Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Part 13

Chapter 133,820 wordsPublic domain

Er stand lange horchend, zu lange, wie mir schien. Dann schlug er plötzlich die Decke von ihrem Gesicht zurück und befühlte es mit der Hand. Ich zuckte zusammen. Er beugte sich nochmals über sie, ganz tief, sein Kopf berührte sie fast, als er sich aber zum letztenmal aufrichtete, da glitt es wie ein Lächeln über sein unheimlich bleiches Gesicht. Leise und behutsam breitete er die Decke wieder über die Schlafende, bedeckte den Kopf, die Füße ... ich aber begann zu zittern, in einer dunklen, unklaren Angst: ich fürchtete für die Mutter, fürchtete ihren tiefen Schlaf, mit bangem Herzklopfen sah ich unverwandt auf diese unbewegliche Linie der Decke, die in eckigen Umrissen über den Gliedmaßen ihres Körpers lag ... Wie ein Blitz durchzuckte plötzlich ein furchtbarer Gedanke mein Gehirn!

Nachdem er alle Vorbereitungen beendet, ging er wieder zum Schrank und trank den Rest des Weines aus. Er zitterte am ganzen Körper, als er an den Tisch trat. Man konnte ihn kaum wiedererkennen – so totenblaß war er. Wieder nahm er die Geige. Ich hatte sie schon gesehen und wußte, daß sie ein Instrument zum Spielen war, aber jetzt erwartete ich von ihr etwas Schreckliches, Unheimliches, Wunderbares ... und ich fuhr zusammen unter ihren ersten Tönen. Der Vater begann zu spielen. Doch die Töne sprangen seltsam und unterbrochen durcheinander; auch hielt er jeden Augenblick inne, wie um sich an etwas zu erinnern; – bis er mit zerquältem Antlitz den Bogen hinlegte und so eigentümlich auf das Bett sah. Dort schien ihn etwas immer noch zu beunruhigen. Wieder ging er zum Bett ... Jede seiner Bewegungen verfolgte ich und ließ ihn nicht aus den Augen, obgleich mir das Herz stillstand vor Angst.

Plötzlich begann er eilig nach irgend etwas zu suchen – und wieder durchzuckte mich jener furchtbare Gedanke. Ich fragte mich: warum wachte sie denn nicht auf, als er ihr Gesicht befühlte? Dann sah ich, daß er alles zusammenschleppte, was es an Kleidern bei uns gab: er nahm die Jacke der Mutter, seinen alten Rock und seinen Schlafrock, sogar mein Kleid, das ich über eine Stuhllehne geworfen hatte, und mit all dem deckte er sie zu, so daß von ihr unter dem Kleiderhaufen nichts mehr zu sehen war. Sie lag immer noch regungslos, ohne ein Glied zu rühren.

Sie schlief einen tiefen Schlaf.

Es war mir, als atmete er freier auf, sobald auch diese Arbeit getan war. Jetzt störte ihn nichts mehr, nur irgend etwas beunruhigte ihn noch: er rückte das Licht von seinem Platz und setzte es etwas weiter, und sich selbst stellte er mit dem Gesicht zur Tür, um vom Bett nichts mehr zu sehen. Dann nahm er die Geige und wie mit einer Geste der Verzweiflung schlug er mit dem Bogen auf die Saiten ... Die Musik begann.

Doch das war nicht Musik ... Ich erinnere mich deutlich jener Nacht, erinnere mich alles dessen, was ich damals sah und hörte, und um wieviel mehr noch dessen, was einen so erschütternd tiefen Eindruck auf mich machte. Nein, das war nicht Musik, wie ich sie später zu hören Gelegenheit gehabt habe! Das waren nicht Töne einer Geige, sondern es war, als wenn zum erstenmal in unserer dunklen Wohnung jemandes grauenhafte Stimme donnernd erscholl. Oder waren meine Empfindungen falsch, vielleicht krankhaft und überreizt, oder hatte das, was ich bereits erlebt und gesehn, meine Gefühle auf diese erschütternden und erlösungslos qualvollen Eindrücke schon derartig vorbereitet – gleichviel! – ich bin trotzdem fest überzeugt, daß ich Gestöhn, eines Menschen Schreie und Schluchzen hörte. Tiefste Verzweiflung ergoß sich in diesen Tönen, und als es schließlich zum furchtbaren Finale kam, in dem alles hervorbrach, was es an schluchzendem Weh, was es an Qual in zerquälten Herzen und an Sehnsucht in hoffnungslosem Sehnen gibt, und als all das sich plötzlich wie zu einem einzigen Ausdruck vereinigte ... da konnte ich es nicht mehr aushalten – ich erbebte, Tränen entströmten meinen Augen und mit einem verzweifelten Schrei stürzte ich zum Vater und umklammerte ihn mit meinen Armen. Er schrie auf und ließ seine Geige sinken.

Eine Weile stand er betäubt, wie verloren. Dann begannen seine Augen nach allen Seiten hin zu springen und zu laufen, als suche er etwas – plötzlich erfaßte er die Geige, holte mit ihr über meinem Kopfe aus ... noch ein Augenblick, und er hätte mich wohl auf der Stelle erschlagen.

„Papa!“ schrie ich auf, „Papachen!“

Er erzitterte am ganzen Körper und trat taumelnd zwei Schritte zurück.

„Ach! Da bist ja auch du noch! So ist noch nicht alles aus! So bist du mir noch geblieben!“ schrie er, mich an den Schultern mit Wucht emporhebend.

„Papachen!“ rief ich, in der Luft von ihm gehalten, „nicht, nicht! Ich fürchte mich! Ach, bitte, nicht!“

Mein Weinen schien Eindruck auf ihn zu machen. Er stellte mich vorsichtig wieder hin und sah mich eine Weile stumm an, als erkenne er mich – und erinnere er sich nach und nach an etwas Vergessenes. Und plötzlich war es, als drehe ihn innerlich irgend etwas um, als träfe ihn plötzlich ein furchtbarer Gedanke – aus seinen trüben Augen brach ein Strom von Tränen, und er beugte sich zu mir nieder und begann mir aufmerksam ins Gesicht zu sehen.

„Papachen!“ bettelte ich angstvoll, „sieh mich nicht so an, Papachen! Laß uns von hier fortgehen! Komm schnell! Komm, wir wollen laufen!“

„Ja, laufen wir, laufen wir! Es ist Zeit! gehen wir, Njetotschka! Schnell, schnell!“ Und eine Hast kam über ihn, als sei er erst jetzt drauf verfallen, was er zu tun hatte. Geschäftig sah er sich nach allen Seiten um, – ein Taschentuch der Mutter, das auf dem Fußboden lag, hob er schnell auf und steckte es zu sich, dann erblickte er noch eine Kopfbedeckung und auch diese hob er auf und verbarg sie bei sich, als rüste er sich zu einer weiten Reise und wolle sich nun mit allem versorgen, was er vielleicht brauchen konnte.

Ich zog mir im Nu mein Kleid an und begann gleichfalls in großer Eile zusammenzuraffen, was mir für die Reise notwendig erschien.

„Hast du alles? hast du alles?“ fragte er, mich zur Eile antreibend, „ist alles fertig? Dann schnell, schnell!“

Ich machte eilig mein Bündel fertig, warf mir ein Tuch um den Kopf und schon waren wir im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als es mir plötzlich einfiel, daß ich ja auch noch das Bild, das an der Wand hing, mitnehmen mußte. Der Vater war damit sogleich einverstanden. Er war jetzt ganz still, sprach nur flüsternd und trieb mich nur zur Eile an. So holten wir beide einen Stuhl herbei, stellten auf ihn die Bank – und dann erst gelang es uns, als wir endlich mit Mühe und Not auf dieses wackelige Gestell hinaufgeturnt waren, das Bild zu erreichen. Damit hatten wir alle Vorbereitungen getroffen. Er nahm mich an der Hand und wir wollten schon gehen – aber plötzlich blieb er stehen. Er rieb sich lange die Stirn, als müsse er sich auf irgend etwas besinnen, was wir noch vergessen hatten. Endlich fiel es ihm ein: er suchte unter dem Kopfkissen der Mutter nach dem Schlüsselbund, schloß die Kommode auf und begann eilig nach etwas zu kramen und zu wühlen. Endlich kehrte er zu mir zurück und brachte mir einiges Geld, das er in der Schatulle gefunden hatte.

„Hier, nimm, nimm das, verwahre es,“ flüsterte er, „verlier’s nicht, und vergiß es nicht, vergiß es nicht!“

Er gab mir zuerst das Geld in die Hand, nahm es aber wieder zurück und steckte es mir in das Leibchen. Ich weiß noch, daß ich zusammenzuckte, als dieses Silber meinen Körper berührte, und es war, als begriffe ich jetzt zum erstenmal, was Geld ist. Wir waren nun wieder fertig zum Aufbruch, doch plötzlich hielt er mich nochmals zurück.

„Njetotschka!“ – er dachte ersichtlich mit großer Anstrengung nach. „Mein Kindchen, ich ... ich vergaß ... Ja was denn? ... was war’s doch? ... Ich weiß nicht mehr ... Ja, ja richtig! da fällt’s mir ein! ... Komm her, Njetotschka!“

Er führte mich nach dem Winkel, wo das Heiligenbild hing und sagte, ich solle niederknien.

„Bete, mein Kind, bete! Es wird dir besser sein! ... Ja, wirklich, es wird besser sein,“ flüsterte er mir zu, auf das Heiligenbild deutend, und dabei sah er mich so seltsam an. „Bete, Njetotschka, bete, bete!“ sagte er mit eigentümlich flehender, beschwörender Stimme.

Ich warf mich auf die Knie, faltete die Hände, und, erfüllt von Entsetzen, von Verzweiflung, die sich meiner bemächtigt hatten, schlug ich mit der Stirn auf den Boden und lag minutenlang wie erstarrt. Ich nahm krampfhaft alle meine Gedanken zusammen, sammelte alle meine Gefühle in meinem Gebet – aber die Angst überwältigte mich. Ich erhob mich wie gemartert von Leid. Ich wollte nicht mehr mit ihm gehen; ich fürchtete ihn; ich wollte dableiben. Schließlich brach das, was mich so quälte und bedrückte, mit Gewalt aus mir hervor.

„Papa!“ rief ich unter strömenden Tränen, „aber Mama? ... – Was wird mit Mama? Wo ist sie? Wo ist meine Mama?“ ...

Die Tränen erstickten meine Stimme, ich brachte nichts mehr hervor.

Auch er sah mich unter Tränen an. Dann faßte er mich an der Hand, führte mich zum Bett, schob den draufgeworfenen Haufen Kleider fort und schlug die Decke zurück. Mein Gott! Sie lag tot, schon erkaltet und erstarrt. Das Gesicht hatte bereits bläuliche Leichenfarbe. Da warf ich mich, als wäre mir jede Empfindung abhanden gekommen, über sie und umklammerte ihre Leiche. Der Vater stellte mich auf die Knie.

„Verneige dich vor ihr, Kind!“ sagte er, „nimm Abschied von ihr ...“

Ich neigte mich tief. Der Vater tat es zugleich mit mir ... Er war unheimlich bleich; seine Lippen bewegten sich und schienen zu flüstern.

„_Ich_ war es _nicht_, Njetotschka, _ich nicht_,“ sagte er zu mir, mit zitternder Hand auf die Leiche deutend. „Hörst du, _ich nicht_: _ich bin nicht schuld daran_. Behalt das, Njetotschka.“

„Papa, laß uns jetzt gehen,“ flüsterte ich angstvoll. „Es ist Zeit!“

„Ja, jetzt ist’s Zeit, schon längst Zeit!“ sagte er schnell, faßte fest meine Hand und beeilte sich, das Zimmer zu verlassen. „So, jetzt brechen wir auf! Gott sei Dank, Gott sei Dank, jetzt hat alles ein Ende!“

Wir stiegen die Treppen hinunter. Der verschlafene Hausknecht öffnete uns die Tür, während er uns etwas mißtrauisch musterte und sich fragen mochte, weshalb der Vater sich so beeilte, daß ich ihm kaum nachkam. Wir gingen unsere Straße bis zum Ende und gelangten auf den Kai des Kanals. In der Nacht war Schnee gefallen, der lag weiß auf der Straße, und es schneite auch jetzt noch in feinen Flöckchen. Es war kalt; mich fror bis ins Mark und ich lief dem Vater nach, mich krampfhaft an seinem Frackschoß festhaltend. Die Geige hatte er unterm Arm und immer wieder blieb er stehen, um das Futteral, das zurückglitt, nach vorn zu ziehen.

Wir gingen etwa eine Viertelstunde. Da bog er vom Trottoir auf den abschüssigen Weg, der zum Kanal hinabführt, und setzte sich auf den letzten Prellstein. Zwei Schritte von uns war ein Durchgang. Ringsum war keine Menschenseele zu sehen. Gott! Als erlebte ich es noch in diesem Augenblick, so deutlich erinnere ich mich jenes furchtbaren Gefühls, das mich dort plötzlich erfaßte! Endlich also ging das in Erfüllung, wovon ich schon ein Jahr lang geträumt: wir hatten unser armseliges Heim verlassen ... Aber war es denn das, was ich ersehnt, was ich erträumt und erhofft, was meine Kinderphantasie sich aufgebaut, wenn ich mir das Glück desjenigen, den ich so unkindlich liebte, vorzustellen versucht hatte? Doch am meisten quälte mich plötzlich der Gedanke an die Mutter. Warum hatten wir sie verlassen? fragte ich mich, – so ganz allein? Warum hatten wir ihren Leib wie eine unnütze Sache dort liegen lassen? Und ich weiß noch, das quälte und beunruhigte mich mehr als alles andere.

„Papachen,“ begann ich, unfähig, meine qualvolle Sorge länger zu ertragen, „Papachen!“

„Was willst du?“ fragte er rauh.

„Warum haben wir, Papa, warum haben wir Mama dort gelassen? Warum verließen wir sie?“ fragte ich weinend. „Papachen! Laß uns nach Haus zurückkehren! Laß uns jemand zu ihr rufen.“

„Ja, ja!“ rief er plötzlich auffahrend und er erhob sich vom Prellstein, als sei ihm etwas Neues eingefallen, das alle seine Zweifel aufhob. „Ja, Njetotschka, so geht das nicht: wir müssen zur Mama zurückkehren; sie hat es dort kalt! Geh zu ihr, Njetotschka, dort ist ein Licht, du weißt doch! Fürchte dich nicht, ruf jemand zu ihr und dann komm wieder her zu mir. Geh allein, ich werde dich hier erwarten ... Ich werde nirgendwohin fortgehen ...“

Ich ging, aber kaum war ich wieder auf dem Trottoir, als plötzlich ein Etwas durch mein Herz fuhr ... Jäh blickte ich mich um und da – sah ich ihn laufen, schon auf der anderen Seite, sah ihn von mir fortlaufen! Er verließ mich also, verließ mich in diesem Augenblick! Ich schrie aus aller Kraft und lief ihm in furchtbarer Angst nach. Ich war außer Atem, er aber lief immer schneller, immer schneller ... ich verlor ihn schon aus den Augen. Ich fand seinen Hut, den er im Laufen verloren hatte. Ich hob ihn auf und lief wieder weiter. Ich rang nach Atem und meine Füße wollten mir versagen. Ich hatte die Empfindung, daß etwas Schreckliches mit mir geschah: es schien mir die ganze Zeit, daß das ein Traum sei, und zuweilen hatte ich sogar dasselbe Gefühl wie in einem Traum, wenn mir träumte, daß ich von irgend jemand fortlief, meine Füße aber brechen wollten, während meine Verfolger mich bereits erreichten – und ich selbst jäh in einen Abgrund stürzte. Qual wollte mich zerreißen: er tat mir so leid, mein Herz schrie nach ihm und es wollte brechen, als ich mir vorstellte, wie er lief, so ohne Mantel, ohne Hut, und noch dazu von mir fort, von mir, seinem geliebten Kinde ... Ich wollte ihn schließlich nur erreichen, um ihn noch einmal mit meinen Armen fest zu umschlingen und ihn zu küssen und ihm zu sagen, daß er mich nicht fürchten solle: um ihn meiner Liebe zu versichern, ihn zu beruhigen, um ihm zu sagen, daß ich ihm ja nicht weiter nachlaufen wolle, wenn er das nicht wünsche, daß ich vielmehr allein zur Mutter zurückgehen werde. Ich sah, wie er in eine Straße einbog. Als ich gleichfalls an diese Ecke kam und auch in die Straße einbog, sah ich ihn noch einmal, doch weit vor mir, dahinlaufen ... Dann verließen mich meine Kräfte: ich fing an zu weinen, zu schreien. Ich weiß noch, daß ich während des Laufens mit zwei Männern zusammenstieß, die mitten auf dem Trottoir stehenblieben und verwundert uns beiden nachschauten.

„Papa! Papachen!“ rief ich zum letztenmal, doch plötzlich glitt ich aus auf dem Trottoir und fiel hin, gerade vor dem Portal eines Hauses. Ich fühlte, wie Blut mein ganzes Gesicht überströmte. Im nächsten Augenblick verlor ich die Besinnung. – – – –

* * * * *

Ich erwachte in einem weichen, warmen Bett und erblickte vor mir freundliche, liebevolle Gesichter, die über mein Erwachen sehr froh zu sein schienen. Ich sah eine alte kleine Frau mit einer Brille auf der Nase, einen großen Herrn, der mit tiefem Mitleid auf mich blickte, dann eine wunderschöne junge Dame und zuletzt einen grauen alten Herrn, der meine Hand am Gelenk festhielt und auf seine Uhr sah. Ich war zu einem neuen Leben erwacht. Der eine von den beiden Männern, die mir begegnet waren, während ich dem Vater nachlief, war Fürst H. gewesen, und gerade vor dem Portal seines Hauses war ich hingefallen. Als man nach vieler Mühe endlich erfuhr, wer ich war, entschloß sich der Fürst, der meinem Vater das Billett geschickt hatte und nun nicht wenig bestürzt war über den seltsamen Zufall, mich in sein Haus zu nehmen und mich zusammen mit seinen Kindern zu erziehen. Nachforschungen nach dem Vater ergaben, daß er irgendwo außerhalb der Stadt angehalten und festgenommen worden war, wobei er sich in einem Anfall von Tobsucht wie rasend gewehrt hatte. Er wurde in die Irrenabteilung eines Hospitals geschafft, wo er nach zwei Tagen starb.

Er starb, weil ein solcher Tod die natürliche Folge seines Lebens war. Er mußte so sterben, als alles, was ihn im Leben bis dahin aufrechterhalten hatte, mit einemmal zusammengebrochen, als es wie ein Phantom, wie ein Traum vergangen war, wie ein körperloses leeres Phantasiegebilde. Er starb, als auch seine letzte Hoffnung verschwunden, als wie mit einem einzigen Schlage vor seinen eigenen Augen das ganze Werk seiner Einbildung zerspellt worden war und ihm plötzlich alles das klar zur Erkenntnis kam, womit er sich sein Leben lang betrogen und worauf er sich sein Leben lang gestützt hatte. Die Wahrheit blendete ihn mit ihrem unerträglichen Licht, und das, was Irrtum gewesen war, wurde nun auch für ihn selbst Lüge. An jenem Abend hörte er die Kunst eines wirklichen Genies, das unmittelbar zu ihm von sich sprach und das ihn zugleich auf ewig verurteilte. Mit dem letzten Ton, der den Saiten der Geige des großen S–z entflog, tat sich vor ihm das ganze Geheimnis der Kunst auf, und das Genie, das ewig junge, mächtige und echte, erdrückte ihn mit seiner Wahrheit. Als ob alles, was ihn sein ganzes Leben lang nur in geheimen, ungreifbaren Qualen gepeinigt, alles, was ihn bis dahin nur wie ein Spuk geschreckt und in seinen Träumen unfühlbar, unerhaschbar gequält hatte, was sich ihm, wenn auch nur von Zeit zu Zeit, ins Bewußtsein gedrängt, doch wovor er stets mit Entsetzen geflohen war, wovor er sich hinter der Lüge seines ganzen Lebens zu verschanzen gesucht, und alles, was ihm sein Vorgefühl gesagt, aber was er bis dahin nicht hatte einsehen wollen, – als ob all das plötzlich strahlend hell vor ihm aufleuchtete und sich seinen Augen offenbarte, die sich bis dahin so eigensinnig geweigert hatten, das Licht als Licht anzuerkennen, und die Finsternis als Finsternis! Doch die Wahrheit war unerträglich für seine Augen, die zum erstenmal in all das hineinsahen, was gewesen, in das, was war und in das, was ihn erwartete: sie blendete ihn und verbrannte seine Vernunft. Sie traf ihn jäh wie ein Blitz, und sie zündete auch wie ein Blitz. So war denn das geschehen, was er sein Leben lang mit Bangen und Schauder erwartet hatte. Das Richtschwert, das schon immer über seinem Kopf gehangen, als habe er zeit seines Lebens in unsagbaren Qualen jeden Augenblick erwartet, daß es auf ihn fallen werde, – nun endlich war es wirklich gefallen! Der Schlag war tödlich. Er wollte fliehen vor dem Gericht über sich, aber es gab für ihn kein Wohin, denn seine letzte Hoffnung war verschwunden, seine letzte Entschuldigung ihm genommen. Diejenige, deren Leben so viele Jahre auf ihm gelastet, die ihn angeblich nicht leben ließ, die, nach deren Tode er seinem blinden Glauben nach plötzlich aufleben, ja gewissermaßen auferstehen würde, – die war nun tot. Jetzt war er endlich allein, nichts bedrückte ihn mehr, nichts fesselte ihn mehr: jetzt war er endlich frei! Da wollte er zum letztenmal in krampfhafter Verzweiflung über sich ein Urteil fällen, wollte wie ein unparteiischer Richter ohne Ansehen der Person unerbittlich streng und gerecht über sich selbst Gericht halten. Doch sein entkräfteter Bogen war unfähig, seinen innersten musikalischen Willen zu gestalten ... Und in dem Augenblick, in dem er das erkannte, ergriff der Wahnsinn, der schon zehn Jahre lang auf ihn gelauert hatte, von ihm Besitz.

IV.

Meine Genesung machte nur langsame Fortschritte; doch auch dann noch, als ich schon nicht mehr zu Bett lag, waren meine Sinne noch lange Zeit wie gelähmt und ich konnte nicht begreifen, was nun eigentlich mit mir geschehen war. Es gab Augenblicke, in denen es mir schien, daß ich träumte, und ich weiß noch, wie sehr ich wünschte, daß alles Geschehene wirklich nur ein Traum gewesen sein möge! Wenn ich abends einschlief, dann hoffte ich, plötzlich wieder in unserer ärmlichen Dachstube zu erwachen und den Vater und die Mutter zu erblicken ... Allmählich aber wurde mir doch meine neue Lage klarer und ich begriff nach und nach, daß ich ganz allein zurückgeblieben war und bei fremden Menschen lebte. Da fühlte ich es denn zum erstenmal, daß ich eine Waise war.

Wißbegierig begann ich, all das Neue, das mich nun umgab, zu betrachten und zu beobachten. Anfangs erschien mir das Ganze so seltsam und märchenhaft, alles verwirrte mich: sowohl die neuen Gesichter wie die neue Lebensart und die Gemächer des alten fürstlichen Hauses, die mir noch heute so deutlich vor Augen stehen, – so groß und hoch und prächtig, aber auch so düster und dunkel waren sie, daß ich, ich weiß es noch wie heute, im Ernst fürchtete, durch irgendeinen langen, langen Saal gehen zu müssen, in dem ich mich, wie mir schien, vollständig zu verlieren glaubte. Meine Krankheit war noch nicht ganz überstanden und deshalb waren auch meine Eindrücke so lastend, wie es bei meiner Stimmung und dem Düster-Feierlichen dieses Hauses wohl eben nicht anders sein konnte. Hinzukam, daß eine mir selbst unklare Sehnsucht und Bangigkeit in meinem kleinen Kinderherzen immer größer wurde. Mit Verwunderung blieb ich zuweilen vor einem Gemälde, einem Spiegel, einem Kamin von kunstvoller Arbeit stehen, oder vor einer Statue, die sich gleichsam nur zu dem Zweck in einer tiefen Nische versteckt hatte, um von dort aus mich besser beobachten zu können oder mich irgendwie zu erschrecken. – Ich blieb stehen und dann wußte ich plötzlich selbst nicht mehr, weshalb ich stand, was ich wollte, woran ich dachte, und nach diesem Erwachen befiel mich immer eine gewisse Angst und Verwirrung und mein Herz schlug laut.

Von den Menschen, die ich während meiner Krankheit außer dem alten kleinen Hausarzt hin und wieder zu sehen bekam, machte ein schon ältlicher Herr den größten Eindruck auf mich. Er war immer ernst, aber zugleich war er so gütig, und er konnte mich bisweilen mit so tiefem, aufrichtigem Mitleid ansehen! Sein Gesicht war mir bald das liebste von allen. Gern hätte ich mit ihm gesprochen, aber ich wagte nicht anzufangen: er sah fast immer niedergeschlagen aus, auch sprach er wenig, meist nur ein paar Worte, und niemals erschien ein Lächeln auf seinen Lippen. Das war der Fürst H., der mich gefunden und in seinem Hause aufgenommen hatte. Als ich mich schon auf dem Wege der Besserung befand, wurden seine Besuche seltener. Und als er, wie es hieß, zum letztenmal kam, brachte er mir Konfekt, ferner ein Kinderbuch mit Bildern mit und küßte und bekreuzte mich und bat mich, doch nicht mehr so traurig zu sein. Während er mir tröstend zuredete, sagte er mir, daß ich bald eine Freundin haben werde, ein kleines Mädchen wie ich, seine Tochter Katjä, die vorläufig noch in Moskau sei. Darauf sprach er mit einer ältlichen Französin, der Erzieherin seiner Kinder, und mit dem mich pflegenden Mädchen, wies auf mich und verließ uns. Seitdem sah ich ihn ganze drei Wochen nicht. Der Fürst lebte in seinem Hause sehr einsam. Die größere Hälfte des Hauses bewohnte die Fürstin, doch sah sie ihren Mann oft wochenlang nicht ein einziges Mal. Mit der Zeit fiel es mir auf, daß auch die Dienstboten, daß überhaupt alle Hausbewohner selten von ihm sprachen, als hätte er gar nicht im Hause gelebt. Alle achteten ihn und augenscheinlich liebten sie ihn sogar, indessen schienen sie ihn doch für so etwas wie einen Sonderling zu halten. Und es war, als wisse auch er, daß er sehr seltsam erschien, irgendwie unähnlich den anderen Menschen, und als vermeide er es deshalb nach Möglichkeit, sich zu zeigen ... Ich werde an einer anderen Stelle noch auf ihn zurückkommen und sehr viel und recht ausführlich von ihm erzählen müssen.