Sämtliche Werke 21

Part 8

Chapter 83,740 wordsPublic domain

Mister Astley stand etwas abseits und hielt sich, wie gewöhnlich, ruhig und vornehm.

„Na, da bin ich selbst! Anstatt der erwarteten Depesche!“ entlud sich endlich die alte Dame und machte damit der Spannung ein Ende. „Was, darauf wart Ihr wohl nicht ganz vorbereitet?“

„Antonida Wassiljewna ... verehrteste Tante ... Aber wie in aller Welt ...“ stotterte noch ganz fassungslos der General.

Hätte das Schweigen noch einige Sekunden länger gewährt, so hätte ihn vielleicht der Schlag gerührt.

„Was, wie ich hergekommen bin? Sehr einfach: ich stieg ein und fuhr. Wozu gibt es denn jetzt eine Eisenbahn? Und ihr glaubtet alle, ich hätte mich schon gestreckt und euch die Erbschaft hinterlassen! Ich weiß ja doch, daß du von hier Depesche auf Depesche abgesandt hast. Wieviel Geld du damit fortgeworfen hast – kann mir denken! Von hier aus ist’s nicht billig. Nun, ich aber war dort nicht angewachsen. Ist das derselbe Franzose? Monsieur de Grillet, wenn ich nicht irre?“

„^Oui, madame^,“ bestätigte sogleich de Grillet, „^et croyez, je suis si enchanté de ... votre santé ... mais c’est un miracle ... de vous voir ici! C’est vraiment une surprise charmante!^“

„Ja, ja, ^charmante^; ich kenne dich besser. Siehst du, nicht soviel glaube ich dir!“ und zur Erklärung wies sie ihm das letzte Glied ihres kleinen Fingers. „Wer ist denn das?“ fragte sie, auf Mademoiselle Blanche deutend. Die elegante Französin im Reitkleide und mit der Reitpeitsche in der Hand lenkte naturgemäß ihr Interesse auf sich. „Eine Hiesige, nicht?“

„Das ist Mademoiselle Blanche de Cominges und hier ist ihre Frau Mutter, Madame de Cominges. Sie wohnen gleichfalls in diesem Hotel,“ berichtete ich.

„Ist sie verheiratet, die Tochter?“ fragte die alte Dame ganz ungeniert.

„Nein, Mademoiselle de Cominges ist nicht verheiratet,“ antwortete ich möglichst respektvoll und absichtlich nur halblaut.

„Ist sie lustig?“

Ich tat, als verstehe ich ihre Frage nicht.

„Ist es nicht langweilig mit ihr? Versteht sie Russisch? Der de Grillet hat ja bei uns in Moskau das Wunder fertig gebracht, fünf bis zehn Brocken zu behalten!“

Ich erklärte ihr, daß Mademoiselle de Cominges niemals in Rußland gewesen sei.

„^Bonjour!^“ sagte sie plötzlich, sich ganz unvermittelt an Mademoiselle Blanche wendend.

„^Bonjour, madame^,“ erwiderte mit einer zeremoniellen, französisch eleganten ^révérence^ Mademoiselle Blanche, wobei sie sich sichtlich bemühte, unter dem Deckmantel äußerer ungewöhnlicher Bescheidenheit und Höflichkeit durch den ganzen Ausdruck ihres Gesichtes und womöglich auch ihrer Gestalt ihre grenzenlose Verwunderung über diese seltsame Frage und Behandlung zu verstehen zu geben.

„O, sie schlägt die Augen nieder, ziert sich und scheint Zeremonien zu lieben! Da sieht man sogleich, was für ein Vogel das ist! Eine Schauspielerin natürlich. – Ich bin hier unten im Hotel abgestiegen,“ wandte sie sich plötzlich an den General. „Wir werden unter einem Dach wohnen, ist dir das angenehm oder nicht?“

„O, Tantchen! Glauben Sie meiner aufrichtigen Versicherung ... meiner unbeschreiblichen Freude!“ beteuerte der General so schnell er nur seine Gedanken sammeln konnte. Er war inzwischen offenbar etwas zu sich gekommen und schien sogar einigermaßen gefaßt zu sein, und da er sich gelegentlich ganz gut auszudrücken verstand – selbstverständlich nicht ohne dabei Anspruch auf einen gewissen Eindruck zu machen – so wollte er sich wieder in einer Rede ergehen. „Wir waren alle so besorgt wegen Ihrer Krankheit ... Wir erhielten so hoffnungslose Nachrichten – die erste gar wirkte geradezu erschütternd auf uns – und da nun, plötzlich, Sie in eigener Person hier zu sehen.“

„Nun, genug, such dir zuerst einen, der dir’s glaubt!“ unterbrach ihn sogleich die Großtante.

„Aber erlauben Sie,“ unterbrach sie schleunigst der General, der rasch seine Stimme etwas erhob und ihren Rat zu überhören suchte, „wie haben Sie sich denn überhaupt zu dieser Reise entschließen können? In Ihren Jahren, nicht wahr, und bei Ihrem Gesundheitszustand ist es doch ... wenigstens war es nicht vorauszusehen, daß Sie gewiß unser Erstaunen verstehen und verzeihen werden. Ich bin aber so erfreut ... und wir alle werden uns nach Kräften bemühen, Ihnen den Aufenthalt hier zu einem möglichst angenehmen zu machen,“ fuhr er mit seinem liebenswürdigsten Lächeln fort, „und was die Zerstreuungen betrifft ...“

„Na, genug, behalt dein Geschwätz für dich; verstehst ja doch nur leeres Zeug zu reden! Ich weiß, was ich tue. Übrigens habe ich nichts gegen euch; ich trage nichts nach. ‚Wie‘, fragst du? Ja, was ist denn dabei Wunderbares? In der allereinfachsten Weise. Aber nein, ein jeder muß sich darüber noch aufregen! Guten Tag, Praskowja. Was treibst du denn hier?“

„Guten Tag, Babuschka,“[4] grüßte Polina, sich der alten Dame nähernd. „Waren Sie lange unterwegs?“

„Nun seht, die hat am gescheitesten von allen gefragt, aber sonst: ach und ach! – und weiter hört man nichts. Ja, siehst du: ich lag und lag, ließ mich kurieren, kurieren – bis ich sie alle davonjagte, die Ärzte, und statt ihrer den Kirchendiener von Sankt Nikolai rufen ließ. Der hat ein altes Weib von derselben Krankheit mit Heukompressen kuriert. Nun, und der hat auch mir geholfen: am dritten Tage hat mich sein Tee noch gründlich zum Schwitzen gebracht und dann stand ich auf. Darauf versammelten sich wieder meine Deutschen,[5] setzten die Brillen auf und berieten: ‚Wenn Sie jetzt,‘ sagten sie, ‚im Auslande eine Kur durchmachten, so würden die Blutstockungen ganz gehoben werden.‘ Ja, warum denn nicht? denke ich. Na, natürlich, da begannen die Ratten wieder zu jammern und zu stöhnen: ‚Großer Gott, eine so weite Reise können Sie doch nicht mehr unternehmen!‘ Das fehlte noch! An einem Tage war alles eingepackt und in der vorigen Woche, am Freitag, nahm ich das Mädchen, den Potapytsch und den Fjodor, den Diener – übrigens: diesen Fjodor habe ich aus Berlin wieder zurückgeschickt, denn ich sah doch, er war ja ganz überflüssig, ich hätte auch allein fahren können. Ich nehme ein Coupé für mich – Träger gibt es auf allen Stationen, für einen Rubel tragen sie dich, wohin du nur willst. Seht doch, was ihr hier für eine Wohnung habt!“ schloß sie plötzlich, sich umschauend. „Mit wessen Gelde bezahlst du denn das hier, Väterchen? Du hast doch alles verpfändet. Was du allein diesem Franzusischka da schuldest! Ich weiß doch, weiß doch alles!“

„Ich, erlauben Sie, Tantchen ...“ begann der General ganz verwirrt, „ich wundere mich, liebe Tante ... ich glaube, daß ich ohne jemandes Kontrolle auskommen kann ... Zudem übersteigen meine Ausgaben durchaus noch nicht meine Mittel, und wir leben hier ...“

„Was, bei dir übersteigen sie sie nicht? Auch ein Wort! Die Kinder hast du wohl schon ganz und gar beraubt? Schöner Vormund!“

„Nach solchen Worten ... nach dieser Bemerkung, liebe Tante ...“ begann der General, „weiß ich wirklich nicht mehr, was ich ...“

„Glaub’s schon, daß du es nicht weißt. Vom Roulette trennst du dich hier wohl überhaupt nicht? Hast wohl schon alles verspielt?“

Der General war so verblüfft, daß er unter all den auf ihn einstürmenden Gefühlen und Gedanken kaum noch nach Luft schnappen konnte.

„Vom Roulette! Ich? Bei meiner Würde als General ... Ich? Besinnen Sie sich, werte Tante, Sie sind gewiß noch etwas angegriffen ...“

„Nun, genug, schwatz nicht, ich bin sicher, daß man dich nur mit Müh und Not fortschleppen kann; dir glaube ich kein Wort. Ich werde jetzt selbst sehen, was denn das für eine Roulette hier ist, heute noch. Du, Praskowja, wirst mir erzählen, was man hier alles sehen muß, ja und auch der Alexei Iwanowitsch kann uns umherführen, und du, Potapytsch, schreibst alles auf, hörst du, wohin wir fahren müssen. So, also was muß man sich hier denn ansehen?“ wandte sie sich wieder an Polina.

„Nicht weit von hier ist eine Schloßruine, und dann der Schlangenberg ...“

„Was ist dort zu sehen?“

„Vom Gipfel des Berges hat man eine sehr schöne Aussicht.“

„Also auf einen Berg muß ich mich schleppen lassen? Wird man mich hinauftragen können oder geht das nicht?“

„O, Träger werden sich hier schon finden lassen,“ sagte ich.

In dem Augenblick näherte sich ihr Fedossja, die Kinderfrau, mit ihren beiden Schutzbefohlenen, den Kindern des Generals, damit sie die Babuschka begrüßten.

„Nun, schon gut, behaltet die Küsse für euch! Ich lieb’s nicht, kleine Kinder zu küssen. Sie sind doch alle Schmutznasen. Nun, und wie geht es dir hier, Fedossja?“

„Ach hier ist es wunderwunderschön, Mütterchen Antonida Wassiljewna!“ antwortete Fedossja. „Aber wie ist es denn Ihnen ergangen, Mütterchen? Wir haben uns hier doch schon so um Sie geängstigt!“

„Ich weiß, dir will ich’s glauben, du bist eine einfache Seele. Sind das hier alles Gäste bei euch oder wer sonst?“ wandte sie sich wieder an Polina. „Wer ist dieses ekelhafte Kerlchen da mit der Brille?“

„Fürst Nilskij, Babuschka,“ sagte Polina leise.

„Ah, ein Russe? Und ich dachte, er würde es nicht verstehen! Er hat es vielleicht gar nicht gehört! Mister Astley habe ich schon gesehen. Da ist er ja wieder!“ rief sie angenehm überrascht aus, als sie ihn erblickte. „Guten Tag!“ wandte sie sich plötzlich an ihn.

Mister Astley verbeugte sich schweigend.

„Nun, was sagen Sie mir Gutes? Sagen Sie mir irgend etwas! Übersetze es ihm, Praskowja.“

Polina übersetzte ihm den Wunsch.

„Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich Sie mit großem Vergnügen kennen lerne und es mich freut, daß Sie sich wohlbefinden,“ erwiderte Mister Astley mit größter Bereitwilligkeit, ernst und höflich.

Seine Worte wurden übersetzt und gefielen ihr augenscheinlich sehr.

„Wie doch die Engländer stets gut zu antworten wissen,“ bemerkte sie. „Ich habe die Engländer immer sehr gern gehabt. Kein Vergleich mit den Franzosen! Besuchen Sie mich,“ wandte sie sich wieder an Mister Astley. „Ich werde mich bemühen, Sie nicht zu sehr zu belästigen. Übersetze ihm das und sage ihm, daß ich hier unten wohne, hier unten – hören Sie, unten, unten,“ wiederholte sie, ihn fest dabei ansehend und mit dem Finger immer nach unten deutend.

Mister Astley war sehr erfreut über die Einladung.

Doch die Großtante betrachtete bereits Polina aufmerksam und mit zufriedenem Blick vom Kopf bis zu den Füßen.

„Ich würde dich lieben, Praskowja,“ sagte sie plötzlich, „bist ein entzückendes Mädchen, besser als sie alle, aber ein Charakterchen hast du – ach! Nun was, auch ich habe einen Charakter. Dreh dich mal um: ist das alles dein eigenes Haar oder hast du da noch sonst was angesteckt?“

„Nein, Babuschka, es ist alles mein eigenes.“

„So, das ist vernünftig, ich liebe die jetzige dumme Mode nicht. Schön bist du. Ich würde mich in dich verlieben, wenn ich ein Kavalier wäre. Weshalb heiratest du nicht? Aber es ist Zeit für mich. Ich will auch einmal hinaus und mir das alles ansehen, ich habe es satt, dieses ewige Im-Waggon-Sitzen ... Nun, und du, ärgerst du dich noch?“ wandte sie sich zum General.

„O, ich bitte Sie, Tante, vergessen wir es!“ griff der General erfreut die Versöhnungsmöglichkeit auf. „Ich begreife ja vollkommen, daß man in Ihren Jahren ...“

„^Cette vieille est tombée en enfance!^“ flüsterte mir de Grillet zu.

„Ich will mir hier alles ansehen. Wirst du mir Alexei Iwanowitsch abtreten?“ fuhr die alte Dame, zum General gewandt, fort.

„O, so viel Sie wünschen, aber ich kann ja auch selbst ... und Polina, Monsieur de Grillet ... uns allen wird es ein Vergnügen sein, Sie zu begleiten.“

„^Mais, madame, cela sera un plaisir pour nous^ ...“ beteuerte sogleich de Grillet mit bezaubernder Liebenswürdigkeit.

„Ja, ja, ^plaisir^. Lächerlich bist du, Väterchen. – Geld werde ich dir übrigens nicht geben,“ sagte sie, sich nochmals zum General wendend. „So, und jetzt nach unten in meine Zimmer: ich muß sie mir doch ansehen, und dann machen wir uns auf zu den Sehenswürdigkeiten. Nun, vorwärts!“

Der Fahrstuhl wurde hinausgeschoben, gefolgt von fast allen Anwesenden, und dann die Treppen hinabgetragen. Der General stand, ging und bewegte sich, wie von einem betäubenden Schlage getroffen. De Grillet schien zu überlegen. Mademoiselle Blanche wollte zuerst im Zimmer bleiben, besann sich dann aber eines Besseren und folgte den anderen. Ihr schloß sich sogleich auch der Fürst an, und so blieben im Kabinett des Generals nur der Deutsche und ^madame veuve de Cominges^ zurück.

X.

In den Hotels der fashionablen Kurorte – doch glaube ich, im ganzen übrigen Europa nicht minder – richten sich die Hotelverwalter und Oberkellner bei der Anweisung der Räume für einen neueingetroffenen Gast nicht so sehr nach dessen Wünschen als nach ihrer eigenen, persönlichen Einschätzung des Betreffenden, und wie man zugeben muß, täuschen sie sich selten. Was nun aber die Babuschka betraf, da hatten sie doch ein wenig zu hoch gegriffen: vier prächtig ausgestattete Räume, ein Badezimmer, ein Zimmer für den Diener und eines für die Zofe. Dieses Appartement hatte vor einer Woche tatsächlich eine ^grande-duchesse^ bewohnt, was natürlich als erstes der neuen Einwohnerin mitgeteilt und weshalb der Preis entsprechend heraufgeschraubt wurde.

Die Großtante wurde mit ihrem Stuhl durch alle Zimmer gefahren und sie musterte sie streng und aufmerksam. Der Hotelverwalter, ein schon bejahrter Mann mit einer Glatze, begleitete sie ehrerbietig bei dieser ersten Besichtigung.

Ich weiß nicht, für wen man sie hielt, jedenfalls aber benahm man sich, als sei sie der vornehmste und reichste Hotelgast. Ins Fremdenbuch ward sogleich eingetragen: ^Madame la générale princesse de Tarassevitscheva^, obschon sie keine Fürstin war. Offenbar hatte der ganze Aufwand ihrer Reise, die eigene Dienerschaft, das besondere Coupé im Waggon, die Unmenge ihrer Gepäckstücke, Koffer und sogar Kisten, die mit ihr eingetroffen waren, die Grundlage zu diesem Prestige gelegt; und der Fahrstuhl mit den Trägern zur Überwindung der Treppen, der schroffe Ton und die Stimme der alten Dame, ihre exzentrischen Fragen, die sie wie mit der größten Selbstverständlichkeit stellte, und noch dazu mit einer Miene, die widerspruchsloseste Beantwortung heischte, kurz, die ganze Erscheinung und Haltung der Babuschka, so wie sie nun einmal war – aufrecht, stramm, schroff und gebieterisch – gab natürlich noch den Rest und steigerte die allgemeine Ehrerbietung zu wahrer Andacht vor ihr.

Bei der Besichtigung der Zimmer befahl sie zuweilen plötzlich, anzuhalten, wies auf irgend einen Gegenstand der Einrichtung und wandte sich mit nicht vorherzusehenden Fragen an den ehrerbietig lächelnden Hotelverwalter, dem es aber in ihrer Nähe nachgerade etwas unheimlich zu werden schien. Sie fragte ihn auf französisch, und da sie diese Sprache ziemlich mangelhaft beherrschte, mußte ich ihre Fragen gewöhnlich noch übersetzen. Doch die Antworten des Hotelverwalters mißfielen ihr größtenteils oder erschienen ihr wenigstens nicht befriedigend. Aber sie frug auch immer so wenig gegenständlich, oder so – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll –, so daß es wohl, weiß Gott, jedem nicht ganz leicht gewesen wäre, befriedigend zu antworten. Plötzlich z. B. läßt sie vor einem Gemälde halten – einer ziemlich schwachen Kopie irgend eines bekannten Originals, das eines der vielen mythologischen Wesen darstellen soll.

„Wessen Porträt ist das?“

Der Hotelverwalter erlaubt sich, ehrerbietigst zu meinen, daß es wahrscheinlich eine Gräfin sei.

„Wie, weißt du denn das nicht? Lebst hier und weißt es nicht. Wozu ist er überhaupt hier? Warum schielt er?“

Auf all diese Fragen wußte der gute Mann nichts Positives zu antworten, ja sie schienen ihn sogar sichtlich zu verwirren.

„Ist das ein Tölpel!“ äußerte sie sich dann auf russisch.

Der Stuhl wurde weitergeschoben. Dieselbe Geschichte wiederholte sich vor einer kleinen sächsischen Porzellanstatuette, die sie lange betrachtete und dann aus unbekannten Gründen fortzubringen befahl. Darauf wandte sie sich plötzlich an den Repräsentanten des Hotels mit der Frage, wieviel die Teppiche im Schlafzimmer gekostet hätten und wo sie gewebt würden. Der Arme versprach, sich sogleich danach zu erkundigen.

„Das sind mir mal Esel!“ brummte sie und wandte ihre ganze Aufmerksamkeit dem Bett zu.

„Was für ein pompöser Baldachin! Schlagt ihn zurück.“

Man tat es.

„Noch, noch weiter, ganz fort! Nehmt die Kissen fort, die Decken, alles, das Federbett, hebt die Matratzen auf.“

Alles wurde umgedreht und aufmerksam von ihr betrachtet.

„Gut, daß sie keine Wanzen haben. Nehmt die ganze Bettwäsche fort! Deckt meine Wäsche auf und meine Kissen. Das ist aber doch alles viel zu luxuriös für mich Alte, eine solche Wohnung! Allein ist es langweilig. Alexei Iwanowitsch, du kommst öfter zu mir, wenn du mit dem Unterricht der Kinder fertig bist.“

„Ich bin seit gestern nicht mehr Hauslehrer der Kinder des Generals,“ versetzte ich, „ich lebe hier im Hotel ganz für mich.“

„Warum denn das?“

„Vor einigen Tagen traf hier ein angesehener deutscher Baron mit seiner Gemahlin aus Berlin ein. Gestern auf der Promenade redete ich ihn deutsch an, wobei ich mich befleißigte, von der Berliner Redeweise nicht gar zu abweichend zu sprechen.“

„Nun und?“

„Der Baron hielt das für eine Frechheit und beklagte sich beim General, und der General hat mich daraufhin noch gestern verabschiedet.“

„Ja, was hast du denn, hast du ihn denn beleidigt oder gar gescholten? Na, und wenn auch, was wäre denn dabei gewesen! Große Herrlichkeit!“

„O, nein. Im Gegenteil, der Baron machte Miene, mich mit seinem Stock zu schlagen.“

„Und du Lappen hast es erlaubt, daß man sich so etwas deinem Hauslehrer gegenüber herausnimmt?“ wandte sie sich brüsk an den General, „und hast ihn obendrein noch entlassen! Schlafmützen seid ihr alle, alle ohne Ausnahme!“

„Beunruhigen Sie sich nicht, verehrte Tante,“ erwiderte der General mit einem gewissen hochmütig-familiären Klang, „ich kann auch ohne Beistand meine Angelegenheiten ordnen. Überdies hat Ihnen Alexei Iwanowitsch den Sachverhalt nicht ganz richtig wiedergegeben.“

„Und du hast es Dir auch ruhig gefallen lassen?“ wandte sie sich wieder an mich.

„Ich wollte den Baron fordern,“ antwortete ich möglichst ruhig und gleichmütig, „doch der General widersetzte sich dem.“

„So, weshalb hast du dich denn widersetzt?“ wandte sie sich an den General. „Du aber, Väterchen, geh mal jetzt; komm, wenn man dich rufen wird,“ wandte sie sich sogleich an den Hotelverwalter. „Wozu stehst du hier mit offenem Munde, das ist ganz überflüssig. Nicht ausstehen kann ich diese Nürnberger Fratze!“ Jener verbeugte sich ehrerbietigst und verließ uns, ohne das Kompliment der Babuschka verstanden zu haben.

„Aber ich bitte Sie, Tantchen, sind denn Duelle heutzutage überhaupt noch möglich?“ fragte mit einem halb spöttischen Lächeln der General.

„Ja warum denn nicht? Männer sind nun mal Hähne: also soll man sie lassen. Schlafmützen seid ihr hier alle, wie ich sehe, keiner versteht von euch, für sein Vaterland einzustehn! Nun, vorwärts! Potapytsch, sorge dafür, daß stets zwei Träger zur Stelle sind, sprich mit ihnen und mach mit ihnen fest ab. Mehr als zwei sind nicht nötig. Zu tragen brauchen sie mich nur auf den Treppen, auf ebener Erde aber, auf der Straße nur zu schieben, und so sag du es ihnen auch. Ja, und zahle Ihnen noch voraus, dann werden sie höflicher sein. Du aber wirst immer bei mir sein, Potapytsch, und du, Alexei Iwanowitsch, zeig mir mal diesen Baron auf der Straße: ich möchte ihn mir doch wenigstens ansehen, was für ein Von-Baron er denn eigentlich ist. Nun, wo ist denn hier dieses Roulette?“

Ich erklärte ihr, daß das Roulette sich in den Sälen des Kurhauses befinde. Dann folgten noch weitere Fragen: Wieviel sind es? Spielen dort viele Menschen? Wird den ganzen Tag gespielt? Wie spielt man denn dieses Spiel? – Mir blieb zum Schluß nichts anderes übrig, als zu sagen, daß es wohl am besten wäre, sich das Spiel einmal mit eigenen Augen anzusehen, da es schwierig sei zu erklären.

„Nun, dann vorwärts, bringt mich hin! Und du, Alexei Iwanowitsch, geh voran und zeige uns den Weg.“

„Wie, Tantchen, wollen Sie sich denn nicht einmal von der Reise erholen?“ fragte der General ganz besorgt. Er schien unruhig zu werden und auch die anderen tauschten untereinander besorgte Blicke aus. Offenbar waren sie durch diese Überraschung etwas unangenehm berührt; vielleicht aber genierten sie sich auch, die Großtante so ohne weiteres in den Kursaal zu begleiten, wo sie durch ihr originelles Wesen ganz gewiß Aufsehen erregen würde, was in der Öffentlichkeit sehr unangenehm wäre. Indessen erboten sich doch alle, sie zu begleiten.

„Wovon soll ich mich erholen? Ich bin nicht müde; habe ohnehin ganze fünf Tage gesessen. Später aber wollen wir sehen, was für Heilquellen es hier gibt und wo sie sind. Und dann ... wie hieß das nun gleich wieder, Praskowja, – der Schlangenberg, nicht?“

„Ja, Babuschka, der Schlangenberg.“

„Nun, dann meinetwegen der Schlangenberg. Was aber gibt es hier sonst noch zu sehen?“

„Es gibt hier Verschiedenes, Babuschka,“ sagte Polina etwas ratlos.

„Nun, scheinst ja selbst nichts zu wissen. Marfa, du kommst auch mit,“ sagte sie zu ihrem Kammermädchen.

„Aber warum denn auch die noch, Tantchen?“ warf der General ein, wohl um das Gefolge möglichst zu verringern. „Und übrigens wird man sie kaum das Kurhaus betreten lassen, ja selbst bei Potapytsch bin ich dessen nicht ganz sicher.“

„Na, solch ein Unsinn! Bloß weil sie meine Dienerin ist, soll ich sie hier allein sitzen lassen? Sie ist doch auch ein lebendiger Mensch. Fast eine ganze Woche waren wir unterwegs – sie will doch auch etwas sehen. Mit wem soll sie denn gehen, wenn nicht mit mir? Allein würde sie ja nicht mal wagen, ihre Nase aus der Tür zu stecken.“

„Aber ...“

„Oder schämst du dich etwa, mit mir und ihr zu gehen? So bleib doch zu Haus, niemand bittet dich. Seht doch mal an, was das für ein General ist! Ich bin selbst eine Generalin. Und überhaupt, wozu soll mir denn solch ein ganzer Schweif folgen? Ich werde mir auch ohne euch mit Alexei Iwanowitsch alles ansehen können ...“

Doch de Grillet bestand mit größtem Eifer darauf, daß alle sie begleiteten, und erging sich in den liebenswürdigsten Phrasen bezüglich des Vergnügens, sie begleiten zu dürfen, usw., usw. So brachen wir auf.

„^Elle est tombée en enfance^,“ flüsterte de Grillet dem General zu, „^seule – elle fera des bêtises^ ...“ weiter konnte ich das Geflüster nicht verstehen, doch genügte mir das, um zu erraten, daß er gewisse Absichten haben mußte und daß er vielleicht sogar neue Hoffnung schöpfte.

Bis zum Kurhaus hatten wir von unserem Hotel aus kaum tausend Schritte zu gehen. Unser Weg führte uns durch die Kastanienallee bis zum Square vor dem Kurhaus. Der General beruhigte sich unterwegs ein wenig, denn wenn unsere Völkerwanderung auch etwas auffallend war, so machten wir doch zweifellos einen guten Eindruck. Und übrigens war es ja gar nicht erstaunlich, daß eine kranke Person, die im Stuhl gefahren werden mußte, hier zur Kur erschienen war, in gutem Vertrauen auf die Wirkung der Heilquellen. Der General hegte denn auch einzig wegen der Spielsäle seine Befürchtungen, denn: daß ein kranker Mensch zu einer Heilquelle reiste, war sehr natürlich, viel weniger natürlich war es aber, wenn dieser Kranke – in diesem Fall noch dazu eine alte Dame – die Spielsäle besuchte. Polina und Mademoiselle Blanche gingen jede zu einer Seite des Fahrstuhls. Mademoiselle Blanche lachte, war fröhlich, doch in bescheidenen Grenzen, und widmete sich sogar sehr liebenswürdig der alten Dame, so daß diese sich schließlich lobend über sie äußerte. Polina auf der anderen Seite war wiederum verpflichtet, alle Augenblicke die unzähligen plötzlichen Fragen der Babuschka zu beantworten, Fragen von der Art wie: „Wer war das, der soeben vorüberging? Ist die Stadt groß? Wie groß ist der Park? Was sind das für Bäume? Was sind das dort für Berge? Fliegen hier auch Adler? Was ist das da für ein eigentümliches Dach?“

Mister Astley ging neben mir und flüsterte mir unbemerkt zu, daß er für diesen Tag noch vieles erwarte.