Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Part 26

Chapter 261,651 wordsPublic domain

Und da ist wieder eine andere Straße – oh, und wie breit sie ist! Hier ist es aber wirklich schön! Wie sie doch alle lärmen und laufen und fahren, und Licht, wieviel Licht hier ist! Aber was ist denn das? Oh – was für ein großes Fenster, und hinter dem Fenster ist ein Zimmer, ein großes Zimmer, und in diesem Zimmer ist ein Baum bis an die Decke, ein Christbaum, eine große Tanne, und an der flimmern so viele Flämmchen, so viele goldene Sachen, und hängen Äpfel, und ringsum sind lauter Püppchen und Pferdchen, und Kinder laufen im Zimmer umher und alle sind sie so festlich angekleidet, so sauber und schön, und sie lachen und spielen und trinken und essen schönes, schönes Naschwerk. Und dort tanzt jetzt ein kleines Mädchen mit einem kleinen Knaben – was für ein schönes kleines Mädchen! Und da hört man auch Musik, durch das Fenster mit den großen Scheiben hört man sie ganz deutlich. Und der kleine Junge schaut und wundert sich und schon lacht er, und doch schmerzen ihm schon seine Füßchen und Zehen, und die Fingerchen an den Händen sind schon ganz rot, schon wollen sich die Gelenke nicht mehr biegen und das Bewegen tut weh, nur denkt er jetzt nicht daran. Aber dann spürt er plötzlich doch wieder, daß ihm die Händchen so schmerzen, und er fängt an zu weinen und läuft weiter, und wieder sieht er durch ein Fenster ein Zimmer und dort sind mehrere solcher Bäume, aber nicht so große, und auf den Tischen sind lauter Kuchen und Kuchen, rote und gelbe und weiße und braune und hinter dem langen Tisch stehen vier reich gekleidete Damen, und jedem, der an den Tisch kommt, geben sie von ihren schönen Kuchen, die Tür aber öffnet sich jeden Augenblick und viele Menschen gehen von der Straße zu ihnen hinein. Der Knabe steht und guckt, und wie die Tür sich wieder öffnet, da schlüpft auch er hinein. Ach! wie man ihm böse ist, ihn anschreit und fortjagt! Eine von den Damen kommt schnell auf ihn zu, gibt ihm eine Kopeke und dann öffnet sie selbst die Tür und schickt ihn hinaus auf die Straße. Wie er erschrak! Die Kopeke aber fiel ihm gleich aus der Hand, und schlug klingend auf die Treppenstufe: er konnte seine blauroten Fingerchen nicht mehr biegen, um das Geld zu halten. Und der Knabe läuft auf die Straße und geht schnell weiter – so schnell er kann, aber wohin, das weiß er nicht. Er möchte auch wieder weinen, aber er wagt es nicht, und er läuft und läuft und haucht auf die Fingerchen. Und so traurig wird er, so bitter traurig darüber, daß er sich so allein und verlassen fühlt, und eine Bangigkeit will über ihn kommen, doch plötzlich – ja was ist das? was ist denn da wieder zu sehen? Da stehen die Menschen dicht gedrängt und staunen: hinter den Scheiben eines großen Fensters stehen drei kleine Puppen in roten und grünen Kleidchen und sind ganz, ganz wie lebendig! Und ein alter kleiner Mann sitzt dort und spielt auf einer großen Geige, oder es sieht wenigstens so aus, als spiele er, und noch zwei andere stehen dort und spielen auf kleinen Geigen und nicken dazu im Takt mit den Köpfen und sehen einander an, und ihre Lippen bewegen sich, als ob sie sprächen – nur hört man das eben nicht durch die Fensterscheiben. Zuerst dachte der Knabe, daß sie alle wirklich lebendig seien, als er aber dann erriet und sich überzeugte, daß es „nur Püppchen“ waren – da mußte er lachen. Er hatte so etwas noch nie gesehen und gar nicht gewußt, daß es solche Püppchen gab! Und er will doch auch weinen, aber zugleich muß er lachen – lachen über die Püppchen. Plötzlich fühlt er, daß ihn jemand hinterrücks am Schlafittchen packt: ein großer böser Bube steht hinter ihm und haut ihn plötzlich auf den Kopf, reißt ihm das Mützchen ab und versetzt ihm von unten einen Stoß mit dem Fuß. Der Kleine fällt hin, doch da schreit schon alles und schilt, daß ihm angst und bange wird und er aufspringt und fortläuft und läuft – bis er gar nicht mehr weiß, wo er ist. Und da kriecht er unter einem Hoftor auf einen fremden Hof und hockt dort hinter einem Holzstapel hin: „Hier wird man mich nicht finden und es ist auch dunkel!“ denkt er.

Und so hockt er ganz still und kauert sich zusammen und kann kaum noch atmen vor Angst, und plötzlich, ganz plötzlich wird ihm so wohl: die Füßchen und Händchen schmerzen nicht mehr und ihm wird so warm, so warm wie auf dem Ofenbänkchen. Da fährt er auf einmal zusammen: ach, er wäre ja fast eingeschlafen! Wie gut es hier einzuschlafen ist: „Ich werd’ hier noch ein Weilchen sitzen und dann gehe ich wieder zu den Püppchen,“ denkt er und lächelt bei dem Gedanken an sie: „ganz wie lebendig sind sie ...!“ Und dann ist es ihm, als höre er auf einmal seine Mutter singen, ganz leise, daß er es kaum hören kann, aber er hört es doch. „Mama, ich schlafe! – ach, wie ist es hier schön zu schlafen!“

„Komm zu mir, mein Knabe, zum Christbaum, es ist Weihnacht, Kind,“ flüsterte über ihm eine leise Stimme.

Er denkt, das wäre nun seine Mama, aber nein, das ist nicht sie! Doch wer rief ihn denn? – das sieht er nicht, aber jemand beugt sich über ihn und umfängt ihn in der Dunkelheit; und er streckt ihm die Hand entgegen und ... und plötzlich – oh, wieviel Licht! Oh, welch ein Christbaum! Das war – oh, solche Bäume hatte er noch gar nicht gesehen! Wo ist er jetzt – es leuchtet und strahlt alles um ihn und soviel schöne Puppen überall – doch nein, das sind ja alles kleine Knaben und Mädchen, nur sind sie alle so leicht, alle umringen sie ihn, sie schweben, sie küssen ihn, sie nehmen und tragen ihn mit sich fort, und da fühlt er, daß er auch schon schwebt und dort: ja dort ist seine Mama und sie nickt und lächelt ihm selig zu.

„Mama! Mama! Ach, wie ist es hier schön, Mama!“ ruft der Knabe und er umarmt die Kinder und will ihnen schnell alles von den Püppchen, die er hinter dem Fenster gesehen, erzählen. „Ach, wer seid ihr, Jungen? und wer seid ihr, Mädchen?“ fragt er sie lachend und hat sie alle schon so lieb.

„Es ist hier Weihnacht beim Christkind,“ antworteten sie ihm, „dann ist hier im Himmel immer ein Christfest für all die kleinen Kinder, die auf Erden keinen Christbaum haben ...“ Und er erfährt, daß alle die Knaben und Mädchen einst auf Erden ebensolche Kinder waren, wie er, nur daß die einen schon kaum geboren als Findlinge in den Körben starben, in denen sie auf die steinernen Treppen vor den Türen der Petersburger Beamten ausgesetzt wurden, daß die anderen bei finnischen Bäuerinnen erstickten, an die sie vom Findelhaus zur Erziehung gegeben waren; daß wieder andere an den ausgezehrten Brüsten ihrer Mütter starben (während der Hungersnot in Ssamara), und wieder andere in Waggons dritter Klasse an der verpesteten Luft, und alle waren sie jetzt hier, alle waren sie jetzt Engel beim Christkind und er selbst war unter ihnen und hieß sie zu ihm kommen und segnete sie und ihre sündigen Mütter ... Die Mütter aber dieser Kinder stehen auch dort, nur abseits, und weinen: und eine jede erkennt ihren Knaben oder ihr Mädchen, und die schweben zu ihnen und küssen sie, wischen ihnen die Tränen mit ihren Händchen von den Wangen und bitten sie, nicht zu weinen, denn sie hätten es jetzt so gut ...

* * * * *

Unten auf Erden aber fanden am nächsten Morgen Hofknechte hinter einem Holzstapel die kleine Leiche eines erfrorenen Knaben. Man fand auch seine Mutter. Die war schon vor ihm gestorben. Im Himmel sahen sie einander wieder.

Wozu ich eine solche Geschichte nur erfunden habe, die so gar nicht in das gewöhnliche, vernünftige „Tagebuch“ paßt! Zudem habe ich versprochen, ausschließlich oder doch fast nur von wirklichen Begebenheiten zu erzählen! Aber – nun ja, das ist es eben: es scheint mir, es ist mir doch, als hätte das wirklich alles so sein können – ich meine das, was im Keller und hinter dem Holzstapel geschah, jenes andere aber, von der Christnacht im Himmel –, ja da weiß ich nun nicht, was ich Ihnen sagen soll, ob das auch wirklich so hätte sein können oder – nicht? Doch dazu bin ich ja Dichter, um es zu wissen.

Fußnoten

[1] Der größte Held der russischen Volksdichtung, ein Bauernsohn aus dem Dorf Karatscharowo, wo er gelähmt in der Hütte der Eltern sitzt, bis vorüberziehende Bettler (mythische Gestalten) ihn durch Zauber heilen. E. K. R.

[2] Diminutiv von Katjä. E. K. R.

[3] Strophe aus einem Gedicht von Nekrassoff, das das Leben eines ähnlichen Knaben zum Gegenstand hat. E. K. R.

Anmerkungen zur Transkription.

Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert nach:

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. Zweite Abteilung: Zweiundzwanzigster Band R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1912.

Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt.

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.

Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen und Begriffe wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):

Katjä (Kätja)

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 275]: ... Tages kaum aus Moskau die Nachricht, daß der ... ... Tages kam aus Moskau die Nachricht, daß der ...

[S. 286]: ... atmetet tief auf, preßte sichtlich betreten ein paar abgerissene ... ... atmete tief auf, preßte sichtlich betreten ein paar abgerissene ...