Sämtliche Werke 21

Part 9

Chapter 93,746 wordsPublic domain

Potapytsch und Marfa gingen hinter dem Fahrstuhl: Potapytsch in seinem Frack mit weißer Krawatte, doch auf dem Kopf eine Mütze mit einem Schirm, und Marfa – ein vierzigjähriges, rotwangiges Mädchen, deren Haar jedoch schon zu ergrauen begann – in einem Kattunkleide und in knarrenden, bockledernen Schuhen. Auf dem Kopf trug sie eine weiße Haube. Die Babuschka wandte sich sehr oft nach den beiden um und machte sie auf dieses und jenes aufmerksam, oder fragte sie, wie ihnen dieses und jenes gefalle.

De Grillet unterhielt sich mit dem General. Vielleicht sprach er ihm Mut zu. Jedenfalls aber schien er ihm Ratschläge zu erteilen. Leider hatte die Erbtante das entscheidende Wort bereits ausgesprochen: „Geld werde ich dir übrigens nicht geben.“ Möglich jedoch, daß de Grillet die Androhung nicht ganz so ernst nahm. Dafür aber kannte der General den Charakter der alten Dame zu gut, um sich über die Bedeutung der Worte tröstende Illusionen zu machen. Es fiel mir auf, daß de Grillet und Mademoiselle Blanche fortfuhren, heimlich Blicke auszutauschen.

Den Fürsten und den deutschen Wissenschaftler erblickte ich weit hinter uns am Ende der Allee. Sie waren wohl absichtlich zurückgeblieben, und schlugen eine andere Richtung ein.

Wie ein Triumphzug erschienen wir im Kurhaus. Der Portier und die Diener legten hier gegen uns dieselbe an Ehrfurcht grenzende Höflichkeit an den Tag, wie das Dienstpersonal des Hotels, sahen uns aber doch mit größtem Interesse nach.

Die Babuschka wollte zuerst alle Säle sehen; einiges lobte sie, anderes ließ sie ganz gleichgültig; nach allem aber fragte sie. Endlich langten wir bei den Spielsälen an. Der Diener, der dort als Schildwache an der geschlossenen Tür steht, war bei unserem Anblick zuerst ganz verblüfft, faßte sich aber im Augenblick und riß beide Türflügel sperrangelweit auf.

Wie sollten wir da nicht Aufsehen erregen! Dazu war noch unser Mittelpunkt eine alte Dame, die sich trotz Krankheit und Lähmung in die Spielsäle fahren ließ – wie sollte da ihr Erscheinen nicht Eindruck auf das Spielerpublikum machen?

An den Tischen, an denen Roulette gespielt wurde, und ebenso am anderen Ende des Saales, wo man ^trente et quarante^ spielte, drängten sich etwa hundertundfünfzig bis zweihundert Menschen, die die Tische in drei- und vierfachen Reihen umlagerten. Jene, die sich glücklich bis an einen Tisch hatten durchdrängen können, wußten ihren schwereroberten Platz mit größter Zähigkeit zu behaupten und gaben ihn gewöhnlich nicht früher auf, als bis sie alles verspielt hatten; denn, nur so als Zuschauer am Tisch zu stehen, ohne zu spielen, das ließ man natürlich nicht zu. Obschon rings um jeden Tisch Stühle stehen, setzen sich doch nur sehr wenige Spieler, namentlich wenn sich viele an den Tisch drängen, da stehend eine größere Anzahl Platz hat, denn wer unmittelbar am Tische steht, kann am bequemsten sein Geld anbringen. Die zweite und dritte Reihe drängen sich auf die erste, und man beobachtet und wartet, bis sich Gelegenheit bietet, sich weiterzudrängen und dann gleichfalls zu setzen. Doch nicht alle sind so geduldig und gewöhnlich machen sie ihre Einsätze über die Schultern der vor ihnen Stehenden – oder sie zwängen ihre Hand zwischen den anderen durch – und sogar aus der dritten Reihe bringen manche das Kunststück fertig, über zwei Reihen hinweg ihr Geld zu setzen. Infolgedessen vergehen keine zehn Minuten, ohne daß an einem Tische Streit entsteht. Die Polizei der Spielsäle ist übrigens nicht schlecht. Das Gedränge läßt sich selbstverständlich nicht vermeiden, ganz abgesehen davon, daß es für die Bank vorteilhafter ist: je mehr Menschen an einem Tisch spielen, um so mehr verdient die Bank. Die acht Croupiers, die an einem Tisch sitzen, verfolgen natürlich aufmerksam die Einsätze der Spieler, und da sie jedem das gewonnene Geld auszahlen, sind sie in der Regel diejenigen, die die bei der Gelegenheit entstandenen Streitigkeiten schlichten. Im äußersten Fall wird aber die Polizei herbeigerufen und die Sache damit schnell erledigt.

Die Polizeibeamten tragen hier unauffällige Zivilkleidung und halten sich wie Privatleute, gleich allen den unzähligen Promenierenden und Zuschauenden, in den Sälen auf, so daß niemand sie als Angestellte der Bank erkennen kann. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die kleinen Diebe im Auge zu behalten. Solcher gibt es an den Roulettetischen sehr viele, da ihnen die Ausübung ihres Gewerbes so leicht gemacht wird. In der Tat, an jedem anderen Ort muß man, wenn man stehlen will, in fremde Taschen greifen oder Schlösser sprengen, – das aber zieht im Fall eines Mißlingens unangenehme Folgen nach sich. Beim Roulette jedoch braucht man nur an den Tisch zu treten, ein paar Francs zu setzen und plötzlich ganz offen und nur mit größter Unverfrorenheit einen fremden Gewinn vom Tisch zu nehmen, und in die Tasche zu stecken, und, wenn dann ein Streit entsteht, ganz entrüstet zu behaupten, daß es der eigene Einsatz gewesen sei. Wenn der Spitzbube es geschickt und unauffällig zu machen versteht und die übrigen Spieler in ihren Zeugenaussagen nicht ganz sicher sind, so bleibt der Dieb sehr oft im Besitz des fremden Geldes – d. h. wenn die Summe nicht gar so groß war. – Die großen Einsätze werden in der Regel von den Croupiers oder den übrigen Spielern und Zuschauern mehr beachtet. Ist aber die Summe nicht so groß, so verzichtet ihr wirklicher Besitzer sehr oft auf eine Fortsetzung des Streites, da ihm ein Skandal zu unangenehm ist, und er verläßt den Tisch. Gelingt es aber, den Dieb zu überführen, so wird er unter großem Trubel von den Polizeibeamten hinausgeschafft.

Alles das sah sich die Babuschka aus der Ferne mit gespanntem Interesse an. Es gefiel ihr sehr, daß die Diebe abgeführt wurden. ^Trente et quarante^ fand bei ihr kein besonderes Interesse; besser gefiel ihr das Roulette und am besten die weiße kleine Kugel, und daß sie sich drehte. Endlich wünschte sie jedoch, das Spiel sich aus der Nähe genauer anzusehen.

Ich weiß selbst nicht, wie es zuging, aber den angestellten und den freipraktizierenden Dienern – letztere sind vornehmlich Polen, die ihr Geld verspielt haben und nun glücklichen Spielern oder Ausländern ihre Dienste aufdrängen – gelang es jedenfalls im Augenblick, trotz des Gedränges, neben dem Hauptcroupier, der an der Mitte des Tisches sitzt, Platz zu schaffen, und ehe ich mich dessen versah, wurde auch schon ihr Stuhl dorthin geschoben. Sogleich drängten sich viele Zuschauer, die sich der Kuriosität halber in den Spielsälen aufhielten, ohne selbst zu spielen – meist Engländer mit ihren Familien – von allen Seiten an den Tisch heran, um die alte Dame zu betrachten. Unzählige Lorgnons richteten sich auf sie. Die Croupiers schöpften Hoffnung: eine so absonderliche Spielerin verhieß ja wirklich etwas Außergewöhnliches. Freilich, eine fünfundsiebzigjährige Dame, die trotz halber Lähmung noch zu spielen wünschte – das war allerdings nichts Alltägliches. Ich drängte mich gleichfalls an den Tisch und blieb neben ihrem Stuhl stehen. Potapytsch und Marfa waren ganz von uns fortgedrängt worden und standen irgendwo wie verlassen unter den vielen Menschen. Der General, Polina, de Grillet und Mademoiselle Blanche hielten sich gleichfalls unter den Zuschauern auf, doch absichtlich weiter von uns entfernt.

Die Babuschka begann zuerst, die Spieler zu betrachten. Und natürlich folgten dann wieder ihre plötzlichen Fragen, die sie mir schnell und halblaut zuflüsterte. „Wer ist dieser dort? Und wer ist jene?“ Am meisten gefiel ihr ein ganz junger Mensch, der am Ende des Tisches saß und sehr hoch spielte: er setzte zu Tausenden und hatte, wie man ringsum flüsterte, schon gegen vierzigtausend Francs gewonnen, die in einem ganzen Haufen von Gold und Banknoten vor ihm lagen. Er war bleich; seine Augen glänzten fieberhaft und seine Hände zitterten. Er setzte bereits ohne jede Berechnung, setzte, soviel die Hand griff, und immer noch gewann er und gewann er und scharrte das Geld zusammen. Die Diener behandelten ihn wie ihren Augapfel, waren unermüdlich in ihren Dienstleistungen, schleppten ihm sogar einen Sessel herbei und hielten ihm die anderen vom Leibe, damit er es bequemer habe – alles das, versteht sich, in Erwartung gemünzter Dankbarkeit. Es geben ihnen nämlich die meisten Spieler, wenn sie größere Summen gewonnen haben, beim Fortgehen in der Freude über den Gewinn reichen Lohn für diese kleinen Dienstleistungen, gewöhnlich so viel, wieviel die Hand aus der Tasche zieht. Deshalb hatte sich auch neben diesem ununterbrochen, doch untertänigst etwas zuflüsterte jungen Menschen schon einer von den bewußten Polen eingefunden, der sich nun nach Kräften mühte und ihm – wahrscheinlich riet er ihm, wie er spielen solle – selbstverständlich gleichfalls in Erwartung eines Almosens! Doch der Spieler sah ihn kaum, und setzte planlos, achtlos, wirr – und gewann immer noch. Ich glaube, er war sich seiner Handlungen kaum noch bewußt.

Die Babuschka betrachtete ihn eine Weile regungslos. Plötzlich stieß sie mich ganz erregt an und flüsterte mir schnell zu:

„Sag ihm, sag ihm, daß er fortgehen soll, daß er sein Geld nehmen und fortgehen soll, schnell, schnell, sag’s ihm doch! Er wird es verlieren, er wird sofort alles verlieren, so geh doch! – Wo ist Potapytsch? Schick Potapytsch zu ihm! Schnell! Aber so sag’s ihm, so sag’s ihm doch!“ Und sie stieß mich immer heftiger, damit ich ging. „Wo ist Potapytsch? ^Sortez! Sortez!^“ begann sie selbst dem jungen Menschen zuzurufen. Ich beugte mich schnell zu ihr und flüsterte ihr scharf zu, daß man hier nicht so schreien dürfe, daß es nicht einmal erlaubt sei, etwas lauter als im Flüsterton zu sprechen, da fremdes Gespräch die Spieler in ihren Berechnungen störe, und daß man uns andernfalls sogleich hinausweisen würde.

„Ach, wie ärgerlich! Der Mensch ist verloren! Aber er will es ja selbst ... ich mag ihn nicht mehr ansehen, er bringt mich aus der Haut. Solch ein Tölpel!“ Und sie wandte sich geärgert von ihm fort und begann die Spieler an der anderen Hälfte des Tisches zu betrachten.

Dort an der linken Seite des Tisches fiel unter den Spielern namentlich eine junge Dame auf, neben der ein Zwerg stand. Wer dieser Zwerg war, das weiß ich nicht – vielleicht war es ein Verwandter von ihr, vielleicht nahm sie ihn nur so mit, um Aufsehen zu erregen. Diese Dame war mir auch früher schon aufgefallen. Sie erschien täglich um die Mittagszeit in den Spielsälen, gewöhnlich um ein Uhr, und um zwei Uhr ging sie wieder fort – nur eine Stunde spielte sie. Man kannte sie schon und verschaffte ihr sogleich einen Stuhl. Sie nahm dann aus ihrer Tasche etwas Geld, einige Tausendfrancs-Scheine und begann ruhig, kaltblütig, berechnend zu setzen, notierte sich mit ihrem Bleistift die Zahlen, die herauskamen, und bemühte sich, das System zu erraten, nach dem im gegebenen Augenblick die Chancen wechselten. Sie setzte ziemlich bedeutende Summen und gewann täglich ein-, zwei-, höchstens dreitausend Francs – nicht mehr, und sobald sie gewonnen hatte, ging sie fort. Der Babuschka fiel sie sogleich auf und sie betrachtete sie lange.

„Nun, diese dort wird sicherlich nicht verlieren! Nein, diese ganz gewiß nicht! Die ist die Richtige! – Weißt du nicht, wer sie ist?“

„Eine Französin wahrscheinlich, eine von jenen,“ flüsterte ich.

„Ah! Das sieht man! Man erkennt den Vogel schon am Flug; ja, die hat scharfe Krallen. So, und jetzt erkläre mir, was jede Drehung zu bedeuten hat und wie man setzen muß.“

Ich versuchte, so gut es ging, mich möglichst kurz zu fassen und ihr ungefähr die verschiedenen Kombinationen des Spiels, ^rouge et noir^, ^pair et impair^, ^manque et passe^ und die verschiedenen Bedeutungen der Zahlen zu erklären. Sie folgte sehr aufmerksam meiner Erläuterung, prägte sich die Hauptsachen ein, fragte zuweilen nochmals und schien alles gut zu behalten. Übrigens hatten wir die Beispiele vor Augen, was das Begreifen und Behalten wesentlich erleichterte. Die Babuschka war jedenfalls sehr zufrieden mit meiner Erklärung.

„Aber was bedeutet ^zéro^? Dieser Croupier hier, der Krauskopf, rief soeben ^zéro^! Und weshalb zieht er alles ein, sieh doch, alles was auf dem Tisch ist? Und den ganzen Haufen behält er für sich! Was hat denn das zu bedeuten?“

„Ja, ^zéro^, Babuschka, ist der Gewinn der Bank. Wenn die Kugel auf ^zéro^ fällt, so gehören alle Einsätze der Bank, die dann niemandem etwas auszahlt.“

„So, das ist mir mal nett! Und ich erhalte gar nichts?“

„O, doch, Babuschka, aber nur, wenn Sie vorher auch auf ^zéro^ gesetzt haben, dann aber das fünfunddreißigfache Ihres Einsatzes.“

„Was, fünfunddreißigmal mehr? Und kommt das oft heraus? Warum setzen sie dann nicht auf ^zéro^, die Dummköpfe?“

„Weil sechsunddreißig Chancen dagegen sind.“

„Unsinn! Potapytsch, Potapytsch! Wart, auch ich habe Geld bei mir, – hier!“ Sie zog aus ihrer Tasche einen zum Platzen vollen Geldbeutel hervor und entnahm ihm einen Friedrichsdor. „Da, setz ihn gleich auf ^zéro^!“

„Aber ^zéro^ hat doch eben erst gewonnen,“ bemerkte ich, „jetzt wird es so bald nicht wieder gewinnen. Sie würden viel verlieren, wenn Sie jetzt schon anfangen wollten, auf ^zéro^ zu setzen. Warten Sie noch ein wenig.“

„Unsinn, tu, was ich dir sage!“

„Wie Sie wünschen, nur wird ^zéro^ vielleicht nicht vor dem Abend gewinnen und Sie können Tausende verlieren. Das ist schon vorgekommen.“

„Ach, Unsinn, sprich nicht! Wer den Wolf fürchtet, der gehe nicht in den Wald. Was? Verloren? Setz noch einmal!“

Auch der zweite Friedrichsdor wurde verspielt. Wir setzten den dritten. Die Babuschka konnte kaum ruhig bleiben und ihre Augen folgten wie gebannt der springenden Kugel. Und wir verloren auch den dritten. Die Babuschka war außer sich, sie saß wie auf Kohlen und klopfte sogar mit der Faust auf den Tisch, als der Croupier „^trente six^“ rief, anstatt des erwarteten ^zéro^.

„Ach, das ist doch! ...“ ärgerte sie sich, „wird denn nicht endlich einmal diese elende Null herauskommen! Ich will nicht leben, wenn ich das nicht zurückgewinne! Ich bleibe hier bis zum ^zéro^! Das macht ja doch alles dieser verwünschte Croupierbengel, der Krauskopf, dieser Elende! Der macht es absichtlich! Alexei Iwanowitsch, setze zwei Goldstücke auf ^zéro^! Du setzt ja immer so wenig, daß man doch nichts bekäme, wenn es mal trifft!“

„Babuschka!“

„Setz, sag ich dir, setz! Ist nicht dein Geld.“

Ich setzte zwei Friedrichsdor. Die Kugel kreiste lange im Rad, endlich begann sie an den Zacken zu springen. Die Babuschka hielt den Atem an und preßte meine Hand wie mit einem Schraubstock, und plötzlich –

„^Zéro!^“ rief der Croupier.

„Siehst du! siehst du!“ wandte sie sich hastig zu mir, strahlend vor Zufriedenheit. „Ich sagte dir doch! Muß mir doch Gott selbst eingegeben haben, zwei Goldstücke statt eines zu setzen! Nun, wieviel bekomme ich denn jetzt? Warum zahlen sie mir denn noch nicht aus? Potapytsch, Marfa, wo seid ihr denn alle? Wo sind die Unsrigen geblieben? Potapytsch! Potapytsch!“

„Babuschka, später!“ flüsterte ich ihr zu. „Potapytsch steht an der Tür, man läßt ihn gar nicht zum Tisch. Sehen Sie, da zahlt man Ihnen das Geld aus, nehmen Sie es!“

Man schob uns eine in blaues Papier eingeschlagene und versiegelte schwere Rolle zu, die fünfzig Friedrichsdor enthielt, und außerdem noch zwanzig Friedrichsdor, die der Croupier einzeln aufzählte. Alles das zog ich mit der Krücke näher zur Babuschka.

„^Faites le jeu, messieurs! Faites le jeu, messieurs! Rien ne va plus?^“ rief der Croupier, um die Spieler zum Einsatz aufzufordern und bereits im Begriff, das Rad zu drehen.

„Mein Gott! Jetzt kommen wir zu spät! Gleich wird er drehen! So setz doch, setz doch!“ trieb mich die Babuschka an, „aber so trödel doch nicht! schneller!“ Sie geriet ganz aus dem Häuschen und stieß mich immer wieder an.

„Aber auf was denn, Babuschka?“

„Auf ^zéro^, auf ^zéro^! Wieder auf ^zéro^! Setz so viel als möglich! Wieviel haben wir? Siebzig Friedrichsdor? Nichts da! Setze sie alle, aber immer zu zwanzig Friedrichsdor auf einmal.“

„Babuschka, besinnen Sie sich! ^Zéro^ kommt oft zweihundertmal nicht wieder! Ich versichere Sie, so können Sie Ihr ganzes Kapital verspielen!“

„Unsinn, schwatz nicht! Setz! Ich weiß, was ich tue!“ Sie zitterte am ganzen Körper.

„Nach der Vorschrift ist es nicht erlaubt, mehr als zwölf Friedrichsdor auf einmal auf ^zéro^ zu setzen,“ sagte ich, „so – und die habe ich jetzt gesetzt.“

„Wieso nicht erlaubt? Lügst du nicht etwa? Mßjö! Mßjö!“ wandte sie sich an den Croupier, der links neben ihr saß, und im Begriff war das Rad zu drehen, und sie stieß ihn mit dem Finger an, „^combien zéro? Douze? Douze?^“

Ich beeilte mich, die Frage im Französischen verständlich zu erläutern.

„^Oui, madame^,“ bestätigte der Croupier höflich, „ganz wie auch jeder andere Einsatz nicht die Höhe von viertausend Florins überschreiten darf – der Vorschrift gemäß,“ fügte er zur Erklärung hinzu.

„Nun, nichts zu machen, dann setz nur zwölf.“

„^Le jeu est fait!^“ rief der Croupier.

Das Rad drehte sich und es kam Dreizehn heraus. Wir hatten verloren.

„Noch! noch! noch! Setz noch einmal auf ^zéro^!“

Ich widersprach nicht mehr, zuckte nur mit der Achsel und setzte nochmals zwölf Friedrichsdor auf ^zéro^.

Das Rad drehte sich sehr lange. Die Babuschka bebte am ganzen Leibe und ihr Blick folgte wie gebannt der Kugel. „Sollte sie wirklich glauben, daß jetzt ^zéro^ gewinnen wird?“ fragte ich mich, indem ich sie ganz verwundert betrachtete. In ihrem Gesicht las ich die unerschütterliche Überzeugung, daß sie gewinnen, daß der Croupier jetzt gleich, im nächsten Augenblick, ^zéro^ rufen werde.

Die Kugel sprang in ein Fach.

„^Zéro!^“ rief der Croupier.

„Was!“ wandte sich mit triumphierender Genugtuung die Babuschka strahlend nach mir um.

Ich bin selbst ein Spieler. Das fühlte ich in diesem Augenblick. Meine Hände und Füße zitterten, in meinem Gehirn hämmerte es. Natürlich war es nur ein seltener Zufall, daß von etwa zehn Spielen dreimal ^zéro^ gewann; doch war es schließlich nichts gar so Verwunderliches. Ich hatte es noch vor drei Tagen erlebt, daß ^zéro^ dreimal nach der Reihe herauskam, und bei der Gelegenheit bemerkte einer der Spieler, der sich eifrig alles notierte, daß während des ganzen vorigen Tages ^zéro^ nur ein einziges Mal herausgekommen sei.

Der Babuschka wurde der Gewinn, da er der größte war, ganz besonders aufmerksam und höflich ausgezahlt. Sie erhielt vierhundert und zwanzig Friedrichsdor, also viertausend Florins und zwanzig Friedrichsdor. Die zwanzig Friedrichsdor zahlte man ihr in Gold aus, die viertausend Florins in Banknoten.

Diesmal rief sie nicht mehr nach Potapytsch; sie war jetzt mit anderem beschäftigt. Und auch äußerlich zitterte sie weder noch stieß sie mich wie zuvor. Ihre Gedanken schienen vollkommen konzentriert zu sein, nichts hätte sie mehr ablenken können.

„Alexei Iwanowitsch! Er sagte, daß man nicht mehr als viertausend Florins auf einmal setzen darf? Hier, nimm, setz diese ganzen vier auf Rot.“

Ich sparte mir die vergebliche Mühe, ihr zu widersprechen. Das Rad begann sich zu drehen.

„Rouge!“ rief der Croupier.

Wieder ein Gewinn von viertausend Florins, im ganzen waren es jetzt acht.

„Vier gib mir her, die anderen vier aber setz wieder auf Rot!“ kommandierte die Babuschka.

Ich setzte wieder viertausend Florins.

„Rouge!“ rief wieder der Croupier.

„Das macht im ganzen zwölf! Gib sie mir alle her. Das Gold schütte hierher, so, in den Beutel, das Papiergeld bewahre du auf. So! Basta! Nach Haus jetzt! Schiebt den Stuhl fort!“

XI.

Der Stuhl wurde zum Ausgang am anderen Ende des Saales gerollt. Die Babuschka strahlte.

Die Unsrigen drängten sich jetzt sogleich mit Glückwünschen zu ihr und belagerten sie förmlich. So exzentrisch das Benehmen der alten Dame war – ihr Triumph am Spieltisch machte doch alles wieder gut, und so befürchtete denn auch der General nicht mehr, sich durch verwandtschaftliche Beziehungen zu dieser originellen alten Dame zu kompromittieren. Mit einem familiär-heiteren und sozusagen nachsichtigen Lächeln, als gälte es, ein Kind zu beruhigen, näherte er sich ihr und gratulierte zum Gewinn. Übrigens war er sichtlich verblüfft, wie es auch alle anderen Zuschauer zu sein schienen. Wenigstens sprach man ringsum nur von ihr und alle sahen sich nach ihr um oder deuteten mit dem Blick auf sie hin. Viele gingen sogar an ihr vorüber, um sie näher zu betrachten. Mister Astley, der mit zwei Engländern, seinen Bekannten, etwas abseits stand, sprach mit diesen gleichfalls von ihr. Einige majestätische Damen musterten sie mit Verwunderung, als wäre sie etwas noch nie Dagewesenes ... De Grillet zerging nur so in lächelnden Bonmots und Komplimenten.

„^Quelle victoire!^“ rief er aus.

„^Mais, madame, c’était du feu!^“ fügte mit bezauberndem Lächeln Mademoiselle Blanche hinzu.

„Ja, seht ihr mal, da habe ich im Handumdrehen zwölftausend Florins gewonnen! Was sage ich zwölf! – und das Gold? Mit dem Golde zusammen werden es fast ganze dreizehn sein. Wieviel ist das nach unserem Gelde? So an sechstausend wird’s sein, nicht?“

Ich sagte, daß es auch siebentausend übersteige und nach dem gegenwärtigen Kurs vielleicht nicht viel an achttausend Rubel fehlten.

„Spaß! Achttausend! Und ihr sitzt hier wie die Schlafmützen und tut nichts! Potapytsch, Marfa, habt ihr gesehen?“

„Mütterchen! Achttausend Rubel! Du meine Güte, wie macht man das?“ rief Marfa aus, die ganz geknickt die Hände zusammenschlug.

„Hier, nehmt, hier habt ihr von mir fünf Goldstücke, hier!“

Potapytsch und Marfa wußten kaum, wie ihnen geschah, und küßten ihr die Hände.

„Und die Träger müssen auch jeder einen Friedrichsdor erhalten. Gib ihnen, Alexei Iwanowitsch, gib jedem ein Goldstück. – Was will der, was ist er? – ein Diener? Warum grüßt er und der andere auch? Ah, sie wollen gratulieren! Gib auch ihnen einen Friedrichsdor, jedem einen.“

„^Madame la princesse ... un pauvre expatrié ... malheur continuel ... les princes russes sont si généreux^ ...“ murmelte unter fortgesetzten Bücklingen eine Gestalt in einem ziemlich schäbigen Überrock, bunter Weste, die Mütze in der Hand und mit einem kriechenden Lächeln unter dem Schnurrbart.

„Gib ihm auch einen Friedrichsdor ... Nein, gib ihm zwei! Nun, genug jetzt, sonst nimmt das überhaupt kein Ende. Nun, vorwärts, vorwärts! Praskowja,“ wandte sie sich an Polina Alexandrowna, „ich werde dir morgen ein Kleid kaufen und dieser meinetwegen auch, dieser Mademoiselle – wie heißt sie, Mademoiselle Blanche, nicht, so war’s doch? – Die soll auch ein Kleid bekommen. Übersetz ihr das, Praskowja!“

„^Merci, madame^,“ dankte Mademoiselle Blanche mit einer graziösen Verbeugung und einem spöttischen Lächeln, während sie mit de Grillet und dem General flüchtig einen Blick austauschte. Letzterer wurde nach diesem Blick sehr verlegen und atmete auf, als wir endlich in der Allee anlangten.

„Fedossja, wie sich Fedossja jetzt wundern wird!“ entsann sich die Babuschka plötzlich der Kinderfrau. „Auch ihr muß ich Zeug zu einem Kleide schenken. Du, Alexei Iwanowitsch, Alexei Iwanowitsch, gib diesem Armen!“

Irgend ein heruntergekommenes Subjekt in zerlumpter Kleidung ging an uns vorüber und sah uns an.

„Das ist vielleicht gar kein Armer, sondern nur so ein Strolch, Babuschka.“

„Gib nur, gib! Gib ihm einen Gulden.“

Ich ging ihm nach und gab ihm einen Gulden. Er sah mich ganz verständnislos an, nahm aber doch schweigend den Gulden in Empfang. Er roch nach Branntwein.

„Und du, Alexei Iwanowitsch, hast du dein Glück noch nicht versucht?“

„Nein, noch nicht, Babuschka.“

„Und dabei blitzten deine Augen nur so – glaubst du, ich habe es nicht bemerkt?“

„Ich werde schon noch mein Glück versuchen, aber später.“

„Und setze unbedingt auf ^zéro^! Du wirst sehen. Wieviel Geld hast du?“

„Im ganzen nur zwanzig Friedrichsdor, Babuschka.“

„Das ist nicht viel. Wenn du willst, werde ich dir fünfzig Friedrichsdor leihen. Nein, nimm gleich diese Rolle. Du aber, Väterchen, brauchst deshalb noch längst nicht zu glauben, daß du auch was erhältst! Dir geb ich nichts!“ wandte sie sich von mir zum General.