Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Part 19

Chapter 193,676 wordsPublic domain

Alles in mir wurde lebendig in froher Vorahnung. Atemlos vor Erwartung lief ich nach unten und klinkte die Tür auf zum Kabinett. Es war niemand da. Plötzlich wurde ich hinterrücks krampfhaft umschlungen und Katjä küßte mich leidenschaftlich. Lachen, Tränen ... Im Nu riß sie sich aus meinen Armen, lief zum Vater, kletterte wie eine Eichkatze an ihm empor bis auf seine Schulter, konnte sich aber dort nicht halten und sprang auf den Diwan. Das brachte auch den Fürsten so aus dem Gleichgewicht, daß er sich setzen mußte. Katjä lachte unter Tränen.

„Papa, was bist du für ein guter Papa!“

„Wildfang! Ihr seid mir beide gut! Was ist denn mit euch geschehen? Woher diese Freundschaft? Woher diese Liebe?“

„Ach, frag’ nicht, Papa, davon verstehst du nichts!“

Und wir hielten uns wieder fest umschlungen.

Ich betrachtete sie bang: sie hatte abgenommen in den drei Tagen. Die frische Farbe ihres Gesichtchens war einer zarten Blässe gewichen. Da mußte ich weinen vor Leid.

Nastjä klopfte an die Tür – ein Zeichen, daß Katjäs Abwesenheit der Fürstin aufgefallen war. Katjä wurde leichenblaß.

„Laßt es jetzt genug sein, Kinder. Wir werden hier jeden Tag zusammenkommen. Nehmt jetzt Abschied für heute und Gott mit euch!“ sagte der Fürst.

Er war sichtlich gerührt, da er unseren Schmerz sah; doch es sollte anders kommen. Am Abend desselben Tages kam aus Moskau die Nachricht, daß der kleine Ssascha schwer erkrankt sei und fast schon in den letzten Zügen liege. Die Fürstin beschloß sofort, am nächsten Morgen die Reise anzutreten. Das geschah alles so schnell, daß ich es erst eine Minute vor ihrer Abfahrt erfuhr. Daß wir uns überhaupt noch verabschieden konnten, Katjä und ich, hatten wir nur dem Fürsten zu danken, denn die Fürstin hatte davon nichts wissen wollen. Die Prinzeß war wie zerschlagen. Ich lief wie von Sinnen nach unten und warf mich an ihre Brust. Der Reisewagen wartete schon vor dem Portal. Katjä sah mich an und plötzlich wurde sie ohnmächtig. Ich bedeckte sie mit Küssen. Die Fürstin bemühte sich erschrocken um sie und gab ihr Essenzen zu riechen. Endlich schlug sie die Augen auf und ihre erste Bewegung war, daß sie mich wieder umarmte.

„Leb’ wohl, Njetotschka!“ sagte sie plötzlich und sie versuchte zu lächeln, aber es sprach nur eine unsagbare Rührung aus ihrem Gesichtchen. „Du, sieh nicht auf mich; das ist nur so; ich bin nicht krank, nach einem Monat komme ich wieder. Dann werden wir uns nie mehr trennen.“

„Genug, Katjä,“ sagte die Fürstin ruhig, „fahren wir!“

Aber die Prinzeß kehrte noch einmal zurück. Noch einmal umfing sie mich krampfhaft.

„Mein Leben!“ konnte sie mir noch zuflüstern, „auf Wiedersehen!“

Wir küßten uns zum letztenmal und die Prinzeß verließ mich – für lange, sogar für sehr lange Zeit. Es vergingen acht Jahre, bis wir uns wiedersahen!

* * * * *

Ich habe von dieser Episode meiner Kindheit mit Absicht so ausführlich erzählt. Unsere Lebensgeschichten sind eben untrennbar verbunden. Ihr Roman – ist auch mein Roman. Es war mir wie vom Schicksal bestimmt, sie kennen zu lernen, und ebenso ihr, mich zu finden. Und überdies konnte ich der Lust nicht widerstehen, mich nochmals in meine Kindheit zu versetzen ... Jetzt wird meine Erzählung schneller fortschreiten. Mein Dasein sank damals wie in eine große Stille und erst als ich mein sechzehntes Jahr bereits vollendet hatte, war es mir, als erwachte ich wieder zu einem wirklichen Leben ...

Doch zuvor muß ich noch ein paar Worte über die erste Zeit nach der Abfahrt der fürstlichen Familie sagen.

Ich blieb mit Madame Léotard zurück.

So vergingen zwei Wochen. Dann traf aus Moskau ein Abgesandter des Fürsten ein und brachte die Nachricht, daß die Rückkehr nach Petersburg auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben worden sei. Da nun Madame Léotard aus Gründen, die ihre eigene Familie angingen, nicht nach Moskau übersiedeln konnte, so hatte sie im Hause des Fürsten nichts mehr zu tun. Sie blieb aber in derselben Familie, indem sie zur ältesten Tochter der Fürstin übersiedelte.

Ich bin bisher noch nicht auf Alexandra Michailowna zu sprechen gekommen – wohl deshalb, weil ich sie bis dahin nur ein einziges Mal gesehen hatte. Sie war die Tochter der Fürstin aus deren erster Ehe. Die Herkunft und Verwandtschaft der Fürstin waren etwas dunkel. Ihr erster Mann war ein Gutspächter gewesen. Als sie dann zum zweitenmal geheiratet hatte, wußte sie nicht, was sie mit ihrer ältesten Tochter anfangen sollte. Auf eine glänzende Partie konnte sie nicht hoffen. Die Mitgift war mäßig; aber schließlich, vier Jahre vor meiner Aufnahme, hatte man für sie dennoch einen reichen Mann, der schon einen bedeutenden Posten bekleidete, gefunden. Alexandra Michailowna kam in neue Gesellschaftskreise und sah um sich eine andere Welt. Die Fürstin besuchte ihre Tochter im ganzen nur zweimal im Jahre. Der Fürst, ihr Stiefvater, besuchte sie dagegen in jeder Woche und nahm dann auch Katjä mit. In der letzten Zeit sah die Fürstin es sehr ungern, daß Katjä zur Schwester ging; da brachte der Fürst sie oft heimlich hin. Katjä vergötterte die Schwester, obwohl sie ganz entgegengesetzte Charaktere waren.

Alexandra Michailowna war damals zweiundzwanzig Jahre alt, still, zart, sehr liebreich. Ja es war, wie wenn ein heimlicher Kummer, ein verborgener Schmerz ihre schönen Züge verklärte. Und dennoch hatte ich die Empfindung, als paßten der Ernst und die Trauer nicht gut zu ihrem schönen lieben Antlitz, ganz wie etwa einem Kinde Trauer nicht steht. Man konnte sie nicht ansehen, ohne sogleich tiefe Sympathie für sie zu empfinden. Sie war fast durchsichtig bleich und wie es hieß, zur Schwindsucht geneigt. Sie lebte sehr zurückgezogen und liebte weder bei sich viele Gäste zu empfangen, noch selbst Besuche zu machen. Ihr Leben war das einer Einsiedlerin. Kinder hatte sie zunächst nicht. Ich weiß noch, sie kam einmal zu uns gefahren, um mit Madame Léotard zu sprechen, und sie trat damals zu mir und küßte mich mit tiefem Gefühl. Mit ihr war ein hagerer, schon älterer Herr gekommen. Ihm traten die hellen Tränen in die Augen, als er mich sah. Das war der Geigenvirtuose B. ... Alexandra Michailowna legte den Arm um mich und fragte, ob ich bei ihr leben und ihr Töchterchen sein wolle. Ich sah ihr ins Gesicht und erkannte in ihr die Schwester meiner Katjä, und ich umarmte sie mit einem dumpfen Schmerz im Herzen und empfand wieder, wie groß meine Einsamkeit war ... Ganz, als hätte mir wieder jemand gesagt: „Du bist eine Waise!“ Darauf gab mir Alexandra Michailowna einen Brief des Fürsten, den ich mit unterdrücktem Schluchzen las. Der Fürst schrieb in Liebe und Güte, Gottes Segen möge auf mir ruhen und ich möge in dem langen Leben, das mir noch bevorstehe, glücklich sein. Zum Schluß bat er mich noch, auch seine andere Tochter zu lieben. Katjä schrieb mir gleichfalls einige Zeilen. Sie schrieb, daß sie sich nun gar nicht mehr von der Mutter trenne.

Bevor dieser Tag zu Ende ging, kam ich also wieder in ein anderes Haus, zu anderen Menschen, nachdem ich mein Herz von neuem von allem hatte losreißen müssen, was mir schon lieb und traut geworden war. Müde, wie zerschlagen, betrat ich das neue Heim. Mein Herz blutete ...

Und so beginnt in meiner Erzählung denn jetzt ein neuer Abschnitt meines Lebens.

VI.

Mein neues Leben verlief so still und ruhig, als hätte ich unter Einsiedlern gelebt ... Ich brachte bei ihnen mehr als acht Jahre zu und erinnere mich nicht, daß in dieser Zeit, abgesehen von einigen wenigen pflichtschuldigen Diners, jemals eine größere Gesellschaft im Hause gewesen wäre oder daß Verwandte, Freunde und Bekannte sich bei uns zusammengefunden hätten. Mit Ausnahme von zwei oder drei Personen, die hin und wieder einmal vorsprachen – z. B. der Künstler B., der ein guter Freund des Fürsten H. und auch seiner Stieftochter Alexandra Michailowna war, und die Herren, die fast ausschließlich in Amtsangelegenheiten zu dem Gemahl Alexandra Michailownas kamen – kam so gut wie niemand zu uns. Alexandra Michailownas Mann war beständig von seinem Dienst in Anspruch genommen, und konnte sich nur selten für eine kurze Zeit freimachen, die er dann gleichmäßig zwischen dem Familienleben und den gesellschaftlichen Pflichten teilte. Hervorragende Verbindungen, die er unmöglich vernachlässigen konnte, zwangen ihn ziemlich oft, die Gesellschaft an sich zu erinnern. Fast überall hielt sich das Gerücht von seinem schrankenlosen Ehrgeiz, doch da er sich gleichzeitig des Rufes erfreute, ein tüchtiger, ernster Mensch zu sein, da er überdies, wie bereits erwähnt, schon ein hohes Amt bekleidete, und Glück und Erfolg ihn wie es schien von selbst aufsuchten, so war die Gesellschaft weit davon entfernt, ihm ihre Sympathie zu entziehen. Ja, noch mehr als das: man brachte ihm beständig und ganz allgemein eine gewisse besondere Teilnahme entgegen, die man dagegen seiner Frau vollständig versagte. Alexandra Michailowna lebte in völliger Einsamkeit: aber es war, als sei ihr das nur angenehm, ja als freue sie sich sogar darüber. Ihr stiller Charakter war gleichsam geschaffen für dieses stille Leben.

An mir hing sie mit ganzer Seele, sie liebte mich wie ihr eigenes Kind, und ich, deren Tränen ob der Trennung von Katjä noch nicht versiegt waren, – ich, mit meinem wehen Herzen, ich warf mich wie erlöst in ihre mütterlich zärtliche Umarmung. Und vom ersten Tage an hat meine glühende Liebe zu ihr nie aufgehört, noch jemals etwas von ihrer Glut eingebüßt. Sie war mir Mutter, Schwester, Freund, sie ersetzte mir alles und hegte und pflegte meine Jugend. Hinzu kam, daß ich bald erriet und herausfühlte, daß ihr Geschick durchaus nicht so glücklich war, wie man es auf den ersten Blick wohl glauben konnte, wenn man nach ihrem stillen und ruhigen äußeren Leben urteilte, nach ihrer scheinbaren Freiheit und ihrem guten, stillen Lächeln, das so oft ihr liebes Gesicht verklärte. Ich entdeckte vielmehr im Laufe meiner Entwicklung fast täglich etwas Neues im Leben meiner Wohltäterin, etwas, das in langsamer Qual von meinem Herzen erraten wurde, und mit dieser traurigen Erkenntnis wuchs zugleich meine Liebe zu ihr und mit der Liebe meine Anhänglichkeit.

Ihr Charakter war schüchtern und weich. Wenn man ihre reinen, klaren Gesichtszüge sah, die förmlich Ruhe ausströmten, dann hätte man es auf den ersten Blick nicht für möglich gehalten, daß irgendeine Unruhe in ihrem reinen Herzen wohnen konnte. Es war undenkbar, daß sie auch nur irgendeinen Menschen nicht hätte lieben können; das Mitleid siegte stets in ihrem Herzen, selbst über Ekel und Abscheu – indes war sie aber nur sehr wenigen Freunden zugetan und lebte auch innerlich in vollständiger Einsamkeit ... Ihrer Natur nach war sie leidenschaftlich und empfänglich für alle Eindrücke, gleichzeitig aber war’s, als sei ihr selbst bange vor ihrer Empfänglichkeit und als bewache sie deshalb ihr Herz jeden Augenblick, damit es sich nicht vergäße – und wär’s auch nur in Träumen. Es fiel mir auf, daß ihr bisweilen in den lichtesten Stunden mit einem Male Tränen in die Augen traten: als sei plötzlich eine Erinnerung in ihrer Seele aufgetaucht, die Erinnerung an etwas, was ihr Gewissen qualvoll peinigen mochte und ewig wie auf der Lauer lag, um im Augenblick des Glücks plötzlich hervorzuspringen und das Glück feindlich zu verscheuchen. Und je ruhiger, glücklicher, zufriedener sie war, um so näher, schien es, war der Kummer, um so unfehlbarer erschienen plötzlich die Tränen – wie ein Anfall, der über sie kam. Ich entsinne mich keines einzigen vollkommen ruhigen Monats in den ganzen acht Jahren. Ihr Mann liebte sie anscheinend sehr, und sie – sie vergötterte ihn. Aber schon auf den ersten Blick schien es einem, als gäbe es etwas Unausgesprochenes zwischen ihnen. Es mußte da irgendein Geheimnis walten – ein Geheimnis in ihrer Vergangenheit – wenigstens geschah es, daß ich schon vom ersten Tage an etwas Ähnliches vermutete ...

Ihr Mann machte auf mich, als ich ihn zum erstenmal sah, den Eindruck eines finsteren Menschen. Diesen ersten Eindruck empfing ich noch als Kind und deshalb konnte ihn auch nichts verwischen. Äußerlich war er ein hagerer Mensch von hohem Wuchs, und man hatte die Empfindung, als verberge er mit Absicht seinen Blick hinter den großen, grünen Gläsern seiner Brille. Er war trocken, nichts weniger als mitteilsam, und selbst unter vier Augen im Verkehr mit seiner Frau fand er sozusagen niemals ein rechtes Thema zur Unterhaltung. Offenbar war ihm die Gegenwart von Menschen lästig. Mich beachtete er überhaupt nicht; dagegen fühlte ich mich jedesmal, wenn wir abends im Salon Alexandra Michailownas zum Tee zusammenkamen, während seiner Anwesenheit äußerst ungemütlich. Heimlich beobachtete ich Alexandra Michailowna, und zu meinem Kummer bemerkte ich, daß sie dann jedes ihrer Worte erwog und über jede Bewegung nachdachte. Sie aber erbleichte, wenn sie sah, daß ihr Mann schroffer oder unfreundlicher wurde; oder sie errötete auch wohl plötzlich, als habe sie aus einem seiner Worte irgendeine Anspielung oder einen Vorwurf herausgehört. Ich fühlte es, daß ihr das Zusammensein mit ihm schwer fiel, und doch schien sie, wenigstens soweit sich das nach äußeren Anzeichen beurteilen ließ, keinen Augenblick ohne ihn leben zu können. Mir fiel besonders ihre ungeheure Aufmerksamkeit ihm gegenüber auf: kein Wort, keine Bewegung wurde von ihr überhört oder übersehen. Es war, als wolle sie nach allen Kräften es ihm recht machen und als fühle sie, daß ihr das dennoch nicht gelang. Ja, es war fast, als erbettele sie von ihm seinen Beifall: ein flüchtiges Lächeln, ein halbes freundliches Wort von ihm – und sie war glücklich ... glücklich wie ein Mädchen in der ersten Zeit einer noch schüchternen, noch hoffnungslosen Liebe. Sie ging mit ihrem Manne um, so vorsichtig, wie mit einem Schwerkranken. Er aber sah auf sie, wie mir schien, mit einem sie drückenden und quälenden Mitleid herab. Sobald er mit einem Händedruck von ihr Abschied genommen und sich wieder in sein Kabinett zurückgezogen hatte, war sie gleich wie verwandelt. Ihre Bewegungen, ihre Unterhaltung, alles an ihr wurde sofort viel freier, heiterer, sicherer. Nur eine gewisse Verwirrung war an ihr noch lange nach jedem Wiedersehen mit ihm bemerkbar. Sie fing dann gleich an, sich jedes von ihm gesprochene Wort ins Gedächtnis zurückzurufen, wie um es nochmals zu prüfen. Oft wandte sie sich dann auch an mich mit der Frage, ob sie sich nicht verhört habe: hatte Pjotr Alexandrowitsch sich so oder so ausgedrückt? – und als suche sie noch nach einem anderen Sinn in dem, was er gesagt! Erst nach etwa einer Stunde wurde sie dann wieder sie selbst, als habe sie sich nun endlich davon überzeugt, daß er mit ihr vollkommen zufrieden sei und daß sie sich grundlos beunruhige. Dann wurde sie plötzlich froh und heiter und gut, küßte mich, lachte mit mir oder setzte sich an den Flügel und spielte, was ihr gerade einfiel. Oft spielte und improvisierte sie dann, ohne es zu gewahren, wie zwei Stunden darüber verstrichen. Dann kam es wohl auch vor, daß das Spiel plötzlich verstummte und ich sie weinen sah. Sobald sie aber meine Aufregung bemerkte, versicherte sie mir schnell und flüsternd – als fürchte sie, daß man uns hören könnte –, es sei nichts, wirklich, es sei nichts, diese Tränen kämen nur so von selbst, sie hätten nichts zu bedeuten, sie sei, im Gegenteil, sehr froh und glücklich und ich solle mich nur nicht aufregen. War ihr Mann abwesend, so geschah es oft, daß sie sich um ihn plötzlich beunruhigt fühlte und sich nach ihm zu erkundigen begann: wohin er gefahren, warum, wann, zu wann er die Pferde bestellt, ob er krank oder gesund, bei guter oder schlechter Laune gewesen, was er gesagt usw., usw. Von seinen Dienstangelegenheiten und seiner Arbeit mit ihm zu sprechen – das wagte sie grundsätzlich nicht. Wenn er ihr einmal etwas riet oder sie um etwas bat, dann hörte sie ihn ergeben an und schien sich in acht zu nehmen, wie eine Sklavin vor ihrem Gebieter. Sie hatte es sehr gern, wenn er irgend etwas von ihren Sachen lobte, etwa ein Buch, einen Kunstgegenstand oder eine ihrer Handarbeiten. Sie war dann gleichsam stolz darauf, und sah sofort glücklich aus. Ihr Glück aber kannte keine Grenzen, wenn er einmal – es geschah freilich nur sehr selten und auch dann fast wie aus Versehen – zu den beiden kleinen Kindern ein wenig Zärtlichkeit äußerte. Ihr Gesicht verklärte sich dann geradezu, es strahlte vor Glück, und in diesen Augenblicken gab sie sich in ihrem Verhalten dem Mann gegenüber manchmal vielleicht etwas zu sehr ihrer Freude hin. Z. B. trieb sie dann die Kühnheit bisweilen sogar so weit, daß sie plötzlich selbst und unaufgefordert ihn bat – allerdings immer noch zaghaft und mit schüchterner Stimme – irgendeine neue Komposition, die ihr der Musikalienhändler zugesandt, anzuhören, oder seine Meinung über ein Buch zu sagen, oder ihr gar zu erlauben, ihm ein bis zwei Seiten daraus vorzulesen, wenn diese einen großen Eindruck auf sie gemacht hatten. Gewöhnlich kam der Gatte gnädig allen ihren Wünschen nach und lächelte, wie man über ein Kind nachsichtig lächelt, wenn man ihm irgendein seltsames Spiel nicht verbieten will, um ihm nicht vorzeitig seine Naivität zu rauben. Ich weiß nicht, weshalb mich dieses Lächeln, diese hochmütige Nachsicht, diese Ungleichheit zwischen ihnen immer so empörte! Ich schwieg aber, bezwang mich und beobachtete sie nur aufmerksam mit kindlicher Neugier, jedoch mit frühreifen ernsten Gedanken. Bisweilen bemerkte ich, daß ihm plötzlich etwas einzufallen schien: es war, als besinne er sich, als erinnere er sich gegen seinen Willen an etwas Schweres, Furchtbares, Unabwendbares, und im Nu verschwand das nachsichtig herablassende Lächeln aus seinen Zügen und seine Augen sahen plötzlich mit solchem Mitleid auf die Frau, daß es wie eine Lähmung über sie kam und ich von diesem Mitleid förmlich körperlichen Schmerz verspürte: hätte es mir gegolten – ich glaube, es hätte mich zu Tode gequält. Im Augenblick verschwand dann auch alle Freude aus dem Gesicht Alexandra Michailownas. Die Musik, wenn sie gerade spielte, oder ihre Stimme, wenn sie gerade vorlas, brach ab. Sie erbleichte, nahm sich krampfhaft zusammen und schwieg. Es folgte ein peinliches, drückendes Schweigen, das bisweilen lange andauerte. Endlich versuchte ihr Mann das Schweigen zu brechen. Er erhob sich, um wie mit Gewalt den Ärger und die Erregung in sich niederzuzwingen, und nachdem er ein paarmal in finsterem Schweigen durch das Zimmer geschritten war, drückte er seiner Frau die Hand, atmete tief auf, preßte sichtlich betreten ein paar abgerissene Worte hervor, die sie beruhigen sollten, und verließ das Zimmer; Alexandra Michailowna aber brach in Tränen aus und eine tiefe, qualvolle Traurigkeit kam über sie. Oft segnete und bekreuzte er sie vor dem Fortgehen, wie ein Kind, abends beim Abschied, und sie empfing den Segen mit Tränen der Dankbarkeit in stiller Ehrfurcht. Aber es gab da ein paar Abende (nur zwei oder drei in den ganzen acht Jahren), die ich nicht vergessen kann ... Dann war Alexandra Michailowna plötzlich ganz verändert. In ihrem sonst so stillen Gesicht spiegelten sich dann plötzlich anstatt der beständigen Unterwerfung und Selbsterniedrigung vor dem Manne – Zorn und Empörung. Das Gewitter zog langsam herauf. Der Mann wurde schweigsamer, schroffer und sein Gesicht noch finsterer als sonst. Schließlich hielt es das wunde Herz der armen Frau nicht mehr aus. Mit vor Aufregung stockender Stimme begann sie ein Gespräch, anfangs in abgerissenen, unzusammenhängenden Sätzen voll von Andeutungen und bitter verschwiegenen Worten; bis sie plötzlich, als könne sie ihr Leid nicht mehr ertragen, in Tränen ausbrach – und dann folgte ein Zornesausbruch mit Vorwürfen, Klagen und Verzweiflung wie in einer schweren Krisis. Aber man hätte sehen müssen, mit welcher Geduld ihr Mann das alles ertrug, mit welcher Teilnahme er sie zu beruhigen suchte und wie er ihr die Hände küßte, bis schließlich auch ihm die Tränen in die Augen traten: dann war’s als rufe ihr Gewissen ihr plötzlich etwas zu und werfe ihr ein Verschulden vor. Die Tränen ihres Mannes erschütterten sie und händeringend in neuer Verzweiflung warf sie sich zu seinen Füßen nieder und flehte unter Schluchzen und Weinen um seine Verzeihung, die er ihr denn auch sofort gewährte. Doch ihr Gewissen ließ ihr noch lange keine Ruhe und sie fuhr fort, ihn unter Tränen um Verzeihung zu bitten. Nach diesen Ausbrüchen war sie dann die ganzen folgenden Monate noch schüchterner, noch ängstlicher vor ihrem Mann als zuvor. Mir blieben alle diese Klagen und Vorwürfe vollkommen unverständlich; überdies wurde ich dann immer unter irgendeinem Vorwande aus dem Zimmer geschickt, aber ganz konnten sie dies alles doch nicht vor mir verbergen. Ich beobachtete und sah ... und was ich nicht sah, das erriet ich, und so schöpfte ich schon gleich zu Anfang den Verdacht, daß es sich dabei um ein Geheimnis handeln mußte, daß diese plötzlichen Ausbrüche eines wunden Herzens nicht gewöhnliche Nervenkrisen waren, daß ihr Mann nicht ohne Grund immer so finster aussah und dieses zweideutige Mitleid mit der armen kranken Frau hatte, daß auch ihre Schüchternheit und Ängstlichkeit und auch diese bescheidene sonderbare Liebe, die sie ihrem Manne kaum zu zeigen wagte, ihren besonderen Grund haben mußten, und ebenso ihre Einsamkeit, ihre nahezu klösterliche Zurückgezogenheit, sowie ihr plötzliches Erröten und Erbleichen in der Gegenwart ihres Gatten, das mir immer wieder auffiel und immer wieder zu denken gab.

Doch solche Szenen kamen, wie gesagt, nur sehr, sehr selten vor, und da unser Leben ohnehin so überaus eintönig verlief und Alexandra Michailowna mir auch schon so nahe stand, als hätte ich sie mein Leben lang gekannt, und ich andererseits mich schnell entwickelte und viel Neues in mir erwachte –, wenn es mir auch noch nicht zu Bewußtsein kam –, immerhin, ein Neues, das mich von meinen Beobachtungen ablenkte – so gewöhnte ich mich eben an dieses Leben und an die Eigenheiten der Menschen, die mich umgaben. Freilich dachte ich, wenn ich sie mitunter betrachtete, über sie dennoch nach, das war wohl anders auch nicht gut möglich, aber mein Denken führte vorläufig noch zu keinem Ergebnis. Hinzu kam, daß ich sie glühend liebte und mich unwillkürlich hütete, mit meiner Neugier ihre Wunde zu berühren – dazu achtete ich ihr Leid viel zu sehr. Sie aber verstand mich vielleicht noch besser als ich selbst mich verstand, und wie oft sagte sie mir für meine Liebe und Anhänglichkeit ihren stummen Dank! Wie oft, wenn sie meine Sorge um sie sah, lächelte sie mir unter Tränen zu oder sie scherzte selbst über ihr häufiges Weinen, oder sie begann mir auch wohl zu erzählen, daß sie sehr zufrieden, sehr glücklich sei, alle seien so gut zu ihr, alle hätten sie lieb, nur quäle es sie sehr, daß Pjotr Alexandrowitsch sich ihretwegen gräme und sich um ihre Seelenruhe sorge, während sie im Gegenteil so glücklich sei, so glücklich ...! Und sie schloß mich mit tiefem Gefühl in ihre Arme, innige Liebe verklärte ihr Gesicht, so daß mein Herz, wenn man dies sagen kann, vor lauter Mitempfinden schmerzte.