Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held
Part 20
Nie werde ich ihr Gesicht vergessen. Es waren regelmäßige Züge, und ihre Magerkeit und Blässe, schien es, erhöhten nur noch den Reiz ihrer strengen Schönheit. Das reiche schwarze Haar, das – in der Art wie es damals getragen wurde – vom Scheitel glatt nach unten gekämmt war, warf tiefe Schatten auf das Oval der Wangen; um so liebreizender aber war der frappierende Kontrast ihrer großen kindlich klaren blauen Augen, aus denen einen soviel Zärtlichkeit, Liebe und Güte ansah, und in denen bisweilen auch soviel Naivität lag und soviel Zaghaftigkeit und Schutzbedürftigkeit. Es waren Augen, die jede Empfindung zu scheuen schienen, die jede Herzensregung fürchteten, gleichviel ob es flüchtige Freude oder stille Trauer war. Doch in glücklichen ruhigen Stunden lag in diesem Blick, der so tief ins Herz drang, soviel Klarheit und Wärme, soviel ruhige Reinheit, dann schauten diese blauen Augen so zärtlich, so süß einen an, dann spiegelte sich in ihnen soviel Sympathie mit allem, was edel und gut war, was um Liebe oder um Mitleid bat, daß man sich ihr mit ganzer Seele hingab, daß die Seele sich ihr vollkommen unterwarf und zu ihr hinstrebte und von ihr, wie man meinte, dieselbe Klarheit und Ruhe und Versöhnung und Liebe erhielt. So schaut man bisweilen hinauf in den blauen Himmel und fühlt, daß man Stunden und Stunden in diesem süßen Schauen verbringen könnte und daß die Seele freier und ruhiger wird, ganz als spiegele sich in ihr wie in einem stillen Wasser die große weite Himmelskuppel. Wenn aber – und das geschah so oft – die Begeisterung ihr Farbe ins Gesicht trieb und ihre Brust sich vor Erregung hob und senkte, dann sprühten ihre Augen in dunklem Feuer, als wenn ihre Seele, die keusch die reine Flamme des sie so begeisternden Schönen hütete, sich ganz in ihre Augensterne versetzt hätte. Dann war sie geradezu wie vom Heiligen Geist erfüllt. Und in diesem plötzlichen Aufschwung der Seele mitten aus stiller ruhiger Stimmung zu glühendster Begeisterung und reiner strenger Vergeistigung lag so viel von naivem kindlichen Glauben, daß ein Künstler wohl sein halbes Leben dafür hingeben würde, wenn er dieses Frauenantlitz in einem solchen Augenblick hätte sehen und diese Begeisterung auf der Leinwand hätte wiedergeben können.
Schon in den ersten Tagen nach meiner Übersiedelung merkte ich, daß sie sich in ihrer Einsamkeit über meine Anwesenheit freute. Damals hatte sie nur ein Kind und war erst seit einem Jahre Mutter. Doch zu mir war sie stets wie zu einer leiblichen Tochter und niemals machte sie einen Unterschied zwischen mir und ihren eigenen Kindern. Und mit welchem Eifer sie sich an meine Erziehung machte! Madame Léotard mußte oftmals lächeln, wenn sie in der ersten Zeit ihren Übereifer sah. Und in der Tat, wir fingen mit einem Mal so ziemlich alles an, wir begannen mit so vielen Fächern, daß wir uns bald ganz verloren. Sie wollte mir auf ein Mal so viel beibringen, daß es sie zu liebevoller Ungeduld trieb, ich aber oder vielmehr mein Wissen keinen großen Nutzen daraus ziehen konnte. Anfangs betrübte sie meine Hilflosigkeit; dann mußte sie aber lachen und dann fingen wir nochmals von vorn an – doch trotz des ersten Mißerfolges erklärte sich Alexandra Michailowna kühn gegen das altbewährte System der Madame Léotard. Sie stritten lachend um ihre Methoden, aber meine neue Lehrerin blieb kategorisch bei ihrer Feindschaft gegen jegliches System und behauptete, wir würden nach etlichen Versuchen den richtigen Weg schon finden und es habe keinen Sinn, mir den Kopf mit toten Regeln vollzustopfen: der ganze Erfolg hinge nur davon ab, daß man meine natürlichen Fähigkeiten erkannte und weckte und davon, daß man auf meinen guten Willen zu wirken vermochte. Darin aber hatte sie zweifellos recht, denn ihre Methode siegte mit glänzendem Erfolg. Erstens fielen bei uns die Rollen der Lehrerin und Schülerin ganz fort. Wir lernten wie zwei Freundinnen, und nicht selten machte es sich so, daß ich Alexandra Michailowna belehrte, ohne ihre kleine List zu bemerken. Und wir gerieten nicht selten sogar in Streit und mit glühendem Eifer suchte ich die Sache ihr so zu erklären, wie ich sie begriff, bis Alexandra Michailowna mich unmerklich auf den richtigen Weg führte. Das endete dann gewöhnlich damit, daß ich, wenn mir endlich ein Licht aufging und ich plötzlich ihre List erriet und einsah, daß sie, was oft genug geschah, ganze Stunden zu meinem Nutzen geopfert hatte – daß ich mich dann an ihren Hals warf und sie krampfhaft umarmte. Später tat ich das nach jeder Stunde. Meine Empfindsamkeit überraschte und rührte sie so, daß sie mich immer ganz verwundert ansah. Sie begann mich nach meinem früheren Leben zu fragen, und nach meinen Erzählungen wurde sie jedesmal zärtlicher zu mir und ernster – ernster, weil ich ihr mit meiner traurigen Kindheit außer dem Mitleid auch noch eine gewisse Achtung einflößte. Nach meinen Geständnissen führten wir gewöhnlich noch lange Gespräche, in denen sie mir meine Erlebnisse zu erklären versuchte, so daß es mir vorkam, als erlebe ich das alles nochmals und als lerne ich dabei viel. Madame Léotard fand diese Gespräche viel zu ernst für mein Alter, und wenn sie meine unwillkürlichen Tränen bemerkte, sagte sie oft, sie seien gar nicht am Platz. Ich aber dachte darüber ganz anders, denn nach _diesem_ Unterricht wurde es mir immer so leicht und frei und süß ums Herz, ganz als hätte es in meinem Schicksal nichts Dunkles und Trauriges gegeben. Und ich war auch Alexandra Michailowna viel zu dankbar dafür, daß sie mich veranlaßte, sie mit jedem Tage mehr zu lieben. Madame Léotard war natürlich nicht darauf verfallen, daß auf diese Weise allmählich alles in mir sich glätten und ordnen und seine Harmonie finden mußte, was sich früher wirr und vorzeitig stürmisch in meiner Seele erhoben hatte, alles, wovor mein wundes Kinderherz in seinem bitteren Schmerz so ratlos gestanden, daß es hätte verstocken müssen, da es nur den Schmerz fühlte, aber nicht begriff, warum und woher die Schläge es trafen.
Unsere Tage fingen damit an, daß wir uns im Kinderzimmer zusammenfanden, ihr Kindchen weckten, es ankleideten, wuschen, fütterten, mit ihm spielten und ihm das Sprechen beizubringen versuchten. Hatten wir uns mit ihm genug abgegeben, dann begann das Lernen. Dies Lernen erstreckte sich eigentlich auf alles und war doch an nichts gebunden. Wir lasen, erzählten einander unsere Eindrücke und Gedanken während der Lektüre; dann, wenn wir davon genug hatten, gingen wir zur Musik über, und die Zeit verging wie im Fluge. Die Abende verbrachten wir meist sehr gemütlich, zuweilen kam B., Alexandra Michailownas Freund, und auch Madame Léotard gesellte sich zu uns. Oft wurde dann aus der Unterhaltung ein eifriger Disput über die Kunst oder über das Leben (das wir fast alle nur vom Hörensagen kannten) oder über die Wirklichkeit und das Ideal, über Vergangenes und Zukünftiges, und es wurde darüber Mitternacht und noch später, ohne daß wir es merkten. Ich hörte mit allen Fibern zu, ich begeisterte mich mit ihnen, ich lachte oder ich war ergriffen, und an diesen Abenden erfuhr ich denn auch nach und nach alles Nähere, was meinen Stiefvater und meine erste Kindheit betraf.
Inzwischen wuchs ich heran; man nahm für mich Lehrer an, doch hätte ich von diesen ohne Alexandra Michailownas Hilfe so gut wie nichts gelernt. Bei meinem Geographielehrer hätte ich von dem ewigen Suchen der Städte und Flüsse auf den Karten nur erblinden können! Mit Alexandra Michailowna dagegen unternahm ich wahre Weltreisen, wir durchstreiften so märchenhafte Länder, sahen so viele Wunder, verbrachten so viele phantasieerfüllte Stunden miteinander, und unser Eifer war in der Begeisterung so groß, daß alle Bücher, die sie gelesen hatte, nicht mehr genügten und wir uns neue Bücher verschaffen mußten. Bald konnte ich meinen Geographielehrer belehren, wenn er auch, das muß man ihm um der Gerechtigkeit willen lassen, bis zum Schluß seine Überlegenheit insofern bewahrte, als er die Lage jedes Städtchens mit peinlichster Genauigkeit in Längen- und Breitengraden anzugeben wußte, sowie die Zahl der Einwohner in Tausenden, Hunderten und Zehnern. Dem Geschichtslehrer wurden die Stunden gleichfalls pünktlich bezahlt, aber erst nachdem er gegangen war, fingen wir, Alexandra Michailowna und ich, mit der Geschichte an: dann holten wir unsere Bücher hervor und lasen – lasen bis tief in die Nacht. Nie habe ich größere Begeisterung empfunden als bei diesem Lesen. Wir waren dann beide so begeistert, als wären wir selber die Helden, die jene großen Taten vollbrachten. Natürlich lasen wir zwischen den Zeilen noch mehr heraus als aus den Zeilen; überdies verstand Alexandra Michailowna meisterhaft zu erzählen oder eine Begebenheit zu erläutern, so daß man das Geschehnis förmlich miterlebte, als geschähe es eben jetzt. Mag es nun auch meinetwegen komisch anmuten, daß wir uns so begeisterten und bis nach Mitternacht saßen und lasen, ich ein Kind, und sie eine Frau mit einem wunden Herzen, das so schwer am Leben trug! – Aber es war so. Ich wußte, daß sie sich neben und mit mir gleichsam erholte. Soweit ich mich erinnere, machte ich mir schon damals seltsame Gedanken, wenn ich sie still betrachtete, und noch bevor ich etwas aus ihrem Leben erfuhr, hatte ich schon vieles erraten.
Ich wurde dreizehn Jahre alt. Mit Alexandra Michailownas Gesundheit ging es mehr und mehr bergab. Sie wurde reizbarer und die hoffnungslose Trauer kam immer öfter über sie. Ihr Gatte verbrachte nun gewöhnlich längere Zeit bei ihr, wenn er auch ebenso schweigsam und finster blieb wie früher. Da begann ich denn, immer lebhafteren Anteil an ihrem Schicksal zu nehmen. Ich entwuchs bereits der Kindheit, viele neue Eindrücke, Beobachtungen und Vermutungen hatten in mir schon bestimmtere Formen angenommen, und das Geheimnis, das so schwer auf dieser Familie lag, begann mich immer mehr zu quälen. Es gab Augenblicke, wo es mir schien, daß ich dieses Rätsel fast schon erriet. Doch dann kam auch wieder eine gewisse Gleichgültigkeit, eine Apathie über mich, ja sogar ein gewisser Ärger konnte mich erfassen, und ich vergaß meine Anteilnahme, da ich auf die eine Frage doch keine Antwort erhielt. Bisweilen – und das kam immer häufiger vor – hatte ich das seltsame Bedürfnis, allein zu bleiben und zu denken, immer nur zu denken. Das war ganz wie zu jener Zeit, als ich noch bei den Eltern lebte und damals – noch vor meiner Freundschaft mit meinem Stiefvater – ein ganzes Jahr lang nachdachte und aus meinem Winkel die Welt Gottes betrachtete, so daß ich zu guter Letzt unter den von meiner eigenen Phantasie geschaffenen Phantomen ganz vereinsamte. Der Unterschied bestand nur darin, daß jetzt mehr neue unbewußte Triebe in mir waren und größere Ungeduld, stärkere Sehnsucht, mächtigeres Verlangen nach Bewegung, nach Auflehnung mich quälte, so daß ich nicht mehr wie früher meine Spannung und Sammlung ausschließlich auf eine einzige Sache hinlenken konnte. Aber auch Alexandra Michailowna fing an, sich von mir zu entfernen. In diesem Alter konnte ich ihr fast nicht mehr Freundin sein. Ich war kein Kind mehr, ich fragte nach gar zu vielem, und zuweilen sah ich sie so an, daß sie ihre Augen vor mir niederschlagen mußte. Es gab sonderbare Minuten. Ich konnte ihre Tränen nicht ertragen und oft traten bei ihrem Anblick auch mir Tränen in die Augen. Ich warf mich an ihre Brust und umfing sie leidenschaftlich. Was konnte sie mir antworten? Ich fühlte es, daß ich ihr eine Last war. Bisweilen aber – und das waren dann schwere traurige Minuten – war sie es, die mich plötzlich wie in innerer Verzweiflung umarmte, als suche sie meine Teilnahme, als könne sie ihre Einsamkeit nicht länger ertragen, als hätte ich sie schon ganz verstanden, als hätten wir schon gemeinsam gelitten. Doch trotz alledem blieb zwischen uns ein Geheimnis, das fühlten wir, und da war ich es, die sich in diesen Minuten von ihr zu entfernen begann. Es wurde mir schwer, mit ihr zusammen zu sein. Überdies verband uns fast nichts mehr, außer der Musik. Doch auch die wurde ihr von den Ärzten schon verboten. Bücher? Das war schließlich sogar das gefährlichste Gebiet. Sie wußte entschieden nicht, was und wie sie mit mir lesen sollte. Wir wären nicht einmal über die erste Seite hinausgekommen: jedes Wort hätte man als Andeutung, jeden belanglosen Satz als Rätsel auffassen können. Gespräche zu zweien, wie früher, in glühender Offenheit – mieden wir schon.
Gerade in dieser Zeit gab das Schicksal meinem Leben plötzlich und in ganz unvorhergesehener Weise eine andere Richtung. Meine Aufmerksamkeit, meine Gefühle, mein Herz, mein Kopf – alles wandte sich mit einem Mal und mit ganzer angespannter Kraft, die bis zur Begeisterung stieg, plötzlich einer anderen, mir bis dahin noch ganz unbekannten Tätigkeit zu und ich versetzte mich, fast ohne dessen gewahr zu werden, in eine neue Welt; ich hatte keine Zeit, zurückzusehen, mich umzuschauen, mich zu besinnen; es konnte ja leicht mein Verderben sein, was ich auch deutlich selbst fühlte; doch die Versuchung war größer als die Angst und ich ging weiter aufs Geratewohl, mit geschlossenen Augen. Und auf lange Zeit ließ ich mich so ablenken von jener Wirklichkeit, die mir bereits so lästig geworden war und in der ich schon so durstig und doch vergeblich einen Ausweg gesucht. Was das war, will ich jetzt erzählen.
Von den drei Ausgängen aus dem Eßzimmer führte der eine in die großen Empfangsräume, der andere in mein Zimmer und in die Kinderzimmer, und der dritte in die Bibliothek. In die Bibliothek führte aber noch eine andere Tür, die von meinem Zimmer nur durch ein Arbeitskabinett getrennt war, in dem gewöhnlich der Gehilfe Pjotr Alexandrowitschs saß. Der war zugleich sein Sekretär und gewissermaßen seine rechte Hand. Den Schlüssel zur Bibliothek und zu den Bücherschränken hatte er. Eines Tages nach dem Essen, als er nicht zu Hause war, fand ich diesen Schlüssel auf dem Teppich im Kabinett. Ich wurde neugierig, behielt den Schlüssel und versuchte, ob sich mit ihm die Tür aufschließen ließ. Ich trat in die Bibliothek. Es war das ein ziemlich großes, sehr helles Zimmer, in dem an den Wänden acht große Bücherschränke standen. Die vielen Bücher waren Pjotr Alexandrowitsch einmal mit einer Erbschaft zugefallen, oder wenigstens ein großer Teil derselben. Die anderen Bücher hatten sich nach und nach angesammelt, da Alexandra Michailowna beständig welche kaufte. Mir hatte man bis dahin nur mit großer Vorsicht Bücher zum Lesen gegeben, so daß es für mich unschwer zu erraten war, daß man mich vieles nicht lesen lassen wollte, also vieles für mich noch ein Geheimnis blieb. Dies nun erweckte in mir unbezwingbare Neugier, und in einer Anwandlung von Furcht und Freude und mit einem ganz besonderen Gefühl, über das ich mir keine Rechenschaft gab, schloß ich den ersten Schrank auf und nahm das erste Buch aus der Reihe. In diesem Schrank waren nur Romane. Ich behielt den Band, verschloß den Schrank und brachte das Buch mit einem so eigentümlichen Empfinden, mit klopfendem und doch wieder stillstehendem Herzen zu mir, auf mein Zimmer, als hätte ich geahnt, daß damit eine große Umwälzung in meinem Leben eintreten sollte. Erst als ich in meinem Zimmer in Sicherheit war und auch die Tür verschlossen hatte, schlug ich das Buch auf. Doch zu lesen wagte ich noch nicht – eine andere Sorge beschäftigte mich: zunächst mußte ich mir ein für allemal den freien Zutritt zur Bibliothek sichern, und zwar so, daß niemand etwas davon merkte, damit ich mir zu jeder Zeit jedes beliebige Buch verschaffen und bei mir behalten konnte. Ich beschloß daher, auf das Vergnügen, das entwendete Buch sogleich zu lesen, vorläufig zu verzichten: statt dessen brachte ich das Buch zurück, aber den Schlüssel behielt ich dafür bei mir. Ich behielt ihn und verheimlichte es – das war die erste schlechte Tat in meinem Leben. Nun wartete ich auf die Folgen, doch die waren nicht schlimm: nachdem der Sekretär den Schlüssel einen ganzen Abend vergeblich gesucht hatte, ließ er am nächsten Morgen einen Schlosser rufen und der fand nach kurzem Suchen in einem mitgebrachten großen Schlüsselbund einen passenden neuen Schlüssel. Damit war die Sache erledigt und niemand erfuhr, daß er den alten Schlüssel verloren hatte. Trotzdem war ich vorsichtig und ging mit List erst nach einer Woche in die Bibliothek, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß nicht der geringste Verdacht gegen mich bestand. Anfangs wählte ich immer die Zeit, wenn der Sekretär nicht zu Hause war, und ging dann durch sein Arbeitszimmer; später aber ging ich ruhig aus dem Eßzimmer in die Bibliothek, denn der Sekretär hatte zwar den Schlüssel in der Tasche, doch um die Bücher kümmerte er sich so wenig, daß er das Zimmer überhaupt nicht betrat.
Mit wahrem Heißhunger begann ich zu lesen und das Gelesene nahm mich ganz in seinen Bann. Alle meine neuen Bedürfnisse, alle unklaren Wünsche meines Entwicklungsalters, die sich so unruhig und rebellisch in meiner Seele erhoben hatten, vorzeitig durch meine Frühreife erweckt – all das strömte von jetzt ab dem neuen Ausweg zu, als hätte es mit ihm den richtigen Weg gefunden. Bald waren mir Herz und Sinne so bezaubert und meine Phantasie entwickelte sich so schrankenlos, daß die ganze Welt, die mich bis dahin umgeben hatte, für mich wie vergessen, irgendwo fern versunken lag. Es war, als hielte mich das Schicksal selbst an der Schwelle des neuen Lebens – nach dem es mich schon so stürmisch verlangte, über das ich bereits Tag und Nacht wie über ein Rätsel nachgedacht – bevor es mich in dieses Leben eintreten ließ, noch einen Augenblick zurück, um mich auf eine Höhe zu führen und mir von dort aus die Zukunft in einem Zauberpanorama zu zeigen, und als eine lockende, glänzende Perspektive. Es war mir gewiß bestimmt, diese ganze Zukunft gleichsam im voraus kennen zu lernen, sie zuerst in den Büchern zu lesen und dann in Träumen, in Hoffnungen und leidenschaftlicher Sehnsucht, in süßer Erregung meines jungen Geistes zu durchleben. Ich las ohne Auswahl, wie mir die Bücher in die Hände kamen, doch das Schicksal behütete mich: das, was ich bis dahin erfahren und empfunden hatte, war alles so rein, so herb, daß die einzelnen, heimtückischen und schmutzigen Seiten mir nichts mehr anhaben konnten. Mein guter Kinderinstinkt, meine Jugend und meine ganze Vergangenheit beschützten mich, und es war mir nur, als sähe ich plötzlich mein ganzes früheres Leben bewußt in heller Beleuchtung. Tatsächlich erweckte jede Seite, die ich las, gleichsam Erinnerungen in mir, als hätte ich das alles oder doch etwas Ähnliches schon irgendeinmal selbst erlebt; ja gerade diese Leidenschaften, dieses ganze Leben mit seinen märchenhaften Bildern kamen mir so bekannt vor. Und wie hätte es denn auch anders sein können: wie hätte ich darüber die Wirklichkeit nicht bis zur Entfremdung vergessen sollen, da doch in jedem Buch vor mir die Gesetze desselben Schicksals verkörpert waren, desselben Geistes, der über dem Menschenleben thront, alle jedoch wie aus einem obersten Gesetz des Menschenlebens fließend, das zugleich die Rettung und Erlösung der Menschheit enthielt. Eben dieses oberste Gesetz, dessen Bestehen ich schon vermutete, suchte ich nun aus allen Kräften, mit allen Instinkten, die eine Art Selbsterhaltungstrieb in mir aufgeweckt hatte, zu erraten. Es war, als sei ich schon im voraus durch irgendwen darauf aufmerksam gemacht worden, weshalb meine Aufmerksamkeit sich mit einer solchen Selbstverständlichkeit gerade darauf richtete. Es war, als dränge sich ein Hellsehen in meine Seele, und mit jedem Tage wuchs und erstarkte in ihr eine eigene Sehnsucht, obschon gleichzeitig mein Verlangen nach dieser Zukunft, nach diesem Leben, von dem ich täglich las und das mich täglich mit der ganzen nur der Kunst eigenen Gewalt und allen Reizen der Dichtung erschütterte und lockte, immer mächtiger wurde. Doch wie gesagt, meine Phantasie beherrschte auch meine Ungeduld und ich war, um die Wahrheit zu gestehen, nur in meinen Träumen kühn, in Wirklichkeit aber fürchtete ich mich instinktiv vor der Zukunft. Und deshalb, wie nach geheimer Verabredung mit mir selbst, hatte ich es mir unbewußt zum Vorsatz gemacht, mich vorläufig mit diesem Leben in der Phantasie zu begnügen, in dem ich dafür die unbehinderte Selbstherrscherin sein konnte und in dem es nur Glück und Freude gab; das Unglück aber, wenn es auch zugelassen war, spielte dort nur eine passive Rolle, eine Art Übergangsrolle, die notwendig war nur um der Kontraste willen: damit das Schicksal sich in meinen begeistert erträumten Romanen zum Guten wenden und zu einem glücklichen Schluß führen konnte. So deute ich mir jetzt meine damalige Stimmung.
Und dieses Leben, dieses Leben ausschließlich in der Phantasie, dieses Leben in schroffer Abkehr von allem, was mich umgab, konnte sich ganze drei Jahre lang fortsetzen!