Part 7
„Was meinen Sie, weshalb wurde der General gestern so ängstlich, als er meine Drohung hörte? Weshalb wird aus meinem dümmsten Jungenstreich eine solche Staatsaktion gemacht? – eine solche, daß sogar Monsieur de Grillet es für nötig befunden hat, sich in die Angelegenheit hineinzumischen – was er doch nur im äußersten Fall zu tun pflegt. Ja, er hat mich sogar in meinem Zimmer aufgesucht – er! – und er hat mich sogar gebeten und angefleht – er, de Grillet, mich! Und noch eines ist bemerkenswert: er kam um neun zu mir, oder etwas nach neun, und schon hatte er einen Brief von Miß Polina in der Tasche. Wann, fragt es sich, hat sie diesen denn geschrieben? Vielleicht hat man sie deshalb sogar aus dem Schlaf geweckt! Und ganz abgesehen davon, wie deutlich dieser Brief mir beweist, daß Miß Polina einfach seine Sklavin ist – da sie doch auf seinen Wunsch sogar mich um Verzeihung bittet! – ganz abgesehen davon, sage ich, muß ich mich doch fragen, was denn diese ganze Geschichte sie persönlich angeht? Weshalb interessiert sie sich überhaupt dafür? Was fürchten sie sich denn alle plötzlich so vor einem Baron? Und was ist denn schließlich dabei, daß der General Mademoiselle Blanche de Cominges heiratet? Er sagt, daß er sich gerade jetzt ‚ganz besonders korrekt‘ benehmen müsse, – aber, weiß Gott, das heißt denn doch schon, die Korrektheit übertreiben wollen! Was meinen Sie, sagen Sie es mir, bitte! An Ihren Augen sehe ich, daß Sie besser unterrichtet sind als ich!“
Mister Astley lächelte und nickte mir zu.
„In der Tat, es scheint mir auch so, daß ich in diesem Falle mehr weiß als Sie,“ sagte er freundlich. „Es handelt sich hier wohl nur um Mademoiselle Blanche – sie ist der ganze Haken, wie man zu sagen pflegt. Davon bin ich überzeugt.“
„Nun und was ist’s mit ihr?“ fragte ich gespannt – und plötzlich erwachte in mir die Hoffnung, gleichzeitig etwas Neues über Polina zu erfahren.
„Ich glaube, daß es Mademoiselle Blanche im Augenblick sehr darum zu tun ist, einer Begegnung mit dem Baron und der Baronin aus dem Wege zu gehen, und um so mehr, versteht sich, einer unangenehmen Begegnung oder gar – einem offenen Skandal.“
„Nun, nun?!“ drängte ich ungeduldig.
„Mademoiselle Blanche ist nicht zum erstenmal hier. Sie hat sich bereits früher einmal in Roulettenburg aufgehalten. Und das war vor zwei Jahren, zur Saison. Ich hielt mich zu der Zeit gleichfalls hier auf. Nur hieß sie damals nicht Mademoiselle de Cominges, und ebensowenig wußte man hier etwas von einer ^madame veuve de Cominges^. Wenigstens ist hier nie von einer solchen oder überhaupt von einer Mutter der betreffenden Dame die Rede gewesen. De Grillet ... de Grillet ... ja, den gab es damals auch noch nicht. Und ich sehe mich sogar sehr versucht, anzunehmen, daß Mademoiselle Blanche mit ihm keineswegs verwandt, und vielleicht nicht einmal seit allzu langer Zeit bekannt ist. Zum Marquis ist der Monsieur de Grillet wohl gleichfalls erst vor kurzer Zeit avanciert. Davon bin ich sogar überzeugt, und zwar auf Grund gewisser Tatsachen. Ja und ebenso wahrscheinlich ist, daß er sich auch diesen Familiennamen erst neuerdings beigelegt hat. Ich habe hier mit einem Menschen gesprochen, dem er unter einem anderen Namen vorgestellt worden ist.“
„Aber er hat doch einen wirklich soliden Bekanntenkreis!“
„O, das ist sehr leicht möglich. Warum sollte er ihn nicht haben? Selbst Mademoiselle Blanche kann sich durch einen solchen auszeichnen. Nur ist es nichtsdestoweniger Tatsache, daß Mademoiselle Blanche vor zwei Jahren auf eine Anzeige dieser selben deutschen Baronin von der hiesigen Polizei aufgefordert wurde, die Stadt zu verlassen, und daß sie der Aufforderung nachkam.“
„Wie das?“
„Sie war damals mit einem Italiener hier aufgetaucht – einem Fürsten mit historischem Namen, Barberini oder so ungefähr. Der Mensch trug unzählige Ringe und seine Brillanten waren sogar wirklich echt. Sie hatten eine prachtvolle Equipage. Mademoiselle Blanche spielte ^trente et quarante^ mit sehr gutem Erfolg, doch dann verließ sie das Glück und sie verlor immer mehr. An einem Abend, entsinne ich mich, verlor sie eine Riesensumme. Doch was noch weit schlimmer war: ^un beau matin^ war ihr Fürst spurlos verschwunden, auch die Pferde und die Equipage – alles war fort. Die Schuld im Hotel hatte eine ungeheure Höhe erreicht. Mademoiselle Selma – denn anstatt Barberini hieß sie nun plötzlich Mademoiselle Selma – blieb in der größten Verzweiflung zurück: sie schrie und weinte, daß man es im ganzen Hotel hören konnte, und zerriß sogar ihre Kleider. Zum Glück war in demselben Hotel ein polnischer Graf abgestiegen – alle reisenden Polen sind Grafen – und die kratzende, verzweifelte, ihre schönen Hände ringende Mademoiselle Selma machte auf ihn einen gewissen Eindruck. Sie hatten eine Unterredung und gegen Mittag beruhigte sie sich. Am Abend erschien er mit ihr im Kursaal, sie lachte wie gewöhnlich sehr laut, in ihrem Benehmen aber machte sich eine nur noch größere Ungebundenheit bemerkbar. Sie trat sogleich in die Reihe jener Damen, die, wenn sie hier an den Spieltisch treten wollen, mit der Schulter ganz ungeniert einen Spieler fortstoßen, um sich Platz zu schaffen. Das gilt ja hier für besonders schick – bei diesen Damen. Sie haben sie natürlich schon bemerkt?“
„O, ja.“
„Eigentlich nicht der Mühe wert. Zum Ärger des anständigen Publikums sind sie hier ununterbrochen vertreten, wenigstens jene, die täglich am Spieltisch Tausendfranks-Banknoten wechseln. Übrigens werden sie, sobald sie aufhören, Banknoten zu wechseln, sogleich gebeten, sich zu entfernen. Mademoiselle Selma fuhr aber weiter fort, Banknoten zu wechseln, doch hatte sie noch weniger Glück als zuvor. Im allgemeinen spielen solche Damen mit gutem Glück, sehr oft sogar; sie haben eine bewundernswerte Selbstbeherrschung. Übrigens ist meine Geschichte schon zu Ende. Eines Tages verschwand auch der Graf, ebenso wie der italienische Fürst verschwunden war. Mademoiselle Selma erschien am Abend allein im Spielsaal; diesmal hatte sich ihr niemand als Ersatz angeboten. In zwei Tagen verspielte sie ihr letztes Geld. Nachdem sie den letzten Louisdor gesetzt und verloren hatte, sah sie sich suchend um und erblickte neben sich den Freiherr von Wurmerhelm, der sie eine Zeitlang sehr aufmerksam und mit sichtlich größtem Unwillen betrachtet hatte. Doch leider gewahrte sie den Unwillen nicht und wandte sich mit ihrem bekannten Lächeln an den Freiherrn, um ihn zu bitten, zehn Louisdor für sie auf Rot zu setzen. Und die Folge davon war, daß sie noch am Abend desselben Tages auf Grund der Anzeige der Frau Baronin die Aufforderung erhielt, sich nicht mehr im Spielsaal sehen zu lassen. – Wundern Sie sich nicht darüber, daß mir alle diese kleinen und unanständigen Details bekannt sind. Mir hat sie ein entfernter Verwandter von mir erzählt, der noch an demselben Abend mit Mademoiselle Selma nach Spa reiste. Verstehen Sie jetzt: Mademoiselle Selma will Generalin werden, wahrscheinlich um in Zukunft nicht mehr Gefahr zu laufen, solche Aufforderungen von der Polizei des Kursaales zu erhalten, wie vor zwei Jahren. Sie spielt nicht mehr, doch unterläßt sie das nur deshalb, weil sie jetzt offenbar Kapital besitzt, von dem sie den hiesigen Spielern verschiedene Summen leiht, auf Prozente, versteht sich. Das ist bedeutend vorteilhafter. Ja, ich vermute sogar, daß auch der General ihr Geld schuldet und vielleicht sogar de Grillet. Vielleicht aber ist de Grillet ihr Kompagnon. Nun, jetzt werden Sie doch einsehen, daß sie bis zur Hochzeit wenigstens nicht unnützerweise die Aufmerksamkeit des Barons und der Baronin auf sich zu lenken wünscht. Kurz, in ihrer gegenwärtigen Lage käme ihr ein Skandal höchst ungelegen. Sie aber sind mit der Familie des Generals mehr oder weniger verknüpft, weshalb man auf dieselbe sicherlich zu sprechen käme, wenn Ihre Streiche Aufsehen erregen oder gar einen Skandal verursachen sollten. Nun, und Mademoiselle Blanche erscheint täglich am Arme des Generals in der Öffentlichkeit und in Miß Polinas Gesellschaft. Begreifen Sie jetzt?“
„Nein, ich begreife trotzdem nichts!“ rief ich erregt aus und schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß der Garçon ganz erschrocken herzustürzte. „Sagen Sie mir, Mister Astley,“ fuhr ich in heller Wut fort, „wenn Sie diese ganze Geschichte schon früher gewußt haben und so genau wissen, was für ein Geschöpf diese Mademoiselle Blanche de Cominges ist, warum haben Sie dann nicht wenigstens mich darüber aufgeklärt oder den General selbst, und schließlich – nein, in erster Linie, ja, in erster Linie Miß Polina, die jetzt ahnungslos im Kursaal, auf der Promenade, im Park, überall mit dieser Blanche promeniert? Das ist doch unverantwortlich von Ihnen.“
„Ich habe Ihnen nichts mitgeteilt, weil Sie an der Sache doch nichts hätten ändern können,“ antwortete Mister Astley ruhig. „Und übrigens, was hätte ich denn mitteilen sollen? Der General ist doch über die Vergangenheit der Person vielleicht noch besser unterrichtet, als ich, und trotzdem spaziert er mit ihr und seiner Stieftochter. Der General ist ein bedauernswerter Mensch. Ich sah gestern, wie sie ausritten: Mademoiselle Blanche auf einem prachtvollen Pferde, ihr zur Seite Monsieur de Grillet und jener kleine russische Fürst, und hinter ihnen auf einem Schweißfuchs trabte der General. Am Morgen hatte er noch gesagt, daß seine Füße schmerzten, doch im Sattel hielt er sich tadellos. Als ich ihn aber so sah, kam es mir plötzlich in den Sinn, daß er doch schon ein verlorener Mann ist. Aber das geht mich ja im Grunde alles nichts an, ich habe nur vor kurzem die Ehre gehabt, Miß Polina kennen zu lernen ... Übrigens,“ unterbrach er sich plötzlich, „ich wiederhole nur, was ich Ihnen bereits gesagt habe, daß ich Ihnen kein Recht zu gewissen Fragen zugestehen kann, obschon ich Sie sehr gern habe ...“
„Genug,“ unterbrach ich ihn, indem ich mich erhob, „jetzt ist es mir vollkommen klar, daß auch Miß Polina über Mademoiselle Blanche unterrichtet ist, daß sie sich aber von ihrem Franzosen nicht trennen kann und deshalb trotz allem mit Mademoiselle Blanche promeniert. Glauben Sie mir, sonst gäbe es in der ganzen Welt keine Macht, die sie zwingen könnte, sich mit Mademoiselle Blanche öffentlich zu zeigen und mich brieflich zu bitten, den Baron in Ruh zu lassen. Hier kann nur dieser eine Einfluß in Frage kommen, dieses eine, vor dem alles andere zurücktritt! Und doch hat sie mich selbst auf den Baron gehetzt! Zum Teufel, da soll einer draus klug werden!“
„Sie vergessen, erstens, daß diese Mademoiselle de Cominges die Braut des Generals ist, und zweitens, daß Miß Polina, die Stieftochter des Generals, einen kleinen Bruder und eine kleine Schwester hat, die die leiblichen Kinder ihres Stiefvaters sind, und die dieser Wahnsinnige schon so gut wie ganz vergessen und deren Besitz er, wie mir scheint, auch schon angegriffen hat.“
„Ja – ja richtig! Das ist es! Sie haben recht! – Die Kinder verlassen, hieße, sie allein preisgeben, während bei ihnen bleiben heißt: sie beschützen, ihre Interessen verteidigen und vielleicht noch einen Rest ihres Vermögens retten! Ja! – ja, das ist es! ... Aber ... aber dennoch! ... O, jetzt begreife ich, weshalb sie sich alle so lebhaft für das Befinden der alten Großtante interessieren!“
„Für wessen Befinden?“ forschte Mister Astley.
„Nun, für jene alte Hexe dort in Moskau, die immer noch nicht sterben will.“
„Ach so! Nun ja, selbstverständlich konzentrieren sich alle Interessen auf die in Aussicht stehende Erbschaft. Sobald sich die Erwartung erfüllt, wird der General sich trauen lassen. Miß Polina wird dann gleichfalls befreit sein und de Grillet ...“
„Und de Grillet? ...“
„Und de Grillet wird das Geld zurückerhalten, das er geliehen hat. Darauf wartet er doch nur.“
„Nur? Glauben Sie, daß er wirklich nur darauf wartet?“
„Ich wüßte nicht, worauf er sonst noch warten könnte,“ sagte Mister Astley kühl abweisend.
„Aber ich weiß es, ich!“ sagte ich mit verhaltenem Haß und die Wut kochte in mir. „Er wartet gleichfalls auf die Erbschaft, denn Polina wird eine Mitgift erhalten und sobald sie das Geld in Händen hat – wird sie sich ihm sogleich an den Hals werfen. Alle Weiber sind so! Und die stolzesten von ihnen – erweisen sich als die abgeschmacktesten Sklavinnen! Polina ist nur dazu fähig, leidenschaftlich zu lieben, und zu nichts weiter! Das ist meine Meinung von ihr, oder meine Überzeugung, wenn Sie wollen. Betrachten Sie sie doch einmal etwas aufmerksamer, namentlich wenn sie allein ist, in Gedanken versunken: es ist doch – etwas Prädestiniertes, Verfluchtes an ihr! Sie ist fähig, alle Schrecken des Lebens und der Leidenschaft ... sie ... Wer ruft mich?“ unterbrach ich mich erschrocken und verwundert. „Wer rief mich? – Hörten Sie nicht? Ich hörte ganz deutlich meinen Namen rufen, auf russisch ... eine Frauenstimme ... Hören Sie! Hören Sie?“
Wir näherten uns in diesem Augenblick schon dem Hotel – das Café hatten wir schon vor einiger Zeit verlassen, nachdem der Kellner an unseren Tisch geeilt War.
„Ja, ich hörte eine Damenstimme rufen, aber ich weiß nicht, was. Es klang wie russisch ... Ah, jetzt sehe ich, dort jene Dame scheint es zu sein! Die dort im großen Korbstuhl auf der Freitreppe, die soeben von den vielen Dienern hinausgetragen wurde! Hinter ihr werden Koffer abgeladen ... der Zug muß soeben angekommen sein.“
„Aber weshalb ruft sie mich? Was will sie von mir? Da schreit sie schon wieder! Sehen Sie doch, wahrhaftig, sie winkt uns zu sich.“
„Das sehe ich, daß sie winkt ... was mag sie wollen?“ fragte Mister Astley.
„Alexei Iwanowitsch! Alexei Iwanowitsch! Ach Gott, was das doch für ein Tölpel ist!“ tönte es ganz verzweifelt von der Hoteltreppe.
Wir eilten fast im Laufschritt auf sie zu, ich nahm die paar Stufen und – meine Kniee wurden schwach vor Schreck und die Fußsohlen waren wie festgelötet am Stein.
IX.
Auf dem oberen Absatz der großen Freitreppe des Hotels, umgeben von Dienern, Zofen und dem zahlreichen Troß des Hotelpersonals, sogar einschließlich des Hotelverwalters, der es offenbar noch mit seiner Würde vereinigen zu können glaubte, einem so geräuschvoll und originell, mit eigener Bedienung und einem ganzen Heer von Koffern eintreffenden Gast bis zum Portal entgegen zu gehen, thronte auf einem bequemen Krankenstuhl – die Großtante!
Ja, das war sie, das war sie selbst, die gefürchtete, angsteinflößende, reiche fünfundsiebzigjährige Antonida Wassiljewna Tarassewitschewa, die Gutsbesitzerin und unverfälschte Moskowiterin, die Großtante, die schon im Sterben lag und doch nicht starb, die Dame, deretwegen so viele Depeschen empfangen und aufgegeben wurden und die nun plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel in höchsteigener Person bei uns erschien. Zweimal hatte ich, seit ich Hauslehrer im Hause des Generals war, bereits die Ehre gehabt, sie zu sehen, und genau so sah ich sie jetzt wieder: in strammer Haltung im Krankenstuhl sitzend, in dem sie schon seit fünf Jahren saß, da sie sich nicht mehr des Gebrauchs ihrer Füße erfreute, doch ungeachtet dessen nach wie vor mutig bis zur Verwegenheit, schlagfertig, rechthaberisch und selbstzufrieden. Nicht einmal ihre Stimme hatte an Kraft eingebüßt und auch ihre Redeweise schien sich nicht im geringsten verändert zu haben. Natürlich stand ich im ersten Augenblick wie vom Schlage gerührt vor ihr. Sie hatte mich mit ihren Luchsaugen schon auf hundert Schritte erkannt, als man sie in ihrem Stuhl die Treppe hinauftrug, hatte mich erkannt und sogleich zu sich zu rufen begonnen, und das sogar bei meinem Ruf- und Vatersnamen, die sie sich ihrer alten Gewohnheit gemäß ein für allemal gemerkt hatte.
„Und solch eine glaubte man schon beerdigen zu können, zu beerdigen und zu beerben!“ fuhr es mir durch den Sinn.
„Sie wird noch uns alle und das ganze Hotel überleben! Aber Herr des Himmels, was wird jetzt aus den Unsrigen werden, aus dem General! Sie wird doch das ganze Hotel auf den Kopf stellen!“
„Na, Väterchen, was stehst du denn so vor mir da und starrst mich an!“ fuhr die rüstige alte Dame in ihrer lauten brüsken Weise fort. „Hast du vergessen, wie man eine Verbeugung macht? Verstehst du nicht mehr, guten Tag zu sagen, oder was fehlt dir sonst? Oder bist du stolz geworden und willst nicht? Oder hast du mich etwa nicht erkannt? Potapytsch,“ wandte sie sich an ihren alten Diener, der im Frack und weißer Binde hinter ihrem Korbstuhl stand, und dessen rosige Glatze ein Kranz ehrwürdig grauer Haare umgab, „Potapytsch, hast du gehört, er erkennt mich nicht! Da haben wir’s! Also schon beerdigt! Ich sag’s ja: Depesche auf Depesche mußte abgesandt werden, da man doch nicht früh genug erfahren konnte, ob sie denn nun endlich gestorben sei oder noch immer nicht. Ich weiß ja doch alles! Nun, ich aber bin inzwischen noch ganz fix und munter, wie du siehst.“
„Aber ich bitte Sie, Antonida Wassiljewna, wie sollte ich darauf kommen, Ihnen Schlechtes zu wünschen?“ versetzte ich, mich nach dem im ersten Augenblick lähmenden Schreck besinnend, lebhaft und mit wiedergefundenem Humor. „Ich war nur zu überrascht ... Und meine Verwunderung war, denke ich, ganz erklärlich, da Sie so unerwarteterweise ...“
„Weshalb denn Verwunderung? Ich habe mich einfach ins Coupé gesetzt und bin hergereist. Mit der Eisenbahn ist das Reisen sehr schön, da gibt’s weder Püffe noch Stöße. Du gingst gerade spazieren, nicht wahr?“
„Ja, ich wollte zum Kurhaus gehen.“
„Es gefällt mir hier,“ bemerkte sie, sich wohlgefällig umschauend, „vor allen Dingen ist es warm und die Bäume sind schön. Das lieb ich! Nun, wo sind die Unsrigen? – Der General? – Zu Hause?“
„O! Versteht sich, um diese Zeit sind gewiß alle zu Hause.“
„Also auch hier haben sie ihre Stunden eingeführt und alle ihre übrigen Zeremonien? Natürlich, sie müssen doch tonangebend sein. Auch eine Equipage halten sie sich, wie ich hörte, ^les seigneurs russes^! Haben sie ihr Geld verzettelt, dann gehen sie wieder ins Ausland. Und Praskowja[3] ist auch hier?“
„Ja, auch Polina Alexandrowna ist hier.“
„Und auch der Franzusischka? Nun, ich werde sie ja selber alle sehen. Jetzt sei mal so gut, Alexei Iwanowitsch, und zeig uns den Weg zu ihnen. Und wie geht es denn dir hier?“
„Es geht, Antonida Wassiljewna.“
„Du, Potapytsch, sag’ mal diesem Dummkopf, dem Kellner da, daß er mir ein bequemes Appartement verschafft, ein gutes und nicht hoch; und dorthin laß auch sogleich das Gepäck bringen, hörst du? Aber warum drängen sich denn alle zum Tragen? Was drängen sie sich vor? Weg da! Solche Dienerseelen! Wer ist das, dieser dein Bekannter dort?“ wandte sie sich wieder an mich.
„Das ist Mister Astley,“ antwortete ich.
„Was ist das für ein Mister Astley?“
„Ein Bekannter von mir, der sich vorübergehend hier aufhält. Er ist auch dem General bekannt.“
„Ein Engländer also? Deshalb: er sieht mich an, ohne den Mund aufzutun. Übrigens habe ich Engländer sehr gern. Nun ... jetzt schleppt mich mal hinauf, direkt zu ihnen. Wo wohnen sie denn dort?“
Der Stuhl wurde aufgehoben und wir begaben uns hinauf. Unser Emporstieg war jedenfalls sehr effektvoll. Alle, die uns erblickten, blieben stehen und sahen uns mit großen Augen nach. Unser Hotel gilt für das beste, teuerste und vornehmste am Ort. Auf der Treppe und in den Korridoren begegnet man zu jeder Zeit eleganten Damen und selbstbewußten, selbstzufriedenen Engländern. Viele erkundigten sich unten beim Portier nach der fremden Dame, und der berichtete natürlich, daß es eine Ausländerin sei, ^une russe^, ^une comtesse^, ^grande dame^, und daß sie dasselbe Appartement bewohnen werde, das vor einer Woche ^la grande-duchesse de N.^ inne gehabt. Doch die Hauptursache des großen Eindrucks, den sie auf alle machte, lag sicherlich in ihrer äußeren Erscheinung, die wohl in jeder Beziehung die Gewohnheit, zu herrschen und zu befehlen, verriet. Jede neue Person, der wir begegneten, betrachtete sie sogleich mit großem Interesse und erkundigte sich bei mir ganz ungeniert und laut nach allem, was ein Hotelgast unter Umständen vom anderen wissen kann. Und ebenso interessiert wurde sie von den Hotelgästen betrachtet. Obschon man sie nur sitzend sah, konnte doch ein jeder auf den ersten Blick erraten, daß man eine Dame von hohem Wuchs vor sich hatte. Sie saß sehr gerade und lehnte sich nie an die Rückenlehne des Stuhles. Ihren großen Kopf mit dem grauen Haar und den großen, scharfen Gesichtszügen hielt sie ebenso aufrecht wie ihren Körper; ihr Blick hatte geradezu etwas Herausforderndes und Hochmütiges an sich; doch sah man es ihr sogleich an, daß alles an ihr, sowohl ihr Blick wie ihre Bewegungen, vollkommen natürlich waren. Trotz der fünfundsiebzig Jahre sah ihr Gesicht noch ziemlich frisch aus und nicht einmal ihre Zähne hatten viel gelitten. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid und ein weißes Häubchen auf dem grauen Haar, wie sie alte Damen zu tragen pflegen.
„Sie interessiert mich ungeheuer!“ sagte mir leise Mister Astley, der neben mir die Treppe hinaufstieg.
„Von den Depeschen scheint sie alles zu wissen,“ überlegte ich, „de Grillet ist ihr gleichfalls bekannt, bloß Mademoiselle Blanche kennt sie noch nicht und sie dürfte auch wohl kaum etwas von ihr gehört haben.“
Ich teilte flüsternd meine Befürchtungen Mister Astley mit.
Ein Sünder ist der Mensch! Kaum hatte sich mein erster Schreck gelegt, da freute ich mich schon wie ein Schulbub über den Keulenschlag, den unsere Erscheinung dem General versetzen würde. Ich fühlte mich ganz unwiderstehlich versucht, den Schreck noch zu vergrößern, und ich schritt in gehobener Stimmung voran.
Ich ließ uns weder anmelden, noch klopfte ich an die Tür. Ich stieß die Tür einfach weit auf und die Großtante ward wie im Triumph hineingetragen. Sie waren alle, wie gerufen, im Kabinett des Generals versammelt. Es hatte gerade zwölf geschlagen und ich glaube, man projektierte einen Ausflug – die einen sollten in der Equipage fahren, die anderen reiten – und ein paar Bekannte, die sich am Ausflug beteiligen wollten, waren gleichfalls zugegen. Außer dem General, Polina, den Kindern und der Kinderfrau befanden sich im Kabinett de Grillet, Mademoiselle Blanche im Reitkleide, ^madame veuve de Cominges^, der kleine Fürst und ein deutscher Gelehrter, den ich zum erstenmal sah.
Der Stuhl mit der Großtante wurde von den Trägern, die sie die zwei Treppen hinaufgetragen hatten, mitten im Zimmer niedergesetzt, keine drei Schritte vor dem General. Gott, nie im Leben werde ich sein Gesicht in dem Augenblick vergessen! Vor unserem Eintritt hatte er irgend etwas erzählt und de Grillet schien gerade eine Bemerkung gemacht zu haben. Ich muß hier noch anfügen, daß de Grillet und Mademoiselle Blanche sich schon seit zwei oder drei Tagen bei dem kleinen Fürsten einzuschmeicheln suchten – ^à la barbe du pauvre général^, versteht sich. Die ganze Gesellschaft war, wenigstens äußerlich, bei bester Stimmung: heiter, gemütlich und zum Scherzen aufgelegt. Als der General die Großtante erblickte, sperrte er tonlos den Mund auf, während ihm das halbe Wort in der Kehle stecken blieb. Er starrte sie mit fast hervorquellenden Augen an, regungslos, wie durch ein Zauberwort gelähmt. Und ebenso regungslos und stumm sah ihn die alte Dame an, doch was war das für ein triumphierender, herausfordernder spöttischer Blick! Und so sahen sie sich wohl geschlagene zehn Sekunden lang an – beim tiefsten Grabesschweigen aller übrigen. De Grillet war zunächst einfach baff, doch bald drückte sich Unruhe und Besorgnis in seinem Gesicht aus. Mademoiselle Blanche zog die Augenbrauen in die Höhe, vergaß, den Mund zu schließen und musterte die Unbekannte mit gierigem Blick, während der Fürst und der Deutsche höchst verwundert dem Ganzen zusahen. Im Blick Polinas drückte sich zuerst nichts als grenzenloses Erstaunen aus und absolute Verständnislosigkeit, plötzlich aber erbleichte sie unheimlich; doch im nächsten Augenblick stieg ihr das Blut heiß ins Gesicht.
Ja, das war für sie alle eine Katastrophe!
Ich sah von der alten Dame auf die anderen und von diesen wieder zurück auf sie.