Sämtliche Werke 21

Part 33

Chapter 333,681 wordsPublic domain

„Ja, er war dumm genug, mich zu seiner Braut zu führen, – Gott! Seine Braut! Wahrlich, nur in einem solchen Menschen konnte der Gedanke entstehen, durch die Unschuld einer Mademoiselle Sachlebinin zu einem ‚neuen Leben aufzuerstehn‘! Doch man kann dir deshalb keinen Vorwurf machen, Pawel Pawlowitsch, jedenfalls nicht dir: du bist eine Mißgeburt, und deshalb muß auch alles an und in dir mißgeboren sein. Deine Selbsttäuschungen wie deine Hoffnungen. Aber trotzdem hat er an ihnen zu zweifeln begonnen – weshalb denn auch die hohe Sanktion Weltschaninoffs, des ehrfurchtsvoll geachteten, notwendig wurde! Es ging nicht ohne Weltschaninoffs Beifall, ohne seine Billigung und seine Bestätigung, daß die Illusion keine Illusion, sondern ein wirkliches Ding war! Er hat mich in ehrfurchtsvoller Hochachtung meiner Person und im festen Glauben an die Anständigkeit meiner Gefühle hingeführt, – vielleicht sogar in dem Glauben, daß wir uns dort hinter einem Busch, in der Nähe der Unschuld, in die Arme sinken und miteinander weinen würden. Ja, und dann mußte sich doch dieser ‚ewige Gatte‘ endlich einmal – es war ja einfach seine Pflicht – mußte sich doch wenigstens irgendeinmal bestrafen für alles, mußte sich definitiv bestrafen, und um sich zu bestrafen, griff er zum Rasiermesser, – freilich ganz unverhofft, und ohne daß er es wollte, aber immerhin griff er danach! ‚Er hat ihm aber doch das Messer in den Leib gestoßen, hat es doch fertig gebracht, sogar in Gegenwart des Gouverneurs!‘ Übrigens – ob er wohl schon damals, als er mir diese Hochzeitsgeschichte erzählte, irgend etwas Derartiges im Sinne gehabt haben sollte? – wenn auch nur in ganz entfernter Gedankenverbindung? Und als er damals in der Nacht ausgestanden war und mitten im Zimmer stand, – sollte er auch da schon? ... Hm! ... Nein, damals stand er nur zum Spaß, _sich zum Spaß_ auf. Nur in der Absicht war er aufgestanden, um – ... als er aber sah, daß mir bange wurde, daß ich _ihn_ zu fürchten begann, da antwortete er mir erst nach ganzen zehn Minuten, so lange ließ er mich warten, denn es war ihm doch gar zu angenehm, daß ich ihn fürchtete ... Damals kann ihm vielleicht wirklich so etwas zum erstenmal in den Sinn gekommen sein – als er hier in der Dunkelheit stand ...“

„Und wenn ich nun gestern nicht dieses Rasiermesser auf dem Tisch vergessen hätte, – wäre wohl nichts geschehen. Oder doch? Oder doch? Ist er mir nicht aus dem Wege gegangen – ganze vierzehn Tage lang? Hat er sich doch sogar vor mir versteckt, – aus _Mitleid_ mit mir! Und zuerst erkor er sich den Bagontoff und nicht mich! Und in der Nacht sprang er auf, um für mich Teller zu wärmen, im Glauben, sich damit abzulenken: vom Messer – durch Rührung! ... Und wollte sich und mich damit retten – mit gewärmten Tellern! ...“

Und noch lange arbeitete das kranke Hirn dieses ehemaligen „Salonmenschen“ weiter, bis er endlich einschlummerte. Am nächsten Morgen aber erwachte er mit demselben krausen Hirn: und zwar mit einem ganz _neuen_ und diesmal ganz unerwarteten Schrecken im Gefühl und in den Gedanken ...

Dieser neue Schrecken war die unerschütterliche Überzeugung, die sich plötzlich in ihm festgesetzt hatte, daß er, Weltschaninoff, der Weltmann, der doch genau wußte, was sich schickt und was sich nicht schickt, aus eigenem freien Antriebe, und zwar heute noch, zu Pawel Pawlowitsch gehen werde – warum? Wozu? – das wußte er selbst nicht und wollte es auch nicht wissen, so ekelhaft war es ihm; er wußte nur, daß er sich aus irgendeinem Grunde „hinschleppen“ werde.

Diese „Verrücktheit“ – anders glaubte er sie nicht benennen zu können – entwickelte sich indessen so, daß sie, soweit das möglich war, den Anschein von Vernunft erhielt und daß er schließlich einen ziemlich triftigen Vorwand fand: er sagte sich, daß er schon die ganze Zeit die Empfindung nicht losgeworden sei, Pawel Pawlowitsch habe sich nach seiner Wohnung begeben, sich in derselben eingeschlossen und dann erhängt, – wie jener Kommissär, von dem ihm Marja Ssyssojewna erzählt hatte. Diese Einbildung war in ihm allmählich, mochte sie auch noch so widersinnig sein, zur festen Überzeugung geworden. „Weshalb sollte sich dieser Dummkopf aufknüpfen?“ unterbrach er sich selbst immer wieder in seinem Gedankengang. Ihm fielen Lisas Worte ein ... „Doch übrigens, ich würde mich an seiner Stelle vielleicht auch aufhängen ...“ fuhr es ihm einmal durch den Sinn.

Es endete damit, daß er, statt ins Restaurant zum Mittagessen zu gehen, sich tatsächlich zu Pawel Pawlowitsch begeben wollte. „Ich werde mich nur bei Marja Ssyssojewna nach ihm erkundigen,“ sagte er sich, als er seine Wohnung verließ. Doch noch war er nicht auf die Straße getreten, als er plötzlich unter dem Torbogen des Hauses stehen blieb.

„Nicht möglich!“ dachte er und wurde vor Scham bis unter die Haarwurzeln rot, „sollte ich wirklich zu ihm trotten, um ihm ‚in die Arme zu sinken und mit ihm zu weinen‘? Sollte wirklich gerade diese sinnlose Gemeinheit zur Vollendung der ganzen Gemeinheit noch fehlen!?“

Doch vor der Ausführung dieser „sinnlosen Gemeinheit“ rettete ihn die Vorsehung selbst, die ganz spezielle aller anständigen und ehrenwerten Menschen. Kaum war er nämlich auf die Straße getreten, als er plötzlich mit Alexandr Loboff zusammenstieß. Der Jüngling mußte in größter Eile gekommen sein und sah erregt aus.

„Ah, da sind Sie ja! Ich wollte zu Ihnen. Na, was sagen Sie zu unserem Freunde Pawel Pawlowitsch? Teufel noch eins!“

„Hat sich erhängt?“ stieß Weltschaninoff atemlos hervor.

„Wer hat sich erhängt? Wo?“ – Loboff riß die Augen auf.

„Nichts ... ich meinte es nur so – fahren Sie fort!“

„Pfui Teufel, was Sie für Gedanken haben! Sie meinten ihn? O nein, ist ihm gar nicht eingefallen – und weshalb sollte er? – im Gegenteil, er ist jetzt glücklich abgereist. Ich komme soeben vom Bahnhof, hab’ ihn in den Waggon gesetzt und fortexpediert. Teufel, wie der Kerl säuft, Sie glauben’s nicht! Wir haben zusammen drei Flaschen getrunken, Champagner! Predpossyloff war auch dabei. Aber wie er säuft, wie er säuft! Zum Schluß stimmte er noch Lieder an, sprach von Ihnen, winkte aus dem Fenster und warf uns Kußhände zu, – ließ Sie grüßen. Aber was meinen Sie, ist er nicht doch ein Schuft, – was?“

Der junge Mann war in der Tat nicht nüchtern: sein gerötetes Gesicht, die blitzenden Augen und die nicht ganz gehorsame Zunge legten davon deutlich Zeugnis ab.

Weltschaninoff lachte schallend auf.

„Haha! Da haben Sie zu guter Letzt doch noch mit Brüderschaft geendet! Sind sich in die Arme gesunken und haben gemeinsam geweint! Ach, ihr Schillerianer!“

„Bitte schimpfen Sie nicht. Wissen Sie, er hat sich _dort_ von allem losgesagt. Gestern erfuhr ich’s schon, heute war ich wieder da. Er hat mörderlich geklatscht. Nadjä ist eingesperrt – sitzt wieder in der Kammer. Natürlich: Tränen, Geschrei, aber wir geben nicht nach! Doch wie er säuft, wie er säuft! Ich sag’ Ihnen, Sie glauben’s nicht! Und wissen Sie, was für einen ^mauvais ton^ er hat, das heißt, nicht ^mauvais ton^, aber – na, wie heißt das doch wieder? ... Und immer sprach er von Ihnen. Aber er ist ja gar nicht mit Ihnen zu vergleichen! Sie sind doch immerhin ein anständiger Mensch und haben wirklich mal zur höheren Gesellschaft gehört – sind nur jetzt gezwungen, sich von ihr zurückzuziehen – aus Armut, oder wie’s da war ... weiß der Teufel, ich wurde nicht klug aus ihm ...“

„Ah, so hat _er_ Ihnen in _diesen_ Ausdrücken von mir erzählt?“

„Er, natürlich, ärgern Sie sich nicht. Mensch sein, ist mehr wert, als die ganze höhere Gesellschaft. Ich sage das, weil man heutzutage in Rußland nicht weiß, wen man achten soll. Sie müssen doch zugeben, daß das eine schlimme Zeitkrankheit ist, wenn man nicht weiß, wen man achten soll, – nicht wahr?“

„Gewiß, gewiß, aber was sagte er _noch_?“

„Er? Ja richtig! ... Ach ja! – weshalb sagte er immer: ‚der fünfzigjährige, _doch_ verarmte Weltschaninoff‘? Weshalb ‚_doch_ verarmte‘ und nicht ‚_und_ verarmte‘? Und er lachte dabei, wiederholte es tausendmal! Im Coupé begann er zu singen und dann weinte er – einfach widerlich; er konnte einem sogar leid tun, – in seiner Betrunkenheit. Ach, ich mag Dummköpfe nicht! Den Bettlern warf er Geld hin, die sollten für die Seelenruhe einer Lisaweta beten – das war wohl seine Frau?“

„Seine Tochter.“

„Was ist mit Ihrer Hand?“

„Ich habe mich geschnitten.“

„Tut nichts, vergeht. Wissen Sie, hol’ ihn der Teufel, gut, daß er fort ist; aber ich wette, daß er dort, wohin er jetzt kommt, sogleich wieder heiraten wird, – hab’ ich nicht recht?“

„Aber Sie wollen doch auch heiraten?“

„Ich? Ja, ich! – ich bitte Sie, das ist doch etwas ganz anderes! Sind Sie sonderbar! Wenn Sie ein Fünfzigjähriger sein sollen, dann ist er bestimmt schon ein Sechzigjähriger! Hier tut Logik not, mein Bester! Aber wissen Sie, früher, das ist schon lange her, da war ich ein Slawophile, in meinen Überzeugungen, meine ich, doch jetzt, jetzt erwarten wir die Morgenröte vom Westen ... Nun, auf Wiedersehen; gut, daß ich Sie hier traf, so brauchte ich nicht hinaufzugehen; fordern Sie mich nicht auf, bitten Sie nicht, habe keine Zeit! ...“

Und er eilte davon.

„Ach, richtig, wie konnt’ ich’s denn vergessen!“ rief er plötzlich, indem er schnell wieder zurückkam, „er hat mich doch mit einem Brief zu Ihnen geschickt! Hier ist der Brief. Weshalb kamen Sie nicht zum Abschied zur Bahn?“

Weltschaninoff kehrte in seine Wohnung zurück und erbrach das Kuvert, das mit seiner Adresse versehen war.

Doch der Brief, der in dem Kuvert lag, war nicht von Pawel Pawlowitsch – der hatte keine Zeile geschrieben, kein Wort. Weltschaninoff erkannte aber die Handschrift sogleich. Es war ein alter Brief, das Papier war vergilbt und die Schrift verblaßt. Der Brief war vor zehn Jahren an ihn nach Petersburg geschrieben, zwei Monate nach seiner Abreise aus T. Doch den Brief hatte er niemals erhalten; statt seiner war damals jener andere Brief gekommen: das ging deutlich aus diesen blassen Zeilen hervor.

In diesem Brief machte Natalja Wassiljewna, indem sie für immer von ihm Abschied nahm – die Abschiedsworte waren dieselben, wie in jenem anderen Brief, den er damals erhalten hatte, und indem sie ihm auch gestand, daß sie bereits einen anderen liebte – kein Geheimnis daraus, daß sie tatsächlich schwanger war, was sie ihm ja schon in T. mitgeteilt hatte. Sie versprach ihm sogar, um ihn zu trösten, daß sie Gelegenheit finden werde, ihm das Kind zu zeigen; jetzt seien es Pflichten, die sie verbänden, schrieb sie, und ihre Freundschaft sei nun durch unzerreißbare Bande gesichert. Kurz, es war wenig Logik in dem Brief. Der Sinn war schließlich der, daß er sie mit seiner Liebe verschonen solle. Dann aber erlaubte sie ihm wieder, sie nach einem Jahr einmal in T. zu besuchen, wenn er den Wunsch haben sollte, das Kind zu sehen. Gott weiß, weshalb sie sich bedacht und nicht diesen, sondern jenen anderen Brief abgesandt haben mochte!?

Weltschaninoff war bleich, während er las. Er stellte sich Pawel Pawlowitsch vor, wie er diesen Brief gefunden und zum erstenmal gelesen hatte! – über der geöffneten Schatulle aus Ebenholz, mit der kunstvollen Einlegearbeit in Perlmutter und Silber ...

„Auch er muß bleich geworden sein, wie ein Toter,“ dachte Weltschaninoff, als er sein Gesicht zufällig im Spiegel sah, „er hat nachher wohl die Augen geschlossen und sie plötzlich wieder geöffnet, in der Hoffnung, daß der Brief sich in gewöhnliches weißes Papier verwandelt haben werde ... Dreimal wenigstens mag er den Versuch wiederholt haben! ...“

XVII. Der ewige Gatte.

Fast ganze zwei Jahre waren seit den von uns geschilderten Ereignissen vergangen. Es war ein wundervoller Sommertag, als Herr Weltschaninoff auf einer unserer neueröffneten Eisenbahnstrecken nach Odessa fuhr. Dort wollte er einen ehemaligen Freund besuchen, und zwar nicht nur, um eine kleine Abwechslung zu haben, sondern gleichzeitig noch aus einem anderen, gleichfalls sehr angenehmen Grunde: durch diesen Freund hoffte er nämlich die Bekanntschaft einer äußerst interessanten Dame zu machen, die näher kennenzulernen schon lange sein Wunsch gewesen war. Ohne auf Einzelheiten einzugehen sei hier nur bemerkt, daß er sich in diesen letzten zwei Jahren stark verändert, oder richtiger, verbessert hatte. Von seiner einstigen Hypochondrie war keine Spur mehr zu bemerken, und von den verschiedenen „Erinnerungen“ und Aufregungen, die ihn vor zwei Jahren in Petersburg heimgesucht hatten – damals, als er infolge der ungünstigen Wendung seines Rechtsstreits ganz nervös geworden war – von all diesen Unannehmlichkeiten war ihm nichts weiter verblieben, als die Empfindung einer gewissen Scham, wenn er seines damaligen „Kleinmuts“ gedachte. Doch auch diese Empfindung wurde zum Teil wieder aufgehoben durch die Überzeugung, daß sich „so etwas“ nie mehr wiederholen werde, und daß von dem „einen Fall“ ja niemand etwas erfahren konnte. Allerdings hatte er sich damals aus dem Gesellschaftsleben ganz zurückgezogen, hatte sogar sein Äußeres vernachlässigt, und war allen aus dem Wege gegangen – was natürlich von _allen_ erst recht bemerkt worden war. Doch hatte er sich so bald mit seinem alten Selbstvertrauen überall wieder eingefunden, daß ihm „_alle_“ seinen kurzen Abfall gern verziehen; und selbst diejenigen, die er bereits zu grüßen aufgehört hatte und von denen er schon beinahe vollständig übersehen worden war, grüßten ihn jetzt zuerst und streckten ihm die Hand entgegen, und zwar ohne alle langweiligen Fragen – ganz als sei er während der Zeit irgendwo fern von Petersburg in Privatangelegenheiten, die niemand angingen, verreist gewesen und erst jetzt wieder zurückgekehrt. Die Ursache dieser günstigen Veränderungen war natürlich sein gewonnener Prozeß. Weltschaninoff hatte im ganzen sechzigtausend Rubel erhalten, fraglos nur eine Kleinigkeit, die aber für ihn im Augenblick doch sehr wertvoll war: vor allem fühlte er jetzt wieder festen Boden unter den Füßen, und das gab ihm dann einen ganz anderen moralischen Halt. Außerdem wußte er nun mit aller Bestimmtheit, daß er dieses letzte Vermögen nicht mehr „wie ein Esel“ verschleudern werde, wie er die ersten beiden verschleudert hatte, daß er vielmehr jetzt bis an sein Lebensende sichergestellt war. „Mag ihr ganzes Gesellschaftsgebäude krachen und mögen sie da reden und schreiben was sie wollen,“ dachte er bisweilen, wenn er all das Wunderliche und Unglaubliche sah und hörte, das rings um ihn und in ganz Rußland zu sehen und zu hören war, „und mögen sich auch alle Menschen und ihre Ansichten verändern, ich werde doch immer dieses feine und schmackhafte Mittagessen haben, zu dem ich mich jetzt an den Tisch gesetzt, folglich aber brauche ich mir um die Zukunft keine Sorgen zu machen, gleichviel, was da kommen wird.“ Dieser Gedanke, zärtlich, wie er ihn hegte, ging ihm allmählich fast in Fleisch und Blut über und verursachte in ihm nicht nur eine moralische, sondern fast sogar auch eine rein physische Umwandlung: er sah ganz anders aus, war gar nicht mehr zu vergleichen mit jenem Hypochonder, der er vor zwei Jahren gewesen und dem bereits so „unanständige“ Widerwärtigkeiten hatten begegnen können. Er war vielmehr heiter und selbstbewußt und imponierte durch seine Überlegenheit. Selbst die bösartigen kleinen Runzeln, die sich bereits um die Augen und auf der Stirn einzunisten begonnen hatten, waren jetzt so gut wie ganz verschwunden, und sogar seine Gesichtsfarbe sah jünger und frischer aus. Zur Stunde saß er sehr bequem in einem Coupé erster Klasse und hatte nichts dagegen einzuwenden, daß in seinem Gehirn ein plötzlich entstandener Gedanke sich immer breiter machte, zumal dieser nicht ohne Reiz war. Auf der nächsten Station bog nämlich eine Zweigbahn nach rechts ab: wenn er nun, so dachte er, die Hauptlinie verlassen und sich auf kurze Zeit nach rechts begeben würde, dann brauchte er nur die Strecke von zwei Stationen zurückzulegen, um von dort aus eine bekannte Dame besuchen zu können, die gerade jetzt aus dem Auslande zurückgekehrt war und sich zurzeit in einer ihm sehr angenehmen, doch sie gewiß sehr langweilenden Provinzeinsamkeit aufhielt: es bot sich ihm also die beste Gelegenheit, daselbst einige Zeit nicht weniger interessant zu verbringen, als in Odessa – und was ihn dort erwartete, lief jedenfalls auch nicht fort. Er war aber doch noch unentschlossen und wußte nicht, wozu er sich nun endgültig entscheiden sollte. Er wartete auf einen „Schicksalswink“ oder etwas Ähnliches. Inzwischen hatte der Zug die betreffende Station erreicht, und der „Schicksalswink“ blieb auch nicht aus.

Der Zug hatte hier nämlich vierzig Minuten Aufenthalt und die Passagiere konnten sich ein Mittagessen bestellen. Am Eingang zum Wartesaale erster und zweiter Klasse drängte sich wie gewöhnlich eine Menge Ungeduldiger, die es eilig hatten, und bei der Gelegenheit kam es – vielleicht gleichfalls „wie gewöhnlich“ – zu einem Skandal. Eine Dame, die aus einem Coupé zweiter Klasse ausgestiegen war und die ein sehr hübsches Gesichtchen hatte – nur war sie für eine Reisende viel zu auffallend gekleidet – schleppte fast mit Gewalt einen noch sehr jungen und hübschen Ulanenoffizier, der sich immer wieder von ihr losreißen wollte, zum Wartesaal. Der junge Offizier war stark betrunken, und die Dame – offenbar eine ältere Verwandte – mochte ihn nur deshalb bei sich behalten wollen, weil sie wohl befürchtete, daß er sonst das Büfett aufsuchen und weitertrinken würde. In der Tür, wo das Gedränge am größten war, stieß der Ulan recht unsanft mit einem Kaufmann zusammen, der gleichfalls einen Rausch hatte. Dieser Kaufmann hielt sich schon den zweiten Tag auf der Station auf, trank, umringt von einem ganzen Anhang, warf das Geld mit vollen Händen fort, und verpaßte immer wieder den Zug, der ihn weiterbringen sollte. Es entstand ein Streit, der Kaufmann schimpfte und der Offizier schrie ihn an, die Dame aber zerrte ihren Schützling ganz verzweifelt fort und suchte ihn zu beschwören, indem sie immer nur flehentlich „Mitinka! Mitinka!“ rief. Das erschien dem braven Kaufmann doch zu skandalös; alles lachte natürlich, er aber fühlte sich durch die, wie ihm schien, so offen verletzte „Moral“ tief gekränkt.

„Seht doch: ‚Mi–tin–ka‘!“ äffte er die hohe Stimme der Dame im Fisteltone nach, „selbst in der Öffentlichkeit schämen sie sich nicht mehr!“

Und er näherte sich schwankend der Dame, die auf den ersten besten Stuhl niedergesunken war und den Ulan neben sich hingesetzt hatte, betrachtete beide verächtlich und schimpfte gedehnt:

„’Ne Schlumpe bist du, ’ne Schlumpe, sieh, wie dein Kleiderschwanz aussieht!“

Die Dame schrie auf und sah sich hilfesuchend nach einem Verteidiger um. Sie schämte sich und fürchtete sich – und zur Vollendung des Jammers sprang noch der Ulan auf und wollte sich brüllend auf den Kaufmann stürzen, stolperte aber über die eigenen Beine, schwankte und fiel auf seinen Platz zurück. Das Gelächter wurde noch lauter, und niemand dachte daran, der bedrängten Dame zu Hilfe zu kommen. Da griff Weltschaninoff als Retter ein: er packte plötzlich den Kaufmann am Kragen, drehte ihn von der Dame fort und stieß ihn so, daß er fünf Schritte weit flog. Damit aber war der Skandal zu Ende. Der Kaufmann war ganz verblüfft, sowohl durch den Stoß wie durch die imponierende Erscheinung Weltschaninoffs, und ließ sich von der Schar seiner Freunde widerspruchslos fortführen. Das Auftreten des elegant gekleideten Herrn flößte auch den Spöttern Achtung ein: das Lachen verstummte. Die Dame begann sogleich, errötend und fast unter Tränen, ihn ihrer Dankbarkeit zu versichern. Der Ulan stotterte: „Da–anke, da–anke!“ und wollte Weltschaninoff bereits die Hand reichen, besann sich jedoch eines Besseren und streckte sich auf den Stühlen aus.

„Aber Mitinka!“ rief die Dame vorwurfsvoll und schlug die Hände zusammen.

Weltschaninoff begann der Vorfall zu amüsieren und die Dame interessierte ihn. Allem Anscheine nach war sie eine reiche Kleinstädterin, die sich für die Reise viel zu auffallend und leider auch geschmacklos gekleidet hatte. Jedenfalls waren ihre Manieren ein wenig lächerlich. Mit einem Wort, sie schien alle die Eigenschaften zu besitzen, die einem großstädtischen Gecken jeden Erfolg garantieren. Es begann eine Unterhaltung: die Dame erzählte sehr viel und beklagte sich über ihren Gatten, der plötzlich aus dem Coupé irgendwohin verschwunden sei. Nur deshalb sei alles passiert: immer verschwände er gerade dann, wenn man ihn nötig habe.

„Irgendwohin ...“ brummte der Ulan.

„Ach, Mitinka!“ rief sie wieder vorwurfsvoll und rang die Hände vor Ratlosigkeit.

„Na, dem Gatten wird’s schlimm gehen!“ dachte Weltschaninoff.

„Ich werde versuchen, ihn ausfindig zu machen. Darf ich fragen, wie Ihr Herr Gemahl heißt?“

„Pal Palytsch,“ versetzte der Ulan.

„Ihr Gemahl heißt Pawel Pawlowitsch?“ fragte Weltschaninoff interessiert, als plötzlich ein ihm wohlbekannter kahler Kopf zwischen ihm und der Dame auftauchte. Einen Moment sah er wieder den Sachlebininschen Garten, die kindlich frohe Mädchenschar vor sich, und dann diesen lästigen kahlen Kopf, der ewig zwischen ihm und Nadjä aufgetaucht war.

„Da sind Sie endlich!“ empfing die Dame ganz empört ihren Gatten.

Es war tatsächlich derselbe Pawel Pawlowitsch, der jetzt vor ihm stand und ihn anstarrte, als sehe er ein Gespenst. Sein Schrecken war so groß, daß er augenscheinlich nichts davon verstand, was seine gekränkte Gattin erregt und empört vorbrachte, ja, vielleicht hörte er sie nicht einmal reden. Endlich fuhr er erschrocken zusammen und erfaßte offenbar im Augenblick die ganze Sachlage: seine Schuld und Mitinkas Schuld und schließlich, daß dieser „Mßjö“ – so hatte die Dame Weltschaninoff bezeichnet – als „Schutzengel und Retter“ seiner Gattin beigestanden hatte, während er, der Sündenbock, ewig nicht zur Stelle war, wenn er zur Stelle sein sollte ...

Weltschaninoff lachte auf – köstlich amüsiert.

„Aber wir sind ja doch Freunde, sogar ‚Jugendfreunde‘!“ unterbrach er lachend den Redefluß der Dame, und faßte Pawel Pawlowitsch, gleichsam ein wenig familiär protegierend, mit seinem rechten Arm um die Schultern, während dieser mit bleichen Lippen lächelte. „Hat er Ihnen nie etwas von Weltschaninoff erzählt?“

„Nein, niemals ...“ sagte die Dame etwas verwundert.

„Aber so stellen Sie mich doch Ihrer Frau Gemahlin vor, Sie ungetreuer Freund!“

„Das ist ... wirklich, Lipotschka, das ist Herr Weltschaninoff, ja ...“ begann Pawel Pawlowitsch, blieb beschämenderweise stecken, und wußte nicht, was er sagen oder tun sollte.

Die Gemahlin wurde feuerrot vor Zorn, da er sie mit „Lipotschka“ anzureden gewagt hatte: der Blick, der den armen Gatten traf, war gewiß nicht zärtlich.

„Und denken Sie sich, nicht einmal seine Verlobungsanzeige hat er mir geschickt, und auch zur Hochzeit hat er mich nicht eingeladen, doch Sie, Olympiada ...“

„Ssemjonowna,“ half ihm Pawel Pawlowitsch.

„Ssemjonowna!“ wiederholte plötzlich wie ein Echo der Ulan, der bereits eingeschlummert zu sein schien.

„Sie müssen es ihm schon verzeihen, Olympiada Ssemjonowna, um dieses freundschaftlichen Wiedersehens willen ... Er ist – ein guter Gatte!“

Und Weltschaninoff klopfte bei diesen Worten Pawel Pawlowitsch freundschaftlich auf die Schulter.

„Herzchen, ich war nur ... nur einen Augenblick ... etwas ... etwas zurückgeblieben,“ begann Pawel Pawlowitsch sich zu rechtfertigen.

„Und haben Ihre Frau einer schändlichen Szene preisgegeben!“ fiel ihm Lipotschka sogleich ins Wort, „wo es nötig ist – da sind Sie nicht da, wo es nicht nötig ist – da sind Sie da ...“

„Wo’s nicht nötig ist – _da_, wo’s nicht nötig ist ... wo’s nicht nötig ist ...“ wiederholte der Ulan.

Lipotschka war fast atemlos vor Ärger und Aufregung, sie wußte es ja selbst, daß es nicht gut war, sich in Weltschaninoffs Gegenwart gehen zu lassen, und sie schämte sich deshalb auch, doch konnte sie sich nicht mehr beherrschen.

„Wo es nicht nötig ist, sind Sie nur _zu_ vorsichtig, nur _zu_ vorsichtig!“ entfuhr es ihr unwillkürlich.