Sämtliche Werke 22: Ein kleiner Held

Part 15

Chapter 153,665 wordsPublic domain

Eines Morgens schlug ein bekannter Name an mein Ohr: S–z. Eines von den Dienstmädchen hatte den Namen an meinem Bett genannt. Ich fuhr zusammen: die Erinnerungen stürzten über mich, und sinnend, träumend und mich quälend lag ich in Fieberphantasien, ich weiß nicht wie viele Stunden. Als ich erwachte, mußte es schon sehr spät sein: im Zimmer war es dunkel. Die Nachtlampe war erloschen, das Mädchen, das im Zimmer gesessen hatte, war nicht da. Plötzlich hörte ich ferne Musik. Bisweilen verstummten die Töne ganz, dann aber wurden sie wieder deutlicher und deutlicher, als näherten sie sich mir. Ich weiß nicht, welch ein Gefühl sich meiner bemächtigte, noch welch eine Absicht in meinem fiebernden Kopf plötzlich entstand. Ich erhob mich, stieg aus dem Bett – woher ich die Kraft dazu nahm, weiß ich nicht – zog mir schnell mein Trauerkleidchen an und verließ tastend das Zimmer. Im zweiten und dritten Zimmer traf ich auch keinen Menschen. Endlich erreichte ich den Korridor. Die Musik wurde lauter und lauter. In der Mitte des Korridors war die Treppe; auf diesem Wege hatte ich mich immer nach unten in die großen Säle geschlichen. Die Treppe war hell erleuchtet; unten hörte ich Schritte. Ich verbarg mich in einem Winkel, um nicht gesehen zu werden, und bei der ersten Möglichkeit schlich ich nach unten in den großen Korridor. Die Musik tönte aus dem angrenzenden großen Saal; von dorther kam auch Geräusch und ein Stimmengewirr, als hätten sich an tausend Menschen dort versammelt. Die große Tür, die aus dem Korridor in den Saal führte, war verhängt mit doppelten purpurroten Sammetportieren. Ich hob die erste auf, die auf der Korridorseite hing, und stellte mich zwischen beide Portieren. Mein Herz schlug so stark, daß ich mich kaum auf den Füßen hielt. Nach ein paar Minuten hatte ich meine Aufregung so weit bezwungen, daß ich schon wagte, den Rand der anderen Portiere, die an der Saalseite der Tür hing, ein wenig umzubiegen ... Mein Gott! Dieser riesengroße düstere Saal, den am Tage zu betreten ich mich kaum getraut hatte, flimmerte jetzt im Licht von tausend Kerzen. Wie ein Meer von Licht strahlte es mir entgegen, so daß meine Augen, die sich an das Dunkel gewöhnt hatten, im ersten Moment bis zum Schmerz geblendet waren. Aromatische Luft schlug mir wie ein heißer duftender Wind entgegen. Eine Unmenge Menschen wogte dort durcheinander und alle sahen, wie mir schien, froh, heiter, glücklich aus. Die Damen hatten so schöne, so helle Toiletten, überall sah ich vor Vergnügen leuchtende Augen. Ich stand wie bezaubert. Doch war es mir, als hätte ich das alles schon irgendwo, irgendwann wie im Traum gesehen ... Mir fielen die Stunden der Dämmerung ein, unsere Dachstube, das hohe Fenster, tief unten die Straße mit den strahlenden Laternen, die Fenster des gegenüberliegenden Hauses mit den roten Vorhängen, die Equipagen vor dem Portal, der Hufschlag und das Schnaufen der stolzen Pferde, das Rufen und Durcheinander auf der Straße, die Schattenbilder hinter den Fenstern auf den leuchtend roten seidenen Vorhängen, und dazu eine gedämpfte ferne Musik ... Also hier war dieses Paradies! fuhr es mir durch den Sinn, hierher also wollte ich mit dem armen Vater gehen ... So war denn das alles kein Traum? ... Ja, ich hatte das alles in meinen Träumen schon gesehen! ... Hellauf lohte meine Phantasie, deren Feuer von der Krankheit bereits doppelt geschürt sein mochte, und Tränen einer geradezu schrankenlosen Seligkeit rollten mir über die Wangen. Ich suchte mit den Augen den Vater in dieser Gesellschaft: „der muß hier sein, er ist gewiß hier,“ dachte ich und mein Herz schlug so vor Erwartung und Spannung, daß mir der Atem stockte ... Die Musik verstummte, doch gleich darauf erhob sich ein großes Getöse, und dann ging es durch den ganzen Saal wie ein Geflüster. Ich betrachtete voll Neugier und Unruhe die Gesichter, die ich sehen konnte, und bemühte mich, jemanden zu erkennen. Plötzlich ging eine neue große Erregung durch den Saal. Ich erblickte auf einer Erhöhung einen großen, hageren Greis. Sein bleiches Gesicht lächelte, er verbeugte sich etwas steif und grüßte nach allen Seiten. In der Hand hatte er eine Geige. Tiefes Schweigen trat ein, es war, als hielten alle den Atem an, alle sahen auf den Greis, alle schienen etwas zu erwarten. Da nahm er die Geige, hob den Arm und berührte mit dem Bogen die Saiten. Die Musik begann, und ich fühlte, wie etwas mir das Herz zusammenpreßte. Mit einem Gefühl von unsagbarer Angst und mit zurückgehaltenem Atem horchte ich auf diese Töne: etwas Bekanntes erklang in meinen Ohren, als hätte ich das schon irgendwo gehört: – und wie eine Vorahnung stieg es in mir auf, wie eine Erwartung von etwas Furchtbarem, etwas Entsetzlichem, das sich auch in meinem Herzen entscheiden sollte. Schon klang die Geige lauter, schneller und greller folgten die Töne. Da klang es bereits wie eines Menschen Gestöhn, darauf wie klagendes Schluchzen, wie jemandes vergebliches Flehen, doch die Menge blieb stumm, während die Töne über sie hinklangen – dann stöhnten sie auf und versagten wie in Verzweiflung. Immer bekannter, immer bekannter wurde mir etwas im Herzen. Aber das Herz weigerte sich noch, daran zu glauben ... Ich biß die Zähne zusammen, um nicht aufzustöhnen vor Schmerz, ich klammerte mich an die Portiere, um nicht hinzufallen ... Ich schloß die Augen, und schlug sie plötzlich wieder auf: ich glaubte nichts anderes, als daß es ein Traum sei, aus dem ich in einem furchtbaren, mir aber schon bekannten Augenblick erwachen werde, und ich sah wie im Traum wieder jene letzte Nacht, ich hörte dieselben Töne ... Ich schlug wieder die Augen auf, um mich zu überzeugen – sah die Menschenmenge ... Nein, das waren andere Menschen, andere Gesichter ... Und doch war es mir, als ob alle ganz wie ich etwas erwarteten, ganz wie ich sich in tiefer Sehnsucht quälten, wie ich diesen Tönen der Verzweiflung entgegenschreien wollten: doch aufzuhören, nicht ihre Seelen zu zerreißen – aber das zitternde Beschwören und Flehen der Töne wurde nur noch herzzerreißender, verzweifelter und haltloser ... bis plötzlich der letzte furchtbare, rasende Schrei ertönte und mir fast die Sinne nahm ... Kein Zweifel! das war derselbe, derselbe Schrei! Ich erkannte ihn, ich hatte ihn schon einmal gehört, wie damals in jener Nacht durchbohrte er mich. „Der Vater! der Vater!“ durchzuckte es mich wie ein Blitz, „er ist hier, das ist er, er ruft mich, das ist seine Geige!“ Und wie ein Stöhnen erhob es sich aus dieser Menschenmasse, ohrenbetäubendes Getöse erschütterte den Saal. Lautes, verzweifeltes Weinen brach aus meiner Brust. Ich hielt es nicht mehr aus, ich schlug die Portiere zurück und stürzte in den Saal.

„Papa! Papa! das bist du! Wo bist du?“ rief ich wie von Sinnen.

Ich weiß nicht, wie ich zu ihm hinkam: man ließ mich durch, man trat vor mir auseinander, und ich warf mich mit einem gequälten Schrei ihm entgegen – ich glaubte, den Vater zu umarmen ... Plötzlich sah ich, daß mich jemandes lange, hagere Hände erfaßten und hoch in die Luft hoben. Jemandes schwarze Augen sahen mich an und schienen mich verbrennen zu wollen mit ihrem Feuer. Ich starrte ihn an: „Nein! Das ist nicht der Vater! Das ist sein Mörder!“ fuhr es mir durch den Sinn. Da geriet ich so außer mir, eine so rasende Verzweiflung erfaßte mich – und plötzlich schien es mir, daß über mir ein Lachen erklang und dieses Lachen vom ganzen Saal widerhallte, wie ein einziger brausender Beifall ... Ich verlor das Bewußtsein.

V.

Das war die zweite und letzte Periode meiner Krankheit.

Als ich wieder zu Bewußtsein erwachte, erblickte ich das Gesicht eines Kindes vor mir, eines Mädchens von ungefähr meinem Alter, und unwillkürlich streckte ich ihr die Hände entgegen. Schon der erste Blick auf diese Altersgenossin hatte meine Seele wie mit einem Glücksgefühl, wie mit einer süßen Vorahnung erfüllt. Es war ein ideal schönes Gesichtchen, eine geradezu ergreifende, eine strahlende Schönheit – von jener Schönheit, vor der man plötzlich stehen bleibt, wie durchbohrt in süßer Verwirrung, wie erschrocken vor Entzücken, und der man dankbar ist allein schon für ihr Vorhandensein, dafür, daß unsere Augen sie schauen dürfen, und daß sie uns begegnet ist. Es war die Tochter des Fürsten, Katjä, die während meiner Krankheit aus Moskau zurückgekehrt war. Sie lächelte mir zu, als sie meine unwillkürliche Bewegung sah, und meine geschwächten Nerven erbebten bei diesem Lächeln in süßem Entzücken.

Die kleine Prinzeß rief sogleich ihren Vater, der keine zwei Schritte vom Bett mit dem Arzt sprach.

„Nun, gottlob! Endlich! Nun, Gott sei Dank!“ rief der Fürst, meine Hand erfassend, und sein Gesicht verriet aufrichtige Freude. „Das freut mich, das freut mich, das ist doch ein Glück!“ fuhr er schnell zu sprechen fort – es war seine Art, schnell, wenn auch meist leise zu sprechen. „Und dies kleine Mädchen hier ist meine Katjä, mein Töchterchen. Nun könnt ihr Freundschaft schließen – jetzt hast du eine Spielgefährtin. Aber du mußt nun auch schnell gesund werden, Njetotschka. Du böses kleines Mädchen, wie wir uns um dich geängstigt haben! ...“

Meine Genesung machte auch wirklich sehr schnelle Fortschritte. Nach ein paar Tagen konnte ich schon das Bett verlassen. Jeden Morgen kam Katjä an mein Bett, immer mit einem Lächeln oder gar Lachen, das nicht von ihren Lippen wich. Auf ihr Erscheinen wartete ich wie auf ein Glück. Ich hätte sie so gern geküßt! Aber das mutwillige Prinzeßchen kam immer nur auf ganz kurze Zeit, sie konnte fast überhaupt nicht stillsitzen. Ewige Unruhe, laufen, springen, lachen und tollen, daß man es im ganzen Hause hörte – das war für sie einfach Lebensbedingung. Deshalb erklärte sie mir auch gleich am ersten Tage, daß es sie furchtbar langweile, bei mir zu sitzen: sie werde daher nur sehr selten zu mir kommen, und auch das nur deshalb, weil ich ihr leid täte – da ginge es eben nicht anders, denn gar nicht kommen, das ginge wiederum auch nicht. Aber wenn ich gesund sein würde, dann sollten wir – so versprach sie – sehr gut miteinander auskommen. Es war denn auch jeden Morgen ihr erstes Wort:

„Nu, bist du jetzt gesund?“

Da ich aber immer noch mager und bleich war und das Lächeln sich nur schüchtern, mit zaghafter Angst gepaart, in meinem traurigen Gesicht hervorwagte, so runzelte das Prinzeßchen die Stirn, schüttelte mißbilligend das Köpfchen und ihr kleiner Fuß stampfte oft ungeduldig auf.

„Aber ich sagte dir doch gestern, daß du heute gesund sein sollst! Was? Man gibt dir wohl nichts zu essen?“

„Ja, wenig,“ antwortete ich schüchtern, denn ich fürchtete mich schon vor ihr. Ich hatte nur den einen Wunsch: ihr zu gefallen, und deshalb fürchtete ich für jedes Wort, für jede Bewegung. Ihr Kommen entzückte mich mit jedem Tage mehr. Solange sie bei mir saß, ließ ich sie nicht aus den Augen, und wenn sie fortgegangen war, sah ich immer noch dorthin, wo sie zuletzt gestanden oder gesessen hatte. Ja, in der Nacht sah ich sie sogar schon in meinen Träumen. Im Wachen aber, wenn sie nicht bei mir war, ersann ich ganze Gespräche mit ihr, war ihr Freund, tollte, spielte und weinte mit ihr, wenn man uns schalt oder für irgendeine besondere Tollheit bestrafen wollte. Kurz, ich dachte an sie und sah sie im Traum und träumte von ihr, als wäre ich in sie verliebt gewesen. Ich wollte um jeden Preis bald gesund werden und schnell zunehmen, wie sie es wünschte. Wenn sie zuweilen morgens in mein Zimmer gestürmt kam und ich dann wieder ihre ungeduldige Frage hörte: „Bist noch nicht gesund? Ach Gott, immer noch bist du so mager!“ dann wurde ich ängstlich, als wäre dies meine Schuld. Es konnte aber auch schwerlich etwas Ernsteres geben, als die Verwunderung Katjäs darüber, daß ich nicht binnen vierundzwanzig Stunden genas, worüber sie sich bereits allen Ernstes zu ärgern anfing.

„Nu, dann – willst du, ich bringe dir heute eine Pastete?“ sagte sie mir einmal. „Iß sie, davon wirst du bald wieder dick.“

„Bring,“ sagte ich, froh darüber, daß ich sie nochmals zu sehen bekommen würde.

Nach der Erkundigung, ob ich schon gesund sei, setzte sich das Prinzeßchen gewöhnlich mir gegenüber und begann mich mit ihren dunklen Augen ernsthaft zu betrachten. Und auch jedesmal, wenn sie mir etwas sagte oder mich fragte, betrachtete sie mich zuvor von oben bis unten mit der naivsten Verwunderung. Aber unsere Unterhaltung kam nie so recht in Gang. Ich fürchtete mich vor Katjä und ihren schroffen Ausfällen, während ich anderseits fast verging vor Verlangen, mit ihr zu sprechen.

„Warum schweigst du?“ begann sie, nachdem wir uns eine Zeitlang stumm betrachtet hatten.

„Was macht dein Papa?“ fragte ich, froh über die plötzlich gefundene Frage, mit der ich nun jedesmal ein Gespräch anfangen konnte.

„Nichts. Es geht ihm gut. Ich habe heute zwei Tassen Tee getrunken, nicht eine. Und du wieviel?“

„Eine.“

Wieder Schweigen.

„Heute hätte mich Falstaff beinahe gebissen.“

„Ist das ein Hund?“

„Ja, ein Hund. Hast du ihn denn noch nicht gesehen?“

„Nein, ich hab’ ihn wohl nicht gesehen.“

Ich wußte nichts mehr zu sagen und das Prinzeßchen sah mich wieder mit Verwunderung an.

„Sag? Gefällt es dir, wenn ich mit dir spreche?“

„Ja, sehr: komm öfter, wenn du kannst.“

„Das hat man mir auch gesagt, daß es dich freuen werde, wenn ich zu dir komme, aber du, steh schneller auf. Die Pastete werde ich dir heute ganz bestimmt bringen ... Aber warum schweigst du denn immer?“

„So.“

„Du denkst wohl viel?“

„Ja, ich denke viel.“

„Mir aber sagt man immer, daß ich viel spreche und wenig denke. Ist es denn schlecht, wenn man spricht?“

„Nein. Ich bin froh, wenn du sprichst.“

„Hm! ich werde Madame Léotard fragen, die weiß alles. Aber woran denkst du denn?“

„Ich denke an dich,“ sagte ich nach kurzem Schweigen.

„Und das macht dir Spaß?“

„Ja.“

„Dann liebst du mich wohl?“

„Ja.“

„Aber ich liebe dich noch nicht. Du bist so mager! Wart’, ich werde dir gleich die Pastete bringen! Nu, adieu!“

Und das Prinzeßchen, das mich fast im Fluge abküßte, war schon verschwunden.

Nach dem Essen brachte sie mir auch wirklich die Pastete. Sie kam hereingelaufen, ausgelassen wie ein Kobold, lachend und jauchzend vor Freude, daß sie mir etwas zu essen brachte, was mir zu essen verboten worden war.

„Iß, iß mehr, iß recht viel, das ist nämlich meine eigene Pastete, ich habe selbst nicht gegessen. Nu, adieu!“ Und schon war sie fort.

Ein anderes Mal kam sie wie ein Wirbelwind ins Zimmer, gleichfalls nach dem Essen. Ihre schwarzen Locken waren wie vom Sturm verwirrt, ihre Augen blitzten und die Bäckchen glühten wie Purpur: sie mußte nach ihren Lernstunden schon etliche Stunden gelaufen und gesprungen sein.

„Kannst du Federball spielen?“ rief sie atemlos, übersprudelnd und in größter Eile.

„Nein,“ sagte ich, und es tat mir schrecklich leid, daß ich nicht „ja“ sagen konnte.

„Ach, wie du bist! Nu, werd schnell gesund, dann zeig’ ich es dir. Ich kam nur deshalb. Ich spiele jetzt mit Madame Léotard. Adieu, man wartet auf mich!“

Endlich durfte ich das Bett verlassen, obschon ich mich noch immer schwach und kraftlos fühlte. Mein erster Gedanke war, mich jetzt nie mehr von Katjä zu trennen. An ihr war etwas, was mich unwiderstehlich zu ihr hinzog. Ich konnte mich kaum sattsehen an ihr, worüber Katjä sich sehr zu verwundern schien. Dieser Drang zu ihr war so stark und ich gab mich diesem neuen Gefühl so leidenschaftlich hin, daß es von ihr natürlich nicht unbemerkt bleiben konnte, und anfangs erschien es ihr denn auch unerhört seltsam. Ich weiß noch, einmal während eines gemeinsamen Spiels hielt ich es plötzlich nicht mehr aus und warf mich ihr an den Hals, um sie zu küssen. Sie befreite sich aus meiner Umarmung, erfaßte meine Hände – und mit zusammengezogenen Brauen, als hätte ich sie beleidigt, fragte sie mich:

„Was fällt dir ein? Warum küßt du mich?“

Ich fuhr schuldbewußt zusammen bei ihrer schnellen Frage und sagte kein Wort. Die Prinzeß zuckte mit ihren kleinen Schultern, zum Zeichen ihres Nichtbegreifenkönnens (dieses Achselzucken war ihr schon zur Angewohnheit geworden), dann preßte sie überernst ihre kleinen weichen Lippen zusammen, ließ die Spielsachen liegen und setzte sich auf den Diwan, von wo aus sie mich sehr lange betrachtete – wobei sie anscheinend tief und ernsthaft über etwas nachdachte, ganz als habe sie da ein schwieriges Problem zu lösen, das plötzlich in ihren Gedanken aufgetaucht war. Es war dies gleichfalls so ihre Angewohnheit in allen unklaren Fällen. Ich aber konnte mich an diese schroffen Äußerungen ihres Charakters lange nicht gewöhnen.

In der ersten Zeit beschuldigte ich nur mich allein und dachte, daß ich wirklich sehr viele Eigenheiten haben mußte. Aber wenn dies auch zum Teil zutreffen mochte, so quälte ich mich doch in einer gewissen Ungewißheit mit der einen Frage: warum ich mit Katjä nicht gleich Freundschaft schließen und ihr ein für allemal gefallen konnte? Meine Mißerfolge in der Beziehung kränkten mich bis zum körperlichen Schmerz und ich hätte über jedes unbedachte Wort Katjäs, über jeden mißtrauischen Blick von ihr weinen mögen. Mein Leid wuchs nicht nur mit jedem Tage, sondern sogar mit jeder Stunde, denn mit Katjä ging alles sehr schnell. Schon nach ein paar Tagen merkte ich, daß sie mich gar nicht mehr leiden konnte, ja daß ich ihr schon verhaßt wurde. In der Seele dieses kleinen Mädchens geschah alles schnell, schroff, – manch einer würde sagen brutal, und vielleicht mit Recht, wenn in allen diesen blitzschnellen Veränderungen eines geraden, naiv-offenherzigen Charakters nicht zugleich eine angeborene, eine gewisse vornehme Grazie gewesen wäre. Unsere Entfremdung begann damit, daß zuerst Zweifel in ihr aufstiegen und aus den Zweifeln wurde Verachtung, und zwar wie ich glaube, deshalb, weil ich kein einziges Spiel zu spielen verstand. Die Prinzeß liebte zu tollen, zu laufen, sie war stark, lebhaft, gewandt, ich aber – gerade das Gegenteil. Ich war noch von der Krankheit her schwach, war still und nachdenklich: Kinderspiele machten mir kein Vergnügen. Mit einem Wort, mir fehlten alle Eigenschaften, deren ich bedurft hätte, um Katjä zu gefallen. Außerdem konnte ich es nicht ertragen, andere mit mir unzufrieden zu sehen: dann wurde ich traurig, verlor allen Mut und hatte erst recht nicht mehr die Kraft, das Verfehlte wieder gutzumachen und den schlechten Eindruck zu verwischen, – kurz, ich verfiel dem Unglück ganz. Das war nun etwas, was Katjä nicht begreifen konnte. Anfangs schien es sie eher zu verblüffen, sie sah mich dann, wie es ihre Art war, mit stummer Verwunderung an, nachdem sie sich, wie es zuweilen vorkam, eine ganze Stunde mit mir abgemüht hatte, um mich z. B. das Reifenspiel zu lehren, das ich immer noch nicht begreifen wollte. Und da ich gleich traurig wurde und Tränen mir in die Augen traten, so wandte sie sich, nachdem sie über mich nachgedacht und doch weder durch ihr Denken noch durch mich selbst einen Aufschluß erhalten hatte, einfach von mir ab und spielte allein weiter, ohne mich noch zum Mitspielen aufzufordern, ja sogar ohne überhaupt noch mit mir zu sprechen, – und das nicht nur an diesem einen Tage, sondern gleich ein paar Tage lang. Von diesem Verhalten war ich so betroffen, daß ich ihre Geringschätzung kaum ertragen konnte. Meine neue Einsamkeit wurde nun fast noch bedrückender als die frühere in der Dachstube, und ich begann wieder zu trauern und zu grübeln: wieder bedrückten dunkle Gedanken mein Herz.

Madame Léotard, die uns beaufsichtigte, bemerkte schließlich diese Veränderung in unserem Verhalten zueinander. Und da ihr natürlich mein fremdes Wesen zuerst auffiel, vor allem meine Verlassenheit, so wandte sie sich ohne weiteres an die Prinzeß und schalt sie sehr, weil sie mit mir nicht umzugehen verstünde. Die Prinzeß runzelte die Stirn, zuckte mit den Schultern und erklärte darauf, sie könne mit mir nichts anfangen, zu spielen verstände ich nicht, ich dächte immer Gott weiß woran, sie aber werde lieber auf den Bruder warten, der bald aus Moskau zurückkehren müsse, dann könne sie mit ihm ganz anders spielen, mit ihm sei es viel lustiger.

Doch Madame Léotard begnügte sich nicht mit dieser Antwort, sie hielt ihr vor, daß sie mich allein sitzen lasse und nicht bedenke, daß ich noch krank wäre, deshalb könne ich auch nicht so lustig und ausgelassen sein wie sie, Katjä, was übrigens auch viel besser sei, denn das, was Katjä anrichte, sei unerhört, sie habe dies verbrochen und jenes angestiftet und vorvorgestern hätte die Bulldogge sie deshalb zur Strafe fast aufgefressen. Kurz, Madame Léotard schalt ohne Nachsicht und schloß ihre Strafpredigt damit, daß sie sie zu mir schickte, mit der Weisung, sich sogleich mit mir zu versöhnen.

Katjä hatte die Standrede mit großer Aufmerksamkeit angehört, als sage man ihr nun wirklich etwas Neues, und es schien ihr einzuleuchten, daß in diesem Neuen etwas richtig und gerecht war. Sie ließ ihren Reifen, den sie durch das Zimmer gerollt hatte, liegen, trat auf mich zu, sah mich ernst an und fragte etwas ungläubig:

„Willst du denn spielen?“

„Nein,“ sagte ich schnell, noch erschrocken von der Standrede der Madame Léotard.

„Was willst du denn?“

„Ich werde hier sitzen, denn mir fällt das Laufen schwer. Nur sei mir deshalb nicht böse, Katjä, ich habe dich sehr lieb.“

„Nun gut, dann werde ich allein spielen,“ sagte sie langsam, gleichsam überlegend und als wundere sie sich darüber, wenn sich jetzt beinahe herausstellte, daß sie an gar nichts schuld wäre. „Nun denn, adieu, ich werde dir nicht böse sein.“

„Adieu,“ sagte ich, stand auf und reichte ihr die Hand.

„Vielleicht wollen wir uns küssen?“ fragte sie nach kurzem Nachdenken – wohl in der Erinnerung an jenen Kußzwischenfall und zugleich, um mir etwas Angenehmes zu erweisen und dadurch schneller den Zwist mit mir beizulegen.

„Wie du willst,“ sagte ich in scheuer Hoffnung.

Sie trat an mich heran und küßte mich todernst, ohne auch nur im geringsten zu lächeln. Und als sie so alles getan, was man von ihr verlangte, ja sogar noch mehr als das, nur um einem armen Mädchen ein Vergnügen zu bereiten, da lief sie zufrieden und froh von mir fort, und bald hörte man wieder in allen Zimmern ihr Lachen und Tollen, bis sie sich erschöpft und atemlos auf einen Diwan warf, um sich zu erholen und neue Kräfte zu sammeln. Dann sah sie mich aber doch die ganze Zeit mißtrauisch an, da ich ihr offenbar wunderlich erschien. Es war, als hätte sie gern mit mir gesprochen, als hätte sie gern gewisse Fragen, die ihr in bezug auf mich durch den Sinn fuhren, beantwortet, aber ich weiß nicht, weshalb sie diesmal nicht fragte und sich bezwang.