Part 6
Er trat liebenswürdig ein, sah sich flüchtig ringsum und sagte mir etwas Angenehmes über mein Zimmer. Als er bemerkte, daß ich meinen Hut in der Hand hielt, erkundigte er sich, ob ich denn schon so früh einen Spaziergang zu machen gedenke. Doch als er hörte, daß ich in einer gewissen Angelegenheit Mister Astley aufsuchen wollte, wurde er nachdenklich und überlegte, wie es schien, denn sein Gesicht nahm einen überaus besorgten Ausdruck an.
De Grillet ist wie alle Franzosen aufgeräumt und liebenswürdig, wenn ihm das nötig und vorteilhaft erscheint, und unerträglich langweilig, wenn die Notwendigkeit, heiter und liebenswürdig zu sein, nicht mehr vorhanden ist. Ein Franzose ist selten natürlich liebenswürdig; er ist es immer gewissermaßen auf Befehl, auf eigenen Befehl, das heißt aus Berechnung. Hält er es zum Beispiel für notwendig, phantastisch, oder sonstwie nicht ganz alltäglich zu sein, so zeigt sich seine Phantasie in der Regel unglaublich dumm und unnatürlich und bedient sich ausschließlich bereits benutzter, einmal angenommener und durch ihre Abgedroschenheit längst schon gemein gewordener Formen. Ein natürlicher Franzose besteht aus spießbürgerlichstem, kleinlichstem, alltäglichstem und positivstem Materialismus, – ist mit einem Wort das langweiligste Geschöpf der Welt. Meiner Meinung nach können überhaupt nur naive Neulinge und namentlich unsere russischen jungen Damen an Franzosen Gefallen finden, wie dies ja auch tatsächlich der Fall ist. Jeder etwas denkfähigere Mensch dagegen durchschaut doch sofort dieses – ich möchte sagen Beamtentum der Franzosen innerhalb der einmal angenommenen Formen ihrer Salonliebenswürdigkeit, und ebenso in ihrer Unterhaltung und maßvollen Heiterkeit.
„Ich komme zu Ihnen in der bewußten Angelegenheit,“ begann er möglichst ungezwungen, obschon übrigens noch höflich, „und zwar, was ich durchaus nicht verbergen will, als Abgesandter des Generals, oder richtiger, als Vermittler. Ich habe gestern fast nichts von Ihrem Gespräch mit dem General verstanden, da ich die russische Sprache nur sehr schlecht beherrsche, doch der General hat mir heute alles ausführlich erklärt, und ich gestehe ...“
„Erlauben Sie, Monsieur de Grillet,“ unterbrach ich ihn, „Sie sagen, daß Sie den Vermittler spielen wollen. Nun gut. Ich bin natürlich ‚^un outchitel^‘ und habe in dieser Stellung nie auf die Ehre Anspruch erhoben, ein nahestehender Freund dieser Familie zu sein oder sonstwie in einem intimen Verhältnis zu ihr zu stehen, und deshalb sind mir auch selbstverständlich nicht ihre augenblicklichen Verhältnisse so genau bekannt. Gestatten Sie deshalb die Frage: zählen Sie sich jetzt bereits ganz zur Familie, – oder? Ich frage nur, weil Sie an allem so lebhaften Anteil nehmen und sofort den Vermittler zu spielen suchen ...“
Meine Frage schien ihm sehr zu mißfallen. Sie war für ihn gar zu durchsichtig und er – er wollte eben nichts verraten.
„Mich verbinden mit dem General zum Teil geschäftliche Interessen, zum Teil noch gewisse andere Umstände,“ sagte er trocken. „Der General hat mich zu Ihnen geschickt, um Sie zu bitten, Ihr gestriges Vorhaben aufzugeben. Alles, was Sie da gestern vorbrachten, war natürlich sehr geistreich und scharfsinnig; aber er hat mich gerade gebeten, Sie auf die unbedingte Erfolglosigkeit Ihres geplanten Schrittes aufmerksam zu machen. Ja – der Baron wird Sie gewiß nicht einmal empfangen, und überdies stehen ihm doch alle Mittel zur Verfügung, um Sie unschädlich zu machen, das heißt, nicht weiteren Unannehmlichkeiten durch Sie ausgesetzt zu sein. Das können Sie doch nicht leugnen. Wozu also versuchen, mit dem Kopf die Wand einzurennen? Und der General verspricht Ihnen doch noch, Sie wieder in sein Haus aufzunehmen, sobald es für ihn nur möglich sein wird; bis dahin aber werden Sie ^vos appointements^ ungeschmälert weiterbeziehen. Ich dächte, das ist doch ganz vorteilhaft, ^n’est-ce pas^?“
Ich erwiderte darauf sehr ruhig, daß er sich in einem kleinen Irrtum befinde; daß der Baron mich vielleicht doch nicht so ohne weiteres abweisen lassen, sondern womöglich sogar bis zu Ende anhören werde, worauf ich ihn bat, doch ruhig einzugestehen, daß er deshalb bei mir erschienen sei, um zu erforschen, wie ich in dieser Sache vorzugehen gedenke.
„O Gott, da der General doch mehr oder weniger in die Geschichte verwickelt ist, wäre es ihm selbstverständlich nicht unangenehm, wenn er erführe, auf was er sich gefaßt zu machen hat. Das ist doch nur natürlich.“
Ich begann also zu erklären und er hörte mir zu, – den Kopf ein wenig auf die Seite geneigt und mit einer bewußt unverhohlenen Andeutung von Ironie im Gesichtsausdruck. Überhaupt spielte er den Sich-Herablassenden, während ich mich nach Kräften bemühte, ihn glauben zu machen, daß ich die Sache todernst auffasse. Ich erklärte ihm, daß der Baron, indem er sich mit einer Klage über mich an den General gewandt, als wäre ich ein Dienstbote desselben, mich damit erstens um meine Stellung gebracht und zweitens mich so behandelt habe, als wäre ich nicht imstande, für mich selbst einzustehen, oder als wäre ich ein minderwertiges Subjekt, mit dem sich ein Gentleman nicht persönlich abgeben kann. – „Wie Sie sehen, habe ich Grund, mich beleidigt zu fühlen.“ Nichtsdestoweniger wolle ich die möglichen Einwendungen, wie zum Beispiel den Altersunterschied, die Verschiedenheit unserer sozialen Stellung, usw. usw. – ich konnte kaum noch das Lachen verbeißen, als ich das sagte – gern gelten lassen und deshalb würde ich von einem Duell absehen, d. h. davon, offiziell volle Genugtuung von ihm zu verlangen. Doch wie dem auch sei, jedenfalls aber habe ich das volle Recht, sowohl bei ihm als namentlich bei der Baronin meine Entschuldigungsgründe geltend zu machen, da ich mich in letzter Zeit tatsächlich krank, nervös, reizbar und wie gesagt, zu allem Exzentrischen aufgelegt fühle, usw. usw. Leider aber könne das jetzt nicht mehr von mir aus geschehen, da man infolge des Vorgehens des Barons und seiner Bitte an den General, mich zu verabschieden, ganz sicherlich annehmen würde, ich käme nur deshalb mit meinen Entschuldigungen, um wieder vom General gnädigst aufgenommen zu werden. Aus all dem folge, daß ich jetzt gezwungen sei, den Baron zu ersuchen, sich zuerst bei mir zu entschuldigen – zum Beispiel mir zu sagen, daß er mich durchaus nicht habe beleidigen wollen. Damit würde er mir dann erst die Möglichkeit schaffen, mich frei, aufrichtig und offen bei ihm zu entschuldigen. Mit einem Wort, schloß ich meine Auseinandersetzung, ich werde den Baron nur bitten, mir die Hände loszubinden.
„^Fi donc^, was für eine Empfindlichkeit das ist! Und was für Finessen! Wozu brauchen Sie sich zu entschuldigen? So sagen Sie doch einfach Monsieur ... Monsieur ... daß Sie alles das absichtlich aufbauschen wollen, um den General zu ärgern ... Vielleicht aber haben Sie dabei noch andere Dinge im Auge ... ^mon cher monsieur ... pardon, j’ai oublié votre nom, monsieur Alexis? ... n’est ce pas?^“
„Aber erlauben Sie, ^mon cher marquis^, was geht denn das Sie an?“
„^Mais le général^ ...“
„Aber was hat denn das mit dem General zu tun? Er sprach zwar gestern so etwas von – sich besonders korrekt benehmen müssen und namentlich jetzt ... und er schien sich auch nicht wenig aufzuregen ... nur begreife ich nicht, was ihn dazu veranlaßt haben könnte.“
„Ja, sehen Sie, es gibt da nämlich gewisse Umstände ...“ fuhr de Grillet in einem eigenartigen Tonfall fort – es war, als wolle er mich um etwas bitten oder sich und mich zur Bitte vorbereiten, und gleichzeitig war es, als ärgere er sich – doch ob über sich selbst oder mich war nicht herauszuhören. „Sie kennen doch Mademoiselle de Cominges?“
„Sie meinen Mademoiselle Blanche?“
„Nun ja, Mademoiselle Blanche de Cominges ... ^et madame sa mère^ ... und Sie werden doch zugeben, daß der General ... mit einem Wort, daß der General verliebt ist und sogar ... es ist möglich, daß vielleicht sogar hier die Hochzeit stattfinden wird. Und nun, wie denken Sie sich das, wenn sich jetzt plötzlich ein Skandal an den anderen reiht ...“
„Leider vermag ich keine Anzeichen eines zu erwartenden Skandals zu entdecken, und noch gar eines solchen, der mit seiner Heirat etwas zu tun hätte.“
„^Oh, le baron est si irascible, un caractère prussien, vous savez, enfin ... il fera une querelle d’Allemand!^“
„Aber das geht doch nur mich etwas an, nicht Sie und auch nicht den General, da ich doch nicht mehr zu seinem Hause gehöre ...“ Ich stellte mich mit Absicht schwer von Begriff. „Aber erlauben Sie – dann ist es schon entschieden, daß Mademoiselle Blanche den General heiraten wird? Worauf wartet man denn noch? Ich meine, weshalb wird es denn noch so geheim gehalten, sogar vor uns, die wir doch sozusagen zum Hause gehören?“
„Ich kann Ihnen nicht ... übrigens ist es doch noch nicht so ganz ... einstweilen ... Sie wissen doch, daß aus Rußland jeden Augenblick Nachrichten eintreffen können, und der General muß noch seine Verhältnisse ordnen ...“
„^A, ah! La baboulenka!^“
Ein haßerfüllter Blick des Franzosen streifte mich flüchtig.
„^Eh bien^,“ unterbrach er mich, „ich verlasse mich ganz auf Ihre angeborene Liebenswürdigkeit, auf ihren Verstand und Takt ... Sie werden es natürlich für diese Familie tun, in der Sie wie ein Angehöriger aufgenommen worden sind, die Sie geliebt hat und geachtet ...“
„Lassen Sie das: ich bin weggejagt worden! Sie behaupten da, es handle sich nur um den Schein, aber wie würden Sie sich dazu verhalten, wenn man zu Ihnen sagte: ‚Ich will Dich selbstverständlich nicht an den Ohren ziehen, aber erlaube mir, daß ich Dich an den Ohren ziehe, damit die anderen es sehen ...‘ Das kommt doch auf eins heraus!“
„Wenn es so ist, wenn keine Bitte Sie umzustimmen vermag,“ begann er streng und hochmütig, „so gestatten Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß wir Maßregeln ergreifen werden. Es gibt auch hier eine Obrigkeit, man wird sie noch heute expedieren – ^que diable^! ^Un blanc-bec comme vous^ will eine Persönlichkeit wie den Baron zum Duell herausfordern! Und Sie glauben, daß man Ihnen das so ruhig erlauben wird? Ich versichere Sie, daß sich hier niemand vor Ihnen fürchtet! Wenn ich Sie gebeten habe, so habe ich es mehr von mir aus getan, weil ich den General beunruhigt sah. Und glauben Sie denn wirklich, der Baron werde Sie nicht einfach durch seinen Diener hinauswerfen lassen?“
„Ich werde ja doch nicht selbst zu ihm gehen,“ versetzte ich mit äußerster Ruhe. „Sie irren sich, Monsieur de Grillet, es wird alles weit anständiger vor sich gehen als Sie annehmen. Ich war vor Ihrem Erscheinen gerade im Begriff, mich zu Mister Astley zu begeben, um ihn zu bitten, mein Vermittler und, falls nötig, mein Sekundant zu sein. Ich weiß, daß er mich gern hat und meine Bitte erfüllen wird. Er wird zum Baron gehen und zweifellos empfangen werden. Wenn ich als Hauslehrer dem deutschen Freiherrn zu subaltern erscheinen sollte, so ist Mister Astley der Neffe eines Lords – eines wirklichen Lords, nicht zu vergessen – wie hier ein jeder weiß ... dieser Lord Peabroke hält sich sogar gegenwärtig hier auf. Sie können mir also aufs Wort glauben, wenn ich Ihnen versichere, daß ^monsieur le baron^ sich dem Engländer von einer höflicheren Seite zeigen und ihn anhören wird. Sollte er das jedoch nicht tun wollen, so wird Mister Astley diese Weigerung als persönliche Beleidigung auffassen – Sie wissen doch, wie hartnäckig Engländer sind – und von sich aus einen Sekundanten zum Freiherrn senden, und wie Sie wissen, sind seine Freunde nicht zu verachtende Leute ... Wie Sie sehen, kann es unter Umständen auch anders auskommen als Sie voraussetzen.“
Dem Franzosen wurde bange. Es klang freilich so ziemlich glaubhaft, was ich sagte, und jedenfalls sah er ein, daß ich „unter Umständen“ tatsächlich die Möglichkeit hatte, einen „Skandal“ heraufzubeschwören.
„Aber ich bitte Sie doch aufrichtig, von diesem tollen Vorhaben abzulassen!“ suchte er mich förmlich zu beschwören. „Es ist wirklich, als bereite es Ihnen ein Vergnügen, diese Unannehmlichkeiten zu verursachen! Sie wollen nicht Genugtuung, sondern Aufsehen! Wie ich Ihnen sagte, will ich Ihnen gern glauben, daß alles sehr interessant und geistreich sein wird – worauf Sie es vielleicht einzig abgesehen haben – doch ... mit einem Wort,“ beeilte er sich, zu schließen, da ich nach meinem Hut griff, „ich ... ich habe Ihnen noch diesen Brief hier von einer Dame zu übergeben. Lesen Sie ihn, ich muß Ihre Antwort übermitteln.“
Damit reichte er mir ein kleines, schmales Briefchen, das mit einer Oblate geschlossen war.
Es war Polinas Handschrift.
Sie schrieb:
„Sie beabsichtigen, wie es scheint, diese Geschichte nicht ruhen zu lassen. Sie haben sich geärgert und wollen sich durch neue Streiche rächen. Es gibt aber hier besondere Umstände, die ich Ihnen später vielleicht erklären werde; vorläufig bitte ich Sie, aufzuhören und sich zu beruhigen. Was sind das doch für Dummheiten! Ich habe Sie nötig und Sie haben mir versprochen, mir zu gehorchen. Denken Sie an den Schlangenberg. Ich bitte Sie, gehorchen Sie mir, oder falls nötig, befehle ich es Ihnen.
Ihre P.
P. S. Wenn Sie mir wegen gestern böse sind, so verzeihen Sie, bitte.“
Es war mir, als drehe sich alles vor meinen Augen, als ich diese Zeilen gelesen hatte. Sogar meine Lippen wurden bleich und ich begann zu zittern. Der verwünschte Franzose trug eine Miene zur Schau, die diskrete Bescheidenheit vortäuschen sollte, und sah absichtlich zur Seite, als wolle er meine Verwirrung nicht sehen. Hätte er doch laut über mich gelacht! – wahrlich, das wäre mir angenehmer gewesen.
„Gut,“ sagte ich, „teilen Sie Mademoiselle Polina mit, daß sie sich beruhigen könne. Erlauben Sie jedoch die Frage,“ fuhr ich fort, und zwar in sehr scharfem Ton, „weshalb Sie mir diesen Brief erst jetzt übergeben haben? Anstatt diesen ganzen Unsinn zu schwatzen, hätten Sie sich sogleich Ihres Auftrages entledigen sollen ... wenn dieses der ganze Auftrag war, mit dem man Sie zu mir geschickt hat.“
„O, ich wollte ... es ist das überhaupt alles so sonderbar, daß Sie meine begreifliche Ungeduld entschuldigen werden. Ich wollte von Ihnen persönlich Ihre Absichten erfahren. Überdies ist mir der Inhalt des Briefes ganz unbekannt und ich dachte, daß ich immer noch frühzeitig genug zum Übergeben käme.“
„Ich verstehe, man hat Ihnen einfach befohlen, mir den Brief nur im äußersten Fall einzuhändigen, falls Sie aber selbst durch Ihre Beredungskunst zum Ziele gelangen sollten, dann eben – überhaupt nicht. So verhält es sich doch? Sagen Sie es offen, Monsieur de Grillet!“
„^Peut-être^,“ sagte er. Seine Miene drückte eine ganz besondere Zurückhaltung aus und er sah mich dabei mit einem seltsamen Blick an.
Ich nahm meinen Hut vom Tisch. Er nickte nur mit dem Kopf und verließ mein Zimmer. Wie mir schien, zuckte ein spöttisches Lächeln um seine Lippen. Wie hätte es auch anders sein sollen!
„Wart’ mal, wir werden noch miteinander abrechnen, Franzose!“ murmelte ich vor mich hin, als ich die Treppe hinabstieg.
Ich versuchte zu kombinieren; konnte es aber nicht; mein Kopf war wie von einem Keulenschlage betäubt. Die frische Luft tat mir gut.
Da tauchten plötzlich zwei Gedanken in mir auf, beide von erstaunlicher Klarheit und Schärfe. Der erste war: wie diese doch sicherlich nicht glaubhaften Drohungen eines machtlosen „^blanc-bec^“, die er in der Erregung nur so hingeworfen hatte, eine so allgemeine Aufregung hervorrufen konnten! Und der zweite Gedanke: wie groß muß nach diesem Brief zu urteilen doch der Einfluß de Grillets auf Polina sein! Es hat nur eines Wortes von ihm bedurft, und sie tut alles, was er will, ja sie schreibt sogar einen Brief an mich, und _bittet mich sogar um Verzeihung_! Ihr Verhältnis zueinander ist mir zwar von Anfang an ein Rätsel gewesen, seit dem Augenblick, wo ich sie kennen lernte. In diesen letzten Tagen aber habe ich nur zu deutlich gesehen, daß sie ganz entschieden Widerwillen und Verachtung für ihn empfindet, er aber übersieht sie meistens und benimmt sich gegen sie sogar unhöflich. Das habe ich ganz genau beobachtet. Polina macht ja aus ihrer Abneigung kein Geheimnis und so sind ihr auch schon einige recht bemerkenswerte Geständnisse entschlüpft ... Daraus folgt, daß er irgend etwas in der Hand haben muß, wodurch er sie einfach zwingen kann ...
VIII.
Auf der Promenade, wie man das hier nennt, d. h. in der Kastanienallee, begegnete ich meinem Engländer.
„O, o! Ich wollte soeben zu Ihnen, und Sie wohl zu mir?“ waren seine ersten Worte. „So haben Sie sich von den Ihrigen schon getrennt?“
„Sagen Sie mir erst, woher Sie das alles wissen?“ fragte ich verwundert. „Ist es denn schon allen bekannt?“
„O nein, längst nicht allen; das wäre auch ganz überflüssig. Niemand spricht davon.“
„Aber woher wissen Sie es denn?“
„Ich weiß es, das heißt, ich erfuhr es zufällig. Wohin werden Sie jetzt von hier reisen? Ich habe Sie sehr gern, deshalb kam ich zu Ihnen.“
„Sie sind ein prächtiger Mensch, Mister Astley,“ sagte ich erfreut – übrigens frappierte es mich nicht wenig, daß er schon etwas davon wußte: woher, durch wen konnte er es erfahren haben? fragte ich mich beunruhigt. „Aber wissen Sie, ich habe noch keinen Kaffee getrunken, und Sie werden wahrscheinlich schlechten getrunken haben – – gehen wir also ins Kurhaus! Dort können wir uns im Café gemütlich hinsetzen, eine Zigarette rauchen und dann erzähle ich Ihnen alles und ... Sie werden mir gleichfalls erzählen ...“
Das Café war keine hundert Schritte entfernt. Wir setzten uns, bestellten Kaffee, ich zündete mir eine russische Zigarette an – Mister Astley rauchte nicht. Er saß, sah mich an und war bereit, zu hören.
„Ich reise nirgends hin, ich bleibe hier,“ begann ich.
„Das wußte ich im voraus, ich war sogar überzeugt, daß Sie hierbleiben würden,“ bemerkte Mister Astley beifällig.
Als ich das Hotel verlassen hatte, um mich zu ihm zu begeben, war es durchaus nicht meine Absicht gewesen, ihm etwas von meiner Liebe zu Polina zu sagen; ja ich wollte sogar absichtlich mit keinem Wort ihrer Erwähnung tun. Hatte ich ihm doch in all diesen Tagen noch mit keiner Silbe von meiner Liebe etwas gesagt. Er war aber auch ein so schüchterner und verschämter Mensch, daß man unwillkürlich seine Gefühle schonen mußte. Schon beim ersten Zusammensein mit ihm in Polinas Gegenwart hatte ich bemerkt, daß sie einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht haben mußte, doch noch niemals hatte ich ihn von ihr sprechen gehört. Aber seltsam, – plötzlich, wie er da so vor mir saß und mich, ohne sich zu rühren, aus seinen tiefblauen Augen mit einem so bleischweren Blick ansah, da – ich weiß nicht wie es kam – empfand ich plötzlich das Verlangen, ihm alles von meiner Liebe zu erzählen, mein ganzes Liebesleid mit all seinen Empfindungen vor ihm zu enthüllen. Und ich sprach wohl über eine halbe Stunde nur von meiner Liebe, und es war ein so wundervolles Gefühl, von meiner Liebe sprechen zu können. Tat ich es doch zum ersten Male so ganz, so rückhaltlos! Als ich aber bemerkte, daß ihm einzelne Offenheiten, zu denen ich mich von meiner Leidenschaft hinreißen ließ, peinlich waren, sprach ich aus Trotz noch rückhaltloser. Nur eines bereue ich: ich habe vielleicht etwas Überflüssiges über den Franzosen gesagt.
Mister Astley saß, während er mir zuhörte, unbeweglich auf seinem Platz, sprach kein Wort, keinen Ton, und sah mir nur unverwandt in die Augen. Als ich aber auf den Franzosen zu sprechen kam, unterbrach er mich plötzlich mit der Frage, ob ich das Recht zu haben glaube, von dieser Nebensache zu reden? Und der Ton der Frage verriet, daß ihm meine Bemerkung mißfallen hatte. Mister Astley hat überhaupt eine sonderbare Art, Fragen zu stellen.
„Sie haben recht: ich fürchte, daß ich dieses Recht nicht habe,“ gab ich zu.
„Sie können doch von diesem Marquis und Miß Polina nichts Positives sagen, außer Vermutungen?“
Ich wunderte mich über diese kategorische Frage von einem so diskreten und schüchternen Menschen wie Mister Astley.
„Nein, Positives nicht,“ sagte ich, „selbstverständlich nicht.“
„Dann war es häßlich von Ihnen, nicht allein, daß Sie mir etwas davon sagten, sondern daß Sie überhaupt etwas Derartiges gedacht haben.“
„Gut, gut! Sie haben recht, ich gebe es selbst zu; aber jetzt handelt es sich nicht darum,“ unterbrach ich ihn, innerlich doch etwas verwundert. Dann erzählte ich ihm alles, was sich gestern zugetragen, angefangen von Polinas Herausforderung – ferner meine Begegnung mit dem Freiherrn, meine Entlassung und wie sehr sich der General aufgeregt hatte – und schilderte darauf ausführlich den heutigen Besuch des Franzosen. Zum Schluß zeigte ich ihm noch Polinas Brief.
„So, und nun sagen Sie mir, bitte, wie Sie die Sache auffassen,“ schloß ich. „Gerade deshalb wollte ich Sie aufsuchen, um Ihre Ansicht zu hören, und vor allem, was Sie daraus für Folgerungen ziehen. Was jedoch mich betrifft, so könnte ich dieses französische Subjekt ohne weiteres totschlagen, und vielleicht tue ich es noch.“
„Das könnte ich gleichfalls,“ sagte Mister Astley. „Was sich aber hier von Miß Polina sagen läßt, ist nur ... Sie wissen doch, daß wir Menschen uns unter Umständen, wenn die Notwendigkeit es verlangt, sogar mit uns verhaßten Leuten abgeben. Es kann sich hier um Ihnen ganz unbekannte Beziehungen handeln, die vielleicht nur von den Verhältnissen anderer abhängen. Ich glaube, daß Sie sich beruhigen können, zum Teil wenigstens. Was aber Miß Polinas gestrige Handlungsweise betrifft, so ist sie natürlich seltsam – nicht, weil sie Sie, um Sie loszuwerden, den Stockschlägen des Barons aussetzte – ich begreife nicht, warum er von seinem Stock nicht Gebrauch gemacht hat, da ihn doch im Augenblick niemand daran hätte verhindern können – sondern weil ein solcher Ausfall nicht ... nicht zu seiner so vortrefflichen Miß paßt, kurz, weil er nicht ladylike ist. Allerdings konnte sie nicht ahnen, daß Sie ihr scherzhaftes Verlangen buchstäblich ausführen würden ...“
„Wissen Sie was!“ rief ich plötzlich aus, ihn scharf beobachtend. „Es scheint mir, daß Sie alles bereits gehört haben, und wissen Sie von wem? – von Miß Polina!“
Mister Astley sah mich erstaunt an.
„Ihre Augen blitzen und ich lese in ihnen einen Verdacht,“ sagte er, seine frühere Ruhe sogleich wiedergewinnend, „Sie haben aber nicht das geringste Recht, Ihren Verdacht zu äußern. Wenigstens kann ich Ihnen ein solches Recht nicht zugestehen und deshalb lehne ich es ab, auf Ihre Frage zu antworten.“
„Nun, gut! Ist auch nicht nötig!“ rief ich seltsam aufgeregt, und ich begriff selbst nicht, wie ich auf diesen Einfall gekommen war! Und wann, wo, wie hätte auch Polina Mister Astley zu ihrem Vertrauten machen können? Übrigens – daran habe ich noch gar nicht gedacht: ich habe ja in letzter Zeit Mister Astley durchaus nicht immer im Auge behalten, Polina aber ist mir doch von Anfang an ein Rätsel gewesen – sogar ein so unlösbares, daß ich mir z. B. während der Erzählung meiner Liebesgeschichte ganz plötzlich dessen bewußt wurde, daß ich fast nichts Feststehendes und Genaues von meinem Verhältnis zu ihr, und umgekehrt, sagen konnte. Im Gegenteil, alles erschien mir so phantastisch, so seltsam, so unbegründet und sogar direkt abscheulich.
„Nun, gut, gut; ich bin etwas aus dem Konzept geraten und kann jetzt nicht erst noch weise überlegen,“ sagte ich mit einer Empfindung, als hetzte man mich. „Ich sehe aber, Sie sind ein guter Mensch. Jetzt von etwas anderem ... Ich möchte Sie nicht um einen Rat, sondern nur um Ihre Meinungsäußerung bitten.“
Ich schwieg – und dann begann ich von neuem.