Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Part 16

Chapter 163,773 wordsPublic domain

Katjä lernte gewöhnlich morgens. Madame Léotard unterrichtete sie nur in der französischen Sprache. Der ganze Unterricht bestand im Wiederholen der Grammatik und im Lesen der Fabeln von Lafontaine. Man unterrichtete sie deshalb nur in diesem Fach, weil es ohnehin schon schwer gewesen war, sie dazu zu bewegen, wenigstens zwei Stunden täglich zu lernen. Auf diesen Ausgleich war sie schließlich nur auf Bitten des Vaters eingegangen, und auf Befehl der Mutter. Ihr Versprechen aber erfüllte sie sehr gewissenhaft. Sie war außerordentlich begabt, sie begriff leicht und behielt das Begriffene. Aber auch in der Art ihres Lernens hatte sie ihre kleinen Eigenheiten: wenn sie z. B. irgend etwas einmal nicht sofort begriff, dann begann sie gleich selbst nachzudenken, denn eher tat sie alles Mögliche, als daß sie andere um eine Erklärung dessen bat, was sie sich selbst mit eigenem Verstande nicht zu erklären vermochte, – sie schien sich dann einfach zu schämen. Ja, es soll sogar vorgekommen sein, daß sie sich tagelang mit einer Frage gequält und über sich selbst geärgert hatte, weil sie sie nicht ohne fremde Hilfe beantworten konnte: denn nur im äußersten Fall, wenn sie schon ganz müde geworden war vom Denken, ging sie zu Madame Léotard und bat sie, ihr die Sache zu erklären, der ihr eigener Verstand noch nicht gewachsen war. Und so war sie in allem. Sie hatte schon viel nachgedacht, was man ihr freilich auf den ersten Blick gar nicht zugetraut hätte. Und doch konnte sie mitunter noch furchtbar naiv sein: zuweilen stellte sie für ihr Alter unglaublich dumme Fragen, und zuweilen wiederum verrieten ihre Antworten die spitzfindigste Schlauheit und das weitsichtigste, feinste Verständnis.

Da ich mit der Zeit auch zu lernen anfangen konnte, so nahm mich Madame Léotard eines Tages gewissermaßen ins Verhör, und nachdem sie festgestellt, daß ich schon sehr gut las, aber noch sehr schlecht schrieb, erklärte sie, es sei nun die höchste Zeit und die größte Notwendigkeit, daß ich mit dem Französischen anfinge.

Ich widersprach natürlich nicht und am nächsten Vormittage setzten wir uns, Katjä und ich, an den Lerntisch zu beiden Seiten von Madame Léotard. Unglücklicherweise war Katjä gerade an diesem Tage so zerstreut und auch schwerfällig im Begreifen, daß Madame Léotard sie gar nicht wiedererkannte. Ich aber lernte im Nu das französische Alphabet, denn ich hatte nur den einen Wunsch, es Madame Léotard recht zu machen. Sie aber ärgerte sich die ganze Zeit über Katjä und zum Schluß wurde sie so böse, daß sie sie heftig schalt:

„Nehmen Sie sich an ihr ein Beispiel,“ sagte sie, auf mich weisend, „ein noch halbkrankes Kind lernt zum erstenmal und hat in einer Stunde zehnmal mehr begriffen als Sie. Schämen Sie sich!“

„Sie weiß mehr als ich?“ fragte Katjä verwundert, „aber sie lernt doch erst das Alphabet!“

„In wieviel Stunden haben Sie das Alphabet gelernt?“

„In drei.“

„Und sie in einer einzigen. Folglich begreift sie dreimal schneller als Sie und wird Sie im Nu überholen. Das sehen Sie doch ein?“

Katjä dachte einen Augenblick nach und plötzlich wurde sie feuerrot. Überhaupt war Erröten, Beschämtsein – das erste bei ihr, gleichviel ob es sich um einen Mißerfolg, einen Ärger, um eine Kränkung handelte oder ob man sie bei einer Unart ertappte und schalt. Diesmal traten ihr fast Tränen in die Augen, aber sie schwieg und sah mich nur einmal so an, als wolle sie mich verbrennen mit ihrem Blick. Da erriet ich, was sie empfand. Die Arme war über alle Maßen stolz und ehrgeizig!

Als wir Madame Léotard verließen, versuchte ich, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, um ihren Ärger zu verscheuchen und zu zeigen, daß es mich nichts anging, was die Französin sagte, aber Katjä schwieg, als hätte sie mich überhaupt nicht gehört.

Etwa nach einer Stunde kam sie in das Zimmer, wo ich mit einem Buch saß, jedoch ohne zu lesen, denn ich dachte die ganze Zeit nur an Katjä – ich war doch noch zu bestürzt und erschrocken bei dem Gedanken, der nicht von mir wich, daß Katjä nun wieder nicht mit mir sprechen wollte.

Sie sah mich finster an, setzte sich wie gewöhnlich auf den Diwan und betrachtete mich eine gute halbe Stunde. Länger hielt ich es nicht aus: ich hob den Kopf und sah sie fragend an.

„Kannst du tanzen?“ fragte sie mich darauf.

„Nein.“

„Aber ich.“

Schweigen.

„Kannst du denn Klavier spielen?“

„Nein, auch nicht.“

„Aber ich spiele. Das ist sehr schwer zu erlernen.“

Ich schwieg.

„Madame Léotard sagt, du seist klüger als ich.“

„Madame Léotard war nur böse auf dich,“ sagte ich.

„Wird Papa auch böse sein?“

„Das weiß ich nicht,“ antwortete ich.

Wieder Schweigen. Plötzlich stampfte die Prinzeß ungeduldig mit dem Fuß auf.

„So wirst du jetzt über mich lachen, weil du schneller begreifen kannst als ich?“ rief sie, unfähig ihren Ärger zu verbergen.

„Ach nein, nein!“ Ich sprang auf, um zu ihr zu laufen und sie zu umarmen.

„Und Sie schämen sich nicht, so etwas zu denken und so zu fragen, Prinzeß?“ ertönte plötzlich die Stimme der Madame Léotard, die uns schon eine Weile aus dem anderen Zimmer beobachtet und das Gespräch gehört hatte. „Schämen Sie sich! Sie beneiden das arme Kind und prahlen vor ihr, daß Sie tanzen und Klavier spielen können. Wie häßlich von Ihnen! Ich werde alles dem Fürsten erzählen.“

Die Prinzeß errötete.

„Das war schlecht von Ihnen. Sie haben Sie mit Ihren Fragen absichtlich gekränkt. Ihre Eltern waren arm und konnten keine Gouvernanten für sie halten; sie hat alles aus sich selbst gelernt, weil sie ein kluges Kind ist. Sie sollten Sie lieben und gut zu ihr sein, Sie aber wollen mit ihr nur streiten und sie kränken. Schämen Sie sich! Schämen Sie sich! Sie ist doch eine Waise! Sie hat keinen Menschen, der ihr nahe steht. Es fehlte nur noch, daß Sie auch damit zu prahlen anfangen, daß Sie eine Prinzeß sind und sie nicht. Ich lasse Sie allein. Denken Sie darüber nach, was ich Ihnen gesagt habe und bessern Sie sich.“

Die Prinzeß dachte genau zwei Tage nach. Zwei Tage lang hörte man sie weder lachen noch tollen. In der Nacht hörte ich, wie sie sogar im Traum mit Madame Léotard stritt. Ja, es schien fast, als magere sie ein wenig ab in diesen zwei Tagen, wenigstens wurde ihr zartes Gesichtchen merklich bleicher. Am dritten Tage begegneten wir uns zufällig unten in den großen Räumen. Die Prinzeß kam von der Mutter und als sie mich erblickte, blieb sie stehen und setzte sich nicht weit von mir auf einen Stuhl. Ich erwartete mit Bangen, was nun kommen würde.

„Njetotschka, weshalb hat man mich deinetwegen gescholten?“ fragte sie plötzlich.

„Oh, das geschah nicht meinetwegen, Katenjka[2],“ sagte ich schnell, wie um mich zu rechtfertigen.

„Aber Madame Léotard sagt doch, ich hätte dich beleidigt.“

„Nein, Katenjka, du hast mich nicht beleidigt.“

Die Prinzeß zuckte mit der Achsel – ein Zeichen, daß sie mich nicht verstand.

„Warum weinst du denn immer?“ fragte sie nach kurzem Schweigen.

„Ich werde nicht mehr ... wenn du es nicht willst,“ sagte ich und die Tränen traten mir schon in die Augen.

Sie hatte dafür wieder nur ein Achselzucken.

„Hast du auch früher immer geweint?“

Ich antwortete nicht.

„Warum lebst du bei uns?“ fragte sie plötzlich, wieder nach neuem kurzem Schweigen.

Ich sah sie verwundert an und fühlte so etwas wie einen Stich ins Herz.

„Weil ich eine Waise bin,“ sagte ich schließlich, nachdem ich mich zusammengenommen.

„Hattest du Eltern?“

„Ja.“

„Nun, und – die haben dich nicht geliebt?“

„Nein ... sie liebten mich,“ antwortete ich mit Mühe.

„Sie waren aber arm?“

„Ja.“

„Sehr arm?“

„Ja.“

„Und bei denen hast du nichts gelernt?“

„Nur lesen.“

„Hattest du Spielsachen?“

„Nein.“

„Hattest du Kuchen?“

„Nein.“

„Wieviel Zimmer hattet ihr?“

„Ein Zimmer.“

„Nur ein Zimmer?“

„Ja.“

„Und hattet ihr Dienstboten?“

„Nein, wir hatten keine Dienstboten.“

„Aber wer hat euch denn bedient?“

„Ich ging selbst ... einkaufen ...“

Die Fragen der Prinzeß zerrissen mir immer mehr das Herz. Dazu kamen die Erinnerungen ... und meine Verlassenheit und die Verwunderung der Prinzeß – all das traf und verletzte mein Herz, daß es wie aus Wunden blutete. Ich zitterte fieberhaft vor Erregung und die Tränen drohten mich zu ersticken.

„Dann bist du wohl froh, daß du bei uns wohnst?“

Ich schwieg.

„Hattest du schöne Kleider?“

„Nein.“

„Schlechte?“

„Ja.“

„Ich habe dein Kleid gesehn, man hat es mir gezeigt.“

„Warum fragst du mich dann noch?“ rief ich aufstehend, erschüttert von einem neuen, noch nie empfundenen Gefühl, „warum fragst du dann noch?“ fuhr ich fort, und das Blut stieg mir vor Unwillen heiß ins Gesicht. „Warum lachst du über mich?“

Die Prinzeß war gleichfalls errötet und erhob sich auch, aber sie beherrschte sich schnell.

„Nein ... ich lache nicht,“ sagte sie. „Ich wollte nur wissen, ob es wahr ist, daß deine Eltern arm waren?“

„Warum fragst du mich nach meinen Eltern?“ rief ich und Tränen rollten mir über die Wangen vor Seelenschmerz. „Warum fragst du mich _so_ nach ihnen? Was haben sie dir getan, Katjä?“

Katjä stand betreten vor ihrem Stuhl und wußte nicht, was sie antworten sollte. Da trat der Fürst ins Zimmer.

„Was fehlt dir, Njetotschka?“ fragte er, als er meine Tränen bemerkte. „Was fehlt dir, weshalb weinst du?“ fragte er nochmals und sah Katjä an, die feuerrot geworden war. „Wovon spracht ihr? Worüber habt ihr gestritten? Njetotschka, worüber weinst du?“

Ich konnte nicht antworten, aber ich ergriff die Hand des Fürsten und küßte sie unter Tränen.

„Katjä, sag du, und sprich die Wahrheit: was ist hier vorgefallen?“

Katjä verstand nicht zu lügen.

„Ich sagte ihr, daß ich gesehen habe, was für ein schlechtes Kleid sie trug, als sie noch bei ihrem Papa und ihrer Mama lebte.“

„Wer hat es dir gezeigt? Wer hat es dir zu zeigen gewagt?“

„Ich habe es selbst gesehen!“ sagte Katjä in bestimmtem Tone.

„Nun gut! Ich kenne dich, du willst niemanden angeben. Und was weiter?“

„Und dann fing sie an zu weinen und fragte: warum ich mich über ihren Papa und ihre Mama lustig gemacht?“

Das hatte sie zwar nicht getan, aber offenbar war es ihre Absicht gewesen, da auch ich es nach der ersten Frage so aufgefaßt hatte. Sie antwortete dem Vater keine Silbe: und dies war ebenso gut wie ein Geständnis.

„Du gehst sofort zu ihr und bittest sie um Verzeihung,“ befahl der Fürst, auf mich weisend.

Die Prinzeß stand bleich und stumm und rührte sich nicht.

„Nun,“ sagte der Fürst.

„Ich will nicht,“ sagte Katjä schließlich halblaut, aber mit fest entschlossener Miene.

„Katjä!“

„Nein, ich will nicht, ich will nicht!“ schrie sie plötzlich mit blitzenden Augen und stampfte mit beiden Füßchen. „Ich will nicht, Papa, ich will nicht um Verzeihung bitten. Ich liebe sie nicht. Ich will nicht mit ihr zusammenwohnen ... Ich bin nicht schuld, daß sie den ganzen Tag weint. Ich will nicht, ich will nicht!“

„Komm mit,“ sagte der Fürst, sie an der Hand fassend, um sie in sein Kabinett zu führen. „Njetotschka, geh nach oben,“ wandte er sich zu mir.

Ich wollte ihn zurückhalten, wollte für Katjä um Verzeihung bitten, doch der Fürst wiederholte streng seinen Befehl und ich ging nach oben, eiskalt vor Schreck, wie eine Tote. In unserem Zimmer sank ich auf den Diwan und umklammerte meinen Kopf mit den Händen. Ich zählte die Minuten. Ich erwartete Katjä mit fiebernder Ungeduld, ich wollte mich ihr zu Füßen werfen. Endlich kam sie: sie ging ohne ein Wort an mir vorüber und setzte sich in den fernsten Winkel; Ihre Augen waren rot und die Wangen geschwollen von Tränen. Da schwand meine ganze Entschlossenheit. Ich sah sie angstvoll an und meine Angst lähmte mich.

Ich beschuldigte mich mit allen Fibern, ich mühte mich krampfhaft, mir vor mir selbst zu beweisen, daß ich allein an allem schuld sei. Tausendmal wollte ich zu Katjä gehen und tausendmal sank mir der Mut, da ich nicht wußte, wie sie sich zu mir verhalten würde. So verging ein Tag und noch einer. Am Abend dieses zweiten Tages wurde Katjä wieder munterer und nahm sogar ihr Reifenspiel vor, doch bald ließ sie den Reifen liegen und zog sich wieder in ihren Winkel zurück. Kurz bevor wir zu Bett gingen, wandte sie sich plötzlich zu mir und kam sogar zwei Schritte auf mich zu: ihre weichen Lippen zuckten, als setze sie zum Sprechen an, aber sie blieb stehen, wandte sich wieder fort und ging zu Bett. Nach diesem Tage verging noch ein Tag, und die erstaunte Madame Léotard nahm Katjä zu guter Letzt ins Verhör: ob sie krank sei oder was mit ihr geschehen, daß sie sich mit einemmal so still verhalte? Katjä antwortete ausweichend irgend etwas, was ich nicht hören konnte, doch kaum hatte Madame Léotard ihr den Rücken gekehrt, da wurde sie rot und begann zu weinen. Sie lief aus dem Zimmer, um von mir nicht weinend gesehen zu werden. Einmal aber mußte doch die Erlösung kommen; und dies geschah denn auch am dritten Tage nach unserem Streit: nach dem Essen kam sie in mein Zimmer und näherte sich mir zaghaft.

„Papa hat mir befohlen, dich um Verzeihung zu bitten,“ sagte sie. „Wirst du mir verzeihen?“

Ich erfaßte schnell ihre beiden Hände und stieß in atemloser Hast hervor:

„Ja! Ja!“

„Papa befahl mir, dich zu küssen, – wirst du mich küssen?“

Als Erwiderung auf ihre Frage küßte ich ihre Hände. Als ich aufsah, bemerkte ich in ihrem Gesicht eine seltsame Bewegung. Ihre Lippen und ihr Kinn bebten, in ihren Augen standen Tränen, aber sie unterdrückte schnell ihre Erregung und flüchtig erschien sogar ein Lächeln auf ihren Lippen.

„Ich werde gehen und Papa sagen, daß ich dich geküßt und um Verzeihung gebeten habe,“ sagte sie leise, fast wie zu sich selbst. „Ich habe ihn schon drei Tage nicht gesehen. Er sagte, ich dürfe nicht eher zu ihm kommen, als bis ich sein Gebot erfüllt habe,“ fügte sie nach kurzem Nachdenken hinzu.

Und sie ging zögernd und mit nachdenklichem Gesichtchen zum Vater, als wäre sie selbst noch nicht sicher, wie nun der Empfang beim Vater ausfallen würde.

Eine Stunde später hörte ich oben wieder den alten Lärm, Katjäs Lachen und Laufen, Falstaffs Gebell, ja irgend etwas wurde umgeworfen und zerschlagen, Bücher fielen von einem Tisch, der Reifen rollte wieder federleicht durch alle Räume – kurz, ich hörte, daß Katjä sich mit dem Vater versöhnt hatte, und mein Herz erbebte vor Freude.

Doch zu mir kam sie nicht und vermied es sichtlich, mit mir zu sprechen. Dafür hatte ich die Ehre, in hohem Maße ihre Neugier zu erregen. Immer öfter setzte sie sich mir gegenüber, um mich in Ruhe zu betrachten. Und ihre Beobachtungen wurden immer naiver. Das verwöhnte, eigenwillige Kind, das von allen im Hause verzogen und gehätschelt und wie ein kostbarer Schatz gehegt wurde, konnte es nicht begreifen, wie es kam, daß ich schon ein paarmal auf ihrem Wege mit ihr zusammengestoßen war, während sie das gar nicht gewollt hatte. Sie hatte aber ein gutes, prächtiges Herzchen, das allein schon mit seinem guten Instinkt immer den richtigen Weg fand. Den größten Einfluß auf sie hatte der Vater, den sie geradezu vergötterte. Von der Mutter wurde sie bis zum Wahnsinn geliebt, nur war die Mutter gleichzeitig unglaublich streng, und von ihr hatte Katjä den Eigensinn, den Stolz und die Charakterfestigkeit geerbt, dafür aber mußte sie auch alle Launen der Mutter ertragen, obschon diese oft in moralische Tyrannei ausarteten. Doch – sie ertrug sie. Die Fürstin hatte eine sonderbare Auffassung von dem, was Erziehung ist, und so war Katjäs Erziehung eine eigenartige Mischung von grenzenloser Verwöhnung und unerbittlicher Strenge. Was gestern erlaubt war, war heute plötzlich verboten, und zwar ganz grundlos, so daß das Gerechtigkeitsgefühl im Kinde völlig mißachtet und ständig verletzt wurde ... Doch davon später. Ich will hier nur bemerken, daß das Kind sein Verhalten zu den Eltern danach richtete. Dem Vater gegenüber war sie ganz so, wie sie war, sie gab sich ihm rückhaltlos, mit vollen Händen: da war in ihrem Wesen nichts Verborgenes, nichts Zurückhaltendes. Im Verkehr mit der Mutter dagegen war sie das gerade Gegenteil: verschlossen, mißtrauisch und widerspruchslos gehorsam. Aber ihr Gehorsam war nicht aufrichtig, sie gehorchte nicht aus Überzeugung, sondern sozusagen einem notwendigen System gemäß. Ich werde später noch darauf zurückkommen und mich dann klarer auszudrücken versuchen. Übrigens sei es hier noch zur besonderen Ehre meiner Katjä gesagt, daß sie schließlich ihre Mutter vollkommen verstand, und wenn sie ihr gehorchte, so tat sie das schon mit der vollen Erkenntnis der grenzenlosen Mutterliebe, die die Fürstin zu ihr hatte und die sich bis zur krankhaften Exaltation steigern konnte – dem aber trug die Prinzeß in nachsichtiger Großmut Rechnung. Leider sollte dies später ihrem heißen Köpfchen wenig helfen!

Doch ich habe fast noch gar nicht erwähnt, was in mir vorging.

Ein neues, mir unerklärliches Gefühl erregte mich damals in einer ganz ungewohnten Weise und ich übertreibe wohl nicht, wenn ich sage, daß ich unter diesem neuen Gefühl wie unter einer Pein litt. Kurz – man verzeihe mir das Wort, aber – ich war in meine Katjä verliebt. Ja, das war Verliebtheit, richtige Verliebtheit, Verliebtheit mit Tränen und Entzücken, leidenschaftliche Verliebtheit! Was zog mich so zu ihr? Woraus entstand diese meine Liebe? Sie begann mit dem ersten Blick auf Katjä, als alle meine Sinne plötzlich so – so süß betroffen wurden von dieser Schönheit. Alles an ihr war schön: keine einzige ihrer schlechten Eigenschaften war angeboren, – alle waren sie nur angenommen und alle standen sie mit ihrem Instinkt auf Kriegsfuß. Aus allem ersah man die gute Veranlagung, die nur zeitweilig eine falsche Form annehmen konnte, doch alles an ihr, angefangen mit jenem inneren Kampf, leuchtete in froher Zuversicht, alles versprach, in Zukunft Schönheit zu sein. Alle Menschen hatten Freude an ihr, alle liebten sie, verwöhnten sie. Wenn man uns spazieren führte – gewöhnlich gegen drei Uhr – blieben die Menschen, die uns begegneten und sie erblickten, beinahe betroffen stehen, und nicht selten hörten wir hinter uns einen Ausruf der Bewunderung. Sie war zum Glücklichsein geboren, sie mußte dazu geboren sein – das war die erste Empfindung eines jeden, der sie sah. Vielleicht hatte sich damals, als ich aus tiefem Schlaf erwachte und sie erblickte, zum erstenmal mein ästhetisches Empfinden geregt, war mein Gefühl für das Schöne durch ihre Schönheit erweckt worden, – und dies wird wohl die ganze Ursache meiner Liebe gewesen sein.

Der größte Fehler der Prinzeß – oder richtiger der Grundzug ihres Charakters, der sich gewaltsam in seine natürliche Form prägen wollte und sich deshalb naturgemäß in einem unnormalen, eben in einem Kampfzustand befand – war _Stolz_. Dieser Stolz erstreckte sich bis in naive Kleinigkeiten, schlug oft in Eigenliebe um und wurde zu einer unbewußten Überhebung, so daß z. B. Widerspruch, gleichviel welcher Art, sie nicht kränkte und auch nicht einmal ärgerte, sondern nur in Verwunderung setzte. Sie begriff nicht, wie etwas anders sein konnte, als wie sie es wünschte. Aber das Gerechtigkeitsgefühl siegte doch immer in ihrem Herzen. Wenn sie sich einmal überzeugt hatte, daß sie wirklich unrecht getan, dann fügte sie sich ohne zu murren und mit fester Entschlossenheit dem Urteilsspruch ihrer Erzieher. Daß sie aber anfangs im Verkehr mit mir sich selbst nicht immer ganz treu blieb, erkläre ich mir mit ihrer unüberwindlichen Abneigung, die zeitweilig die Geradheit und Einheit ihres ganzen Wesens störte. Anders aber konnte es wohl gar nicht sein: sie war viel zu leidenschaftlich in ihren Empfindungen, und so waren es immer erst die Zusammenstöße mit der Wirklichkeit, die ihr allmählich die Augen öffneten und sie auf den richtigen Weg zurückführten. Alles, was sie unternahm und anfing, hatte ein gutes Endergebnis, doch wurden diese Endergebnisse regelmäßig mit fortwährenden Abweichungen und unter ständigen Verirrungen erkauft.

Katjä hatte mich bald genügend beobachtet und entschloß sich deshalb, mich fortab in Ruhe zu lassen. Sie tat, als wäre ich überhaupt nicht da. Sie sprach mit mir kein überflüssiges Wort, ja fast nicht einmal das Notwendige. An ihren Spielen beteiligte ich mich nicht mehr – doch hatte sie mich nicht etwa mit Gewalt verdrängt, sondern es so geschickt einzurichten verstanden, daß es den Anschein hatte, als wäre ich selbst damit einverstanden gewesen. Der Unterricht wurde fortgesetzt, aber wenn man mich ihr noch wegen meiner Aufmerksamkeit und meines schnellen Begreifens als Beispiel vorhielt, so würdigte sie mich nicht mehr der Ehre, sich dadurch in ihrer Eigenliebe gekränkt zu fühlen, obschon diese Eigenliebe eine höchst peinlich ausgeprägte war – eine so heikele, daß sogar unsere Bulldogge, Sir John Falstaff, sie verletzen konnte. Falstaff war ein kaltblütiger Phlegmatiker, dabei aber böse wie ein Tiger, ja wenn man ihn reizte, ging er sogar so weit, daß er nicht einmal mehr seinem Herrn gehorchte. Und noch ein bedeutsamer Charakterzug: er liebte entschieden keinen einzigen Menschen im ganzen Hause; sein größter Feind aber war zweifellos die alte Prinzessin, die Tante des Fürsten ... Doch davon später. Die ehrgeizige Katjä gelüstete es nun eines Tages, den unfreundlichen Falstaff zu besiegen. Es war ihr unangenehm, daß es ein Wesen gab, sei es auch nur ein vierbeiniges, das ihre Autorität nicht anerkannte, sich ihr nicht unterwarf, ja, sie nicht einmal liebte. So beschloß denn die Prinzeß, Falstaff anzugreifen. Sie wollte über alle herrschen – warum sollte nun Falstaff allein ungestört seine Freiheit genießen dürfen? Aber die unbeugsame Bulldogge ergab sich ihr doch nicht.

Es war einmal nach dem Essen, wir saßen beide unten im großen Saal, während Falstaff mitten im Saal auf der Diele lag und faul seine Nachmittagssiesta genoß. Da fiel es der Prinzeß plötzlich ein, ihn sich unterwerfen zu wollen. Sie ließ ihr Spiel liegen und begann sogleich mit dem Versuch, sich Falstaff zu nähern: vorsichtig, auf den Fußspitzen schleichend, umschmeichelte sie Falstaff mit den zärtlichsten Kosenamen, winkte liebevoll beschwichtigend mit der Hand und ging immer näher, immer näher. Falstaff aber zeigte schon von ferne seine furchtbaren Zähne. Prinzeßchen blieb stehen. Ihr ganzes Vorhaben bestand ja nur darin, zu Falstaff zu gelangen und ihn einmal zu streicheln – eine Kühnheit, die er bisher noch keinem gestattet hatte, außer der Fürstin – und ihn dazu zu bringen, daß er ihr folge. Das war nun eine schwere Aufgabe, verbunden mit einer ernsten Gefahr, denn Falstaff hätte sich keineswegs gescheut, ihr eine Hand abzubeißen oder auch das ganze Prinzeßchen zu zerfleischen. Er war stark wie ein Bär und ich verfolgte von meinem Platze aus nicht grundlos mit angstvoller Spannung Katjäs Vorgehen. Ich wußte, wie schwer es war, sie zum Verzicht auf eine Absicht, wenn sie sich eine solche einmal in den Kopf gesetzt, zu bewegen, und selbst das Gebiß Falstaffs, das dieser ihr in äußerst unmanierlicher Weise zeigte, war für sie noch kein genügendes Argument. Sie begriff nur, daß sie sich doch nicht so geradeswegs ihm nähern konnte und änderte nach kurzem Zögern ihre Taktik, indem sie nun im Kreise um ihn herumging und diese Kreise immer enger machte. Als sie aber bei der dritten Umkreisung der Grenze zu nahe kam, die Falstaff als nächste und eben noch erlaubte Distanz zu sich nicht überschritten wissen wollte, da zeigte er wieder die Zähne. Die Prinzeß stampfte mit den Füßchen auf, kehrte ihm geärgert den Rücken und setzte sich aufs Sofa, um nachzudenken.