Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Part 25

Chapter 253,789 wordsPublic domain

„Mir tun Sie leid, arme Frau!“ sagte er endlich, bitter und ernst, nachdem er zu lachen aufgehört hatte. „Sie spielen eine Rolle, der Sie nicht gewachsen sind. Was wollen Sie im Grunde genommen? Sie wollen mir wieder neue Verdächtigungen unterschieben, oder, besser gesagt, die alten Verdächtigungen, die Sie nur mangelhaft in ihren Worten verbergen können. Der Sinn Ihrer Worte ist der, daß kein Grund vorhanden sei, ihr böse zu sein, daß sie rein und gut sei auch nach der Lektüre unsittlicher Bücher, deren Moral – das sage ich von mir aus – bereits etliche Früchte gezeitigt zu haben scheint; und schließlich, daß Sie selber für sie einständen; war es nicht so? Und dann – nachdem Sie das erklärt, deuten Sie noch etwas anderes an. Sie denken, mein Argwohn und meine Feindseligkeit entsprängen einem gewissen anderen Gefühl. Sie deuteten mir gestern sogar an – bitte, unterbrechen Sie mich nicht, ich liebe es, alles offen auszusprechen – Sie deuteten gestern an, daß bei manchen Menschen (nach Ihrer Bemerkung, wenn ich mich recht erinnere, wären diese Leute in der Regel gesetzte, ernste, gerade, kluge, starke Menschen und Gott weiß was für Vorzüge Sie Ihnen in einer Anwandlung von Großmut noch gaben!), daß bei gewissen Menschen also, sage ich, die Liebe (und Gott weiß wozu Sie sich das ersannen!) sich auch gar nicht anders äußern könne, als eben schroff, heftig, verletzend, oft mit Argwohn und Feindseligkeit gepaart. Übrigens entsinne ich mich nicht mehr genau, ob Sie sich gerade mit diesen Worten ausdrückten ... Bitte, unterbrechen Sie mich nicht; ich kenne Ihren Zögling ausgezeichnet: sie darf bereits alles hören, alles, wiederhole ich Ihnen zum hundertsten Mal, – alles! Sie sind betrogen. Doch ich begreife nicht, warum es Ihnen beliebt, auf der Behauptung zu bestehen, daß gerade ich solch ein Mensch sei! – weshalb Sie gerade mich mit diesem Narrenhemd aufputzen wollen! Liebe zu diesem jungen Mädchen steht meinen Jahren nicht mehr an; ja und schließlich kann ich Sie versichern, meine Gnädigste, daß _ich weiß, was meine Pflicht ist_, und wie großmütig Sie mich auch entschuldigen wollten, ich bleibe dabei, was ich gesagt habe: _daß ein Verbrechen immer ein Verbrechen, eine Sünde immer eine Sünde, immer eine schmutzige, ehrlose Schandtat sein wird, auf welche Stufe der Größe und Herrlichkeit Sie das lasterhafte Gefühl auch erheben mögen_! Doch genug! Genug davon! Und daß mir nichts mehr von diesen Schändlichkeiten zu Ohren kommt!“

Alexandra Michailowna weinte.

„Mag das mir gesagt sein, mag ich das verdient haben und tragen – ich will’s ja!“ sagte sie, indem sie mich unter Schluchzen umarmte. „Mögen meine Vermutungen schlecht und schändlich gewesen sein, daß Sie so grausam über sie spotten können! Aber du, mein armes Kind, wofür bist du verurteilt, solche Kränkungen zu hören? Und ich kann dich nicht einmal beschützen! Ich muß stumm sein! Mein Gott! – nein! ich kann nicht schweigen, das können Sie nicht von mir verlangen! Ich ertrage es nicht ... Ihr Benehmen ist widersinnig! ...“

„Lassen Sie, lassen Sie, beruhigen Sie sich nur!“ redete ich ihr flüsternd zu, um sie in ihrer Aufregung zu beschwichtigen, denn ich fürchtete, daß Vorwürfe von ihr ihn um seine letzte Beherrschung bringen würden.

„Aber Sie blindes Weib! ...“ rief er denn auch heftig, „Sie wissen ja nicht, Sie sehen ja nicht ...“

Er stockte einen Augenblick.

„Fort von ihr!“ befahl er heftig und riß meine Hand aus den Händen Alexandra Michailownas. „Ich gestatte Ihnen nicht, meine Frau zu berühren! Ihre Berührung besudelt! Ihre Anwesenheit ist eine Beleidigung für sie! Aber ... ja aus welchem Grunde soll ich schweigen, wo doch alles ausgesprochen werden muß!“ rief er, mit dem Fuß stampfend. „Und ich werde es sagen, ich werde alles sagen. Ich weiß nicht, was Sie da _wissen_, mein gnädiges Fräulein, und womit Sie mir drohen wollten, und ich will es auch nicht wissen. So hören Sie denn ...“ fuhr er fort, sich an Alexandra Michailowna wendend.

„Schweigen Sie!“ rief ich, und ich hätte mich fast auf ihn gestürzt, „schweigen Sie! Sie sagen kein Wort!“

„So hören Sie denn ...“

„Schweigen Sie!! Im Namen ...“

„Im Namen wessen, mein Fräulein?“ griff er das Wort blitzschnell auf und sah mir eine Sekunde lang durchdringend in die Augen. „Im Namen wessen? ... So hören Sie denn – ich habe ihr einen Brief ihres Geliebten entrissen! Jetzt wissen Sie, was in unserem Hause geschieht! Nun haben Sie es gehört, was unmittelbar neben Ihnen sich zuträgt! Das war es, was Sie nicht gesehen, nicht bemerkt haben!“

Ich hielt mich kaum auf den Füßen. Alexandra Michailowna wurde totenblaß.

„Das kann nicht sein,“ stammelte sie, kaum hörbar.

„Ich habe diesen Brief gesehen, ich habe ihn in der Hand gehabt und die ersten Zeilen gelesen – von einer Täuschung kann also keine Rede sein. Der Brief war von einem Geliebten. Sie entriß ihn mir und jetzt ist er wieder in ihrem Besitz. Die Sache ist so klar, sie liegt ja auf der Hand! Und wenn Sie noch zweifeln, so sehen Sie sie doch nur an und dann versuchen Sie, auch nur auf den Schatten eines Zweifels noch zu hoffen!“

„Njetotschka!“ schrie Alexandra Michailowna plötzlich auf. „Nein, nein, sag’ nichts, sprich nichts! Ich weiß nicht, was gewesen ist, was ... wie ... mein Gott, mein Gott!“

Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte.

„Nein! Das ist nicht möglich!“ rief sie wieder. „Sie haben sich geirrt. Das ... das ... ich weiß, was das bedeutet!“ sagte sie plötzlich langsam, während sie ihren Mann mit unverwandtem Blick ansah. „Sie ... ich ... konnte nicht, – nein, du wirst mich nicht betrügen, du kannst mich nicht betrügen! Erzähl’ mir alles, sag’ mir alles: er hat sich doch geirrt? Ja, nicht wahr, er hat sich geirrt? Er hat etwas anderes gesehen, er war verblendet? Ja, nicht wahr? Nicht wahr? Höre: warum solltest du mir nicht alles sagen, Annjeta, mein Kind, mein liebes Kind?“

„Antworten Sie, antworten Sie schnell!“ ertönte über mir die Stimme Pjotr Alexandrowitschs. „Antworten Sie: habe ich oder habe ich nicht den Brief in Ihren Händen gesehen?“

„Ja!“ antwortete ich atemlos vor Aufregung.

„Dieser Brief war von Ihrem Geliebten?“

„Ja!“

„Mit dem Sie auch jetzt in Verbindung stehen?“

„Ja, ja, ja!“ sagte ich schon außer mir, bestätigte alles blindlings, nur um unserer Qual ein Ende zu machen.

„Haben Sie gehört? Nun, und was sagen Sie jetzt! Glauben Sie mir, Sie mit Ihrem guten, allzu vertrauensseligen Herzen,“ fügte er hinzu und nahm die Hand seiner Frau, „glauben Sie mir und sehen Sie Ihren Irrtum ein, – Ihren Irrtum in allem, was Ihre kranke Phantasie Ihnen vorgegaukelt hat. Sie sehen jetzt, wer dieses ... Mädchen ist. Ich wollte nur Ihre Vermutungen ^ad absurdum^ führen. Ich habe das alles schon längst bemerkt und es freut mich, daß ich sie endlich vor Ihnen entlarvt habe. Es war mir schwer, sie neben Ihnen zu sehen, in Ihren Armen, an einem Tisch mit uns, ja, in meinem Hause. Und Ihre Blindheit empörte mich. Deshalb, und zwar nur deshalb, schenkte ich ihr überhaupt meine Aufmerksamkeit und beobachtete sie; und diese Aufmerksamkeit haben Sie bemerkt; und nachdem Sie Gott weiß was für einen Verdacht als Grund angenommen, haben Sie dann auf dieser Grundlage in Ihrer Einbildung weitergebaut. Doch jetzt ist die Sache aufgeklärt, alle Zweifel sind widerlegt, und morgen, mein Fräulein, morgen noch werden Sie nicht mehr in meinem Hause sein!“ schloß er, sich an mich wendend.

„Halten Sie ein!“ sagte Alexandra Michailowna und sie erhob sich. „Ich traue dieser ganzen Szene nicht. Sehen Sie mich nicht so zornig an, lachen Sie nicht über mich. Ich rufe Sie selbst zum Richter auf, ich will nur meine Meinung sagen. Annjeta, mein Kind, komm zu mir, gib mir deine Hand, so. Niemand ist ohne Fehl, wir sind alle sündig!“ sagte sie mit einer Stimme, in der Tränen zitterten, und sie sah gleichsam demütig zu ihrem Mann auf. „Und wer von uns darf jemandes Hand von sich stoßen? Gib mir doch deine Hand, Annjeta, mein liebes Kind! Ich bin nicht würdiger, nicht besser als du; du kannst mich nicht durch deine Gegenwart kränken, denn ich bin gleichfalls, _gleichfalls eine Sünderin_.“

„Meine Gnädigste!“ rief Pjotr Alexandrowitsch betroffen. „Was reden Sie! Vergessen Sie nicht! ...“

„Ich vergesse nichts. Unterbrechen Sie mich nicht, lassen Sie mich zu Ende sprechen. Sie haben in ihren Händen einen Brief gesehen, Sie haben ihn sogar gelesen; Sie sagen – und sie ... hat gestanden, daß dieser Brief von demjenigen sei, den sie liebt. Aber beweist denn das, daß sie sich vergangen habe? Gibt Ihnen denn das schon das Recht, sie so zu behandeln, sie so in Gegenwart Ihrer Frau zu beleidigen? Ja, mein Herr, in Gegenwart Ihrer Frau? Haben Sie denn schon alles ergründet? Wissen Sie denn schon, wie sich das alles verhält?“

„Ja was! – jetzt soll ich sie wohl noch um Verzeihung bitten? Ist es das, was Sie wollen?“ rief Pjotr Alexandrowitsch wütend. „Ich danke, ich habe die Geduld verloren über Ihrem Gerede! Und wissen Sie überhaupt, von wem Sie reden, was und _wen_ Sie verteidigen? Ich durchschaue doch alles ...“

„Und sehen doch nicht einmal die Hauptsache, weil Ihr Zorn und Ihr Stolz Sie blenden. Sie sehen das nicht, was ich verteidige und wovon ich rede. Nicht das Laster verteidige ich. Doch haben Sie auch bedacht – und das werden Sie einsehen, sobald Sie nachdenken – haben Sie bedacht, daß sie vielleicht wie ein Kind unschuldig und unwissend ist! Noch einmal, nicht das Laster verteidige ich! Ich beeile mich, mich zu rechtfertigen, wenn Ihnen das erwünscht ist. Ja, wenn sie Gattin, wenn sie Mutter wäre und ihre Pflichten vergessen hätte –, dann würde ich Ihnen beistimmen ... Sie sehen, ich rechtfertige mich. So vergessen Sie das nicht und machen Sie mir keine Vorwürfe! Wenn sie aber diesen Brief erhalten hat, ohne etwas Böses zu ahnen? Wenn sie sich in ihrer Unerfahrenheit nur von einem großen Gefühl hat verleiten lassen und weil sie keinen Menschen fand, der sie zurückgehalten hätte? Wenn vielleicht gerade mich die größte Schuld trifft, weil ich ihr Herz nicht behütet habe? Wenn dieser Brief der erste war? Wenn Sie mit Ihrem rohen Verdacht ihr mädchenhaft reines Empfinden verletzt haben? Wenn Sie ihre jugendliche Phantasie mit Ihren zynischen Reden und Bemerkungen über diesen Brief beschmutzt haben? – wenn Sie nicht sehen oder nicht sehen wollen, daß in diesem keuschen mädchenhaften Antlitz nichts als Reinheit und Unschuld ist und bange mädchenhafte Scham, – die Scham, die ich jetzt erkenne, die ich auch dann erkannte, als sie wie verloren in dieser Pein nicht wußte, was sie sagte, und in ihrer Herzensangst auf alle Ihre unmenschlichen Fragen mit diesem ‚Ja, ja, ja!‘ antwortete. Das war unmenschlich von Ihnen, das war grausam; ich erkenne Sie nicht wieder; das werde ich Ihnen niemals, niemals verzeihen!“

„Ach, erbarmen Sie sich, erbarmen Sie sich!“ rief ich beschwörend, und ich drückte sie mit meinen Armen fest an mich. „Hören Sie auf, glauben Sie mir, verstoßen Sie mich nicht ...“

Ich fiel vor ihr auf die Knie.

„Und wenn,“ fuhr sie atemlos fort, „wenn nun ich nicht bei ihr wäre, wenn Sie sie mit Ihren Worten erschreckt hätten und die Arme jetzt selbst glaubte, sie sei schuldig, wenn Sie ihr Gewissen, ihre Seele verwirrt, die Ruhe ihres Herzens zerstört hätten ... Mein Gott! Und Sie wollten sie aus dem Hause jagen! Aber wissen Sie denn nicht, mit wem man das tut? Sie wissen, daß Sie, wenn Sie sie aus dem Hause jagen, dann uns beide, uns zusammen fortjagen, – mich gleichfalls. Haben Sie gehört, mein Herr?“

Ihre Augen blitzten, ihre Brust arbeitete schwer; ihre krankhafte Erregung steigerte sich bis zur letzten Krisis ...

„Jetzt habe ich aber wahrlich genug gehört, meine Gnädigste!“ rief Pjotr Alexandrowitsch, „genug davon! Ich weiß, es gibt platonische Leidenschaften – und weiß das zu meinem Verderben, meine Gnädigste! Hören Sie? – zu meinem Verderben! Aber ich bedanke mich dafür, mit diesem vergoldeten Laster unter einem Dach zu leben! Ich verstehe es nicht. Und deshalb – fort mit ihm! Und wenn Sie sich schuldig fühlen, wenn Sie sich irgendeiner Schuld bewußt sind (nicht an mir ist es, Sie zu erinnern, meine Gnädigste), wenn Ihnen der Gedanke gefällt, mein Haus zu verlassen ... so bleibt mir nichts weiter übrig, als zu sagen, als Sie daran zu erinnern, daß Sie bedauerlicherweise vergessen haben, Ihre Absicht auszuführen, als es die rechte Zeit war, die eigentliche Zeit, vor Jahren, schon vor ... sollten Sie das Datum vergessen haben, so kann ich Ihrem Gedächtnis zu Hilfe kommen ...“

Ich sah sie an. Sie stützte sich krampfhaft auf mich, vergehend vor Seelenschmerz, die Augen halb geschlossen, in unmenschlicher Qual. Noch ein Moment – und sie wäre hingefallen.

„Oh, um’s Himmels willen, haben Sie wenigstens diesmal Erbarmen! Sagen Sie nicht das letzte Wort!“ rief ich außer mir und warf mich Pjotr Alexandrowitsch zu Füßen, ohne daran zu denken, was ich tat: doch – es war schon zu spät. Nur ein leiser Schrei ertönte als Antwort auf meine Worte und die Arme fiel bewußtlos hin.

„Da! Sie haben sie getötet!“ sagte ich. „Rufen Sie zu Hilfe, retten Sie sie! – Ich erwarte Sie in Ihrem Kabinett. Ich muß mit Ihnen sprechen: ich werde Ihnen alles sagen ...“

„Ja, was? Ja, was denn?“

„Später!“

Die Ohnmacht dauerte zwei Stunden. Das ganze Haus war in Aufregung. Der Arzt schüttelte zweifelnd das Haupt. Nach zwei Stunden ging ich ins Kabinett zu Pjotr Alexandrowitsch. Er war soeben erst von seiner Frau gekommen. Jetzt ging er im Zimmer auf und ab, biß sich die Lippen fast blutig und sah bleich und verstört aus. Ich hatte ihn noch nie so gesehen.

„Was wollen Sie mir denn sagen?“ fragte er mich schroff. „Sie sagten vorhin ...!“

„Hier ist der Brief, den Sie mir entrissen. Sie erkennen ihn doch?“

„Ja.“

„Nehmen Sie ihn.“

Er nahm den Brief und führte ihn ans Licht. Ich beobachtete ihn aufmerksam. Nach wenigen Sekunden drehte er den Brief hastig um und sah nach der Unterschrift. Ich sah, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß.

„Was ist das?“ fragte er mich starr vor Betroffenheit.

Ich blieb ihm die Antwort nicht schuldig.

„Vor drei Jahren fand ich diesen Brief in einem Buch. Ich erriet, daß er vergessen war, las ihn und – erfuhr alles. Ich behielt ihn, denn ich wußte niemanden, dem ich ihn hätte geben können. Ihr konnte ich ihn nicht geben. Ihnen? Doch Ihnen konnte der Inhalt dieses Briefes nicht unbekannt sein, er aber enthält die ganze traurige Lebensgeschichte ... Welchen Zweck nun Ihre Verstellung hatte – das weiß ich nicht –, das ist mir vorläufig noch unklar. Noch durchschaue ich Ihre dunkle Seele nicht ganz. Sie wollten Ihre Überlegenheit bewahren – und das ist Ihnen denn auch gelungen. Aber wozu? Um über ein Wahnbild den Sieg davonzutragen, um über eine Kranke zu herrschen, um ihr zu beweisen, daß sie sich verirrt habe und daß Sie dagegen _sündlos_ vor ihr ständen! Und Sie haben Ihren Zweck erreicht, denn dieser Verdacht ist – zur fixen Idee eines erlöschenden Geistes geworden, ist vielleicht die letzte Klage eines gebrochenen Herzens über die Ungerechtigkeit des Urteils der Menschen, mit dem Sie übereinstimmten. ‚Was ist denn dabei Schlimmes, daß Sie mich liebten?‘ Das war es, was sie sagte, das wollte sie Ihnen beweisen. Aber Ihr Stolz, Ihr eifersüchtiger Egoismus waren unbarmherzig. Leben Sie wohl. Weitere Erklärungen sind nicht nötig! Aber nehmen Sie sich in acht, ich kenne Sie jetzt, ich durchschaue Sie, vergessen Sie das nicht!“

Ich ging auf mein Zimmer – fast bewußtlos. An der Türe hielt mich Owroff, der Gehilfe Pjotr Alexandrowitschs, auf.

„Ich habe mit Ihnen zu sprechen,“ sagte er mit einer höflichen Verbeugung.

Ich sah ihn an und begriff nicht gleich, was er sagte.

„Später, entschuldigen Sie mich, ich fühle mich nicht wohl,“ sagte ich schließlich und ging an ihm vorbei.

„Also dann morgen,“ sagte er und machte seine Verbeugung mit einem zweideutigen Lächeln.

Vielleicht schien es mir aber auch nur so? Es war fast wie eine Vision, die vor meinen Augen flüchtig auftauchte ...

Der Bettelknabe

Kinder sind ein seltsames Volk: sie drängen sich in Träume und Gedanken. Vor Weihnachten und dann wieder am Christabend selbst begegnete mir regelmäßig an einer bestimmten Straßenecke ein kleiner Knabe, der gewiß nicht älter war als, sagen wir, etwa siebenjährig. Trotz der grimmigen Kälte war er fast sommermäßig gekleidet, doch um den Hals war ihm irgendein altes abgetragenes Zeug gewickelt – also mußte ihn doch jemand ausrüsten, bevor er hinausgeschickt wurde. – Er ging „mit dem Händchen“: so lautet der technische Ausdruck und er bedeutet – betteln. Den Ausdruck haben diese Knaben selbst erfunden. Solcher Knaben, wie er, gibt es eine Menge, sie laufen einem überall in den Weg und jammern etwas Auswendiggelerntes; dieser aber jammerte nicht und sprach auch gewissermaßen unschuldig und außergewöhnlich, und seine Augen sahen mich voll Vertrauen an – also mußte er noch ein Anfänger sein. Auf meine Fragen antwortete er, daß er eine Schwester habe; sie sitze ohne Arbeit und sei krank. Vielleicht sagte er die Wahrheit, nur erfuhr ich später, daß es solcher Knaben unzählige gibt; sie werden „mit dem Händchen“ auf die Straße geschickt, auch in der fürchterlichsten Kälte, und wenn sie nichts erbetteln, so setzt es natürlich Hiebe. Hat der Knabe ein paar Kopeken eingesammelt, dann kehrt er mit frosterstarrten Händen in irgendeinen Kellerraum zurück, wo irgendeine Bande säuft – eine von jenen, die, wie es heißt, „Sonnabends nach Arbeitschluß in den Fabriken den Sonntag zu feiern anfangen und nicht vor dem Mittwochabend zur Arbeit zurückkehren“. Dort, in den Kellern, trinken mit ihnen auch ihre hungernden und geprügelten Weiber, dort schreien auch ihre hungrigen kleinen Kinder nach der Mutterbrust. Schnaps und Schmutz und Ausschweifung, aber vor allem – Schnaps: die sind dort zu finden. Mit den erbettelten Kopeken wird der Knabe sogleich in die nächste Schenke geschickt und muß ihnen noch mehr Schnaps bringen. Zum Scherz gießen sie dann auch ihm das Feuerwasser in den Mund und gröhlen vor Lachen, wenn es ihm den Atem verschlägt und er in die Knie bricht und fast erstickt an der Abscheulichkeit, über der ihm Hören und Sehen vergeht.

„... und in den Mund das Greuliche Erbarmungslos mir goß ...“[3]

Ist er ein wenig herangewachsen, so wird er in eine Fabrik gesteckt, doch alles, was er erarbeitet, muß er wieder in den Keller bringen, und jene setzen das Geld weiter in Branntwein um. Doch schon bevor sie in die Fabrik kommen, sind diese Kinder kleine Verbrecher. Sie durchstreifen die Stadt und kennen die verschiedensten Schlupfwinkel in Kellern und Schuppen und auf Höfen, wo man unbemerkt nächtigen kann. Hat doch ein Kleiner bei einem Hofknecht mehrere Nächte in einem Holzkorb geschlafen, ohne daß der Knecht es gewahr wurde. In erster Linie sind sie natürlich kleine Diebe. Das Stehlen wird bei ihnen zur Leidenschaft, sogar bei Achtjährigen, und nicht selten ohne jedes Bewußtsein von dem Verbrecherischen der Tat. Zu guter Letzt lernen sie alles ertragen – Hunger, Kälte, Schläge – nur für das eine: für ihre Freiheit, und bald laufen sie von ihren Aussaugern fort, um dann schon von sich aus, aus eigenem Antriebe und zum eigenen Vergnügen zu vagabundieren. Solch ein junger Wildling weiß oft so gut wie nichts, weder in welchem Lande er wohnt, zu welcher Nation er gehört, ob es einen Gott gibt, einen Zaren; ja man erzählt sogar solche Unwissenheit von ihnen, daß man es nicht glauben will – und dennoch sind dies alles Tatsachen.

Der Knabe im Himmel zum Christfest.

Doch ich bin ein Schriftsteller, und ich glaube, diese „Geschichte“ habe ich selbst erfunden. Da schreibe ich: „ich glaube“, und weiß doch genau, daß ich sie selber erfunden habe; aber es scheint mir die ganze Zeit, daß sie irgendwo irgendwann wirklich geschehen sei und zwar gerade am Christabend in _irgendeiner_ großen, großen Stadt und bei grimmiger Kälte.

Ich sehe einen Knaben, aber einen noch ganz kleinen, etwa von sechs Jahren oder noch jünger. Dieser kleine Knabe erwachte an jenem Tage in einem feuchten und kalten Keller. Er hatte nur ein altes Kittelchen an und zitterte vor Kälte. Er sah seinen Atem, der wie weißer Dampf seinem Munde entströmte, und da es langweilig war, auf dem Koffer im Winkel zu sitzen, so hauchte er absichtlich diesen Atem recht stark heraus und sah dann zu, wie der Dampf sich ballte und verschwand. Aber er hatte Hunger und wollte etwas essen. Er war seit dem Morgen schon mehrmals zu der Lagerstätte gegangen, wo auf einem alten, wie eine Hand dünnen Schlafsack, irgendein Bündel als Kissen unter dem Kopf, seine kranke Mutter lag. Wie sie hierher kam? Vermutlich war sie mit ihrem Knaben aus einer anderen Stadt gekommen und hier erkrankt. Die Winkelvermieterin des Kellers war schon vor zwei Tagen von der Polizei abgeführt worden; und die anderen Winkelmieter hatten sich verlaufen, nur einer von ihnen lag dort seit vierundzwanzig Stunden, noch bevor die Feiertage anbrachen – schon stocksteif besoffen. In einem anderen Winkel ächzte vor Rheumatismus eine Achtzigjährige, die irgendeinmal irgendwo als Kinderfrau gelebt hatte, jetzt aber einsam und stöhnend auf den Tod wartete; sie brummte und schalt immer auf den Knaben, so daß dieser sich fürchtete, ihrem Winkel zu nah zu kommen. Auf dem Flur fand er etwas zu trinken, aber eine Brotkruste war nirgends zu finden, und wohl zum zehnten Mal versuchte er, seine Mutter aufzuwecken. Ihm wurde schließlich bange in der Dunkelheit: es war schon längst dunkel geworden, doch niemand machte Licht. Als seine Hand das Gesicht seiner Mutter berührte, wunderte er sich, daß es so kalt war wie die Wand. „Das ist hier aber mal kalt!“ dachte er, sann ein Weilchen, während seine Hand unbewußt auf der Schulter der Toten ruhte, dann hauchte er auf seine Fingerchen, um sie zu wärmen, und dabei fiel ihm sein Mützchen ein, das auf seinem Lager lag; das setzte er sich auf den Kopf – und plötzlich kam es ihm in den Sinn, den Kellerraum zu verlassen, und er ging tastend zur Tür. Er wäre vielleicht sogar schon früher aus dem Keller gegangen, aber er fürchtete den großen Hund, der ihm oben den Ausgang versperrte und die ganze Zeit kläffte. Jetzt war es still, der Hund war nicht zu sehen, und eh’ er sich dessen versah, stand der Kleine auf der Straße.

O Gott! Was war das für eine Stadt! Noch nie hatte er Ähnliches gesehen! Dort, von wo er mit der Mutter gekommen war, war es so finster in der Nacht: auf eine ganze Straße kam nur eine einzige Laterne. Die Fenster der niedrigen Häuser wurden abends mit Läden verschlossen; auf der Straße war, sobald nur die Dämmerung sank, niemand mehr zu sehen, alle schlossen sich in den Häusern ein und nur die Hunde, die es zu Hunderten und Tausenden gab, bellten und heulten die ganze Nacht. Doch dafür war es dort warm und man gab ihm zu essen, hier aber – ach, wenn er nur etwas zu essen bekäme! Und was ist das nur für ein Lärm und Gesumm, und wieviel Licht und Menschen und Pferde und Wagen – und die Kälte, die Kälte! Aus den Nüstern der heißgejagten Tiere strömt weißer Dampf, durch den weichen lockeren Schnee schlagen die Hufe zuweilen hellklingend auf das Steinpflaster, und wie die Menschen sich alle drängen, und, lieber Gott, wie gern er etwas essen würde, wenn auch nur ein kleines Stückchen, gleichviel was, und die Fingerchen schmerzten so sehr. An ihm vorbei ging ein Hüter der Ordnung und wandte sich ab, um den Knaben nicht zu bemerken.