Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held
Part 18
Diesmal war die Fürstin nicht mehr zum Entschuldigen und Begnadigen geneigt. Aber wer sollte nun bestraft werden? Sie erriet natürlich sofort, wer die Schuldige war, – ihr Blick fiel auf Katjä ... Die stand bleich und schuldbewußt da. Die Arme dachte erst jetzt an die Folgen ihres Streiches. Der Verdacht konnte aber auch auf die unschuldigen Dienstboten fallen, und deshalb war Katjä schon im Begriff, die Wahrheit zu gestehen.
„Du hast es getan?“ fragte die Fürstin streng.
Ich sah, wie Katjä totenblaß wurde – da trat ich schnell einen Schritt vor und sagte mit fester Stimme:
„Ich habe Falstaff heraufgelassen ... Aus Versehen,“ fügte ich hinzu, denn mein ganzer Mut sank zusammen vor dem drohenden Blick der Fürstin.
„Madame Léotard, bestrafen Sie sie. Aber ich wünsche, daß Sie mit dieser Strafe ein Exempel statuieren!“ sagte die Fürstin und verließ das Zimmer.
Ich sah Katjä an: sie stand wie getroffen, wie betäubt, ihre Arme hingen schlaff herab, ihr erbleichtes Gesichtchen sah zu Boden.
Die einzige Strafe, die man in der Erziehung der Kinder des Fürsten anwandte, war, daß man sie in einem leeren Zimmer einschloß. In einem leeren Zimmer zwei Stunden allein zu sein – das ist wohl weiter nicht schlimm. Wenn aber das Kind mit Gewalt, gegen seinen Willen, eingeschlossen wird und man ihm erklärt, daß ihm die Freiheit genommen ist, so ist die Strafe gar nicht so unbedeutend. Gewöhnlich wurde Katjä oder ihr Bruder auf zwei Stunden eingesperrt. Mich sperrte man, in Anbetracht der ganzen Ungeheuerlichkeit meines Vergehens, auf vier Stunden ein. Ich verging fast vor Freude, als ich in mein Gefängnis trat. Ich dachte an Katjä. Ich wußte, daß ich gesiegt hatte. Doch anstatt der vier Stunden saß ich dort bis vier Uhr morgens. Und das geschah auf folgende Weise.
Zwei Stunden nach meiner Einkerkerung erhielt Madame Léotard die Nachricht, daß ihre Tochter aus Moskau eingetroffen und erkrankt sei und sie zu sprechen wünsche. Sie fuhr sogleich hin und natürlich vergaß sie mich darüber ganz und gar. Das Mädchen, welches nach uns zu sehen hatte, nahm an, ich sei von Madame Léotard schon vor ihrer Abfahrt aus der Haft entlassen worden. Katjä wurde bald darauf nach unten zur Mutter gerufen und mußte dort bis elf Uhr abends sitzen. Als sie nach oben zurückkehrte, war sie sehr erstaunt, mich nicht in meinem Bett zu sehen. Nastjä half ihr beim Auskleiden, doch die Prinzeß hatte ihre Gründe, weshalb sie sie nicht nach mir fragte. Sie legte sich hin und wartete auf mich, denn obschon sie wußte, daß ich nur auf vier Stunden eingesperrt war, dachte sie doch, das Kindermädchen werde mich sogleich bringen. Nastjä aber hatte mich ganz vergessen, um so mehr, als ich mich immer allein auskleidete. So kam es, daß ich in meinem Gefängnis nächtigen mußte.
Es war gegen vier Uhr morgens, als mich plötzlich Lärm und Gepolter aufweckten. Ich hatte mich auf die Diele gelegt und war eingeschlafen. Im ersten Augenblick schrie ich auf vor Angst, doch dann unterschied ich Katjäs Stimme, die von allen anderen am lautesten ertönte, darauf die Stimmen von Madame Léotard, Nastjä und der Beschließerin. Endlich wurde die Tür aufgemacht und Madame Léotard umarmte und drückte mich unter Tränen an ihr Herz, und bat mich, ihr zu verzeihen, daß sie mich vergessen hatte. Ich schlang meine Arme um ihren Hals und zerfloß in Tränen. Dabei zitterte ich vor Kälte und alle Knochen taten mir weh von der harten Diele. Ich suchte mit den Augen Katjä, sie lief aber schon in unser Schlafzimmer zurück, und als ich hinkam, lag sie schon im Bett und schlief oder stellte sich schlafend. Am Abend hatte sie anfangs allerdings auf mich gewartet, war aber dann unwillkürlich und unversehens eingeschlummert und hatte bis vier Uhr morgens geschlafen. Nach ihrem plötzlichen Erwachen hatte sie dann alle aus den Federn gebracht, zunächst die zurückgekehrte Madame Léotard, darauf Nastjä, alle weiblichen Dienstboten – und zusammen mit diesen befreite sie mich.
Am nächsten Morgen wußte schon das ganze Haus von meinem Abenteuer. Sogar die Fürstin soll gesagt haben, man sei gar zu streng mit mir verfahren. Den Fürsten aber sah ich damals zum erstenmal wirklich aufgebracht. Er kam in sichtlich großer Erregung gegen zehn Uhr zu uns nach oben.
„Ich bitte Sie, Madame,“ wandte er sich an die Französin, „was soll denn das für eine Methode sein? Wie sind Sie mit dem armen Kinde umgegangen? Das ist ja barbarisch, wahrhaft barbarisch! einfach skythisch! Ein armes, schwächliches Kind, und noch dazu solch ein verträumtes, eingeschüchtertes, kleines Mädchen – und das sperren Sie in ein dunkles Zimmer für die ganze Nacht ein! Das heißt doch das Kind geradezu dem Verderben ausliefern! Wissen Sie denn nicht, was sie in ihrem jungen Leben schon erlebt hat? Nein, das war von Ihnen einfach unmenschlich, ich versichere Sie, Madame! Und wie ist eine solche Strafe überhaupt möglich? Wer hat sich nur so etwas ausdenken können?“
Die arme Madame Léotard begann unter Tränen und in großer Verwirrung den Sachverhalt zu erklären. Sie sagte, daß ihre Tochter angekommen sei, und darüber habe sie mich vergessen, die Strafe an sich sei gut, wenn sie nicht zu lange dauere, und sogar Jean Jacques Rousseau sage etwas Ähnliches.
„Jean Jacques Rousseau, Madame! Was geht mich Jean Jacques an! Der ist keine Autorität. Und übrigens hat Rousseau kein Recht, von Erziehung zu sprechen, denn er hat sich von seinen eigenen Kindern losgesagt, Madame! Jean Jacques Rousseau war ein unsittlicher Mensch, Madame!“
„Jean Jacques Rousseau! Jean Jacques ein unsittlicher Mensch! ^Prince! Prince!^ Was sagen Sie!“
Und Madame Léotard wurde rot vor Entsetzen.
Sie war im Grunde eine prächtige Frau und nahm nicht gern etwas übel; wenn man sich aber unterfing, an ihren Lieblingen etwas auszusetzen, etwa den klassischen Schatten eines Corneille oder Racine im Jenseits zu beunruhigen, oder Voltaire zu beleidigen oder Jean Jacques Rousseau einen unsittlichen Menschen zu nennen – oh Gott! Tränen entstürzten den Augen der guten alten Dame und sie bebte vor Erregung.
„Sie vergessen sich, ^mon prince^!“ rief sie außer sich, mit vor Aufregung unsicherer Stimme.
Der Fürst besann sich denn auch sofort und entschuldigte sich, dann trat er zu mir, küßte mich mit tiefem Gefühl, bekreuzte mich und verließ uns.
„^Pauvre prince!^“ seufzte Madame Léotard, die nun ihrerseits weich wurde. Darauf setzten wir uns an den Lerntisch und der Unterricht begann.
Die Prinzeß war aber sehr zerstreut. Bevor wir hernach zum Essen nach unten gingen, kam sie auf mich zu, mit glühendem Gesichtchen, doch lachenden Lippen, blieb vor mir stehen, faßte mich an den Schultern und sagte schnell, als schäme sie sich Gott weiß aus welchem Grunde:
„Was? Hast du gestern lang genug für mich gesessen? Nach dem Essen wollen wir heute in den Saal gehen und spielen.“
Jemand kam und die Prinzeß wandte sich blitzschnell von mir fort.
Nach dem Essen, in der Dämmerung, gingen wir beide Hand in Hand in den großen Saal. Die Prinzeß war sehr aufgeregt und atmete schwer. Ich dagegen war froh und glücklich wie nie zuvor.
„Willst du Ball spielen?“ fragte sie mich. „Stell’ dich hierhin!“
Sie stellte mich in die eine Saalecke, doch anstatt nun von mir fortzugehen und den Ball mir zuzuwerfen, blieb sie drei Schritte vor mir stehen, sah mich an, errötete, schlug die Hände vors Gesicht und warf sich aufs Sofa. Ich machte eine Bewegung zu ihr hin – sie dachte aber, ich wolle fortgehen.
„Geh nicht fort, Njetotschka, bleib bei mir,“ sagte sie schnell, „das wird gleich vergehen.“
Da sprang sie auch schon auf, und über und über erglühend, mit Tränen in den Augen, warf sie sich an meine Brust. Ihre Wangen waren feucht, ihre Lippen wie Kirschen so rot – und die Locken in wirrem Durcheinander. Sie küßte mich wie von Sinnen, küßte mein Gesicht, meine Augen, Lippen, den Hals, die Hände, und dabei weinte sie, wie in einem Nervenanfall; ich schmiegte mich fest an sie und wir umarmten uns süß und selig, wie zwei gute Freunde oder – wie ein Liebespaar, das sich nach langer, langer Trennung wiedersieht. Katjäs Herz pochte so stark, daß ich jeden Schlag spürte.
Im Nebenzimmer ertönte eine Stimme: Katjä wurde zur Fürstin gerufen.
„Ach Njetotschka! Nu! Auf Wiedersehen – bis zum Abend! bis zur Nacht! Geh jetzt nach oben und wart’ auf mich!“
Sie küßte mich noch ein letztes Mal leise, unhörbar, fest, und dann eilte sie dem Ruf nach. Ich lief nach oben, sinnlos, trunken, wie erlöst, warf mich auf den Diwan, preßte das Gesicht ins Kissen und weinte vor Entzücken. Mein Herz schlug so heftig, als wolle es die Brust sprengen. Ich weiß nicht, wie die Stunden bis zum Abend vergingen. Endlich schlug es elf und ich ging zu Bett. Die Prinzeß kehrte erst um zwölf zurück; sie lächelte mir von ferne zu, sagte aber kein Wort. Nastjä entkleidete sie und schien es wie absichtlich langsam zu tun.
„Schneller, schneller, Nastjä!“ drängte Katjä.
„Was ist denn das, Prinzeßchen, sind wohl die Treppe heraufgelaufen, daß das Herzchen so schlägt?“ fragte Nastjä.
„Ach, mein Gott, Nastjä! Wie kann man so langweilig sein! Schneller, schneller doch!“ Und Prinzeßchen stampfte geärgert mit dem Fuß auf.
„Ach, was für’n Herzchen!“ sagte Nastjä und küßte das Füßchen der Prinzeß, von dem sie gerade den Strumpf abzog.
Endlich war alles beendet, die Prinzeß lag im Bett und Nastjä verließ uns. Im Nu sprang Katjä aus dem Bett und eilte zu mir. Ich empfing sie mit einem Freudenschrei.
„Komm zu mir, komm in mein Bett!“ sagte sie schnell und selbst schon im Begriff, mich aus dem Bett zu heben. Einen Augenblick später lagen wir beide in ihrem Bett, umschlangen uns fest und schmiegten uns aneinander. Die Prinzeß erstickte mich fast mit ihren Küssen.
„Ich weiß doch, wie du mich geküßt hast, wenn du glaubtest ich schliefe!“ flüsterte sie, über und über errötend.
Ich weinte.
„Njetotschka!“ flüsterte Katjä unter Tränen, „du mein Engel, ich hab’ dich doch schon so lange, so lange schon lieb! Weißt du, seit wann?“
„Nein, seit wann?“
„Als Papa mir befahl, dich um Verzeihung zu bitten, nachdem du deinen Papa verteidigt hattest, Njetotschka ... Du mein Wai–sen–kindchen!“ sagte sie gedehnt und wieder bedeckte sie mich mit Küssen. Sie weinte und lachte zugleich.
„Ach, Katjä!“
„Nu was? – nu – was?“
„Warum hast du so lange ... so lange ...“ ich sprach nicht zu Ende. Wir hielten uns krampfhaft umschlungen und sprachen wohl drei Minuten lang kein Wort.
„Hör’ mal, was hast du denn alles von mir gedacht?“ fragte die Prinzeß.
„Ach, ich hab’ so vieles gedacht, Katjä! Ich habe nur an dich gedacht, Tag und Nacht.“
„Und in der Nacht von mir gesprochen, das habe ich gehört.“
„Wirklich?“
„Und sogar geweint!“
„Siehst du! – warum warst du denn so stolz?“
„Ich war doch dumm, Njetotschka! Das kommt so zuweilen über mich und dann bin ich machtlos. Ich war die ganze Zeit böse auf dich.“
„Weshalb?“
„Weil ich selber schlecht war. Anfangs deshalb, weil du besser warst als ich. Dann deshalb, weil Papa dich mehr liebte! Papa aber ist ein guter Mensch, Njetotschka. Nicht wahr?“
„Ach ja, das ist er!“ rief ich ganz begeistert.
„Ja, ein guter Mensch,“ wiederholte Katjä ernsthaft. „Aber was soll ich mit ihm anfangen? Er ist immer so ... Nun, und dann bat ich dich um Verzeihung und begann dabei fast zu weinen, und darüber ärgerte ich mich wieder.“
„Das sah ich, das sah ich, daß du dem Weinen nahe warst.“
„Schweig, Dummchen, weinst selbst jeden Augenblick!“ rief Katjä und hielt mir den Mund zu. „Weißt du, ich wollte dich furchtbar lieben, dann aber wollte ich dich plötzlich wieder so hassen und ich haßte dich, haßte dich so!“ ...
„Weswegen denn?“
„Ja so – ich war bös auf dich. Ich weiß nicht, weshalb! Dann aber sah ich, daß du ohne mich nicht mehr leben konntest, und da dacht’ ich: wart’, ich werde sie doch noch quälen, die Schändliche!“
„Ach, Katjä!“
„Mein Seelchen!“ rief sie, meine Hand küssend, „und dann, weißt du, wollte ich mit dir nicht mehr sprechen, ich wollte nicht, für keinen Preis! Und weißt du noch, wie ich Falstaff streichelte?“
„Ach du, du Unerschrockene!“
„Aber wie ich mich _fürchtete_!“ sagte sie und schüttelte sich. „Doch weißt du auch, warum ich zu ihm ging?“
„Warum?“
„Ja, weil du zuschautest. Als ich sah, daß du mich ansahst ... Ach! – da war mir alles andere gleich – ich ging! Hab’ ich dich erschreckt, was? Fürchtetest du dich für mich?“
„Entsetzlich!“
„Ich weiß. Aber wie ich dann froh war, daß Falstaff abtrollte! Mein Gott, und wie mich dann plötzlich die Angst packte, als er aus dem Zimmer war! Solch ein Scheu–sal!“
Und die Prinzeß schüttelte sich wieder und lachte nervös, indes ein Gruseln sie faßte. Plötzlich erhob sie ihr heißes Köpfchen und sah mich lange aufmerksam an. Zwei Tränchen glänzten noch wie Diamanten an ihren langen Wimpern.
„Nu, was ist denn eigentlich an dir, daß ich dich so liebgewonnen habe? Du! – bleich bist du, die Haare blond, selbst solch ein Dummchen, das immer gleich weint, die Augen blau ... Du mein Wai–sen–kindchen!“
Und Katjä umfing mich wieder, um mich von neuem mit Küssen zu bedecken. Einige ihrer Tränen fielen auf meine Wangen. Sie war tief gerührt.
„Und wie ich dich doch liebte! – aber immer dachte ich: nein und nein, ich sag’s ihr doch nicht! Ich war ja so eigensinnig! Was fürchtete ich denn eigentlich, weshalb schämte ich mich vor dir? Sieh doch, wie gut wir es jetzt haben!“
„Katjä! Es schmerzt mich so!“ sagte ich außer mir vor Freude. „Es bricht mir das Herz entzwei!“
„Ja, Njetotschka! Hör’ weiter ... Ja aber, wart’, sag’ zuerst, wer hat dir den Namen Njetotschka gegeben?“
„Mama!“
„Wirst du mir von deiner Mama erzählen?“
„Alles, alles!“ versprach ich begeistert.
„Aber wohin hast du meine zwei Taschentücher gesteckt, die mit den Spitzen? Und mein Haarband, warum hast du das versteckt? Ach du, schämst du dich nicht! Ich weiß doch alles!“
Ich lachte und errötete tief.
„Nein, da dachte ich doch: wart’, da werd’ ich sie noch ein bißchen quälen, mag sie warten. Manchmal aber dachte ich wieder: aber ich lieb’ sie ja gar nicht, ich kann sie nicht ausstehen! Du aber warst immer so still, wie so ein frommes Lämmchen! Und wie ich fürchtete, daß du mich für dumm halten könntest! Du bist klug, Njetotschka, du bist doch sehr klug, nicht?“
„Ach, pfui Katjä, was fällt dir ein!“ rief ich fast beleidigt.
„Nein, du bist klug,“ sagte Katjä in bestimmtem und ernstem Ton, „das weiß ich. Nur, weißt du, eines Morgens stand ich auf und hatte dich plötzlich so lieb, ganz furchtbar lieb! Die ganze Nacht hatte mir nur von dir geträumt. Da dachte ich: ich werde zu Mama übersiedeln und ganz dort wohnen. Ich will sie nicht lieben, ich will nicht! Als ich aber dann am Abend unten bei Mama einschlief, da dachte ich: wenn sie jetzt käme, wie in der vorigen Nacht – doch du kamst nicht. Und wieviel Mühe es mich da kostete, zu tun als schlafe ich ganz ruhig! Ach, wie dumm wir waren, Njetotschka!“
„Aber warum wolltest du mich denn nicht lieben?“
„So ... Ach, was sage ich! – ich hab’ dich doch die ganze Zeit geliebt! Immer hab’ ich dich geliebt. Erst später kam das – daß ich dich nicht ausstehen konnte. Ich dachte, ach, ich werde sie einmal totküssen oder totkneifen! Da hast du’s nun, du Dummchen!“
Und sie kniff mich.
„Aber erinnerst du dich noch, wie ich dir deine Schuhschleife band?“
„O ja!“
„O ja! – war’s dir angenehm? Weißt du, ich sah dich an: wie lieb sie doch ist, dachte ich, halt, ich werd’ ihr die Schleife binden – was sie dann wohl denken wird? Und da hatte ich gleich selbst solch ein gutes Gefühl. Und wirklich, ich wollte dich auf der Stelle abküssen ... Aber ich küßte dich doch nicht. Dann aber fand ich das alles so komisch, so schrecklich komisch! Und auf dem ganzen Wege, während unseres Spazierganges, glaubte ich, jetzt, im nächsten Augenblick nicht mehr an mich halten zu können und laut auflachen zu müssen. Ich konnte dich nicht ansehen, so komisch war’s. Und wie froh ich doch war, daß du für mich ins Gefängnis gingst!“ – Das leere Zimmer wurde „das Gefängnis“ genannt. – „Und hattest du Angst?“
„Ach, fürchterlich!“
„Ja, und weißt du, ich freute mich nicht nur darüber, daß du vor Mama meine Schuld auf dich genommen hattest, sondern noch viel mehr darüber, daß du für mich im Gefängnis sitzen mußtest! Ich dachte: jetzt sitzt sie da und weint, ich aber – wie habe ich sie lieb! Morgen werde ich sie so küssen, so küssen! Und du tatest mir doch kein bißchen leid, bei Gott, du tatest mir gar nicht leid, obschon ich auch etwas weinte.“
„Ich aber, siehst du, habe nicht geweint, ich war dir zum Trotz gerade sehr froh!“
„Hast nicht geweint? Ach, du Böse!“ rief die Prinzeß und saugte sich an mir fest mit ihren weichen Lippen.
„Katjä, Katjä! Mein Gott, wie bist du reizend!“
„Nicht wahr? Aber jetzt mach’ mit mir, was du willst! Schlag mich, kneif mich! Bitte, kneif mich! Täubchen, ach, nu, so kneif mich doch!“
„Wildfang!“
„Nu, und was noch?“
„Dummchen ...“
„Und was noch?“
„Küss’ mich!“
Und wir küßten uns, weinten, lachten, unsere Lippen waren schon geschwollen vom Küssen.
„Njetotschka! Erstens, höre: du wirst jetzt immer zu mir schlafen kommen. Küßt du gern? Dann werden wir uns auch küssen. Und dann: ich will nicht, daß du so langweilig bist. Warum langweiltest du dich? Wirst du mir das erzählen, ja?“
„Alles werde ich dir erzählen. Aber jetzt bin ich nicht mehr traurig, sondern lustig!“
„Nein, wart’ nur, bald wirst du auch so rote Wangen haben wie ich! Ach, wenn doch der Morgen schneller käme! Willst du schon schlafen, Njetotschka?“
„Nein.“
„Nu, dann, laß uns erzählen!“
Und wir sprachen wohl gute zwei Stunden. Gott weiß was wir da alles zusammenphantasierten. Zuerst entrollte Katjä alle ihre Zukunftspläne und teilte mir mit, daß sie ihren Papa am meisten von allen liebte, fast sogar mehr als mich. Dann kamen wir überein, daß Madame Léotard eine gute Frau und gar nicht streng war. Dann setzten wir sogleich fest, was wir am nächsten und übernächsten Tage tun würden, und überhaupt bestimmten wir unser Leben etwa schon für zwanzig Jahre im voraus. Für die allernächste Zukunft entwarf Katjä folgenden Plan: an einem Tage würde sie mir befehlen und ich alles ausführen, und am nächsten Tage umgekehrt, dann würde ich befehlen und sie widerspruchslos gehorchen; und dann würden wir beides zugleich tun, also uns gegenseitig Befehle erteilen; und dann würden wir es einmal absichtlich so machen, daß wir in Streit gerieten, nur so zum Schein, und dann uns schnell wieder versöhnen. Mit einem Wort, uns erwartete schier unendliches Glück. Schließlich wurden wir aber doch müde. Meine Augen fielen mir schon zu. Katjä lachte mich aus, nannte mich eine Schlafmütze und – schlief selbst noch vor mir ein.
Am nächsten Morgen erwachten wir beide zugleich, küßten uns schnell, denn wir hörten Schritte, und ich konnte gerade noch rechtzeitig in mein Bett schlüpfen, bevor Nastjä ins Zimmer trat.
Den ganzen Tag wußten wir nicht, was wir miteinander anfangen sollten vor Freude. Wir liefen aus einem Zimmer ins andere und versteckten uns fast die ganze Zeit vor den anderen, denn fremde Augen fürchteten wir am meisten. Zu guter Letzt begann ich ihr meine Lebensgeschichte zu erzählen. Katjä war geradezu erschüttert.
„Du, du Böse! Warum hast du mir das alles nicht früher erzählt? Ich hätte dich dann gleich so lieb gehabt, so lieb! Doch sag’: haben dich die Jungen auf der Straße schmerzhaft geschlagen?“
„O ja. Und ich hatte schreckliche Angst vor ihnen!“
„Pfui, die schändlichen! Weißt du, Njetotschka, ich habe selbst einmal gesehen, wie ein Knabe einen anderen auf der Straße schlug. Weißt du, morgen werde ich heimlich Falstaffkas Hundepeitsche mitnehmen und wenn mir noch solch einer begegnet, dann werde ich ihn so hauen, so hauen!“
Ihre Augen blitzten vor Zorn.
Wir erschraken, wenn jemand ins Zimmer trat; wir fürchteten, beim Küssen überrascht zu werden, denn wir küßten uns an jenem Tage wenigstens hundertmal. So vergingen der erste und der zweite Tag. Ich fürchtete schon, zu sterben vor Entzücken. Das Glücksgefühl war so mächtig, daß es mir den Atem raubte. Doch unser Glück sollte nicht von langer Dauer sein.
Madame Léotard, die Katjä auf Wunsch der besorgten Fürstin nicht aus den Augen lassen sollte, beobachtete uns drei Tage mit wachsender Verwunderung und in dieser Zeit bemerkte sie manches, was ihr zu denken gab. Am dritten Tage ging sie zur Fürstin und berichtete gewissenhaft, was ihr an uns aufgefallen war: daß wir beide wie außer Rand und Band seien, schon drei Tage uns nicht voneinander trennten – uns jeden Augenblick küßten, weinten, lachten und unaufhörlich plauderten, was sie früher nie bemerkt habe: sie wisse gar nicht, welchem Einfluß das zuzuschreiben sei; aber es wolle ihr scheinen, daß die Prinzeß sich in einem krankhaften Zustande befinde, und deshalb meine sie, es wäre vielleicht besser, wir kämen seltener zusammen.
„Das habe ich schon längst gedacht,“ versetzte die Fürstin. „Ich ahnte es, daß man von dieser sonderbaren Waise nur Scherereien haben werde! Was man mir von ihr erzählt hat, von ihrem früheren Leben, – ist geradezu haarsträubend, ist einfach entsetzlich! Sie hat augenscheinlich Einfluß auf Katjä. Sie sagen, Katjä liebe sie sehr?“
„Ich glaube, sogar unsinnig!“
Die Fürstin errötete vor Ärger. Sie war schon damals eifersüchtig auf die Liebe ihrer Tochter zu mir.
„Das ist mir doch zu unnatürlich,“ sagte sie. „Früher waren sie einander so fremd, und ich muß gestehen, das freute mich. So klein dieses Mädchen auch noch ist, aber ich bin vor nichts sicher. Sie verstehen mich? Sie hat schon mit der Muttermilch alles das eingesogen, ihre Angewohnheiten oder vielleicht sogar ihre Neigungen. Ich begreife nicht, was der Fürst an ihr gefunden hat! Tausendmal habe ich ihm schon den Vorschlag gemacht, sie in einer Pension unterzubringen.“
Madame Léotard versuchte nun, mich zu verteidigen, aber die Fürstin hatte ihren Entschluß bereits gefaßt. Katjä wurde nach unten gerufen und dort sagte man ihr, daß sie mich nicht vor dem nächsten Sonntag wiedersehen dürfe, also erst nach einer ganzen Woche.
Ich erfuhr das erst am späten Abend und Entsetzen erfaßte mich. Ich dachte an Katjä und fürchtete, sie werde unsere Trennung nicht überleben. Ich geriet außer mir und meine Verzweiflung war so groß, daß ich in der Nacht krank wurde. Am nächsten Morgen kam der Fürst zu mir und sagte mir leise, als wir allein blieben, ich solle ruhig auf ein baldiges Wiedersehen hoffen. Leider waren aber seine Bemühungen vergeblich, denn die Fürstin blieb bei ihrem Entschluß. Meine Verzweiflung dagegen wuchs mit jeder Stunde und der Schmerz würgte mich, daß ich an ihm zu ersticken glaubte.
Am dritten Morgen brachte mir Nastjä einen Zettel von Katjä. Sie schrieb mir mit dem Bleistift auf einem abgerissenen Stück Papier in fürchterlichen Krähenfüßen folgendes:
„Ich liebe dich unsinnig. Ich sitze bei ^maman^ und denke nur darüber nach, wie ich fortlaufen könnte. Ich werde unbedingt fortlaufen, das schwöre ich dir, und deshalb weine nicht. Schreib’ mir, wie du mich liebst. Ich aber umarme dich die ganze Nacht im Schlaf, und habe furchtbar gelitten, Njetotschka. Ich schicke dir Konfekt. Adieu.“
Ich antwortete auf demselben Wege. Den ganzen Tag las ich immer wieder Katjäs Brief und weinte. Madame Léotard quälte mich mit ihrer Zärtlichkeit. Am Abend erfuhr ich, daß sie zum Fürsten gegangen war und gesagt hatte, daß ich sicherlich zum drittenmal krank werden würde, wenn ich Katjä nicht wiedersähe, und daß sie es bereue, die Fürstin beunruhigt zu haben. Ich fragte Nastjä, was Katjä mache. Sie sagte, Katjä weine nicht, sei aber sehr bleich.
Am nächsten Morgen flüsterte Nastjä mir zu:
„Gehen Sie ins Kabinett des Fürsten. Aber gehen Sie über die Treppe, die rechts nach unten führt.“