und fieberte. Ich nahm das Geld und kaum war ich auf dem Flur, da lief ich, was ich laufen konnte, lief in der Furcht, daß man mir nachkommen könnte. Meine Vorahnung täuschte mich auch nicht: der Vater holte mich auf der Straße ein und zog mich ins Haus zurück.

„Njetotschka!“ begann er mit unsicherer Stimme. „Mein Täubchen! Höre: gib mir dieses Geld, ich werde es dir gleich morgen ...“

„Papa! Papachen!“ rief ich flehend und zitternd und ich warf mich vor ihm auf die Knie, um ihn zu beschwören, „Papachen! Ich kann nicht! Ich darf nicht! Mama ist krank, sie muß Tee trinken ... Man kann das Geld doch nicht Mama nehmen, wirklich nicht, glaub mir! Ein anderes Mal, nächstens werde ich dir ...“

„Du willst nicht? Du willst nicht?“ flüsterte er wie in rasender Wut. „Also du willst mich nicht mehr lieben? Nun gut! Jetzt verlasse ich dich! Bleib denn allein bei Mama, ich werde von euch fortgehen und dich nehme ich nicht mit. Hörst du, böses Mädchen, hörst du, was ich sage?“

„Papachen!“ rief ich entsetzt, „nimm das Geld, nimm! Was soll ich jetzt tun?“ stammelte ich, mich an seinen Rockschoß klammernd, „Mama wird doch weinen, sie ist doch krank, sie wird mich doch wieder schelten!“

Ich glaube, er hatte diesen Widerstand nicht erwartet, aber das Geld nahm er; dann – wohl in der Furcht, meinem Jammern und Weinen nicht standhalten zu können – verließ er mich schnell und lief auf die Straße. Ich stieg die Treppen hinauf, aber vor unserer Stubentür verließen mich meine Kräfte. Ich wagte nicht, einzutreten, ich konnte nicht eintreten; alles, was an Herz in mir war, war erschüttert und in Aufruhr gebracht. Ich vergrub das Gesicht in den Händen und wankte zum Fenster, wie damals, als ich den Vater hatte sagen hören, er wünsche, die Mutter stürbe bald. So stand ich, die Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt, wie benommen und erstarrt, und doch lauschte ich und gab acht auf jedes noch so leise Geräusch unten auf der Treppe. Endlich hörte ich jemand schnell heraufkommen. Das war er; ich erkannte ihn am Gang.

„Bist du hier?“ flüsterte er, als er mich erblickte.

Ich warf mich ihm entgegen.

„Da!“ stieß er rauh hervor und steckte mir das Geld in die Hand, „nimm es! Nimm es zurück! Ich bin jetzt nicht mehr dein Vater, hörst du? Ich will nicht mehr dein Vater sein! Du liebst Mama mehr als mich! So geh zu Mama! Ich will von dir nichts mehr wissen!“ Damit stieß er mich fort und eilte wieder die Treppe hinunter. Ich lief ihm weinend nach.

„Papa! Papa! lieber Papa! Ich werde gehorchen!“ rief ich schluchzend, „ich liebe dich mehr als Mama! Nimm das Geld, behalt es! – Papa! ...“

Er hörte mich nicht mehr – ich sah nur, daß er verschwunden war.

Diesen ganzen Abend war ich wie krank und zitterte in Fieberschauern. Ich weiß noch, die Mutter sagte mir irgend etwas, rief mich zu sich: ich war aber nicht bei Besinnung, ich hörte nichts und sah nichts. Es endete mit einem Anfall: ich fing an zu weinen, zu schreien – Mama erschrak sehr und wußte nicht, was sie tun sollte. Sie nahm mich zu sich ins Bett und ich umschlang ihren Hals und schlief denn auch allmählich ein, doch zuckte ich im Schlaf noch jeden Augenblick zusammen oder erschrak über irgend etwas. So verging die Nacht. Am anderen Morgen erwachte ich erst sehr spät, als die Mutter schon fortgegangen war. Sie ging um diese Zeit immer ihrer Arbeit nach. Der Vater und ein Unbekannter saßen im Zimmer und beide sprachen sehr laut. Ich konnte es kaum abwarten, bis der Fremde endlich aufbrach, und als wir allein waren, lief ich zum Vater und bat ihn leise, unter Tränen, mir doch zu verzeihen.

„Und wirst du auch wieder ein gutes Kind sein wie früher?“ fragte er mich streng.

„Ja, Papa, ja!“ stammelte ich. „Ich werde dir sagen, wo Mamas Geld liegt. Sie hat es in ihrem Kasten, in der Schatulle, dort lag es wenigstens gestern.“

„Gestern? Wo?!“ rief er und sprang auf. „Wo lag es?“

„Aber der Kasten ist verschlossen, Papa!“ sagte ich schnell. „Du mußt warten, bis Mama mich am Abend schickt, um das Geld zu wechseln, denn das Kupfergeld, das habe ich gesehen, ist ausgegangen.“

„Ich brauche fünfzehn Rubel, Njetotschka! Hörst du? Nur fünfzehn Rubel! Verschaff’ sie mir heute; morgen werde ich dir alles zurückgeben. Ich werde gleich gehen und dir Bonbons bringen, Nüsse auch ... auch eine Puppe werde ich dir kaufen ... und morgen wieder eine ... und jeden Tag werde ich dir Naschwerk bringen, wenn du ein gutes und folgsames Kind sein wirst!“

„Ach nein, das ist nicht nötig, Papa, das ist nicht nötig! Ich will kein Naschwerk, ich werde es nicht essen, ich werde es dir zurückgeben!“ rief ich, während die Tränen mich fast erstickten, denn mein Herz krampfte sich zusammen und wollte vergehen. Ich fühlte in diesem Augenblick, daß ich ihm nicht leid tat und daß er mich auch gar nicht liebte, da er doch nicht sah, wie ich ihn liebte, und sogar glauben konnte, daß ich für Naschwerk ihm dienen werde. In diesem Augenblick begriff ich zehnjähriges Kind ihn vollkommen, ich durchschaute ihn ganz und gar und schon fühlte ich, daß diese Erkenntnis mich nun für immer durchdrungen hatte, daß ich ihn nicht mehr lieben konnte, daß ich meinen früheren Papa für immer verloren. Er aber war geradezu begeistert von der Aussicht, durch mich das Geld zu bekommen. Er sah nun, daß ich für ihn zu allem bereit war, daß ich alles für ihn tun werde, aber nur Gott weiß es wie viel dieses „alles“ damals für mich war. Ich wußte, was dieses Geld für meine arme Mutter bedeutete; ich wußte, daß sie krank werden konnte vor Aufregung und Sorge, wenn ihr dieses Geld abhanden kam, und meine Reue schrie in mir. Er aber sah nichts davon, er hielt mich immer noch für ein dreijähriges Kind, während ich schon alles begriff. Seine Freude kannte keine Grenzen: er küßte mich, redete mir zu, nicht zu weinen, versprach mir, heute noch mit mir von der Mutter fortzugehen – wahrscheinlich um meiner in dieser Richtung unermüdlich arbeitenden Phantasie zu schmeicheln. Schließlich zog er aus seiner Tasche ein Konzertprogramm: und nun erzählte er und beteuerte, daß dieser Mensch, zu dem er am Abend gehen werde, sein Feind sei, sein Todfeind, aber seinen Feinden werde der Anschlag gegen ihn nicht gelingen. Er glich entschieden selber einem Kinde, während er von seinen Feinden sprach. Als er dann aber bemerkte, daß ich nicht wie gewöhnlich während seiner Erzählungen lächelte, sondern ernst und schweigend zuhörte, da nahm er seinen Hut und ging aus dem Zimmer, da er noch irgendeinen eiligen Gang vorhatte, wie er sagte, aber im Fortgehen küßte er mich noch einmal und nickte mir mit einem ungewissen Lächeln zu, als hätte er sich meiner doch nicht ganz sicher gefühlt, und wie um der Möglichkeit vorzubeugen, daß ich meine Absicht etwa wieder änderte.

Ich sagte bereits, daß er wie ein Wahnsinniger war: das fühlte ich schon am Tage vor dem Konzert. Das Geld brauchte er, um ein Billett zu diesem Konzert kaufen zu können – als wenn sein Vorgefühl ihm ganz richtig die Ahnung eingegeben hätte, daß dieses Konzert sein ganzes Schicksal entscheiden mußte! Darüber verlor er so den Kopf, daß er am Vorabend das bißchen Kupfergeld von mir nehmen wollte, als hätte er sich schon damit das Billett verschaffen können. Noch stärker machte sich sein seltsames Wesen bei Tisch bemerkbar, als wir wie gewöhnlich spät am Nachmittag zu Mittag aßen. Er konnte einfach nicht stillsitzen und aß keinen Bissen, jeden Augenblick stand er auf und setzte sich, wie sich besinnend, wieder hin; bald griff er nach dem Hut, als wollte er fortgehen, bald war er seltsam zerstreut, bald flüsterte er vor sich hin, bald sah er plötzlich auf und suchte mich mit den Augen, um mir dann zuzuzwinkern und verschiedene Zeichen zu machen, vor lauter Ungeduld, endlich in den Besitz des Geldes zu gelangen, und als ärgere er sich über mich, daß ich es noch immer nicht der Mutter entwendet hatte. Sogar der Mutter fiel sein fremdes Wesen auf und sie sah ihn verwundert an. Ich aber war wie zum Tode verurteilt. Nach dem Essen zog ich mich in meinen Winkel zurück und zitternd vor Fieber zählte ich die Sekunden bis zu der Zeit, wo die Mutter mich gewöhnlich nach Kleinigkeiten in den Laden schickte. In meinem Leben habe ich nicht qualvollere Stunden verbracht: sie werden ewig und unverwischbar in meiner Erinnerung stehen. Was durchfühlte ich da nicht alles in Gedanken! Es gibt Zeitspannen – man könnte sie mit einer Anzahl Minuten beziffern –, wo man in seiner Erkenntnis viel mehr erlebt, als in ganzen Jahren. Mein Gefühl wußte, daß ich etwas Schlechtes und Häßliches zu tun im Begriff war; er selbst hatte ja noch meine guten Instinkte bestärkt, als er mich das erstemal kleinmütig zum Schlechten verleitet, um mir dann, vielleicht erschrocken, jedenfalls aber das Geschehene bereuend, zu erklären, daß ich sehr schlecht gehandelt hatte. Begriff er denn nicht, wie schwer es ist, eine Natur zu betrügen, die begierig ist, ihre Eindrücke ganz zu erfassen und die schon viel Schlechtes und Gutes durchfühlt und durchdacht hat? Ich begriff doch, daß es die äußerste Not war, die ihn bewog, mich nochmals ins Laster zu stoßen und somit meine arme, schutzlose Kindheit zu opfern – die ihn bewog, es nochmals zu wagen, meinem noch ungefestigten Gewissen diesen Stoß zu versetzen. Und während ich dort in meinem Winkel kauerte, fing ich an, bei mir darüber nachzudenken: warum versprach er mir noch eine Belohnung für das, was ich schon aus eigenem freiem Willen tun wollte? Neue Empfindungen, neue, bis dahin noch nie empfundene Triebe, neue Fragen erhoben sich scharenweis in mir, und ich quälte mich mit ihnen. Dann mußte ich plötzlich an die Mutter denken. Ich stellte mir ihre Verzweiflung vor, wenn ihr dieser mühselig erarbeitete Lohn genommen würde. Endlich legte die Mutter die Arbeit, die sie schon über ihre Kräfte verrichtete, aus der Hand und rief mich. Ich erbebte und ging zu ihr. Sie nahm aus der Kommode das Geld und indem sie es mir gab, sagte sie:

„Geh, Njetotschka. Nur laß dir um Gottes willen nicht falsch zurückgeben, wie neulich, und sieh dich vor, daß du auch nichts verlierst.“

Ich sah flehend zum Vater hinüber, aber er nickte mir zu, lächelte zustimmend und rieb sich die Hände vor Ungeduld. Die Uhr schlug sechs, das Konzert sollte um acht beginnen. Auch er muß während dieses Wartens viel erduldet haben.

Ich blieb auf der Treppe stehen, um auf ihn zu warten. Er war aber so aufgeregt und ungeduldig, daß er alle Vorsicht vergaß und mir hastig und fast auf dem Fuß folgte. Ich gab ihm das Geld: auf der Treppe war es dunkel, sein Gesicht konnte ich nicht sehen; aber ich fühlte, daß er am ganzen Körper zitterte, als er das Geld empfing. Ich stand erstarrt wie im Krampf, und rührte mich nicht vom Fleck. Ich kam erst zu mir, als er mich nach oben schickte, um ihm seinen Hut aus dem Zimmer zu holen. Er wollte nicht einmal mehr hineingehen.

„Papa! Wirst du ... denn nicht mitkommen ins Zimmer?“ fragte ich mit versagender Stimme, mich noch an meine letzte Hoffnung klammernd – an seinen Beistand.

„Nein ... du geh lieber allein ... was? Wart’ wart’!“ rief er, sich schnell besinnend, „wart’, ich werde dir gleich Naschwerk bringen – aber du geh nur erst ins Zimmer und bring mir meinen Hut her.“

Mir war, als presse eine eiskalte Hand mein Herz zusammen. Plötzlich – stieß ich ihn fort und eilte wie gejagt die Treppe hinauf. Als ich ins Zimmer trat – sah ich verstört aus, und wenn ich damals gesagt hätte, daß man mir das Geld genommen, da hätte die Mutter es mir wohl geglaubt. Aber ich konnte keinen Laut hervorbringen. In einem Anfall der Verzweiflung, die mich plötzlich wie ein Krampf packte, warf ich mich über das Bett der Mutter und vergrub das Gesicht in den Händen. Nach einer Weile hörte ich die Tür leise kreischen und der Vater trat ins Zimmer. Er kam, um sich seinen Hut zu holen.

„Wo ist das Geld?!“ rief plötzlich die Mutter, die jetzt blitzartig erriet, daß etwas Ungewöhnliches geschehen war. „Wo ist das Geld? Sprich! Sprich!“ Und sie riß mich vom Bett und stellte mich vor sich hin, mitten ins Zimmer.

Ich schwieg, den Blick zu Boden gesenkt; ich wußte kaum, was in mir vorging und was man mit mir tat.

„Wo ist das Geld?!“ schrie sie mich an und plötzlich – sah sie sich nach dem Vater um, der schon nach dem Hut griff. „Wo ist das Geld?“ wiederholte sie. „Ah! Dir hat sie es gegeben? Du Verruchter! Mein Mörder du! Mein Henker! So willst du auch sie verderben! Das Kind! sie, sie?! Nein doch! So gehst du mir nicht fort!“

Und schon war sie bei der Tür, verschloß sie und steckte den Schlüssel zu sich.

„Sprich! Gestehe!“ wandte sie sich an mich – mit einer Stimme, die vor Erregung kaum hörbar war, „gestehe mir alles! So sprich doch, sprich! Oder ... ich weiß nicht, was ich mit dir mache!“

Sie ergriff meine Hände und zerdrückte sie beinahe, um mich zum Geständnis zu zwingen. Sie war außer sich und sich gewiß nicht vollkommen bewußt dessen, was sie tat. Ich aber schwor mir, zu schweigen, kein Wort vom Vater zu sagen, – doch schlug ich schüchtern zum letzten Male die Augen zu ihm auf ... Ein Blick von ihm, nur ein Wort, irgend etwas, was ich von ihm erwartete und worum ich bei mir im stillen betete – und ich wäre glücklich gewesen trotz aller Schmerzen, trotz jeder Folter ... Doch – mein Gott! Mit einer gefühllosen, drohenden Geste befahl er mir, zu schweigen, als hätte ich in diesem Augenblick noch irgendeines anderen Drohung fürchten können. Es schnürte mir die Kehle zu, benahm mir den Atem, meine Füße – ich fühlte sie nicht mehr ... bewußtlos fiel ich hin ... Der Anfall, den ich tags zuvor gehabt, wiederholte sich.

Ich erwachte, als plötzlich an unsere Tür geklopft wurde. Die Mutter öffnete sie und erblickte einen Menschen in einer Livree, der etwas zögernd ins Zimmer trat, sich verwundert umsah und nach dem Musiker Jefimoff fragte. Der Vater sagte, daß er derjenige sei, den er suche. Da überreichte ihm der Diener ein Kuvert und erklärte, Herr B., der augenblicklich beim Fürsten H. weile, habe ihn geschickt. Das Kuvert enthielt ein Billett zum Konzert des berühmten S–z.

Das Erscheinen dieses Dieners in der glänzenden Livree, dieses Abgesandten vom Fürsten H., der ihn zu dem armen Musiker schickte – all das machte im ersten Augenblick einen großen Eindruck auf die Mutter. Ich sagte bereits, daß die arme Frau meinen Vater immer noch liebte. Selbst nach ganzen acht Jahren der Enttäuschungen, des Kummers und Leids hatte ihr Herz sich noch nicht verändert: ja, sie konnte ihn immer noch lieben! Weiß Gott, vielleicht sah sie nun wieder eine Veränderung in seinem Leben bevorstehen. Sogar der Schatten einer Hoffnung konnte sie schon beeinflussen. Wer weiß, vielleicht hatte er sie in seiner Verschrobenheit einfach angesteckt mit seinem unerschütterlichen Selbstbewußtsein! Und es wäre doch auch gar nicht anders möglich gewesen, als daß dieses Selbstbewußtsein auf sie, die schwache Frau, nicht einen gewissen Einfluß gehabt hätte – was Wunder, wenn sie da auf diese Aufmerksamkeit des Fürsten gleich tausend Pläne für ihn baute. Sofort war sie bereit, wieder gut zu ihm zu sein, ihm alles zu verzeihen, die Qual der ganzen Zeit ihres gemeinsamen Lebens, sogar diese letzte Schandtat miteinbegriffen, – daß er ihr einziges Kind zu opfern sich nicht scheute – war bereit, getragen von der Flut ihrer wieder hervorbrechenden Hoffnung, diese Schandtat als ein einfaches, kleines Vergehen aufzufassen, als einen Kleinmut, wenn man will, den die Armut, das elende Leben und seine verzweifelte Lage entschuldigen konnten. So verzieh sie ihm, und empfand in diesem Augenblick unendliches Mitleid für den verkommenen Mann.

Der Vater geriet in Aufregung. Auch ihn überraschte die Aufmerksamkeit B.s und des Fürsten. Er wandte sich ohne weiteres an die Mutter, flüsterte ihr etwas zu und sie verließ das Zimmer. Nach etwa zwei Minuten kehrte sie zurück, brachte das gewechselte Geld und der Vater gab dem Diener sogleich einen Silberrubel, worauf dieser nach einer höflichen Verbeugung fortging. Die Mutter verließ nun wieder für einen Augenblick das Zimmer und kehrte mit einem Bügeleisen zurück, suchte das beste Vorhemd ihres Mannes heraus und bügelte es auf. Sie band ihm eigenhändig die weiße Batistkrawatte um den Hals, die sich seit undenklichen Zeiten noch erhalten hatte samt einem schwarzen, schon recht abgetragenen Frack, der für ihn noch vor seinem Eintritt ins Orchester angefertigt worden war. Nachdem er die Toilette beendet hatte, nahm er den Hut, doch vor dem Fortgehen bat er noch um ein Glas Wasser. Er war bleich und setzte sich in vollkommener Erschöpfung auf einen Stuhl. Das Wasser mußte ich ihm übrigens reichen – vielleicht hatte sich schon ein feindseliges Gefühl ins Herz der Mutter geschlichen und ihre erste Aufwallung abgekühlt?

Dann ging der Vater. Wir waren allein. Ich zog mich wieder in meinen Winkel zurück und von dort aus sah ich lange schweigend auf die Mutter. Zum erstenmal sah ich sie in einer solchen inneren Aufregung: ihre Lippen bebten, die bleichen Wangen hatten sich gerötet und von Zeit zu Zeit bemerkte ich an ihr nervöse Zuckungen. Zuletzt brach ihre Qual das Schweigen und ihr ganzes Elend drängte sich in Klagen unter dumpfem, verzweifeltem Aufschluchzen hervor.

„Ich, ich allein bin an allem schuld, ich Unselige!“ klagte sie sich an. „Und was soll aus ihr werden? Was wird aus ihr, wenn ich sterbe?“ Sie blieb plötzlich mitten im Zimmer stehen wie getroffen durch diesen einen Gedanken. „Njetotschka! Mein Kind! Mein armes Kind! Du Unglückliche, du Arme!“ sagte sie, meine Hände erfassend und mich krampfhaft umarmend. „Bei wem lasse ich dich, wenn ich dich nun nicht mehr erziehen, dich nicht mehr hegen und pflegen kann? Mein armer Liebling! Oh, du verstehst mich nicht! Oder doch? Wirst du behalten, was ich dir jetzt sage, Njetotschka? Wirst du dich später noch dessen erinnern?“

„Ja, Mamachen, ja!“ beteuerte ich und faltete die Hände, wie um es zu beschwören.

Lange und fest hielt sie mich in ihren Armen, als bangte ihr vor dem Gedanken, daß sie sich von mir trennen mußte. Mein Herz wollte brechen.

„Mamachen! Mama ...“ stammelte ich stockend, denn das Schluchzen saß mir in der Kehle, „warum ... warum liebst du Papa nicht?“ Und die unterdrückten Tränen liefen mir über die Wangen.

Ein Stöhnen entrang sich ihrer Brust. Und wieder, von neuer Qual gepeinigt, setzte sie ihre Wanderung durch das Zimmer fort.

„Die Arme, die Arme! Und ich hab’ es nicht einmal bemerkt, wie sie herangewachsen ist! Sie weiß, sie weiß alles! Mein Gott! Und was waren das hier für Eindrücke, welch ein Beispiel!“ Und sie rang die Hände in ihrer Verzweiflung.

Dann kam sie wieder zu mir und küßte mich in wahnsinniger Liebe, küßte meine Hände, auf die ihre Tränen fielen, bat, flehte um Verzeihung ... Ich hatte noch nie soviel Leid, noch nie einen Menschen so vor Leid zusammenbrechen gesehen ... Schließlich versank sie gleichsam ermattet in stumpfes Brüten. So verging wohl eine ganze Stunde. Endlich stand sie müde auf, sichtlich erschöpft, und sagte mir, ich solle schlafen gehen. Ich ging in meinen Winkel, tat wie sie geheißen, wickelte mich fest in die Decke – aber einschlafen konnte ich nicht. Mich quälten die Gedanken an sie und die Gedanken an den Vater. Mit Ungeduld erwartete ich seine Rückkehr. Entsetzen erfaßte mich bei dem Gedanken an ihn. Ungefähr nach einer halben Stunde nahm die Mutter das Licht und trat leise an mein Bett, um zu sehen, ob ich schlafe. Ich schloß schnell die Augen und stellte mich schlafend, damit sie sich beruhigte. Als sie sich dann von meinem Schlaf überzeugt hatte, ging sie leise zum Schrank, öffnete ihn und schenkte sich ein Glas Wein ein. Sie trank und legte sich dann schlafen. Das brennende Licht blieb auf dem Tisch und die Tür unverschlossen, wie das immer geschah, wenn der Vater spät nach Hause kam.

Ich lag in halber Bewußtlosigkeit, doch kein Schlaf schloß meine Augen. Kaum sank ich in Schlummer, da wachte ich auch schon wieder auf, erschreckt durch furchtbare Traumgesichte. Die Beklemmung wuchs und wurde immer bedrückender. Ich wollte schreien, doch der Schrei erstarb in meiner Brust. Endlich – schon spät in der Nacht – hörte ich, wie unsere Tür geöffnet wurde. Ich weiß nicht mehr, wieviel Zeit darüber verstrich, als ich aber die Augen plötzlich ganz aufschlug, da erblickte ich den Vater. Wie es mir schien, war er sehr bleich. Er saß auf dem Stuhl gleich neben der Tür und war in Gedanken versunken. Im Zimmer herrschte Totenstille. Das tropfende Talglicht erhellte traurig unser Heim.

Ich sah lange auf den Vater, aber er rührte sich noch immer nicht. Er saß unbeweglich, immer in derselben Stellung, den Kopf auf die Brust gesenkt und die Hände starr auf die Knie gestützt. Zwei-, dreimal wollte ich ihn anrufen, aber ich konnte es nicht. Meine Erstarrung wich nicht von mir. Plötzlich erwachte er gleichsam aus seiner Versunkenheit, sah auf und erhob sich vom Stuhl. Eine Weile stand er mitten im Zimmer – es war, als suchte er nach einem Entschluß. Dann trat er plötzlich ans Bett der Mutter, horchte, und nachdem er sich überzeugt, daß sie schlief, ging er zum Koffer, in dem seine Geige lag.

Er öffnete den Verschluß, nahm den schwarzen Violinkasten und stellte ihn auf den Tisch; dann sah er sich wieder um; sein Blick war trüb und unstet, wie ich ihn noch nie gesehen hatte.

Er nahm die Violine, legte sie aber gleich wieder hin, kehrte zurück zur Tür und verschloß sie. Dann, als er den offenstehenden Schrank bemerkte, ging er leise hin, sah dort das Glas und den Wein stehen, schenkte sich ein und trank. Darauf griff er zum drittenmal zur Geige, legte sie aber zum drittenmal wieder hin und ging nochmals zum Bett der Mutter. Starr vor Angst erwartete ich, was nun geschehen werde.