Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held
Part 17
Da fiel ihr nach einigen Minuten ein neues Mittel ein; sie verließ sofort den Saal und kehrte mit einem ganzen Vorrat von Kringeln, Kuchen und Pasteten zurück – kurz, sie änderte die Waffen. Doch auch die neuen Waffen ließen Falstaff völlig kalt, wohl weil er ohnehin schon viel zu satt war. Den Kringel, den sie ihm zuwarf, würdigte er nicht einmal eines Blickes; und als die Prinzeß wieder an der besagten äußersten Grenze anlangte, erfolgte ein diesmal noch energischerer Protest: er erhob den Kopf, zeigte die Zähne, knurrte und machte eine Bewegung, als wolle er gleich aufspringen. Die Prinzeß wurde rot vor Zorn, ließ den ganzen Vorrat liegen und setzte sich wieder auf ihren Platz.
Sie war sichtlich sehr erregt. Ihr kleiner Fuß schlug ununterbrochen auf den Teppich, ihre Wangen glühten und in die Augen traten fast Tränen vor Ärger. Da geschah es, daß sie plötzlich meinen Blick auffing – alles Blut stieg ihr heiß ins Gesicht. Sie sprang auf und ging mit entschlossenen Schritten gerade auf die furchtbare Dogge zu.
Vielleicht war es diesmal die Überraschung, die Falstaff lähmte. Er ließ den Feind die Grenze überschreiten, und erst als sie nur noch zwei Schritte von ihm entfernt war, empfing er die Unbedachte mit dem unheimlichsten Knurren. Katjä blieb für eine Sekunde stehen –, aber nur für eine Sekunde –: dann trat sie entschlossen vorwärts. Ich erstarb vor Schreck. Sie war aber so beseelt von ihrem Entschluß, wie ich sie noch nie gesehen hatte: ihre Augen blitzten in trotziger Siegesgewißheit. Sie hätte ein entzückendes Modell für einen Künstler abgegeben. Mutig widerstand sie dem drohenden Blick des bösen Tieres, und auch sein unheimliches Gebiß schreckte sie nicht ab. Die Dogge hob den Kopf. Aus der breiten Brust kam ein unheildrohendes Knurren – im nächsten Moment, so schien es, werde das Tier sie zerfleischen. Doch die Prinzeß legte stolz ihre kleine Hand auf seinen Rücken und streichelte ihm dreimal über das Fell. Einen Augenblick verharrte Falstaff in Unentschlossenheit. Dieser Augenblick war der furchtbarste: dann stand das Tier schwerfällig auf, streckte sich und verließ in phlegmatischer Ruhe den Saal, vermutlich in der Erwägung, daß mit Kindern zu kämpfen sich doch nicht lohne. Die Prinzeß blieb triumphierend auf dem eroberten Platz stehen und warf mir nur einen unbeschreiblichen Blick zu, einen siegesgesättigten, siegesberauschten Blick. Ich war noch bleich wie ein Handtuch. Sie bemerkte das und lächelte. Aber da breitete sich mit einemmal auch über ihr Gesichtchen Totenblässe. Kaum konnte sie noch bis zum Sofa gehen, auf das sie nahezu ohnmächtig niedersank.
Doch meine Liebe zu ihr kannte keine Grenzen. Seit diesem Tage, wo ich eine solche Angst um sie ausgestanden, konnte ich mich nur noch mit Mühe beherrschen. Ich verging vor Sehnsucht, tausendmal wollte ich mich ihr an den Hals werfen, aber eine unerklärliche Scheu hielt mich regungslos und wie gebannt auf meinem Platz zurück. Ich erinnere mich noch, daß ich ein Zusammensein mit ihr absichtlich zu vermeiden suchte, damit sie meine Erregung nicht sähe; trat sie aber zufällig in das Zimmer, in das ich mich zurückgezogen hatte, dann fuhr ich zusammen und mein Herz begann so stark zu pochen, daß ich wie von einem Schwindel erfaßt wurde. Ich glaube, dies alles entging Katjä nicht, und nachdem sie es bemerkt hatte, war sie die nächsten zwei Tage, wie mir schien, etwas verwirrt. Bald aber hatte sie sich auch damit abgefunden. So verging ein ganzer Monat, in dem ich einsam litt. Meine Gefühle besitzen eine gewisse unerklärliche Dehnbarkeit, wenn man sich so ausdrücken kann; meine Natur ist bis zur letzten Möglichkeit geduldig, so daß ein plötzlicher Ausbruch der Gefühle nur im wirklich äußersten Fall eintritt. Man muß nämlich wissen, daß Katjä und ich in dieser ganzen Zeit kaum fünf Worte miteinander gewechselt haben. Nach und nach wurde es mir aber infolge gewisser Anzeichen immer klarer, daß ihr Verhalten zu mir nicht auf Gleichgültigkeit oder Feindseligkeit zurückzuführen sei, sondern daß es nur eine absichtliche Fernhaltung ihrerseits war: ganz als habe sie sich das Wort gegeben, mich in gewissen Schranken zu halten. Doch ich schlief schon nicht mehr in den Nächten und am Tage konnte ich meine Verwirrung selbst vor Madame Léotard nicht verbergen. Meine Liebe zu Katjä verstieg sich bis zu Seltsamkeiten: so nahm ich einmal heimlich ihr Taschentuch, ein anderes Mal ihr Haarband an mich, und diese Gegenstände küßte ich dann nachts unter Tränen. Anfangs kränkte mich ihre Gleichgültigkeit so sehr, daß ich mich wirklich verletzt fühlte; hernach aber war alles in mir verwirrt und ich konnte mir selbst nicht mehr über meine Empfindungen Rechenschaft geben. So kam es, daß meine alten Eindrücke allmählich von den neuen verdrängt wurden, und die Erinnerung an mein früheres trauriges Leben verlor mit der Zeit ihre krankhafte Intensität, da sie der neuen Wirklichkeit weichen mußte.
Ich weiß noch, wenn ich in der Nacht erwachte, stand ich bisweilen leise auf und schlich auf den Fußspitzen zum Bett der Prinzeß. Stundenlang konnte ich dann stehen und die Schlafende in dem milden Licht unserer Nachtlampe betrachten. Manchmal setzte ich mich sogar auf ihr Bett und beugte mich über ihr Gesicht, und ihr warmer regelmäßiger Atem berührte mich wie ein traumhaft sanftes Wehen. Leise, bebend vor Unsicherheit, küßte ich dann wohl oft ihre Händchen, ihre kleinen Schultern, Wangen, auch ihr Füßchen küßte ich, wenn die Decke sich verschoben hatte und das Füßchen hervorsah. Bald glaubte ich zu bemerken – ich beobachtete sie doch unausgesetzt, wenn auch heimlich – daß sie von Tag zu Tag mehr nachsann und ihr Charakter seine frühere gefestigte Gleichmäßigkeit eingebüßt hatte: es kam vor, daß wir sie oft einen ganzen Tag nicht tollen hörten, dann aber machte sie wieder solchen Lärm, wie ich ihn zuvor noch nie gehört. Sie wurde reizbar, anmaßend, sie wurde abwechselnd bleich und rot und trieb es mit mir oft bis zu kleinen Grausamkeiten: bald wollte sie plötzlich nicht gleichzeitig mit mir essen und nicht neben mir sitzen, ganz als flöße ich ihr Abscheu ein; bald ging sie zur Mutter und saß dort fast ganze Tage, obschon sie genau wußte, wie sehr die Sehnsucht nach ihr mich verzehrte; bald wiederum setzte sie sich mir gegenüber und betrachtete mich stundenlang, so daß ich vor tödlicher Verwirrung nicht wußte, wo ich mich lassen sollte, nur immer errötete und erbleichte und doch nicht aus dem Zimmer zu gehen wagte. Zweimal hatte Katjä sich bereits über Fieber beklagt, während man sie früher nie krank gesehen hatte. Da erfolgte eines Morgens eine besondere und bedeutungsvolle Wandlung: auf unbedingten Wunsch der Prinzeß zog sie nämlich nach unten zur Mutter, die fast ohnmächtig wurde vor Angst, als Katjä über Erkältung klagte. Ich muß bemerken, daß die Fürstin mit mir sehr unzufrieden war und die ganze Veränderung, die sie an Katjä bemerkte, meinem schädlichen Einfluß zuschrieb, oder doch dem Einfluß meines „düsteren Charakters“, wie sie sich ausdrückte. Sie hätte uns schon viel früher getrennt, doch hielt sie es für ratsamer, die Trennung noch aufzuschieben, da sie damit, wie sie wußte, beim Fürsten auf hartnäckigen Widerstand gestoßen wäre. Obschon der Fürst ihr in allem ihren Willen ließ, konnte er bisweilen doch mit geradezu eigensinniger Starrheit auf seinem Willen bestehen. Sie kannte den Fürsten gut.
Dieser Umzug der Prinzeß machte mich so betroffen, daß ich eine ganze Woche in der schrecklichsten Gemütsverfassung zubrachte. Ich quälte mich mit meiner Sehnsucht nach ihr und zerbrach mir den Kopf über der Frage, weshalb ich Katjä wohl solchen Abscheu einflößte. Meine Trauer darob zerriß mir die Seele und das Gerechtigkeitsgefühl und ein bitterer Unwille begann sich in meinem gekränkten Herzen zu erheben. Es entstand plötzlich ein gewisser Stolz in mir, und wenn ich mit Katjä vor unserem Spaziergang zusammentraf, dann sah ich sie so frei, so ernst an, so anders als früher, daß es sie offenbar betroffen machte. Natürlich trat diese meine Veränderung nur hin und wieder zutage, wie in sich durchdringenden Ausbrüchen, dann aber tat mir das Herz von neuem weh und der Schmerz wuchs und wuchs und ich wurde noch schwächer, noch kleinmütiger als ich vorher gewesen war. Da, eines Morgens, zu meiner größten, mich freudig verwirrenden Überraschung, kehrte die Prinzeß zu uns nach oben zurück. Ihr erstes war, daß sie gleich unter unbändigem Lachen Madame Léotard an den Hals flog und lachend erklärte, nun werde sie wieder bei uns wohnen – dann grüßte sie mich mit einem Nicken, sah aber schnell wieder fort und erbettelte sich die Erlaubnis, an diesem Tage nichts lernen zu brauchen. Den ganzen Vormittag tollte sie umher. Ich habe sie nie lebhafter und ausgelassener gesehen. Doch gegen Abend wurde sie still, nachdenklich und wieder breitete eine gewisse Traurigkeit einen Schatten über ihr reizendes Gesichtchen. Als die Fürstin am Abend bei uns erschien, um nachzufragen, wie es ihr gehe, da sah ich, daß Katjä sich aus allen Kräften bemühen mußte, froh und lustig zu scheinen. Nachher aber, als wir allein zurückblieben, brach sie plötzlich in Tränen aus. Ich war bestürzt. Die Prinzeß bemerkte, daß ich sie beobachtete, und verließ das Zimmer. Es waren Anzeichen, daß eine unerwartete Krisis sich in ihr vorbereitete. Die Fürstin beriet mit den Ärzten, ließ sich von Madame Léotard jeden Tag ausführlich Bericht erstatten, und wünschte, daß sie Katjä nicht aus den Augen ließ. Nur ich ahnte den wahren Grund dieser Veränderung. Mein Herz begann vor Hoffnung laut zu pochen.
In der Tat, unser kleiner Roman näherte sich der entscheidenden Wendung. Am dritten Tage nach Katjäs Rückkehr zu uns nach oben fiel es mir auf, daß sie mich den ganzen Vormittag mit so guten Augen ansah und so lange ihre Blicke auf mir ruhen ließ ... Ein paarmal trafen sich unsere Blicke und jedesmal erröteten wir und schlugen die Augen nieder, als schämten wir uns. Da lachte zu guter Letzt Prinzeßchen auf und ging fort. Um drei Uhr kleidete man uns für den Spaziergang an. Plötzlich trat Katjä an mich heran.
„Dein Schuhband hat sich gelöst,“ sagte sie zu mir, „komm, ich werde es zubinden.“
Ich wollte mich bücken, um selber die Schleife zu binden, tief errötend darüber, daß Katjä nun endlich wieder etwas zu mir sprach, doch sie kam mir zuvor.
„Gib her!“ sagte sie in lachender Ungeduld und kniete schnell nieder, zog meinen Fuß zu sich und band die Schleife von neuem. Mir stockte der Atem; ich wußte nicht, was tun, und ich empfand nur eine süße Wonne in meiner Erschrockenheit. Als die Schleife fertig war, stand sie auf und musterte mich vom Kopf bis zu den Füßen.
„Da ist auch das Hälschen bloß,“ sagte sie, mit dem Finger an meinen Hals tippend. „Nein, laß nur, ich werde es dir schon richtig binden.“
Ich widersprach nicht. Sie löste die Schleife meines Halstüchleins und band es von neuem nach ihrem Geschmack.
„So kann man sich ja einen Husten holen,“ sagte sie mit einem schelmischen Lächeln und aus ihren dunklen feuchten Augen streifte mich ein spitzbübischer Blick.
Ich war wie von Sinnen: ich wußte nicht, wie mir geschah, noch was in Katjä vorging. Zum Glück dauerte unser Spaziergang nicht lange, sonst hätte ich es nicht ausgehalten und sie auf der Straße geküßt. Als wir aber die Treppe hinaufstiegen, gelang es mir, sie heimlich auf die Schulter zu küssen. Sie bemerkte es, zuckte zusammen, sagte jedoch kein Wort. Am Abend wurde sie festlich angekleidet und nach unten geführt. Bei der Fürstin waren Gäste. Doch noch am selben Abend stand dem ganzen Hause eine große Aufregung bevor.
Katjä bekam einen Nervenanfall. Die Fürstin war außer sich vor Schreck. Der Arzt kam und wußte nicht, was er sagen sollte. Man schrieb alles den üblichen Kinderkrankheiten zu, auch dem Alter Katjäs, ich aber dachte darüber ganz anders. Am nächsten Morgen erschien Katjä wieder so wie immer, rosig, lustig, von unerschöpflicher Gesundheit, dafür aber mit solchen Launen und Eigenheiten, wie sie noch niemand an ihr beobachtet hatte.
Erstens wollte sie den ganzen Vormittag Madame Léotard nicht gehorchen. Darauf erklärte sie mit einemmal, zur Großtante, der alten Prinzessin, gehen zu wollen. Und richtig, diesmal wurde der Prinzeß der Zutritt zu den Gemächern der Großtante gewährt, freilich ganz gegen die Gepflogenheit der alten Dame, die ihre Großnichte gar nicht leiden konnte, ewig an ihr etwas auszusetzen fand und sie gewöhnlich überhaupt nicht sehen wollte – diesmal aber, wie gesagt, entschloß sie sich, Gott weiß weshalb, sie zu empfangen. Anfangs ging auch alles gut, die erste Stunde verlief im schönsten Frieden, denn dem Schelm war es plötzlich eingefallen, für alle ihre Ungezogenheiten, den verursachten Lärm und alle Störungen freiwillig um Verzeihung zu bitten. Und die Großtante verzieh ihr auch feierlich und sichtlich tief gerührt. Das war aber der Spitzbübin noch zu wenig. Und es fiel ihr ein, auch solche Streiche zu beichten, die sie noch gar nicht verbrochen hatte, die vorerst nur als Pläne in ihrem Köpfchen lebten. So nahm sie den Ausdruck einer reumütigen Büßerin an und beichtete, daß die fromme Dame ob solchen Insichgehens anfangs ganz verzückt war, denn es schmeichelte ihrer Eigenliebe nicht wenig, über Katjä diesen Sieg davonzutragen, über Katjä, den Abgott des ganzen Hauses, den Liebling aller Menschen, deren Launen gegenüber sogar die Fürstin machtlos war.
Katjä gestand also, daß sie die Absicht gehabt habe, eine Visitenkarte an das Kleid der Großtante zu kleben; dann – Falstaff unter ihrem Bett zu verbergen; dann – ihre Brille zu zerbrechen; dann – alle ihre frommen Bücher fortzuschleppen und an deren Stelle die französischen Romane der Mama zu legen; dann – Knallerbsen in ihren Zimmern auszustreuen; dann – ein Spiel Karten in ihre Tasche zu stecken, usw., usw. Kurz, eine Sünde war schlimmer als die andere. Die Großtante wurde starr und bleich und schließlich gelb vor Ärger – bis Katjä zuletzt doch nicht mehr an sich halten konnte, in tolles Lachen ausbrach und wie ein Wirbelwind davonlief. Die alte Prinzessin ließ sogleich die Fürstin zu sich bitten, und aus dem Vorfall wurde eine große Geschichte, in deren Verlauf die Fürstin ihre Anverwandte fast unter Tränen bat, Katjä diese Unart zu verzeihen und nicht auf einer Strafe zu bestehen, schon wegen ihres krankhaften Zustandes nicht. Die Prinzessin jedoch wollte davon nichts wissen und erklärte, am nächsten Tage noch das Haus zu verlassen, welche Drohung sie erst dann zurückzog, als die Fürstin ihr auf ihr Ehrenwort versprach, die Bestrafung nur bis zur völligen Genesung der Tochter hinauszuschieben, dann aber dem gerechten Wunsch der alten Dame gewissenhaft nachzukommen. Dennoch erhielt Katjä sogleich einen strengen Verweis und mußte unten bei der Fürstin bleiben. Aber der Schelm blieb dort nicht lange.
Als ich etwas später gleichfalls nach unten ging, traf ich sie bereits auf der Treppe. Sie hatte die Tür aufgesperrt und rief Falstaff. Ich aber erriet sofort, daß sie eine furchtbare Rache plante. Und wirklich: die Sache verhielt sich folgendermaßen.
Unter allen Feinden der alten Dame gab es entschieden keinen unversöhnlicheren als Falstaff. Er war zwar gegen niemand freundlich, liebte die Menschen grundsätzlich nicht, war hochmütig, stolz, ja sogar bis zur Rücksichtslosigkeit anmaßend. Er liebte, wie gesagt, niemanden, verlangte aber von allen den schuldigen Respekt, den ihm denn auch alle pflichtschuldigst und möglichst von weitem entgegenbrachten, wobei sie dem Respekt noch eine Dosis Furcht beizumischen pflegten. Da traf nun eines Tages die alte Prinzessin ein und mit einemmal veränderte sich seine ganze Lebenslage – ihm ward schnödes Unrecht angetan: man verbot ihm formell den Zutritt zur oberen Etage.
In der ersten Zeit war Falstaff außer sich vor Empörung über diese Beleidigung und kratzte eine ganze Woche an der Tür, die ihm am Ende der Treppe den Zugang versperrte. Bald jedoch erriet er, wer und was die Veranlassung zu dieser Maßregel gewesen war, und als am nächsten Sonntag die alte Prinzessin ihre Gemächer verließ, um sich zum Gottesdienst in die Kirche zu begeben, da stürzte sich Falstaff mit einem Wutgeheul auf die Arme. Nur dem glücklichen Zufall, daß mehrere Diener anwesend waren, hatte sie es zu verdanken, daß sie der schrecklichen Rache des gekränkten Köters entging. Falstaff wurde schmählich hinausgejagt und von dem Tage an wurde er jedesmal ins entfernteste Zimmer gezerrt, bevor die alte Dame ihre Gemächer verließ. Sämtliche Dienstboten erhielten die strengsten Vorschriften. Aber dennoch fand das rachedurstige Tier zwei- oder dreimal Gelegenheit, in das verbotene Gebiet einzubrechen. War er erst auf der Treppe, so raste er wie der Blitz durch die ganze Zimmerflucht bis zum Schlafgemach der Alten. Kein Dienertroß konnte ihn dann mehr zurückhalten. Zum Glück war die Tür zu dem Schlafzimmer immer verschlossen und Falstaff konnte weiter nichts tun, als so lange fürchterlich heulen, bis die Diener ihn wieder fortgeschafft hatten. Die alte Dame aber, die während des Geheuls so schrie, als werde sie von Falstaff schon lebendig aufgefressen, wurde jedesmal krank von dem Schreck und von der ausgestandenen Angst. Mehrmals schon hatte sie ihr Ultimatum an die Fürstin gestellt und einmal war sie sogar so weit gegangen – in einem Moment der Kopflosigkeit vermutlich – daß sie erklärt hatte, entweder sie oder Falstaff müsse das Haus verlassen; aber die Fürstin hatte in eine Trennung von Falstaff nicht eingewilligt.
Die Fürstin hatte im allgemeinen für andere nicht gerade viel Liebe übrig, aber diesen Falstaff liebte sie, nächst den Kindern, mehr als alles auf der Welt. Vor etwa sechs Jahren war der Fürst einmal von einem Spaziergang mit einem kleinen jungen Hunde zurückgekehrt, einem schmutzigen, kranken Wesen von wahrhaft mitleiderregendem Aussehen, der aber nichtsdestoweniger eine Bulldogge reinster Rasse war. Der Fürst hatte ihn irgendwie gerettet. Der Hund freilich benahm sich äußerst unmanierlich und deshalb wurde er auf Wunsch der Fürstin auf den Hinterhof geschafft und dort an die Kette gelegt. Der Fürst hatte nichts dagegen einzuwenden. Zwei Jahre darauf nun, als die Familie den Frühling in einem Landhause an der Newa verbrachte, fiel der kleine Alexander – Katjäs jüngerer Bruder, gewöhnlich Ssascha genannt – in den Fluß. Die Fürstin sah es, schrie auf und wollte sich sogleich in die Fluten stürzen, nur mit Gewalt konnte man sie davon abhalten, denn es wäre ihr Tod gewesen. Die Strömung aber riß schon das Kind mit sich fort und nur das Kleidchen sah man noch an einer Stelle an der Oberfläche auftauchen. In größter Hast versuchte man ein Boot loszubinden, aber eine Rettung des Kindes wäre ein Wunder gewesen. Da jagte plötzlich in großen Sätzen die riesige Bulldogge ans Ufer und sprang ins Wasser, schwamm in mächtigen Stößen dem ertrinkenden Knaben nach, packte ihn mit dem Gebiß und schwamm im Triumph ans Ufer zurück. Die Fürstin stürzte vor ihm nieder, umarmte den schmutzigen, nassen Hund und küßte ihn wie von Sinnen. Doch Falstaff, der übrigens damals noch auf den prosaischen, ja sogar höchst plebejischen Namen „Frix“ hörte, war ein ausgesprochener Feind aller Zärtlichkeiten und erwiderte die Liebe der Fürstin damit, daß er sie in die Schulter biß, soweit sein Rachen nur fassen konnte. Die Fürstin litt bis an ihr Lebensende an der Narbe, aber ihre Dankbarkeit für die Rettung des Sohnes kannte trotzdem keine Grenzen. Falstaff mußte in die Gemächer der fürstlichen Familie übersiedeln, wurde gereinigt, gewaschen und bekam ein Halsband aus getriebenem Silber. Er hielt sich fortan zumeist im Boudoir der Fürstin auf, lag dort auf einem prachtvollen Bärenfell, und bald brachte es die Fürstin so weit, daß sie ihn ungestraft streicheln durfte. Als sie erfuhr, daß ihr Liebling „Frix“ hieß, war sie entsetzt über diese Geschmacklosigkeit und sogleich mußten alle helfen, einen anderen passenderen Namen ausfindig zu machen, wenn möglich einen klassischen, recht altertümlichen. Hektor und Cerberus waren leider schon zu abgedroschen, es mußte ein ganz besonderer Name sein, wie er dem Günstling der Fürstin zukam. Nach langer vergeblicher Liebesmüh’ schlug der Fürst zu guter Letzt, im Hinblick auf die ungeheure Gefräßigkeit der Dogge, den Namen Falstaff vor. Der Name fand den größten Beifall und wurde gewählt. Falstaff führte sich hinfort auch weit besser auf. Als reinblütiger Engländer war er naturgemäß schweigsam und ernst, griff niemanden als erster an, sondern verlangte nur, daß man sein Ruhelager auf dem Bärenfell achtete, und ihm überhaupt die schuldige Ehrfurcht bezeuge. Von Zeit zu Zeit jedoch bemächtigte sich seiner so etwas wie ein Spleen und Falstaff gedachte mit bitteren Gefühlen der Tatsache, daß sein unversöhnlicher Feind, der ihm seine souveränen Rechte genommen, immer noch unbestraft weiterlebte. Dann schlich er heimlich bis zur Treppe, die nach oben führte, und da er diese gewöhnlich verschlossen fand, legte er sich dort in ihrer Nähe irgendwohin, möglichst unbemerkbar in einen Winkel, oder wo er sonst am wenigsten auffiel, und nun wartete er arglistig auf einen vergeßlichen Dienstboten, der die Tür vielleicht zu schließen vergaß. Bisweilen wartete er in seiner Rachsucht drei Tage lang vergeblich, denn es war allen aufs strengste eingeschärft, die Tür nicht offen stehen zu lassen. Auf diese Weise hatte er zuletzt seine Wut schon zwei Monate verbeißen müssen – vor zwei Monaten nämlich war er zum letztenmal nach oben gerast.
„Falstaff, Falstaff!“ rief die Prinzeß, die Tür offen haltend, in den freundlichsten Tönen Falstaff auf die Treppe bittend.
In diesem Augenblick hatte Falstaff bereits gewittert, daß die Treppentür aufgemacht wurde und war schon im Begriff, über seinen Rubikon zu springen. Aber die Aufforderung dazu von seiten der kleinen Prinzeß erschien ihm dermaßen unbegreiflich, daß er im ersten Moment entschieden seinen Ohren nicht traute. Er war schlau wie eine Katze, und um sich den Anschein zu geben, als habe er die Fahrlässigkeit, die die Tür offen stehen ließ, gar nicht bemerkt, ging er zum Fenster, legte die Vorderpfoten auf das Fensterbrett und begann, das Haus gegenüber zu betrachten ... Kurz, er benahm sich wie die argloseste Seele der Welt, etwa wie ein gleichgültiger Spaziergänger, der für einen Augenblick stehenbleibt, um die Architektur eines schönen Gebäudes zu bewundern. Indessen schlug aber und wiegte sich sein Herz schon in süßester Hoffnung. Wie groß war daher seine Überraschung, seine Freude, wie geriet er förmlich außer sich vor Übermut, als die Tür vor ihm sogar sperrangelweit aufgemacht wurde und er überdies noch gerufen, gebeten, angefleht wurde, das verbotene Gebiet zu betreten und seinen gerechten Rachedurst unverzüglich zu stillen! Er heulte auf vor Freude, zeigte die Zähne, und raste, es war unheimlich anzuschauen, in wahrem Siegesrausch wie der Wind an uns vorüber.
Er raste mit solcher Wucht, daß der Diener, der ihm oben in den Weg kam, vom Stoß reichlich eine Klafter weit zur Seite flog und sich nach dem entsprechenden Naturgesetz noch einmal in die Runde drehte. Falstaff flog wie eine Kanonenkugel. Madame Léotard kreischte auf vor Schreck. Doch Falstaff prallte schon an die verschlossene Tür, richtete sich hoch auf und heulte los, daß Gott erbarm’. Als Antwort ertönte ein fürchterliches Geschrei des alten Fräuleins. Und schon stürmte von allen Seiten die Legion der Feinde herbei, das ganze Haus lief nach oben, und das Ende war, daß Falstaff, der wilde Falstaff, gefesselt an allen vier Beinen, mit einem geschickt über seinen Kopf geworfenen Maulkorb unschädlich gemacht und schmachvoll am Lasso geschleift, wie ein besiegter Sieger vom Felde des Kampfes nach unten zurückkehrte.
Ein Bote wurde zur Fürstin entsandt.