Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held
Part 23
Ich antwortete nicht. Da hörten wir Schritte, er kam schon, und ich ging schnell hinaus. Ganze zwei Stunden wartete ich in großem Kummer. Endlich wurde ich zu Alexandra Michailowna gerufen. Sie war schweigsam und bekümmert. Als ich eintrat, traf mich nur ein schneller forschender Blick von ihr und sie schlug die Augen nieder. Ich glaubte, eine gewisse Verwirrung in ihrem Gesicht zu bemerken. Bald sah ich, daß sie bei schlechter Laune war; sie sprach wenig, vermied mich anzusehen und als Antwort auf die besorgten Fragen B.’s klagte sie über Kopfschmerz. Pjotr Alexandrowitsch war dagegen gesprächiger als sonst, unterhielt sich aber nur mit B.
Alexandra Michailowna trat zerstreut an den Flügel.
„Singen Sie uns etwas vor,“ bat B., sich an mich wendend.
„Ja, Annjeta, singe deine neue Arie,“ sagte Alexandra Michailowna schnell, als freue sie sich über den Vorwand.
Ich blickte zu ihr auf: sie sah mich in unruhiger Erwartung an.
Doch ich konnte mich nicht überwinden. Statt an den Flügel zu treten, um wenigstens irgend etwas zu singen, geriet ich in Verwirrung, wurde verlegen und wußte nicht, zu welcher Ausrede ich meine Zuflucht nehmen sollte; schließlich ärgerte ich mich und schlug die Bitte rund ab.
„Warum willst du denn nicht singen?“ fragte Alexandra Michailowna, dabei sah sie mich an und dann, für den Bruchteil einer Sekunde, ihren Gatten.
Diese zwei Blicke brachten mich um meine ganze Selbstbeherrschung. Ich erhob mich in größter Verwirrung, die ich nicht mehr zu verbergen vermochte, und zitternd von einer Empfindung, die wie Ärger und Ungeduld war, wiederholte ich heftiger als angebracht, daß ich nicht wolle, nicht könne – ich sei krank. Indem ich das sagte, sah ich alle offen an, doch Gott weiß, wie gern ich mich in diesem Augenblick in meinem Zimmer vor allen versteckt hätte.
B. war erstaunt und Alexandra Michailowna sichtlich bekümmert, doch sagte sie kein Wort. Pjotr Alexandrowitsch aber erhob sich plötzlich von seinem Platz, sagte, er habe etwas Wichtiges vergessen, und wie im Ärger darüber, daß er soviel kostbare Zeit vergeudet, verließ er eilig das Zimmer, nachdem er vorausgeschickt, daß er später vielleicht noch vorsprechen werde – doch drückte er auf alle Fälle B. schon zum Abschied die Hand.
„Aber was fehlt Ihnen nur?“ fragte mich B., „Sie sehen auch wirklich krank aus.“
„Ja, ich bin nicht ganz wohl, wirklich nicht,“ versetzte ich ungeduldig.
„Du bist bleich, vorhin aber warst du so rot,“ sagte Alexandra Michailowna und plötzlich stockte sie.
„Ach, das ist doch nichts!“ suchte ich sie zu beruhigen und ging schnurstracks zu ihr. Ich sah ihr offen in die Augen. Die Arme hielt meinen Blick nicht aus, senkte ihren Blick wie eine Schuldige und eine leichte Röte stieg in ihre blassen Wangen. Ich nahm ihre Hand und küßte sie. Sie sah mich – das fühlte ich – mit erheuchelter Freude an.
„Verzeihen Sie, daß ich heute ein so schlechtes, böses Kind war,“ bat ich sie herzlich, „aber wirklich, ich bin krank. So seien Sie mir nicht böse und erlauben Sie, daß ich jetzt auf mein Zimmer gehe ...“
„Wir sind alle Kinder,“ sagte sie mit einem schüchternen Lächeln, „auch ich bin ein Kind, und schlechter, viel schlechter als du,“ flüsterte sie mir leise ins Ohr. „Dann gute Nacht und bleibe gesund. Nur, um Gottes willen, sei mir nicht böse.“
„Weswegen?“ fragte ich, so sehr traf mich dieses naive Geständnis.
„Weswegen?“ wiederholte sie in plötzlicher Verwirrung, ja sogar als erschrecke sie über sich selbst. „Ja weswegen? Nun siehst du, wie ich bin, Njetotschka. Was habe ich dir da gesagt? Gute Nacht! Du bist klüger als ich ... Ich aber bin schlimmer als ein Kind.“
„Nun, schon gut!“ Ich war gerührt und wußte nicht, was ich ihr darauf sagen sollte. Ich küßte sie nochmals und ging aus dem Zimmer.
Mein Unmut galt hauptsächlich mir selbst, denn ich fühlte, daß ich zu unvorsichtig war und mich nicht zu benehmen verstand. Es war da etwas, dessen ich mich bis zu Tränen schämte, und mit großem Leid im Herzen schlief ich ein. Als ich am nächsten Morgen erwachte, war mein erster Gedanke, daß der ganze letzte Abend – nur eine Gespensterseherei gewesen sei, daß wir uns gegenseitig nur mystifiziert hatten, indem wir solchen Nichtigkeiten die Bedeutung von Gott weiß was für Begebenheiten beilegten, daß wir uns einfach übereilt hatten, und zwar alles das nur infolge unserer Unerfahrenheit im Leben und unserer Ungewohntheit, äußere Eindrücke zu empfangen. Ich fühlte es, daß dieser Brief an allem schuld war, daß er mich gar zu sehr beunruhigte, daß meine Einbildungskraft durch ihn aus ihrem gewöhnlichen Geleise gehoben war und daß ich deshalb am besten tat, wenn ich in Zukunft überhaupt nicht mehr an ihn dachte. Nachdem ich so meinen ganzen Kummer verscheucht hatte, wurde ich – in der Überzeugung, daß ich den Entschluß, überhaupt nicht mehr an den Brief zu denken, ebenso leicht werde ausführen können – langsam ruhiger, ja fast sogar heiter, und begab mich in die Gesangsstunde. Die Morgenluft erfrischte meinen Kopf endgültig. Diese Wanderungen frühmorgens zu meinem Lehrer waren mir zu einer wahren Erquickung geworden und ich liebte sie sehr. Es war so lustig, durch die Stadt zu wandern, die sich schon zu beleben anfing und wie ein Uhrwerk ihre tägliche Arbeit begann. Wir gingen gewöhnlich durch die Hauptstraßen, die natürlich am belebtesten waren, und mir gefiel dieser Anfang meiner Künstlerlaufbahn, eben dieser Kontrast zwischen der alltäglichen Kleinlichkeit, der engen, doch lebendig pulsierenden Sorge, und der Kunst, die mich zwei Schritte von diesem Leben entfernt erwartete, im dritten Stock eines riesigen Hauses, das von oben bis unten von Menschen bewohnt war, die die Kunst, wie mir schien, so gut wie überhaupt nichts anging. Ich mit meinen Noten unterm Arm inmitten dieser geschäftigen, besorgten Menschen – neben mir die alte Natalja, die mich begleitete und mir jedesmal ahnungslos das Rätsel zu erraten gab: woran sie eigentlich und vornehmlich denken mochte – und schließlich mein Lehrer, halb Italiener, halb Franzose, ein ganzer Sonderling, in manchen Augenblicken ein richtiger Enthusiast, viel öfter aber ein Pedant und am meisten und vor allem ein Geizhals – alles das zerstreute mich, brachte mich zum Lachen oder zum Nachdenken. Hinzu kam, daß ich, so zaghaft ich in der Beziehung auch noch war, doch schon mit leidenschaftlicher Hoffnung meine Kunst liebte. Ich baute mir schon Luftschlösser, malte mir die schönste Zukunft aus, und nicht selten kam ich nach Haus – glühend von meinen Phantasien! Kurz, in diesen Stunden war ich fast glücklich.
Dasselbe empfand ich auch damals, als ich gegen zehn Uhr zurückkehrte. Ich hatte alle Sorgen vergessen und war, wie ich mich noch deutlich erinnere, so froh gelaunt, so ganz erfüllt von irgendwelchen Zukunftsträumen. Doch plötzlich, wie ich die Treppe hinaufstieg, zuckte ich zusammen, als hätte ich mich verbrannt. Über mir hörte ich die Stimme Pjotr Alexandrowitschs, der in diesem Augenblick die Treppe herabstieg. Das unangenehme Gefühl, das sich meiner bemächtigte, war so stark, die Erinnerung an den letzten Abend traf mich so plötzlich und so feindselig, daß ich meine Empfindung wirklich nicht verbergen konnte. Ich verbeugte mich leicht vor ihm, doch mein Gesicht drückte wohl so deutlich alles aus, daß er einen Augenblick verwundert vor mir stehen blieb. Da errötete ich und ging schnell hinauf. Er brummte mir noch etwas nach und ging dann seiner Wege.
Ich hätte weinen mögen vor Ärger und konnte doch nicht begreifen, was eigentlich vorgegangen war. Den ganzen Tag war ich wie verwirrt und wußte nicht, zu was ich mich entschließen sollte, um dieser ganzen Qual ein Ende zu machen und sie endlich loszuwerden. Tausendmal nahm ich mir vor, fortan vernünftiger zu sein, und tausendmal nahm mich die Angst doch wieder gefangen. Ich fühlte, daß ich diesen Menschen haßte, und war gleichzeitig in Verzweiflung über mich selbst. Ich wurde krank von der ewigen Aufregung und verlor alle Gewalt über mich. Ich ärgerte mich schließlich über alle, und verbrachte den ganzen langen Tag auf meinem Zimmer. Auch zu Alexandra Michailowna ging ich nicht. Sie kam selbst zu mir. Als sie mich erblickte, schrie sie fast auf. Ich war so bleich, daß ich, als ich in den Spiegel sah, vor mir selber erschrak. Alexandra Michailowna blieb eine ganze Stunde bei mir und ging mit mir um wie mit einem kranken Kinde.
Ihre Aufopferung und Liebe machten mich aber so traurig und ihre Zärtlichkeit war für mich so schwer zu ertragen und es war mir so qualvoll, sie anzusehen, daß ich sie bat, mich allein zu lassen. Sie verließ mich in großer Sorge um meinen Zustand. Endlich brach ich in Tränen aus und weinte wie in einem richtigen Weinkrampf. Danach wurde mir bedeutend leichter ...
... Leichter, weil ich mich entschlossen hatte, zu ihr zu gehen. Ich wollte vor ihr niederknien, ihr den Brief geben, den sie verloren hatte, und ihr alles gestehen: alle Qualen, die ich ausgestanden, meine Zweifel, und wollte sie mit der ganzen schrankenlosen Liebe, die in mir für sie glühte, umfangen, wollte ihr sagen, daß ich ihr Kind, ihr Freund sei, daß ich mein ganzes Herz vor ihr öffne, damit sie hineinschaue und sähe, wieviel glühende Liebe und unerschütterliches Vertrauen zu ihr in ihm waren. Mein Gott! Ich wußte, ich fühlte ja, daß ich die letzte war, der sie ihr Herz aufdecken konnte, doch um so eher, so schien es mir, wäre dann eine Rettung möglich, um so gewichtiger wäre dann mein Wort ... Ich erriet, ich begriff ihren Schmerz, wenn auch dunkel und unklar, und mein Herz bebte vor Entrüstung bei dem Gedanken, daß sie vor mir erröten könnte, _sie_ vor _meinem_ Richterstuhl ... „Du Arme, du Arme, _du_ solltest jene Sünderin sein, für die du dich hältst?“ – das wollte ich ihr sagen, wenn ich vor ihr kniete. Mein Gerechtigkeitsgefühl empörte sich in mir, ich war meiner selbst nicht mehr mächtig. Ich weiß nicht, was ich noch alles gesagt hätte – erst später kam ich zur Besinnung, nachdem ein Zufall mich und sie vor dem Verderben bewahrt, indem er mich fast beim ersten Schritt zurückhielt. Entsetzen erfaßte mich. Hätte denn ihr zu Tode gequältes Herz überhaupt noch in neuer Hoffnung auferstehen können? Ich hätte sie nur auf der Stelle getötet!
Es geschah aber folgendes: Als ich auf dem Wege zu ihr gerade durch das vorletzte Zimmer vor ihrem Salon gehen wollte, trat plötzlich durch eine andere Tür in dasselbe Zimmer Pjotr Alexandrowitsch und ging, ohne mich zu bemerken, wenige Schritte vor mir gleichfalls zu ihr. Ich blieb wie gelähmt stehen; er war der Letzte, den ich in diesem Augenblick hätte sehen mögen. Ich wollte schon zurückkehren, doch plötzlich bannte mich die Neugier regungslos an den Fleck.
Er durchschritt das Zimmer, blieb einen Augenblick vor dem Spiegel stehen, ordnete mit der Hand das Haar, und mit einem Male – zu meiner sprachlosen Verwunderung – hörte ich ihn irgendeine muntere Melodie summen. Wie ein Blitz durchzuckte eine dunkle, ferne Erinnerung aus den Kinderjahren mein Gedächtnis. Doch damit die seltsame Empfindung, die ich in diesem Augenblick hatte, verständlicher wird, will ich jene Erinnerung mitteilen. Noch im ersten Jahre meines Aufenthaltes in diesem Hause machte mich einmal eine gleichfalls zufällige Beobachtung ganz betroffen, die mir aber erst jetzt voll zu Bewußtsein kam, denn erst jetzt, erst in diesem Augenblick begriff ich die Ursache meiner unerklärlichen Abneigung gegen diesen Menschen! Ich erwähnte bereits, daß ich mich schon damals in seiner Gegenwart immer bedrückt fühlte. Auch habe ich bereits erzählt, was für einen Eindruck sein finsteres, bedrückendes Wesen auf mich machte, sein oft trauriges, geradezu gramvolles Gesicht; wie schwer es mir ums Herz war nach jenen Stunden, die wir zusammen am Teetischchen Alexandra Michailownas verbrachten, und dann – was für ein peinvolles Gefühl mein Herz erfüllte, als ich – was nur zwei- oder dreimal geschah – fast Zeugin war jener niederdrückenden, mir so ganz unklaren Szenen.
Es war in demselben Zimmer und um dieselbe Zeit, als er, ganz wie ich, zu Alexandra Michailowna ging. Mich erfaßte eine rein kindliche Scheu, als ich allein mit ihm zusammentraf, und ich versteckte mich gleichsam schuldbewußt im Winkel und betete, daß er mich nicht bemerken möge. Geradeso wie damals, blieb er vor dem Spiegel stehen und ich zuckte zusammen von einer unbestimmten, gar nicht kindlichen Empfindung: es schien mir, daß er sein Gesicht plötzlich verändere. Wenigstens hatte ich vorher, als er zum Spiegel trat, deutlich ein Lächeln in seinem Gesicht gesehen – ein Lächeln, während ich ihn früher noch niemals lächeln gesehen hatte, denn (ich erinnere mich, das machte mich noch am meisten betroffen) – er lachte nie in Alexandra Michailownas Gegenwart. Und nun plötzlich, kaum daß er einen Blick in den Spiegel geworfen, veränderte sich sein ganzes Gesicht: das Lächeln verschwand wie auf Befehl und an seine Stelle trat der Ausdruck eines unsäglich bitteren Gefühls, das sich anscheinend mit Gewalt aus dem Herzen drängte, eines Gefühls, das zu verbergen scheinbar nicht mehr in menschlicher Macht stand, wie groß auch immer jeder edelmütige Versuch dazu sein mochte, und es zuckte um seine Lippen – ein anscheinend konvulsivischer Schmerz ließ seine Stirn sich runzeln und zog die Brauen zusammen. Der Blick verbarg sich düster hinter den Brillengläsern – kurz, sein Gesicht wurde wie auf Kommando zum Gesicht eines ganz anderen Menschen. Ich erinnere mich, daß ich, als ohnehin ängstliches Kind, vor Furcht erzitterte, vor Furcht, das zu begreifen, das ganz zu erfassen und zu durchschauen, was ich sah, und seit jenem Augenblick saß die bedrückende, unangenehme Empfindung unausrottbar in meinem Herzen. Und nach dem Blick in den Spiegel senkte er den Kopf, nahm eine müdere Haltung an, jene, in der er gewöhnlich bei Alexandra Michailowna erschien, und ging leise in ihr Boudoir. Diese Erinnerung war es, die mich nun plötzlich wie ein Blitz durchzuckte.
Auch jetzt glaubte er, ganz wie damals, daß er allein im Zimmer sei und blieb vor demselben Spiegel stehen. Ganz wie damals stand ich dort, von ihm unbemerkt, mit einem feindseligen unangenehmen Gefühl. Als ich ihn aber dieses Liedchen summen hörte (ein Lied von ihm, von dem man alles eher als das hätte erwarten können!) und vor Überraschung wie gelähmt stehenblieb, als mir in diesem Augenblicke blitzartig die Ähnlichkeit mit dem einen von mir als Kind erlebten Augenblick einfiel – da, ich kann es nicht wiedergeben, was für eine Empfindung mir plötzlich messerscharf ins Herz schnitt. Alle meine Nerven zuckten davon zusammen und als Antwort auf dieses unglückselige Liedchen brach ich in ein solches Gelächter aus, daß der arme Sänger mit einem Aufschrei zwei Schritte weit vom Spiegel fortsprang und, bleich wie der Tod, wie ein schmachvoll auf frischer Tat ertappter Verbrecher, mich ansah, außer sich vor Schreck, vor Verblüffung und vor Wut. Sein Blick reizte mich krankhaft und ich antwortete auf ihn mit nervenschüttelndem, unersättlichem Lachen – ihm gerade ins Gesicht. Dann ging ich lachend an ihm vorüber und trat, ohne mit dem Lachen aufzuhören, bei Alexandra Michailowna ein. Ich wußte, daß er hinter der Portiere stand, daß er vielleicht unschlüssig war, ob er gleichfalls eintreten sollte oder nicht, daß Wut und Feigheit ihn an den Fleck bannten, wo er stand – und mit einer seltsam gereizten, herausfordernden Ungeduld erwartete ich, wozu er sich entschließen werde. Ich hätte wetten können, daß er nicht eintreten werde, und ich hätte meine Wette gewonnen. Er kam erst nach einer halben Stunde. Alexandra Michailowna sah mich lange Zeit mit größter Verwunderung an, doch sie fragte mich vergeblich nach der Ursache meiner Erregung. Ich konnte nicht antworten, ich war zu atemlos. Endlich begriff sie, daß ich einen Nervenanfall gehabt hatte, und ihre Augen folgten mir beunruhigt. Als ich mich etwas erholt hatte, erfaßte ich ihre Hände und bedeckte sie mit Küssen. Jetzt erst besann ich mich und jetzt erst sagte ich mir, daß ich sie getötet hätte, wenn das zufällige Zusammentreffen mit ihrem Mann nicht gewesen wäre. Ich sah sie an, als sähe ich in ihr eine Auferstandene.
Pjotr Alexandrowitsch trat herein.
Ich blickte flüchtig zu ihm hin: er sah aus, als sei nichts geschehen, also düster und verschlossen wie gewöhnlich. Es fiel mir nur auf, daß er sehr bleich war und ich sah seine Mundwinkel zucken: da erriet ich, daß er seine Erregung nur mit Mühe verbarg. Kühl grüßte er Alexandra Michailowna und setzte sich schweigend auf seinen Platz. Seine Hand zitterte ein wenig, als er die Tasse in Empfang nahm. Ich erwartete einen Zornesausbruch und eine stumme Angst erfaßte mich. Ich wollte schon hinausgehen, konnte mich aber nicht entschließen, Alexandra Michailowna, deren Gesicht sich beim Anblick ihres Mannes verändert hatte, zu verlassen. Sie hatte gleichfalls ein Vorgefühl, das ihr nichts Gutes verhieß. Und das, was ich mit solcher Angst erwartete, geschah denn auch endlich.
Inmitten des tiefsten Schweigens sah ich auf und mein Blick begegnete den Brillengläsern Pjotr Alexandrowitschs, die geradeaus auf mich gerichtet waren. Das war so überraschend, weil so ungewohnt, daß ich zusammenzuckte, fast einen Schrei ausstieß, und die Augen niederschlug. Alexandra Michailowna bemerkte meinen Schreck.
„Was ist mit Ihnen? Warum erröten Sie?“ fragte Pjotr Alexandrowitsch schroff und fast grob.
Ich schwieg; mein Herz klopfte so stark, daß ich kein Wort hätte hervorbringen können.
„Weshalb ist sie errötet? Weshalb errötet sie immer?“ fragte er, sich an Alexandra Michailowna wendend, indem er frech auf mich wies.
Mein Unwille benahm mir den Atem. Ich warf einen flehenden Blick Alexandra Michailowna zu. Sie verstand mich. In ihre bleichen Wangen stieg edle Röte.
„Annjeta,“ sagte sie zu mir mit so fester Stimme, wie ich sie von ihr unter keinen Umständen erwartet hatte, „geh auf dein Zimmer, ich werde sogleich zu dir kommen; den Abend werden wir zusammen verbringen ...“
„Ich frage Sie, haben Sie mich gehört oder nicht?“ unterbrach Pjotr Alexandrowitsch mit erhobener Stimme, als höre er gar nicht, was seine Frau sagte. „Weshalb erröten Sie, wenn Sie mir begegnen? Antworten Sie!“
„Weil Sie sie erröten machen und mich gleichfalls,“ antwortete statt meiner Alexandra Michailowna, vor Aufregung stockend.
Ich blickte erstaunt zu ihr auf. Die Schärfe ihrer Entgegnung schon gleich zu Anfang war mir ganz unverständlich.
„_Ich_ mache Sie erröten, _ich_?“ fragte Pjotr Alexandrowitsch, wie es schien auch über alle Maßen erstaunt und das „Ich“ stark betonend. „Für _mich_ sind _Sie_ errötet? Ja kann _ich_ denn überhaupt _Sie_ für _mich_ erröten machen? An wem ist es, an _mir_ oder an _Ihnen_, zu erröten, was meinen Sie?“
Diese Frage war so deutlich, auch für mich, und mit so gehässigem beißenden Spott gesagt, daß ich vor Entsetzen aufschrie und zu Alexandra Michailowna stürzte. Überraschung, Schmerz, Vorwurf und Entsetzen sprachen aus ihrem todbleichen Gesicht. Ich blickte flehend auf Pjotr Alexandrowitsch und faltete die Hände, um ihn zu beschwören. Wie es schien, war er selber etwas erschrocken, doch die Wut, die ihm diese Worte entrissen, war noch nicht vergangen. Aber meine stumme Bitte schien ihn doch einigermaßen zu verwirren. Meine Geste mußte verraten, daß ich schon vieles von dem wußte, was zwischen ihnen ein Geheimnis gewesen war und daß ich den Sinn seiner Worte sehr gut verstanden hatte.
„Annjeta, geh auf dein Zimmer,“ wiederholte Alexandra Michailowna mit schwacher, jedoch fester Stimme und sie erhob sich vom Stuhl, „ich habe dringend mit Pjotr Alexandrowitsch zu sprechen ...“
Sie war anscheinend ruhig; doch diese Ruhe beängstigte mich mehr als jede Aufregung es vermocht hätte. Ich stand, als habe ich ihre Worte nicht gehört, und rührte mich nicht vom Fleck. Ich sah sie an und versuchte mit Anspannung aller Kräfte aus ihrem Gesicht zu erraten, was in ihrer Seele vorging. Es schien mir, daß sie weder meinen Ausruf, noch meine Geste richtig verstanden hatte.
„Da sehen Sie jetzt Ihr Werk!“ sagte Pjotr Alexandrowitsch, auf seine Frau weisend.
Mein Gott! Noch niemals hatte ich eine solche Verzweiflung gesehen, wie ich sie jetzt in diesem vor Gram todmüden, gleichsam erstorbenen Gesicht, sah. Er faßte mich am Handgelenk und führte mich zur Tür. Im Hinausgehen blickte ich mich noch einmal nach ihnen um. Alexandra Michailowna stand am Kamin, die Ellenbogen aufgestützt, den Kopf zwischen beiden Händen, mit denen sie ihn krampfhaft zusammenpreßte. Die ganze Stellung ihres Körpers drückte unerträgliche Qual aus. Ich griff nach Pjotr Alexandrowitschs Hand und drückte sie flehend.
„Um Gottes willen! Um Gottes willen!“ flüsterte ich stockend, „haben Sie Erbarmen mit ihr!“
„Fürchten Sie sich nicht, fürchten Sie sich nicht!“ sagte er und sah mich dabei eigentümlich an. „Das ist nichts, nur ein Anfall. Gehen Sie, gehen Sie.“
In meinem Zimmer warf ich mich auf das Sofa und vergrub das Gesicht in den Händen. Ganze drei Stunden verblieb ich in dieser Stellung und in der Zeit stand ich Höllenqualen aus. Schließlich konnte ich mich doch nicht mehr bezwingen und ließ fragen, ob ich zu Alexandra Michailowna kommen dürfe. Die Antwort brachte mir Madame Léotard. Pjotr Alexandrowitsch ließ mir durch sie sagen, daß der Anfall überstanden und eine Gefahr nicht vorhanden sei, doch bedürfe sie noch der Ruhe. Ich blieb aber trotzdem bis drei Uhr nachts auf und ging ruhelos in meinem Zimmer hin und her. Meine Gedanken arbeiteten. Ich befand mich in einer Lage, die mir rätselhafter als jemals war, aber ich fühlte mich gewissermaßen ruhiger – vielleicht deshalb, weil ich mich am schuldigsten von allen fühlte. In ungeduldiger Erwartung des nächsten Morgens ging ich zu Bett.
Am anderen Tage bemerkte ich zu meinem großen Kummer eine mir unerklärliche Kälte im Wesen Alexandra Michailownas. Zuerst glaubte ich, das sei nur deswegen, weil es ihrem reinen, vornehmen Herzen schwer werde, nach der Szene mit ihrem Mann, deren Zeugin ich gewesen war, mit mir zusammen zu sein. Ich wußte, daß dieses Kind imstande war, vor mir zu erröten und _mich_ womöglich noch um Verzeihung zu bitten, weil diese unglückliche Szene _meinem_ Herzen weh getan. Bald aber bemerkte ich an ihr so etwas wie eine bestimmte Sorge, wie einen Unwillen, der einen einzigen bestimmten Grund zu haben schien und sich nun in verschiedenen Formen äußerte: bald antwortete sie trocken und kühl, bald klang aus ihren Worten ein gewisser Doppelsinn, als wolle sie etwas Besonderes andeuten; dann wurde sie wiederum sehr lieb und gut zu mir, als bereue sie diese Schroffheit und Kälte, die ihr Herz ja doch nicht lange für mich empfinden konnte, und ihre freundlichen leisen Worte suchten den Eindruck zu verwischen und verrieten, daß ihre Unfreundlichkeit ihr von Herzen leid tat. Schließlich fragte ich sie ganz offen, was mit ihr sei und ob sie mir vielleicht etwas zu sagen habe. Meine plötzliche schnelle Frage verwirrte sie ein wenig, doch sofort sah sie wieder auf, sah mich mit großen, stillen Augen und einem zarten Lächeln an und fragte mich:
„Nichts, Njetotschka; nur, weißt du, als du mich so plötzlich fragtest, da geriet ich in Verwirrung. Aber das geschah nur deshalb, weil es so plötzlich kam ... ich versichere dir. Doch höre, sage mir die Wahrheit, mein Kind: hast du nicht so etwas auf dem Herzen, wovon du ebenso verwirrt werden könntest, wenn man dich ebenso plötzlich und unerwartet danach fragen würde?“
„Nein,“ antwortete ich, und sah sie mit hellen Augen offen an.