Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held
Part 21
Dieses Leben war mein Geheimnis, und selbst nach ganzen drei Jahren wußte ich noch nicht, ob ich mich vor einer plötzlichen Aufdeckung desselben fürchten sollte oder nicht. Das, was ich in diesen drei Jahren erlebt hatte, stand mir gar zu nah, war schon zu sehr verwachsen mit mir! In allen diesen Träumen spiegelte ich mich selbst viel zu deutlich wider, so daß fremde Augen, gleichviel wessen Augen, durch einen unvorsichtigen Blick in meine Seele mich verwirrt und erschreckt hätten. Hinzu kam, daß wir alle im Hause so einsam lebten, so außerhalb der Gesellschaft, so klösterlich still, daß sich unwillkürlich in jedem von uns ein Innenleben, eine Konzentration auf sich selbst entwickeln mußte. Und das geschah denn auch mit mir. In diesen drei Jahren sah ich in meiner Umgebung nicht die geringste Veränderung: nach wie vor herrschte das farblose Einerlei, das, wie ich mir jetzt gestehe, wenn ich nicht von meinem geheimen Leben erfüllt gewesen wäre, ganz entschieden meine Seele zerrissen und mich aus diesem traurigen Kreise Gott weiß auf welchen Ausweg getrieben hätte. Madame Léotard alterte merklich und zog sich fast ganz in ihr Zimmer zurück; die Kinder waren noch so klein, daß sie nicht in Frage kamen; B. war gar zu einseitig und Alexandra Michailownas Gatte gar zu ernst, gar zu unnahbar und verschlossen. Zwischen ihm und seiner Frau herrschte immer noch dasselbe rätselhafte Verhältnis, das mich wie ein unheilvolles, düsteres Geheimnis immer mehr bedrückte und meine angstvolle Sorge um Alexandra Michailowna von Tag zu Tag vergrößerte. Ihr Leben, das so freudlos und farblos war, begann schon zu erlöschen. Ihr Zustand verschlimmerte sich mit jedem Tage. Von ihrer Seele hatte allmählich eine Art Verzweiflung Besitz ergriffen; etwas Unbestimmtes, worüber wohl auch sie keine Rechenschaft zu geben vermochte, schien lähmend auf ihr zu lasten, und sie trug es still, wie ein unvermeidliches Kreuz, das zu tragen sie für die kurze Zeit ihres Lebens nun einmal verurteilt war. Und doch schien es mir, als verstocke allmählich ihr Herz in dieser dumpfen Qual; ja selbst ihr ganzes Denken nahm eine andere Richtung und wurde düster, traurig, trostlos. Namentlich eine Beobachtung traf mich: es schien mir, daß sie, je älter ich wurde, sich um so mehr von mir entferne, so daß ihre Verschlossenheit mir gegenüber schließlich die Form einer gewissen Reizbarkeit annahm, die sich wie Ärger äußerte. Ja es gab Augenblicke, wo ich die Empfindung hatte, sie liebe mich überhaupt nicht mehr; ich schien ihr lästig zu sein. Deshalb begann auch ich mich von ihr zurückzuziehen, und nachdem das einmal geschehen, wurde ich von ihrer Verschlossenheit gleichsam angesteckt. So kam es denn, daß alles, was ich in diesen drei Jahren erlebte und was allmählich in mir reifte, mein Geheimnis blieb. Und da wir uns einmal voreinander verschlossen hatten, konnte ich ihr später nie mehr ganz offen mein Innerstes zeigen, obschon ich sie immer noch mehr lieben lernte. Ich kann jetzt nicht ohne Tränen daran denken, wie sehr sie an mir hing, wie sie sich in ihrem Herzen gelobt, ihren ganzen großen Liebesreichtum an mich zu verschwenden und wie sie ihrem Gelübde, mir eine Mutter zu sein, bis zum Tode treu blieb. Es ist wahr, das eigene Leid lenkte sie zuweilen für eine Zeitlang von mir ab und ich glaube, daß sie mich dann einfach vergaß – um so mehr, als ich mich nach Möglichkeit bemühte, sie nicht an mich zu erinnern. Inzwischen wurde ich sechzehn Jahre alt, ohne daß sie mein Heranwachsen gemerkt hätte. Aber in klareren Stunden, wenn sie bewußter um sich sah, war es doch, als erschrecke sie plötzlich: und sie ließ mich dann eilig aus meinem Zimmer, wo ich gewöhnlich gerade lernte, zu sich rufen, und überschüttete mich mit Fragen, wie um mich zu prüfen, zu ergründen – tagelang mußte ich dann bei ihr sitzen. Sie gab sich Mühe, alle meine Wünsche, alle meine Gefühlsregungen zu erraten und war offenbar in Sorge um mein Alter. Und wie sie sich um meine Gegenwart sorgte, so sorgte sie sich auch um meine Zukunft, und mit unerschöpflicher Liebe, ja geradezu mit Ehrfurcht vor meinem Leben suchte sie mich für alle Zeiten mit ihrer Hilfe auszurüsten. Doch wir waren uns innerlich schon fremd geworden und deshalb merkte sie es nicht, daß sie mitunter gar zu naiv vorging und ich ihre Absicht viel zu sehr durchschaute. So z. B., als sie einmal – das war schon nach meinem sechzehnten Geburtstag – in meinen Büchern gekramt hatte, fragte sie mich plötzlich, was ich lese, und als sie sah, daß es nur kleine Geschichten für etwa zwölfjährige Kinder waren, da erschrak sie. Ich erriet sofort, was sie erschreckt hatte, und beobachtete sie aufmerksam. Ganze zwei Wochen ließ sie es sich nun angelegen sein, mich vorzubereiten und zu prüfen und vor allem meinen Reifegrad festzustellen. Endlich entschloß sie sich: und auf unserem Tisch erschien „Ivanhoe“ von Walter Scott, ein Roman, den ich schon längst und mindestens dreimal gelesen hatte. Anfangs verfolgte sie mit ängstlicher Erwartung, welcher Art der Eindruck war, den ich empfing; bald jedoch wich diese Gespanntheit zwischen uns und wir begeisterten uns beide, und ich war froh, so froh, daß ich mich jetzt nicht mehr vor ihr zu verstellen brauchte! Als wir den Roman beendet hatten, war sie entzückt von mir. Jede Bemerkung, die ich während der Lektüre gemacht, jede Äußerung und Auffassung war richtig gewesen. Ja ihrer Meinung nach war ich sogar schon zu weit entwickelt. Überrascht und entzückt davon, machte sie sich nun wieder freudig daran, meine Entwicklung zu leiten; sie wollte sich nie mehr von mir trennen; doch das lag nicht in ihrer Macht. Das Schicksal trat sehr bald wieder trennend zwischen uns und verhinderte eine beiderseitige Annäherung. Dazu bedurfte es nur der ersten leisen Anwandlung ihrer Krankheit und ihr Leid siegte in ihrer Seele; und dann folgte wieder eine Entfremdung, wieder stand ihr Geheimnis, stand Mißtrauen zwischen uns, und vielleicht war es sogar wieder wie eine Verstockung von ihrer wie von meiner Seite, die sich zwischen uns schob.
Doch selbst dann gab es Augenblicke, die nicht in unserer Macht standen. Spannende Lektüre, ein sympathisches Wort, die Macht der Musik – und wir vergaßen uns, sprachen uns aus, oft sogar mehr als nötig, und dann fühlten wir uns bedrückt voreinander. Es war dann immer wie ein plötzliches Sichbesinnen und wir sahen uns wie erschrocken über uns selbst mit argwöhnischer Neugier und mit Mißtrauen an. Jede von uns hatte ihre Grenze, bis zu der sie sich der anderen nähern konnte; diese Grenze zu überschreiten wagten wir nicht, auch wenn wir es gewollt hätten.
Eines Nachmittags vor der Dämmerung las ich im Salon Alexandra Michailownas zerstreut in einem Buch. Sie saß am Flügel und improvisierte nach Motiven italienischer Musik. Als sie schließlich auf die Melodie einer bekannten Arie überging, begann ich, von der Musik, die mich gefangennahm, gleichsam dazu aufgefordert, leise die Melodie mitzusingen. Die Musik bezauberte mich und ich stand plötzlich auf und trat an den Flügel. Alexandra Michailowna schien meinen Wunsch zu erraten und ging auf die Begleitung über, liebevoll jedem Ton meiner Stimme folgend. Es war, als sei sie durch die Stärke meiner Stimme überrascht. Ich hatte bis dahin noch nie in ihrer Gegenwart gesungen, ja und auch ich wußte noch nicht, ob ich überhaupt irgendwelche Stimmittel besaß. Jetzt aber waren wir plötzlich beide wie von einem Geist erfüllt. Ich hob die Stimme mehr und mehr, eine mir bis dahin unbekannte Energie erwachte in mir, eine Leidenschaft, die von Alexandra Michailownas freudiger Verwunderung, die ich aus jedem Takt ihrer Begleitung heraushörte, noch geschürt wurde. Und der Schluß der Arie gelang mir so gut, ich war so beseelt, so hingerissen von dem Lied, daß sie ganz begeistert meine Hände ergriff und mich strahlend ansah:
„Annjeta! Aber du hast ja eine wundervolle Stimme!“ rief sie entzückt. „Mein Gott! und ich habe davon nichts gewußt!“
„Ja, ich habe es ja selbst jetzt erst bemerkt!“ versicherte ich, gleichfalls ganz erschüttert vor Freude.
„Ach, Gott segne dich, Gott segne dich, mein liebes, unschätzbares Kind! Danke Gott für diese Gabe! Wer weiß ... Ach, mein Gott, mein Gott!“ ...
Sie war so ergriffen von der Überraschung, so außer sich vor Freude, daß sie nicht wußte, was sie mir sagen, wie sie mir ihre Liebe zeigen sollte. Das war eine jener Stunden der Aufrichtigkeit, der Zuneigung und Annäherung, die es in der letzten Zeit schon lange nicht mehr zwischen uns gegeben hatte. Eine Stunde später war es wie ein Fest im Hause. Sie schickte sogleich zu B. und ließ ihn zu sich bitten. In der Erwartung seiner nahmen wir ein anderes Lied vor, das mir bekannter war. Diesmal zitterte ich vor Angst. Ich wollte nicht durch einen Mißerfolg den ersten Eindruck zerstören. Doch bald gab mir meine Stimme selbst wieder Mut und machte mich sicher. Ich sang und wunderte, wunderte mich über den Umfang meiner Stimme. Dieser zweite Versuch verscheuchte jeden Zweifel. Alexandra Michailowna wußte vor Freude nicht, wo sie sich lassen sollte, sie schickte nach den Kindern, sogar nach der Kinderfrau, und schließlich – ließ sie sich so weit hinreißen, daß sie zu ihrem Mann ging und ihn aus seinem Kabinett zu uns rief – eine Kühnheit, an die sie zu jeder anderen Zeit nicht einmal zu denken gewagt hätte. Pjotr Alexandrowitsch nahm die Neuigkeit wohlwollend auf, gratulierte mir und war der erste, der da sagte, man müsse meine Stimme ausbilden. Alexandra Michailowna, die vor Dankbarkeit so glücklich war, als hätte er für sie Gott weiß was getan, wollte ihm dafür fast die Hände küssen. Endlich kam B. Seine Freude war groß. Er liebte mich sehr und gedachte meines Stiefvaters, der Vergangenheit, und als ich ihnen zwei oder drei Lieder vorgesungen, erklärte er mit ernster und sogar besorgter Miene, ja sogar mit einer gewissen geheimnisvollen Feierlichkeit, daß ich zweifellos gute Stimmittel hätte, vielleicht auch sogar Talent, und deshalb sei es natürlich ganz unmöglich, meine Stimme etwa nicht auszubilden ... – jedoch ... Und nun war es, als besinne er sich, und er wie auch Alexandra Michailowna schienen sich zu sagen, daß es gefährlich sei, mich schon zu Anfang so zu loben, und ich bemerkte, wie sie sich nun mit einigen Blicken schnell verständigten und sich später noch flüsternd verabredeten, so daß ihre kleine Verschwörung gegen mich recht ungeschickt und naiv ausfiel. Ich lachte im stillen den ganzen Abend, denn als ich wieder gesungen hatte, sah ich, wie sie sich Mühe gaben, gleichgültig zu bleiben und wie sie sogar einige Mängel mit Absicht hervorheben und laut besprachen. Ihre Selbstbeherrschung währte aber nicht lange und B. war der erste, der von der Freude übermannt, sich untreu wurde. Ich hatte nicht vermutet, daß er mich so gern hatte. Den ganzen Abend herrschte eine frohe Stimmung und die lebhafte Unterhaltung war so freundschaftlich wie nie zuvor. B. gab die Lebensgeschichten einiger Künstler zum besten und erzählte von der Kunst der berühmten Größen mit der Begeisterung des Künstlers, oft sogar fast ehrfurchtsvoll und ergriffen.
Es war auch die Rede von meinem Stiefvater, und dann ging die Unterhaltung auf mich über, auf meine Kindheit, dann auf den Fürsten und die Familie des Fürsten, von der ich nach der Trennung so wenig gehört hatte. Auch Alexandra Michailowna wußte wenig von ihnen, B. dagegen am meisten, da er mehrmals in Moskau gewesen war. Doch hier bekam das Gespräch etwas Geheimnisvolles und Rätselhaftes, und zwei oder drei Umstände, die hauptsächlich den Fürsten betrafen, blieben mir ganz unverständlich. Alexandra Michailowna erkundigte sich nach Katjä, doch B. wußte von ihr nichts Besonderes zu berichten oder schien vielmehr absichtlich nichts berichten zu wollen. Das machte mich stutzig. Ich hatte Katjä nicht nur nicht vergessen, sondern meine frühere Liebe zu ihr hatte sich eher noch vertieft; aber es war mir nie in den Sinn gekommen, daß mit ihr irgendeine Veränderung vor sich gegangen sein könnte. Ich hatte weder an die langen Jahre der Trennung, noch an die Verschiedenheit unserer Erziehung und unserer Charaktere gedacht. Sie hatte mich in meinen Gedanken nie verlassen, sie lebte immer noch so, wie ich sie als Kind gesehen, neben mir, und in meiner Phantasie gingen wir stets Hand in Hand. Da ich mich selbst immer als Heldin jedes von mir gelesenen Romanes sah, so ersann ich für meine Freundin, die Prinzeß, immer eine Rolle neben mir und verdoppelte somit den Roman, von dem dann der zweite Teil ausschließlich von mir handeln sollte, ersann ihn mit Hilfe aller meiner Lieblingsautoren, die ich natürlich erbarmungslos bestahl.
An jenem Abend wurde auch gleich im Familienrat beschlossen, welchem Professor meine Ausbildung nun übertragen werden sollte. B. empfahl den allerbesten. So fuhr denn schon am nächsten Tage der berühmte Italiener D. bei uns vor, prüfte meine Stimme, sagte ungefähr dasselbe, was sein Freund B. gesagt hatte, meinte aber, es wäre für mich von viel größerem Nutzen, wenn ich zusammen mit seinen anderen Schülerinnen bei ihm lernte, der Ehrgeiz und das gute Beispiel wären vortreffliche Hilfsmittel usw., usw. Alexandra Michailowna war damit einverstanden, und so ging ich von diesem Tage an regelmäßig dreimal wöchentlich früh morgens um 8 Uhr in Begleitung eines Dienstmädchens ins Konservatorium.
Jetzt muß ich von einem sonderbaren Erlebnis erzählen, das auf mich einen großen, nachhaltigen Eindruck machte und nach welchem ich wie nach einem schroffen Bruch in ein anderes Alter eintrat. Ich war damals noch nicht ganze siebzehn Jahre alt, als plötzlich eine mir selbst ganz unverständliche Apathie von meiner Seele Besitz zu ergreifen begann; eine eigentümliche, unerträgliche, schwermütige Stille, die ich selbst nicht begriff, kam über mich. Alle meine Erwartungen, mein ganzes Streben und Wollen war verstummt, sogar meine Phantasie schwieg wie vor Kraftlosigkeit. Eine kalte Gleichgültigkeit war in mir an die Stelle der früheren unbeholfenen drangvollen Glut getreten. Sogar für mein Talent, das doch von allen, die ich mit ganzer Seele lieb hatte, so bewundert wurde, konnte ich keine Neigung und Liebe bei mir mehr aufbringen und ich mißachtete es gefühllos. An nichts nahm ich Anteil, und selbst für Alexandra Michailowna empfand ich nur dieselbe kalte Gleichgültigkeit, obschon ich mir deshalb Vorwürfe machte. Meine Apathie wurde nur von grundloser Traurigkeit oder von plötzlichen Tränen unterbrochen. Ich hatte das Verlangen nach Einsamkeit. Und in dieser eigentümlichen Zeit wurde durch ein seltsames Erlebnis meine ganze Seele bis auf den Grund erschüttert und diese Stille in einen wahren Sturm verwandelt. Mein Herz wurde getroffen und verwundet. Und das geschah folgendermaßen.
VII.
Ich trat in die Bibliothek (diese Stunde werde ich nie vergessen) und nahm den letzten Roman von Walter Scott, den ich noch nicht gelesen hatte. Ich weiß noch, daß ein gegenstandloser Kummer mich fast wie mit einer Vorahnung quälte. Ich wollte weinen. Im Zimmer war es noch goldig hell von den letzten schrägen Strahlen der sinkenden Sonne, die mit einer Lichtfülle durch die hohen Fenster auf das glänzende Parkett fielen. Es war still. Auch in den Nebenzimmern war keine Menschenseele. Pjotr Alexandrowitsch war nicht zu Hause und Alexandra Michailowna war krank und lag zu Bett. Ich weinte auch wirklich, und während ich im zweiten Teil des Romans blätterte, versuchte ich, aus den einzelnen abgerissenen Sätzen, die ich hier und da las, den Zusammenhang des Ganzen zu erraten. Es war fast, wie wenn man ein Buch aufs Geratewohl aufschlägt und den ersten besten Satz wie einen Orakelspruch liest. Es gibt solche Augenblicke, wo alle geistigen und seelischen Kräfte sich krankhaft anstrengen und plötzlich wie in einer hellen Flamme des Bewußtseins aufflammen, und in diesem Augenblick wird dann die erschütterte Seele, die sich gleichsam im Vorgefühl, ja vielleicht sogar schon im Vorgenuß des Zukünftigen quält, wie von einem prophetischen Traum erfüllt. Und man will so leben, so leben, und das Herz, das in heißester, blindester Hoffnung aufflammt, will mit einemmal gleichsam die Zukunft herausfordern – die Zukunft mit ihrer ganzen geheimnisvollen Unbekanntheit, auch mit Stürmen und Ungewittern, wofern sie nur Leben ist, wirkliches Leben! Gerade das war es, was ich empfand.
Ich erinnere mich, daß ich gerade das Buch schloß, um es dann aufs Geratewohl wieder aufzuschlagen und mit dem Gedanken an meine Zukunft einen Satz als Orakelspruch zu lesen. Doch als ich die Buchdeckel aufklappte und die Blätter sich teilten, lag vor mir auf dem aufgeschlagenen Buch ein beschriebener Bogen Postpapier, zweimal gefaltet und so zusammengepreßt, als sei er schon vor Jahren in dieses Buch gelegt und dann vergessen worden. Neugierig untersuchte ich meinen Fund. Es war ein Brief, jedoch ohne Adresse, ohne Anrede und als Unterschrift standen nur zwei Buchstaben: S. O. Meine Neugier verdoppelte sich, ich entfaltete das fast zusammengeklebte Papier, das vom langen Liegen auf den Blättern eine helle Stelle von der Größe seines Formats hinterlassen hatte. An den Faltstellen war das Papier schon stark mitgenommen: man hatte den Brief wohl oft gelesen. Die Tinte war verblaßt – er mußte schon vor langer, langer Zeit geschrieben worden sein. Einzelne Wörter stachen mir in die Augen und mein Herz begann zu klopfen vor Erwartung. Verwirrt besah ich den Brief von allen Seiten, wie um das Lesen noch hinauszuschieben. Zufällig sah ich näher hin und hob ihn zum Licht: ja! es waren deutliche Tränenspuren zu sehen, stellenweise waren sogar ganze Buchstaben verwischt. Wessen Tränen mochten das sein? Und schließlich las ich mit stockendem Herzschlag die erste halbe Seite und – fast hätte ich aufgeschrien. Ich stellte das Buch zurück, schloß den Schrank, verbarg den Brief in meinem Kleide und lief auf mein Zimmer, dessen Tür ich verschloß, und dann machte ich mich daran, den Brief nochmals vom Anfang an zu lesen. Mein Herz schlug so laut, daß die Buchstaben vor meinen Augen tanzten und ich lange nicht begriff, was ich las. Der Brief war eine Aufklärung, für mich eine Lösung des Geheimnisses, – wie ein Blitz durchzuckte es mich, denn ich erriet sogleich, an wen er gerichtet war. Ich wußte, daß ich nahezu ein Verbrechen beging, wenn ich diesen Brief las, doch der Augenblick war stärker als ich! der Brief war an Alexandra Michailowna gerichtet.
Hier ist er: ich schreibe ihn wortgetreu ab. Unklar begriff ich, was er enthielt und noch lange nachher habe ich über das Rätsel nachgedacht und mich grübelnd zerquält. Mit diesem Augenblick brach mein früheres Leben ab. Mein Herz war für lange Zeit erschüttert, fast für immer, denn dieser Brief hatte viele Folgen. Die Vorahnung, mit der ich das Orakel nach meiner Zukunft befragen gewollt, hatte mich nicht getäuscht.
Dieser Brief war das Letzte, war ein letzter, furchtbarer Abschied. Während ich ihn las, krampfte sich mein Herz so schmerzhaft zusammen, als verlöre ich selbst damit alles, als würden mir auf ewig sogar meine Träume und Hoffnungen genommen, als bliebe mir nichts mehr als ein unnötiges, überflüssiges Leben. Wer war er, der diesen Brief geschrieben? Wie war nachher sein Leben? Dieser Brief enthielt so viele Andeutungen, so viele Beweisstücke, daß man sich nicht täuschen konnte, und doch auch so viele Rätsel, daß es unmöglich war, sich nicht in den Vermutungen zu verlieren. Dennoch kann ich sagen, daß ich mich kaum irrte; übrigens offenbarte allein schon der Stil des Briefes, der auch sonst noch vieles verriet, den ganzen Charakter dieses Verhältnisses, über dem zwei Herzen gebrochen sind. Die Gedanken und Gefühle des Schreibenden lagen offen zutage. Doch hier ist der Brief – ich schreibe ihn Wort für Wort ab: