Part 23
„Nicht erzählt, sondern gebeichtet, und nur Ihnen, nur Ihnen allein! Ich habe Ihnen aber niemals den Namen jener Frau genannt. Es war – Frau Trussozkij, die Frau dieses selben Trussozkij, dieselbe, die jetzt gestorben ist. Und Lisa ist ihre Tochter, und – meine Tochter!“
„Wissen Sie es genau? Irren Sie sich nicht?“ fragte Klawdia Petrowna, auch ihrerseits sichtlich etwas erregt.
„Nein, ein Irrtum ist ausgeschlossen, ich weiß es genau!“ bestätigte Weltschaninoff mit förmlicher Begeisterung.
Und er erzählte in nicht geringer Erregung, rasch und so kurz, wie er sich nur fassen konnte, nochmals alles. Klawdia Petrowna hatte bisher nur den Namen jener Frau nicht gekannt; Weltschaninoff war schon der bloße Gedanke fürchterlich gewesen, daß jemand von seinen Bekannten Madame Trussozkij begegnen und sich dann darüber wundern konnte, wie _er_ diese Frau _so_ habe zu lieben vermocht. Deshalb hatte er nicht einmal Klawdia Petrowna, seinem einzigen „Freunde“, ihren Namen zu nennen gewagt.
„Und der Vater weiß nichts davon?“ fragte sie, nachdem sie ihn angehört hatte.
„Ja – er scheint doch etwas zu wissen ... Das ist es ja eben, was mich quält, – daß ich mir über diesen Punkt selbst noch nicht ganz klar bin!“ fuhr Weltschaninoff erregt fort. „Ich fühle es, er muß unbedingt etwas wissen! Davon habe ich mich gestern und heute vollkommen überzeugt. Aber jetzt fragt sich nur, wieviel er weiß? Deshalb will ich eben schnell wieder zurückkehren. Heute abend wird er zu mir kommen. Übrigens, ich verstehe nicht, woher er es wissen sollte? Von ihrem Verhältnis zu Bagontoff weiß er entschieden _alles_, das steht fest! Aber von mir? Sie wissen doch, wie Frauen in solchen Fällen ihre Männer zu überzeugen verstehen! Und sollte auch ein Engel vom Himmel herabsteigen und es ihm sagen – er wird ihm doch keinen Glauben schenken, sondern ausschließlich darauf hören, was seine Frau sagt! Schütteln Sie nicht den Kopf, verurteilen Sie mich nicht, ich habe mich ja schon selber tausendmal verurteilt! ... Sehen Sie, heute morgen, dort bei ihm, da war ich so fest davon überzeugt, daß er alles wisse, daß ich mich weiter gar nicht mehr verstellt oder sonstwie zusammengenommen habe – ich stellte mich unwillkürlich selbst bloß! Und werden Sie es mir glauben: es bedrückt mich ganz unsäglich, daß ich ihn gestern so unhöflich, so beleidigend geradezu, empfangen habe. Ich werde Ihnen ein nächstes Mal alles noch ausführlicher erzählen. Er ist gestern sicher nur mit dem einen boshaften Wunsch zu mir gekommen, mir zu verstehen zu geben, daß er um den ganzen ihm angetanen Schimpf weiß und auch den Beleidiger kennt! Sehen Sie, nur das war der Grund seines dummen Besuches in halbbetrunkenem Zustande. Doch ist es ja schließlich so begreiflich! Sein Besuch war und sollte am Ende nichts anderes sein als eine Mahnung und ein Vorwurf. Überhaupt habe ich mich gestern wie auch heute viel zu hitzig benommen! Unvorsichtig und dumm! Ich habe mich selbst verraten! Daß er aber auch gerade zu einer solchen Stunde kommen mußte, in der man ohnehin schon reizbar ist! Ich sagte Ihnen, er hat sogar Lisa gequält, das Kind, nur um seine Wut an ihr auszulassen! Ja, er ist erbittert, das merkt man. Wie unbedeutend er auch sein mag, erbittert aber ist er doch – ist es bis zur ohnmächtigen Wut – daher seine Bosheiten! Selbstverständlich ist er nichts mehr als ein Narr, obschon er früher, bei Gott, den Eindruck eines sehr vernünftigen Menschen machte – wenigstens soweit man aus ihm klug werden konnte. Aber es ist ja schließlich so natürlich, daß er jetzt liederlich geworden ist! In solchen Fällen, liebe Freundin, muß man sich menschlich in die Lage des anderen hineinzuversetzen suchen, bevor man verurteilt. Wissen Sie, meine Gute, Liebe, ich – ich will mich von nun an ganz anders zu ihm verhalten: ich will mich bemühen, gut zu ihm zu sein. Ich glaube, ich werde mir das sogar als eine ‚gute Tat‘ anrechnen können. Denn ich bin doch immerhin der schuldige Teil! Und noch eines nicht zu vergessen – ich stehe außerdem auch noch moralisch in seiner Schuld: ich brauchte einmal in T. ganz plötzlich und dringend viertausend Rubel, und er gab sie mir im Augenblick, ohne sich einen Moment zu bedenken, streckte er sie mir vor, und ohne jede Schuldverschreibung meinerseits. Er freute sich sogar aufrichtig, daß er mir einen Dienst erweisen konnte, und ich nahm das Geld an, ich ließ mir von ihm den Dienst erweisen, verstehen Sie, ich nahm das Geld an, wie man es von einem Freunde annimmt!“
„Seien Sie jedenfalls vorsichtig,“ rief ihm darauf etwas beunruhigt Klawdia Petrowna zu. „Sie sind jetzt so ... begeistert, daß ich Ihnen wirklich nur raten möchte, sich in acht zu nehmen. Lisa ist mir natürlich so lieb wie mein eigenes Kind, aber es bedarf hier noch so vieles der Aufklärung. Seien Sie nur vor allen Dingen vorsichtiger – das müssen Sie unbedingt, solange Sie so – glücklich und so versöhnlich gestimmt sind! Sie sind vielleicht gar zu großmütig, wenn Sie glücklich sind,“ fügte sie mit einem Lächeln hinzu.
Weltschaninoff brach auf. Zum Abschied kamen wieder alle aus dem Garten herbei, auch Lisa mit den Kindern. Die Kinder schienen die Kleine übrigens jetzt noch verwunderter zu betrachten als bei ihrem ersten Erscheinen, denn etwas so Schüchternes wie Lisa konnten sie wohl noch nicht gesehen haben. Als Weltschaninoff sie zum Abschied vor allen Anwesenden küßte, erschrak sie heftig und hätte sich offenbar am liebsten irgendwohin verkrochen. Weltschaninoff versprach mit aller Bestimmtheit, am nächsten Tage mit dem Vater wiederzukommen. Da erst blickte Lisa zu ihm auf, und als er sich nun von den anderen Kindern verabschieden wollte, fühlte er sich plötzlich am Ärmel gezupft: er wandte sich um und – es war Lisa, die ihn flehend ansah und mit dem Blick eine Bitte aussprach, die er sofort verstand. Sie wollte ihm etwas sagen, ihm ganz allein. Er führte sie sogleich ins nächste Zimmer.
„Was willst du mir sagen, Lisa? Was ist es?“ fragte er zärtlich, mit ermunterndem Lächeln sich zu ihr beugend; die Kleine aber zog ihn noch weiter, sah sich ängstlich um, und zog ihn wieder weiter bis in den Winkel, als wolle sie sich vor allen verstecken.
„Was gibt es denn, Lisa, sag es mir doch!“
Sie schwieg und konnte sich noch nicht entschließen; ihre großen Kinderaugen sahen ihn unbeweglich an und jeder Zug ihres Gesichtchens sprach von unsäglicher Angst.
„Er ... er wird sich ... erhängen!“ flüsterte sie wie im Fieber.
„Wer wird sich erhängen?“ fragte Weltschaninoff erschrocken.
„Er, er! Er wollte sich in der Nacht ... an einer Schlinge erhängen!“ stieß sie plötzlich schnell und vor Angst doch stockend hervor, „ich habe es gesehen! Und er hat es mir selbst gesagt, daß er sich erhängen wird, er hat es mir selbst gesagt! Er wollte es auch früher schon, er hat es immer gewollt ... Ich habe es doch gesehen, in der Nacht ...“
„Nicht möglich!“ Weltschaninoff war so betroffen, daß er nicht wußte, was er denken sollte.
Und plötzlich begann Lisa, seine Hand zu küssen, sie weinte, das Weinen drohte sie fast zu ersticken, sie bat und flehte, aber er konnte aus ihrem wirren Gestammel nicht klug werden. Der flehende Blick jedoch – der Blick dieses vor Qual zitternden Kindes, blieb für immer in seinem Gedächtnis, er sah ihn im Traum und in wachem Zustande vor sich – diesen Kinderblick, mit dem sich ein ganzes Leben mit seinen letzten Hoffnungen an ihn klammerte.
„Sollte sie ihn wirklich, wirklich so lieben?“ fragte er sich nicht ohne Eifersucht und Neid, als er in fieberhafter Ungeduld nach der Stadt zurückfuhr.
„Sie sagte doch auf der Hinfahrt, daß sie die Mutter mehr liebe ... Vielleicht haßt sie ihn sogar und liebt ihn durchaus nicht! ...“
„Und was soll das heißen: er werde sich erhängen? Was sagte sie doch? Er, dieser Dummkopf, und sich aufhängen! Jedenfalls muß man dahinter kommen! Unbedingt! Ich muß zusehen, wie ich es anstellen kann, daß ich die Sache bald, so schnell als möglich und ein für allemal ins reine bringe!“
VII. Der Gatte und der Liebhaber küssen sich.
Weltschaninoff fieberte fast vor Ungeduld. So sehr drängte es ihn, zu erfahren, was alles „dahintersteckte“.
„Am Morgen war ich ja zunächst wie betäubt, es kam alles viel zu überraschend für mich, ich hatte keine Zeit zum Nachdenken,“ sagte er sich, „jetzt aber muß ich sehen, wie ich mir vor allen Dingen Klarheit verschaffe.“ Und in seiner Ungeduld wollte er dem Kutscher schon befehlen, direkt zu Trussozkij zu fahren, besann sich jedoch sogleich und sagte sich vernünftigerweise: „Nein, es ist doch besser, er kommt zu mir! Ich aber werde versuchen, bis dahin noch meine verdammten Gänge zu erledigen.“
Und so tat er es denn auch: mit Hast und Eifer machte er sich daran, alles zu „erledigen“, was er an diesem Tage vorhatte. Doch fühlte er selbst, daß er sehr zerstreut war und gar nicht recht dazu ausgelegt, sich mit seinen Prozeßsachen zu befassen. Und als er sich, endlich, gegen fünf Uhr wie gewöhnlich ins Restaurant begab, um zu Mittag zu speisen, kam ihm, plötzlich und zum erstenmal, der Gedanke, daß er ja vielleicht wirklich den Verlauf seines Rechtsstreites nur aufhalte, indem er sich persönlich in die Angelegenheiten hineinmischte, Nachforschungen anstellte und seinen Rechtsanwalt nicht in Ruhe ließ, weshalb dieser sich bereits ein paarmal vor ihm hatte verleugnen lassen und ihm auch sonst schon aus dem Wege zu gehen begann. Doch statt sich über diese Beobachtung zu ärgern, lachte er nur vergnügt auf. „Wäre ich gestern darauf gekommen, so hätte es mich doch stark verdrossen!“ sagte er sich mit einem Lächeln. Im übrigen wuchs, trotz dieser scheinbar guten Laune, seine Zerstreutheit und Ungeduld mit jeder Minute. Schließlich versank er in Nachdenken. Nur kam er, obschon er wirklich nachdenken wollte, mit dem Denken nicht recht vom Fleck – es ging ihm gar zu vieles durch den Kopf.
„Ich muß mir diesen Menschen einfangen!“ sagte er sich, als er endlich so weit zur Einsicht gekommen war. „Ich muß ihm zuerst auf den Zahn fühlen und dann sehen, wie ich weiter vorgehen kann. Natürlich muß ich mich von vornherein auf ein Duell gefaßt machen!“
Gegen sieben Uhr kam er nach Haus, doch Pawel Pawlowitsch war noch nicht erschienen. Darüber war er nun höchlichst erstaunt, aber das Erstaunen verwandelte sich alsbald in Ärger, und diesem folgte mißmutige Niedergeschlagenheit. Endlich stiegen auch noch Befürchtungen auf:
„Gott weiß, Gott weiß, womit das noch enden wird!“ murmelte er vor sich hin, wie von Vorahnungen bedrückt, während er bald im Zimmer auf und ab schritt, bald sich auf dem Diwan ausstreckte und immer wieder nach der Uhr sah. Endlich, gegen neun Uhr, erschien Pawel Pawlowitsch. „Wenn dieser Mensch,“ sagte sich Weltschaninoff, „wenn dieser Mensch ein Schlaukopf wäre, so hätte er mich in keiner Weise besser zu Unvorsichtigkeiten meinerseits vorbereiten können, als durch dieses Wartenlassen – so zerstreut bin ich jetzt!“ Und plötzlich wurde er ganz munter, womit sich dann auch seine gute Laune wieder einstellte.
Auf seine scherzhaft lustige Frage, weshalb er denn so spät komme, hatte Pawel Pawlowitsch als Antwort nur ein halb höhnisches Lächeln, worauf er sich nachlässig – nicht so wie beim ersten Besuch – in einen der großen Sessel warf und seinen Hut mit dem Trauerflor auf den nächsten Stuhl schleuderte – gleichfalls mit einer gewissen verärgerten Nachlässigkeit. Weltschaninoff fiel dieses veränderte Gebaren sogleich auf und er merkte es sich.
Ruhig und ohne viel Worte zu machen, auch ohne die Erregung, in der er bei ihm am Vormittag gesprochen, erzählte Weltschaninoff, ganz als wolle er nur „Bericht erstatten“, wie er Lisa hingebracht und wie nett man sie aufgenommen hatte, wie gut ihr der Aufenthalt dort bekommen und wie sie ausleben werde. Ganz allmählich ging er dann – wie wenn er Lisa schon vergessen – auf Pogorjelzeffs über. D. h. er erzählte, was für reizende Menschen sie seien, wie lange er schon mit ihnen verkehre, was für ein guter und einflußreicher Mensch Pogorjelzeff sei usw., usw. Pawel Pawlowitsch hörte sichtlich zerstreut zu und begnügte sich damit, ihn hin und wieder mit einem Blick unter der Stirn hervor flüchtig zu streifen, während ein bestimmtes spitzbübisches Lächeln um seinen Mund spielte.
„Ein lebhafter Mensch sind Sie, das muß man sagen,“ brummte er schließlich in eigentümlichem Tone, und in seinem Lächeln lag dabei eine ganz besondere Gemeinheit.
„Sie scheinen ja heute recht boshaft zu sein,“ bemerkte Weltschaninoff ärgerlich.
„Weshalb sollte ich denn auch nicht boshaft sein, wenn alle anderen es sind?“ fragte Pawel Pawlowitsch schnell, ganz als springe er mit seiner Frage plötzlich hinter einer Ecke hervor – und als habe er nur auf diese gewartet, um aus dem Versteck hervorzuspringen.
„Ganz wie Sie wollen,“ entgegnete Weltschaninoff lächelnd. „Ich dachte schon, es sei Ihnen vielleicht was passiert.“
„Und es ist mir auch was passiert!“ versetzte jener, als wolle er damit prahlen, daß ihm etwas „passiert“ war.
„Was denn, wenn man fragen darf?“
Pawel Pawlowitsch zögerte ein wenig mit der Antwort.
„Ja, sehen Sie, unser Stepan Michailowitsch hat mir da wieder einen Streich gespielt ... Bagontoff, der eleganteste junge Mann der besten Petersburger Gesellschaft –“
„Sind Sie wieder abgewiesen worden?“
„Nein, gerade diesmal wurde ich eben nicht abgewiesen, ich wurde zum erstenmal vorgelassen und habe mir Bagontoffs Gesichtszüge ganz genau betrachten können ... freilich diesmal bereits diejenigen des Toten ...“
„Wa–as? Bagontoff ist tot?“ wunderte sich Weltschaninoff über alle Maßen, obschon, wie man meinen sollte, eigentlich kein natürlicher Grund zu einer solchen Verwunderung vorlag.
„Er und kein anderer! Unser teuerster Freund ist tot, er, der uns sechs Jahre lang treu gewesen ist! Schon gestern, fast um die Mittagszeit, ist er gestorben, und ich habe es nicht einmal gewußt! vielleicht bin ich gar zu derselben Zeit dort gewesen und habe mich nach seiner Gesundheit erkundigt! Morgen ist die Beerdigung, er liegt schon im Sarge. Der Sarg ist mit dunkelrotem Samt beschlagen, mit goldenen Quasten und Fransen. An einem Nervenfieber ist er gestorben. Ja, man ließ mich vor und ich sah ihn mir an, betrachtete die Züge, wie gesagt. Ich erklärte den Leuten, daß ich sein aufrichtiger Freund gewesen sei, deshalb ließ man mich, wie gesagt, vor. Was hat er mir da nun für einen Streich gespielt, dieser mein aufrichtiger, sechs Jahre lang treuer Freund, sagen Sie bloß! Ich bin ja doch vielleicht einzig seinetwegen hierher nach Petersburg gekommen! ...“
„Aber weshalb ärgern Sie sich denn über ihn?“ fiel ihm Weltschaninoff lachend ins Wort. „Er ist doch nicht absichtlich gestorben!“
„Ja aber – ich rede doch auch nur mit Bedauern! Er war doch mein teuerster Freund! – er hat doch _das_ für mich bedeutet:“
Und Pawel Pawlowitsch hob plötzlich und ganz unvermutet beide Fäuste mit emporstehenden Zeigefingern an seine Schläfen, so daß die Finger wie Hörner über seinem kahlen Schädel standen, und dazu kicherte er leise und anhaltend. Und so, mit den Hörnern am Kopf und widerlich lachend, saß er wohl eine halbe Minute lang und blickte mit der boshaftesten, tückischsten Frechheit im Blick unbeweglich Weltschaninoff in die Augen. Dieser erstarrte förmlich, als sehe er ein Gespenst. Doch seine Starrheit dauerte nur einen Moment: im nächsten Augenblick erschien bereits ein spöttisches und geradezu beleidigend ruhiges Lächeln langsam, beleidigend langsam auf seinen Lippen.
„Was hat denn das zu bedeuten?“ fragte er nachlässig und in etwas gedehntem Tone.
„Das hat Hörner zu bedeuten!“ versetzte Pawel Pawlowitsch kurz und entfernte zugleich wieder die Hände von der Stirn.
„Das heißt ... Ihre Hörner?“
„Jawohl, meine eigenen, wohlerworbenen!“ Und Pawel Pawlowitsch verzog sein Gesicht zu einer halben Grimasse, die unglaublich gemein aussah.
Beide schwiegen.
„Sie sind ein mutiger Mensch!“ bemerkte endlich Weltschaninoff.
„Weil ich Ihnen meine Hörner gezeigt habe? Wissen Sie was, Alexei Iwanowitsch, es wäre besser, Sie bewirteten mich mit irgend etwas! Habe ich Sie doch in T. ein ganzes Jahr lang bewirtet, jeden Herrgottstag ... Schicken Sie mal nach einer Flasche, meine Kehle ist wie ausgetrocknet.“
„Mit Vergnügen. Sie hätten es sogleich sagen sollen. – Was wünschen Sie?“
„Was ‚Sie‘! Sagen Sie doch ‚_wir_‘! Wir werden doch zusammen trinken, oder etwa nicht?“ rief Pawel Pawlowitsch herausfordernd, während er zugleich doch mit einer gewissen und ganz eigentümlichen Unruhe dem anderen in die Augen sah.
„Champagner?“
„Was denn sonst? Beim Branntwein sind wir noch nicht angelangt ...“
Weltschaninoff erhob sich, ohne sich zu beeilen, klingelte und gab der Mawra, seiner zeitweiligen Aufwärterin, einige Anweisungen.
„Trinken wir zur Feier unseres frohen Wiedersehens nach neunjähriger Trennung!“ grinste ganz überflüssigerweise Pawel Pawlowitsch – der vermeintliche Scherz mißglückte ihm aber sehr. „Jetzt sind Sie, nur Sie allein mir noch als aufrichtiger Freund verblieben! Einen Stepan Michailowitsch Bagontoff gibt’s nicht mehr! Das ist ja, wie der Dichter sagt:
Patroklos, der große, ist tot. Statt seiner lebt nur noch Thersites, Der mehr als verächtliche ...“
Bei dem Namen Thersites stieß er sich mit dem Finger vor die eigene Brust.
„Wenn das Schwein sich doch schneller aussprechen würde, diese Anspielungen sind mir in den Tod verhaßt!“ dachte Weltschaninoff bei sich. Der Ärger kochte in ihm und schon lange konnte er sich nur noch mit Mühe beherrschen.
„Ich verstehe Sie nicht,“ begann er ärgerlich, „wenn Sie Stepan Michailowitsch (er nannte ihn jetzt nicht mehr einfach Bagontoff!) so überzeugtermaßen beschuldigen, so kann es Ihnen, dächte ich, nur zur Freude gereichen, daß Ihr Beleidiger gestorben ist. Weshalb also ärgern Sie sich noch?“
„Wieso zur Freude? Zu welch einer Freude denn?“
„Ich urteile nach Ihren Gefühlen.“
„Hehe, dann täuschen Sie sich sehr. Was meine Gefühle betrifft, so kann ich mit den Worten eines Weisen sagen: ‚Ein toter Feind ist gut, aber ein lebender ist besser!‘ Hehe!“
„Ja aber Sie haben doch den lebenden fünf Jahre lang jeden Tag zu betrachten Gelegenheit gehabt, – also Zeit genug, denke ich, um sich an ihm sattzusehen,“ bemerkte Weltschaninoff boshaft und unverschämt.
„Ja habe ich denn ... habe ich denn damals was gewußt?“ fuhr Pawel Pawlowitsch plötzlich auf, und es war wieder ganz so, als springe er plötzlich hinter einer Ecke hervor, sogar mit einer gewissen Freude darüber, daß man endlich die Frage gestellt, die er lange erwartet hatte. „Für wen halten Sie mich denn, Alexei Iwanowitsch?“
Und in seinem Blick blitzte plötzlich ein ganz neuer, noch nie gesehener Ausdruck auf, der sein bis dahin nur boshaftes und zu gemeinen Grimassen sich verzerrendes Gesicht gleichsam vollständig umgestaltete.
„Ja, haben Sie denn wirklich nichts gewußt!“ entfuhr es Weltschaninoff mit der größten und unverfälschtesten Bestürztheit.
„Wie, glauben Sie denn, ich hätte es gewußt? Wirklich gewußt?! O, ihr – unsere Vertreter Jupiters! Ihr stellt ja einen Menschen nicht höher als einen Hund und beurteilt jeden anderen nur nach der eigenen erbärmlichen Natur. Da haben Sie’s! Schlucken Sie es nur, das Kompliment!“ Und jähzornig schlug er mit der Faust auf den Tisch, erschrak aber im Moment selbst über seinen Faustschlag – und aus seinem Blick sprach sofort wieder Ängstlichkeit.
Weltschaninoff nahm eine strammere Haltung an.
„Hören Sie, Pawel Pawlowitsch, es kann mir doch entschieden ganz gleichgültig sein, das werden Sie mir wohl zugeben, ob Sie da was gewußt haben oder nicht. Wenn Sie nichts gewußt haben, so gereicht Ihnen das jedenfalls mehr zur Ehre, obschon ... übrigens, ich verstehe nicht, weshalb Sie gerade mich zu Ihrem Beichtvater erwählt haben? ...“
„Ich rede nicht von Ihnen ... ärgern Sie sich nicht ... nicht von Ihnen ...“ lenkte Pawel Pawlowitsch, den Blick zu Boden gesenkt, wieder ein.
Mawra erschien mit dem Champagner.
„Ah, da kommt die Flasche!“ rief Pawel Pawlowitsch, sichtlich erfreut über die Unterbrechung gerade im richtigen Augenblick. „Und die Gläser, Matuschka, die Gläser! Großartig! Weiter werden wir von Ihnen nichts verlangen, liebes Wesen. Und auch schon entkorkt? Sie sind ja eine Perle, liebes Kind! Nun, schon gut, Sie können gehen!“
Und mit neuem Mut blickte er Weltschaninoff wieder frech in die Augen.
„Aber gestehen Sie doch nur, hehe,“ begann er plötzlich, „daß Sie für alles das kolossales Interesse übrig haben und es Ihnen durchaus nicht so ‚entschieden ganz gleichgültig‘ ist, wie Sie sich soeben zu äußern beliebten, sondern daß Sie sogar aufrichtig betrübt wären, wenn ich im Augenblick aufstände und fortginge, ohne Ihnen was zu erklären!“
„Versichere Sie, es fiele mir nicht ein, betrübt zu sein.“
„Ei, wie du lügst!“ schien das Lächeln Pawel Pawlowitschs zu sagen.
„Nun, denn – trinken wir!“ Und er schenkte den Champagner ein. „Lassen Sie uns einen Toast ausbringen: trinken wir auf das Wohl des in Gott entschlafenen Freundes Stepan Michailowitsch!“
Er hob den Kelch und leerte ihn auf einen Zug.
„Auf ein solches Wohl werde ich nicht trinken.“ Weltschaninoff stellte sein Glas wieder hin.
„Warum denn nicht? Es ist doch ein nettes Toastchen.“
„Sagen Sie: als Sie hierher kamen, waren Sie da noch nicht betrunken?“
„Ich hatte ein wenig getrunken. Was ist denn?“
„Nichts Besonderes. Es schien mir nur, daß Sie gestern und namentlich heute morgen um die verstorbene Natalja Wassiljewna aufrichtig trauerten.“
„Aber wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich nicht auch jetzt aufrichtig um sie trauere?“ fuhr sogleich wieder Pawel Pawlowitsch auf, ganz als habe er innerlich eine Sprungfeder, an der ihn jemand gezupft habe.
„Das wollte ich damit nicht gesagt haben ... Aber Sie werden doch zugeben, daß Sie in bezug auf Stepan Michailowitsch in einem Irrtum befangen sein können, das aber – will viel besagen.“
„Wie gern Sie doch selbst erfahren würden, wie ich hinter das Geheimnis Stepan Michailowitschs gekommen bin!“
Weltschaninoff wurde rot.
„Ich wiederhole Ihnen, daß es mir entschieden ganz gleichgültig ist.“
„Oder sollte ich ihn nicht sogleich vor die Tür setzen, ihn einfach hinauswerfen samt seiner Flasche?“ fuhr es ihm durch den Kopf und er errötete noch mehr.
„Tut nichts!“ sagte da, wie um ihn zu ermuntern, Pawel Pawlowitsch und schenkte sich wieder ein.
„Ich werde Ihnen sogleich erklären, wie ich ‚alles‘ erfahren habe, und damit Ihren glühenden Wunsch erfüllen ... denn Sie sind wirklich ein glühender Mensch, Alexei Iwanowitsch, ein furchtbar heißblütiger Mensch! Hehe! Geben Sie mir nur ein Zigarettchen, denn seit dem März ...“
„Hier sind Zigaretten.“