Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Part 22

Chapter 223,889 wordsPublic domain

„Du wirst mich nicht vergessen, sagtest Du – und ich glaube Dir, und von nun an ist mein ganzes Leben in diesen Deinen Worten. Wir müssen uns trennen, unsere Stunde hat geschlagen. Das wußte ich längst, meine stille, meine traurige Schönheit, aber erst jetzt habe ich es begriffen. Während der ganzen Zeit, die _uns_ gehörte, seitdem Du mich liebtest, hat mein Herz mich geschmerzt und gezittert um unsere Liebe, und – wirst Du’s glauben? – jetzt ist mir leichter! Ich wußte es schon längst, daß es so enden werde, so war es schon vor uns bestimmt. Das ist Schicksal. Und weißt Du, laß es mich Dir sagen, Alexandra: wir waren _nicht ebenbürtig_; das habe ich immer, _immer_ gefühlt! Ich war Deiner nicht wert, und ich, ich allein müßte die Strafe für mein durchlebtes Glück tragen! Sag’, was war ich im Vergleich mit Dir, bevor ich Dich kennen lernte? Gott! nun sind schon zwei Jahre darüber vergangen und ich bin immer noch wie von Sinnen; ich kann es bis jetzt noch nicht begreifen, daß _Du mich_ lieben konntest! Ich verstehe nicht, wie es zwischen uns so weit kam, womit es begann. Erinnerst Du Dich noch, was ich war im Vergleich mit Dir? War ich denn Deiner wert, was war an mir, wodurch zeichnete ich mich aus? Bevor ich Dich kennen lernte, war ich roh und einfältig, und mein Aussehen traurig und düster. Ein anderes Leben wünschte ich nicht, ich rief es weder, noch wollte ich es rufen. Alles in mir war niedergedrückt und ich kannte in der ganzen Welt nichts Wichtigeres, als meine tägliche Arbeit. Ich hatte nur eine Sorge – das war der nächste Tag; doch selbst zu dieser verhielt ich mich gleichmütig. Früher, ja, einmal vor langer Zeit, da hatte ich wohl etwas Ähnliches erträumt und wie ein Narr phantastische Schlösser gebaut. Seitdem aber war viel, viel Zeit vergangen und ich richtete mich so gut es ging in meinem Leben ein, lebte einsam, verschlossen, ruhig und sogar ohne die Kälte zu fühlen, die mein Herz erstarren ließ. Und so verstummte es. Ich wußte doch, daß für mich nie eine andere Sonne aufgehen werde, und ich glaubte daran und murrte nicht, denn ich begriff, daß es _so sein mußte_. Als Du an mir vorübergingst, wußte ich nicht, daß ich es wagen durfte, meine Augen zu Dir zu erheben. Ich war wie ein Sklave vor Dir. Mein Herz bebte nicht neben Dir, es sehnte sich nicht und verhieß mir nichts von Dir: es war ruhig. Meine Seele erkannte die Deine nicht, wenn es in ihr auch leicht war neben ihrer schönen Schwester. Das weiß ich; das fühlte ich dumpf. Das konnte ich fühlen, denn selbst in das letzte Stäubchen dringt Gottes Sonnenlicht und wärmt und liebkost es ebenso wie die schönste Blume, neben der es in wunschloser Demut fröstelt. Als ich aber alles erfuhr, weißt Du noch, nach jenem Abend, nach jenen Worten, die meine Seele bis auf den Grund erschütterten – da war ich wie geblendet, bestürzt, alles verwirrte sich in mir, und – was glaubst Du? – ich war so betroffen, ich traute mir so wenig, daß ich Dich nicht verstand! Davon habe ich Dir nie etwas gesagt. Du wußtest nichts; nicht so war ich früher, wie Du mich kennen lerntest. Wenn ich gekonnt hätte, wenn ich gewagt hätte, zu sprechen, so hätte ich Dir längst alles gestanden. Doch ich schwieg, jetzt aber werde ich Dir alles sagen, denn Du sollst wissen, wen Du verlierst, von was für einem Menschen Du Dich trennst. Weißt Du auch, wie ich Dich anfangs verstand? Die Leidenschaft erfaßte mich wie ein Feuer, wie ein Gift ergoß sie sich in mein Blut; sie verwirrte alle meine Gedanken und Gefühle, ich war wie von schwerem Wein berauscht, wie im Dunst ging ich umher und auf Deine reine _mitleidige_ Liebe antwortete ich nicht wie ein Ebenbürtiger einer Ebenbürtigen, nicht wie einer, der Deiner reinen Liebe wert wäre, sondern besinnungslos, herzlos. Ich erkannte Dich nicht. Ich antwortete Dir wie einer, die sich in meinen Augen _bis zu mir vergaß_, und nicht wie einer, die mich bis zu sich erheben wollte. Weißt Du, was ich von Dir dachte, was das für mich bedeutete: _die sich bis zu mir vergaß_? Doch nein, ich werde Dich nicht mit meinem Geständnis beleidigen; nur eines will ich Dir sagen: Du hast Dich bitter in mir getäuscht! Niemals, niemals konnte ich mich bis zu Dir erheben. Ich konnte Dich nur unnahbar anschauen, Dein Wesen geistig erfassen in meiner schrankenlosen Liebe. Meine Leidenschaft aber war nicht Liebe. Liebe fürchtete ich; ich wagte nicht, Dich zu lieben. In der Liebe – ist Gemeinsamkeit, Gleichheit, ihrer aber war ich nicht wert ... Oder ich weiß nicht, was mit mir war! Oh! wie soll ich mich nur ausdrücken, um von Dir verstanden zu werden ... Ich glaubte anfangs nicht ... Oh! weißt Du noch, als meine erste Erregung sich gelegt und mein Blick sich geklärt hatte, als mir nur ein reines, makelloses Gefühl geblieben war – da war meine erste Empfindung Verwunderung, Verwirrung, Furcht und – weißt Du noch – wie ich mich plötzlich aufschluchzend Dir zu Füßen warf? Weißt Du noch, wie Du verwirrt, erschrocken, mit Tränen in den Augen mich fragtest, was mit mir sei? Ich schwieg, ich konnte Dir nicht antworten; aber meine Seele zerriß sich in Stücke. Mein Glück bedrückte mich wie eine unerträgliche Last und mein Schluchzen sprach: „Wofür das? Womit habe ich das verdient? Wofür mir dieses Glück? Meine Schwester, meine Schwester!“ Oh! und wie oft – Du merktest es nicht – wie oft habe ich heimlich Dein Kleid geküßt, heimlich, denn ich wußte, daß ich Deiner nicht wert war, – und es benahm mir den Atem, mein Herz schlug langsam und stark, als wolle es stehenbleiben und das – für immer. Wenn ich Deine Hand nahm, erbleichte ich und zitterte; Du verwirrtest mich mit Deiner Reinheit. Nein, ich verstehe nicht – das alles auszudrücken, wovon meine Seele erfüllt war und was sich so mächtig in Worten aus ihr herausdrängen will! Weißt Du auch, daß es mir oft schwer war, Deine mitleidige, gleichmäßige Zärtlichkeit zu ertragen, daß sie mir eine Qual war? Als Du mich küßtest (das tatest Du einmal, und ich werde es nie vergessen), da umflorte sich mein Blick und mein Geist versank wie in einem dunklen Nebel. Warum starb ich nicht in diesem Augenblick zu Deinen Füßen? Sieh, ich sage zum erstenmal „Du“ zu Dir, und doch hast Du es schon so oft von mir verlangt, schon vor langer Zeit. Wirst Du verstehen, was ich sagen will? Ich will Dir _alles_ sagen und sage Dir dies: ja, Du liebst mich, mit einer großen Liebe, Du liebtest mich wie eine Schwester ihren Bruder; Du liebtest mich wie Dein Geschöpf, denn durch Dich ist mein Herz auferstanden, Du hast meinen Geist aus dem Schlaf geweckt und ihn mit süßer Hoffnung erfüllt; ich aber konnte es nicht, wagte es nicht ... ich habe Dich nie meine Schwester genannt, weil ich nicht Dein Bruder sein konnte, weil wir ungleich waren, weil Du Dich in mir täuschtest!

Doch Du siehst, ich schreibe nur von mir; selbst jetzt in dieser Stunde des Elends, denke ich nur an mich, obschon ich weiß, daß Du Dich um mich quälst. Oh, quäle Dich nicht meinetwegen, meine liebe Freundin! Wenn Du wüßtest, wie ich jetzt in meinen eigenen Augen erniedrigt bin! All das ist an den Tag gekommen und – wieviel Lärm um nichts! Du wirst statt meiner verstoßen, Dich straft man mit Verachtung, mit Spott, denn ich stehe ja so niedrig in den Augen der Menschen! Oh, wie groß ist meine Schuld, daß ich Deiner nicht wert war! Hätte ich Rang und Titel oder persönlichen Wert in ihren Augen, wenn ich ihnen mehr Achtung einflößte – dann würden sie Dir verzeihen! Ich aber bin nichts, bin wertlos, bin lächerlich, noch Niederigeres aber als das Lächerliche gibt es nicht. Denn – _wer_ sind sie, die da schreien? Gerade deshalb, weil _diese_ schon schrien, verlor ich den Mut – ich war von jeher schwach. Weißt Du, in welch einer Stimmung ich jetzt bin? – ich lache über mich selbst und ich glaube, sie haben recht, wenn sie sagen, ich sei mir selbst verhaßt und in meinen eigenen Augen lächerlich. Ich hasse sogar mein Gesicht, meine Gestalt, alle meine Angewohnheiten, alle meine ungeschickten Bewegungen; ich habe sie immer gehaßt! Oh, vergib mir meine rohe Verzweiflung! Aber Du selbst hast mich gelehrt, Dir alles zu sagen. Ich habe Dich ins Unglück gestürzt, durch mich bist Du ihrem Spott und Gelächter verfallen – weil ich Deiner nicht wert war!

Und dieser eine Gedanke quält mich; er klopft unaufhörlich in meinem Gehirn und foltert und zerreißt mein Herz. Und immer scheint es mir, daß Du gar nicht _den_ Menschen geliebt hast, der ich war, sondern einen, den nur Du in mir sahst –: daß Du Dich getäuscht hast in mir. Das ist es, was mich schmerzt, das ist es, was mich jetzt quält, was mich zu Tode quälen wird: oder aber – ich werde darüber wahnsinnig!

Ich muß Abschied von Dir nehmen, Abschied! Jetzt, wo alle es wissen, wo ihr Geschrei und ihr scharfes Urteil ertönt (ich habe es gehört!), jetzt, wo ich klein und erniedrigt bin in meinen eigenen Augen und mich vor mir selber schäme, ja wo ich mich sogar für Dich schäme, wegen Deiner Wahl, wo ich mich verflucht habe, – jetzt muß ich verschwinden um Deiner Ruhe willen. So verlangt man es, und Du wirst mich nie mehr wiedersehen, nie mehr. So muß es auch sein, so ist es vom Schicksal bestimmt! Es hat mir gar zu viel gegeben; wohl aus Versehen; und jetzt macht es seinen Irrtum gut, indem es mir alles wieder nimmt. Unsere Wege haben sich gekreuzt, wir lernten uns kennen, und nun gehen wir auseinander bis zu einem neuen Wiedersehen! Wo wird das sein, wann wird das sein? Oh, sag’ mir, Du Liebe, wo werden wir uns wiedersehen, wo kann ich Dich finden, wie kann ich Dich verstehen lernen – und wirst auch Du mich dann verstehen? Meine Seele ist so voll von Dir! Oh, wofür, wofür das uns? Warum gehen wir auseinander? Belehre mich – ich begreife das nicht, ich werde es nie begreifen, ich kann es nicht – lehre Du mich, wie man das Leben in zwei Hälften brechen, wie man das Herz sich aus der Brust reißen und ohne Herz leben kann! Wenn ich daran denke, daß ich Dich nie mehr sehen werde, nie mehr, nie mehr! ...

Gott, was für ein Geschrei sie erhoben haben! wie ich jetzt für Dich fürchte! Vor einer Stunde habe ich mit Deinem Mann gesprochen: wir sind beide seiner nicht wert, obschon wir schuldlos vor ihm sind. Er weiß alles; er sieht uns so, wie wir sind, und er begreift alles, auch früher schon ist ihm alles klar gewesen. Und jetzt ist er wie ein Held für Dich eingetreten. Er wird Dich gegen ihr Geschrei verteidigen und beschützen; er liebt und achtet Dich grenzenlos; er ist Dein Retter, während ich verschwinde! ... Ich wollte ihm die Hände küssen! ... Er sagte mir, ich solle unverzüglich verreisen. Es ist schon beschlossen! Es heißt, er habe Deinetwegen mit ihnen allen gebrochen; dort sind ja alle gegen Dich. Man wirft ihm zu große Nachsicht und Schwäche vor. Mein Gott! Was sie nicht alles von Dir reden! Und dabei wissen sie nichts! _Sie können ja nicht, sie sind nicht fähig_, die Wahrheit zu begreifen! Vergib, vergib ihnen, Du Arme, wie auch ich ihnen vergebe. Mir aber haben sie mehr genommen als Dir!

Ich weiß nicht – nein, ich weiß nicht, was ich Dir schreibe. Was sagte ich Dir gestern beim Abschied? Ich habe doch alles vergessen. Ich war wie von Sinnen – Du weintest ... Vergib mir diese Tränen! Ich bin so schwach, so kleinmütig!

Ich wollte Dir noch etwas sagen ... Oh! Noch einmal Deine Hände küssen, mit diesen Tränen benetzen, die hier auf dem Papier meine Worte verwischen! Noch einmal zu Deinen Füßen sitzen! Wenn _sie_ nur wüßten, wie rein und gut Dein Gefühl war! Aber sie sind ja blind; ihre Herzen sind stolz und hochmütig; sie sehen nicht und werden das niemals sehen. Denn _sie haben das nicht, womit man sieht_! Sie werden es nie glauben, daß Du schuldlos bist, auch wenn die ganze Welt es ihnen schwören sollte. Wie sollten sie auch das begreifen! Und doch werden sie mit Steinen nach Dir werfen! Wessen Hand wird die erste sein? Oh, die werden nicht zaudern, tausend Steine werden sie aufheben! Ja, sie werden sich dazu erdreisten, weil sie wissen, wie man das macht. Sie werfen alle zugleich und sagen, sie selber seien schuldlos, deshalb dürften sie es! Oh, wenn sie wüßten, was sie tun! Wenn man ihnen nur alles sagen könnte, alles, rückhaltlos alles, damit sie es hören, sehen, begreifen und sich überzeugen könnten! Doch nein, sie sind nicht so schlecht ... Ich rede in meiner Verzweiflung ... – vielleicht verleumde ich sie! Vielleicht stecke ich Dich mit meiner Angst um Dich an! Nein, fürchte sie nicht, fürchte sie nicht, Du Liebe! Man wird Dich verstehen lernen; wenigstens hat einer Dich schon begriffen: Dein Mann. Also hoffe!

Leb’ – leb’ wohl! _Ich danke Dir nicht!_ Für immer leb’ wohl.

S. O.“

Meine Verwirrung war so groß, daß ich lange Zeit nicht wußte, was in mir vorging. Ich war erschüttert, erschrocken. Die Wirklichkeit traf mich gar zu plötzlich, gar zu unerwartet mitten in dem lustigen Leben meiner Träumereien, wie ich es schon drei Jahre lang lebte. Mit Schrecken wurde ich gewahr, daß ich ein großes Geheimnis in meinen Händen hielt und daß dieses Geheimnis mein ganzes Leben in Fesseln schlug ... wie? – das wußte ich selbst noch nicht. Ich fühlte, daß in diesem Augenblick eine neue Zukunft für mich begann. Jetzt war ich ungewollt eine nahe, gar zu nahe Teilhaberin an dem Leben und den Beziehungen jener Menschen, die noch die ganze mich umgebende Welt ausmachten, und ich fürchtete für mich. Als was würde ich in ihr Leben eintreten, ich, die Ungerufene, ich, die ihnen Fremde? Was würde ich ihnen bringen? Was wird jemals diese Fessel lösen können, die mich so plötzlich an ein fremdes Geheimnis kettete? Wer konnte das wissen? Vielleicht wird meine neue Rolle sowohl für sie wie für mich qualvoll sein? Ich konnte nicht schweigen oder diese Rolle nicht annehmen oder das, was ich erfahren, für alle Zeit in meinem Herzen verschließen. Aber was erwartete mich? Was sollte ich tun? Und schließlich – was hatte ich denn eigentlich erfahren? Tausend Fragen, alle noch unbestimmt und unklar, erhoben sich vor mir und bedrückten mein Herz unerträglich. Ich war wie verloren.

Dann kamen, erinnere ich mich, andere Minuten mit neuen, seltsamen, von mir noch nie empfundenen Eindrücken. Es war mir, als löse sich etwas in meiner Brust, als fiele die frühere Sehnsucht plötzlich von mir ab und als werde mein Herz langsam von etwas Neuem erfüllt, von dem ich noch nicht wußte, ob ich darüber trauern oder mich freuen sollte. Meine Stimmung in dem Augenblick glich derjenigen eines Menschen, der auf ewig sein Haus, sein früheres, ruhiges, sorgenloses Leben verläßt, um sich auf einen weiten unbekannten Weg zu begeben, und der sich nun zum letztenmal im Kreise umschaut und in Gedanken von allem Abschied nimmt, während es dem Herzen bitter weh ist in einer bangen Vorahnung all des Unbekannten und Traurigen und vielleicht auch Feindseligen der Zukunft, in die ihn sein neuer weiter Weg hineinführt. Zuletzt brach ich in Tränen aus und das krampfhafte Weinen erleichterte mein Herz. Ich hatte das Bedürfnis, jemanden zu sehen, zu hören, ihn fest, krampfhaft zu umarmen. Jetzt konnte, jetzt wollte ich nicht mehr allein bleiben; ich lief zu Alexandra Michailowna und verbrachte den ganzen Abend bei ihr. Wir waren allein. Ich bat sie, nicht zu spielen, und weigerte mich, trotz ihrer Bitten, ihr etwas vorzusingen. Ich fühlte mich bedrückt und konnte mich zu nichts sammeln. Ich glaube, wir weinten beide. Wenigstens soweit ich mich erinnere, erschrak sie über meine Stimmung und redete mir in Sorge zu, mich doch zu beruhigen, und mich nicht aufzuregen. Sie beobachtete mich angstvoll und versicherte mir, ich sei krank und müsse mich mehr schonen. Ich verließ sie gequält und wie mit mir selbst zerfallen. Ich war halb bewußtlos und fieberte, als ich zu Bett ging.

Es vergingen mehrere Tage, bevor ich aus diesem Zustande mich herausfand, gleichsam erwachte und meine Lage klarer übersehen konnte. Damals lebten wir ganz einsam, denn Pjotr Alexandrowitsch war in einer besonderen Angelegenheit nach Moskau gereist und blieb dort drei Wochen. Alexandra Michailowna hatte aber trotz dieser kurzen Zeit der Trennung schreckliche Sehnsucht nach ihm. Zuweilen war sie innerlich ruhiger, schloß sich aber dennoch in ihr Zimmer ein, woraus ich ersah, daß ich ihr lästig war. Aber auch ich hatte das Verlangen nach Einsamkeit. Meine Gedanken arbeiteten mit geradezu krankhafter Angespanntheit und doch kam ich wie aus einem Nebel nicht heraus. Dann verfiel ich wiederum für ganze lange Stunden einem quälenden, nicht abzuschüttelnden Sinnen, das wie ein Traum über mich kam. Und es war mir dann, als lache jemand leise über mich, als habe sich etwas in mir niedergelassen, was mir jeden Gedanken verwirrte und vergiftete. Ich konnte die quälenden Bilder nicht loswerden, die jeden Augenblick vor mir auftauchten und mir keine Ruhe gaben. Ich sah ein langes, trostloses Martyrium, ein Opfer, das still und ruhig und klaglos und – umsonst gebracht wurde. Es schien mir, daß derjenige, dem dieses Opfer galt, sie verachtete und über sie lachte. Es schien mir, daß ich einen Sünder sah, der einem Gerechten Sünden vergab, und mein Herz riß in Stücke! Gleichzeitig aber wollte ich mich mit aller Gewalt von meinem Verdacht befreien; ich verfluchte diesen Verdacht und haßte mich selbst, weil alle meine Überzeugungen keine Überzeugungen waren, sondern nur Vorahnungen, und weil ich meine Eindrücke und Empfindungen vor mir selber nicht rechtfertigen konnte.

Dann wieder erinnerte ich mich all jener Sätze, dieser letzten hervorgestoßenen Worte des furchtbaren Abschieds. Ich stellte mir diesen Abschied vor, den – _unebenbürtigen_; ich bemühte mich, den ganzen qualvollen Sinn dieses Wortes zu erfassen: „unebenbürtig“. Und furchtbar erschütterte mich dieser letzte verzweifelte Abschiedsgruß: „Ich bin lächerlich und schäme mich selber Deiner Wahl.“ Was war das? Was sind das für Menschen? Wonach sehnen sie sich, was quält sie, was haben sie verloren? Und ich überwand mich und las nochmals mit angespannter Aufmerksamkeit diesen Brief, der soviel Verzweiflung enthielt, dessen Sinn mir aber so fremd war, so unbegreiflich. Doch der Brief sank mir aus der Hand und eine aufrührerische Erregung bemächtigte sich meines Herzens ... Das alles mußte ja einmal seine Lösung finden, aber ich sah den Ausweg nicht oder ich fürchtete ihn!

Ich war fast krank, als eines Tages die Reiseequipage Pjotr Alexandrowitschs in den Hof fuhr. Er war aus Moskau zurückgekehrt. Alexandra Michailowna eilte außer sich vor Freude ihrem Mann entgegen, ich aber blieb wie gelähmt stehen. Ich weiß noch, daß ich selber bis zum Schreck über meine plötzliche Erregung betroffen war. Ich hielt das nicht lange aus und lief auf mein Zimmer. Ich begriff nicht, was mich so erschreckt hatte, aber die Tatsache, daß ich erschrocken war, flößte mir Furcht ein. Nach einer Viertelstunde wurde ich gerufen und ich erhielt einen Brief vom Fürsten. Im Salon erblickte ich noch einen Unbekannten, der mit Pjotr Alexandrowitsch aus Moskau angekommen war, und aus einzelnen Worten, die ich aus dem Gespräch auffing, verstand ich nur so viel, daß er für lange Zeit bei uns bleiben werde. Das war der Bevollmächtigte des Fürsten, der in irgendwelchen wichtigen Angelegenheiten der fürstlichen Familie, die bis dahin in den Händen Pjotr Alexandrowitschs geruht hatten, nunmehr nach Petersburg übersiedelte. Er war es, der mir den Brief des Fürsten übergab und sagte, die Prinzeß habe mir gleichfalls schreiben wollen und noch bis zum letzten Augenblick versichert, daß sie den Brief unbedingt schreiben werde, aber zu guter Letzt habe sie ihn doch mit leeren Händen abreisen lassen und ihn gebeten, mir mündlich folgendes zu sagen: daß sie mir entschieden nichts zu schreiben habe, sie habe ganze fünf Briefbogen zerrissen, und sei zu der Überzeugung gekommen, daß in einem Brief sich doch nichts sagen ließe, wir müßten eben von neuem Freundschaft schließen; und ferner solle er mich versichern, daß uns ein baldiges Wiedersehen bevorstehe. Auf meine ungeduldige Frage, wann das sein werde, antwortete mir der fremde Herr, daß die ganze fürstliche Familie allerdings die Absicht habe, bald nach Petersburg zurückzukehren, und vermutlich werde das auch geschehen. Meine Freude darüber war so groß, daß ich nicht wußte, was ich tun oder sagen sollte, und ich ging schnell nach oben auf mein Zimmer, schloß mich ein und erbrach unter Tränen den Brief des Fürsten. Der Fürst verhieß mir ein baldiges Wiedersehen mit ihm und Katjä und gratulierte mir tief gerührt zu meinem Talent; zum Schluß gab er mir seinen Segen und versprach, für meine Zukunft zu sorgen. Ich weinte, während ich den Brief las; doch zu den Tränen gesellte sich eine so unerträgliche Traurigkeit, daß ich, wie ich mich erinnere, um mich selber in Angst geriet. Ich wußte nicht, was mit mir geschah.

Es vergingen ein paar Tage. In dem Zimmer zwischen dem meinigen und der Bibliothek, wo früher Pjotr Alexandrowitschs Sekretär und Gehilfe gearbeitet hatte, arbeitete jetzt jeden Vormittag und häufig auch abends bis nach Mitternacht der neuangekommene Herr. Oft schlossen er und Pjotr Alexandrowitsch sich im Kabinett des letzteren ein und arbeiteten zusammen. An einem Nachmittage bat mich Alexandra Michailowna, zu ihrem Mann ins Kabinett zu gehen und ihn zu fragen, ob er zum Tee zu uns kommen werde. Im Kabinett war niemand, doch in der Annahme, daß er bald zurückkehren werde, blieb ich dort und wartete. An der Wand hing sein Porträt. Ich erinnere mich noch, daß ich zusammenfuhr, als ich plötzlich dieses Bild erblickte, um es dann mit einer mir selbst unbegreiflichen Erregung zu betrachten. Es hing ziemlich hoch und die Dämmerung machte es noch undeutlicher; um es nun besser zu sehen, zog ich einen Stuhl heran und stieg auf ihn hinauf. Ich wollte etwas aufdecken, ja es war, als hoffte ich, eine Antwort auf meine Zweifel und Fragen zu finden, und ich weiß noch, daß mir vor allem die Augen an diesem Porträt auffielen. Zugleich fiel es mir auch ein, daß ich noch niemals die Augen dieses Menschen gesehen hatte: er verbarg sie immer hinter den Brillengläsern.

Schon als Kind hatte ich seinen Blick nicht gemocht, und zwar infolge eines unerklärlichen, seltsamen Vorurteils, das ich aber jetzt gleichsam als gerechtfertigt empfand. Meine Phantasie war beeinflußt. Plötzlich schien es mir, daß die Augen des Bildes sich verwirrt abwandten, um meinem forschenden, prüfenden Blick auszuweichen, daß sie ihn krampfhaft mieden, und daß Lüge und Betrug in diesen Augen waren; es schien mir, daß ich es erraten hatte, und eine geheime Freude, die ich selbst nicht begriff, antwortete in mir auf dieses Erraten. Ein halblautes „Ach!“ entschlüpfte mir unwillkürlich. Da war’s mir plötzlich, als sei noch jemand im Zimmer. Ich sah mich um: vor mir stand Pjotr Alexandrowitsch und betrachtete mich aufmerksam. Plötzlich errötete er. Ich wurde feuerrot und sprang vom Stuhl herab.

„Was tun Sie hier?“ fragte er mich streng. „Warum sind Sie hier?“

Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Doch ich nahm mich zusammen und brachte so gut es ging die Aufforderung Alexandra Michailownas hervor. Ich weiß nicht, was er mir antwortete; ich weiß auch nicht, wie ich das Kabinett verließ; als ich aber zu Alexandra Michailowna kam, da hatte ich die Antwort, auf die sie wartete, spurlos vergessen, und ich sagte aufs Geratewohl, ja, er werde kommen.

„Aber was ist mit dir, Njetotschka?“ fragte sie, „du bist ja ganz rot; sieh doch im Spiegel, wie du aussiehst ... Was fehlt dir, Kind?“

„Ich weiß nicht, ich bin schnell gegangen ...“ sagte ich.

„Und was hat denn Pjotr Alexandrowitsch gesagt?“ unterbrach sie mich etwas verwirrt.