Part 34
„Unterm Bett ... sucht er Liebhaber ... unterm Bett – wo’s nicht nötig ist ... wo’s nicht nötig ist ...“ rief plötzlich auch Mitinka ganz aufgebracht.
Doch mit Mitinka war nichts mehr anzufangen. Übrigens verlief die Sache noch ganz gut. Olympiada Ssemjonowna schickte Pawel Pawlowitsch zum Buffet, damit er ihnen Kaffee und Bouillon besorge, und erzählte dann Weltschaninoff, daß sie aus O. kämen, wo ihr Gatte angestellt sei, und nun zwei Monate auf ihrem Landgute zubringen wollten; das Gut sei von dieser Station nur noch vierzig Werst entfernt und dort hätten sie ein schönes Haus und einen schönen Garten, und es käme auch Besuch hin, und sie hätten auch nette Nachbarn, und wenn er, Alexei Iwanowitsch, ihnen die Freude machen wollte, sie dort in ihrer „Einsamkeit“ zu besuchen, so werde sie ihn wie ihren „Schutzengel und Retter“ empfangen, denn sie könne noch nicht ohne Entsetzen daran denken, was geschehen wäre, wenn nicht er ... usw. usw., mit einem Wort, sie werde ihn aufnehmen wie ihren „Schutzengel“ ...
„Und Retter, und Retter,“ fügte der Ulan eifrig hinzu.
Weltschaninoff dankte höflich und erwiderte, daß er jederzeit gern dazu bereit sein würde, da ihn als den unbeschäftigten Menschen, der er war, nichts binde, und daß ihre Aufforderung ihm sehr schmeichelhaft sei. Darauf begann er eine amüsante Unterhaltung, in der er ihr geschickt zwei oder drei Komplimente sagte. Lipotschka errötete vor Vergnügen, und als Pawel Pawlowitsch zurückkehrte, teilte sie ihm sogleich freudestrahlend mit, daß Alexei Iwanowitsch so liebenswürdig gewesen sei, ihre Aufforderung, sie auf dem Landgute zu besuchen, und einen Monat bei ihnen zu verbringen, anzunehmen und daß er versprochen habe, in einer Woche einzutreffen. Pawel Pawlowitsch lächelte zerstreut und schwieg, weshalb Olympiada Ssemjonowna mit einem Achselzucken zur Decke emporsah, ganz konsterniert über die Unhöflichkeit des Gatten, der kein Wort zu sagen verstand. Endlich trennte man sich: es war nochmals von Dankbarkeit die Rede, wieder fiel das Wort „Schutzengel“ und vor dem „Retter“ wieder in vorwurfsvollem Tone ein „Aber Mitinka“, bis schließlich Pawel Pawlowitsch seine Gattin und den Ulan zum Coupé geleitete. Weltschaninoff zündete sich eine Zigarette an und promenierte auf dem Bahnsteig: er wußte, daß Pawel Pawlowitsch sogleich zu ihm zurückkehren werde, um mit ihm noch bis zum Glockenzeichen zu sprechen. Und so geschah es auch. Pawel Pawlowitsch tauchte alsbald wieder auf, blieb vor ihm stehen und sah ihn mit einer angstvollen Frage im Blick und gewissermaßen in der ganzen Haltung an. Weltschaninoff mußte unwillkürlich lachen, faßte ihn „freundschaftlich“ am Ellenbogen und zog ihn zur nächsten Bank, auf der er sich niederließ und den anderen auch Platz zu nehmen bat. Dann schwieg er, um Pawel Pawlowitsch zu veranlassen, das erste Wort zu sagen.
„Also – werden Sie zu uns kommen?“ begann dieser endlich, indem er ganz offen auf seine Besorgnis zu sprechen kam.
„Wußte ich es doch! Nein, Sie sind noch ganz der alte!“ rief Weltschaninoff lachend. „So sagen Sie mir doch,“ wandte er sich an ihn, indem er ihn wieder auf die Schulter schlug, „haben Sie denn wirklich auch nur einen Augenblick im Ernst glauben können, daß ich wirklich zu Ihnen zu Gast kommen könnte, und das noch dazu auf einen ganzen Monat – hahaha!“
Pawel Pawlowitsch fuhr lebhaft auf.
„So werden Sie – _nicht_ kommen?“ fragte er, ohne seine Freude zu verbergen.
„Nein, beruhigen Sie sich, ich komme nicht!“ lachte Weltschaninoff selbstzufrieden.
Übrigens begriff er nicht, weshalb er lachte, doch je länger sie beisammen waren, um so lachhafter erschien ihm alles.
„Wirklich ... sprechen Sie wirklich im Ernst?“ – Pawel Pawlowitsch sprang von der Bank auf und zitterte ordentlich vor Spannung.
„Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich nicht kommen werde, – Sie sind ein sonderbarer Mensch.“
„Aber was soll ich denn ... wenn es so ist ... was soll ich denn Olympiada Ssemjonowna sagen, wenn Sie nicht kommen und sie Sie vergeblich erwartet?“
„Mein Gott, da ist doch keine Schwierigkeit! Sagen Sie, ich hätte ein Bein gebrochen oder etwas Ähnliches.“
„Sie wird es nicht glauben,“ meinte Pawel Pawlowitsch kleinlaut.
„Nun, dann werden Sie büßen müssen?“ lachte Weltschaninoff immer noch. „Aber wie ich sehe, mein armer Freund, haben Sie ja vor Ihrer schönen Frau Gemahlin förmlich Angst, wie?“
Pawel Pawlowitsch versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht. Daß Weltschaninoff den Besuch ablehnte, das war natürlich gut, doch daß er sich in bezug auf seine Frau so ungeniert ausdrückte, das war natürlich nicht mehr gut. Er fühlte sich etwas gekränkt, was Weltschaninoff nicht entging. Da ertönte das zweite Glockenzeichen, und gleich darauf hörte man aus einem fernen Abteil eine hohe Damenstimme ängstlich Pawel Pawlowitsch rufen. Dieser wurde unruhig, folgte aber doch nicht dem Ruf, da er offenbar noch etwas von Weltschaninoff erwartete – natürlich nur die endgültige Versicherung, daß er sie bestimmt nicht besuchen werde.
„Was für eine Geborene ist Ihre Frau Gemahlin?“ erkundigte sich Weltschaninoff, als bemerke er die Aufregung des anderen gar nicht.
„Sie ist die Tochter unseres Propstes,“ antwortete Pawel Pawlowitsch, der ängstlich nach dem Coupé hinsah und zu horchen schien.
„Ah, verstehe, also nur um der Schönheit willen.“
Diese Bemerkung schien Pawel Pawlowitsch wieder nicht recht zu sein.
„Und wer ist denn dieser Mitinka?“
„Der ist nur so – ein entfernter Verwandter von uns, das heißt, von mir, der Sohn meiner verstorbenen Kusine, Golubtschikoff. Wegen Kassengeschichten ist er degradiert worden, jetzt aber wieder avanciert – wir haben ihm wieder aufgeholfen ... Ein armer, junger Mann ...“
„Na ja, also alles in Ordnung: komplette Einrichtung!“ dachte Weltschaninoff.
„Pawel Pawlowitsch!“ ertönte in diesem Augenblick von neuem der Ruf aus dem Coupé, und zwar bereits recht ärgerlich.
„Pal Palytsch!“ wiederholte eine andere, heisere Stimme.
Pawel Pawlowitsch wurde wieder unruhig und wußte nicht, wo er sich lassen sollte, doch plötzlich faßte ihn Weltschaninoff am Ellenbogen und hielt ihn fest.
„Oder wollen Sie – daß ich sogleich hingehe und Ihrer Frau erzähle, wie Sie mich ermorden wollten?“
„Was fällt Ihnen ein, was ...“ Pawel Pawlowitsch starrte ihn ganz entsetzt an, „um Gottes willen!“
„Pawel Pawlowitsch! Pawel Pawlowitsch!“ hörte man wieder rufen.
„Na, dann gehen Sie nur!“ Weltschaninoff gab mit gutmütigem Lachen seinen Arm frei.
„So werden Sie wirklich nicht kommen?“ flüsterte Pawel Pawlowitsch fast verzweifelt, und er faltete dazu die Hände wie im Gebet.
„Aber ich schwöre Ihnen doch, daß ich nicht kommen werde! Eilen Sie nur, sonst kann’s schlimm werden!“
Und er streckte ihm zum Abschied herzlich und offen die Hand entgegen – und – zuckte gleichzeitig zusammen: Pawel Pawlowitsch nahm sie nicht, ja er zog seine Hand sogar zurück.
Das dritte Glockenzeichen ertönte.
In beiden ging plötzlich etwas Seltsames vor sich: es war, als habe ein Augenblick sie verwandelt. Weltschaninoff, der noch vor einer Minute gelacht hatte, war sehr ernst. Es war ihm, als sei in ihm plötzlich etwas zerrissen. Wütend faßte er Pawel Pawlowitsch wie mit eiserner Hand an der Schulter.
„Wenn ich, _ich_ Ihnen hier diese Hand hinreiche,“ und er hielt ihm seine Hand hin, über die sich quer eine breite Narbe hinzog, „so könnten Sie sie wohl nehmen!“ sagte er heiser mit zitternden, bleichen Lippen.
Pawel Pawlowitsch war gleichfalls erbleicht und auch seine Lippen begannen zu zittern. In seinem Gesicht zuckte es eigentümlich.
„Aber Lisa?“ stieß er plötzlich kurz flüsternd hervor und seine Lippen zuckten und die Wangen und das Kinn begannen zu zittern, und plötzlich stürzten ihm Tränen aus den Augen.
Weltschaninoff stand vor ihm und rührte sich nicht.
„Pawel Pawlowitsch! Pawel Pawlowitsch!“ wurde aus dem Coupé geschrien, als werde dort jemand ermordet, – ein Pfiff von der Lokomotive, ein Stoßen ...
Pawel Pawlowitsch kam plötzlich zu sich, als wache er auf, sah sich erschrocken um und eilte dann Hals über Kopf zu seinem Coupé; der Zug hatte sich bereits in Bewegung gesetzt, doch es gelang ihm noch, im letzten Augenblick auf das Trittbrett zu springen und sich festzuhalten. Weltschaninoff blieb auf der Station zurück und fuhr erst mit dem Abendzuge auf derselben Strecke weiter. Die Fahrt nach rechts, zu seiner Bekannten, unterließ er – er war gar zu wenig in der Stimmung dazu. Nachher hat er’s dann freilich doch sehr bereut!
Fußnoten
[1] Lehrer. E. K. R.
[2] Großmütterchen. E. K. R.
[3] Der alten Dame sagt der Name Polina (Pauline), wohl weil er fremden Ursprungs ist, nicht sonderlich zu, weshalb sie einfach den echt russischen Namen Praskówja (eigentlich Paraskéwa) gebraucht. E. K. R.
[4] Großmutter, übliche Anrede für alte nahestehende Frauen.
[5] Die Ärzte in Rußland waren zu der Zeit größtenteils Deutsche. E. K. R.
[6] Strolch. E. K. R.
[7] Gónor (polnisch) im Russischen ironische Bezeichnung für übertriebenes polnisches „Ehrgefühl“. E. K. R.
[8] Landhaus in einem Villenort, gewöhnlich eine Villa in der Nähe der Stadt für den Sommeraufenthalt, auch kleines Landgut. E. K. R.
[9] Ehrenbegleiter des Brautpaares, von denen der eine über dem Bräutigam, der andere über der Braut während der Trauung die goldene Krone hält. E. K. R.
[10] Abkürzung von Nadeschda. E. K. R.
[11] Michail Iwanowitsch Glinka, 1804-1857, Schöpfer einer national-russischen Musik. E. K. R.
[12] Ein von Dostojewski geprägtes Wort: Der Mensch aus dem dunkelsten Winkel der Großstadt, der in den Keller seiner Selbsterkenntnis gestiegen ist. E. K. R.
[13] Ssaschenka – Diminutiv von Ssascha, der Koseform von Alexandr. E. K. R.
[14] M. J. Saltykoff, 1826-1889 (Pseud. N. Schtschedrin), russischer Satiriker, schrieb „Des Lebens Kleinigkeiten“. E. K. R.
Anmerkungen zur Transkription.
Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert nach:
F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. Zweite Abteilung: Einundzwanzigster Band R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1910.
Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt.
Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Buches verschoben.
Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.
Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen und Begriffe wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):
Alexandr (Alexander) Nadjä (Nadja) Pogorjelzeff (Poporjelzeff, Porgojelzeff)
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme späterer Ausgaben, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 61]: ... ich unser Gespräch hier wirklich Wort für Wort widergegeben ... ... ich unser Gespräch hier wirklich Wort für Wort wiedergegeben ...
[S. 63]: ... eine solche Macht über mich sich selbst zuzustehen geruhte. ... ... eine solche Macht über mich sich selbst zuzugestehen geruhte. ...
[S. 183]: ... von Paul de Cock zum Lesen – und noch dazu ... ... von Paul de Kock zum Lesen – und noch dazu ...
[S. 208]: ... nun zusammen mit dem früheren zweihundert Friedrichsdor. ... ... nun zusammen mit den früheren zweihundert Friedrichsdor. ...
[S. 336]: ... Ende finden: zwischendurch tönte atemloses Schnucken ... ... Ende finden: zwischendurch tönte atemloses Schluchzen ...
[S. 531]: ... nicht ganz gehorsame Zunge legte davon deutlich Zeugnis ... ... nicht ganz gehorsame Zunge legten davon deutlich Zeugnis ...