Sämtliche Werke 21

Part 32

Chapter 323,494 wordsPublic domain

Zweifellos schlief Weltschaninoff wirklich ein, und sogar sehr bald, nachdem die Kerze ausgelöscht war – dessen entsann er sich später noch ganz genau. Doch während der ganzen Zeit seines Schlafens – bis zu dem Augenblick, in dem er plötzlich erwachte – hatte er im Traum die Empfindung, daß er nicht schlafe und auch trotz seiner Erschöpfung und seines Verlangens nach Schlaf nicht einschlafen könne. Schließlich glaubte er – natürlich im Traum –, daß er in wachem Zustande zu phantasieren beginne und die vor ihm auftauchenden, sich um ihn drängenden visionären Erscheinungen, ungeachtet des klaren vollen Bewußtseins, daß es Fiebergebilde waren und nichts Wirkliches, nicht zu bannen vermochte. Es war ihm alles bekannt, was er sah: das Zimmer war, so schien es ihm, wieder voll von Menschen und die Tür zum Treppenflur stand offen. Und immer noch Menschen kamen in Scharen ins Zimmer und drängten sich auf der Treppe. Und am Tisch, der in die Mitte des Zimmers gerückt war, saß wieder ein Mensch – ganz wie damals, im Traum, vor einem Monat. Und ganz wie damals hatte der Mensch auch jetzt einen Arm auf den Tisch gestützt und wollte nicht sprechen; doch hatte er diesmal einen runden Hut auf und um den Hutrand einen Streifen Trauerflor. „Was? Sollte es wirklich auch damals Pawel Pawlowitsch gewesen sein?“ dachte Weltschaninoff, doch als er dem schweigenden Menschen ins Gesicht sah, überzeugte er sich, daß es ein ganz anderer war. „Weshalb trägt er den Trauerflor?“ fragte sich Weltschaninoff verwundert. Der Lärm und das Geschrei der Menschen, die sich um den Tisch drängten, war fürchterlich: sie schienen alle noch viel aufgebrachter über ihn zu sein, als damals, in jenem Traum; sie drohten ihm mit den Fäusten und schrien ihm empört etwas zu, doch konnte er trotz aller Anstrengung nicht verstehen, was es war, das sie ihm da zuschrien. „Aber das ist ja nur eine Vision, ich fiebere ja, ich phantasiere, – ich weiß es doch selbst!“ dachte er, „ich weiß doch, daß ich nicht einschlafen konnte und jetzt ausgestanden bin, weil ich vor Schmerz das Liegen nicht aushielt! ...“ Aber das Geschrei und die Menschen und ihre Bewegungen und alles andere – es war so deutlich, so wirklich, daß er doch wieder an ihrer Unwirklichkeit zu zweifeln begann: „Sollte das wirklich nur eine Fiebervision sein? Was wollen diese Menschen von mir, mein Gott? Aber ... wenn das Wirklichkeit wäre, wie wäre es dann möglich, daß dieses Geschrei nicht Pawel Pawlowitsch endlich aus dem Schlaf weckte? daß er davon noch immer nicht erwacht ist? Und er schläft doch noch, schläft doch dort auf dem Diwan!“ Da geschah plötzlich wieder etwas, ganz wie damals im Traum: alle wandten sich zur Tür und wollten zur Treppe, und es kam zu einem furchtbaren Gedränge in der Tür, denn von draußen begann sich ein neuer Haufe ins Zimmer zu schieben. Und die, die hinter ihnen kamen, trugen etwas, etwas Großes und Schweres: man hörte, wie die Schritte der Träger unter der getragenen Last schwer und ungleichmäßig auf den Treppenstufen dumpf aufpolterten und wie sie sich unter dem Druck der Last mit atemlosen Stimmen erregt Anweisungen zuriefen. Im Zimmer aber begannen alle zu rufen: „Sie bringen, sie bringen!“ und aller Augen funkelten und richteten sich auf ihn, Weltschaninoff, und alle wiesen sie drohend und triumphierend nach der Tür. Er zweifelte jetzt nicht mehr im geringsten daran, daß alles Wirklichkeit und nicht etwa eine Vision war, wie er zuerst geglaubt hatte, und erhob sich auf die Fußspitzen, um über die Köpfe der Menschen hinweg erkennen zu können, was denn dort von den Trägern so Schweres gebracht wurde. Sein Herz aber pochte, pochte, pochte, und plötzlich – ganz wie damals in jenem Traum – wurde dreimal mit aller Kraft am Glockenzug gerissen, und wieder war es ein so gellend heller, so greifbar wirklicher Schall, daß er ihm unmöglich nur geträumt haben konnte! ... Er schrie auf und erwachte.

Doch er stürzte nicht wie damals im Augenblick zur Tür. Welch ein Gedanke seine erste Bewegung lenkte, ob er im Moment überhaupt einen Gedanken hatte – das wußte er selbst nicht! nur war es ihm, als habe ihm irgend jemand gesagt, was er zu tun hatte: er sprang auf und streckte die Arme, wie zur Verteidigung oder zur Abwehr eines Angriffs erhoben, nach der Richtung, in der Pawel Pawlowitsch schlief. Doch im selben Augenblick stießen seine Hände mit zwei anderen, bereits nach ihm ausgestreckten Händen zusammen und er packte sie mit aller Kraft. Jemand hatte sich über ihn beugen wollen! Die Vorhänge waren zugezogen, doch war es nicht ganz dunkel im Zimmer, da aus dem Nebenraum, zu dem die Tür offen stand und dessen Fenster keine Vorhänge hatten, schon ein schwacher Lichtschimmer eindrang. Plötzlich fühlte er einen stechenden Schmerz in der linken Hand, und er wußte sofort, daß er die Schneide eines Rasiermessers erfaßt und sie sich selbst ins Fleisch gepreßt hatte ... Im selben Moment hörte man auch schon das eintönige Aufschlagen eines metallisch schweren Gegenstandes, der zu Boden fiel.

Weltschaninoff war vielleicht dreimal so stark wie Pawel Pawlowitsch, doch ihr Kampf währte lange, währte wenigstens drei Minuten. Endlich drückte er ihn zu Boden und bog ihm die Arme zurück. Doch aus irgendeinem Grunde wollte er diese zurückgebogenen Arme unbedingt auf den Rücken fesseln. Er suchte also tastend mit der rechten Hand – während er mit der verwundeten Linken die Handgelenke des Gegners hielt – lange vergeblich nach der Rouleauschnur, bis er sie endlich doch fand und mit einem einzigen Ruck abriß. Später wunderte er sich selbst darüber, wie er das fertiggebracht hatte, denn es gehörte eine fast übernatürliche Kraft dazu. Nachdem er dann Pawel Pawlowitschs Hände mit der Schnur gefesselt hatte, stand er auf, ließ den Gefesselten auf dem Boden liegen, zog den Vorhang zur Seite und schob die Gardinen fort. Auf der menschenleeren Straße war es schon hell. Er öffnete das Fenster und atmete tief die Morgenluft ein. Es mußte zwischen vier und fünf Uhr sein. Er schloß wieder das Fenster, trat schnell zum Schrank, nahm ein reines Handtuch heraus und wickelte es sehr fest um seine linke Hand, um das aus der Wunde quellende Blut zu stillen. Zufällig stieß er mit dem Fuß an das offene Rasiermesser, das nicht weit vom Schrank auf dem Teppich lag; er hob es auf, klappte es zusammen und legte es in das Etui, das er am Morgen auf dem kleinen Tisch neben dem anderen Diwan vergessen hatte. Er öffnete eines der Schubfächer seines Schreibtisches, legte das Rasierbesteck hinein und verschloß das Fach. Und erst nachdem das erledigt war, trat er an Pawel Pawlowitsch heran und begann ihn zu betrachten.

Dieser hatte sich inzwischen mit Mühe erhoben und sich auf einen Stuhl gesetzt. Er war, ganz wie Weltschaninoff, auch nur in Unterkleidern und ohne Stiefel. Sein Hemd hatte auf dem Rücken und an den Ärmeln große Blutflecke, doch war das nicht sein Blut, sondern das Blut Weltschaninoffs. Freilich war es Pawel Pawlowitsch, der dort saß! Im ersten Augenblick hätte man ihn kaum zu erkennen vermocht – so verändert sah er aus! Er saß wegen der auf dem Rücken gefesselten Hände in unbequemer gerader Haltung, sein entstelltes, verzerrtes, gequältes Gesicht war grünlich bleich, und von Zeit zu Zeit überlief ihn ein Zittern. Mit einem seltsam dunklen, gleichsam noch nicht alles erkennenden Blick sah er regungslos Weltschaninoff an. Plötzlich lächelte er – es war ein so stumpfes Lächeln, wie es nur Übermüdete bisweilen haben –, deutete mit einem Kopfnicken nach der Wasserkaraffe, die auf dem Tisch stand, und sagte halblaut:

„Einen Schluck.“

Weltschaninoff goß das Wasser in ein Glas, hielt es ihm an den Mund und ließ ihn trinken. Pawel Pawlowitsch trank gierig; nach dem dritten Schluck hob er den Kopf, sah unverwandt dem vor ihm stehenden Weltschaninoff ins Gesicht, sagte aber kein Wort und begann wieder zu trinken. Nachdem er dann seinen Durst gelöscht hatte, atmete er tief auf. Weltschaninoff nahm vom Diwan sein Kissen, warf seine Oberkleider über den Arm und ging ins andere Zimmer, worauf er Pawel Pawlowitsch im ersten Zimmer einschloß.

Die Schmerzen unter der Brust waren vollständig vergangen, doch machte sich jetzt wieder ein großes Schwächegefühl geltend, was nach der plötzlichen Anspannung aller Kräfte ganz erklärlich war. Er wollte nachdenken, um sich darüber klar zu werden, was eigentlich geschehen war, doch konnte er seine Gedanken nicht sammeln: es war doch eine zu große Nervenerschütterung gewesen. Seine Augen fielen ihm wieder zu und dann glaubte er, einzuschlafen, doch schon nach wenigen Minuten zuckte er wieder zusammen, erwachte, erinnerte sich sogleich an das Vorgefallene und an seine schmerzende Hand, befühlte das vom Blut feuchte Handtuch und begann wieder fieberhaft zu denken. Er wurde sich jedoch nur über eines klar: daß Pawel Pawlowitsch ihn tatsächlich hatte ermorden wollen – vielleicht ohne noch eine Viertelstunde vorher selbst zu wissen, was er tun wollte. Das schmale Etui des Rasiermessers hatte er am Abend vielleicht nur ganz flüchtig auf dem Tisch liegen gesehen. (Übrigens lag Weltschaninoffs Rasierbesteck gewöhnlich verschlossen im Schubfach, doch gerade an dem Morgen hatte er es herausgenommen, um einige überflüssige Haare am Schnurrbart fortzurasieren, was er mitunter zu tun pflegte.)

„Wenn er schon lange die Absicht gehabt hätte, mich zu töten,“ dachte Weltschaninoff, „so würde er eine Mordwaffe, einen Dolch oder Revolver mitgenommen und nicht auf mein vergessenes Rasiermesser gerechnet haben, das er ja erst gestern abend zum erstenmal bei mir gesehen hat.“

Endlich schlug es sechs. Weltschaninoff raffte sich auf, kleidete sich an und ging zu Pawel Pawlowitsch. Als er die Tür aufschloß, fragte er sich ganz verwundert, wozu er ihn denn eingeschlossen hatte, statt ihn sogleich aus dem Hause hinausgehen zu lassen. Zu seinem Erstaunen sah er, daß der Gefangene bereits vollständig angekleidet war: also mußte es ihm doch möglich gewesen sein, seine Hände von der Fessel zu befreien. Er saß im Lehnstuhl, erhob sich aber sogleich, als Weltschaninoff eintrat. Seinen Hut hatte er bereits in der Hand. Sein erregter, unruhiger Blick schien – gleichsam in geschäftiger Eile – sagen zu wollen:

„Fange nicht an; da ist nichts zu reden; lohnt sich nicht ...“

„Gehen Sie!“ sagte Weltschaninoff. „Nehmen Sie Ihr Armband.“

Pawel Pawlowitsch, der schon an der Tür angelangt war, kehrte zurück, nahm das Etui vom Tisch, steckte es in die Tasche und trat hinaus. Weltschaninoff stand an der Tür, um sie hinter ihm zuzuschließen. Ihre Blicke trafen sich zum letzten Mal: Pawel Pawlowitsch blieb plötzlich stehen; beide sahen sich etwa fünf Sekunden lang in die Augen, als wären sie irgendwie unschlüssig; endlich hob Weltschaninoff die Hand und ließ sie, wie beschwichtigend, sinken.

„Nun, gehen Sie!“ sagte er halblaut und schloß die Tür.

XVI. Die Analyse.

Das Gefühl einer ungewöhnlichen, befreienden, großen Freude bemächtigte sich Weltschaninoffs; irgend etwas hatte jetzt endlich ein Ende genommen, hatte sich aufgelöst; irgendein lastender Kummer war von ihm gewichen und hatte sich zerstreut. So schien es ihm. Fünf Wochen hatte es ihn bedrückt. Er erhob seine Hand, betrachtete das blutbefleckte Handtuch und murmelte: „Nein, jetzt ist aber auch wirklich alles beendet!“ Und den ganzen Morgen dachte er zum erstenmal in drei Wochen fast gar nicht an Lisa, wenigstens nicht mit jenem quälenden Schmerz – als habe das Blut aus seiner verwundeten Hand sogar diese Schuld getilgt.

Er begriff vollkommen, daß er einer großen Gefahr entronnen war. „Gerade diese Menschen,“ dachte er, „die noch eine Minute vor der Tat nicht wissen, ob sie morden oder nicht morden, – gerade diese sind die gefährlichsten; denn sobald sie erst einmal das Messer in der bebenden Hand fühlen und das erste, heiße Blut ihnen über die Finger fließt – dann genügt es ihnen nicht mehr, nur zu morden, dann schneiden sie gleich den ganzen Kopf ab, – ‚glatt ab‘, wie die Sträflinge sagen. Ja, so sind sie.“

Es litt ihn nicht mehr in seiner Wohnung, und er verließ das Haus in der Überzeugung, daß sogleich irgend etwas getan werden müsse oder – daß mit ihm selbst irgend etwas sogleich geschehen werde. Er schlenderte also durch die Straßen und wartete. Er hätte jetzt gar zu gern jemanden getroffen oder mit irgendwem ein Gespräch angeknüpft, selbst mit einem Unbekannten. Das brachte ihn endlich auf den Gedanken, doch zum Arzt zu gehen, da die Hand sowieso verbunden werden mußte. Der Arzt, ein Bekannter von ihm: fragte neugierig, während er die Wunde betrachtete, wie er sich denn so verletzt habe? Weltschaninoff antwortete mit einem Scherz, lachte und hätte ihm beinahe alles erzählt, bezwang sich aber noch rechtzeitig. Der Arzt fühlte ihm den Puls, und als er hörte, daß Weltschaninoff in der Nacht wieder seine Schmerzen gehabt hatte, redete er ihm zu, sogleich ein beruhigendes Mittel, das er bei der Hand hatte, einzunehmen. In betreff der Wunde beruhigte er ihn: es seien keine schlimmen Folgen zu befürchten. Weltschaninoff versicherte ihm darauf lachend, daß sie bereits die besten Folgen gezeitigt habe. Der lebhafte Wunsch, _alles_ jemandem zu erzählen, erfaßte ihn im Laufe des Tages noch zweimal, und zwar in solchem Maße, daß er einmal Mühe hatte, sich zu bezwingen und nicht mit einem fremden Menschen, der sich in einer Konditorei an seinen Tisch gesetzt hatte, ein Gespräch anzuknüpfen. Dabei war ihm sonst nichts so verhaßt, wie in öffentlichen Lokalen mit fremden Menschen Gespräche zu beginnen.

Er trat in mehrere Läden, kaufte sich eine Zeitung, sprach bei seinem Schneider vor und bestellte sich einen neuen Anzug. Der Gedanke, Pogorjelzeffs besuchen zu müssen, war ihm noch immer unangenehm, aber er dachte nicht weiter daran. Er hatte auch einen Grund, nicht zu ihnen hinauszufahren: er erwartete ja die ganze Zeit irgend etwas, das hier in der Stadt geschehen müsse. Er speiste mit Genuß, wechselte sogar ein paar Worte mit dem Kellner, sprach auch mit seinem Tischnachbar, und trank eine halbe Flasche Wein. An die Möglichkeit, daß die Schmerzen wiederkehren könnten, dachte er überhaupt nicht; er war vielmehr überzeugt, daß seine Krankheit gerade in dem gefährlichsten Augenblick vollständig vergangen sei, als er etwa anderthalb Stunden nach dem Einschlafen in völliger Erschöpfung plötzlich aufgesprungen war und den Mörder mit so ungemeiner Kraft niedergezwungen hatte. Gegen Abend erfaßte ihn aber doch ein leichtes Schwindelgefühl und bisweilen war es ihm sogar, als wollten die Fiebervisionen der vergangenen Nacht wieder vor ihm auftauchen. Er kehrte erst in der Dämmerung nach Haus zurück. Als er in seine Wohnung trat, erschrak er. Unheimlich erschien sie ihm, und es war ihm fast, als wandle ihn Furcht an. Mehrmals ging er durch die großen Räume und trat sogar in die Küche, was er sonst nie tat. „Hier haben sie gestern die Teller gewärmt,“ dachte er. Die Tür verschloß er sorgfältig und machte dann sogleich Licht, – früher, als er es gewöhnlich zu tun pflegte. Beim Verschließen der Tür dachte er daran, daß er vor einer halben Stunde, als er an der Portierstür vorübergegangen war, Mawra herausgerufen und gefragt hatte, ob der fremde Herr in seiner Abwesenheit nicht wieder bei ihm gewesen wäre, ganz als hätte er es selbst wirklich für möglich gehalten, daß jener noch einmal zu ihm gekommen sein könne.

Nachdem er dann auch die Tür zum Korridor zugeschlossen hatte, öffnete er seinen Schreibtisch, nahm das schmale Etui heraus und klappte das „verhängnisvolle“ Rasiermesser auf, um es zu betrachten. Auf dem elfenbeinernen Griff waren noch kleine Blutpünktchen zu bemerken. Er klappte es wieder zusammen und schob es zurück in das Etui, das er wieder im Schreibtisch verschloß. Er wollte schlafen: er fühlte, daß er sich unbedingt sogleich hinlegen mußte, da er anderenfalls am nächsten Tage „zu nichts taugen“ würde. Dieser nächste Tag erschien ihm aus irgendeinem Grunde „verhängnisvoll“, als müsse sich dann erst „alles _endgültig_ entscheiden“, als bringe er gewissermaßen den „wirklichen Abschluß“. Doch die Gedanken, die ihn schon den ganzen Tag, wo er auch ging und stand, verfolgt und keinen Augenblick ganz verlassen hatten, die drängten und stießen sich auch jetzt wieder unermüdlich in seinem schmerzenden Hirn, und er dachte, dachte, dachte, und lange noch konnte er nicht einschlafen ...

„Wenn es nun wirklich feststeht, daß sein Mordanschlag ein unvorbereiteter war,“ mußte er immer wieder denken, „sollte ihm dann der Gedanke, mich umzubringen, nicht wenigstens einmal schon früher in den Kopf gekommen sein – wenn auch nur als kurzer Einfall? in einem Augenblick der Wut?“

Er beantwortete sich die Frage sehr sonderbar, und zwar damit, daß Pawel Pawlowitsch ihn allerdings habe ermorden wollen, daß jedoch der Gedanke an einen Mord dem Mörder kein einziges Mal vorher in den Sinn gekommen sei. „Kurz, Pawel Pawlowitsch wollte mich ermorden,“ sagte er sich, „wußte aber selbst nicht, daß er es wollte. Das klingt widersinnig, ist aber richtig.“

„Nicht, um sich versetzen zu lassen und auch nicht Bagontoffs wegen ist er nach Petersburg gekommen – obschon er sich versetzen lassen wollte und Bagontoff hier aufsuchte und sich über dessen Tod ärgerte. Bagontoff war ihm nichts, den verachtete er einfach. Aber wegen mir – mir! war er hergekommen und ... hatte Lisa mitgebracht! ...“

„Aber sollte ich selbst erwartet haben, daß er mich ... ermorden könnte?“ fragte er sich, dachte wieder lange nach und mußte die Frage schließlich bejahen: er hatte es von dem Augenblick an erwartet, als er ihn damals im Wagen an der Kanal-Brücke erblickt hatte, hinter dem Sarge Bagontoffs. „Ja, von dem Augenblick an begann ich so etwas zu erwarten ... aber, versteht sich, nicht wörtlich und genau so, selbstverständlich erwartete ich nicht, daß er mich ermorden werde! ...“

„Und sollte das wirklich, wirklich alles wahr sein,“ fuhr es ihm plötzlich durch den Sinn und er erhob den Kopf vom Kissen und schlug die Augen auf, „alles das, was dieser ... Verrückte gestern hier von seiner Liebe zu mir sprach, als sein Kinn zu zittern begann und er sich mit der Faust ans Herz schlug?“

„Entschieden ist es wahr,“ urteilte er schließlich, und er vertiefte sich immer mehr in die Analyse, „dieser Mann aus T. war natürlich dumm genug und in seinen Voraussetzungen anständig genug, um sich in den Liebhaber seiner Frau zu verlieben, von deren Untreue er in zwanzig Jahren _nichts, nicht das Geringste_ bemerken konnte! Neun Jahre lang hat er mich verehrt, mich und mein Andenken, und hat sich sogar meine ‚Aussprüche‘ gemerkt – Herrgott! – und ich habe von allem keine Ahnung gehabt! Nein, er konnte gestern nicht lügen! Aber hat er mich denn gestern geliebt, als er mir seine Liebeserklärung machte und ‚abrechnen‘ wollte? Ja, auch gestern hat er mich geliebt, hat mich _aus Wut_ geliebt: und diese Liebe ist die stärkste ...“

„Aber es ist doch möglich, nein, es ist sogar mit aller Bestimmtheit anzunehmen, daß ich damals in T. einen kolossalen Eindruck auf ihn gemacht habe, – gerade einen ‚kolossalen‘ und ‚wohltuenden‘ Eindruck – und gerade bei solch einem Idealisten im Schillerschen Sinne war das möglich! Er hat mich für hundertmal großer gehalten, als ich war. Jawohl: ein so großer Eindruck war es, den ich auf ihn, in seiner vereinsamten Gedankenwelt, machte, ... Doch wäre es ganz interessant, zu wissen, wodurch ich ihm eigentlich imponiert habe? Vielleicht nur durch besondere Glacéhandschuhe und die Art, wie ich sie abstreifte oder anzog. Solche Menschen lieben Ästhetik, oh, und wie! Gar mancher edlen Seele, und wenn sie noch dazu einem ‚ewigen Gatten‘ angehört, genügen ein Paar Handschuhe vollkommen. Das übrige vervollständigen sie dann selbst bis ins Tausendfache, und sie werden sich sogar für einen schlagen, wenn es soweit kommen sollte. Und wie hoch er meine Verführungsmittel einschätzt! Oder vielleicht hat ihm gerade die Art, wie ich mich ihr näherte, damals am meisten imponiert? Und sein Ausruf hier nach dem Kuß: ‚Wenn auch der, wenn auch der!‘ – das heißt: an wen kann man dann noch glauben! Nach diesem Ausruf wird man ja zum Tier! ...“

„Hm! Er ist nach Petersburg gekommen, um mir ‚um den Hals zu fallen und mit mir zu weinen‘, wie er sich selbst gemeinerweise ausdrückte, das heißt, er fuhr, um mich zu ermorden, und glaubte doch selbst, daß er fahre, um mich zu ‚umarmen und mit mir zu weinen‘ ... Und er nahm Lisa mit. Aber wie: hätte ich mit ihm geweint, so würde er mir vielleicht alles verziehen haben, wirklich, denn es war ja sein größter Wunsch, zu verzeihen! ... Und das schlug dann beim ersten Zusammenstoß in betrunkenes Sich-verstellen um, alles wurde zur Karikatur und lief auf nichts anderes hinaus, als auf weibisches Geheul über die ihm zugefügte Beleidigung. (Die Hörner, die Hörner, wie er sich die aufsetzte!) Deshalb kam er angetrunken zu mir, um sich, wenn auch unter Verstellungen, doch zu verraten oder sich erraten zu lassen; im nüchternen Zustande hätte auch er es nicht fertig gebracht ... Und das Verstellen und Verstecken und Hervorlugen und Wiederverstecken – ach, wie er das liebte! Wie froh er war, als er es so weit gebracht hatte, daß ich ihn küßte! Nur wußte er damals selbst nicht, womit es enden würde: mit einer Umarmung oder einem Mord? Natürlich kam’s heraus, daß das beste beides zusammen war. Die natürlichste Entscheidung! – Ja, da sieht man’s wieder: die Natur liebt die Mißgeburten nicht und schlägt sie mit ‚natürlichen Entscheidungen‘ einfach tot. Die mißgeborenste Mißgeburt – das ist die Mißgeburt mit edlen Gefühlen: ich weiß es aus eigener Erfahrung, Pawel Pawlowitsch! Die Natur ist der Mißgeburt keine zärtliche Mutter, sondern eine Stiefmutter. Die Natur gebiert die Mißgeburt, sie bringt sie ja selbst hervor, doch statt nun Mitleid mit ihr zu haben, straft und züchtigt sie sie noch, – und es ist auch gut und recht so. Umarmungen und Tränen des Allverzeihens sind selbst von anständigen Leuten heutzutage nicht umsonst zu haben, geschweige denn von solchen, wie wir beide, Pawel Pawlowitsch!“