Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Part 24

Chapter 243,692 wordsPublic domain

„Nun, dann ist es ja gut! Wenn du wüßtest, mein Kind, wie ich dir dankbar bin für diese schöne und offene Antwort. Nicht, daß ich dich irgendeines Schlechten verdächtigt hätte, – niemals! Einen solchen Gedanken würde ich mir nie verzeihen. Doch höre: ich nahm dich als Kind zu mir und jetzt bist du siebzehn Jahre alt. Du hast ja selbst gesehen: ich bin leidend; ich bin selbst wie ein Kind, das Nachsicht beansprucht. Ich konnte dir die leibliche Mutter nicht vollständig ersetzen, obgleich mein Herz für dich überreich an Liebe war. Wenn mich jetzt Sorgen um dich quälen, so bin ich selbstverständlich schuld daran und nicht du. Verzeihe daher meine Frage und vergib mir, wenn ich mein Versprechen nicht erfüllt habe, das ich dir und dem Vater gegeben, als ich dich in mein Haus nahm. Das quält mich sehr und hat mich immer gequält, mein Kind.“

Ich umarmte sie und brach in Tränen aus.

„Oh, ich danke Ihnen, ich danke Ihnen für alles!“ sagte ich, und benetzte ihre Hände mit meinen Tränen. „Sprechen Sie nicht so zu mir, zerreißen Sie mir nicht das Herz. Sie sind mir mehr denn eine Mutter gewesen, Gott segne Sie für alles, was Sie an mir getan haben, Sie und der Fürst, an mir Armen, Verlassenen! meine Liebe, meine Gütige!“

„Genug, Njetotschka, genug! Umarme mich lieber, so, von Herzen! Denn, siehe, Gott weiß, warum es mir scheint, daß du mich zum letztenmal umarmen wirst.“

„Nein, nein,“ rief ich laut aufschluchzend wie ein Kind, „nein, nur das nicht! Sie werden noch glücklich sein! ... Noch vieles steht Ihnen bevor. Glauben Sie mir, wir werden alle noch glücklich sein.“

„Ich danke dir, ich danke dir für deine Liebe, Njetotschka. Nur wenige lieben mich; sie haben mich alle verlassen!“

„Wer hat Sie denn verlassen? Wer denn?“

„Früher waren es ihrer mehr; du weißt es nicht, Njetotschka. Sie haben mich alle verlassen, sie sind fortgegangen, als wären Zeichen geschehen. Und ich habe auf sie gewartet, mein ganzes Leben lang gewartet; nun Gott mit ihnen! Sieh Njetotschka, wie spät schon der Herbst ist; bald gibt es Schnee: und mit dem ersten Schnee sterbe ich, – doch ich will nicht klagen. Lebt alle wohl!“

Ihr Gesicht war schmal und durchsichtig; auf ihren Wangen brannten rote Flecke; ihre Lippen bebten und waren wie von einem inneren Feuer verbrannt.

Sie ging ans Klavier und schlug ein paar Akkorde an; in dem Augenblick riß eine Seite und ein langer zitternder Ton heulte auf ...

„Hörst du, Njetotschka, hörst du?“ fragte sie mit verlöschender Stimme, und wies auf das Klavier. „Diese Saite hat man zu sehr angespannt: sie hielt’s nicht aus und zerriß. Hörst du, wie der Ton klagend erstirbt!“

Sie sprach mühevoll. Ein stumpfer, seelischer Schmerz lag auf ihrem Gesicht, ihre Augen standen voll Tränen.

„Genug davon, Njetotschka, meine Liebe, genug; bringe die Kinder her.“

Ich führte sie herbei. Ihre Gegenwart schien sie zu beruhigen und sie erholte sich. Nach einer Stunde aber mußten alle sie wieder verlassen.

„Wenn ich sterbe, so bleibst du bei ihnen, Annjeta? Ja?“ sagte sie flüsternd, als fürchte sie, gehört zu werden.

„Haben Sie Erbarmen, Sie töten mich!“ konnte ich ihr nur antworten.

„Ich habe ja bloß gescherzt,“ sagte sie und verstummte lächelnd. „Und du hast daran geglaubt? Ich sage doch manchmal, Gott weiß was! Ich bin wie ein Kind, mir muß man alles verzeihen.“

Dabei sah sie mich ganz schüchtern an, als fürchtete sie sich, etwas auszusprechen, was ihr auf dem Herzen lag. Ich wartete.

„Sieh zu, erschrick ihn nicht,“ sagte sie endlich mit niedergeschlagenen Augen und mit heller Röte im Gesicht, so leise, daß ich es kaum hören konnte.

„Wen?“ fragte ich verwundert.

„Meinen Mann. Du erzählst ihm am Ende alles wieder.“

„Wieso, warum denn?“ wiederholte ich meine Frage mit immer wachsendem Erstaunen.

„Nun, vielleicht erzählst du es ihm auch nicht, wer kann es wissen!“ antwortete sie und sie versuchte offenbar, mich schlau anzusehen, und ein gutmütiges Lächeln spielte in ihren Mundwinkeln und die Farbe stieg ihr mehr und mehr zu Gesicht. „Lassen wir das; ich scherze ja nur.“

Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen.

„Nur höre, du wirst sie aber lieben, wenn ich sterbe, – ja?“ fügte sie ernst hinzu und wieder mit einem geheimnisvollen Gesicht, „so, als liebtest du deine eigenen Kinder, – ja? Denke daran: ich habe dich immer wie eine mir Verwandte behandelt und geliebt.“

„Ja, ja,“ antwortete ich, ohne zu wissen, was ich vor Tränen und Erregung sagte.

Ein heißer Kuß brannte auf meiner Hand – es gelang mir nicht, sie ihr rechtzeitig zu entziehen. Verwunderung lähmte meine Zunge.

„Was geht in ihr vor? Was denkt sie sich? Was war gestern mit ihr?“ ging es mir durch den Kopf.

Dann klagte sie über Müdigkeit.

„Ich fühle mich schon längst krank, ich wollte euch nur nicht ängstigen,“ sagte sie. „Ihr liebt mich doch beide, – nicht wahr? ... Auf Wiedersehen, Njetotschka; verlaß mich jetzt, am Abend komme bestimmt wieder?! Wirst du kommen?“

Ich gab ihr mein Wort, und freute mich, nur fort zu kommen. Länger konnte ich es nicht mehr ertragen.

„Du Arme, Arme! Welch ein Verdacht treibt dich ins Grab?“ schluchzte ich auf: „was für ein neuer Kummer zernagt und zerreißt dein Herz, ein Kummer, den du nicht einmal auszusprechen wagst? Mein Gott! Dieses Leid, das ich an ihr schon so lange kannte, dieses Leben ohne Freude, diese bescheidene Liebe, die nichts fordert. Und noch dazu jetzt, jetzt, vor dem Tode, da ihr Herz müde ist, fühlt sie sich als Schuldige, die nicht einmal zu murren wagt, und nicht zu klagen – und jetzt überfällt sie noch ein neues Leid, dem sie sich widerstandslos ergeben muß!“

Am Abend, in der Dämmerstunde, benutzte ich die Abwesenheit Owroffs (desselben, der aus Moskau gekommen war), ging in die Bibliothek, öffnete einen Schrank und suchte in den Büchern etwas, um es Alexandra Michailowna vorzulesen. Ich wollte sie von ihren schweren Gedanken ablenken und sie durch etwas Lustiges, Leichtes aufheitern ... Ich suchte lange. Die Dunkelheit trat ein und mit ihr wuchs mein Leid. In meine Hände fiel wieder dieses Buch, in dem sich der Brief befand, dessen Folgen mich bis jetzt nicht mehr verlassen hatten – dessen Geheimnisse mein Dasein von neuem zerbrachen, und es wehte aus ihm so kalt, so unbekannt und geheimnisvoll, wehte noch jetzt aus der Ferne des Gewesenen so drohend zu mir herüber ... Was wird mit uns, dachte ich: der Winkel, in dem mir so warm war, so leicht und frei – verödet. Der reine, helle Geist, der meine Jugend hütete, verläßt mich. Was steht mir bevor? Ich stand in Versunkenheit, nachdenkend über alles Vergangene, das meinem Herzen so teuer war, stand da, als fühlte ich das Bevorstehende, Unbekannte und mir Drohende ... Ich erinnere mich dieses Augenblicks so deutlich, als erlebte ich ihn noch einmal: so tief hat er sich mir ins Gedächtnis eingeschnitten.

Ich hielt in meinen Händen den Brief und das aufgeschlagene Buch, meine Wangen waren feucht von Tränen. Plötzlich fuhr ich zusammen: über mir ertönte eine mir bekannte Stimme. In demselben Augenblick fühlte ich, daß man mir den Brief aus den Händen riß. Ich schrie auf und wandte mich um: vor mir stand Pjotr Alexandrowitsch. Er packte mich an der Hand und zwang mich, auf dem Platz zu bleiben; mit der rechten Hand hielt er den Brief ans Licht und mühte sich, die ersten Zeilen zu entziffern ... Ich wäre bereit gewesen, eher zu sterben, als ihm den Brief zu überlassen. An seinem triumphierenden Lächeln sah ich, daß es ihm gelungen war, den Anfang des Briefes zu lesen. Ich verlor meine Sinne ...

Einen Augenblick später, ohne mir bewußt zu sein, was ich tat, stürzte ich auf ihn und riß ihm den Brief aus der Hand. Das geschah so unerwartet, daß ich selbst nicht mehr begreife, wie es mir gelingen konnte, mich des Briefes zu bemächtigen. Doch, als ich bemerkte, daß auch er wieder den Brief mir entwenden wollte, steckte ich ihn schnell in meine Bluse und wich einige Schritte zurück.

Einen Augenblick sahen wir einander schweigend an. Mich schauerte, er – bleich, mit zitternden, blau angelaufenen Lippen, – brach zuerst das Schweigen.

„Nun wohl!“ sagte er mit einer Stimme, die vor Erregung schwach war – „ich hoffe, Sie wollen selbst nicht, daß ich hier Gewalt anwende – geben Sie mir also freiwillig den Brief.“

Erst jetzt kam ich zu mir. Scham und Unwille ob eines so groben Überfalls überwältigten mich. Heiße Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich zitterte vor Aufregung und eine Zeitlang war ich nicht imstande, ein Wort hervorzubringen.

„Haben Sie gehört?“ sagte er und trat einen Schritt auf mich zu.

„Lassen Sie mich, lassen Sie!“ rief ich und ich wich vor ihm zurück, „Sie handeln niedrig an mir, unedel. Sie haben sich vergessen! ... Lassen Sie mich gehen! ...“

„Wie? Was heißt das? Wie wagen Sie es noch, einen solchen Ton anzuschlagen ... nach alledem, was Sie ... Geben Sie ihn mir zurück, sage ich Ihnen!“

Er trat noch einen Schritt auf mich zu, doch als er in meinen Augen soviel kalte Entschlossenheit sah, da blieb er stehen und überlegte ...

„Gut!“ sagte er endlich trocken, als hätte er einen Entschluß gefaßt, wenn er sich auch immer noch mühsam beherrschte. „Eines nach dem andern, doch zuerst ...“

Er sah sich im Zimmer um.

„Wer ... hat Sie in die Bibliothek gelassen? Warum steht dieser Schrank offen? Wie kommt es, daß Sie den Schlüssel dazu haben?“

„Ich werde Ihnen darauf nicht antworten,“ sagte ich, „ich kann mit Ihnen nicht darüber sprechen. Lassen Sie mich gehen!“

Ich ging zur Tür.

„Erlauben Sie,“ sagte er, und faßte mich an der Hand – „so werden Sie nicht davonkommen!“

Ich entzog ihm schweigend meine Hand und wandte mich wieder zur Tür.

„Wie Sie wollen. Aber ich kann es Ihnen nicht gestatten, daß Sie in meinem Hause Briefe von Liebhabern empfangen ...“

Ich schrie auf und sah ihn entsetzt an ...

„Und darum ...“

„Halten Sie ein!“ rief ich aus. „Wie können Sie das? ... Wie können Sie mir das sagen? ... Mein Gott! Mein Gott! ...“

„Wie? Was! Sie drohen mir noch! ...“

Ich sah ihn verzweifelt an, wie zerschmettert. Der Kampf zwischen uns stieg bis zur höchsten Erbitterung. Doch ich konnte nicht begreifen. Ich flehte ihn mit einem Blick an, nicht weiter zu gehen. Ich war bereit, ihm jede Beleidigung zu verzeihen, wenn er nur jetzt innehielt. Er sah mich durchbohrend an und schien zu überlegen.

„Bringen Sie mich nicht zum Äußersten,“ flüsterte ich erschrocken.

„Nein, damit muß ein Ende gemacht werden!“ sagte er schließlich, als besinne er sich wieder. „Ich muß Ihnen gestehen, ich wankte einen Augenblick vor diesem Blick,“ fügte er mit eigentümlichem Lächeln hinzu. „Doch unglücklicherweise spricht die Sache für sich selbst. Es ist mir gelungen, den Anfang des Briefes zu lesen. Das war ein Liebesbrief! Sie werden mich nicht davon abbringen! Nein, lassen Sie alles! Und wenn ich einen Augenblick zögerte, so geschah es nur, weil ich zu Ihren übrigen schönen Eigenschaften auch Ihre Fähigkeit zu lügen hinzufügen mußte, und darum wiederhole ich ...“

Mit jedem Wort, das er sprach, füllte er sich mit Bosheit an. Er war bleich; seine Lippen verzogen sich und zitterten und nur mit Mühe konnte er die letzten Worte hervorbringen. Es war vollkommen dunkel geworden. Ich stand schutzlos da, vor einem Menschen, der fähig war, einer Frau das Schlimmste anzutun. Und im Grunde war alle Wahrscheinlichkeit gegen mich; ich wand mich vor Scham, alles verwirrte sich in mir, ich konnte die Wut dieses Menschen nicht verstehen. Ohne ihm zu antworten, außer mir vor Angst, stürzte ich aus dem Zimmer, und ich kam erst zu mir, als ich vor der Zimmertür Alexandra Michailownas stand. In dem Augenblicke hörte ich seine Schritte; und schon wollte ich ins Zimmer stürzen, als ich plötzlich wie vom Schlag gerührt stehen blieb.

„Was wird mit ihr geschehen?“ ging es mir durch den Kopf ... „Diesen Brief ...! Nein, lieber alles auf der Welt, als diesen Stoß in ihr Herz –“ und ich stürzte zurück. Doch schon war es zu spät: er stand neben mir.

„Wohin wollen Sie, kommen Sie ... nur nicht hier, nicht hier!“ flüsterte ich ihm zu und griff nach seiner Hand ... „Schonen Sie sie ...! Ich komme zurück in die Bibliothek, oder ... wohin Sie wollen?! Sie werden sie vernichten!“

„Sie sind es, die sie vernichtet!“ antwortete er, und trat von mir zurück.

Alle meine Hoffnungen schienen verloren. Ich begriff, daß er die ganze Szene vor Alexandra Michailowna tragen wollte.

„Um Gottes willen!“ rief ich und hielt ihn aus aller Kraft zurück. Doch in diesem Augenblick hob sich die Portiere und Alexandra Michailowna stand vor uns. Sie sah uns verwundert an. Ihr Gesicht wurde noch bleicher. Mit Mühe hielt sie sich auf den Füßen. Es hatte sie viel gekostet, bis zu uns zu kommen, als sie unsere Stimme gehört.

„Wer ist da? Wovon redet ihr hier?“ fragte sie, in großer Verwunderung.

Es trat Schweigen ein und sie erbleichte wie ein Leinentuch. Ich stürzte auf sie zu, umarmte sie und führte sie zurück in ihr Kabinett. Pjotr Alexandrowitsch folgte uns. Ich drückte mein Gesicht an ihre Brust und umschlang sie immer fester und fester, ersterbend in Erwartung.

„Was ist mit dir, was ist mit euch?“ fragte noch einmal Alexandra Michailowna.

„Fragen Sie sie. Sie haben sie noch gestern so verteidigt,“ sagte Pjotr Alexandrowitsch und ließ sich schwer auf einem Sessel nieder.

Ich umklammerte sie immer fester und fester in meiner Umarmung.

„Aber, mein Gott, was bedeutet denn das?“ rief Alexandra Michailowna in großem Schrecken angstvoll aus. „Sie zittert ja und ist in Tränen aufgelöst. Annjeta sag’ mir doch, was ist zwischen euch geschehen.“

„Nein, erlauben Sie mir zuerst das Wort,“ sagte Pjotr Alexandrowitsch und näherte sich uns. Er ergriff mich an der Hand und zog mich von ihr fort. „Bleiben Sie dort stehen,“ sagte er und wies in die Mitte des Zimmers. „Ich werde Sie richten vor derjenigen, die Ihnen die Mutter ersetzte. Und Sie, bitte, beruhigen Sie sich, Alexandra Michailowna, und setzen Sie sich in den Lehnstuhl. Mir tut es bitter leid, daß ich Sie nicht mit dieser unangenehmen Aufklärung verschonen kann. Denn sie ist nötig –!“

„Mein Gott! Was wird das sein?“ murmelte Alexandra Michailowna und sah mit qualvollen Augen erst mich, dann ihren Mann an. Ich rang die Hände vor diesem verhängnisvollen Augenblick. Von ihm erwartete ich keine Schonung.

„Kurz,“ fuhr Pjotr Alexandrowitsch fort, ... „ich wünsche, daß Sie in der Sache urteilen. Sie haben immer (und ich weiß nicht warum, das ist so eine Ihrer Phantasien), Sie haben immer – noch gestern, zum Beispiel, gedacht, gesagt ... ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll ... ich schäme mich dieser Voraussetzungen ... Kurz, Sie haben sie immer verteidigt, und mich angegriffen, Sie warfen mir ungerechtfertigte Strenge vor; Sie haben dabei noch auf ein anderes Gefühl hingewiesen, das mich zu dieser unerlaubten Strenge beeinflusse; Sie ... ja, ich begreife nicht, warum ich meiner Aufregung nicht Herr werden kann, warum ich erröte bei dem Gedanken an Ihre Anspielungen, warum ich sie nicht offen vor ihr auszusprechen vermag ... Kurz, Sie ...“

„Oh, das werden Sie nicht tun! Nein, Sie werden das nicht sagen!“ rief Alexandra Michailowna aus, errötend vor Scham. „Nein, Sie werden sie schonen. Das habe ich, ich, alles ausgedacht! Ich habe jetzt keinen Verdacht mehr. Verzeihen Sie es mir, verzeihen Sie. Ich bin krank, man muß mir verzeihen, nur sagen Sie ihr nichts, nein ... Annjeta, gehe fort von hier, schnell, schnell! Er scherzt; an alledem bin ich schuld; oh, das ist ein böser Scherz ...“

„Kurz, Sie sind auf sie eifersüchtig gewesen,“ warf Pjotr Alexandrowitsch erbarmungslos ihr zur Antwort hin.

Sie schrie auf, erbleichte und stützte sich auf den Sessel, kaum noch imstande, sich auf den Füßen zu halten.

„Möge Gott Ihnen verzeihen!“ murmelte sie endlich mit schwacher Stimme. „Vergib mir für ihn, Njetotschka, vergib; ich bin an allem schuld. Ich war krank, ich ...“

„Das ist Grausamkeit, Schamlosigkeit, Niedrigkeit!“ rief ich, außer mir, denn ich begriff jetzt alles, alles, begriff vor allem, warum er mich vor den Augen seiner Frau richten wollte. „Das ist nur verachtungswürdig – Sie ...“

„Annjeta!“ rief Alexandra Michailowna, vor Schreck nach mir greifend.

„Komödie! Komödie und weiter nichts,“ Pjotr Alexandrowitsch trat in unbeschreiblicher Erregung auf uns zu. „Komödie, sage ich Ihnen,“ während er ununterbrochen mit hämischem Lächeln seine Frau ansah, „und die Betrogene in dieser ganzen Komödie sind nur – Sie. Glauben Sie, daß wir,“ stieß er atemlos hervor und wies auf mich – „solche Erklärungen fürchten; glauben Sie, daß wir noch so dumm sind, beleidigt zu sein und bis an die Ohren zu erröten, wenn man uns von ähnlichen Dingen redet. Entschuldigen Sie bitte, ich drücke mich vielleicht zu einfach, zu aufrichtig, zu grob aus, doch – das muß geschehen. Sind Sie denn noch immer überzeugt, meine Dame, von der ordentlichen Aufführung dieses ... Mädchens?“

„Mein Gott! Was ist Ihnen? Sie vergessen sich!“ murmelte Alexandra Michailowna, halb erstarrt vor Schreck.

„Bitte, nicht diese großen Worte!“ unterbrach sie verächtlich Pjotr Alexandrowitsch. „Ich liebe das nicht. Hier liegt die Sache sehr einfach: gemein bis zur höchsten Gemeinheit. Ich frage Sie nach ihrem Betragen: wissen Sie ...“

Doch ich ließ ihn nicht zu Ende sprechen, ich ergriff ihn an der Hand und zog ihn zur Seite. Nur ein Augenblick und – alles war verloren.

„Sagen Sie nichts von dem Brief!“ flüsterte ich ihm zu, „Sie werden sie auf der Stelle vernichten. Ein Vorwurf über mich, wird zugleich ein Vorwurf für sie sein. Sie kann mich nicht verurteilen, denn ich weiß alles ... verstehen Sie, _ich weiß alles_!“

Er sah mich scharf mit durchbohrender Neugier an und – das Blut trat ihm ins Gesicht.

„Ich weiß _alles, alles_!“ wiederholte ich.

Er schien noch zu zögern. Auf seinen Lippen lag eine Frage. Ich griff vor:

„An allem, was geschehen ist –“ sagte ich laut, mich zu Alexandra Michailowna wendend, die uns mit schüchterner, mit trauriger Verwunderung ansah, „bin ich allein schuld. Bereits seit vier Jahren habe ich Sie betrogen. Ich habe den Schlüssel zur Bibliothek genommen und seit vier Jahren lese ich heimlich Bücher. Pjotr Alexandrowitsch hat mich überrascht – bei einem Buch ... das sich nicht in meinen Händen befinden durfte. Aus Sorge um mich hat er die Gefahr vor Ihnen vergrößert! ... Doch, ich will mich nicht verteidigen“ (beeilte ich mich hinzuzufügen, als ich ein spöttisches Lächeln auf seinen Lippen bemerkte): „ich bin an allem schuld. Die Versuchung war stärker als ich, und da es einmal geschehen war, schämte ich mich, es Ihnen zu gestehen ... Das ist alles, fast alles, was zwischen uns vorgefallen ist.“

„O – ho, das ist aber kühn!“ flüsterte neben mir Pjotr Alexandrowitsch.

Alexandra Michailowna hörte mir mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Auf ihrem Gesicht spiegelte sich ein Mißtrauen. Sie sah abwechselnd erst mich, dann ihren Mann an. Es trat Schweigen ein. Ich wagte kaum zu atmen. Sie senkte ihren Kopf auf die Brust und bedeckte die Augen mit der Hand, offenbar um jedes Wort zu erwägen, das ich gesprochen hatte. Endlich hob sie den Kopf und sah mich forschend an.

„Njetotschka, mein Kind, ich weiß, du verstehst nicht zu lügen,“ sagte sie. „Ist das nun alles, was geschehen, wirklich alles?“

„Alles,“ antwortete ich.

„Alles?“ wandte sie sich fragend an ihren Mann.

„Ja, alles,“ antwortete er mit großer Überwindung, „alles!“

Ich atmete auf.

„Du gibst mir das Wort, Njetotschka?“

„Ja,“ antwortete ich, ohne mit der Wimper zu zucken.

Aber ich konnte mich doch nicht beherrschen und blickte auf Pjotr Alexandrowitsch. Er lachte, als er hörte, wie ich mein Wort gab. Ich wurde über und über rot und meine Verwirrung konnte der armen Alexandra Michailowna nicht entgehn. Ein qualvolles Leid drückte sich auf ihrem Gesicht aus.

„Genug,“ sagte sie traurig. „Ich glaube euch. Wie sollte ich euch nicht glauben?“

„Ich denke, ein solches Geständnis genügt,“ bemerkte Pjotr Alexandrowitsch. „Sie haben’s gehört? Was glauben Sie wohl?“

Alexandra Michailowna schwieg. Die Situation wurde immer unerträglicher und unerträglicher.

„Ich werde morgen alle Bücher durchsehen,“ fuhr Pjotr Alexandrowitsch fort. „Ich weiß nicht, um was es sich dort noch handelte; aber ...“

„Welches Buch las sie denn?“ fragte Alexandra Michailowna.

„Welches Buch? Antworten Sie doch,“ wandte er sich an mich. „Sie verstehen es ja besser, die Sache zu erläutern,“ fügte er mit verhaltenem Spott hinzu.

Ich verlor meine Fassung und konnte kein Wort mehr hervorbringen. Alexandra Michailowna errötete und schlug die Augen nieder. Es folgte ein langes Schweigen. Pjotr Alexandrowitsch ging geärgert im Zimmer auf und ab.

„Ich weiß ja nicht, was zwischen euch vorging,“ begann endlich Alexandra Michailowna, zaghaft jedes Wort aussprechend – „doch wenn das wirklich alles gewesen ist,“ fuhr sie fort, bemüht, jedem Wort einen besonderen Nachdruck zu geben, während sie gleichzeitig vermied, ihn anzusehen, da der unbewegliche Blick ihres Mannes sie immer mehr verwirrte, „wenn es nur das _gewesen ist_, dann weiß ich nicht, warum wir uns so quälen und darüber fast verzweifeln wollen. Schuld daran bin nur ich, ich allein, und das schmerzt mich sehr. Ich habe ihre Erziehung auf mich genommen, ich muß auch für sie verantworten. Sie muß mir daher meine Nachlässigkeit verzeihen. Ich wage es nicht, sie zu verurteilen. Und doch, worüber sollen wir uns jetzt noch aufregen? Die Gefahr ist ja vorüber. Sehen Sie sie doch an: hat ihre unvorsichtige Handlungsweise auch nur irgendwelche Folgen hinterlassen? Als ob ich mein Kind, meine geliebte Tochter nicht kennte? Weiß ich denn nicht, daß ihr Herz rein und edel ist, und daß in diesem lieben Köpfchen,“ fuhr sie fort, indem sie mich zu sich heranzog und mich streichelte, „der Verstand rein und hell ist ... Laßt gut sein, meine Lieben! Hören wir damit auf! Offenbar liegt etwas anderes in unserem Kummer, vielleicht lag auf uns allen nur ein vorübergehender Schatten. Aber wir wollen durch Liebe und durch unser gutes Einvernehmen alle Mißverständnisse zerstreuen. Vielleicht ist vieles unausgesprochen zwischen uns und ich bin vor allem schuld daran. In mir sind zuerst, weiß Gott was für Verdächtigungen aufgestiegen, an denen nur mein armer kranker Kopf schuld ist ... Und ... und, wenn ich sie auch zum Teil schon ausgesprochen habe, so müßt ihr sie mir beide verzeihen, weil ... weil die Sünde doch nicht so groß ist, wenn ich vermutete ...“

Sie errötete und sah schüchtern ihren Mann an und erwartete mit Bangen ein Wort von ihm. Während sie sprach, lag ein spöttisches Lächeln auf seinen Lippen. Er brach seinen Gang durch das Zimmer ab und stellte sich gerade vor sie hin, die Hände auf dem Rücken. Er betrachtete sie in ihrer Erregung und ergötzte sich an ihr; als sie aber seinen unverwandten Blick auf sich ruhen fühlte, wurde sie verwirrt. Er blieb ruhig stehen, als erwartete er noch irgend etwas. Ihre Erregung verdoppelte sich. Endlich unterbrach er diese erdrückende Szene durch ein leises, anhaltendes boshaftes Lachen: