Sämtliche Werke 21

Part 31

Chapter 313,170 wordsPublic domain

„Ach ja richtig, er heißt ja Pawel Pawlowitsch!“ bemerkte der Jüngling, „wie kam es nur, daß es mir die ganze Zeit schien, er heiße Wassilij Petrowitsch? Also,“ wandte er sich wieder an Weltschaninoff, „Sie haben mich nicht im geringsten überrascht: ich wußte, daß Sie nicht anders sein konnten, als die anderen, – sie sind ja doch alle gleich! Es wundert mich nur, daß man mir von Ihnen als von einem einigermaßen aufgeklärten Menschen gesprochen hat. Übrigens kommt das nicht in Betracht, denn die Sache ist einfach die, daß es hier meinerseits nichts ‚Unehrenhaftes‘ – wie der Ausdruck ja wohl lautete, den zu gebrauchen Sie sich erlaubten – gibt, sondern ganz im Gegenteil, daß es sich um etwas sehr Ehrenhaftes handelt, was ich Ihnen sogleich erklären und verständlich machen zu können hoffe. Wir haben uns also – erstens: verlobt, und außerdem habe ich ihr in Gegenwart von zwei Zeugen feierlich versprochen, daß ich ihr, sobald sie einen anderen liebgewinnen oder einfach nur bereuen sollte, mich geheiratet zu haben, sogleich eine schriftliche Erklärung geben würde, in der ich mich des Ehebruchs schuldig bekenne, um damit vor der betreffenden Behörde ihr Scheidungsgesuch zu unterstützen. Doch das ist noch nicht alles: für den Fall, daß ich nachträglich meinen Entschluß ändern und mich weigern sollte, ihr besagte schriftliche Erklärung einzuhändigen, gebe ich ihr zu ihrer Sicherstellung am Hochzeitstage und noch vor der Trauung einen Wechsel über hunderttausend Rubel auf meinen Namen, so daß sie in dem Falle, wenn ich jene schriftliche Erklärung verweigere, diesen Wechsel sogleich zur Einlösung einer Bank übergeben kann – und damit hat sie mich in der Hand! – verstehen Sie? So ist denn alles sichergestellt, und nach solchen Erklärungen werden Sie mir nicht mehr sagen können, daß ich ein fremdes Leben auf mein Gewissen nehme. Nun, das wäre also erstens.“

„Ich wette, das hat jener – wie hieß er doch? – Predpossyloff ausgedacht!“ rief Weltschaninoff aus.

„Hehehe!“ grinste Pawel Pawlowitsch boshaft.

„Worüber lacht dieser Herr? – Ja, Sie haben es erraten: es ist wirklich ein Gedanke von Predpossyloff – und das können Sie doch nicht leugnen, daß er gut ist. Das unsinnige Gesetz ist auf diese Weise vollständig lahmgelegt. Selbstverständlich habe ich die Absicht, sie immer zu lieben – sie lacht selbst furchtbar über den Einfall, – aber es ist doch immerhin geschickt ersonnen: das werden Sie mir jetzt zugeben müssen – und auch das, daß es ehrenhaft und edel gehandelt ist, und daß nicht ein jeder sich zu so etwas entschließen wird!“

„Ich finde, das es nicht nur keineswegs ehrenhaft, sondern sogar recht ekelhaft ist.“

Der junge Mann zuckte nur die Achseln. „Sie setzen mich wiederum nicht im geringsten in Erstaunen,“ bemerkte er nach kurzem Schweigen, „so etwas hat schon seit gar zu langer Zeit seine Neuheit für mich verloren. Predpossyloff würde Ihnen einfach sagen, daß dieses Ihr Unvermögen, die natürlichsten Dinge zu begreifen, nur auf die Entartung Ihrer Gefühle und Ihres Begriffsvermögens zurückzuführen ist, – und zwar infolge Ihres blödsinnigen Lebens und Ihres ewigen Müßigganges. Übrigens verstehen wir uns wohl noch nicht: man hat Sie mir allerdings anders geschildert ... Sie sind schon in den Fünfzigern?“

„Bleiben Sie gefälligst bei der Sache.“

„Verzeihen Sie meine Indiskretion – ich fragte ohne besondere Absicht. Also – ich fahre fort: ich bin durchaus kein zukünftiger ‚mehrfacher Millionär‘, wie Ihr Ausdruck lautete (was Menschen doch für Einfälle haben!). Was ich bin und was ich habe, das sehen Sie hier vor sich, doch dafür bin ich meiner Zukunft vollkommen sicher. Ein Held und Wohltäter für Fremde werde ich nicht werden, aber mich und meine Frau werde ich ernähren! Allerdings habe ich jetzt noch nichts, und ich bin ja sogar in ihrem Hause erzogen worden, von Kindheit an ...“

„Wie das?“

„Ganz einfach, da ich der Sohn eines entfernten Verwandten von Frau Sachlebinin bin: als meine Eltern starben und mich als Achtjährigen zurückließen, da nahm mich der Alte zu sich und steckte mich in ein Gymnasium. Dieser Mensch nämlich ist sogar gut, wenn Sie es wissen wollen ...“

„Ich weiß es.“

„Nur ist er für unsere Zeit schon gar zu rückständig. Übrigens ist er wirklich gut. Jetzt habe ich mich natürlich schon längst von seiner Vormundschaft befreit, da ich mir selbst meinen Lebensunterhalt verdienen und niemandem als mir verpflichtet sein will.“

„Seit wann sind Sie denn nicht mehr unter seiner Vormundschaft?“ fragte Weltschaninoff.

„O, schon lange! fast seit ganzen vier Monaten!“

„Nun ist mir die Sache allerdings verständlich: wenn Sie Jugendgespielen sind! Doch – haben Sie jetzt eine Beschäftigung?“

„Ja, eine private, ich bin im Kontor eines Notars angestellt, für fünfundzwanzig Rubel monatlich, natürlich nur vorläufig. Als ich um ihre Hand anhielt, hatte ich nicht einmal das! Ich war nämlich damals in der Eisenbahnverwaltung und bekam nur zehn Rubel monatlich, auch natürlich nur vorläufig.“

„Ja haben Sie denn einen Heiratsantrag gemacht?“

„Gewiß, ganz formell, und schon vor längerer Zeit, – vor ganzen drei Wochen.“

„Nun, und?“

„Der Alte lachte zuerst schallend auf, dann aber ärgerte er sich fürchterlich, und sie wurde einfach oben in eine Kammer eingesperrt. Aber Nadjä hielt die Prüfung heldenhaft aus. Übrigens ist der ganze Mißerfolg nur darauf zurückzuführen, daß der Alte sich noch von früher her über mich ärgerte, weil ich nämlich der Abteilung, in die er mich vor damals vier Monaten hineingesteckt hatte, den Rücken gekehrt habe. Er ist ein prächtiger alter Mann, ich sage es Ihnen nochmals, zu Hause ist er gutmütig, freundlich und von Herzen heiter, doch kaum tritt er in sein Abteilungsbureau – da können Sie ihn sich einfach gar nicht vorstellen! Wie ein Jupiter sitzt er da! Ich gab ihm selbstverständlich zu verstehen, daß solche Manieren aufgehört hätten, mir zu gefallen, doch an der ganzen Geschichte war hauptsächlich der Gehilfe des Vorsitzenden schuld: dieser Herr ließ es sich einfallen, sich bei ihm darüber zu beschweren, daß ich angeblich ‚grob‘ geworden sei, während ich ihm in Wirklichkeit gesagt hatte, er sei unentwickelt. Da pfiff ich denn auf sie alle und bin jetzt beim Notar.“

„Wieviel bekamen Sie denn dort, in der Abteilung?“

„Ach, nichts ... ich war ja überzählig! Der Alte selbst gab das Nötige. Ich sagte Ihnen doch, er ist ein guter Mensch, nur werden wir trotzdem nicht nachgeben. Versteht sich, fünfundzwanzig Rubel sind kein Auskommen, aber ich hoffe, in kürzester Zeit an der Verwaltung der verschuldeten Güter des Grafen Sawileiskij teilzunehmen, dann habe ich dreitausend Rubel Einkommen. Oder ich werde Rechtsanwalt. Heutzutage werden Menschen gesucht ... Ha! Wie’s donnert! Das wird ein Gewitter geben! Gut, daß ich noch vor dem Ausbruch angelangt bin. Ich bin ja zu Fuß von dort gekommen, bin fast die ganze Zeit gelaufen.“

„Aber erlauben Sie, wann haben Sie denn Zeit gehabt, noch mit Nadeschda Fedossejewna zu sprechen, wenn man Sie dort abgewiesen hat und wohl auch nicht mehr empfängt?“

„Ach, doch ganz einfach über den Zaun! Die Rothaarige haben Sie ja gesehen?“ fragte er lachend. „Nun, die ist auch eine von den Vermittlerinnen, und auch Marja Nikititschna; nur ist diese Marja Nikititschna eine Schlange! ... Was ist? – weshalb runzeln Sie die Stirn? Fürchten Sie sich vor dem Donner?“

„Nein, ich bin krank, ernstlich krank ...“

Weltschaninoff fühlte in der Tat einen heftigen Schmerz unter der Brust, der immer unerträglicher wurde, so daß er schließlich aufstand und versuchte, im Zimmer auf und ab zu gehen.

„Ach, dann störe ich natürlich ... beunruhigen Sie sich nicht, ich gehe sogleich!“ Er sprang auf.

„So schlimm ist es ja nicht, bleiben Sie nur,“ sagte Weltschaninoff höflichkeitshalber.

„I wo, ‚wenn Kobylnikoff Leibweh hat‘ – wie Schtschedrin[14] sagt. Lieben Sie Schtschedrin? – Sie kennen ihn doch?“

„Ja.“

„Ich auch, er gefällt mir kolossal. Nun, also, Wassilij ... ach nein, – Pawel Pawlowitsch, richtig! Also kommen wir zu einem Schluß!“ wandte er sich halb lachend an Pawel Pawlowitsch. „Um Ihnen das Verständnis zu erleichtern, will ich meine Frage nochmals formulieren: sind Sie bereit, nicht später als morgen, und zwar offiziell, das heißt also vor den beiden Alten und in meiner Gegenwart, alle Ihre Ansprüche auf Nadeschda Fedossejewna zurückzuziehen?“

„Nein, dazu bin ich durchaus nicht bereit,“ schnitt Pawel Pawlowitsch kurz ab, indem er sich mit einer ungeduldigen Bewegung vom Platze erhob, „und ich bitte Sie nochmals, mich nicht weiter zu belästigen ... denn das sind doch nur Kindereien und Dummheiten.“

„Nehmen Sie sich in acht,“ sagte der Jüngling hochmütig lächelnd, und er drohte mit dem Finger, wie um ihn zu warnen, „daß Sie sich nicht verrechnen! Wissen Sie auch, zu was eine solche Rechnung ohne den Wirt führen kann? Deshalb sage ich es Ihnen im voraus, daß Sie sich nach neun Monaten, wenn Sie dort bereits alle Ausgaben gemacht und sich genugsam gequält haben, hier bei Ihrer Wiederkunft gezwungen sehen werden, unaufgefordert Ihre Ansprüche auf Nadeschda Fedossejewna zurückzuziehen, aber tun Sie das nicht – um so schlimmer für Sie. Sehen Sie, zu was Sie es mit Ihrer Weigerung bringen können! Ich will Sie damit nur gewarnt haben, denn Sie sind jetzt wie jener Hund, der den Knochen keinem anderen gönnt, obwohl er ihn selbst nicht fressen kann – verzeihen Sie den Vergleich. Ich warne Sie also nur aus menschlichem Mitgefühl, überlegen Sie sich die Sache, versuchen Sie wenigstens einmal im Leben, logisch zu denken.“

„Ich bitte Sie, mich mit Ihrer Moral zu verschonen!“ rief Pawel Pawlowitsch empört, „und was Ihre gemeinen Andeutungen betrifft, so werde ich morgen noch meine Maßregeln treffen, und zwar entscheidende!“

„Gemeine Andeutungen? Wovon sprechen Sie? Sie sind selber gemein, wenn Sie – so etwas im Sinne haben. Übrigens bin ich bereit, bis morgen zu warten, doch wenn ... Ach, wieder dieser Donner! Auf Wiedersehen, freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben,“ rief er mit einem Kopfnicken zum Abschied Weltschaninoff zu und entfernte sich eilig, offenbar, um noch vor dem Ausbruch des Gewitters geborgen zu sein.

XV. Die Abrechnung.

„Haben Sie gesehen? Haben Sie gesehen?“ fragte Pawel Pawlowitsch gespannt auf ihn zutretend, kaum daß der Jüngling das Zimmer verlassen hatte.

„Ja, Sie scheinen kein Glück zu haben!“ entfuhr es Weltschaninoff unbedachtsamerweise.

Diese unvorsichtige Bemerkung wäre ihm bestimmt nicht entschlüpft, wenn nicht der heftige Schmerz ihn gequält und geärgert hätte. Pawel Pawlowitsch zuckte zusammen, als sei er gebrannt worden.

„Nun, und das Armband – das haben Sie mir wohl aus Mitleid nicht zurückgegeben, he?“

„Ich kam nicht dazu ...“

„Weil Sie als aufrichtiger Freund mit dem aufrichtigen Freunde von Herzen Mitleid hatten?“

„Nun ja, weil ich Mitleid hatte,“ sagte Weltschaninoff ärgerlich.

Er erzählte ihm aber doch in kurzen Worten, wie Nadeschda Fedossejewna ihn gebeten hatte, das Armband zurückzugeben und wie er durch sie ganz gegen seinen Willen in diese Angelegenheit hineingezogen worden war.

„Sie begreifen doch, daß ich das Armband sonst nie genommen hätte: man hat schon sowieso genug Unannehmlichkeiten!“

„Sie sind eben dem Zauber unterlegen und haben es doch genommen,“ sagte Pawel Pawlowitsch grinsend.

„Ihre Bemerkung ist köstlich. Übrigens sind Sie zu entschuldigen. Sie haben soeben selbst gesehen, daß nicht ich in dieser Sache die Hauptperson bin!“

„Immerhin haben Sie sich bezaubern lassen.“

Pawel Pawlowitsch setzte sich und füllte wieder sein Glas.

„Sie glauben wohl, daß ich sie diesem Bengel abtreten werde? Zum Teufel jage ich ihn, und wie noch! Morgen fahre ich hin und bringe alles in Ordnung. Diesen Geist werden wir schon ausräuchern – aus der Kinderstube ...“

Er stürzte das Glas in einem Zuge hinab und schenkte sich wieder ein. Überhaupt benahm er sich jetzt mit einer an ihm ganz ungewohnten Zwanglosigkeit.

„Also Nadjenka und Ssaschenka, die lieben Kinderchen! – hehehe!“

Seine Bosheit schien keine Grenzen zu kennen. Ein Blitz zuckte blendend hell auf, knatternd setzte der Donner ein und vergrollte, und plötzlich goß es in Strömen. Pawel Pawlowitsch erhob sich und schloß das offene Fenster.

„Wie er sie fragte, ob Sie sich nicht vor dem Donner fürchten! – hehe! Weltschaninoff und sich vor dem Donner fürchten! ‚Wenn Kobylnikoff ...‘ – wie war das: ‚wenn Kobylnikoff ...‘? Und das noch von den Fünfzigern, was? Besinnen Sie sich noch?“ fragte Pawel Pawlowitsch mit unverhohlener Bosheit.

„Sie haben sich hier ... wohl für immer niedergelassen?“ fragte Weltschaninoff leise, da er vor Schmerz kaum sprechen konnte. „Ich lege mich hin ... Sie ... tun Sie, was Sie wollen.“

„Aber bei solchem Wetter jagt man doch nicht einmal einen Hund aus dem Haus!“ versetzte Pawel Pawlowitsch gekränkt, doch war es, als freue er sich über das Recht, den Gekränkten spielen zu dürfen.

„Nun, ja, gleichviel, trinken Sie weiter ... übernachten Sie auch meinetwegen hier!“ murmelte Weltschaninoff, der sich gerade auf seinem Schlafdiwan ausstreckte, und leise stöhnte.

„Übernachten? Aber werden Sie denn nicht Angst haben?“

„Was?“ fragte Weltschaninoff, indem er den Kopf plötzlich vom Kissen hob.

„Nichts, nur so. Das vorige Mal war es, als ob Sie erschraken – oder vielleicht hat es mir nur so geschienen ...“

„Sie sind verrückt!“ sagte Weltschaninoff, der sich nicht bezwingen konnte, und drehte sich wütend zur Wand.

„Tut nichts,“ erwiderte Pawel Pawlowitsch.

Der Kranke schlief ganz plötzlich ein. Die außergewöhnliche nervöse Spannung, in der er den ganzen Tag verbracht, hatte seiner in letzter Zeit ohnehin schon stark mitgenommenen Gesundheit gewissermaßen den Rest gegeben, seine ganze Nervenkraft war mit einemmal dahin und er fühlte sich schwach wie ein Kind. Doch der Schmerz überwand die Müdigkeit und den Schlaf: nach kaum einer Stunde wachte er auf und erhob sich unter Qualen vom Diwan. Das Gewitter war vorüber. Die Luft im Zimmer war stickig vom Zigarettenrauch. Die Flasche auf dem Tisch war leer. Pawel Pawlowitsch schlief auf dem anderen Diwan. Er lag auf dem Rücken, mit dem Kopf auf einem Schlafkissen, vollkommen angekleidet, sogar in Stiefeln. Sein Kneifer war aus der Tasche geglitten und hing an der Schnur fast bis zum Boden herab. Sein Hut lag auf dem Teppich. Weltschaninoff blickte verdrossen auf den Schlafenden, weckte ihn jedoch nicht. Krumm und wie verzogen vor Schmerz, schritt er langsam im Zimmer auf und ab, da er das Liegen nicht mehr aushielt. Er stöhnte leise und dachte immer wieder über die Schmerzen nach.

Sie ängstigten ihn, und nicht ohne Ursache. Er kannte sie schon seit langer Zeit, doch hatten sie ihn bisher nur selten heimgesucht, nur einmal in zwei Jahren oder höchstens einmal im Jahr. Er wußte, daß sie von der Leber herrührten. Die Schmerzen waren immer dieselben: sie begannen unter der Herzgrube, oder auch etwas höher: zuerst war es nur ein dumpfer, nicht starker, aber doch unangenehmer Druck, der dann allmählich – bisweilen dauerte es ganze zehn Stunden – so stark, so unerträglich schmerzhaft wurde, daß der Kranke schon glaubte, nun komme die Sterbestunde. Als er das letzte Mal diese Schmerzen gehabt hatte, vor etwa einem Jahre, da war er – der Anfall hatte sich erst nach zehn Stunden gelegt – nachher so entkräftet gewesen, daß er kaum die Hand von der Bettdecke heben konnte, und der Arzt hatte ihm nur ein paar Löffel schwachen Tees und ein kleines Stück in Bouillon getauchtes Weißbrot gestattet. Die Wiederkehr dieser Anfälle wurde meistens durch Zufälligkeiten verursacht, doch traten sie immer nur dann auf, wenn seine Nerven vorher bereits überreizt waren. Eine gewisse Verschiedenartigkeit zeigte sich dagegen in der Art, wie die Schmerzen wieder nachließen: das eine Mal gelang es, den Schmerz sogleich in der ersten halben Stunde durch einfache heiße Umschläge zu betäuben, und in kurzer Zeit war dann alles überstanden; das letzte Mal hatte jedoch nichts geholfen, und erst nachdem er mehrere Brechmittel eingenommen, hatte der Schmerz nachgelassen. Nachher hatte der Arzt ihm gesagt, er sei überzeugt gewesen, daß er sich vergiftet habe. Diesmal waren es noch viele Stunden bis zum Morgen, in der Nacht jedoch wollte er nicht nach dem Arzt schicken – überhaupt waren ihm Ärzte zuwider. Aber die Schmerzen wurden doch so unerträglich, daß er laut zu stöhnen begann. Davon erwachte schließlich Pawel Pawlowitsch: er richtete sich auf, saß eine Zeitlang und horchte, offenbar erschrocken, während seine Blicke angstvoll und verständnislos Weltschaninoff folgten. Die Wirkung der geleerten Flasche machte sich bemerkbar: es dauerte ziemlich lange, bis er begriff, was er sah – dann aber sprang er vom Diwan und trat schnell auf Weltschaninoff zu, der vor Schmerz nur etwas Unverständliches stammeln konnte.

„Das ist die Leber, ich weiß!“ – Pawel Pawlowitsch war im Augenblick wie neu belebt und entwickelte sogleich eine ungeheure Geschäftigkeit. „Ich kenne das, Polossuchin, Pjotr Kusmitsch Polossuchin hatte genau dasselbe, – gleichfalls von der Leber. Da sind heiße Umschläge das beste! Pjotr Kusmitsch ließ sich dann immer heiße Umschläge machen ... Man kann doch daran sterben! Soll ich nicht die Mawra rufen, was?“

„Nicht nötig, nicht nötig!“ wehrte Weltschaninoff gereizt ab. „Nichts ist nötig.“

Doch Pawel Pawlowitsch war, Gott weiß weshalb, ganz kopflos vor Besorgnis, als handle es sich um die Rettung seines teuersten Freundes. Er achtete auf keinen Einwand und bestand mit dem größten Eifer darauf, daß unbedingt heiße Umschläge gemacht würden, und außerdem müsse der Kranke noch zwei bis drei Tassen schwachen Tee trinken – „aber nicht löffeln, sondern einfach hinabstürzen, und nicht bloß heiß muß er sein, sondern kochend!“ beteuerte er, lief darauf, ohne auf die Erlaubnis zu warten, zu Mawra, mit der er bald wieder erschien, half ihr in der Küche beim Feueranmachen und blies mit Eifer die Holzkohlen im Ssamowar an. Noch bevor das Wasser zu kochen begann, hatte er Weltschaninoff bereits die Oberkleider abgenommen, ihn zu Bett gebracht und gut zugedeckt – und in kaum zwanzig Minuten war der Tee fertig und der erste Teller heiß.

„Ich habe nämlich Teller genommen,“ erklärte er fast begeistert und legte behutsam, um sich nicht die Finger zu verbrennen, den in eine Serviette gewickelten heißen Teller Weltschaninoff auf die Herzgrube. „Heiße Umschläge sind zu umständlich, es dauert zu lange, bis man die macht, aber heiße Teller, glühendheiße Teller sind sogar das allerbeste, glauben Sie mir, das allerbeste, mein Ehrenwort! Ich habe diese Erfahrung selbst gemacht, an Pjotr Kusmitsch, ich habe es selbst gesehn und gefühlt. Man kann doch daran sterben! Trinken Sie den Tee, schlucken Sie nur; tut nichts, wenn Sie sich verbrühen; das Leben ist teurer als alles.“

Es war ihm tatsächlich gelungen, die schläfrige Mawra munter zu machen. Die Teller wurden alle zwei bis drei Minuten gewechselt. Schon nach dem dritten Teller und der zweiten heißen Tasse Tee, die Weltschaninoff hinabstürzte, fühlte er, daß der Schmerz nachließ.

„Wenn wir den Schmerz erst einmal weggebracht haben, dann Gott sei Dank, – das ist ein gutes Zeichen!“ rief Pawel Pawlowitsch hocherfreut und eilte in die Küche nach einem neuen Teller und neuem Tee.

„Wenn wir nur den Schmerz erst wegbringen! Nur der Schmerz muß erst mal betäubt werden!“ wiederholte er immer wieder.

Und wirklich: nach einer halben Stunde hatte sich der Schmerz fast ganz gelegt, aber der Kranke war so erschöpft, daß er trotz aller Bitten Pawel Pawlowitschs, doch „noch ein Tellerchen“ auszuhalten, nicht mehr darauf einging. Die Augen fielen ihm zu vor Müdigkeit.

„Schlafen, schlafen,“ sagte er nur mit schwacher Stimme.

„Auch das!“ willigte Pawel Pawlowitsch ein.

„Sie übernachten ... wie viel – wie spät ist es?“

„Bald zwei, es fehlen noch ein paar Minuten.“

„Bleiben Sie hier?“

„Ich bleibe, ich bleibe.“

Nach einer kleinen Weile rief der Kranke ihn wieder zu sich.

„Sie ... Sie ...“ murmelte er, als jener zu ihm geeilt war und sich über ihn beugte, „Sie sind besser als ich! Ich begreife alles ... alles ... ich danke Ihnen.“

„Schlafen Sie, schlafen Sie,“ flüsterte Pawel Pawlowitsch und schlich auf den Fußspitzen schnell wieder zu seinem Diwan zurück.

Der Kranke hörte noch im Einschlafen, wie Pawel Pawlowitsch schnell, doch möglichst leise sein Lager zurechtmachte, seine Kleider ablegte, die Kerze auslöschte und sich behutsam, womöglich mit angehaltenem Atem, um den Einschlafenden nur ja nicht zu stören, auf seinem Diwan ausstreckte.